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King Edward VII.

Drei Perspektiven auf seine Persönlichkeit

Seminararbeit 2009 21 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Fremdgänger

3. Der Trendsetter

4. Der Familienmensch

5. Fazit

6. Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

An einem Dienstag, den 9. November 1841, um genau 10 Uhr 48, wurde im Buckingham Palace der sehnsüchtig erwartete Thronfolger Albert Edward von Sachsen- Coburg und Gotha, Sohn von Queen Victoria und Prince Consort Albert, geboren. Seine Geburt wurde vom Volk und der Presse enthusiastisch gefeiert, doch man machte sich auch Sorgen darüber, wie dieser Prinz wohl geraten würde: Gott sollte „so mould the Prince’s heart and fashion his spirit that he may be a blessing and not an evil to the land of his birth. […] may he be […] disdaining to hide bad actions by high station, and endeavouring always by the example of a strict and moral life […]” (Sydney Smith)1. Auch Victoria hatte große Erwartungen an ihren Sohn; er sollte “resemble his angelic dearest father in every, every respect, both in body and mind“2. Doch natürlich wurde aus „Bertie“ nicht das Abbild seines Vaters. Stattdessen lehnte er sich gegen das strikte Regiment seines Zuhauses auf und galt bald als „a thorough and cunning lazybones“ (Prince Albert)3, der sich nur für „Kleidung, Essen, Urlaub, Theater und Country House Parties“ interessierte.4 Tatsächlich war er aber, als er mit fast 60 Jahren seiner Mutter auf den Thron folgte, sehr erfolgreich.

Diese Arbeit versucht sich an drei unterschiedlichen Perspektiven auf die Persönlichkeit Edwards VII: Der Fremdgänger, der Trendsetter und der Familienmensch. Zu diesem Zweck werden unterschiedliche Quellen untersucht, darunter Zeitzeugenberichte und Biographien. Die Quellen werden auch miteinander verglichen, um Widersprüche und Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Das Charakterbild, das sich aus den unterschiedlichen Aspekten ergibt, wird im Fazit noch einmal kurz zusammengetragen.

2. Der Fremdgänger

Auf Wunsch seiner Mutter heiratete Edward, nach einer Affäre mit einer irischen Schauspielerin, die Tochter des dänischen Thronfolgers, Prinzessin Alexandra, genannt Alix. Die Hochzeit sollte Edwards „Errettung“ nach seinem „schweren Fall“ sein und Alexandra wurde vor allem ausgewählt, weil sie passiv war und die entsprechenden „attractions to captivate him“ besaß.5 Die beiden waren sich vor der Hochzeit nur einmal begegnet, zur Verlobung. Am Hochzeitstag war Edward 21 Jahre alt, Alexandra gerade 18. Am 10. März 1863 fand die pompöse Hochzeit statt, nicht im Westminster Abbey, wie es traditionell gehalten wurde, sondern in St. George’s Chapel in Windsor. Laut Sidney Lee, Edwards Biographen, bestand Victoria darauf, da der verstorbene Albert es gewünscht hätte. Kinley Roby vertritt hingegen die Meinung, dass Victoria, da sie für immer in Trauer war, kein großes Fest und keine Öffentlichkeit wollte. Es konnte sie auch niemand überzeugen, die Trauerrobe wenigstens für diesen Tag abzulegen. Auf jeden Fall fand die Zeremonie unter komplettem Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das Volk feierte den regnerischen Tag trotzdem, auch wenn es niemanden zu Gesicht bekam.6 Zu der Hochzeit waren 900 Gäste geladen, darunter zum Beispiel Bishop Wilberforce, der meinte „the most moving sight I ever saw“, und Benjamin Disraeli, laut dem die Zeremonie „a fine affair, a thing to remember“ war.7 Nur Queen Victoria beschrieb sie später in einem Brief als „sad and dismal“.8 Viele Quellen sind sich darüber einig, dass der Prinz und die Prinzessin of Wales sich zum Zeitpunkt der Hochzeit innig geliebt haben. E. F. Benson schreibt in „An Appreciation“, dass „he [Edward] was genuinely in love with his future bride and with the peerless charm and beauty of her”9. Edwards Schwester Victoria schrieb über die beiden:

“It does one good to see people so thoroughly happy as this dear young couple are. Bertie looks blissful. I never saw such a change his whole face looks beaming and radiant. Darling Alix looks charming and lovely and they both seem so comfortable and at home together. Love has certainly shed its sunshine on these two dear young hearts […]”10

Einer der wenigen Kommentare, die Alexandra zu diesem Thema machte, lautete: „You may think that I like marrying Bertie for his position; but if he were a cowboy I would love him just the same and would marry no one else!”.11 Gleichzeitig gab sie aber auch zu, jemanden zu heiraten, den sie kaum kannte. Doch auch Edward schrieb seiner Mutter über Alexandra:

„I cannot tell you with what feelings my head is filled, and how happy I feel. I only hope it may be for her happiness and that I may do my duty towards her. Love and cherish her you may be sure I will to the end of my life.”12

Das junge Ehepaar ist sich wohl sehr sympathisch gewesen, aber die große Liebe, die alle diese Aussagen suggerieren wollen, ist fragwürdig. Was ein anonymer Autor in seinem Buch „The Private Life of King Edward VII“ suggerieren will, ist definitiv falsch: „The romantic love that induced him, when little more than a boy, to overcome all obstacles to his union with Princess Alexandra of Denmark, has never waned.”13 Allein die Tatsache, dass der Autor meint, immer neue „Beweise“ dafür finden zu müssen, spricht schon dagegen. Alexandra brachte eigentlich die Eigenschaften mit, die Edward an Frauen mochte. Sie wird von vielen ihrer Bekannten als „full of brightness and fun“, „full of mischief“, „fearless“, mit „warmth of manner” und „toughness“ beschrieben.14 Alexandra und Edward hatten auch Gemeinsamkeiten, wie wenig Intellektualität und eine Abneigung gegen Bücher und eine Leidenschaft fürs Reiten.15 Doch trotzdem hielt Edward sein Versprechen nicht ein, hatte immer wieder Affären und später auch Mätressen. Einen Erklärungsversuch unternahm Roby: Nach der Hochzeit ließen sich Edward und Alexandra in Marlborough House in London nieder, wo sie regelmäßig Gäste aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten empfingen. Als Landhaus diente ihnen Sandringham House in Norfolk. Außer auf den legeren Empfängen vergnügte sich das junge Ehepaar auf Galas, bei Rennen und im Theater. Besonders Edward liebte die Geselligkeit und lange Gespräche, machte gern derbe Scherze und war bei Dinner Parties ein beliebter Gast. Alexandra konnte aber nicht wirklich daran teilhaben, aufgrund einer schweren Taubheit, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Roby bemerkt aber auch, dass Edward eigentlich in allem „unersättlich“ war.16 Edward wandte sich anderen Frauen zu und Alexandra lernte, darüber hinweg zu sehen.

Zu seinen zahlreichen Affären gehören adelige Frauen, wie Lady Warwick (ab 1887), aber auch Frauen aus der Bevölkerung, wie Alice Keppel (ab 1898), und aus dem Theatermilieu, wie die Schauspielerin Lillie Langtry (ab 1877). Wie bei den Gästen seiner Empfänge machte er auch bei der Wahl der Frauen keinen Standesunterschied. Auch, dass die meisten verheiratet waren, störte ihn anscheinend nicht.

Seinen ersten großen Skandal hatte Edward 1869: er wurde in den Scheidungsprozess von Sir Charles Mordaunt, der zum Marlborough-Kreis gehörte, verwickelt. Die 21- jährige Harriette Mordaunt hatte ein Kind zur Welt gebracht, das eine leichte Augenentzündung hatte. Die junge Mutter dachte jedoch, es wäre behindert zur Welt gekommen und verfiel in postnatale Depressionen. Sie erzählte ihrem Mann, dass das Kind gar nicht seins sei, dass sie mit mehreren Männern Ehebruch begangen hätte und einer davon wäre der Prince of Wales gewesen. In ihrem Schreibtisch fanden sich Briefe, darunter elf von Edward. Diese wurden in der Times veröffentlicht, um zu belegen, dass es sich um normale, freundschaftliche Briefe handelt und nicht mehr. Dennoch stellte sich heraus, dass Edward einmal die Woche bei den Mordaunts zu Besuch war, auch während Charles Mordaunt Abwesenheit. Daraufhin wurde er als Zeuge geladen. Er gab die Bekanntschaft mit ihr und die Zusammentreffen ohne ihren Ehemann ehrlich zu. Auch hier zeigte Edward ein sehr selbstsicheres und gewinnendes Auftreten und erklärte in „a very firm tone“, dass es zu keinem kriminellen Akt zwischen ihm und Lady Mordaunt gekommen sei.17 Alexandra und Queen Victoria standen in diesem Fall hinter ihm und waren von seiner Unschuld überzeugt. Die meisten Biographien stimmen darin überein, dass Edward wohl unschuldig war, und stellen ferner in Frage, dass Harriette Mordaunt überhaupt jemals Ehebruch begangen hat. Edward hoffte, dass „by what I have said to-day the public at large will be satisfied that the gross imputations which have been so wantonly cast upon me are now cleared up”.18 Laut Sidney Lee war das Volk erleichtert und die Times schrieb einen Artikel über die allgemeine Erleichterung und Freude im Land; das entsprach allerdings nicht ganz der Wahrheit. Nach Sir Henry Ponsonby war London „black with the smoke of burnt confidential letters“.19 Edwards Image, das wegen Gerüchten über Untreue und hohe Schulden schon angeschlagen war, litt erheblich unter dem Prozess. Queen Victoria brachte es folgendermaßen auf den Punkt:

„Still, the fact of the Prince of Wales’s intimate acquaintance with a young married woman being publicly proclaimed, will show an amount of imprudence which cannot but damage him in the eyes of the middle and lower classes, which is most deeply lamented in these days when the higher classes, in their frivolous, selfish and pleasure-seeking lives, do more to increase the spirit of democracy than anything else.”20

Bisher war Edward immer mit einem blauen Auge davon gekommen, doch diesmal nicht. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde er öffentlich ausgebuht und die Zeitungen waren voll von Karikaturen und Kritik. Er bemühte sich, es zu überspielen, aber die harsche Schelte des Volks verletzte ihn sehr und beunruhigte ihn.21

Edwards erste offizielle Mätresse war die Schauspielerin Lillie Langtry. Die Affäre begann 1877, zu der Zeit also, als Alexandra so gut wie gehörlos war. Zudem war sie in diesem Jahr einige Zeit in Griechenland, wegen ihrer Gesundheit. Die „Jersey Lillie“ kam zusammen mit ihrem Mann Edward Langtry nach den Flitterwochen nach London und kurze Zeit später war die ganze Stadt von ihrem selbstsicheren Auftreten und ihrer Schönheit eingenommen. Zu ihren Bewunderern zählten unter anderem auch Leopold, Edwards Bruder, der Belgische König und Kronprinz Rudolph von Österreich.22 Lillie und Edward begegneten sich zum ersten Mal auf einer Dinnerparty. Sie selbst beschrieb das erste Zusammentreffen folgendermaßen:

„I happened to be standing by the fireplace when Sir Allen advanced to present me to His Royal Highness. For various reasons I was panic-stricken at the prospect and for one bewildering moment considered the advisability of climbing the chimney to escape but, my presence of mind returning, I stood my ground and made my curtsy […]. At the supper table I found myself seated next to the Prince who, however, extracted only monosyllabic replies either from myself or from my husband, the latter being even more dumb than I was.”23

Lillie ging in Marlborough House ein und aus, Edward ritt beinahe jeden Abend mit ihr im Park und ließ seine Gastgeber wissen, dass, wenn man ihn einlud, auch die Langtries eingeladen werden sollten. So wurde aus ihr bald die gesellschaftlich meistgefragte Frau von England.24 Das wird auch in ihrer Autobiographie deutlich, wo sie schreibt:

„I remember on one occasion riding with the Prince well into the evening; etiquette demanded that I should ride on as long as His Royal Highness elected to do. Mr Langtry and I were, as usual, dining out […]. After a scrambling toilette we eventually arrived at the Clark-Thornhills’ in Eaton Square where we were due, to find it was nearly ten o’ clock. Everyone was waiting, of course, but before I could apologise my hostess greeted me pleasantly, saying: ‘So and So on his way here saw you riding in the Park, and, as we know you couldn’t get away, we postponed dinner indefinitely’.”25

[...]


1 Zitiert nach Kinley Roby.The King, the Press and the People. A Study of Edward VII. London: Barrie and Jenkins, 1975. S. 20.

2 Zitiert nach ebd. S. 39.

3 Ziert nach C. Hibbert. “Edward VII”. In: Cannon, John und Anne Hargreaves. The Kings and Queens of Britain. Oxford: Oxford University Press, 2009. S. 345.

4 Ebd.

5 Roby. The King, the Press and the People. S. 92.

6 Ebd.

7 Beide zitiert nach Sidney Lee. King Edward VII. A Biography. Volume 1: From Birth to Accession, 9th November 1841 to 22nd January1901. London: Macmillan & Co., 1925. S. 160.

8 Stanley Weintraub. The Importance of Being Edward: King in Waiting 1841-1901. London: John Murray, 2002. S. 124.

9 E. F. Benson. King Edward VII. An Appreciation. London [u.a.]: Longmans, Green & Co., 1933. S. 57.

10 Zitiert nach Richard Hough. Edward and Alexandra. Their Private and Public Lives. London [u.a.]: Hodder & Stoughton, 1992. S. 75.

11 Zitiert nach Weintraub. The Importance of Being Edward. S. 123. 2

12 Zitiert nach Hough. Edward and Alexandra. S 75.

13 A Member of the Royal Household. The Private Life of King Edward VII (Prince of Wales 1841-1901). New York: D. Appleton & Co., 1901. S. 81.

14 Ebd. S.76.

15 Ebd.

16 Roby. The King, the Press and the People.

17 Hough. Edward and Alexandra. S. 138.

18 Zitiert nach Lee. King Edward VII. Vol 2. S. 183

19 Zitiert nach Weintraub. The Importance of Being Edward. S. 168. 4

20 Zitiert nach Hough. Edward and Alexandra. S. 137.

21 Ebd.

22 Ebd.

23 Lillie Langtry. The Days I Knew. An Autobiography. Holly Cottage [u.a.]: Redberry Press, 1989. S. 47

24 Weintraub. The Importance of Being Edward.

25 Langtry. The Days I Knew. S. 49.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656045502
ISBN (Buch)
9783656044918
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181268
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Anglistik und Amerikanistik
Note
2,0
Schlagworte
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Titel: King Edward VII.