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Zur Konstruktion von Macht in Schillers Werken

Bachelorarbeit 2010 59 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsabgrenzung
2.1 Macht
2.2 Herrschaft
2.3 Gewalt

3. „Wallenstein“
3.1 Zur Bedeutung von Schillers „Wallenstein“
3.2 Wallensteins Ziele
3.3 Macht durch Belohnung
3.4 Macht durch Charisma
3.5 Macht durch Aufmerksamkeit
3.6 Machtstreben weiterer Charaktere in „Wallenstein“
3.6.1 Gräfin Terzky
3.6.2 Octavio Piccolomini
3.6.3 Max Piccolomini
3.6.4 Buttler

4. „Maria Stuart“
4.1 Zur Bedeutung von Schillers „Maria Stuart“
4.2 Maria Stuarts Ziele
4.3 Macht durch Religion
4.4 Macht durch Schönheit
4.5 Machtstreben weiterer Charaktere in „Maria Stuart“
4.5.1 Elisabeth
4.5.2 Mortimer
4.5.3 Leicester

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Quellen aus dem Internet

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Georg Wilhelm Friedrich Hegel schrieb um 1800 über Schillers Drama „Wallenstein“: „Wenn dies Ganze ein Roman wäre, so könnte man fordern, das Bestimmte erklärt zu sehen, – nämlich dasjenige, was Wallenstein zu dieser Herrschaft über die Menschen gebracht hat.“[1] Hegel greift hier einen interessanten Aspekt des Stücks heraus, denn Wallensteins Vermögen, Menschen zu beeinflussen, ist einer der wesentlichen Faktoren, die den Handlungsverlauf des Dramas bestimmen. Dieses Vermögen ist ein Aspekt, der bei einem weiteren Stück von Schiller ins Auge sticht, nämlich bei „Maria Stuart“. Dessen Hauptfigur Maria scheint selbst als Gefangene Elisabeths oft mächtiger zu sein, als ihre Kontrahentin.

Mit diesen beiden kontrovers diskutierten literarischen Figuren setzt sich die folgende Arbeit auseinander und nimmt dabei Bezug auf postmoderne Theorien über Macht und Michel Foucaults Aussage, dass Macht innerhalb menschlicher Interaktion, vor allem bei Gesprächen, konstruiert wird.[2] Dies wurde in ähnlicher Form bereits in der Antike konstatiert: So schrieb Aristoteles, dass Macht sich erstens über Sprache artikuliert und zweitens mit jeder sprachlichen Äußerung manifestiert wird.[3] Im Folgenden werde ich Handlungen und Aussagen untersuchen, die innerhalb der Dramen Macht herstellen. Da das Drama als eine Erzählform gilt, in der „ein Konflikt […] durch die beteiligten Personen in Dialogen oder Monologen […] dargestellt wird“,[4] es also im Wesentlichen aus Sprechakten besteht, ist es eine Textform, die sich stark anbietet, um zu analysieren, wie Macht konstruiert wird.

Welche literarische Figur käme besser in Frage, um die Konstruktion von Macht zu verdeutlichen, als Wallenstein, der sich vom einfachen Pagen zum mächtigen Feldherren und Herzog hochgearbeitet hat? Ein Gegenmodell hierzu bilden die Königinnen Maria und Elisabeth, denn sie besitzen im Grunde von Geburt an Macht. Jedoch üben die beiden Regentinnen einen unterschiedlichen Umgang mit ihr aus und haben sie bereits in ihrer Kindheit auf verschiedene Weise erfahren. Maria wurde schon in der Wiege gekrönt,[5] wohingegen Elisabeth einen steinigen Weg zur Herrschaft zurücklegen musste. Die Königinnen haben eine ambivalente Beziehung zu Macht und Herrschaft, denn beide mussten deswegen in Gefangenschaft leben. Elisabeth wurde in ihrer Jugend von ihrer Halbschwester, die ebenfalls Maria hieß, in einem Turm festgehalten, da diese Angst hatte, die Schwester könne die englische Krone erlangen.[6] Als Schillers Elisabeth-Figur schließlich an der Macht ist, nimmt sie Maria Stuart mit einer rechtlich zweifelhaften Begründung gefangen und lässt sie unter anderem wegen ihres möglichen Anspruchs auf die Herrschaft in England hinrichten.

Schillers Perspektive auf Macht und Herrschaft war wesentlich geprägt durch seine Betätigung als Historiker. Der Geschichtsprofessor verfasste unter anderem von 1791 bis 1793 die „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs“, wobei er besonders religionspolitische Aspekte betonte.[7] Bei seiner langjährigen Beschäftigung mit Themen, die mit Macht und Herrschaft verknüpft waren, wurde er sich der Verführbarkeit des Individuums durch Macht bewusst.[8] Diese Erkenntnis schlug sich in den Dramen „Wallenstein“ und „Maria Stuart“ nieder.

So ist nicht nur die Beziehung der beiden Königinnen zu Macht ambivalent, auch Wallensteins Umgang mit ihr hat Schattenseiten. Ob der Feldherr stetig darauf hinarbeitet, seinen Einfluss zu vergrößern, um einen europäischen Frieden herzustellen, ist fraglich. Bei einer näheren Betrachtung des Charakters stellt sich eher die Frage, ob er nicht vielmehr ihrer selbst willen nach Macht strebt und eine Art Sklave der Macht ist. Konflikte wie dieser plagten nicht nur Persönlichkeiten zu Wallensteins Zeiten, sondern stellen seit jeher ein Problem dar, das nie seine Aktualität eingebüßt hat. Dass der Besitz von Macht sich im Laufe der Zeit zur Besessenheit ausweiten kann, zeigt sich nicht nur in der Literatur, etwa in Dramen wie William Shakespeares „Macbeth“ (1606), sondern ist auch immer wieder Thema der politischen Philosophie. Propagierte Thomas Hobbes mit dem Leviathan noch ein Alleinherrscher-Modell, erlangte im Laufe der Zeit die Begrenzung und Einschränkung von Macht zunehmend an Wichtigkeit. John Locke forderte im 17. Jahrhundert die Staatsgewalt in Legislative und Exekutive zu trennen, welche zur Aufgabe haben sollten, die Freiheit und Gleichheit jedes Bürgers zu schützen. Charles-Louis de Montesquieu (1689–1755) plädierte schließlich für die Unterteilung in Exekutive, Legislative und Judikative, da der Mensch grundsätzlich zu Machtmissbrauch neige.

Auch in „Maria Stuart“ spielen der Erhalt von Macht und ihr Missbrauch für persönliche Ziele eine Rolle, am ehesten verdeutlichen dies Graf Leicester und Elisabeth. Das Stück über die beiden Regentinnen verdeutlicht außerdem, dass Macht und Herrschaft im elisabethanischen Zeitalter nicht besonders konstant waren und ihr Besitzer aktiv darauf hinwirken musste, sie zu bewahren. Der Versuch, Macht und Herrschaft aktiv zu erhalten, ist einer, der nicht an Aktualität verloren hat und auch in einer Demokratie das Handeln vieler Politiker beherrscht.

Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, Hegels indirekter Frage nachzugehen und durch eine genaue Textarbeit „das Bestimmte erklärt zu sehen“. So lauten die Fragen, denen ich nachgehen möchte: Wie konstruieren die Hauptfiguren in diesen beiden bedeutsamen Dramen ihre Macht? Welche Faktoren sind hierbei ausschlaggebend?

Im Folgenden werde ich zunächst die für meine Arbeit zugrunde gelegten Begriffe von Macht, Herrschaft und Gewalt definieren und voneinander abgrenzen. Anschließend möchte ich textanalytisch vorgehen und untersuchen, mit Hilfe welcher Faktoren die Protagonisten beider Dramen, Wallenstein und Maria Stuart, Macht konstruieren. Außerdem werde ich in zwei Kapiteln den Umgang mit Macht anderer wichtiger Charaktere analysieren. Schlussendlich möchte ich die die theoretischen Einlassungen über Macht, welche in den beiden Stücken gemacht werden und einer differenzierten Betrachtung unterziehen.

2. Begriffsabgrenzung

2.1 Macht

Das Wort „Macht“ ist eine Verbalabstraktion des gotischen „magan“, was so viel wie „können“ oder „vermögen“ bedeutet.[9] Die heute vorherrschende Definition von „Macht“ stammt von Max Weber und lautet wie folgt: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichwohl worauf diese Chance beruht.“[10] Bei meinen Betrachtungen möchte ich mich vor allem auf den Aspekt „Chance innerhalb einer sozialen Beziehung“ konzentrieren und zeigen, dass Macht etwas ist, das bei menschlicher Interaktion entsteht.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, geht Aristoteles davon aus, dass Macht bei Sprechakten hergestellt wird.[11] Michel Foucault benennt später die „sich aus dem Spiel der Aussagen ergebenden Machtwirkungen“.[12] Heike Käpf schreibt unter Bezugnahme auf Foucault von „Macht als wandelbare[m] und erfinderische[m] Konstruktionsprinzip“.[13] Foucault betrachtet Macht als etwas, das sich nicht nur repressiv auswirkt,[14] sondern auch eine produktive Dimension hat.[15] Sie ist ein Netz, das alles durchzieht und keineswegs nur an vereinzelten Orten vorhanden ist.[16] Dabei sind Machtbeziehungen nicht nur einseitig, sondern in der Regel umkehrbar.[17] Zudem verbreitet sich Macht laut Foucault aufgrund von Zielsetzungen und Absichten.[18] Ihm zufolge ist es stets auch Bestandteil von Macht, dass es Widerstand gegen sie gibt.[19]

Wesentliche Grundlagen bei der Entwicklung von Macht sind dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Bertram H. Raven zufolge Macht durch Belohnung und Macht durch Zwang.[20] Weitere Mittel, mit deren Hilfe Macht konstruiert werden kann und auf die im Rahmen dieser Arbeit eingegangen wird, sind Charisma, Aufmerksamkeit, demonstrative Religionsausübung und Schönheit.

2.2 Herrschaft

„Herrschaft“ bezeichnet eine institutionalisierte Art (und Weise) der Machtausübung beziehungsweise der sozialen Über- und Unterordnung.[21] Der Begriff stammt von dem althochdeutschen Adjektiv „hehr“, das unter anderem „erhaben“, „herrlich“, „grauhaarig“ und „ehrwürdig“ bedeutet.[22] Außerdem lehnt es sich an das Wort „hêrro“ aus dem siebten Jahrhundert an, was den Hoch- oder Höchstgestellten bezeichnete.[23] Die etymologische Provenienz zeigt auf, dass mit dem Begriff Charaktereigenschaften einhergehen, dass es sich aber auch um eine Position handelt, die eine Person in die Lage versetzt, auf eine Gruppe Einfluss auszuüben. Im Mittelalter bezog sich Herrschaft stets auf einen bestimmten Herrn, etwa den Dorfherrn, Gerichtsherrn oder Landesherrn.[24]

Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff depersonalisiert und bekam eine metaphorische Dimension. Der Ausdruck „Herrschaft“ wurde ab dem 19. Jahrhundert zunehmend negativ belegt und durch „gesetzmäßige Verwaltung“ oder „verfassungsmäßige Regierung“ ersetzt.[25] Heute wird der Herrschafts-Definition von Max Weber am meisten Beachtung geschenkt:[26] „Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“.[27] Dadurch, dass sich Herrschaft in ausgeführten Befehlen äußert, ist ihr Bestehen leichter erkennbar, als das Vorhandensein von Macht.

Weber unterscheidet des Weiteren rationale, traditionelle und charismatische Herrschaft, wobei diese drei Typen jeweils in Übergangs- und Mischformen vorkommen können.[28] Die rationale Herrschaft ist eine legitime Herrschaftsform und basiert auf einer Satzung, einer Ordnung oder einem Recht, an dem sich die Anweisungen des Herrschenden orientieren und dem er sich unterwirft.[29] Hingegen beruht die traditionelle Herrschaft auf dem Glauben an Traditionen, auf den sich die Legitimität der jeweiligen Autorität gründet. Die charismatische Herrschaft wird einer Person zuteil, die besondere Eigenschaften verkörpert und deswegen als Herrscher anerkannt wird.[30]

Abschließend kann zum Unterschied zwischen Macht und Herrschaft gesagt werden, dass Herrschaft eine institutionalisierte Form von Macht ist. Die Ausführung von Befehlen beruht auf internalisierten Werten, wohingegen Macht in sozialen Interaktionsprozessen stetig neu konstruiert werden muss.

2.3 Gewalt

Die Begriffe „Macht“ und „Gewalt“ sind sinnverwandt, was unter anderem darin begründet liegt, dass Luther sie bei seiner Bibelübersetzung teilweise synonym verwendete, wobei Macht stärker den Aspekt von Kraft und Vermögen betonte.[31] Das Substantiv „Gewalt“ ist vom althochdeutschen Verb „waltan“ abgeleitet, das „über etwas verfügen“, „Kraft haben“ und „herrschen“ bedeutet.[32] Gewalt bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch in erster Linie die Anwendung von Zwang.[33] Unter den vielfältigen Definitionen ist einerseits eine Art und Weise der Einwirkung auf Personen hervorzuheben, die gegen Recht und Sitte verstößt, andererseits das Vermögen, sich in Macht- und Herrschaftsbeziehungen durchzusetzen.[34] In der politischen Sphäre dient Gewalt der Durchsetzung außenpolitischer Ziele, aber auch dem Erhalt oder der Etablierung gesellschaftlicher Systeme beziehungsweise der Sicherung oder Umverteilung von Macht.[35]

Gewalt ist eine Form von Zwang und kann Macht untergeordnet werden. Schließlich ist Macht, also „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“,[36] die Vorraussetzung, um überhaupt Gewalt ausüben zu können. Gewalt kann als eine Manifestation und effektive Durchsetzung von Macht betrachtet werden, die oft gegen Recht und Sitte verstößt. Sie kann ebenfalls eine Manifestation von Herrschaft sein, die einzelne Menschen oder eine Gruppe schädigt.[37]

3. „Wallenstein“

3.1 Zur Bedeutung von Schillers „Wallenstein“

Die Trilogie aus „Wallensteins Lager“, „Die Piccolomi“ und „Wallensteins Tod“ wurde in den Jahren 1798 und 1799 uraufgeführt und läutete die klassische Schaffensphase Friedrich von Schillers ein.[38] Das Stück wird oft als sein „dramatisches Hauptwerk“[39] bezeichnet.

Schiller hat sich intensiv mit dem Herzog Wallenstein (1583-1634) und den damaligen Verhältnissen beschäftigt, was sich unter anderem in seiner „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs“ niederschlug.[40] Das historische Geschehen war jedoch nicht in jeder Hinsicht dramengerecht, weswegen Schiller die Bedeutung einiger Aspekte im Stück gegenüber der Geschichtsschreibung verstärkte.[41] So erfand er die Figur des Max Piccolomini, welche innerhalb des Dramas eine Spiegelfunktion hat und die Persönlichkeit darstellt, die Wallenstein gerne wäre.[42] Außerdem verlieh Schiller der Astrologie eine höhere Bedeutung.[43]

Die Sprache des Dramas wird im Blankvers rhythmisiert, wobei die Figuren zu Sentenzen neigen.[44] Es besteht eine Dichotomie zwischen der idealistisch-idyllischen Dimension in Inhalt und Sprache, die durch Max und Thekla ausgedrückt wird, und der strategisch-rationalen Dimension, die Terzky verkörpert.[45] Insgesamt stellt die kunstvoll und heiter stilisierte Verssprache einen Gegensatz zu dem ernsten kriegerischen Geschehen des Stücks dar.[46]

Eines der wesentlichen Themen des Stücks ist das Streben nach Macht und deren Konstruktion. Der Charakter, der hier am geschicktesten vorgeht, ist die Hauptfigur selbst, weswegen sich die folgende Untersuchung auf den Herzog Wallenstein konzentriert und das Machtstreben weiterer wichtiger Figuren hingegen nur knapp in einem Kapitel erörtert wird.

3.2 Wallensteins Ziele

Innerhalb der Sekundärliteratur zu Schillers „dramatische[m] Hauptwerk“[47] lässt sich eine Kontroverse erkennen: Ist die Wallenstein-Figur ein Held oder nicht?[48] Diese Frage steht im Zusammenhang mit Wallensteins Zielen. Doch welche sind das? Sind seine Ziele von Moral geprägt oder von Egoismus? Als edler Held wird Wallenstein unter anderem in einem Aufsatz von Walter Müller-Seidel dargestellt: „Das Ziel seiner Pläne ist bestimmt von einer Idee des Friedens, von der Vorstellung eines neuen Reiches, das er sich – wie zu den Zeiten Vergils – als ein Friedensreich erträumt.“[49] Eine der Aussagen im Drama, die Wallenstein als Held erscheinen lassen, sind die Worte Gordons: „Er hat das Glück von Tausenden gegründet,/ Denn königlich war sein Gemüt“ (Tod IV, 2, V. 2517 f.). Jedoch findet sich auch die Vorstellung, dass Wallenstein eine Figur ist, die egoistisch ist und sich nicht an Werten orientiert. So sagt Octavio über den Herzog: „Pflicht- und gesetzlos steht er gegenüber/ Dem Staat gelagert, den er schützen soll“ (Picc. V, 1, V. 2351). Wallenstein selbst relativiert seine durch fehlende Grenzen zustande kommenden „Freveltaten“ (Tod I, 7, V. 612) durch die Aussage:

Was tu ich Schlimmres,

Als jener Cäsar tat, des Name noch

Bis heut’ das Höchste in der Welt benennet? (Tod II, 2, V. 835 ff.)

Die Tatsache, dass Wallenstein sein Handeln dadurch rechtfertigt, dass ein anderer berühmter Feldherr sich ebenfalls moralisch zweifelhaft verhalten hat, verdeutlicht erneut, dass er nicht nach moralischen Normen lebt. Weiter zeigt der Vergleich mit Cäsar, dem noch heute eine hohe Bedeutung beigemessen wird, dass er den posthumen Ruhm anstrebt.

Innerhalb des Dramas äußert sich Wallenstein selten konkret zu seinen Zielen und Plänen. Wenn er etwas dazu sagt, dann stets in Anwesenheit von strategisch wichtigen Charakteren, weswegen ihm taktische Überlegungen unterstellt werden können. Dass Wallenstein nur in geringem Maße politisch motiviert ist, wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass im bedeutsamen „Achsenmonolog“[50] (Tod I, 4) jede politische Zielvorstellung außen vor bleibt.[51]

Da der Wallenstein-Charakter in Dialogen oft eine „Maske“[52] trägt und seine wahren Absichten nicht enthüllt, ist es schwer, diese zu erkennen. Er weiß, dass er mächtig ist,[53] definiert aber nur selten, was er mit seiner Macht erreichen will. Eine der wenigen Stellen, an denen Wallenstein sich dazu äußert, ist die folgende:

Vom Kaiser freilich hab’ ich diesen Stab,

Doch führ’ ich jetzt ihn als des Reiches Feldherr,

Zur Wohlfahrt aller, zu des Ganzen Heil,

Und nicht mehr zur Vergrößerung des Einen! (Picc. II, 7, V. 1180 ff.)

Hier sagt er aus, dass er sich nicht mehr nach den Vorgaben des Kaisers richtet, sondern auf einen europäischen Frieden hinarbeitet. Allerdings versucht Wallenstein, während er sich von dem Kaiser und Questenberg abwendet (vgl. Picc. II, 7, V. 1258 ff.), die übrigen Anwesenden (Max und Octavio Piccolomini, Isolani, Buttler, Maradas sowie drei andere Generäle) weiterhin für sich zu gewinnen (vgl. Picc. II, 7, V. 1261 ff.). Der Feldherr handelt hier erneut strategisch, weswegen es fraglich ist, wie ernst man diese Zielvorstellungen nehmen kann.

Auch wenn Wallenstein angeblich ganz Europa und die Herstellung von Frieden im Blick hat,[54] was für seine Zeit revolutionär gewesen sein mag, scheint er doch in erster Linie für seinen persönlichen Ruhm zu kämpfen. So äußert er gegenüber Terzky in Bezug auf die Verhandlungen mit den Schweden:

Mich soll das Reich als seinen Schirmer ehren,

Reichsfürstlich mich erweisend will ich würdig

Mich bei des Reiches Fürsten niedersetzen. (Picc. II, 5, V. 835 ff.)

Hier offenbart Wallenstein, dass er eher für seine persönlichen Ziele kämpft, als für den länderübergreifenden Frieden. Walter Hinderer schreibt gar über Wallensteins „Abneigung gegenüber der politischen Aktion“[55] und vertritt die Meinung, dass die Vorstellung von Frieden lediglich etwas ist, womit Wallenstein in Gedanken spielt,[56] was er jedoch nicht in die Tat umsetzen will. Diese provokative Auffassung ist mit Vorsicht zu genießen. Wallenstein konkretisiert zwar nicht, wie er Frieden erreichen will, jedoch lässt der Text nicht vermuten, dass er sich für eine dauerhafte Fortsetzung des Kriegs einsetzt.

In einer Konversation mit Terzky äußert Wallenstein: „Es soll nicht von mir heißen, daß ich Deutschland/ Zerstücket hab’, verraten an den Fremdling“ (Picc. II, 5, V. 832 f.). Hier ist erkennbar, dass der Feldherr nicht intrinsisch motiviert ist, Deutschland vor dem Feind zu bewahren, sondern, dass es ihm lediglich um die Rettung seines guten Rufs und seines Ruhmes geht. Die Worte „Es soll nicht von mir heißen“ als Begründung für sein Handeln haben an dieser Stelle eine enttarnende Wirkung.

Überdies äußert Terzky Unsicherheit darüber, ob Wallenstein wirklich auf Frieden hinarbeitet oder darauf, seine Position zu sichern:

Ich kann mich manchmal gar nicht in ihn finden,

Er leiht dem Feind sein Ohr, läßt mich dem Thurn,

Dem Arnheim schreiben, gegen den Sesina

Geht er mit kühnen Worten frei heraus,

Spricht stundenlang mit uns von seinen Planen,

Und mein’ ich nun, ich hab’ ihn – weg, auf einmal

Entschlüpft er, und es scheint, als wär’ es ihm

Um nichts zu tun, als nur am Platz zu bleiben. [Hervorhebung d. Verf.] (Picc. III, 1, V. 1335 ff.)

In dieser Aussage findet sich nichts, was darauf hindeutet, dass Wallenstein auf einen europäischen Frieden hinarbeitet. Hier wird aufgezeigt, dass er allein um Machterhaltung bemüht ist. Es ist in der Tat fraglich, wie genau Wallenstein den europäischen Frieden erreichen will. Er erklärt an keiner Stelle, inwiefern die Verhandlungen mit den Schweden den Krieg beenden sollen. Von daher ist die oben zitierte Darstellung Walter Müller-Seidels von Wallenstein als Friedensfürst äußerst streitbar. Dietrich Jöns verneint gar, dass Wallenstein ein politischer Neuerer sei.[57]

Vieles deutet darauf hin, dass Wallenstein das Ziel hat, die Truppen des Kaisers hinter sich zu bringen und das Leben eines Alleinherrschers zu führen. So bezeichnet Gordon ihn gar als „Diktator“ (Tod, IV, 2, V. 2574). Hartmut Reinhardt spricht von Wallensteins Vermessenheit,[58] Norbert Oellers nennt ihn einen „Schüler Machiavellis“.[59] Auch die Äußerung eines Jägers in „Wallensteins Lager“ lässt erkennen, dass dieser das grenzenlose Machtstreben des Feldherren erkannt hat:

Ein Reich von Soldaten wollt’ er gründen,

Die Welt anstecken und entzünden,

Sich alles vermessen und unterwinden – (Lager 6, V. 331 ff.)

Diese Worte zeigen, dass Wallenstein über die Freiheit verfügen möchte, wie ein Alleinherrscher handeln zu können. Dazu ist es nötig, dass er sich gegenüber seinen Mitmenschen auf eine Art und Weise verhält, die seine Macht sichert und vergrößert und die im Folgenden analysiert werden soll.

Ein weiteres Ziel des Herzogs ist die Rache am Kaiser, nachdem dieser ihn auf dem Regensburger Kurfürstentag abgesetzt hat.[60] So versucht er, dessen Ruf zu schädigen, indem er seine Menschlichkeit anzweifelt (vgl. Picc. II, 7, V. 1136 ff.) und ihm unterstellt, den Krieg künstlich verlängern zu wollen, um sein Territorium zu erweitern (vgl. Tod III, 15, V. 1951 ff.). Außerdem verrät der Feldherr den Kaiser durch seinen Vertragschluss mit den Schweden, der ihm zu der böhmischen Krone verhelfen soll (vgl. Tod I, 5, V. 230 ff.). Gegenüber Max spricht Wallenstein von einem Krieg zwischen ihm und dem Kaiser (vgl. Tod II, 2, V. 725 ff.).[61]

Vor allem, da, wie oben gezeigt, egoistische Motive bei Wallensteins Handeln im Vordergrund stehen, kann er nicht als Held charakterisiert werden. Er hat sich im Laufe der Jahre in die Macht verliebt und strebt danach, sie zu vergrößern, um Freiheiten zu erhalten, die denen eines Alleinherrschers gleichen. Dies manifestiert sich möglicherweise in dem Wunsch nach der böhmischen Krone. Daneben sind ihm die Rache am Kaiser und das Erlangen von Ruhm wichtig.

3.3 Macht durch Belohnung

Um die genannten Ziele umzusetzen, muss Wallenstein Macht konstruieren. Wie bereits in Kapitel 2.1 erwähnt, kann sich in diesem Zusammenhang das Mittel der Belohnung als äußerst hilfreich erweisen.[62] Doch ist Belohnung eines der Mittel, mit denen Wallenstein seine Macht konstruiert? Erfasst er die Bedürfnisse der anderen Charaktere und weiß sie für seine Zwecke zu nutzen? Dies soll im Folgenden untersucht werden.

Dieses vor allem durch John R. P. French und Bertram Raven erforschte Machtmittel beruht auf dem Aspekt der Zweiseitigkeit[63] und ist dadurch definiert, dass eine Person in einer zwischenmenschlichen Beziehung die Möglichkeit hat, eine andere zu belohnen.[64] Wie stark der andere beeinflusst werden kann, hängt von der Bedeutung ab, welche die Belohnung für ihn hat. Diese kann entweder an sich positiv sein oder negative Umstände erleichtern.[65] Wie hoch die ausgeübte Macht ist, hängt außerdem davon ab, wie wahrscheinlich es ist, dass der andere die versprochene Belohnung erhält. Der regelmäßige Einsatz von Macht durch Belohnung kann die Affinität zu dem Machtausübenden steigern und seinen Einfluss dauerhaft vergrößern. Teilweise führt sie dazu, dass derjenige, auf den Macht ausgeübt wird, auch ohne konkrete Anweisungen Handlungen ausführt, die dem Machtausübenden dienlich sind.[66] Macht durch Belohnung kann auf verschiedenen Bereichen existieren, je nachdem wo der Machtausübende die Möglichkeit hat, zu belohnen (z. B. Arbeitsplatz, Sportverein etc.).[67] Sie kann sich auch darin äußern, eine gewohnte Belohnung vorzuenthalten, wobei die Belohnung materieller (z. B. Geld, Aufnahme in ein Testament) sowie immaterieller Art (z. B. Anerkennung, Liebe) sein kann.[68]

Bei der Wallenstein-Figur gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass der Herzog die Wünsche anderer Figuren kennt und sie geschickt für seine Zwecke einsetzt. So konstatiert Buttler: „Die Menschen wußt’ er, gleich des Brettspiel Steinen,/ Nach seinem Zweck zu setzen und zu schieben“ (Tod IV, 8, V. 2855 f.). Auch Questenberg erkennt die besondere Fähigkeit des Feldherrn im Umgang mit anderen Personen sowie seine Art und Weise, diese zu nutzen und sagt, dass er die Menschen „zu gebrauchen wisse“ (Picc. I, 4 V. 435). Wallensteins Verhalten gegenüber anderen Charakteren unterliegt primär dem Kriterium der Rationalität und Effizienz, es zielt auf seinen langfristigen Vorteil ab. Gefühle spielen eine untergeordnete Rolle, sie sind bei ihm zu „,bürgerlichem’ Kleinkram“[69] verkommen.

Er verwendet Belohnung tatsächlich als Mittel, um Macht zu konstruieren und setzt hierbei sowohl auf Persönliches als auch auf Materielles. Etwa sagt Gordon über ihn:

Stets/ Zum Geben war die volle Hand geöffnet- […]

Vom Staube hat er manchen aufgelesen,

Zu hoher Ehr’ und Würden ihn erhöht“ (Tod, IV, 2, V. 2518 ff.)

Die Wirkung dieser Taten offenbart sich etwa dann, als Gordon Hemmungen zeigt, den Mordkomplott gegen Wallenstein zu unterstützen und das nicht nur aufgrund moralischer Bedenken und der gemeinsamen Vergangenheit der beiden (vgl. Tod, IV, 2, V. 2545 f.), sondern auch, weil der Feldherr ihm das Schloss zu Eger vermacht hat (vgl. Tod, IV, 2, V. 2504 ff.). Hier wird die oben erwähnte Aussage verdeutlicht, dass Macht durch Belohnung die Affinität zum Machtausübenden erhöhen und bewirken kann, dass jemand von sich aus Handlungen unternimmt, die jenem dienen.[70] In diesem Fall bedeutet dies, dass Gordon versucht, Wallensteins Ermordung entgegenzuwirken (vgl. etwa Tod, IV, 6, V. 2705 f. u. 2712).

Auch als der Herzog seine Tochter nach acht Jahren wiedersieht, scheint ihm das Machtmittel der Belohnung stark präsent zu sein. So begrüßt er Thekla mit den Worten: „Ja schön ist mir die Hoffnung aufgegangen. Ich nehme sie zum Pfand größeren Glücks.“ (Picc., II, 4 V. 722 f.). Dies ist keine Aussage, die emotional aufgeladen ist, wie man es vielleicht in einem solchen Moment erwarten könnte, sondern eine äußerst rationale Äußerung. Wallenstein erkennt, dass er Thekla als Machtmittel und zukünftige Belohnung einsetzen kann, indem er sie mit einem Adligen verheiratet und dadurch sein Einflussgebiet erweitert (vgl. Tod III, 4, V. 1522 f.). Er überlegt scharf, was die Menschen in seiner Umgebung wert sind, bei seinen Erwägungen scheinen sie, zu Münzen zu werden.[71] So verwährt er Max Theklas Hand, da er lieber eine Krone auf dem Kopf seiner Tochter sähe als den von ihr begehrten Mann an ihrer Seite (vgl. Tod III, 4, V. 1522 f.).

Überdies ist Belohnung das zentrale Machtmittel Wallensteins, um den Einfluss des Kaisers auf die Soldaten zu verringern. Etwa konstatiert Feldmarschall Illo:

Wenn wir alle

So gar bedenklich wollten sein!

Der Kaiser gibt uns nichts – vom Herzog

Kommt alles, was wir hoffen, was wir haben. (Picc. I, 1, V. 57 ff.)

Diese Aussage verdeutlicht, dass sich die Machtverhältnisse durch das Mittel der Belohnung zu Gunsten von Wallenstein und zu Ungunsten des Kaisers verschieben. Der Feldherr nutzt hier geschickt eine Schwäche des Kaisers, der seine Streitkräfte nicht regelmäßig entlohnt (vgl. Picc. II, 7, V. 1147 f.). Er erhöht seinen Einfluss auf sie, indem er sie sehr gut bezahlt und teilweise beschenkt (vgl. Picc. I, 1, V. 59 f.).

Auch Isolani zieht Wallenstein durch Großzügigkeit auf seine Seite. Dieser ist General der Kroaten und der Herzog erhofft sich seine militärische Unterstützung, um weitgehende Handlungsfreiheiten zu erreichen.[72] So hat der Feldherr Isolani geholfen, einen Kredit bei der Pharobank zurückzuzahlen und ihn dadurch zum ehrwürdigen Mann gemacht (vgl. Picc. I, 1, V. 60 ff.). Dass Wallenstein damit Isolanis Loyalität gewonnen hat, bestätigt später eine Aussage Illos gegenüber dem Feldherren: „Der [Isolani, M. J.] ist mit Leib und Seele dein, seitdem du/ Die Pharobank ihm wieder aufgerichtet.“ (Picc. II, 6, V. 877 f.). Hier wird das Erleichtern von unangenehmen Umständen als Mittel verwendet, um Macht zu konstruieren.

Die zahlreichen geschickt eingesetzten Belohnungen haben bewirkt, dass Wallenstein eine Reihe von Unterstützern hat. Durch die regelmäßige Erwähnung eben dieser Belohnungen innerhalb des Dramas ist der Feldherr ein Charakter, der Belohnung verspricht, auch ohne dies direkt auszusprechen. Im Laufe der einzelnen Stücke schwindet sein Einfluss aufgrund seiner Zusammenarbeit mit den Schweden, jedoch gibt es immer wieder Situationen, in denen Charaktere Hemmungen haben, sich gegen ihn zu wenden und das vor allem wegen vergangener Geschenke und Belohnungen. Auch Max sagt im Zusammenhang mit einer Diskussion um die Frage, ob die Piccolomini weiterhin den Feldherren unterstützen sollen: „Er tat so viel für uns, und so ist’s Pflicht,/ Daß wir jetzt auch für ihn was tun!“ (Picc. V, 1, V. 2393 f.).

Max’ Unterstützung und die seines Vaters sind für Wallenstein besonders wichtig wenn es um die Loyalität der Soldaten geht.[73] Dies zeigt sich bei einer Konversation mit Illo über die Gefolgsleute:

ILLO Was Piccolomini tut, das tun sie auch.

WALLENSTEIN So, meinst du, kann ich was mit ihnen wagen?

ILLO Wenn du der Piccolomini gewiß bist.

WALLENSTEIN Wie meiner selbst. (Picc. II, 6, V. 880 ff.)

Doch wie bindet Wallenstein diese beiden mächtigen Männer an sich, sodass er sich ihrer derart sicher sein kann? Mit Octavio Piccolomini glaubt Wallenstein aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit verbunden zu sein und der Tatsache, dass sie unter der gleichen Sternenkonstellation geboren sind (vgl. Picc. II, 6, V. 886 ff.). Letztendlich ist dies aber ein Trugschluss, da Octavio vom Kaiser als Befehlshaber eingesetzt wurde und sich gegen Wallenstein wendet (vgl. Tod II, 5).[74]

Mit Max ist Wallenstein durch Liebe und Zuneigung verbunden, also Gefühlen, die unter das Konzept „Macht durch Belohnung“ fallen.[75] Deutlich wird dies etwa, als er ihn als „liebste[n] Freund“ (Tod V, 4, V. 3589) bezeichnet. Max spricht bei dem Zwist zwischen Wallenstein und ihm angesichts der Attacke auf Schloss Eger vom „Band der alten Liebe“ (Tod III, 23, V. 2380). Eben diese Liebe entzieht der Herzog Max, als jener ihn auf Druck seines Vaters verlässt, etwa dadurch, dass er sich während Max‘ Flehen abwendet (vgl. Tod III, 23, Regieanweisung nach V. 2378) und schließlich seine Hand wegzieht, als sein Ziehsohn danach greifen will (vgl. Tod III, 23, Regieanweisung nach V. 2388).

Auch Wallensteins Aussage „Ich halt ihn nicht mehr“ (Tod, III, 23, V. 2378) ist doppeldeutig. Sie kann einerseits so verstanden werden, dass er Max nicht vom Gehen zurückhält, andererseits kann sie bedeuten, dass der Herzog ihm keine Unterstützung mehr gewährt. Zieht man die zweite Deutung heran, dann droht Wallenstein Max, dass er ihm eine bisher gekannte Belohnung in Form von Liebe entziehen wird.

Macht durch Belohnung ist eines der bedeutsamsten Mittel, welche die Wallenstein-Figur zur Machtkonstruktion einsetzt. Gleichzeitig werden die Thesen von French und Raven verdeutlicht, etwa bewirkt ihr regelmäßiger Einsatz, dass viele Soldaten eine hohe Affinität zu dem Herzog haben (vgl. etwa Lager 7, V. 449 ff.). Weiter wird gezeigt, dass das Vorenthalten einer gewohnten Belohnung Macht ausüben kann, was der Umgang mit Max veranschaulicht. Immaterielles wie Liebe, aber auch Materielles, wie das Geldgeschenk für Isolani Macht, ermöglichen es Wallenstein, Einfluss auszuüben. Voraussetzung hierfür ist, dass er Wünsche und Bedürfnisse erkennt und für sich zu nutzen weiß.

3.4 Macht durch Charisma

Walter Hinderer schreibt: „Poetisch interessant ist an historischen Personen nur das psychologische Potential, das man an ihnen demonstrieren kann.“[76] Im folgenden Kapitel möchte ich besonders auf das psychologische Potenzial und die Auswirkungen von Charisma in Bezug auf Wallenstein eingehen. Ist dies einer der Faktoren, die Wallensteins Macht begründen?

Unter „Charisma“ versteht man heutzutage „die persönliche Ausstrahlungskraft eines Menschen und seine in außergewöhnlichen Erfolgen bewährte Führungsgabe“.[77] Robert A. Dahl benennt es als eine mögliche Grundlage von Macht,[78] Max Weber erklärte die charismatische Herrschaft gar zum eigenen Herrschaftstypus.[79] Weber definierte das Phänomen folgendermaßen:

„‚Charisma’ soll eine als außeralltäglich […] geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt, Anm. d. Hrsg.] oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ,Führer’ gewertet wird.“[80]

Charismatische Herrschaft ist laut Weber dann vorhanden, wenn die Beherrschten aus freiem Willen heraus einen Führer anerkennen, sich ihm offenbaren und anvertrauen. Dieser Führer hat nur so lange eine Machtposition inne, wie die Beherrschten ihm folgen. Dass seine Anhänger ihm nicht mehr folgen, kann etwa passieren, wenn dieser keinen Erfolg mehr hat oder er den Beherrschten keinen Wohlstand mehr bringt.[81] Charismatische Herrschaft ist also nichts Dauerhaftes, sondern etwas, das ihr Träger immer wieder neu erwerben muss.

Es gibt verschiedene Stellen innerhalb des Dramas, welche die Schlussfolgerung nahelegen, dass Wallenstein eine außergewöhnliche Ausstrahlung besitzt. Etwa lässt dies die folgende Aussage von Max vermuten:

Wohl dem Ganzen, findet

Sich einmal einer, der ein Mittelpunkt

Für viele tausend wird, ein Halt; – sich hinstellt

Wie eine feste Säul’, an die man sich

Mit Lust mag schließen und mit Zuversicht.

So einer ist Wallenstein. (Picc. I, 4, V. 416 ff.)

Der Ausdruck „feste Säul’, an die man sich/ Mit Lust mag schließen“ lässt Wallenstein als standhaften Charakter erscheinen, der Sicherheit und Ruhe transportiert. Darüber hinaus stellt Max die Wallenstein-Figur als charismatisch dar, als er sagt: „Und eine Lust ist’s, wie er alles weckt/ Und stärkt und neu belebt um sich herum“ (Picc. I, 4, V. 424 f.). Auch die Tatsache, dass Wallenstein als „Mittelpunkt“ charakterisiert wird, der „Zuversicht“ erweckt, lässt vermuten, dass er eine Persönlichkeit ist, die eine besondere Ausstrahlung besitzt.

[...]


[1] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Über Wallenstein. In: Schillers Wallenstein. Hrsg. von Fritz Heuer und Werner Keller. Darmstadt 1977, S. 16.

[2] Vgl. Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978, S. 26.

[3] Vgl. Hetzel, Andreas: Figuren der Selbstantizipation. Zur Performativität der Macht. In: Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie der Gegenwart. Hrsg. von Ralf Krause und Marc Rölli. Bielefeld 2008, S. 135.

[4] [Art.] Drama. In: Der Brockhaus Literatur. Schriftsteller, Werke, Epochen, Sachbegriffe. Redaktion: Eva B. Bode, Christa Jordan, Rainer Klähn u. a. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Mannheim 2004, S. 192.

[5] [Art.] Maria Stuart. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 17. Mannheim 2006, S. 675.

[6] Vgl. Popp, Hansjürgen: Friedrich Schiller. Maria Stuart. 5. Auflage. Stuttgart 2008, S. 68.

[7] Vgl. Meise, Helga: „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs“ (1791-1793). In: Schiller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Matthias Luserke-Jaqui. Stuttgart 2005, S. 331.

[8] Vgl. Kommerell, Max: Schiller als Psychologe. In: Geist und Buchstabe der Dichtung. Goethe – Kleist – Hölderlin. Hrsg. von Max Kommerell. Tübingen 1940, S. 122.

[9] Vgl. Faber, Karl-Georg: Macht, Gewalt. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Band 3. Stuttgart 1982, S. 836.

[10] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage. Tübingen 1972, S. 28.

[11] Vgl. Hetzel, Andreas: Figuren der Selbstantizipation. Zur Performativität der Macht. In: Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie der Gegenwart. Hrsg. von Ralf Krause und Marc Rölli. Bielefeld 2008, S. 135.

[12] Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978, S. 26.

[13] Käpf, Heike: Die gesellschaftskonstruierende Dimension der Macht. Zum Verhältnis von Wissen, Macht und Recht in Foucaults Genealogie der modernen Gesellschaft. In: Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie der Gegenwart. Hrsg. von Ralf Krause und Marc Rölli. Bielefeld 2008, S. 87.

[14] Vgl. Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978, S. 35.

[15] Vgl. ebd., S. 34.

[16] Vgl. ebd., S. 35.

[17] Vgl. Ruffing, Reiner: Michel Foucault. Paderborn 2008, S. 57.

[18] Vgl. Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main 1983, S. 116.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. Raven, Bertram H.: Social Influence and Power. In: Current Studies in Social Psychology. Hrsg. von Ivan D. Steiner und Martin Fishbein. New York 1965, S. 373.

[21] Vgl. [Art.] Herrschaft. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 12. Mannheim 2006, S. 364.

[22] Vgl. [Art.] Herrschaft. In: Duden. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Hrsg. von Matthias Wermke, Kathrin Kunzel-Razum und Werner Scholze-Stubenrecht. 4., neu bearbeitete Auflage. Mannheim 2007, S. 336.

[23] Vgl. [Art] Herrschaft. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Band 3. Stuttgart 1982, S. 6.

[24] Vgl. ebd., S. 2.

[25] Vgl. ebd., S. 3.

[26] Vgl. [Art.] Herrschaft. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 12. Mannheim 2006, S. 364.

[27] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage. Tübingen 1972, S. 28.

[28] Vgl. Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage. Tübingen 1972., S. 124.

[29] Vgl. ebd., S. 124 f.

[30] Vgl. ebd. Eine nähere Erläuterung der charismatischen Herrschaft findet sich unten auf S. 20.

[31] Vgl. Faber, Karl-Georg: Macht, Gewalt. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Band 3. Stuttgart 1982, S. 836.

[32] Vgl. ebd., S. 835.

[33] Vgl. [Art.] Gewalt. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 10. Mannheim 2006, S. 676.

[34] Vgl. ebd.

[35] Vgl. Faber, Karl-Georg: Macht, Gewalt. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Band 3. Stuttgart 1982, S. 819.

[36] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage. Tübingen 1972, S. 28.

[37] Vgl. [Art.] Gewalt. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 10. Mannheim 2006, S. 676.

[38] Vgl. Sautermeister, Gert: Wallenstein. In: Kindlers Literaturlexikon. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Band 14. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart 2009, S. 517.

[39] Oellers, Norbert: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Matthias Luserke-Jaqui. Stuttgart 2005, S. 113.

[40] Vgl. Müller, Udo: Wallenstein. 7. Auflage. Stuttgart 2000, S. 41.

[41] Vgl. Sautermeister, Gert: Wallenstein. In: Kindlers Literaturlexikon. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Band 14. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart 2009, S. 518.

[42] Vgl. Borchmeyer, Dieter: Macht und Melancholie. Schillers Wallenstein. Frankfurt am Main 1988, S. 95.

[43] Vgl. Sautermeister, Gert: Wallenstein. In: Kindlers Literaturlexikon. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Band 14. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart 2009, S. 518.

[44] Vgl. Hofmann, Michael und Thomas Edelmann: Friedrich Schiller. Wallenstein. München 1998, S. 76.

[45] Vgl. ebd., S. 70.

[46] Vgl. ebd., S. 53.

[47] Oellers, Norbert: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Matthias Luserke-Jaqui. Stuttgart 2005, S. 113.

[48] Der Ausdruck „Held“ ist hier nicht im Sinne eines Romanhelden zu verstehen. Es geht um die Frage, ob Wallenstein eine edelmütige Natur ist, die ungewöhnliche Taten vollbringt, also ein Held im Sinne des Heroismus.

[49] Müller-Seidel, Walter: Die Idee des neuen Lebens. Eine Betrachtung über Schillers Wallenstein. In: Schillers Wallenstein. Hrsg. von Werner Keller und Fritz Heuer. Darmstadt 1977, S. 371.

[50] Hartmut Reinhardt bezeichnet diese Szene auch als Wallensteins „Rechenschaftsmonolog“ (Reinhardt, Hartmut: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Hamburg 1998, S. 403.).

[51] Vgl. Borchmeyer, Dieter: Macht und Melancholie. Schillers Wallenstein. Frankfurt am Main 1988, S. 100.

[52] Ebd.

[53] Gegenüber Terzky sagt Wallenstein: „Es macht mir Freude, meine Macht zu kennen.“ (Picc. II, 5, V. 868).

[54] In Wallensteins Umfeld gibt es Stimmen, die bezweifeln, dass er in der Lage ist, Frieden herzustellen. So drückt der Kapuziner in „Wallensteins Lager“ seine Skepsis in einem Wortspiel aus: „Und so lang’ der Kaiser diesen Friedeland/ Läßt walten, so wird nicht Fried im Land.“ (Lager, 8, V. 623). Hier muss beachtet werden, dass der Mönch Wallenstein generell skeptisch gegenübersteht, was unter anderem dadurch begründet ist, dass Wallenstein sich nicht klar zum Christentum bekennt (vgl. Lager, 8, V. 592 ff.).

[55] Hinderer, Walter: Wallenstein. In: Schillers Dramen. Hrsg. von Walter Hinderer. Stuttgart 1992, S. 205. Dies ist eine Eigenschaft, die Hinderer lediglich der von Schiller erschaffenen Wallenstein-Figur zuschreibt. Der historische Wallenstein könne diese Abneigung nicht besessen haben, denn dann wäre er nicht zu einem solch erfolgreichen Feldherren geworden.

[56] Vgl. ebd., S. 220.

[57] Vgl. Jöns, Dietrich: Das Problem der Macht in Schillers Dramen von den „Räubern“ bis zum „Wallenstein“. In: Deutsche Literatur zur Zeit der Klassik. Hrsg. von Karl Otto Conrady. Stuttgart 1977, S. 89.

[58] Vgl. Reinhardt, Hartmut: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Hamburg 1998, S. 402.

[59] Oellers, Norbert: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Matthias Luserke-Jaqui. Stuttgart 2005, S. 150.Zwischen Wallenstein und der Theorie Niccolò Machiavellis tun sich in der Tat einige Parallelen auf. Der italienische Staatsdiener Machiavelli schilderte 1513 in seiner Schrift „Il Principe“ (dt. „Der Fürst“) einen Herrscher, der in der Lage war, politische Macht zu erwerben und dauerhaft zu erhalten. Dieser sollte die nationale Einheit erwirken. Bei der Wahrnehmung jener Aufgabe, spricht Machiavelli den Herrscher, davon frei, nach ethischen Normen zu handeln (vgl. [Art.] Machiavelli. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 17. Mannheim 2006, S. 360.). Wallenstein ist in der Tat eine Figur, die in puncto Machterwerb sehr geschickt vorgeht. Die Tatsache, dass Wallensteins Handeln als „pflicht- und gesetzlos“ (Picc. V, 1, V. 2351) dargestellt wird, könnte als Indiz dafür gesehen werden, dass Wallenstein sich bei seinem Verhalten nicht an ethischen Normen orientiert.Wallensteins politisches Ziel ist, wenn man seine Aussage ernst nimmt, jedoch nicht die Herstellung der nationalen Einheit wie bei Machiavelli, sondern der europäische Frieden. Gerade deswegen wäre an dieser Stelle auch der Bezug zur Theorie von Thomas Hobbes angebracht. Auch bei ihm gibt es einen Alleinherrscher, den „Leviathan“, der Frieden erwirkt. An ihn treten die Bürger in einem Gesellschaftsvertrag Teile ihre Souveränität ab, um auf Dauer in Frieden leben zu können (vgl. [Art.] Hobbes. In: Meyers Enzyklopädisches Lexikon. Hrsg. von Bibliographisches Institut. 9. völlig neu bearbeitete Auflage. Mannheim 1980, S. 91.).

[60] Vgl. Jöns, Dietrich: Das Problem der Macht in Schillers Dramen von den „Räubern“ bis zum „Wallenstein“. In: Deutsche Literatur zur Zeit der Klassik. Hrsg. von Karl Otto Conrady. Stuttgart 1977, S. 87.

[61] Schiller schrieb über seinen Charakter: „So fiel Wallenstein, nicht weil er Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel“ (gemeint ist die Absetzung in Regensburg). Zitat nach: Reinhardt, Hartmut: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Hamburg 1998, S. 402.

[62] Vgl. oben S. 5.

[63] Vgl. Amann, Anton: Soziologie. Ein Leitfaden zu Theorien, Geschichten, Denkweisen. 4. verbesserte Auflage. Wien 1996, S. 192.

[64] Vgl. French, John R. P .und Bertram Raven: The Bases Of Social Power. In: Studies in Social Power. Hrsg. von Dorwin Cartwright. Michigan 1966, S. 156.

[65] Vgl. ebd.

[66] Vgl. ebd.

[67] Vgl. ebd., S. 157.

[68] Vgl. Raven, Bertram H.: Social Influence and Power. In: Current Studies in Social Psychology. Hrsg. von Ivan D. Steiner und Martin Fishbein. New York 1965, S. 373.

[69] Sternberger, Dolf: Macht und Herz oder der politische Held bei Schiller. In: Schiller. Reden im Gedenkjahr 1959. Hrsg. von Bernhard Zeller. Stuttgart 1961, S. 322.

[70] Vgl. French, John R. P. und Bertram Raven: The Bases Of Social Power. In: Studies in Social Power. Hrsg. von Dorwin Cartwright. Michigan 1966, S. 156.

[71] Vgl. Sternberger, Dolf: Macht und Herz oder der politische Held bei Schiller. In: Schiller. Reden im Gedenkjahr 1959. Hrsg. von Bernhard Zeller. Stuttgart 1961, S. 322.

[72] Vgl. oben S. 13.

[73] Dass die Sternstunde Wallensteins vorüber ist und nun die Zeit der Piccolomini angebrochen ist, verdeutlicht eine Bemerkung Questenbergs relativ zu Beginn des Dramas: „Octavio – Max Piccolimini!/ Heilbringend, vorbedeutungsvolle Namen!/ Nie wird das Glück von Österreich sich wenden/ So lang zwei solche Sterne, segenreich/ Und schützend, leuchten über seinen Heeren.“ (Picc., I, 4, V. 394 ff.). Auch die Namen der einzelnen Stücke, die die Wallenstein-Trilogie bilden, deuten auf die Verschiebung der Machtverhältnisse im Laufe des Dramas hin. Der Titel „Wallensteins Lager“ zeigt, dass der Feldherr zu Beginn noch einen großen Rückhalt hat, im zweiten Teil gewinnen die Piccolomini zunehmend an Bedeutung, was sich unter anderem darin äußert, dass er nach ihnen benannt ist („Die Piccolomini“). Der dritte Part deutet bereits im Titel Wallensteins Niedergang an („Wallensteins Tod“).

[74] Die Wallenstein-Figur fügt sich regelmäßig selbst Schaden zu, indem sie den falschen Leuten vertraut. Es ist nicht Teil von Wallensteins Menschenbild, dass sich Menschen ändern können („Hab ich des Menschen Kern erst untersucht,/ So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln“ (Tod, II, 4, V. 959 f.)). Da Octavio ihm einmal geholfen hat, geht der Herzog , bestärkt von der Astrologie, davon aus, dass dieser ihn auch in der Zukunft unterstützen wird. Auch bei seinem späteren Mörder Buttler irrt sich Wallenstein stark. So geht er nach Octavios Verrat davon aus, dass er sich nun auf dessen „treue Schulter“ (Tod II, 10, V. 1699) stützen kann. Vgl. hierzu auch Hinderer, Walter: Wallenstein. In: Schillers Dramen. Hrsg. von Walter Hinderer. Stuttgart 1992, S. 205.

[75] Vgl. Raven, Bertram H.: Social Influence and Power. In: Current Studies in Social Psychology. Hrsg. von Ivan D. Steiner und Martin Fishbein. New York 1965, S. 373.

[76] Hinderer, Walter: Wallenstein. In: Schillers Dramen. Hrsg. von Walter Hinderer. Stuttgart 1992, S. 206.

[77] [Art.] Charisma. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 5. Mannheim 2006, S. 467.

[78] Robert A. Dahl ist Politikwissenschaftler an der Yale University. Vgl. Dahl, Robert A.: The Concept of Power. In: Behavioral Science 2. Hrsg. von Franz Alexander. Michigan 1957, S. 203.

[79] Vgl. Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage. Tübingen 1972, S. 140-142.

[80] Ebd., S. 140.

[81] Vgl. ebd.

Details

Seiten
59
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656043010
ISBN (Buch)
9783656042990
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181202
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Schiller Maria Stuart Wallenstein Macht

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Titel: Zur Konstruktion von Macht in Schillers Werken