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Psychoonkologischer Berater und Psychoonkologischer Fachtherapeut in der freien Praxis

Ein Handbuch für die Ausbildung

Fachbuch 2011 107 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Informationen zur Ausbildung zum/r Psychoonkologischen BeraterIn und zum/r

FachtherapeutIn in Psychoonkologie

Kapitel 1: Psychoonkologie
1.1 Psychoonkologische Versorgung in Deutschland
1.2 Empfehlungen zur psychoonkologischen Versorgung

Kapitel 2: Die psychoonkologische Beratung
2.1 Richtlinien
2.2 Gesundheitsziele
2.3 Themen der psychoonkologischen Beratung
2.4 Exkurs: sekundärer Krankheitsgewinn
2.5 Psychoonkologische Interventionen

Kapitel 3: Psychoonkologische/r Berater/in
3.1 Eigenschaften
3.2 Supervision in der Psychoonkologie

Kapitel 4: Konzepte der Psychoonkologie - Selbstheilungskräfte, Glauben und die Psycho- Neuro-Immunologie
4.1 Selbstheilungskräfte
4.2 Krebs und Stress: Psychoneuroimmunologie
4.3 Salutogenese-Konzept nach Aaron Antonovsky: Gesundheit ist mehr als eine Abwesenheit der Krankheit
4.4 Das Konzept von Lawrence Le Shan
4.5 Das Konzept nach Carl Simonton
4.5.1 Simontons Texte zur Visualisierung: Meditation „ Neue Ansichten ü ber den Krebs “ 4.5.2 Meditation „ Vertrauen entwickeln “ 4.5.3 Meditation „ Dialog mit der inneren Weisheit “ 4.5.4 Meditation „ Verbesserung des Selbstvertrauens durch Schmerzarbeit “ 4.5.5 Meditation „ Mehr Genesungsenergie durch weniger Todesfurcht “ 4.6 Das Konzept von Bernie Siegel

Kapitel 5: Patientenorientierte Kommunikation
5.1 Patientenorientierte Kommunikation im psychoonkologischen Sinne
5.2 Klientenzentrierte Kommunikation
5.3 Die Kunst des Zuhörens

5.4 Die Technik des Spiegelns
5.5 Gesprächspausen, Blockierungen und Unterbrechungen
5.6 Das Erstgespräch
5.6.1 Definition 5.6.2 Krisenintervention in der Psychoonkologie 5.7 Sprache in der Beratung
5.7.1 Exkurs: Reframing 5.7.2 Handlungsorientiert reden 5.7.3 Ziele und Ergebnisse unterscheiden

Kapitel 6: Entspannungstechniken für Krebspatienten
6.1 Die Progressive Muskelentspannung
6.1.1 Basisprogramm der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson 6.1.2 Anleitungstext zur Progressiven Muskelentspannung 6.2 Autogenes Training
6.3 Fantasiereisen, Entspannungsreisen
6.3.1 Text zur Reise durch den Körper 6.3.2 Gesichtsentspannung 6.3.3 Wahrnehmung von Außen und Innen

Kapitel 7: Ressourcenaktivierung mit der bilateralen Stimulation (EMDR-Techniken für Krebspatienten)
7.1 Einführung: Bilaterale Stimulation und EMDR
7.2 Ressourcenaktivierung bei Krebspatienten/Einsatz der bilateralen Stimulation zur Ressourceninstallation
7.3 Lösungsorientiertes Arbeiten
7.4 Was sind psychische Ressourcen?
7.5 Wichtige Begriffe
7.6 Vorgehensweisen zum Auffinden von Ressourcen
7.7 Bilaterale Stimulation
7.8 Position of Power
7.9 Die Körperressource
7.10 CIPOS - Constant Installation of present Orientation and Safety
7.11 TRUST
7.12 Lichtstrahlmethode
7.13 Resilienz
7.14 Sicherer Ort
7.15 Innere Helfer
7.16 5-4-3-2-1-Übung
7.17 Übung „Zählen Sie Ihre Segnungen“
7.18 Übung „Positiver Sinn“
7.19 Übung „Ich finde mich toll! Individuelle Stärken und Fähigkeiten feiern“
7.20 Übung „Das Zusammenspiel Körper und Geist“
7.21 Übung „Entspannen lernen“

Kapitel 8: Erschöpfungssyndrom (Fatigue-Syndrom)
8.1 Drei Dimensionen der krebsbedingten Fatigue
8.2 Fatigue und/oder Depression

Literatur

Mein Motto, mein Vorbild

Mein großes Vorbild in der Psychoonkologie ist Dr. Bernie Siegel. Er schreibt in seinem Buch „ Prognose Hoffnung“:

... ein Fremder stößt auf einen Mann, der auf Händen und Füßen unter einer Straßenlaterne vor seinem Haus herumrutscht. Er sucht seinen Schlüssel, und der Fremde kniet sich ebenfalls auf den Boden, um ihm zu helfen. Nach einer Weile fragt der Fremde: „Wo genau haben Sie den Schlüssel fallen lassen?“

„In meinem Haus“, ist die Antwort. Verärgert fragt der Fremde: „Und warum suchen Sie ihn dann hier draußen?“

„Weil es im Haus dunkel ist.“

In unserem Bewusstsein ist es heller, aber wenn wir Heilung wollen, müssen wir in unserem dunklen Unbewussten suchen. Der Arzt arbeitet im Licht. Er ist verbal und logisch. Die Welt des Patienten ist vielleicht dunkel, aber es gibt Mittel und Wege, sie zu erhellen. In jedem von uns steckt ein Funken, nennen Sie es ruhig einen heiligen Funken, wenn Sie wollen. Aber auf jeden Fall ist er vorhanden, um uns den Weg zur Gesundheit zu erhellen.

Es gibt keine unheilbaren Krankheiten, es gibt nur unheilbare Menschen.

Informationen zur Ausbildung zum/r Psychoonkologischen BeraterIn und zum/r FachtherapeutIn in Psychoonkologie

Anima Alma Mater vermittelt die erforderlichen Grundkenntnisse zur Ausübung professioneller psychoonkologischer Tätigkeiten in den Bereichen psychoonkologische Beratung oder Therapie. Die Inhalte der Weiterbildung umfassen die Vermittlung eines breiten Wissensspektrums zu den Grundlagen der Onkologie, den wissenschaftlichen und klinischen Grundlagen der Psychoonkologie, den psychosozialen Grundlagen der Entstehung und Behandlung onkologischer Erkrankungen in allen Krankheits- und Behandlungsphasen sowie eine ausgiebige Selbsterfahrung zu den Themen Sterben und Tod und Fallsupervisionen.

Ausbildung zum/r Psychoonkologischen BeraterIn

Ziel der Ausbildung ist es, den Umgang mit schwer belasteten Patienten zu erlernen, mit den Patienten Wege zu finden, die Herausforderungen anzunehmen und die verbleibende Lebenszeit mit neuen Werten zu füllen.

Ausbildungsinhalte:

- Gesprächsführung mit Onkologiepatienten (nach C. Rogers)
- Zielfindung
- Angstbewältigung
- Meditation mit Krebspatienten
- medikamentenfreie Schmerzbehandlung
- Entspannungstechniken für Krebspatienten
- Selbstheilungskräfte fördern
- Einsatz von EMDR in der Psychoonkologie
- Begleitung und Vorbereitung auf das Lebensende

Abschluss:

Zertifikat mit der Qualifikation

„Psychoonkologische/r Berater/in“

Fachtherapeut/in für Psychoonkologie/psychologische Krebstherapie

Die Ausbildung richtet sich an Therapeuten, Ärzte, Heilpraktiker, Heilpraktiker für Psychotherapie, Sozialarbeiter, Pädagogen, Psychologen und Personen, die mit onkologischen Patienten Erfahrungen gesammelt haben oder sich in dieser Fachrichtung spezialisieren.

Inhalte:

Block I:

- Grundlegendes onkologisches Wissen über die häufigsten Krebserkrankungen/Onkogenese
- Krankheitsverarbeitung in allen Krankheitsphasen
- Forschungsmethoden und wissenschaftlicher Stand der Psychoonkologie
- Psychosoziale Aspekte der Krebserkrankung in allen Krankheits- und Behandlungsphasen
- Behandlungstechniken
- Rehabilitation, Palliativ- und Hospizsituation
- grundlegendes onkologisches Wissen über die häufigsten Krebserkrankungen: Brustkrebs - Prostatakrebs - Darmkrebs - Bronchialkarzinom - Systemerkrankungen
- Behandlungsmöglichkeiten
- Psychoneuroimmunologie
- Krebs und Psyche: „Krebspersönlichkeit“, Mythen und Forschungsergebnisse
- Stand der wissenschaftlichen Psychoonkologie
- psychosoziale Aspekte der Krankheitsverarbeitung (Depression, Angst, Stress, Schmerz, Trauer, Fatigue, Lebensqualität)
- Traumatisierung bei Krebs
- Gesprächsführung und Kommunikation in der Onkologie
- Selbsthilfe

Block II:

Praxis psychosozialer und psychoonkologischer Interventionen und Fallarbeit

- Diagnosephase
- Krisenintervention und Beratung/Selbsthilfe
- Krebs und Traumatisierung
- Krankheitsverarbeitung (Coping) und Krankheitsverlauf
- psychoedukative Ansätze
- Einzeltherapie, Selbstachtsamkeit, ressourcenorientierte Verfahren,
- Fatigue-Behandlung
- kreativtherapeutische Ansätze
- Körperverfahren
- Entspannungs- und imaginative Verfahren, Meditation, Hypnose, Yoga
- Spiritualität
- Leitlinien psychoonkologischen Handelns
- Grundlagen der Psychoonkologie
- Krise als Chance
- Strategien zur Stabilisierung und Neuorientierung
- Arbeit mit inneren Bildern und mit Heilhypnose
- Wiederbeleben der Lebensqualität - Entdecken der Ressourcen (eine einführende Darstellung der Simonton-Methode und der bilateralen Methode)
- Selbsterfahrung zum Thema „Tod und Sterben“ in Kleingruppen
- Reflexion der eigenen Arbeit mit Erkrankten

Abschluss:

Zertifikat mit der Qualifikation

„Fachtherapeut/in für Psychoonkologie“

Sie dürfen diese Qualifikation im Anschluss frei verwenden und sie bspw. Als Berufsbezeichnung auf Ihren Visitenkarten oder Ihrem Marketing-Material nutzen.

Die Plätze werden in der Reihenfolge des Eingangs der schriftlichen Anmeldung vergeben. Wartelisten werden in geringem Umfang geführt.

Sie haben die Möglichkeit, die Unterlagen auszufüllen und uns zu mailen, können aber auch das Anmeldeformular ausdrucken und (leserlich) ausfüllen, um es anschließend zu faxen. Bei Anmeldungen per Mail oder Fax benötigen wir das Original nicht zusätzlich per Post.

Zertifikate

Wie in anderen Bereichen auch (Handwerk, Betriebe, Qualitätsmanagement usw.) werden Zertifikate, Diplome und andere Urkunden oft zur Bestätigung von bestimmten Leistungen ausgestellt.

Sie stellen Nachweise über die Teilnahme und/oder den erfolgreichen Abschluss von Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen dar und können Urkunden für bestimmte Fähigkeiten, Fertigkeiten, Zugehörigkeiten und Qualifikationen sein. Zertifikate und Diplome haben allerdings nicht automatisch etwas mit offizieller staatlicher Anerkennung zu tun.

Ob ein Zertifikat oder Diplom als „hauseigenes“, europäisches oder internationales deklariert wird, ändert nichts am Inhalt der Ausbildung, der Anerkennung des Zertifikats oder irgendwelchen Berechtigungen, die Sie damit erwerben, beziehungsweise nicht erwerben können. Anima Alma Mater ist es in erster Linie wichtig, qualifizierte Ausbildungen anzubieten, die den Anforderungen der Praxis in Beratung, Coaching und Therapie auf bestmögliche Weise gerecht werden.

Kapitel 1: Psychoonkologie

„Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.“ (Christian Morgenstern)

Krebskrankheiten werden von den meisten Menschen, Ärzte nicht ausgeschlossen, mit Vorstellungen verbunden, die einerseits eine reale, anderseits eine metaphorische Gestalt haben (Sontag 1979).

Die Krebskrankheiten gelten, wie Krebstiere, als meist unsichtbare Lebewesen der Nacht, die sich in unberechenbarem „Krebsgang“, scheinbar widersinnig, fortbewegen.

Wie die durch Schale geschützten Krebse sind auch die Krankheiten, dieser Metapher folgend, oft als ungreifbar, aggressiv, zupackend, mit starren Blick folgend, unangreifbar definiert und erlebt. Die Psychoonkologie beschäftigt sich unter anderem mit den Entstehungsbedingungen und Wirkungen dieser Metapher sowie mit Abwehren, die Kranke und Ärzte dieser krankmachenden, folgenschweren Vorstellung entgegenhalten, aber auch mit ihrer Therapie und ihren Auswirkungen.

Seit gut 25 Jahren gibt es in Deutschland psychoonkologische Aktivitäten, seit 1988 ist die Psychoonkologie als offizielle Arbeitsgemeinschaft (PSO) in der Deutschen Krebsgesellschaft vertreten.

Hier ein paar Daten:

- 410 000 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr neu an Krebs.
- Mehr als 210 000 Menschen sterben jährlich daran.
- Aktuelle Studien zeigen, dass über 40 % der an Krebs erkrankten Menschen erhebliche

psychische Beeinträchtigungen aufweisen und dass psychische Variablen einen deutlichen Einfluss auf Krankheitsverlauf und Lebensqualität haben.

Die Psychoonkologie - oder auch psychosoziale Onkologie - ist eine klinische und wissenschaftliche Disziplin, die die Wechselwirkungen zwischen körperlichen, seelischen und sozialen Einflüssen in der Entstehung und im gesamten Verlauf einer Krebserkrankung untersucht. Ziel ist es, das so gewonnene Wissen systematisch in der Prävention, Früherkennung, Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation von Patienten zu nutzen.

Psychoonkologie berücksichtigt neben den somatischen auch die psychischen, sozialen, spirituellen und lebensgeschichtlichen Belange der Krebskranken und stellt sich die Frage, wie sich eine lebensbedrohliche oder schwere chronische Krankheit auf die Psyche auswirkt.

Das vorrangige Ziel der Psychoonkologie ist die Verbesserung der Unterstützung der an Krebs Erkrankten und ihrer Angehörigen in allen Stadien der Behandlung und der Nachsorge. Im Fokus steht die Verbesserung der Lebensqualität, indem die Patienten mehr Kompetenz für die Gestaltung ihrer individuellen Lebenswege erlangen.

Welche Berufsgruppen bieten die psychoonkologische Versorgung an? In der Psychoonkologie arbeiten Ärzte, Psychologen/Psychotherapeuten, Sozialpädagogen/Sozialarbeiter, Seelsorger, Ergo-, Tanz-, Musik-, Kunsttherapeuten, Pflegekräfte, Heilpraktiker, Heilpraktiker für Psychotherapie, Berater u. v. a.

Die Berufsbezeichnung „Psychoonkologe/in“ führen in der Regel die Menschen, die über eine Erfahrung in der Arbeit mit onkologischen Patienten verfügen oder eine spezifische Weiterbildung absolviert haben. Die Bezeichnung „Psychoonkologe/in“ als solche ist jedoch nicht geschützt.

An wen richten sich psychoonkologische Maßnahmen?

In erster Linie nehmen Patienten selbst psychoonkologische Unterstützung in Anspruch - zu unterschiedlichen Zeitpunkten und nach individuellem Bedarf.

Darüber hinaus bietet die Psychoonkologie Unterstützung für Angehörige, ärztliches und pflegerisches Personal.

Was soll psychoonkologische Unterstützung den Patienten bringen?

Psychoonkologische Arbeit soll Patienten vor allem in der Krankheitsbewältigung unterstützen.

Geht man davon aus, dass die Mehrzahl aller Tumorpatienten durch die Diagnose eine Art Schock erleidet, aus dem die verschiedensten Ängste resultieren können, so ist es möglich, dass Betroffene dauerhaft Probleme damit haben, mit der neuen Situation nach der Diagnose adäquat umzugehen - ohne beispielsweise unter Schlafstörungen/Alpträumen zu leiden oder von unkontrollierbaren Ängsten „überfallen“ zu werden.

Dabei ist professionelle psychoonkologische Begleitung sicher nur eine von vielen Maßnahmen zur Förderung der Krankheitsbewältigung - viele Patienten fühlen sich durch die Unterstützung ihrer Angehörigen, den Austausch mit anderen Betroffenen (Selbsthilfegruppen), durch ihre Arbeit, die Betreuung von (Enkel-)Kindern oder die Beschäftigung mit einer „Herzensaufgabe“ und so weiter ebenfalls sehr gut „gerüstet“.

Weitere Ziele psychoonkologischer Interventionen

- Anleitung und Unterstützung bei dem Versuch, möglichst günstige Voraussetzungen für den Krankheitsverlauf zu schaffen
- Unterbrechung des Kreislaufs von Angst und innerer Verspannung, der sowohl Übelkeit und Erbrechen als auch Schmerzempfindung verstärken kann (Reduzierung von Stress und Förderung der Einsicht in körperliche Abläufe und Zusammenhänge)
- Angebot einer stützenden beraterischen/therapeutischen Beziehung, orientiert an den Erfordernissen von Krankheitsverlauf und medizinischen Erfordernissen
- Bearbeitung zwischenmenschlicher bzw. intrapsychischer Konflikte auf Basis einer verlässlichen Beziehung.

Indikationen zur psychoonkologischen Betreuung ergeben sich für Patienten, die

- lang anhaltend depressive Symptome zeigen,
- starke Angstsymptome haben,
- nicht beherrschbare Schmerzen haben,
- unter starken Aggressionen stehen,
- Konflikte mit der Familie bzw. dem Behandlungsteam haben,
- eine psychiatrische Krankengeschichte oder erkennbare Persönlichkeitsstörungen haben,
- in sozial schwierigen Situationen stehen,
- die besonders schwer betroffen sind (Diagnose, Prognose, Therapie),
- verändertes oder ungewöhnliches Verhalten zeigen,
- Suizidgedanken haben oder andere Personen bedrohen,
- sexuelle Probleme bzw. Schwierigkeiten äußern oder befürchten,
- unentschieden/ablehnend sind oder Zweifel an der Behandlung äußern.

In den meisten Fällen wirken mehrere Faktoren zusammen, sodass Belastungen kumulieren und sich gegenseitig verstärken.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass der Wunsch nach einem Beratungsgespräch nicht immer vom Patienten selbst gestellt wird. Obwohl der Anteil derjenigen Patienten, die eine solche Betreuung ausdrücklich begrüßen und als Qualitätsmerkmal einer eher ganzheitlichen Behandlung ansehen, auf derzeit ca. 25 % angestiegen ist, so ist doch der Mehrzahl der Patienten eine solche Möglichkeit nicht bekannt. Hier haben die psychoonkologischen Berater eine wichtige Funktion.

Ist psychoonkologische Beratung identisch mit Psychotherapie?

In der Psychoonkologie können verschiedene psychotherapeutische Interventionen stattfinden, müssen aber nicht. Das kommt u. a. auf das Setting an, in dem die Behandlung stattfindet (z. B. eine ambulante psychotherapeutische Praxis im Gegensatz zur Arbeit in einem Akutkrankenhaus), auf die Arbeitsweise des Behandlers und auf das Anliegen bzw. die aktuelle Symptomatik des Patienten. Die Zusammenarbeit zwischen dem Krebskranken und dem Berater/Therapeuten kann je nach den vorhandenen Bedingungen „klassisch“ psychotherapeutisch - z. B. regelmäßige Termine in der Praxis eines Psychoonkologen - oder auch „speziell“ bedarfsorientiert - Termine in größeren Abständen je nach Bedarf z. B. vor anstehenden Untersuchungen - gestaltet werden.

Ein Unterschied zwischen psychoonkologischer Beratung und der Psychotherapie ist, dass psychoonkologische Arbeit in der Regel schon nach kurzer Zeit für den Patienten erlebbar positive Effekte haben sollte, wie beispielsweise Stressreduktion oder ein veränderter Umgang mit Problemsituationen.

Die Wichtigkeit schnell wirksamer Methoden (z.T. aus verschiedenen kurzzeittherapeutischen Verfahren) zeigt sich u. a. in der Ressourcenorientierung, die in der Psychoonkologie in den letzten Jahren einen immer größeren Stellenwert einnimmt.

Wo wird Psychoonkologie angeboten?

Mittlerweile haben z. B. viele Kliniken eigene, z. T. zertifizierte Tumorzentren (Brustzentrum, Darmzentrum, Prostatazentrum, Lungenzentrum, etc. bzw. onkologisches Zentrum), zu deren Zertifizierungskriterien meist auch die Bereitstellung eines psychoonkologischen Angebots für die Patienten des jeweiligen Zentrums gehört.

Im Rahmen stationärer Angebote (bestimmte Akutkliniken, Rehakliniken) sowie in Krebsberatungsstellen wird psychoonkologische Beratung bzw. Betreuung in der Regel für den Patienten kostenfrei angeboten. Die Angebote begrenzen sich allerdings nur auf die Zeit des Aufenthalts in der Klinik.

Nach Beendigung der stationären Therapie gibt es keine Angebote in der psychoonkologischen Betreuung, die durch die Krankenversicherung getragen wird. So stehen den Patienten quasi nur die freien psychoonkologischen Praxen zur Verfügung.

Wer trägt die Kosten für die psychoonkologische Betreuung von Patienten?

Patienten können bei der dapo.de Ansprechpartner aus verschiedenen Arbeitsfeldern (Akutklinik, Praxis usw.) finden - inwiefern eine ambulante Betreuung möglich ist und ob diese über die Krankenkasse abgerechnet werden kann, sollte am besten per Nachfrage bei der jeweiligen Person geklärt werden.

Wenn Patienten sich auf die Suche nach einem ambulanten psychoonkologischen Angebot - nach Möglichkeit in Wohnortnähe - begeben, stellen sie häufig fest, dass es offenkundig nicht viele ambulant tätige Psychoonkologen mit freien Terminen gibt.

Welche Besonderheiten gibt es bei der psychoonkologischer Beratung?

Die psychoonkologische Beratung umfasst alle Phasen des Krankheitsgeschehens, nämlich

- Prävention und Früherkennung,
- Behandlung,
- Rehabilitation,
- Nachsorge (insbesondere mögliche psych. Folgen der Erkrankung wie Anpassungsstörung, reaktive Depression, Persönlichkeitsveränderung u. v. m.),
- Integration in den Alltag oder Palliation bei Betroffenen, Angehörigen und Therapeuten.

Das psychoonkologische Beratungsgespräch

- ist eine lösungsorientierte, sanfte Beratung, sie bringt der verletzlichen Situation des Krebspatienten entgegen,
- ist ressourcenorientiert, was bedeutet, dass es darum geht, verfügbare Bewältigungsmechanismen zu reaktivieren - insbesondere im Umgang mit
stressauslösenden Situationen,
- gibt dem Patienten Kraft, d. h., die Psychoonkologie hat als Fokus die Verbesserung der Lebensqualität, sie arbeitet nicht an Defiziten.
- Schult wie die Psychoonkologie allgemein die Vorstellungskraft - Imagination, die genutzt werden kann, um Körperprozesse in eine gewünschte Richtung zu beeinflussen,
- integriert die Themen Leben und Tod,
- bezieht das soziale Umfeld mit ein, um ein möglichst tragfähiges soziales Netz zu stabilisieren oder zu installieren.
- orientiert sich mit ihren Interventionen an den tatsächlichen und nicht an den vermuteten Belastungen der Patienten.

Themen in der psychoonkologischen Beratung sind

- Lebensziele, Hoffnung, Vertrauen,
- Unterstützung der medizinischen Behandlung und Aktivierung der Selbstheilungskräfte durch Entspannung, Imagination, Visualisierung, BiCo-Techniken,
- Umgang mit emotionalem Stress (Angst, Wut, Panik, Hoffnungslosigkeit etc.),
- Lebensfreude identifizieren und neu planen,
- Rückfall, Sterben und Tod,
- Einbeziehung der Angehörigen.

Wie findet ein Patient einen Psychoonkologen (in ambulanter Praxis) in seiner Nähe?

Ob beispielsweise ein bestimmtes Krankenhaus psychoonkologische Betreuung anbietet, hängt jedoch von der Ausrichtung des jeweiligen Hauses ab. Grundsätzlich wird psychoonkologische Unterstützung in Akutkliniken, Rehabilitationskliniken, in ambulanten Rehabilitations- Einrichtungen, Krebsberatungsstellen, psychotherapeutischen Praxen, auf Palliativstationen und in Hospizen angeboten.

Für Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen gibt es eine weitere Möglichkeit, die allerdings mit mehr Aufwand verbunden ist: der sogenannte Antrag auf Kostenerstattung. In diesem Fall kann u. U. auch ein psychologischer Behandler (spezialisiert auf Psychoonkologie) über die Krankenkasse bezahlt werden.

1.1 Psychoonkologische Versorgung in Deutschland

Um effizient eigene Tätigkeit anbieten zu können, ist es für den zukünftigen psychoonkologischen Berater/Fachtherapeuten für Psychoonkologie sehr wichtig, die Grundlagen der psychoonkologischen Versorgung in Deutschland zu kennen.

Die psychoonkologische Versorgung in Deutschland kann man mit einer Landkarte vergleichen, auf der sehr viele einzelne Inseln zu sehen sind, die allerdings nicht miteinander verbunden sind.

Anders erklärt: Psychoonkologische Aktivitäten finden sich gleichermaßen an vielen Stellen, wie Krankenhäuser, Beratungspraxen, Tumorzentren, Arztpraxen, Heilpraktikerpraxen u. v. m.

Die Anfänge der Psychoonkologie (1977-1980) waren von dem hoch engagierten, aber aus heutiger Sicht wenig professionellen Bemühen gekennzeichnet, Tumorpatienten während der Akut- und Nachbehandlung medizinpsychologisch oder psychosomatisch zu unterstützen. Grundlage dieser Unterstützung war die supportive Therapie, wie sie als Form der stützenden Psychotherapie von Speidel und Freyberger 1977 beschrieben wurde. Heute, fast 35 Jahre später, lässt sich die psychoonkologische Versorgung als eine supportive Therapie, Kurz- und Langzeittherapie sowie Krisenintervention und ganzheitliche Beratung beschreiben.

Ziel der psychoonkologischen Arbeit mit körperlich chronisch bzw. schwer Kranken im Rahmen der Gesamtbehandlung ist die Integration auch der psychosozialen Anteile des Krankheitsgeschehens in die Medizin. Die Betreuung soll an subjektive Erlebnisse, Werte und Vorstellungen des Patienten über Krankheit und Behandlung anknüpfen und sich in die individuelle Situation des Patienten zwischen Krankheit, Behandlung und psychosozialem Kontext einfügen (vgl. Holland 1989).

Ob der Bedarf an der psychoonkologischen Versorgung in Deutschland gedeckt ist, ist schon seit Langem ein Thema der Forschung. Die alltäglichen Erfahrungen zeigen, dass eine große Versorgungslücke besteht, die sehr gut von den psychoonkologischen Beratern gefüllt werden kann. Insbesondere in der Akutversorgung nach der Diagnosestellung und der Nachsorgephase wird die psychoonkologische Betreuung weder örtlich noch zeitlich flächendeckend angeboten und bleibt häufig auf die Kliniken beschränkt.

Leitlinienentwicklung in der Psychoonkologie

Die in Akutkliniken angebotenen Leistungen sollten sich nach allgemeinen Qualitätsstandards richten. Die Schulmedizin postuliert, dass die Psychoonkologie definierte Qualitätsstandards benötigt, die sich am Stand der Forschung orientieren, weil hier die Grenzen zu Esoterik und Mythenbildung oft sehr fließend sind. Seit einiger Zeit gibt es in Deutschland Bemühungen, solche Standards für die psychoonkologische Betreuung von Krebspatienten zu entwickeln. Zielsetzungen sind u. a. die Sicherstellung einer angemessenen Betreuung von onkologischen Patienten mit psychischen Belastungen oder psychischen Störungen und die Spezifizierung des notwendigen Wissens und Könnens sowie der Rahmenbedingungen zur Gewährleistung einer psychoonkologischen Betreuung.

Für spezifische Indikationen wie beispielsweise Brustkrebs wurden inzwischen Leitlinien zur psychosozialen Betreuung formuliert (NHMRC 1999). Andere Leitlinien fokussieren im Rahmen der psychosomatischen Medizin auf die psychiatrische/psychologische Betreuung von Patienten mit verschiedenen körperlichen Erkrankungen (Bronheim et al. 1998) und wieder andere auf das Management spezifischer Symptome wie Schmerz bei Krebspatienten (JCAHO 1999-2000). Für die Mehrzahl der Indikationsbereiche sowie für das gesamte Spektrum von Tumorerkrankungen sind allerdings trotz der Relevanz des Gegenstands bisher nur vereinzelt Leitlinien entwickelt worden. Trotzt der Bemühungen, liegen in Deutschland für den Bereich der psychoonkologischen Versorgung keine spezielle Leitlinien vor.

Gründe hierfür liegen nicht nur in der Unterschiedlichkeit in Diagnose, Behandlung und Verlauf von Tumorerkrankungen selbst und den vielfältigen Einflüssen auf psychische, familiäre, soziale und berufliche Bereiche, sondern auch in der heterogenen Angebotsstruktur psychosozialer Versorgung, die innerhalb unterschiedlicher Organisationsstrukturen angeboten wird. Allein die Tatsache, dass unterschiedliche Disziplinen an der Behandlung von Krebspatienten beteiligt sind, wirft die Frage nach der Verantwortlichkeit bei der Entwicklung von Leitlinien auf.

Weitere Abgrenzungsprobleme beziehen sich auf die Fragen des Settings (stationär, ambulant, rehabilitativ), auf die Frage der Indikation (indikationsübergreifend, indikationsspezifisch), der Problembereiche (psychische Störungen, psychische Belastungen) oder auf die Frage der Interventionen.

Inzwischen gibt es in der internationalen psychoonkologischen Literatur bereits eine Reihe Studien, die sich vor allem auf das Kriterium „Lebensqualität“ beziehen (vgl. u. a. Schulz et al. 2001). Sie bestätigen überwiegend die Wirksamkeit psychoonkologischer Interventionen.

1.2 Empfehlungen zur psychoonkologischen Versorgung

Die Arbeitsgruppe Psychoonkologie des Instituts für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat im Rahmen des von der SULO-Stiftung geförderten Projekts „Psychoonkologische Evaluation der Abteilung Psychoonkologie am Klinikum Herford“ folgende Empfehlungen zur psychosozialen Betreuung von Krebspatienten im Rahmen von Liaison- und Konsiliardiensten im Akutkrankenhaus konzipiert.*

Empfehlung 1

Psychoonkologische Versorgung ist ein integraler Bestandteil der onkologischen Prävention und Früherkennung, Diagnostik, Behandlung, Rehabilitation und Nachsorge.

Empfehlung 2

Psychoonkologische Versorgung im Akutkrankenhaus wird in interdisziplinärer Kooperation durch alle an der Behandlung von Krebspatienten beteiligten Berufsgruppen realisiert. Dazu gehören Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten, Pflegende, Sozialarbeiter, Berater und Seelsorger.

Empfehlung 3

Psychoonkologische Versorgung gewährleistet die qualifizierte psychosoziale Beratung und Behandlung von Patienten. Dies umfasst patientengerechte Information und Beratung, Unterstützung bei der Bewältigung der Erkrankungs- und Behandlungsfolgen, Erhalt oder Verbesserung der Lebensqualität und Anleitung zur Modifikation gesundheitsbeeinträchtigender Verhaltensweisen.

Empfehlung 4

Psychoonkologische Versorgung gewährleistet die qualifizierte psychologische Betreuung von Angehörigen. Dies umfasst Information und Beratung, Förderung der Kommunikation, Unterstützung und emotionale Entlastung sowie Mobilisierung familiärer und sozialer Ressourcen.

Empfehlung 5

Psychoonkologische Versorgung trägt zur Unterstützung der Arbeit von Pflegenden und Ärzten bei. Dies umfasst die Erweiterung psychosozialer Kompetenzen, Unterstützung und emotionale Entlastung sowie die Verbesserung der Arbeitszufriedenheit.

Empfehlung 6

Psychoonkologische Behandler respektieren die Würde und Integrität des Individuums und sind der Schweigepflicht und den ethischen Prinzipien von Vertraulichkeit, Aufrichtigkeit und Autonomie verpflichtet.

Empfehlung 7

Psychoonkologische Versorgungsangebote sind verfügbar, allgemein zugänglich, entsprechen den Bedürfnissen der Patienten und Angehörigen und werden in angemessenem Rahmen angeboten.

Empfehlung 8

Patienten und Angehörige haben freien Zugang zu psychoonkologischen Versorgungsangeboten ungeachtet von Unterschieden in der Diagnose, kultureller oder ethnischer Herkunft, Sprache, Alter, Geschlecht, körperlichen Einschränkungen, sexueller Orientierung oder Wohnort. Falls in Wohnortnähe des Patienten oder der Angehörigen keine psychoonkologischen Versorgungsangebote verfügbar sind, sollte der erforderliche Zugang ermöglicht werden.

Empfehlung 9

Patienten und Angehörige werden umfassend über die angestrebte psychoonkologische Behandlung, mögliche Effekte und Konsequenzen sowie andere Behandlungsmöglichkeiten informiert, um eine fundierte Entscheidung über die Inanspruchnahme psychoonkologischer Versorgungsangebote treffen zu können.

Empfehlung 10

Informationen über therapeutische und psychosoziale Maßnahmen und Versorgungsangebote werden Patienten und Angehörigen frühzeitig angeboten und in verständlicher und einfühlsamer Art und Weise dargelegt.

Empfehlung 11

Psychoonkologische Mitarbeiter nehmen eine unterstützende und ggf. vermittelnde Funktion zwischen Patienten, Angehörigen und dem medizinischen und pflegerischen Personal ein, wenn reale oder wahrgenommene Hindernisse bestehen, um eine optimale Versorgung sicherzustellen.

Empfehlung 12

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit basiert auf dem Respekt vor dem jeweils anderen Fachwissen.

Organisation und Struktur psychoonkologischer Dienste

Eine angemessene psychoonkologische Versorgung von Tumorpatienten und Angehörigen erfordert ein umfassendes Versorgungsangebot. Die psychoonkologische Einrichtung sollte in ihrer Struktur und Organisation den Bedürfnissen der Patienten und Angehörigen, aber auch der psychoonkologischen und medizinischen Betreuer entsprechen.

Psychoonkologische Versorgung stellt hohe Anforderungen an die Flexibilität und interdisziplinäre Kooperation aller Behandler. Für Mitarbeiter psychosozialer Dienste beinhaltet dies neben kommunikativen Kompetenzen insbesondere das Vorhandensein eines breiten Interventionsspektrums und die rasche Verfügbarkeit in Krisensituationen.

Empfehlung 13

Psychoonkologische Dienste verfügen über angemessene finanzielle, zeitliche, personelle und räumliche Ressourcen, um psychoonkologische Betreuung und Schulungen durchführen zu können.

Empfehlung 14

Onkologische Einrichtungen bemühen sich um Kontinuität in der psychoonkologischen Versorgung bei den von ihnen behandelten Patienten und Angehörigen.

Empfehlung 15

Psychoonkologische Dienste sind in den administrativen Strukturen im Akutkrankenhaus vertreten.

Empfehlung 16

Die Leitung psychosozialer Dienste wird durch einen Vertreter der Fachrichtungen Psychologie oder Medizin mit psychotherapeutischer Zusatzqualifikation (Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychotherapie und Psychiatrie) repräsentiert.

Empfehlung 17

Die Leitung psychosozialer Dienste gewährleistet ausreichende psychologisch-

psychotherapeutische (psychoonkologische) Kompetenzen jedes psychoonkologischen Mitarbeiters.

Empfehlung 18

Qualifikationen und Kompetenzen der psychosozialen Mitarbeiter sind schriftlich definiert und stimmen mit den geltenden Standards und Richtlinien überein.

Psychoonkologische Versorgungskonzepte und Interventionen

Krebspatienten sind im Verlauf der Erkrankung mit einer Vielzahl unterschiedlicher Belastungen konfrontiert. Sie müssen sich in Abhängigkeit vom Krankheitsstadium mit der Diagnose, Operationen, den Nebenwirkungen der Behandlung, körperlichen Beeinträchtigungen und Schmerzen oder einer veränderten Lebenssituation bzw. -perspektive auseinandersetzen. Die Ungewissheit über den Verlauf der Erkrankung, eine eingeschränkte Erwerbsfähigkeit oder die langfristige Abhängigkeit von medizinischen Versorgungseinrichtungen können zusätzliche Belastungsfaktoren darstellen. Die mit der Erkrankung einhergehenden Belastungen können darüber hinaus die sozialen und familiären Beziehungen beeinträchtigen. In Anbetracht des oftmals irreversiblen Verlaufs von Krebserkrankungen und den damit verbundenen psychosozialen Einschränkungen stellt die Verbesserung des Befindens und der Lebensqualität von Krebspatienten und ihren Familien die zentrale Aufgabe psychoonkologischer Versorgungsangebote dar.

Die Situation von Krebspatienten im Akutkrankenhaus unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von der Situation im ambulanten Setting. Krebspatienten sind während des stationären Aufenthalts primär mit krisenhaften Ereignissen im Verlauf einer Erkrankung konfrontiert. Dazu gehören die Erstdiagnose, das Auftreten von Rezidiven, Progredienz oder Komplikationen bei der Krebstherapie.

Anlässe für Psychoonkologische Beratung sind Probleme der Krankheitsbewältigung, depressive Reaktionen, Ängstlichkeit, aggressives Verhalten, Probleme der Compliance, Kommunikationsprobleme oder familiäre Belastungen.

Empfehlung 19

Basis psychoonkologischer Diagnostik und Behandlung ist der Aufbau einer vertrauensvollen und tragfähigen Beziehung, die der therapeutischen Haltung von Empathie und Wertschätzung Rechnung trägt.

Empfehlung 20

Psychoonkologische Interventionen im Akutkrankenhaus zielen aufgrund der begrenzten zeitlichen Rahmenbedingungen auf eine für Patienten und Angehörige unmittelbar erfahrbare Wirkung und Entlastung.

Empfehlung 21

Zu den primären Aufgaben psychoonkologischer Versorgung für Patienten und Angehörige im Akutkrankenhaus gehören:

- Befunderhebung und psychologische Diagnostik,
- ggf. Empfehlungen für weitere Diagnostik,
- psychologische Beratung und Behandlung und/oder Behandlungsempfehlungen,
- Planung und/oder Einleitung von Weiterbehandlungen/Nachsorge,
- Koordination psychosozialer Versorgung innerhalb des Krankenhauses,
- Koordination stationärer und ambulanter psychosozialer Versorgung.

Empfehlung 22

Wichtige Zielvariablen psychoonkologischer Interventionen sind u. a. affektive Reaktionen wie Angst, Depressivität, Aggressivität, Probleme der Krankheitsverarbeitung, körperliche und psychische Beschwerden, Schmerzen, Selbstwahrnehmung, Körperbild und Sexualität, Probleme der familiären und sozialen Integration, Probleme in der Kooperation mit den Behandlern und in der Anpassung an die Behandlungsbedingungen, Orientierungs-, Informations-und Kommunikationsprobleme, Umgang mit Tod und Sterben.

Empfehlung 23

Psychologische Interventionen im Akutkrankenhaus umfassen u. a.:

- Beratung und Information,
- Patientenschulung,
- supportive Einzelgespräche,
- Krisenintervention,
- symptomorientierte Verfahren (Entspannung, Imagination),
- kreative Verfahren (Musik- und Kunsttherapie),
- Paar- und Familiengespräche,
- Sterbebegleitung,
- Nachsorge,
- sozialrechtliche Beratung.

Empfehlung 24

Im Rahmen der psychoonkologischen Versorgung sind die individuellen Schutzbedürfnisse der Patienten und Angehörigen gewährleistet. Diese umfassen die Schweigepflicht, den Vertrauensschutz und das Primat der Behandlung gegenüber der Forschung.

Qualitätssicherung

Qualitätssicherung im Bereich der psychosozialen Onkologie beinhaltet die systematische und kontinuierliche Erfassung der psychosozialen Belastungen von Patienten und Angehörigen, systematische Dokumentation, die Durchführung evidenzbasierter Maßnahmen, die kontinuierliche Überprüfung und Bewertung psychoonkologischer Maßnahmen sowie die Sicherstellung einer regelmäßigen Supervision.

Empfehlung 25

Der Bedarf psychoonkologischer Betreuung von Patienten und Angehörigen wird systematisch mit angemessenen Instrumenten erhoben. Als geeignete, im deutschsprachigen Raum verfügbare Instrumente können zum gegenwärtigen Zeitpunkt folgende Fragebögen empfohlen werden:

- Hospital Anxiety and Depression Scale - deutsche Version,
- (HADS-D) Hornheimer Fragebogen,
- Symptom Checklist-90 (SCL-90) (vor allem Kurzversionen),
- Short Form-36 Health Survey (SF-36) (vor allem Kurzversionen).

Empfehlung 26

Die Basisdokumentation ist unverzichtbarer Bestandteil des Qualitätsmanagements und der psychoonkologischen Versorgung. Psychoonkologische Behandler führen eine vollständige Dokumentation der Patientenkontakte durch.

Empfehlung 27

In der Basisdokumentation sind administrative und soziodemografische Daten enthalten sowie Angaben zu Anamnese, psychosozialem Befund, Diagnose, Leistungsprofil und Leistungsaufwand. Dem Schutz persönlicher Daten ist hier in besonderem Maße Rechnung zu tragen.

Empfehlung 28

Die Basisdokumentation ist zeitökonomisch, reliabel, klinisch relevant und veränderungssensitiv.

Empfehlung 29

Ein kontinuierliches Qualitätsmanagement ist verpflichtender Bestandteil der psychoonkologischen Versorgung.

Empfehlung 30

Psychoonkologische Behandler orientieren ihre Arbeit an verbindlichen, schriftlich festgehaltenen Empfehlungen und Standards der psychoonkologischen Versorgung.

Empfehlung 31

Psychoonkologische Maßnahmen sind evidenzbasiert und werden kontinuierlich evaluiert.

Empfehlung 32

Psychoonkologische Mitarbeiter erhalten regelmäßig Supervision durch einen externen Supervisor, um ihre Arbeit und deren Ausführung zu reflektieren. Eine Frequenz der Supervision alle zwei Wochen, mindestens aber einmal im Monat wird für erforderlich gehalten.

Empfehlung 33

Das psychoonkologische Behandlungsteam hat die Möglichkeit eines regelmäßigen internen Austauschs über klinische, berufliche und verwaltungsbezogene Themen.

Empfehlung 34

Das psychoonkologische Behandlungsteam hat die Möglichkeit eines regelmäßigen Austauschs in Form von Fall- und Teambesprechungen mit den medizinischen und pflegerischen Behandlern zur Verbesserung der Patientenversorgung und der Arbeitsorganisation.

Empfehlung 35

Schulungen, Weiterbildung und Forschung sind integraler Bestandteil der psychoonkologischen Versorgung.

Schulung und Weiterbildung

Schulungs- und Fortbildungsmaßnahmen im Bereich der psychosozialen Onkologie beinhalten die Bereitstellung von Informationen für Patienten, Angehörige, für psychosoziale und medizinische Mitarbeiter, aber auch für andere Anbieter in der Gesundheitsversorgung und der allgemeinen Öffentlichkeit. Für Patienten und Familien können Schulungsangebote fundierte Entscheidungen und das Verstehen der Krebserkrankung unterstützen. Die Bereitstellung von Fortbildungsmaßnahmen durch psychosoziale Dienstleister in der Gesundheitsversorgung unterstützt eine kontinuierliche Verbesserung von Maßnahmen der beruflichen Entwicklung.

Empfehlung 36

Psychosoziale Schulungs- und Fortbildungsmaßnahmen berücksichtigen die individuellen Voraussetzungen der Teilnehmer und sind auf den Bedarf und die Interessenlage der jeweiligen Zielgruppe zugeschnitten.

Empfehlung 37

Als Bestandteil der Qualitätsverbesserung werden psychosoziale Schulungs- und Fortbildungsmaßnahmen sowie Materialien kontinuierlich evaluiert.

Forschung und Evaluation

Psychoonkologische Forschung ist für den Erkenntnisgewinn und die Weiterentwicklung psychoonkologischer Versorgungsangebote für Patienten und Angehörige ebenso unerlässlich wie der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die klinische Praxis.

Empfehlung 38

Innerhalb der psychoonkologischen Versorgung wird die Schaffung einer forschungsförderlichen Atmosphäre angestrebt. Dies geschieht durch die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Behandlern und Forschern mit anderen psychosozialen Einrichtungen, Krankenhäusern und Hochschulen und die Gewährleistung der Integration von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis.

Empfehlung 39

Die Evaluation psychosozialer Maßnahmen ist ein integraler Bestandteil der psychoonkologischen Versorgung.

Empfehlung 40

Psychoonkologische Mitarbeiter identifizieren für ihre Praxis relevante Forschungsvorhaben und integrieren Forschungsergebnisse in die Praxis.

Empfehlung 41

Psychoonkologische Forschungsvorhaben entsprechen dem wissenschaftlichen Standard und werden vor Durchführungsbeginn nach ethischen Gesichtspunkten geprüft.

Empfehlung 42

Einrichtungen, die Krebspatienten behandeln, unterstützen die Einwerbung finanzieller Mittel zur Förderung psychoonkologischer Forschung.

Kapitel 2: Die psychoonkologische Beratung

In den letzten Jahren hat sich durch die Integration von Ressourcenarbeit einiges in der psychoonkologischen Beratung geändert. Ähnlich wie in der Traumatherapie wird in der psychoonkologischen Beratung nicht automatisch auf das Schwere fokussiert, sondern bewusst mit den Klienten nach dem Positiven, nach Erfolgen und Fähigkeiten gesucht. Das hat den Charakter der psychoonkologischen Beratung verändert. Die Beratung ist „leichter“ geworden, ohne dass das Schwere, Traurige und Belastende heruntergespielt oder negiert wird. Dadurch können mehr Kräfte freigesetzt werden, nicht nur bei Krebspatienten auch bei Beratern und Therapeuten.

Es gibt viele schwierige Situationen nach der Krebsdiagnose. Dazu gehören die Angst, die Arztbesuche, Untersuchungen, Behandlungen, viele belastende Gespräche, viele Informationen, die verarbeitet werden müssen, und Entscheidungen, die getroffen werden sollen. Dazu kommen die Belastungen im familiären Bereich, wie Aufklärung der Kinder über die Erkrankung und Gespräche mit dem Partner oder der Partnerin.

Von den Patienten wir verlangt, dass sie kurz nach der Diagnosestellung die Situation meistern können, alles im Blick behalten, Entscheidungen treffen und nicht selten neben den belastenden Untersuchungen und Behandlungen noch die Familie versorgen. Als Folge tritt hierbei oft eine Überforderung auf, sodass die Betroffenen sich in allen diesen Bereichen handlungsunfähig erleben und deshalb oft seelisches Leiden verspüren. Die Patienten erleben dabei nicht selten, dass sie in einer Achterbahn der Gefühle leben, die sie häufig nicht kontrollieren können.

Krebskranken werden auch mit sehr vielen Ängsten konfrontiert, unter anderem mit der Angst vor:

- Sterben,
- Tod,
- Schmerzen,
- körperlicher Entstellung (Narben, Amputationen),
- Rezidiv,
- Metastasen,
- Arbeitsplatzverlust,
- finanziellen Krisen,
- Konflikten im familiären Bereich,
- sozialer Isolation,
- Leistungsverlust.

Die Angst wird von Gefühlen wie Wut, Scham, Schuld, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, innerer Unruhe, Selbstaufgabe, Suizidgedanken, Einsamkeit, Traurigkeit und Dünnempfindlichkeit begleitet. Nicht selten treten auch körperliche Veränderungen ein, die verarbeitet und integriert werden müssen.

Die psychoonkologische Beratung umfasst alle Phasen des Krankheitsgeschehens:

- Prävention,
- Früherkennung,
- Diagnose,
- Behandlung,
- Rehabilitation,
- Nachsorge,
- Integration in den Alltag,
- Palliation.

In den verschiedenen Krankheitsphasen werden unterschiedliche Anforderungen an den Krebskranken und den psychoonkologischen Berater gestellt.

1) Präventionsphase

Hier werden die Kranken mit der Angst vor einer katastrophalen Diagnose konfrontiert, was häufig den Weg zum Arzt und die Früherkennung verhindert. Die psychoonkologischen Berater können die Notwendigkeit der Prävention und der Früherkennung in Beratungsgesprächen, aber auch in Form von Vorträgen und Seminaren vermitteln. Der Berater sollte den Anlass des Untersuchungswunsches erfragen („Warum gerade jetzt?“).

2) Diagnostische Phase

Sie unterteilt sich in die Phase der Verdachtsdiagnose und der Phase der Diagnosemittelung. Bei der Verdachtsdiagnose können die Berater bei folgenden Problemen professionelle Hilfe anbieten:

- Erwartungsangst (Warten auf Diagnose als Wechselbad zwischen Hoffnung und Panik),
- „Nicht-wahr-haben-wollen“, Panikstimmung, Verdrängung, Verleugnung und Verzweiflung mit höchstem Angstniveau und innerer Erregung,
- einfühlsame Aufklärung mit Informationen zu Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten,
- Überinformation vs. zu wenig bzw. Falschinformation - erfragen und beheben.

In der Phase der Diagnosemittlung berichten die Patienten über viele verschiedene Belastungen und Emotionen, bei deren Bewältigung und Integration die psychoonkologische Hilfe angeboten werden kann. Dazu zählen:

- Schock, Angst, Zorn, Verleugnen, Verdrängen, Hilf-/Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit, Verzweiflung, innere Anspannung, Unruhe, Schuldgefühle, Scham;
- gewisse Erleichterung (Ende des Wartens), Gefühl der Herausforderung, gewisser Optimismus, Informationsdrang;
- Vorurteile über Folgen der Krebsdiagnose (Isolation, Leiden, Tod).

3) Behandlungsphase

Hier sind folgende Aspekte zu beachten:

- Zukunftsängste: Einsamkeit, Verlust des sozialen Umfelds und des Berufs, Isolation, Schmerzen, Identitätsverlust, Verlust der Selbstkontrolle, Nebenwirkungen der Behandlung;
- Aversionsreaktionen, Alpträume, Versuch, Gedanken an die Erkrankung zu vermeiden;
- andere konstruktive Ziele erarbeiten (wenn keine Hoffnung auf vollständige Tumorentfernung);
- neue Perspektiven schaffen;
- Hoffnung finden.

Wenn die Behandlungsphase ambulant verläuft, ist es wichtig, den Patienten und die Angehörigen über evtl. Nebenwirkungen der Chemotherapie oder Bestrahlung aufzuklären und Möglichkeiten zur nicht-medikamentösen Linderung der Beschwerden zu erarbeiten/anzubieten. Für weitere Fragen sollten telefonische Kontaktaufnahme ermöglicht und das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen aufgebaut und vermittelt werden.

Bei der stationären Behandlung finden sich häufig starke Verunsicherung bei Klinikeinweisung verbunden mit der starken Einschränkung der Intimsphäre und gefühlsmäßige Einsamkeit/Isolation, wobei die emotionale Ebene mit Familie/Freunden unterbrochen ist. Es zeigt sich außerdem eine Einschränkung der persönlichen Autonomie des Patienten.

Patienten bewahren Angehörige vor schlechten Gedanken und Nachrichten und umgekehrt. Eine der wichtigsten Aufgaben in dieser Phase ist, Gespräche zwischen dem Kranken und seinen Angehörigen in Gang zu bringen sowie kleine Hilfestellungen anzubieten.

4) Nachsorgephase

In der Nachsorgephase kehren viele Ängste zurück. Viele Patienten entwickeln Angst vor den Untersuchungsergebnissen, haben schlaflose Nächte. Je mehr gute Nachrichten die Patienten bei der Nachsorgeuntersuchung erhalten, umso größere Sicherheit wird entwickelt. Hier ist es wichtig, die Unterstützung der Familie zu sichern, die Termine können gemeinsam wahrgenommen werden, vor den Untersuchungen sollte man auf die Ängste und Gefühle eingehen.

5) Rehabilitationsphase

Sie ist die Zeit der Neuorientierung mit Fragen zu Erkrankung, aber auch zu bisheriger Lebensführung oder Identität. Das Leben hat sich durch den Krebs verändert. Es stellt sich die Frage, ob es „danach“ genau so bleiben sollte wie „bisher“. Was soll es bleiben, wovon will der Patient sich trennen? Wie soll „das neue Leben“ gestaltet werden? Viele Patienten haben nach einer langen Abwesenheit Schwierigkeiten, sich im Alltag zurechtzufinden. Die Zeit war bis jetzt mit Behandlungen, Therapien gefüllt und der Tagesablauf davon bestimmt.

6) Progrediente Phase

Hier findet die Reaktivierung des ersten Schocks der Diagnose statt. Es kann das Gefühl der Ohnmacht und des Scheiterns auftreten sowie die Zunahme depressiver Symptome. Bei fortschreitender Erkrankung kann große Unterstützung durch Aufenthalt in einem Hospiz oder Betreuung durch ambulantes Hospiz gewährleistet sein. In dieser Phase stellen sich häufig Ängste vor dem Sterben und dem Tod ein. Allerdings kann es mithilfe psychoonkologischer Interventionen eine große emotionale Befreiung sein, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen und dem Tod ins Auge zu blicken. Der möglicherweise bevorstehende Tod ist ein sehr starkes Argument, sich persönliche Freiheit einzuräumen und sie zu leben. Denn der wirkliche Tod ist eine endgültige Befreiung und Erlösung von Krankheit, Schmerzen, Vorstellungen und Zwängen. Die Patienten können erleben und ausprobieren, wie sich die Freiheit anfühlt - die Krebserkrankung stellt hier eine „Erlaubnis“ dar.

2.1 Richtlinien

In Deutschland gibt es Richtlinien (es sind keine festen Richtlinien, siehe Kapitel 1) für psychoonkologische Interventionen/Maßnahmen. Allerdings gelten die Empfehlungen für die Versorgung, die im Rahmen einer stationären Behandlung und dann im Rahmen der Nachsorge stattfindet.

Folgend ein paar Auszüge, die auch für die freien Praxen Gültigkeit haben:

Zu den Kernleistungen der psychoonkologischen Beratung zählen folgende Maßnahmen:

- Die vertiefte Information und Beratung durch den psychoonkologischen Berater in einem geschützten Umfeld mit dem Ziel der Linderung von Belastungen oder der Beratung bei aktuellen psychosozialen Problemen.
- Die sozialrechtliche Beratung als Information, Aufklärung und Unterstützung in der Wahrung sozialrechtlichen Patienteninteresses und bei Bedarf als Anleitung, zustehende sozialrechtliche Leistungen in Anspruch zu nehmen.
- Die vertiefte psychosoziale Beratung und Betreuung durch psychoonkologisches Personal als 25 psychoedukative Maßnahme mit Schwerpunkt auf Informationsvermittlung und Verständnisförderung, differentialdiagnostische Klärung der Ursachen und Schwere der „gravierenden“ psycho-sozialen Belastung.
- Die psychotherapeutische Interventionen mit der Ausrichtung auf konkrete Kompetenzen der Krankheitsbewältigung/Gesundheitsverhalten und der Selbstregulation.
- Unterstützung/Begleitung des Patienten in der selbst gesteuerten Krankheitsbewältigung.

2.2 Gesundheitsziele

Es werden folgende Ziele der psychoonkologischen Versorgung definiert:

Gesundheitsziel „Der verstehende Patient“

Die psychosoziale Basisversorgung schafft über die Patienteninformation und Aufklärung die Grundvoraussetzungen für ein angemessenes Krankheitsverständnis und die angemessene Auseinandersetzung aller Patienten mit den Anforderungen und Belastungen ihrer Krebserkrankung und stationären Krebstherapie.

Gesundheitsziel „Der befähigte Patient“

Die psychoonkologische Versorgung unterstützt einen konkret belasteten Patienten in seinen Bemühungen die Anforderungen und Belastungen seiner Krebserkrankung und Krebstherapie selbständig zu bewältigen und gibt konkrete Handlungsanleitungen zur Krankheitsbewältigung.

Gesundheitsziel „Der selbst-kompetente Patient“

Die psychoonkologische Versorgung berät und behandelt die beeinträchtigten Patienten mit der Zielsetzung, ihr Leiden zu lindern, ihre Lebensqualität zu verbessern und ihre persönlichen Kompetenzen im Umgang mit den Anforderungen und Belastungen ihrer Krebserkrankung und Krebstherapie zu stärken.

Dauer und Behandlungsfrequenz psychoonkologischer Beratung

Die Behandlungsfrequenz - Häufigkeit und Dauer -, in der einzelne psychoonkologische Versorgungsleistungen erforderlich sind und erbracht werden, ist von dem jeweiligen psychoonkologischen Patienten abhängig:

Patienten aus der Risikogruppe I (Zustand bei Krebserkrankung ohne zusätzliche psychosoziale Belastungen) nehmen meistens nur die psychosoziale Basisversorgung und nur in besonderen Situationen auch niederschwellige Versorgungsleistungen in Anspruch.

Patienten aus der Risikogruppe II (Zustand bei Krebserkrankung mit konkreten psychosozialen Belastungen) nehmen zumeist neben der psychosoziale Basisversorgung auch die niederschwellige Versorgungsleistungen in Anspruch.

Patienten aus der Risikogruppe III (Zustand bei Krebserkrankung mit gravierenden psychosozialen Belastungen) werden neben der psychoonkologischen Basisversorgung und den niederschwelligen Versorgungsleistungen insbesondere auch die psychotherapeutischen Versorgungsleistungen in Anspruch nehmen müssen.

Die Versorgungsdauer umfasst den Zeitraum, den ein individueller Patient in stationärer und ambulanter Krebstherapie ist. Dies entspricht dem Zeitraum der stationären Aufnahme bei Beginn der Erst- bzw. Rezidiverkrankung bis zur Zeitphase der Einleitung der Nachsorge (= ca. 2 Wochen nach letzter stationärer Entlassung).

Ausschlusskriterien

Eine eigentliche Kontraindikation der psychoonkologischen Beratung gibt es nicht. Die psychosoziale Basisversorgung kann man mit allen Patienten durchführen. Die Leistungen der niederschwelligen Versorgung und psychotherapeutischen Versorgung sind bei Indikation allen Patienten anzuraten. Im Fall einer psychiatrischen Erkrankung ist die psychoonkologische Versorgung in Kooperation mit einem Psychiater durchzuführen. Zugang zur psychoonkologischen Versorgung kann aufgrund religiöser, kultureller oder sprachlicher Barrieren erschwert sein. Der psychoonkologische Berater soll im Rahmen der psychoonkologischen Beratung möglichst ein psychoonkologisches Versorgungskonzept und Beratungsplan erstellen und mit dem Patienten besprechen.

Psychoonkologisches Versorgungskonzept: Erstellung eines schriftlichen Konzepts, in dem die Art und Weise der psychoonkologischen Beratung des Beraters dem Klienten gegenüber transparent gemacht werden kann.

Psychoonkologischer Beratungsplan: Entwicklung und Umsetzung eines psychoonkologischen Beratungsplanes, anhand dessen die Planung, Lenkung und Prüfung der Beratung durchgeführt werden kann. Sehr wichtig ist auch die Dokumentation: klare Vorgaben zu Art und Umfang der Leistungsdokumentation sowie dem Umgang mit Leistungsdaten.

2.3 Themen der psychoonkologischen Beratung

Die Aktivierung von Ressourcen soll schon im Erstgespräch erfolgen, speziell im Zusammenhang mit der Erhebung der biografischen Anamnese und der Krankheits-Anamnese. Neben den Themen wie Krebs und Erfahrungen mit der Krankheit werden nachfolgende Bereiche angesprochen:

- Ziele setzen,
- Hoffnung finden,
- Vertrauen aufbauen,
- Unterstützung der Schulmedizin,
- Aktivierung der Selbstheilung,
- Selbstwirksamkeit (kein Opfer!),
- Selbstbestimmung,
- Vermittlung zwischen Ärzten und Familie.

In der psychoonkologischen Beratung sollten PatientenInnen bereits im Erstgespräch mit Techniken zur Stressregulation vertraut gemacht werden. Dies kann zum Beispiel durch Entspannungs- und Atemübungen geschehen.

Durch den Schock einer lebensbedrohlichen Erkrankung können die Selbst- und Weltsicht und bisherigen Einstellungen und Verhaltensweisen tief erschüttert werden. Dieser Zustand tiefer Verunsicherung soll in der Beratung aufgenommen werden, denn er eröffnet auch die Chance, neue Wege und manchmal überraschend neue Perspektiven zu entdecken. Hilfreich sind hier individuelle und kreative Interventionen unter Einbeziehung möglichst vieler Sinnesmodalitäten. Die Arbeit mit Metaphern, Bildern und Symbolen fördert das Erleben und neue Einsichten.

Für die psychoonkologische Beratung kann nachfolgende Check-Liste verwendet werden:

- Botschaften der Erkrankung (sekundärer Krankheitsgewinn),
- zentrale Konflikte,
- Selbstwertgefühl,
- spirituelle Entwicklung ,
- ungelebtes Leben,
- Beziehungen,
- Lebenssinn.

Ziele der Arbeit mit der Check-Liste sind

- Befreiung von Altlasten,
- Identifizieren und Eliminieren von Stress,
- Korrektur von destruktiven Botschaften,
- Durcharbeiten zentraler Lebenskonflikte,
- Auflösung von chronischen negativen Gefühlen,
- Betrauern wesentlicher Verluste,
- Ausdruck bisher unterdrückter Gefühle,
- Entwicklung positiver Zukunftsvision.

2.4 Exkurs: sekundärer Krankheitsgewinn

Besondere Aufmerksamkeit muss auf den Umgang mit den möglichen positiven Auswirkungen, Bedürfnissen und Vorteilen, die mit der Krebserkrankung verbunden sind, gelegt werden. Manche Klienten organisieren ihr Leben, um die Krankheit herum. Der Berater muss herausfinden, womit sich der Klient im Falle einer vollständigen Heilung auseinandersetzen muss oder was er aufgeben muss, wenn die Krankheit nicht mehr da ist. Hier empfehlt sich insbesondere die Frage nach dem Nutzen zu stellen:

- „Was würde anders sein, was würde fehlen, wenn der Krebs plötzlich weg wäre?“
- „Was ist der Nutzen von Krebs? Liebe, Zuneigung, Aufmerksamkeit, die Fürsorge und die Pflege, die der Krebskranke während seiner Erkrankung bekommt?“
- „Wenn ja, was muss sich ändern, damit der Klient die Zuwendung und die Gefühle auch

OHNE Krebs erlebt?“

Durch Krebs entsteht oft ein neues Bewusstsein für sich, die Welt und die andere. Oft wird erst durch den Krebs manches erkennbar, was bis dahin verborgen blieb. Was muss der Klient in seinem Leben ändern, damit es ein Leben ist, das er leben möchte? Die Konfrontation mit dem möglichen Tod hilft den Klienten, das Unwichtige wegzulassen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

2.5 Psychoonkologische Interventionen

In dem stationären Klinikaufenthalt werden den Patienten verschiedene psychoonkologische Interventionen angeboten.

Hier einige der bekanntesten Methoden:

- tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TfP),
- Verhaltenstherapie,
- Imagination,
- Psychodrama,
- Bibliotherapie,
- Kunst- und Gestaltungstherapie,
- Gestalttherapie,
- körperorientierte Verfahren und Musiktherapie,
- Paar- und Familientherapie,
- Psychopharmakotherapie.

In der freien Praxis bieten die psychoonkologischen Berater Interventionen wie

- Entspannungsverfahren,
- Musik-und Kunsttherapien,
- ressourcenorientierte Verfahren,
- Gesprächstherapie,
- Aroma-Therapie,
- Geist-Körper-Therapien,
- Akupunktur,
- Yoga,
- meditativ-imaginative Verfahren.

Nicht unbedeutend für die Beratung ist die räumliche Ausstattung.

So sollte der psychoonkologische Berater über einen Einzelraum verfügen und einen Anrufbeantworter besitzen, sodass er ungestört die Beratung führen kann. Für Gruppengespräche wird ein kleiner, ruhig gelegener Gruppenraum empfohlen. Für die Durchführung persönlicher Gespräche im stationären Setting sollten Rückzugsmöglichkeiten bereitgestellt werden (ggf. in räumlicher Nähe zur Abteilung/Klinik).

In dem Beratungsraum bei Gesprächsführung sollte möglichst kein Schreibtisch den Berater und den Klienten trennen, der Berater soll auch ohne Handlungszwang in das Setting gehen, um zu direktes Vorgehen zu vermeiden.

Apparative Ausstattung

Der psychoonkologische Berater benötigt Telefon, Fax, Anrufbeantworter, einen PC mit Drucker und Standardsoftware, Materialien für die Therapiedurchführung, Fachliteratur. Die einfache Erreichbarkeit des Beraters ist technisch zu gewährleisten.

Zur Durchführung der diagnostischen Maßnahmen werden benötigt:

- Checklisten zur Ermittlung der Probleme und Bedürfnislage,
- Instrumente zur Erfassung der Klientenzufriedenheit,
- Checklisten für das Klientenmonitoring.

Zur Durchführung der Versorgungsmaßnahmen werden benötigt:

- psychoonkologisches Behandlungsprogramm inkl. Behandlungspfade,
- Versorgungsdokumente zur Planung, Lenkung und Prüfung der Patientenversorgung (ggf. als EDV-System),
- Trainingsprogramme und Materialien.

[...]


* Quelle: Zeitschrift für Medizinische Psychologie 2/2003; Mehnert et al.: Empfehlungen zur Psychoonkologischen Versorgung im Akutkrankenhaus, Med Psychol. 12 (2003), S. 77-84

Details

Seiten
107
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656039341
ISBN (Buch)
9783656039433
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181191
Note
Schlagworte
psychoonkologische/r berater/in fachtherapeut/in praxis handbuch ausbildung

Autor

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Titel: Psychoonkologischer Berater und Psychoonkologischer Fachtherapeut in der freien Praxis