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Kreuzzugsthematik im 'Willehalm' Wolframs von Eschenbach

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Rezeptionsgeschichte des ‚Willehalm‘

2. Der ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach
2.1 Inhalt
2.2 Der Verfasser des Willehalm: Wolfram von Eschenbach
2.3 Wolfram, umfassend theologisch gebildet?

3. Die Darstellung des Kreuzzugs im ‚Willehalm‘
3.1 Religiöse Motive
3.2 Willehalm - ein Märtyrer?
3.3 Die Frage der ungetauften Christenkinder
3.4 Darstellung des Kreuzzugs

4. Heutige Relevanz des Willehalm

5. Literatur
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internetquellen

1. Rezeptionsgeschichte des ‚Willehalm‘

Es ist wohl die Faszination am Stoff des ‚Willehalm‘ von Wolfram von Eschenbach, die dazu geführt hat, dass dieses Werk heute „als das am breitesten überlieferte Epos der mhd. Literatur”[1] gilt - Bumke berichtet von mehr als 90 Fragmenten und Exzerpten und von zwölf mehr oder weniger vollständig erhaltenen Handschriften.[2] Auch im vierzehnten Jahrhundert gab es noch Auftraggeber wie den Landgrafen Heinrich II. von Hessen oder König Wenzel, die Wolframs Geschichte des ‚Willehalm‘ derart interessierte, dass sie Handschriften des Textes in Auftrag gegeben haben. Die Bearbeitungen des ‚Willehalm‘ übersteigen den Rahmen der höfischen Epik, das Werk wird unter anderem auch lyrisch rezipiert. Ebenfalls findet es Eingang in die lehrhafte Dichtung, in die Legendendichtung und in die Geschichtsdichtung. Anspielungen auf den ‚Willehalm‘ sind in ‚Landgraf Ludwigs Kreuzfahrt‘, in Ottokar von Steiermarks ‚Österreichischer Reimchronik‘ oder in der ‚Schlacht bei Göllheim‘ Hirzelins zu finden. Strickers ‚Karl‘ ist an den Willehalm angebunden, der Willehalm-Zyklus ist in die ‚Weltchronik‘ Heinrichs von München eingearbeitet, Autoren haben Fortsetzungen des Stoffes verfasst, im 15. Jahrhundert wurde er in Prosa umgeschrieben.[3]

Was fesselt an einem derartigen Stoff? Es sind die großen Themen der Menschheit, die im Willehalm behandelt werden. Es geht nicht allein um Kreuzzüge, sondern vielmehr um die ‚minne‘ zwischen Menschen, der ‚minne‘ zu Gott und nicht zuletzt um Leben oder Tod.

Nach einer kurzen Einführung in den ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach sollen in der vorliegenden Arbeit Ursachen herausgearbeitet werden, die die zentrale Figur Willehalm dazu motivieren, in die Schlachten des Kreuzzugs zu ziehen. Liegt diese Motivation primär im Bereich des Religiösen, des Märtyrerhaften - spielen etwa der Wunsch nach Vergebung der Sünden und das Verlangen nach ewigem Leben die Rolle? Oder ist es doch allein die profane Liebe zwischen zwei Menschen, die diesen Kreuzzug hervorruft? Wie wird die gegnerische, also die heidnische Seite bewertet- gibt es im ‚Willehalm‘ die Idee eines universellen Gotteskindes oder nicht? Was ist über den Verfasser des Textes bekannt? Und über welche Bildung muss der Autor verfügt haben, um solch einen Text verfassen zu können? Entsprach er mit seiner Meinung dem Zeitgeist? Abschließend soll anhand der Erzählerkommentare interpretiert werden, welche wertende Position der Erzähler zu den Kreuzzugsgeschehnissen einnimmt.

2. Der ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach

2.1 Inhalt

Der ‚Willehalm‘ Wolframs von Eschenbach ist vermutlich nur fragmenthaft erhalten. Nach der Meinung Gerharts ist der Autor gestorben, bevor er das Werk vollenden konnte, Zeugnisse davon liefern Ulrich von Türheims ‚Rennewart‘ sowie Ulrich von Etzenbachs ‚Alexander‘. Die Meinung, dass der Tod eines Gönners wie des Landgrafen Hermann I. von Thüringen dafür verantwortlich sei, ist aufgrund der Popularität Wolframs und damit der guten Aussicht auf einen neuen Gönner als unwahrscheinlich zu bewerten.[4]

Der ‚Willehalm‘ ist ein zur damaligen Zeit neuartiges und multiperspektivisches Werk. „Der Erzähler erzählt aus verschiedenen konträren und komplementären heidnischen und christlichen Sichten, und er läßt zahlreiche Christen und Heiden in Gesprächen und Selbstgesprächen selbst zu Wort kommen.“[5] Der Inhalt lässt sich in groben Zügen folgendermaßen zusammenfassen:

Die Geschehnisse des ‚Willehalm‘ handeln während Kreuzzugszeiten um 1200, der Text berichtet explizit von zwei Schlachten, welche zwischen heidnischen und christlichen Parteien geführt werden. Der heidnische Großkönig Terramer landet mit seinem Heer in der Provence, wo es zur ersten Schlacht kommt. Anlass des Kampfes ist die Heirat des christlichen Markgrafen Willehalm ist mit der Tochter Terramers, welche heidnisch mit Tibalt verheiratet war und mit der christlichen Ehe den Namen Gyburg angenommen hat. Das heidnische Heer gewinnt, Willehalm gelingt es als Einziger, den feindlichen Truppen zu entkommen. Er flieht aus der Residenz Orange, um den französischen König um Unterstützung zu bitten. Ein Sohn Terramers namens Rennewart ist riesenstark und diente unerkannt am königlichen französischen Hof als Küchenjunge. Nicht zuletzt dank seiner Hilfe gewinnt das christliche Heer die zweite Schlacht, welche in Alischanz stattfindet. Rennewart indes bleibt unauffindbar, worüber Willehalm tief trauert. Er entscheidet sich, die heidnischen Fürsten einbalsamieren zu lassen und sie zusammen mit dem heidnischen König Matribleiz und einer Friedensbotschaft an Terramer zu senden.[6]

2.2 Der Verfasser des Willehalm: Wolfram von Eschenbach

Nun folgen wir der Frage, wessen Gedanken das Werk entstammt. Es besteht in der Forschung weitestgehend Konsens darüber, dass der Autor des ‚Willehalm‘ tatsächlich Wolfram von Eschenbach ist. Das liegt an der einfachen Tatsache, dass sich Wolfram selbst als „ich Wolfram von Eschenbach” (4,19)[7] bezeichnet und zudem auf sein vermutlich früheres Werk, den Parzival, verweist: “swaz ich von Parzival gesprach, des sin aventiure mich wiste, etslich man daz priste” (4,20-23). Alles, was man darüber hinaus über den Autor in seinen Werken lesen kann, wird heute im Gegensatz zur früheren Forschungsgeschichte als Ausgestaltung der Erzählerrolle verbucht, welche keinen realistischen biografischen Aussagewert hat.[8] Jedoch kann der Ort ‚Eschenbach‘ mit einiger Gewissheit lokalisiert werden, da mehrere Ortsnamen im Werke Wolframs überliefert sind. Im ‚Willehalm‘ ist von Kitzingen (vgl. 385,26), vom Wald Virgunt (vgl. 390,2), Nördelingen (vgl. 295,16) und vom Sant (vgl. 426,30) die Rede. All diese Orte liegen in der näheren Umgebung des fränkischen Ober-Eschenbach bei Ansbach, welches ihm zu Ehren nun Wolframs-Eschenbach genannt wird.[9]

2.3 Wolfram, umfassend theologisch gebildet?

Auch zur Frage der Bildung Wolframs von Eschenbach lassen sich einige Belegstellen im Willehalm finden. Im Prolog findet sich diesbezüglich folgendes Zitat: „swaz an buochen stet geschriben, des bin ich künstelos beliben. Niht anders ich geleret bin: wan han ich kunst, die git mir sin” (2,19-22). Joachim Bumke sieht hierin jedoch eine literarische „Auseinandersetzung mit dem Ziel, sich von den bildungsbewussten Dichtern abzusetzen, die lateinisch geschult waren.”[10] Vermutlich war Wolfram kein ‚litteratus‘, hatte also die Fächer des Trivium nicht studiert. In keinem seiner zahlreich überlieferten Quellenangaben ist ihm das ‚ich las’ unterlaufen. Seine überlieferten Lateinkenntnisse könnten auch aus mündlicher Tradition heraus erworben sein worden.[11] Fritz Peter Knapp widerspricht mit guten Gründen der These, Wolfram wäre des Lateinischen mächtig gewesen. So verwende Wolfram hauptsächlich arabisches und griechisches Material, lateinische Begriffe seien vor allem dem liturgischen Sprachgebrauch entnommen und an keiner Stelle seien die lateinischen Wörter flektiert.[12] Im Zentrum von Wolframs Interesse steht neben seinen Kenntnissen der Medizin, Naturkunde, Sternenkunde und Geographie laut Bumke vor allem der religiöse Diskurs seiner Zeit, was nicht allein die Kenntnis des liturgischen Fachterminus aufzeige.[13]

Fritz Peter Knapp ist jedoch anderer Meinung. Dass die theologische Bildung Wolframs keineswegs so umfassend zu sein scheint, wie es Forschende wie Bumke ihm gerne zuschreiben möchten, weist Knapp mittels folgender Begebenheit nach: Die Begriffe ‚heidnisch’ und ‚arabisch-muslimisch’ sind bei Wolfram oftmals gleichgesetzt, obwohl der erste für die ‚Nicht-Gläubigen’, der zweite jedoch sehr wohl für Gläubige an einen monotheistischen Gott steht. So betet im Parzival ein Heide namens ‚Flegetanis’ ein Kalb als Gott an und frönt so der Vielgötterei.[14] Freilich bleibt unklar, inwiefern die gebildete Schicht der europäischen Welt des dreizehnten Jahrhunderts sich derartiger Unterscheidungen bereits bewusst war. Richard Southern schrieb bereits 1962, dass es interessierten Menschen sehr schnell möglich gewesen sei, in Erfahrung zu bringen, dass die islamische Religion eine strikt monotheistische ist.[15] Falls dem realiter so gewesen sein sollte, bleibt es mit Knapp „rätselhaft, wie unter solchen Voraussetzungen sich die angeblichen muslimischen Götzendiener als Stereotyp in der volkssprachlichen Literatur des 12. und 13. JH.s [sic!] fast durchgehend halten konnten.”[16]

Abgesehen von derartigen theologischen Spitzfindigkeiten sah Wolfram sich mit dem existenten Glaubensschisma zwischen Muslimen und Christen konfrontiert und er hegt eine gewisse Sympathie für die Muslime, im Gegensatz zu seinen Dichterkollegen wie der Pfaffe Konrad oder dem Stricker. Dennoch bleibt er bei der die Realität verzerrenden Wahrnehmung von Sarazenen, welche Götzen dienen, stehen, was zeigt, dass er keineswegs einen umfassenden Zugang zu tiefgehenden theologischen Diskursen zu haben schien.[17] Vielmehr blieb er „doch wohl insgesamt in seiner laikalen Bildungswelt befangen, die weiter von der gelehrten ablag, als viele moderne Forscher es wahrhaben wollen.”[18]

Auch ist es auch durchaus möglich, dass Wolfram den Text nicht selbst schrieb, sondern vielmehr diktierte. So gehört es laut Gerhardt zur Aufgabe des Gönners, „die Bedingungen für die Verschriftlichung zu schaffen, also Schreiber und Schreibstoff zur Verfügung zu stellen.“[19] Diese These ist natürlich nicht verifizierbar, aber der Bildungsstand (eben nicht der des ‚litteratus‘) sowie das Selbstverständnis als Dichter bekräftigen dies zumindest.[20]

3. Die Darstellung des Kreuzzugs im ‚Willehalm‘

3.1 Religiöse Motive

Bereits im Prolog ist die Ausrichtung des Willehalm festgehalten, es handelt sich um ein religiös motiviertes Werk, denn: Es handelt sich hierbei um ein frommes Gebet an den trinitarischen Schöpfergott. „Ane falsch du reiner, Du dri unt doch einer, Schepfaere übere alle geschaft, ane urhap din stætiu kraft an ende ouch belibet” (1.1-1.5). „Es macht den Zuhörern deutlich, dass es in diesem Werk nicht um ritterliche Abenteuer geht wie in einem Artusroman, sondern um eine Geschichte, in der Religion zum Thema wird.”[21] Zugleich hat der Autor mittels des Prologs eine Verbindung zu dem Rolandslied des Pfaffen Konrad geschaffen - auch dieses beginnt mit einem Aufruf an den Schöpfer.[22] Die erzählende Perspektive ist also keineswegs eine objektive und neutral schildernde Instanz, sondern vielmehr eine aus dem Christentum wurzelnde und streng gläubige, die neben Christus zunächst keine andere Möglichkeit kennt: „du bist Christ, so bin ich kristen. Diner hoehe und diner breite, diner tiefen antreite Wart nie gezilt anz ende” (1,28-2,1). Das Prologgebet hat laut Bumke zwei Adressaten, einmal natürlich Gott, aber andererseits auch das zuhörende Publikum. Durch das Vorbeten will der Autor eine gewisse religiöse Autorität erreichen. Seine Hörer müssen ihm zustimmen, „da die Orthodoxie der Glaubenswahrheiten keine Diskussion erlaubt.“[23]

Auch im weiteren Verlauf des ‚Willehalm‘ lassen sich mehrere religiöse Spuren feststellen: Auf der Flucht Willehalms nach der ersten Schlacht begegnet er seinem tödlich verwundeten Neffen Vivianz. Diesem kommt die Funktion des Märtyrers zu, dessen „süeze wunden smeckent” (62,17) nach Spezerei und Ambra (vgl. 62,16). Es herrscht eine Aura der Heiligkeit. Im Angesicht des Todes legt Vivianz die Beichte bei dem Christenmenschen Willehalm ab. Seine Schuld ist indes marginal, im Tod sieht er sich als derjenige Leidensgenosse Jesu, welcher sich noch zu Jesus Christus bekannt hat und so mit ihm ins Paradies gelangen wird.[24] Neben dieser christlichen Konstante spielt auch die weltliche Minne eine Rolle, so bezeichnet Willehalm den Tod Vivianz‘ als Verlust für die Frauenminne (vgl. 64,5-6) - denn wäre er nicht so früh gestorben, „dann hätte er Minneritter werden können.“[25]

[...]


[1] Rupp, S. 57.

[2] vgl. Bumke 2004, S. 390.

[3] vgl. ebd., S. 395f.

[4] vgl. Gerhart, S.12.

[5] Liebertz-Grün, S. 383.

[6] vgl. ebd., S. 383f.

[7] Hier und im Folgenden in Klammer zitiert: Wolfram von Eschenbach: Willehalm. Text und Übersetzung, Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2003.

[8] vgl. Bumke 2004, S. 1.

[9] vgl. ebd., S. 1f.

[10] ebd., S. 6.

[11] vgl. ebd., S. 6.

[12] vgl. Knapp 2009, S. 182f.

[13] vgl. Bumke 2004, S. 7.

[14] vgl. Knapp 2009, S. 178f.

[15] vgl. Southern, S. 27.

[16] Knapp 2009, S. 179.

[17] vgl. ebd., S. 183f.

[18] ebd., S. 184.

[19] Gerhardt, S. 15.

[20] vgl. ebd., S. 14f.

[21] Bumke 2004, S. 276.

[22] vgl. Bumke 2004, S. 276.

[23] vgl. ebd., S. 367.

[24] vgl. ebd., S. 284.

[25] Greenfield, S. 239.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656038658
ISBN (Buch)
9783656038535
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181099
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Schlagworte
kreuzzugsthematik willehalm wolframs eschenbach

Autor

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Titel: Kreuzzugsthematik im 'Willehalm' Wolframs von Eschenbach