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„So it goes“?

Trauma, Erinnerung und false memory in Kurt Vonneguts "Slaughterhouse-Five"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlegende Annahmen: Science-Fiction vs. Psychische Störung

3. Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
3.1 Krankheitsbild
3.1.1 Definition nach ICD-10 und DSM-IV
3.1.2 Trauma und Erinnerung
3.1.3 Risikofaktoren und Komorbidität
3.1.4 PTBS bei Veteranen
3.2 Der Fall Billy Pilgrim I
3.3 Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung?

4. Dissoziative Identitätsstörung und False-Memory-Syndrom
4.1. Multiple Persönlichkeit - Dissoziative Identitätsstörung
4.2. False-Memory-Syndrom
4.3 Der Fall Billy Pilgrim II
4.3.1 Wer ist der Erzähler?
4.3.2 Tralfamadore als Pseudoerinnerung

5. Analyzing Billy Pilgrim: Ein Fazit

6. Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Im Jahr 1969 wurde Kurt Vonneguts Roman Slaughterhouse-Five veröffentlicht und hat Literaturkritiker und -wissenschaftler seither ausgiebig beschäftigt. Einigkeit hinsicht- lich der Interpretation der Erzählung um Billy Pilgrim herrscht nach wie vor nicht; dies zeigt sich bereits am Grundverständnis des Romans. So gehen einige Autoren von einer klassischen Science-Fiction-Geschichte aus, andere vermuten, Billy leide unter einer psychischen Störung. Gerade in der frühen Literatur zu Slaughterhouse-Five[1] wird in diesem Kontext häufig auf Schizophrenie verwiesen, die sich jedoch primär durch

[…] Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Gedan- kenausbreitung, Wahnwahrnehmung, Kontrollwahn, Beeinflussungswahn oder das Gefühl des Gemachten, Stimmen, die in der dritten Person den Patienten kommentieren oder über ihn sprechen, Denkstörungen und Negativsymptome […] (ICD-10 219) auszeichnet - Symptome also, die Billy Pilgrim keineswegs aufweist. In der neuesten Literatur zu Slaughterhouse-Five wird demgegenüber der Verdacht auf eine Posttrau- matische Belastungsstörung geäußert (cf. Vees-Gulani 176), welcher durchaus nahe- liegt. Mit dieser Theorie wird sich die vorliegende Arbeit beschäftigen. Eine detaillierte und an den aktuellsten Erkenntnissen der Psychologie orientierte Darstellung der Post- traumatischen Belastungsstörung soll eine Grundlage für die weiteren textnahen Unter- suchungen bilden.

Billy legt allerdings weitere psychische Auffälligkeiten an den Tag, welche nicht unmit- telbar auf eine Posttraumatische Belastungsstörung zurückzuführen sind. Am deutlichs- ten tritt hier seine anschauliche Vorstellung vom Besuch des Planeten Tralfamadore hervor. Diese erscheint Billy nicht als Halluzination, sondern vielmehr wie eine erlebte Erinnerung. In dieser Arbeit soll der Annahme nachgegangen werden, dass Billy unter einer Pseudoerinnerung oder false memory leidet. Deren Krankheitsbild und für das Verständnis notwendige Begrifflichkeiten sollen in einem entsprechenden Kapitel erläu- tert werden. Ein weiterer Punkt, in welchem hinsichtlich der Interpretation von Slaughterhouse-Five Uneinigkeit besteht, ist die Identität des Erzählers. Im ersten und letzten Kapitel wendet sich dieser direkt an den Leser, verweist allerdings auch in der Romanhandlung wiederholt auf seine Präsenz. Einige Kritiker nehmen an, es handle sich hier um Vonnegut selbst (cf. Edelstein 129), der sich an den Leser wendet, um sei- ne Ansichten zu vermitteln. Andere vermuten, es handle sich lediglich um eine weitere fiktive Figur im Gefüge des Romans, die Vonnegut möglicherweise einsetzt, um den Leser mit ihrer Identität zu verwirren. In diesem Punkt unterscheidet sich die vorliegen- de Arbeit massiv von ihren Vorgängern, denn die These zur Identität des Erzählers lau- tet: Es handelt sich in gewisser Weise um Billy selbst, um eine zweite Identität, die er aufgrund seiner schweren Traumatisierung ausgebildet hat, um das Erlebte zu verarbei- ten. Auch dies soll mithilfe psychologischer Fachliteratur nachgewiesen werden.

Die wissenschaftliche Basis für die literaturwissenschaftliche Untersuchung werden die zwei für die Diagnostik psychischer Krankheiten und anderer Störungsbilder bedeu- tendsten Handbücher darstellen. Zum einen soll die Internationale statistische Klassifi- kation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme in zehnter Revision, kurz ICD-10, verwendet werden, zum anderen das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders in Version vier, kurz DSM-IV. Das ICD-10 wird international ver- wendet und stellt das wichtigste Klassifikations- und Diagnosehandbuch weltweit dar. Ergänzend hierzu soll das DSM-IV verwendet werden, das ausschließlich psychische Erkrankungen und Störungen zum Inhalt hat und dementsprechend in einigen Punkten spezifischer ausfällt.

In ihrem Aufbau wird sich diese Arbeit folgendermaßen darstellen: Zunächst soll kurz erläutert werden, weshalb Slaughterhouse-Five nicht als Science-Fiction-Geschichte verstanden wird. Hierbei wird auf die Erzählweise des Romans und seinen Aufbau ver- wiesen, wobei dieser für ein besseres Verständnis in eine lineare Ordnung gebracht werden soll. Anschließend wird auf das Krankheitsbild der Posttraumatischen Belas- tungsstörung eingegangen, auf Besonderheiten und Risikofaktoren. Die hierbei gewon- nen Erkenntnisse sollen dann mit der Darstellung des Verhaltens von Billy Pilgrim im Roman abgeglichen werden. Gleichermaßen wird schließlich mit den Störungsbildern der Pseudoerinnerung und Identitätsstörung verfahren. Zuletzt soll ein Fazit erneut die vorgegebenen Thesen aufgreifen und zusammenfassend untermauern.

2. Grundlegende Annahmen: Science-Fiction vs. Psychische Störung Das Metzler-Literatur-Lexikon definiert Science-Fiction als

Romane, Erzählungen, Filme, Hörspiele und Comics, die sich spekulativ mit [künftigen, A.F.] Entwicklungen der Menschheit befassen: Weltraumfahrten und Reisen in [zukünftige, A.F.] (und vergangene) Zeiten, Entdeckung und Besied- lung ferner Himmelskörper, Begegnung und Auseinandersetzung mit deren mehr oder weniger fremdartigen Bewohnern, Invasionen und Besuche der Erde durch [extraterrestrische, A.F.] Wesen […]. (Keller 421)

Bezüge zur Science Fiction bestehen demnach in Slaughterhouse-Five in der Präsenz der Tralfamadorianer sowie Billys vermeintlichen Zeitreisen. Doch „every element of Billy‟s ‚sci-fi fantasy„ can be explained in realistic, psychological terms (Edelstein 129)”. Um dies zu verdeutlichen, ist es zunächst nötig, die Struktur des Romans aufzubrechen um so eine lineare Darstellung von Billys Werdegang zu ermöglichen. Grafisch wiedergegeben ergibt sich folgendes:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten [2]

Billys Gegenwart liegt im Jahr 1968. Er hat das Krankenhaus nach dem Flugzeugun- glück verlassen, seine Tochter Barbara kümmert sich um ihn und die letzten tatsächli- chen Worte lauten: „Father, Father, Father - what are we going to do with you? (S-F 135)“ (cf. Edelstein 129). Es kann angenommen werden, dass Billy die Szene seiner Ermordung lediglich imaginiert hat, da sie in direkter Verbindung zu der Drohung Paul Lazzaros steht (cf. 140ff.). Wie bereits erwähnt, wird in der vorliegenden Arbeit ange- nommen, Billy könne keine Zeitreisen unternehmen und es existierten auch keine extraterrestrischen Wesen. Dementsprechend ist es auch nicht möglich, dass der Erzähler, auf den später näher eingegangen wird,[3] von Billys wahrer Todesursache weiß, da er sich selbst im Jahr 1968 befindet (cf. 2).

Es soll weiterhin angenommen werden, dass die vermeintlichen Zeitreisen tatsächlich Flashbacks sind, die Billy erst nach 1966 erlebt. Auch dies soll noch genauer erläutert werden.[4] Nimmt man diese also aus der Erzählabfolge des Romans heraus, zeigt sich, dass die Kapitel zwei bis zehn linear Billys Erlebnisse im Krieg (und damit sein Trau- ma) wiedergeben. Hiermit täuscht der Roman den Leser: Es wird durch die subjektive Erzählweise des Erzählers, der im ersten Kapitel auf seine Präsenz hinweist und dies mehrfach im Verlauf der Handlung wiederholt, suggeriert, dieser lineare Erzählstrang sei die Rahmenhandlung oder Ausgangslage des Romans. Dementsprechend müsste Billy Zeitreisen erleben. Doch tatsächlich handelt es sich, wie schon erwähnt, um Flashbacks in den Jahren 1966 bis 1968 - diese Zeitspanne wiederum bildet die tatsäch- liche Rahmenhandlung. Dies soll im folgenden Kapitel durch die Untersuchung Billys auf eine Posttraumatische Belastungsstörung belegt werden.

3. Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

3.1 Krankheitsbild

Zwar ist anzunehmen, dass die Posttraumatische Belastungsstörung, häufig auch als Posttraumatisches Stresssyndrom bezeichnet, so alt ist wie die Traumatisierung selbst (cf. Maercker, „Symptomatik“ 14). Verwendet wird diese Diagnose jedoch erst seit 1980 und gewinnt seither zunehmend an Bedeutung - „epidemiologische Studien zei- gen, dass dieses Störungsbild zu einem nicht mehr zu vernachlässigenden Problem ge- worden ist (Fiedler 126)“. Entsprechend vielfältig ist die wissenschaftliche Literatur, weshalb in diesem ersten Kapitel zunächst das Störungsbild der Posttraumatischen Be- lastungsstörung anhand aktuellster Erkenntnisse zusammenfassend dargestellt werden soll. Die Grundlage hierfür werden die bereits vorgestellten Standardhandbücher ICD- 10 und DSM-IV dienen. Im Anschluss an die Erläuterung der Posttraumatischen Belas- tungsstörung soll vertiefend auf die Bedeutung von Erinnerungen hinsichtlich eines Traumas sowie Risikofaktoren und Komorbidität, also neben der Belastungsstörung auftretende Krankheitsbilder, eingegangen werden.

An dieser Stelle sollte zudem angemerkt werden, dass ICD-10 und DSM-IV in erster Linie zur Diagnose von (psychischen) Erkrankungen bei erwachsenen Menschen ver- wendet werden. Für Kinder gelten zum Teil abweichende diagnostische Kriterien, wel- che zwar ebenfalls in den genannten Standardwerken behandelt werden, für die vorlie- gende Arbeit jedoch nicht von Bedeutung sind und dementsprechend nicht weiter er- wähnt werden sollen.

3.1.1 Definition nach ICD-10 und DSM-IV

Nach der Definition des ICD-10 kann eine Posttraumatische Belastungsstörung, im Folgenden mit PTBS abgekürzt, durch „ein außergewöhnlich belastendes Lebensereignis […] oder eine besondere Veränderung im Leben, die zu einer anhaltend unangenehmen Situation geführt hat (236)“, entstehen. Dabei muss die Situation oder das Ereignis mit „außergewöhnlicher [d.h. potenziell lebensgefährlicher, A.F.] Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß (237)“ verbunden sein. Spezifischer fällt die Beschreibung von traumatisierenden Situationen im DSM-IV aus. Vorliegen muss ein extreme traumatic stressor involving direct personal experience of an event that involves actual or threatened death or serious injury, or other threat to one‟s physical integrity of another person; or learning about unexpected or violent death, serious harm, or threat of death or injury experienced by a family member or close associate […]. (DSM-IV 463)

Ein weiteres notwendiges Kriterium des DSM-IV für die Feststellung einer PTBS stellt die unmittelbare Reaktion des Betroffenen auf das Trauma dar; diese muss „intense fear, helplessness, or horror (463)“ beinhalten.

Im Gegensatz zu der akuten Belastungsstörung, kurz ABR, welche unmittelbar nach dem Erleben eines Traumas eintreten kann und „im allgemeinen innerhalb von Stunden oder Tagen abklingt (ICD-10 237)“, beginnt die PTBS nach einer Latenzzeit, welche zwischen wenigen Wochen und mehreren Jahren nach dem eigentlichen Trauma liegt. So genannte lebensgeschichtliche Wendeereignisse können als Auslöser fungieren, wo- bei sich häufig schon vor Ausbruch der PTBS Einzelsymptome zeigen (cf. Maercker, „Differenzialdiagnostik“ 6). Auch ein chronischer Verlauf der PTBS, von dem bei ei- nem Anhalten des Symptomkomplexes über mindestens sechs Monate ausgegangen wird, ist möglich (cf. 6). Zu den häufigsten Symptomen zählen

das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks), Träumen oder Albträumen, die vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit auftreten. […] Meist tritt ein Zustand von vegetativer Übererregtheit mit Vigilanzsteigerung, einer übermäßigen Schreckhaftigkeit und Schlafstörun- gen auf. (ICD-10 237)

Hinzu kommen „Vermeidungsverhalten, Ängste und emotionale Taubheit (Fiedler 127)“, die Betroffenen können zudem über lange Zeit in ihrem Alltag unter Einschrän- kungen leiden. Als unabdingbar für die Diagnose PTBS wird im DSM-IV grundsätzlich ein Anhalten des vollständigen Symptomkomplexes von mindestens einem Monat be- schrieben (cf. 463).

Grundsätzlich sind die Definitionen der PTBS in ICD-10 und DSM-IV nahezu identisch, widersprechen sich an keiner Stelle und unterscheiden sich nur teilweise in der Gewich- tung von Symptomen. Wie erwartet, präsentiert sich das DSM-IV in einigen Punkten ausführlicher und präziser, während das ICD-10 eine breite Definition des Störungsbil- des vorlegt. Zudem ist im DSM-IV eine Art Fragebogen zu finden, der die Diagnostik einer PTBS erleichtert. Dieser soll in einem Folgekapitel dieser Arbeit zum Einsatz kommen.

3.1.2 Trauma und Erinnerung

Besondere Aufmerksamkeit muss dem bereits angesprochenen ständigen Wiedererleben des Traumas zukommen, da dieses als „zentrales Bestimmungsstück der posttraumati- schen Belastungsstörung (Fiedler 127)“ gilt. Erinnerungen an das Trauma können in ihrer „Art und Intensität […] von belastenden Gedanken an das Trauma bis hin zur Un- fähigkeit, zwischen traumatischen Erinnerungen und der Realität zu unterscheiden (127)“, variieren. Aktives Erinnern ist durchaus möglich, bei Patienten mit PTBS je- doch lediglich in partieller Form, worauf später näher eingegangen werden soll. Häufige Formen des Wiedererlebens sind „Illusionen, Halluzination [und, A.F.] subjektives Trance-Erleben (Fiedler 131)“, hinzu kommen Flashbacks, welche gar so intensiv sein können, dass die Betroffenen „nicht mehr in ihr normales Leben [zurückfinden, A.F.], weil das Trauma sie immer wieder herausreißt (Breunig 20)“.

[...]


[1] Damit soll diejenige bezeichnet werden, welche gerade in den 1970er Jahren entstand.

[2] Nicht realitätskonform dargestellte Abstände auf der Zeitleiste sind hier beabsichtigt und dienen der Anschaulichkeit

[3] Vgl. hierzu 4.3.

[4] Vgl. hierzu 3.2.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656037347
ISBN (Buch)
9783656037798
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181006
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Kurt Vonnegut Slaughterhouse-Five false memory Posttraumatische Belastungsstörung Tralfamadore ICD-10 DSM-IV So it goes

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