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Möglichkeiten zur Legalisierung der Sterbehilfe in Deutschland

Seminararbeit 2008 16 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einführung

Begriffsdefinition
a) aktive Sterbehilfe
b) passive Sterbehilfe
c) indirekte Sterbehilfe

Hilfe zum Sterben oder Hilfe im Sterben?

Positionen in Geschichte, Gesellschaft und Kirche

Ein Versuch der Lösungsfindung

Literaturverzeichnis

Einführung

Mit dem 1. April 2002 trat in den Niederlanden ein Gesetz in Kraft, das die aus Patientensicht freiwillige und aus Ärztesicht aktive Sterbehilfe und die Beihilfe zum Suizid neu regelte. Damit wurde ein bedeutsamer Schritt in die Richtung unternommen, dass die aktive Sterbehilfe Teil der medizinischen Praxis werden konnte.[1]

Unter Einhaltung bestimmter Bestimmungen konnten in den Niederlanden von diesem Zeitpunkt an Ärzte, durch die Gabe eines todbringenden Medikamentes, das Leben eines Patienten aktiv beenden, ohne, dass er dafür bestraft werden musste.[2]

Ein halbes Jahr später, nämlich im September 2002, trat ein ähnliches Gesetz in Belgien in Kraft.[3] Grundsätzlich entspricht das belgische Gesetz der niederländischen Regelung, allerdings wird Wert darauf gelegt, dass es die Frucht eigenständiger Überlegungen sei.[4] Auch in der Schweiz setzen die Gesetzgeber, bzw. die Jurisdiktion Freiheitsstrafen nach erfolgter aktiver Sterbehilfe auf Bewährung aus, bzw. stellen die Verfahren ein.[5]

In Deutschland löste der Erlass der Sterbehilfe- und Euthanasiegesetze in den drei Nachbarländern eine kontroverse Debatte aus, immer wieder angeheizt durch Kampagnen des Schweizer Vereins Dignitas, der Freitodbegleitung und passive Sterbehilfe anbietet – und 2005 eine Dependance in Hannover eröffnete.[6]

Kirchen und - nicht nur - konservative politische Parteien lehnen eine aktive Sterbehilfe durch Berufung auf Bibel, Grundgesetz und den Eid des Hippokrates konsequent ab. [7]

Gibt es jedoch nicht ein Recht des Menschen auf einen Tod in Würde – im Zweifel durch die künstliche Herbeiführung des Todes zur Vermeidung unwürdigen Leidens? Was ist unwürdiges Leiden? Konterkariert die Tötung eines Menschen nicht in anderer Weise mit Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – auf den in Bezug auf das mutmaßlich würdigere Sterben eines euthanasiewilligen Menschen verwiesen wird?[8]

Was bedeutet nun Tod in Würde? Kann der gesunde Mensch sich erlauben, darüber zu urteilen, ob das Leiden des Sterbenden durch die Möglichkeiten der Palliativmedizin in einem Maß gelindert werden kann, das den Wunsch nach einer vorzeitigen Beendigung des Lebens unnötig macht? Oder ist es gar unmoralisch, wenn sich Kirche, Moraltheologen und Ärzte Behauptungen anmaßen, dass die Möglichkeiten der Palliativmedizin und der liebevollen Betreuung Sterbender ausreichend sind und Sterbehilfe nicht gefordert zu werden braucht.[9]

Kann man als gesunder Mensch das Leiden eines Todkranken tatsächlich adäquat beurteilen – oder spielt man in einer solchen Rolle in ähnlicher Weise Gott, wie auch ein Arzt, der einem Todkranken das todbringende Medikament verabreicht? Gehen wir von einem christlichen Weltbild aus, so muss sich auch die Frage aufdrängen, ob nicht – im Sinne der vieldiskutierten Theodizee-Frage und der Annahme, dass der Herr uns eigene Entscheidungsmöglichkeiten im Rahmen seiner Schöpfung, beispielsweise durch die Schöpfung des Menschen mit den Möglichkeiten seines Verstandes – der Mensch eben auch von Gott gegeben nicht nur die Freiheit, sondern medizinisch eben auch die Möglichkeit zu töten hat; mindestens in bestimmten Situation?

Oder legen wir die Theologie zu Grunde, dass Gott das Leben eines jeden Menschen lenkt und führt: Führt er dann nicht auch im Zweifel die Hand des Arztes, der die todbringende Spritze setzt, oder die Todespille verabreicht? Wäre dann nicht Sterbehilfe auch ein Teil des Werkes Gottes, bzw. Teil des göttlichen Planes eines jeden Menschen?

Die folgende Hausarbeit soll unter Beachtung der Gesichtspunkte einer theologisch-ethischen Entscheidungsfindung erläutern, ob und unter welchen Bedingungen Sterbehilfe in Deutschland möglich – und nötig – wäre.

Begriffsdefinitionen

Vor der eingehenden Auseinandersetzung mit der Frage nach der ethischen Vertretbarkeit der Legalisierung aktiver Sterbehilfe bzw. Freitodhilfe in Deutschland, sollten einige grundsätzlich für die Diskussion des Themas wichtige Grundlagen geschaffen werden. Dazu gehört eine Erklärung der Begrifflichkeiten a) aktive Sterbehilfe b) passive Sterbehilfe c) indirekte Sterbehilfe.

a) aktive Sterbehilfe

Was im Volksmund häufig als „Sterbehilfe“[10] bezeichnet wird, meint eigentlich die „aktive“ Sterbehilfe; und damit die bewusste, durch einen anderen Menschen, zum Beispiel einen Arzt, ausgeführte Tötung eines todkranken Menschen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass das todbringende Medikament direkt durch einen Arzt oder einen Angehörigen verabreicht wird.[11]

Gleichbedeutend mit dem Begriff „aktive“ Sterbehilfe ist der Begriff der „direkten“ Sterbehilfe.[12]

Unterschieden wird ebenfalls zwischen aktiver Sterbehilfe, die grundsätzlich das Verabreichen todbringender Medikamente meint und der Begriff der „Tötung auf Verlangen“, der den ausdrücklichen Wunsch des Todgeweihten voraussetzt.[13]

Anders als in den Niederlanden, seit dem Jahr 1994, ist die aktive Sterbehilfe in Deutschland als Tötungsdelikt strafbar. Hierbei findet §§ 211, 212 des StGB Anwendung. Im Falle des „ausdrücklichen und ernstlichen Verlangen des Opfers § 216 StGB.[14]

b) passive Sterbehilfe

Die passive Sterbehilfe heißt passiv, weil sich Ärzte und Pfleger gegenüber dem tödlichen Krankheitsverlauf eines Patienten „passiv“ verhalten. Das heißt: lebensverlängernde Maßnahmen werden nicht eingeleitet oder sie werden unterbrochen, wenn sich dadurch lediglich der Leidens- und Sterbeweg eines Patienten verlängert, jedoch die Aussicht auf Heilung nicht einstellt.[15]

Wohl aber befindet sich der Begriff „passive Sterbehilfe“ wegen mangelnder Griffigkeit und der Problematik des Missverständnisses in der Kritik. Man zieht es vor, von Behandlungsverzicht oder Behandlungsabbruch zu sprechen. Der Arzt ist nicht verpflichtet, eine für den Patienten sinnlos gewordene Behandlung um ihrer selbst Willen weiterzuführen und Leben mit allen Mitteln zu verlängern, nur um einen unausweichlichen Sterbevorgang aufzuhalten.[16]

Gleichwohl muss jedoch bedacht werden, dass die durchaus noch übliche Begrifflichkeit der „passiven Sterbehilfe“ keineswegs die passive Haltung gegenüber dem Patienten beinhaltet, vielmehr bei einer Entscheidung für die passive Sterbehilfe eine intensive, aktive und liebevolle, wenn möglich palliativmedizinische Betreuung des Sterbenden nötig wird; möglicherweise auch in stationären Hospizen.[17]

Juristisch stellt die passive Sterbehilfe eine größere Herausforderung dar. Der Arzt ist eigentlich verpflichtet, das Sterben eines Kranken zu verhindern. Unterlässt er dies, macht er sich des Tatbestands der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Allerdings respektiert die Rechtsordnung das Recht des Patienten auf ein „Sterben in Würde“. Ist der Patient bei Bewusstsein und lehnt eine weitere Behandlung im Sinne der passiven Sterbehilfe ab, so hat sich der Arzt zu beugen. Schwierig wird es jedoch, wenn der Patient nicht bei voller Sinneskraft ist und keine Patientenverfügung vorliegt. Dann muss entweder der „mutmaßliche Wille“ des Sterbenden zu Rate gezogen werden, oder durch die Befragung der nächsten Angehörigen der mutmaßliche Wille ausgelotet werden.[18] [19]

c) indirekte Sterbehilfe

Neben der aktiven und passiven Sterbehilfe wurde von juristischer Seite der Begriff der indirekten Sterbehilfe eingeführt. Diese meint das nicht beabsichtigte Beschleunigen des Eintritts des Todes. Dies kann beispielsweise durch die Gabe von schmerzlindernden Medikamenten in der Phase der palliativmedizinischen Betreuung eines Schwerstkranken erforderlich sein. Rechtlich stellt diese Form der Sterbehilfe kein Problem dar, wenn der Patient aufgeklärt ist und seine Einwilligung gegeben hat. Die Sicherung einer gewissen Lebensqualität in der letzten Phase steht über der Verlängerung des moribunden Lebens. Geregelt wird dies durch die „Amtliche Sammlung der Entscheidung des Bundesgerichtshofs in Strafsachen“, Band 42, 301.[20]

Generell wirft sich bei der Betrachtung aller drei Formen der Sterbehilfe die Frage auf, ob es ethisch überhaupt einen Unterschied macht, ob man aktiv, passiv oder indirekt zum Tod bewirkt. Ist nicht die Folge allen beschriebenen Handelns und Unterlassens der Tod?

Hilfe zum Sterben oder Hilfe im Sterben?

Erwähnenswert scheint in diesem Zusammenhang auch ein Gedanke zum Begriff der Sterbehilfe auf einer germanistisch-semantischen Ebene.

So ist auf diesem Sprachniveau nicht geklärt, dass „Sterbehilfe“ Hilfe zum Sterben meint. Gemeint könnte auch eine Hilfe im Sterben sein.

Tatsächlich gibt Albin Eser in seinem Lexikon zu „Medizin, Ethik und Recht“ in diesem Gedanken Recht. Beinhaltete doch der Begriff „Sterbehilfe“ „ursprünglich das, was wir heute unter Sterbebegleitung und Sterbebeistand“ verstehen.[21] Erst der Missbrauch des Wortes „Euthanasie“ durch das Nazi-Regime[22] und die daraus folgende Vermeidung desselben machte die semantische Neubelegung des Wortes „Sterbehilfe“ nötig.

Generell scheint noch ein weiterer Aspekt von allgemeinem Interesse: In Belgien und den Niederlanden ist die aktive Sterbehilfe erlaubt[23]. In der Schweiz jedoch ist nur die Freitodhilfe[24] legal – anders gesprochen: die Beihilfe zum Suizid. Aktive Sterbehilfe wird durch Artikel 114 des Schweizer Strafgesetzbuches verboten.[25]

[...]


[1] SCHÄTZLE et al, Sterben in Würde, 235

[2] SCHÄTZLE et al, Sterben in Würde, 238

[3] SCHÄTZLE et al, Sterben in Würde, 251

[4] ebd.

[5] SCHÄTZLE et al, Sterben in Würde, 262

[6] www.dignitas.ch vom 20.03.2008, 13:48

[7] Zitiert nach www.uni-heidelberg.de/institute/fak5/igm/g47/bauerhip.htm um 13:53 „Ich werde niemandem, nicht einmal auf ausdrückliches Verlangen, ein tödliches Medikament geben, und ich werde auch keinen entsprechenden Rat erteilen; ebenso werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel aushändigen.“

[8] DREIER, Grundgesetz, 5

[9] Vgl. WEYRICH, 0700Nighttalk - Sterbehilfe, Sendung vom 13. November 2005, 22:00 – 0:00 Uhr, bigFM / KiP-Radio, Stuttgart

[10] Der Begriff „Sterbehilfe“ im Zusammenhang mit der aktiven Tötung eines Todkranken (zur semantischen Ebene des Begriffs Sterbehilfe folgt ein eigenständiger Gedanke in dieser Hausarbeit) findet erst seit den 1970er-Jahren Verwendung. Zuvor wurde der Begriff „Euthanasie“ gebraucht. In Hinblick auf die Verunglimpfung des Begriffs „Euthanasie“ durch die NAZI-Schergen in Bezug auf Tötung von nach Nazi-Auffassung „unwerten Lebens“ wird heutzutage das Wort „Euthanasie“ vermieden. Vgl. auch: ESER, Medizin, Recht, 1086

[11] HUNOLD, Lexikon der christlichen Ethik, 1703

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] HUNOLD, Lexikon der christlichen Ethik, 1704

[15] ESER, Lexikon Medizin, Ethik, Recht, 1088

[16] HUNOLD, Lexikon der christlichen Ethik, 1703

[17] ESER, Lexikon Medizin, Ethik, Recht, 1088; siehe auch Kapitel: „Ein Versuch der Lösungsfindung“

[18] HUNOLD, Lexikon der Christlichen Ethik, 1705

[19] Die besondere Schwierigkeit in diesem Falle besteht darin, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass bei einer solch schwerwiegenden Entscheidung durch angehörige Materielle Dinge eine Rolle spielen (Erbschaft).

[20] Zitiert nach HUNOLD, Lexikon der christlichen Ethik, 1705

[21] ESER, Lexikon Medizin, Ethik, Recht, 1087

[22] Siehe Auch Fußnote 10 dazu auf Seite 5

[23] vgl. SCHÄTZLE, Sterben in Würde, 236 – 237 – wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind (z.B. die Hinzuziehung eines weiteren ärztlichen Gutachters, der freie Wille des Patienten…)

[24] Bekannt geworden durch Organisationen wie „Exit“ und „Dignitas“. Letztere Organisation hat 2005 unter Protest der Kirchen eine Zweigstelle in Hannover eröffnet. Dieser Verein, der Freitodbegleitungen anbietet, erfreute sich sofort regen Zulaufs innerhalb der Deutschen Bevölkerung. Schon vor der Gründung der Filialstelle in Deutschland waren viele Deutsche Mitglieder in dem Schweizer Verein, der ausdrücklich auch für Bürger anderer Staaten die Freitodbegleitungen anbot. Vgl. FLAßPÖHLER, Mein Wille Geschehe, 10, 11

[25] FLAßPÖHLER, Mein Wille Geschehe, 11

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656041641
ISBN (Buch)
9783656041535
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180998
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Katholische Theologie
Note
3,0
Schlagworte
möglichkeiten legalisierung sterbehilfe deutschland

Autor

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Titel: Möglichkeiten zur Legalisierung der Sterbehilfe in Deutschland