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Moderne und Fundamentalismus bei Sayyid Qutb

Magisterarbeit 2011 124 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1.1. These und Aufbau
1.2. Überblick über die Forschung

II. Historische Hintergründe
II. 1. Moderne und Antimodernismus
11.1.1. Moderne und ihre Gegner bis 1945
II. 1.2. Fundamentalismus und neuerer Antimodernismus seit 1945
11.2. Der Kampf um die Moderne in Ägypten
11.2.1. Beginn der Modernisierung Ägyptens unter Mehmet Ali
11.2.2. Schuldenkrise und ausländischer Einfluss
11.2.3. Kriege und Befreiung
11.3. Sayyid Qutb
11.3.1. Kindheit und beginnendes politisches Engagement
11.3.2. Abwendung vom Westen

III. Fundamentalismus - Konzeptionen und Merkmale
III. 1. Definitionen
111.2. Herkunft des Begriffs
111.3. Merkmale
111.3.1. Reaktion auf Moderne
111.3.2. Selektivität
111.3.3. Moralischer Manichäismus
111.3.4. Millenarismus und Messianismus
111.3.5. Selektivität und Unfehlbarkeit der Quellen
111.3.6. Organisatorische Merkmale
111.4. Kritik und innertheoretische Kontroversen
111.5. Andere Begriffe

IV. Die Moderne und ihre Werte
IV. 1. Rationalität als bestimmende Kraft
IV. 2. Individualismus - die Person im Mittelpunkt
IV. 3. Aktivismus - Aufbruch und Wandel
IV. 4. Universalismus - Gleichheit und Freiheit
IV. 5. Säkularisierung - Entzauberung der Welt
IV. 6. Liberale Demokratie als Ausformung der Moderne und ihrer Werte

V. Fundamentalismus und Moderne bei Qutb
V. 1. Fundamentalismus und Moderne im Widerstreit
V. 1.1. Nutzung und Konflikte: Rationalität und Fundamentalismus
V. 1.2. Zwischen Verachtung und Notwendigkeit: Individualismus und Fundamentalismus
V. 1.3. Gemeinsamkeiten: Aktivismus und Fundamentalismus
V. 1.4. Gleichheit versus Einzigartigkeit: Universalismus und Fundamentalismus
V. 1.5. Auslöser und Feind: Säkularisierung und Fundamentalismus
V.1.6. Arena oder Bezwinger des Fundamentalismus? Liberale Demokratie und Fundamentalismus
V.2. Moderne und Fundamentalismus in Qutbs Ideologie
V.2.1. Die zentralen Begriffe Jahiliya und Hakimiya
V.2.1.1. Jahiliya
V.2.1.2. Hakimiya
V.2.2. Gesellschaft, Individuum und Jahiliya
V.2.2.1. Die Stellung des Individuums und der Gesellschaft bei Qutb
V.2.2.2. Erneuerung der religiösen Eliten und wahre Theologie
V.2.3. Staat und Gesellschaft bei Qutb
V.2.3.1. Grundlangen und Funktionen des Staates
V.2.3.2. Rechtsstaat und Widerstandsrecht
V.2.4. Wissenschaft zwischen Glaube und Moderne

VI. Das ambivalente Verhältnis des Fundamentalismus zur Moderne
VI. 1. Fundamentalismus als antimoderne Bewegung
VI. 2. Fundamentalismus als moderne Bewegung
VI. 3. Die Möglichkeiten moderner Demokratien hinsichtlich fundamentalistischer Bewegungen

VII. Ausblick

VIII. Quellen

I.Einleitung

I.1. These und Aufbau

Sayyid Qutb war einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste islamische Fundamentalist. Seine Werke beeinflussten jahrelang die Politik der Muslimbruderschaft, später islamische Terrorgruppen und sogar in der al-Qaida von Osama bin Laden und al-Sawahiri finden sich Denkstrukturen und Motive Qutbs.

Er lebte in einer der turbulentesten Phasen der jüngeren Geschichte Ägyptens, in der sich das Land aus der Kolonialherrschaft Großbritanniens unter großen Anstrengungen befreite und einen eigenen Weg suchte.

Bekannt wurden vor allem die letzten, fundamentalistischen Werke, die er gegen Ende seines Lebens geschrieben hatte und die zum Teil erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, wie es im Falle des Buches Meilensteine geschah.

Qutb selbst war indes mehr: Nationalist, säkularer Demokrat, Sozialist und Reformist. In seinem Leben spiegeln sich alle möglichen Versuche der arabisch-islamischen Welt, der Moderne und ihren Auswirkungen zu begegnen. Er begann als überzeugter Anhänger westlicher Ideen und forderte ihre Umsetzung in Ägypten und der islamischen Welt, dann wandte er sich sozialistischen Ideen und unter dem Eindruck anhaltender Fremdherrschaft in Ägypten fundamentalistischer Ideologie zu. Die vorliegende Arbeit versucht anhand Qutbs Ideen Spannungen und Brüche innerhalb der fundamentalistischen Ideologie aufzudecken, die aus dem Verhältnis zur Moderne herrühren.

Die Arbeit wird versuchen, folgende These zu bewerten und auf ihre Gültigkeit in der Ideologie Qutbs hin zu untersuchen: Fundamentalismus produziert aufgrund eines ambivalenten und unklaren Verhältnisses zu den Werten der Moderne in seiner Ideologie Spannungen und Brüche hinsichtlich der Frage, wie mit den Werten der Moderne umgegangen werden solle, sodass diese die Auflösung fundamentalistischer Bewegungen nach sich ziehen können. Diese Spannungen und Brüche in der Ideologie entstehen vor dem Hintergrund eines Verhältnisses zur Moderne, das von einer Mischung aus Ablehnung, Integration und Notwendigkeit geprägt ist. Diese These soll an dem konkreten Beispiel des fundamentalistischen Denkers Sayyid Qutb dargelegt werden und mögliche Besonderheiten in der Ideologie des wichtigsten Vertreters des islamischen Fundamentalismus aufzeigen, aber auch allgemeine Aussagen zu Spannungen und Friktionen im Verhältnis zur Moderne treffen.

Der erste Abschnitt der Arbeit stellt die Geschichte der Moderne und ihre Gegner bzw. Kritiker dar. Ausgehend von der Aufklärung und der im Gefolge der Französischen Revolution stürmischen Verwandlung der westlichen Welt, einer Industrialisierung und eines Wandel der sozialen Strukturen und Institutionen sollen die Verläufe der Moderne und anti-moderner Bewegungen sowie Merkmale und Übereinstimmungen anti-moderner Kritik skizziert werden. Anschließend werden die sozioökonomischen Modernisierungsversuche in Ägypten seit etwa 1800 vorgestellt und die sozialen Folgen dieser Prozesse.

Anknüpfend an diese Beschreibung der Modernisierung in Ägypten wird anhand von Qutbs Leben exemplarisch das Ringen mit der und um die Moderne im arabischen Raum erläutert. Wie schon oben angesprochen gab es in der jüngeren Geschichte verschiedene Möglichkeiten, die arabisch-islamische Welt zu modernisieren. Diese Versuche können mit Übernahme und vollständiger Integration westlicher Ideen[1], Reformismus, d. h. Modernisierung auf Grundlage und mithilfe der eigenen Kultur sowie vollständiger Ablehnung der Moderne und kultureller Regression (Fundamentalismus) charakterisiert werden.[2] Der zweite Abschnitt widmet sich der Konzeption des Fundamentalismus, der Herkunft des Begriffes, seinen Merkmalen sowie theorieinternen Kontroversen, Kritik und alternativen Begriffen, die anstelle des Ausdrucks Fundamentalismus benutzt werden.

Auf die Erläuterung der Merkmale fundamentalistischer Bewegungen und Ideologien folgt eine Darstellung der Merkmale und Werte der Moderne. Aufgrund der Stringenz und breiten Rezeption Münchs werden in dieser Arbeit seine Begriffe zur Charakterisierung der Moderne und ihrer Werte herangezogen: Individualismus, Universalismus, Aktivismus und Rationalität. Daneben sollen jedoch nicht die Überlegungen beispielsweise von Habermas oder Beck unerwähnt bleiben. Diese beinhalten in ähnlicher oder gleicher Form die von Münch analysierten Werte, ergänzen diese jedoch noch um andere Merkmale, z. B. organisatorische Aspekte. Da diese und andere Ansätze besonders die Stellung des Säkularismus und der (liberalen) Demokratie in der Moderne betonen, sollen diese ebenfalls betrachtet werden. Zudem stehen gerade Säkularismus und Demokratie im Fokus fundamentalistischer Bewegungen.

Daran anschließend soll in einer vergleichenden Analyse das Verhältnis von modernen Werten und Fundamentalismus erst in allgemeiner Form, danach am Beispiel Qutb beschrieben werden. Das Kapitel, das sich mit der Ideologie Qutbs befasst, folgt dabei den Hauptmotiven in seinen Werken, die die Stellung des Individuums in der Gesellschaft, der Religion im Staat sowie der Wissenschaft zwischen Vernunft und Glauben definieren.

I.2. Überblick über die Forschung

Das Verhältnis von Religion und Politik, insbesondere Religion und Demokratie ist Gegenstand zahlreicher kontroverser Debatten und Bücher. Neben vielen Zustandsbeschreibungen, Einzeldarstellungen von bestimmten Ausschnitten existieren normative Darstellungen etlicher philosophischer Größen.[3] Eine Darstellung des gesamten Forschungsstandes ist in dieser Arbeit nicht Ziel und darüber hinaus nicht notwendig, da lediglich ein kleiner Teilbereich religiöser Gefühle und politischer Bewegungen beschrieben wird. Dessen ungeachtet ist dieser Ausschnitt - Fundamentalismus - von nicht geringer Bedeutung und Relevanz, da sich gerade in diesem Bereich große Konflikte auftun. Die Arbeiten zum Thema Fundamentalismus lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen, die ihrer unterschiedlichen Zielsetzung entsprechen. Arbeiten beispielsweise von Armstrong oder auch in Teilen Riesebrodt versuchen eine historisch­vergleichende Analyse von Entstehung und Niedergang fundamentalistischer Bewegungen. In der Regel werden dabei vor allem die abrahamitischen Religionen betrachtet. In dem großen Fundamentalism Project von Marty und Appleby, das neben einer historisch-vergleichenden Herangehensweise eine breit rezipierte und akzeptierte Definition hervorbrachte, wurden dagegen fundamentalistische Bewegungen aller Weltreligionen untersucht. In einem weiteren Werk der Autoren (gemeinsam mit Almond), Strong Religion, werden die Ergebnisse des Fundamentalism Project weitergeführt. Beide Werke gemeinsam mit Riesebrodts Darstellungen fundamentalistischer Bewegungen sollen in dieser Arbeit aufgrund ihrer hohen Akzeptanz hinsichtlich der Resultate in Theorie und Empirie einen wichtigen Platz einnehmen. Dennoch sollen verschiedene Monografien anderer Wissenschaftler, die sich oftmals bestimmte Aspekte fundamentalistischer Bewegungen herausgreifen, nicht vernachlässigt werden. Dazu zählen etwa die Arbeiten Pförtners und Jäggi/Kriegers, deren Interesse vor allem den sozialpsychologischen Dimensionen des Fundamentalismus gilt.

Deskriptive Ansätze zur Moderne als Antagonist liefern unter anderem Habermas in seinen bekannten Werken Der philosophische Diskurs der Moderne oder Die Moderne - Ein unvollendetes Projekt und Münch in seinen Werken zur Struktur und Kultur der Moderne, die durch Rationalität, Universalismus, Aktivismus und insbesondere Individualismus gekennzeichnet ist. Teilbereiche der Moderne wie Regieren in der („Zweiten“) Moderne und gerechte Verteilung in modernen Gesellschaften beschreiben Beck in seinen Schriften über die Risikogesellschaft - ein von ihm geprägter Begriff - oder auch Giddens, dessen Forschungen neben der Moderne und ihren Auswirkungen auf Regieren und das Individuum auch den sogenannten Dritten Weg in der modernen, postideologischen Demokratie behandeln.

Sayyid Qutbs Leben und Ideologie erfuhren nach dem (erneuten) Aufkommen islamischen Fundamentalismus und Terrorismus mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA gesteigertes Interesse. In der Folge wurden vermehrt Texte und auch wissenschaftliche Betrachtungen publiziert, daneben stieg ebenso die Neugier journalistischer Kreise. Das Fehlen englischer Übersetzungen behinderte zu Beginn umfassende Analysen des Lebens und der Ideologie Qutbs. Beispielsweise greift Berman aus Mangel an Primärquellen in seinem Essay Terror und Liberalismus auf Teile eines Korankommentars zurück. Dagegen kann Damir- Geilsdorf in ihrer jüngst erschienenen Doktorarbeit über Sayyid Qutb auch frühe Werke wie Kurzgeschichten oder Gedichte in ihrer Arbeit berücksichtigen und ein vollständigeres Bild über Qutb bieten. Calverts Darstellung weist eine noch ausführlichere und genauere Beschreibung der ideologischen Entwicklung auf und ist demzufolge eine breit rezipierte Quelle für andere Arbeiten. Wright wiederum stellt in seiner eher journalistischen als wissenschaftlichen Arbeit über die Vorgeschichte von 9-11 in einigen dennoch lesenswerten und quellenreichen Kapiteln das ideologische Erbe Qutbs in den Vordergrund. Daneben widmet er dem Aufenthalt Qutbs in den USA viel Raum.

Spezielle Aspekte der Ideologie Qutbs behandeln etwa Khatab oder umfangreicher auch Damir- Geilsdorf. Daneben bestehen einige kleinere Artikel zu bestimmten Teilbereichen der Ideologie bzw. des Lebens Qutbs. Der schon angesprochene Berman stellt den Gegensatz Liberalismus bzw. liberale Demokratie und Fundamentalismus Qutbs in den Vordergrund.

Im Gegensatz zu den vielen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen im Bereich des Fundamentalismus wurde zu Sayyid Qutb und seinem Denken insgesamt weniger publiziert. Dies liegt zum einen an der relativ geringen Bekanntheit Qutbs bis in jüngere Zeit, zum anderen an der Tatsache, dass nur einige Werke Qutbs aus dem Arabischen übersetzt wurden. Die Hauptwerke der fundamentalistischen Phase Qutbs sind jedoch in großen Teilen heute in englischer Übersetzung verfügbar.

Während es folglich im westlichen Raum für Arbeiten zum Verständnis der Entwicklung des Denkens Qutbs noch an ausreichenden Übersetzungen mangelt, kranken Untersuchungen im arabischen Raum oft an fehlender Objektivität und kaum verhohlener Sym- oder Antipathie.[4] Die in dieser Arbeit verwendeten Quellen sind Milestones, Social Justice in Islam, eine Übersetzung des Berichts über die Erlebnisse in den USA sowie zwei Werke, die in deutscher Übersetzung vorliegen, Dieser Glaube der Islam und ein autobiografischer Bericht über die Jugendjahre Qutbs, Kindheit auf dem Lande. Zudem wird eine eigene Übersetzung eines Teils von Dirasat Islamia für die Arbeit herangezogen.[5] Eine vollständige Übersetzung dieses wichtigen und sehr umfangreichen Werkes ist bislang noch nicht vorhanden, könnte aber das Verständnis der Qutb’schen Ideenwelt unterstützen.

II.Historische Hintergründe

11.1. Moderne und Antimodernism us

11.1.1. Moderne und ihre Gegner bis 1945

Die Moderne bezeichnet eine Umwälzung in Geistesgeschichte, Politik, Ökonomie und Kultur, deren Beginn gewöhnlich auf das 17. oder 18. Jahrhundert datiert wird, da vielerorts das ancient regime durch Revolutionen hinweggefegt wurde, Nationalismus aufblühte und demokratische Strukturen aufgebaut wurden. Im ökonomisch-politischen Bereich lösten neue Wirtschaftsformen das alte feudalistische System ab und eine Steigerung der Produktion und des wissenschaftlichen Fortschritts aus.

Reformation und Humanismus führten zu Wertewandel und im Gefolge der Aufklärung eroberten Werte wie Individualismus, der Menschenrechtsgedanke oder Fortschrittsoptimismus ihren Platz im Denken der Eliten und der einfachen Bürger, aber auch Verlust der Sicherheit, permanente Umwälzung und Niedergang traditioneller Beziehungen.

„Die offenkundige Doppeldeutigkeit von Befreiung und Freisetzung, Emanzipation und Einsamkeit, Öffnung und Schutzlosigkeit, Offenheit und Beliebigkeit, Perfektionierung der Mittel und Schwinden der Ziele, die das Antlitz von Aufklärung und Modernisierung von Anbeginn prägte, schien erträglich und wurde ertragen, solange sie nur ein Zwischenspiel schien, das sein Ende findet, sobald beide ihre wahre Gestalt entpuppten und die Versöhnung des Menschen mit sich selbst, mit der Natur und mit seinen Mitmenschen vollendeten.“[6]

Besonderes Merkmal der Moderne ist die Fähigkeit bzw. Pflicht, ihre Werte aus sich selbst zu beziehen, da andere Bezugspunkt wie Religion durch das moderne Denken verworfen wurden. „Die metaphysische Heimatlosigkeit aber, die ins soziale Leben hineinwirkt, Offenheit und Ungewißheit des gesamten Sinnkosmos, in dem sich der einzelne orientieren muß, entziehen sich der Aufklärung, gerade wenn sie beginnt, sich radikaler über sich selbst aufzuklären. Die prekäre Balance zwischen der Würde selbstbestimmten Lebens und der Identitätsbedrohung in einer prinzipiell offenen und ungewissen Welt ist eine historisch neuartige Herausforderung. Es ist wahr, die Moderne ist die menschheitsgeschichtlich erste Kultur, die dazu befugt und verurteilt ist, ihre Legitimation ausschließlich aus sich selbst zu schöpfen.“[7] Die Moderne und ihre Werte,[8] die sich vor allem in der Aufklärung formten und manifestierten, zogen immer wieder Kritik und Ablehnung auf sich.

Diese Kritik und Ablehnung führten zu bisweilen sehr wirkungsmächtigen Bewegungen und geistigen Strömungen, die bestimmte Punkte oder die Moderne als Ganzes ablehnten.

Die Romantik als erste Gegenbewegung zur Moderne kritisierte die „kalte und rationalistische Subjektverhärtung“[9] der modernen Lebenswelt. Die Romantik, die ab Ende des 18. Jahrhunderts in der Musik, Kunst, Dichtung und auch in gewisser Hinsicht in der Politik Verbreitung fand, stellte das Gefühl, die Emotionen, die Empfindungen der Seele und die Natur in den Mittelpunkt ihres Interesses. Denker und Künstler der Romantik wandten sich gegen den als kalt empfundenen Rationalismus, die Technisierung der Welt und Vergessenheit der Natur, gegen das allumfassende Vernunftgebot der Moderne. Die Welt sei durch die Moderne in zwei Teile gebrochen worden, einen Teil der Vernunft und der mechanistischen Weltauffassung und einen Teil der Emotionen und Seelenzustände. Eine Heilung der Seelen und damit der Welt könne nur durch eine Überwindung der schrecklichen Spaltung der Menschen geschehen. Die Sehnsucht nach Harmonie und Einklang, die in der Kunst in der blauen Blume ein weithin bekanntes Symbol fand, führte zu einer Wiederentdeckung der Natur, des Mittelalters, dessen Überwindung die Moderne anstrebte, Mythen und Sagen aus alter Zeit, der Darstellung von Empfindungen und Empfindsamkeiten. Volkspoesie (z. B. Grimms Märchen) und Sagen wurden gesammelt und fanden breite Beachtung, halbverfallene Burgen und Schlösser waren begehrte Vorlage für Maler und symbolischer Ort einer besseren Vorzeit, wilde Natur und der „deutsche Wald“ Sehnsuchtsorte der Romantik. Bekannt wurde die romantische Naturverbundenheit auch in Rosseaus Werken, der im Naturzustand den Menschen in einer ursprünglichen Harmonie und Glückseligkeit aufgefangen sah, die durch das Unheil des angeblichen Fortschritts verloren ging, vergleichbar mit dem Rauswurf des Menschen aus dem Paradies.[10]

In politischer Hinsicht fand die Romantik in Restauration, anti-demokratischem Denken und Weltflucht, Verehrung von Nationalhelden und Bildung eines Nationalismus auf mythisch­völkischer Ebene ihre Entsprechung. Moderne Werte wurden als nicht der nationalen Kultur getreu mit Ablehnung betrachtet, beispielsweise gewissermaßen als „undeutsche“ Werte verachtet - die natürlichen Werte des Volkes seien andere als die von außen aufgedrängten.

Die Überwindung alter Produktionsmethoden durch Industrialisierung und die daraus folgende Radikalisierung und zunehmende Geschwindigkeit des Fortschritts führte zur Entstehung einer weiteren Form der Kritik an der Moderne. Während sich die Hüter der alten Zeit gegen Fortschritt und Moderne auflehnten oder resigniert zurückzogen, forderten linke Gruppen wie Sozialisten und Kommunisten sowie die Positivisten eine weitergehende Modernisierung und Überwindung alles Alten. Sie sahen die Probleme, wie sie sich etwa in der sozialen Teilung der

Gesellschaft in reiche Kapitalisten und unterdrückte Arbeiter zeigten, nicht als Folge eines Zuviels an Moderne, sondern hofften auf eine Lösung der Probleme mit zunehmenden Fortschritt, der ihrer Ansicht nach ihre als Wissenschaft verstandenen Konzepte bestätigen und zum Beispiel in eine klassenlosen Gesellschaft führen würde.

Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einem erneuten Aufblühen romantischer Ideale und Bewegungen, die unter dem Namen Neoromantik zusammengefasst werden. Daneben kamen auch kulturkritische Ideen und Endzeitstimmung auf, die sich mit den romantischen Ideen verbanden. Die Auflösung der Sozialstrukturen, Fortschritt und Massenelend, Aufbruch und Zukunftsangst, Endzeitstimmung und unvorhersehbare technische Möglichkeiten erzeugten das diffuse Gefühl, dass eine Ära zu Ende (daher auch „fn de siecle“) gegangen war, ihre festen Strukturen sich atomisieren und etwas Neues, womöglich Schreckliches kommen würde, welches Nationalismus, die technischen Möglichkeiten mit der Verachtung für alles Alte und damit auch deren Werte unheilvoll verbinden würde. Kulturelle Eliten reagierten mit einer Mischung aus Verachtung der Bürger und unteren Schichten, Dekadenz und zunehmend ausgrenzenden Ideen und Stimmungen wie etwa sozialdarwinistischen und nationalistischen Ideen.[11]

Neoromantiker auf der anderen Seite griffen auf klassische romantische Ideale zurück und präsentierten diese als erneute Lösung der Entfremdung und Auflösung der Weltordnungen. Insbesondere die schon in der Romantik geliebten Mystik, Sagen, Märchen und Volksdichtungen wurden erneut popularisiert.

Ebenfalls in die Kritik gerieten dekadente Ausschweifungen und der angenommene Verfall der westlichen Gesellschaften, die durch Aufgabe der Traditionen und Herausbildung einer dekadenten Oberschicht dem Untergang geweiht seien.

Nach dem Ersten Weltkrieg bildete sich, insbesondere in Deutschland, erneut eine antimoderne Idee heraus, die unter dem Namen Konservative Revolution bekannt wurde. Sie war nicht so sehr romantisch-naturbegeistert wie die vorherigen Antimodernismen angelegt, sondern nahm einige neue Ideen in sich auf. Dazu zählte eine antiwestliche Haltung, die „undeutsche“ Gedanken und Ideen verwarf und stattdessen eine Ordnung auf ewig gültigen Idealen und Werten der Gemeinschaft propagierte. Hinter dieser Ablehnung eines traditionellen Konservativismus, der lediglich eine Bewahrung des Alten forderte, stand die Idee, durch Rückgriff auf die innersten und ältesten Werte und Anschauungen des Volkes eine wahre Staatsordnung aufzubauen. Ablehnung westlicher Ideen wie Liberalismus und Relativismus, Rückkehr zu einer idealen Urgemeinde oder deren Ansichten und Gewohnheiten finden sich interessanterweise auch in den fundamentalistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Liberalismus wurde mit einem Verfall der Werte und Sitten und krankhaftem Individualismus gleichgesetzt. Parteien, Parlamentarismus, bestimmte Freiheiten und weltanschauliche Neutralität des liberalen Modells waren Ausformungen einer Ideologie, die den wahren Werten des deutschen Volkes zuwiderlaufen würde. Ursprung liberaler Ideen sei die mit der Französischen Revolution begonnene Aufklärung, deren Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit das Verhängnis der deutschen Gesellschaft darstelle. Der Liberalismus, der auf diesen Ideen aufbaue, habe eine Gesellschaft erschaffen, die Dekadenz fördere, Religionen zerstöre und sich lediglich auf die Verwaltung von Partikularinteressen beschränke. Die Gesellschaft sei jedoch nicht nur eine Ansammlung einzelner Interessen egoistischer Individuen, sondern besitze eine gemeinsame Basis aus Werten, die der Liberalismus aber negiere und zu vernichten suche.[12] Weitere Merkmale des von der Konservativen Revolution geforderten Staates waren sozialstaatliche Maßnahmen, eine zum Faschismus tendierende Allmacht des Staatsapparates, antiegalitäre ständische oder organizistische Sozialstrukturen und teilweise rassistische und antisemitische Ansichten, die später Teile der nationalsozialistischen Ideologie wurden.

Zwar war die Beziehung der Konservativen Revolution zum Nationalsozialismus durchaus ambivalent und manche Denker der Konservativen Revolution standen der NS-Ideologie ablehnend gegenüber, dennoch finden sich viele Denkstrukturen der Konservativen Revolution im Nationalsozialismus wieder. Dieser bildet eine weitere Form des Antimodernismus. In ihm kamen verschiedene antimoderne Bewegungen zusammen. Dazu zählen etwa rassistische, okkulte und bisweilen esoterische Germanenverehrung oder Verehrung des „Ariertums“, antisemitische Bewegungen und Ideologien aus dem 19. Jahrhundert, die eine Fortentwicklung des alten Antijudaismus zu einem rassistischen Antisemitismus vollzogen, nationalistische Vereine, die für eine Ausweitung des deutschen Staatsgebietes eintraten und antidemokratische und antibolschewistische Bewegungen. In dieser ideologischen Melange sind wiederum die klassischen Merkmale der Romantik in ihrer Verehrung der Natur (in Form eines Blut-und- Boden-Konzeptes), Verherrlichung des Bauernstandes in seiner Naturverbundenheit und zum Beispiel die Betonung mythischer Elemente, wie sie etwa in der Instrumentalisierung nordischer Mythologie und Geschichte zu erkennen ist, enthalten. Die versprochene heile Welt nach dem endgültigen Sieg der „Arier“ über ihre Feinde, in der sich die Entfremdung des deutschen Volkes aufheben werde und dieses die verlorene Einheit von Volk, Natur und Gemeinschaft wiederbeleben könne, bedient ebenfalls in seiner Grundstimmung romantische Gedanken. Weitere Formen des antimodernen Denkens sind beispielsweise der Antiliberalismus, Propagierung eines autoritären/totalitären Gesellschaftsmodells, die Gegenüberstellung westlichen und eines angeblich genuin deutschen Denkens und Volkscharakters und Ablehnung des Kapitalismus.

Der Antimodernismus des Nationalsozialismus war jedoch keinesfalls eindeutig und allumfassend. Die Begeisterung für Technik und wissenschaftlichen Fortschritt war ebenfalls Teil des Nationalsozialismus.

„Kein Zweifel, der Nationalsozialismus hätte in Deutschland seine verhängnisvolle Chance niemals bekommen, hätte er nicht tiefeingewurzelte zivilisationsfeindliche Traditionen für seine Zwecke instrumentalisieren können. Aber, er hat sie eben instrumentalisiert und nicht bloß fortgesetzt. Er war der erste wirklich kompromißlose fundamentalistische Aufstand gegen die Kultur der Moderne im Weltmaßstab, auch wenn er ihrer technisch­industriellen Potenz einen Gewehrkolbenstoß nach vorn versetzte.“[13]

II.1.2. Fundamentalismus und neuerer Antimodernismus seit 1945

Im 19. Jahrhundert entstand mit dem Fundamentalismus - zuerst in protestantischen Kreisen, schließlich in alle Weltreligionen - eine neue Form des Antimodernismus.

Fundamentalistische Bewegungen und Strömungen zeigten sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts in allen Weltreligionen: Christentum, Islam, Judentum oder auch Hinduismus. Sie vermischten sich im Judentum und Hinduismus beispielsweise mit nationalistischen Elementen und konnten teils großen Einfluss in Staaten und Religionen erringen. Fundamentalistische Bewegungen traten in den genannten Religionen nahezu gleichzeitig in mehreren Wellen auf. Auf die erste Hochphase des Fundamentalismus, die z. B. im Christentum mit den US- amerikanischen Fundamentalismen und dem katholischen Antimodernismus oder im Islam mit der Muslimbruderschaft in Ägypten zu kennzeichnen ist, folgte eine Zeit des Niederganges bzw. der Neuformierung. Die zweite Hochphase fällt in die Zeit der schiitischen Fundamentalisten, der „Christlichen Rechten“ in den USA oder Hindu-Nationalisten. Dieser zweiten Hochphase in den 1970er und 80er Jahren folgte eine erneute Inkubationsphase und ab etwa 2000/2001 ist ein neuerliches Aufkommen fundamentalistischer Bewegungen in den Weltreligionen zu verzeichnen.[14]

Neben religiösem Antimodernismus brach in der Umweltbewegung des 20. Jahrhunderts auch die schon länger bekannte, aber ab den 1960er/70er Jahren wieder aufgegriffene Idee des Primitivismus als antimoderne Bewegung hervor.

Der Primitivismus geht grundsätzlich davon aus, dass die bestehenden Verhältnisse eine Entfremdung des Menschen bewirken, da er von seinem natürlichen Umfeld und Lebensraum, der Natur, entfernt werde. Technischer Fortschritt treibe diese Entfremdung weiter voran. Der Liberalismus trage und befördere die Entfremdung durch seine Unterstützung politischer Systeme, die Fortschritt und Technisierung unterstützen. Die Lösung des Problems liege in einer revolutionären, gewalttätigen Umwälzung der Verhältnisse, Verzicht auf technische Errungenschaften und Überwindung der sie tragenden kapitalistischen Systeme und sozialen Strukturen. Die Rückkehr zum Urzustand („Primitivisierung“) der nomadischen Lebensweise ermögliche dem Menschen die Entfremdung von sich und seiner Lebenswelt aufzuheben.

Die Bewegung, die sich dem Primitivismus verschrieben hatte und noch immer hat, hat sich in der Zwischenzeit in einen rechten und einen linken Flügel gespalten. Beide Flügel weisen deutlich antimoderne Merkmale auf.

Im rechten Flügel dominieren neben den dargestellten primitivistischen Grundideen weitere Ansichten, die bisweilen (zum Teil auch diskriminierend) als „Ökofaschismus“ bezeichnet werden. In manchen Bewegungen werden in den Primitivismus faschistische und rassistische Ideen eingebaut, wie etwa die Verherrlichung einer bestimmten Region und ihrer Natur sowie des darin lebenden Volkes. „Blut und Boden“ müssen vor Verunreinigung geschützt werden, Verschmutzung der Umwelt, aber auch „Verunreinigung“ durch Immigranten bedrohen die natürliche Reinheit der Umwelt, die als organisches Ganzes aus Pflanzen, Tieren und Menschen verstanden wird. Zudem müsse es eine Gruppe oder einen Einzelnen geben, der die entsprechenden Kenntnisse und das nötige Führungswissen mit sich bringe, um die Natur rein zu halten. Überindustrialisierung und Überbevölkerung, wie sie in Entwicklungsländern bestehe, seien beiderseits Gefahren für die Natur.[15]

Der linke Flügel des grünen Antimodernismus ist auch als Anarcho-Primitivismus bekannt. Wie auch in der rechten Umweltbewegung ist eine Ablehnung liberaler Prinzipien zu erkennen, da diese die Umweltzerstörung förderten. Die Rückkehr zur nomadischen Urgesellschaft oder zu kleinen Dorfgemeinschaften biete die Möglichkeit, den sozialen, politischen und ökonomischen Egalitarismus wiederherzustellen, der durch den technischen Fortschritt verloren ging. Technischer Fortschritt bedeutet in anarcho-primitivistischer Anschauung vor allem die Entstehung von Abhängigkeiten, beispielsweise durch Arbeitsteilung, eines der Grundprinzipien der modernen Wirtschaftsweise, und dadurch Unfreiheit. Die sogenannte Zivilisation sei keine Fortentwicklung der Menschheit, sondern ein ausgeklügelter Apparat zur Kontrolle und Unterdrückung der Menschen.[16]

Beide Formen der antimodernen Umweltbewegung beinhalten einige übereinstimmende antimoderne Merkmale, zum Beispiel die Ablehnung liberaler Ideen und Systeme und den Glauben an eine reine, auf alten wahren Werten (Einklang von Mensch und Natur in einer bestimmten Form) beruhende ideale Urgemeinschaft. Es ist sogar zu beobachten, dass einige Umweltbewegungen eine Art Religion auf Grundlage der Verehrung der Natur erfunden haben.

In der rechten Umweltbewegung bestehen dagegen vor allem esoterische oder oftmals auch alte (nordische/germanische/keltische) Glaubensriten, eine Mischung aus Umweltbewegung und völkischem Gedankengut.

In jüngerer Zeit erregte zudem in Frankreich das Buch Der kommende Aufstand Aufsehen, das nach Ansicht einiger Autoren in der Tradition antimoderner Bewegungen stehe.

Das rund 120-seitige Manifest eines unbekannten Autorenkollektivs beschreibt ein Frankreich, dessen politisches System und Kultur degeneriert seien. Der Kapitalismus habe den Staat eingenommen, seine Institutionen seien entweder unfähig und nicht mehr willens, der Entfremdung und Unterdrückung der Menschen entgegenzutreten. Rechtsstaat, demokratische Spielregeln, Institutionen und Verbände dienen nur noch der Sicherung der Knechtschaft, selbst Verbände wie Attac, linke Parteien, Gewerkschaften oder ökologisch orientierte Unternehmer halten das System durch ihre Tätigkeit nur noch am Laufen, statt es zu bekämpfen. Das Parlament sei zu einem Schauspiel ohne Hintergrund verkommen, die kreative und intellektuelle Klasse letztlich nur williger Diener des Systems. Das Individuum lebe in Entfremdung, der „Imperialismus des Relativen“ habe die Kultur, Traditionen und Werte des Volkes zerstört. Die liberale Demokratie, die den ideologischen Hintergrund des Relativismus baue, vernichte die Kultur, indem sie den Kapitalismus fördere. Konsumismus und Sinnentleerung beherrschen die Menschen, die Stadt gebe der Dekadenz und dem Verfall der Werte Raum und Platz zum Herrschen, soziale Bindungen und Familien gehen zugrunde. Frauen interessieren sich nur noch für Zeitschriften, Feuchtigkeitscremes und wie sie Männern gefallen können. Die Natur gehe zugrunde und der Mensch erkenne sich selbst nicht mehr, die Liebe zwischen den Menschen sei gestorben.[17]

Die Lösung sei der Ausnahmezustand, der durch eine Reihe von Sabotageakten, Rebellionen und Widerständen in verschiedenster Weise geschaffen werden müsse. Da der Kapitalismus anfällig sei, können schon kleinste Attacken etwa auf Bahnlinien (die es nach Erscheinen des Werkes in der Tat auf TGV-Linien gab) das Tempo und die Vitalität des Kapitalismus beeinträchtigen oder zerstören. Der ideale Kämpfer sei unsichtbar, naturverbunden und streue den sprichwörtlichen Sand ins Getriebe, in seinem Betrieb und in der Politik. Die Schaffung herrschaftsfreier Räume könne die Chance für eine neue Welt schaffen, in der Entfremdung beseitigt werde und der Mensch in naturverbundenen kleinen Gemeinschaften glücklich leben könne.[18]

Einige Rezensionen in deutschen Zeitungen nach Erscheinen der deutschen Übersetzung im Jahre 2010 sahen in Der kommende Aufstand kein linkes Manifest des 21. Jahrhunderts, sondern ein von rechtem Antimodernismus geprägtes Werk, das seine geistigen Väter in Heidegger und Carl Schmitt habe. Insbesondere die Preisung des Ausnahmezustandes, die Verachtung gegenüber Demokratie und Liberalismus und die Huldigung der Natur erinnern doch sehr an Schmitt. Auch Heidegger lasse seine Handschrift erkennen.

„Die Fremdheit der Verhältnisse, der Drang zur rücksichtslosen Aktion, die Verachtung der Mehrheitsgesellschaft: Das war und ist das ABC der Konservativen Revolution und ihrer neurechten Enkel. Der Traum von der autark bewirtschafteten Scholle und der wehrhaften Kommune? Einfach mal unter ,Artamanenbewegung‘ nachschlagen oder in der Sezession blättern.“[19] „Gegen eine angebliche „Normalisierung des Lebens“ in den modernen Gesellschaften sucht man das vitalistische Heil im ,Ausnahmezustand“ jenseits von Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft - diese Idee einer besseren Zeit minus aller Koordinaten der Gegenwart hat man Schmitt und Heidegger zu verdanken, ebenso die Suche nach einem versteckten Totalitarismus der Demokratie.“[20]

Jedoch solle Der kommende Aufstand nicht nur rechten Revolutionären zugeschrieben werden, so ein Kommentar in der Süddeutschen Zeitung.

„Denn so rechts der ,Aufstand“ hier und da ist, so links ist er anderswo. Stichwort Partisanenkampf: Wer will, findet in dem Werk so viel Mao wie Schmitt. Der Jargon ist ebenfalls eindeutig der der radikalen Linken, die als Zielgruppe auch mehrfach direkt adressiert wird. Oder wann hat ein echter Rechter je von ,städtischen Gemüsegärten“ wie auf ,Cuba“ geträumt?“[21]

Die kurze Darstellung des Antimodernismus in seinen verschiedenen Ausprägungen und Erscheinungen zeigt, dass es einen gemeinsamen Vorrat an antimodernen Merkmalen gibt. Dazu zählt als Ausgangspunkt das Gefühl der Entfremdung der Menschen von sich, der Natur, der Heimat und von angenommenen ureigensten Werten. Die Analyse der Gegenwart sieht stets einen Verfall der Werte, oftmals eine dekadente Grundhaltung der Gesellschaft und einen um sich greifenden Werteverfall. Die Moderne wird mit kalter Rationalität, mechanistischen Weltbildern und Verlust wahrer Gefühle und emotionaler Grundbedürfnisse der Menschen verbunden.

Daher lautet das Programm antimoderner Bewegungen: zurück zur Natur, zurück zu den wahren Werten, zurück zu alten gesellschaftlichen Systemen. Das gegenwärtige System in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, das zumeist Demokratie, Liberalismus und Marktwirtschaft beinhaltet, wird strikt abgelehnt, da es einen Relativismus und damit den Verfall der Werte und der Kultur fordere, oftmals nicht dem Volkscharakter entspreche und von außen aufgezwungen sei und die schlechten Zustände in der Gesellschaft begründet habe.

Träger der antimodernen Bewegungen sind nicht wie oft angenommen Konservative, da sich diese mit der Moderne abgefunden haben und den jeweils letzten Stand bewahren wollen.[22] Träger des Antimodernismus sind (oftmals) kulturelle Eliten, die die Entfremdung durch eine Rückkehr zu den ältesten, wahren Werten und gemeinschaftlichen Zuständen überwinden wollen. Der Konservativismus verzichtet dagegen auf diese Form der Reaktion, wie sie auch bei fundamentalistischen Gruppierungen zu erkennen ist. Auffällig oft sind dabei Mitglieder des Bildungsbürgertums anfällig für antimoderne Ideen, da sie ihre soziale Stellung beispielsweise durch neue Wirtschaftseliten bedroht sehen. Antimoderne Ideen wie Fundamentalismus können sich dabei jedoch auch auf mittlere und untere soziale Schichten ausbreiten, wie das Beispiel der Muslimbruderschaft zeigt, die zwar von Eliten gegründet wurde, aber sich bald zu einer Massenorganisation wandelte.

II.2. Der Kampf um die Moderne in Ägypten

II.2.1. Beginn der Modernisierung Ägyptens unter Mehmet Ali

Ägypten durchlief in der Zeit ab etwa 1800 eine Phase schneller und starker Modernisierung. Ausgelöst durch die vielfältigen Erfahrungen der Schwäche in der arabischen Welt, beispielsweise durch koloniale Eroberungen und ökonomischen Stillstand, begann Mehmet Ali, der Begründer des modernen Ägyptens, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen, um das rückständige Ägypten zu modernisieren. Mehmet Ali, der von 1805 bis 1849 regierte, versuchte das Militär zu stärken und die Wirtschaft neu zu ordnen. Er übernahm dabei ein Land, das agrarisch geprägt war, nur über eine sehr rudimentäre Industrie verfügte und vom Ausland abhängig war. „Die ägyptische Industrie war, bis zu den Tagen Mehmet Alis, gekennzeichnet von unbedeutenden und einfachen Handarbeiten. Die andauernde soziale und ökonomische Depression, die Ägypten in den letzten Jahrhunderten der Mameluken-Herrschaft traf, hinterließ ihre Spuren auch in der lokalen Industrie, die geradeso die grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung hinsichtlich Textilien, Ölen und einfachen Baumaterialien befriedigen konnte.“[23] Neben einer Industrialisierung des Landes standen Reformen in der Organisation der Landwirtschaft und des Steueraufkommens im Fokus von Alis Reformen. Eine Verbesserung der Bewässerung und eine Bodenreform sollten der Landbevölkerung mehr Erträge einbringen und die Armut verringern.

Zusätzlich wurden mehr Anbauflächen für Baumwolle ausgewiesen, da Baumwolle durch Export höhere Staatseinnahmen generieren konnte. Gleichzeitig wurde der Handel staatlich monopolisiert, um private Gewinnabschöpfung zu vermeiden und die Einnahmen dem Staat zufließen lassen zu können.

Ähnlich verfuhr Mehmet Ali im Bereich der Industrie. Wie in der Landwirtschaft errichtete er ein staatliches Monopolsystem und ließ den Staat die Preise festsetzen. Zudem baute er staatliche Industrieanlagen in verschiedenen Städten Ägyptens auf, zum Beispiel Baumwollmühlen in den ländlichen Gebieten, Textilfabriken in Kairo, Herstellung von Glas in Alexandria, verschiedene Betriebe im Rüstungsbereich und als eines der wichtigsten Projekte den Neubau einer modernen Werft in Alexandria, die auf das Wissen und die Technik meist französischer Ingenieure zurückgreifen konnte. Daneben wurden Infrastruktur und Kommunikationswege stark ausgebaut.[24]

Die Reformen Mehmet Alis zeigten zwar als Beginn und Grundlage einer Industrialisierung Erfolge, hatten jedoch einige negative Effekte. So konnte der Aufbau von Industrie die Abhängigkeit Ägyptens von europäischer Technik und Maschinenbau nicht verringern, die deshalb weiter bestehen blieb oder sich zum Teil sogar verstärkte. Der Ausbau der Bürokratie, der Industrie und der Armee benötigte viele Fachkräfte, die Ägypten nicht besaß, und auch die Versuche Mehmet Alis, den Mangel an höher Qualifizierten durch das Entsenden Hunderter ägyptischer Studenten an Europas Universitäten und Gründung eigener Bildungseinrichtungen zu beheben, schlugen fehl. Der Fachkräftemangel behinderte somit auch den wirtschaftlichen Fortschritt Ägyptens. Rasche und unüberlegte Versuche des Staates, eine eigene Industrie aufzubauen, schlugen oftmals fehl und verursachten enorme Belastungen des Haushaltes. Die Zerstörung der traditionellen Handarbeit und die Misserfolge in einer westlich orientierten Industrialisierung im Zusammentreffen mit Ineffizienz und (negativem) ausländischem Einfluss hinderten Ägypten für Jahre an einer erfolgreichen Industrialisierung.[25]

Gleichwohl können Teile der Reformen als gelungen angesehen werden, da sie die Grundlage für eine später erfolgreichere Modernisierung legten. „Wenn auch viele Reformen Mehmet Alis seine Regentschaft nicht überdauern und manchmal sogar schon während seiner Zeit scheiterten, hatte er trotzdem Erfolg, da er die Basis für zukünftige Entwicklung des Landes legen konnte.“[26]

Alis Reformen führten zudem zur Bildung neuer Schichten in der Bevölkerung. Produktion und Handel mit Baumwolle, deren Ausbau von Mehmet Ali stark gefördert wurde, Fabriken und Industrialisierung bildeten die Lebensgrundlage einer neuen Mittelschicht, die wie die ins Ausland geschickten Studenten mit europäischen Entwicklungen in Kultur und Denken in Kontakt kamen. Bildung und Erfahrungen im Ausland blieben dennoch weiterhin nur wenigen Menschen vorbehalten, da trotz unterschiedlicher Maßnahmen des Staates nur einige Tausend Kinder zur Schule gingen oder weiterführende Bildungseinrichtungen besuchen konnten.[27] Austausch mit Europa und modernem Denken blieb auf eine kleine Gruppe in Ägypten beschränkt, die sich zu einer neuen städtischen Oberschicht zählte.[28]

Alis Landreformen brachten anfangs eine Erleichterung der Lage für die Bauern, die vor Alis Herrschaft durch sogenanntes Tax-Farming große ökonomische Schwierigkeiten ertragen mussten. Tax-Farming war eine Form der Steuererhebung, bei der lokale Steuereintreiber einen festgelegten Betrag an Steuern für eine ganze Region zahlen mussten und dafür das Recht erhielten, selbst Steuern bei der Bevölkerung zu erheben. In der Regel führte dies zu Mindereinnahmen für den Staat und Auspressung der Bauern, da die lokalen Steuereintreiber einen Gewinn erzielen wollten und entsprechende hohe Steuern den Bauern abverlangten und gleichzeitig der Staat weniger Steuern einnehmen konnte, als hätte er direkt bei den Bauern Steuern erhoben. Mehmet Ali beseitigte dieses System und nationalisierte Grundbesitz, der an Bauern gegeben wurde, die ihn nutzen durften. Dies milderte zu Beginn den Druck auf die Bauern. 1829 begann Ali jedoch fruchtbares Land, das durch neue Bewässerungs- und Kultivierungsmethoden entstanden war, an Günstlinge und Familienmitglieder zu verteilen. Diese konnten in der Folge wesentlich erfolgreicher Nahrung und Baumwolle anbauen. Die staatliche Preispolitik, die den Bauern nur geringe Abnahmepreise zusprach, verstärkte die sozialen Unterschiede zwischen Großgrundbesitzern und Kleinbauern, die mit Untätigkeit auf die schlechten Preise reagierten. Ein weiteres Problem für die Landbevölkerung war die Konkurrenz zwischen Industrialisierung und Landwirtschaft unter Alis Herrschaft. Dringend benötigte finanzielle Hilfen, Technik und qualifizierte Arbeitskräfte für die Landwirtschaft konnten oftmals nicht bereitgestellt werden, da diese in den Fabriken und im Militär eingesetzt wurden, um Alis Ziel einer modernen Armee erreichen und seine zahlreichen Kriegszüge realisieren zu können.[29]

II.2.2. Schuldenkrise und ausländischer Einfluss

Im Gegensatz zu Mehmet Ali agierten seine Nachfolger weit weniger geschickt und führten Ägypten schlussendlich in den Staatsbankrott und die Kolonialisierung durch die Briten. Mehmet Ali hinterließ einen ausgeglichenen Haushalt ohne Auslandsschulden. Grund für diese erfolgreiche Finanzpolitik war der Umstand, dass er sich zur Haushaltsführung ausländischer Methoden und Fachleute bediente. So reformierte er die Budgetführung in Ägypten nach europäischem Vorbild und warb (meist) französische Fachleute an, die ihn bei seinen Vorhaben berieten und unterstützten.[30]

Zudem setzte er den chaotischen Umständen hinsichtlich der Währung ein Ende und führte ein System aus Gold- und Silbermünzen ein, das die verschiedenen Währungen, darunter auch französische Uniformknöpfe aus napoleonischen Zeiten, vereinte.

Alis Nachfolger konnten seine Finanzpolitik nicht annähernd so erfolgreich weiterführen. Eine Mischung aus Verschwendungssucht, wirtschaftlichem Missmanagement und Naturkatastrophen verursachte so hohe Auslandsschulden, dass Ägypten innerhalb weniger Jahrzehnte Bankrott anmelden musste.

Ein Grund waren die hohen Ausgaben für das Königshaus und für Luxus-Projekte wie das Wiedererrichten von Palästen, Parks und teure Vergnügungsreisen.[31]

Ein anderer wesentlicher Faktor war die Ausrichtung der ägyptischen Landwirtschaft und angeschlossener Industrieanlagen auf den Export von Baumwolle/Baumwollprodukten. Während des amerikanischen Bürgerkrieges in den 1860er Jahren stiegen die Baumwollpreise rasant an, da der Bürgerkrieg in den USA die dortige Baumwollproduktion fast zum Erliegen brachte. Die Preise vervierfachten sich innerhalb von vier Jahren und bescherten Ägypten große Einnahmen. Nach Ende des Bürgerkrieges fielen die Preise jedoch ebenso schnell wieder. Da der ägyptische Staat seine Ausgaben in der Zwischenzeit stetig erhöht hatte, stand er nun vor einem großen Finanzproblem, das durch das Aufnehmen neuer Schulden in Europa „gelöst“ wurde. Eine Cholera-Epidemie mit Zehntausenden Toten, Krankheiten an den Pflanzen, die durch die Monokultur leicht verbreitet wurden und Überschwemmungen durch ungewöhnlich viel Nil-Hochwasser verschlimmerten die Lage zusätzlich. Weitere Ausgaben ergaben sich durch die Industrialisierung, die vorrangig mit Fachleuten und Technologie aus dem Westen eingekauft wurde und den Bau des Suezkanals.[32] „Der Ehrgeiz der ägyptischen Herrscher, westliche Lebensweise um jeden Preise zu erreichen, das Fehlen eines Unterschiedes zwischen staatlichen und privaten Ausgaben des Königshauses, die hohen Ausgaben, die die Kapazitäten des Landes überschritten, verursachten nicht nur finanzielle Probleme, sondern auch die Einmischung aus dem Ausland in die internen Angelegenheiten des Landes.“[33].

1875 erreichte die Auslandsverschuldung eine Höhe von 91 Mio. Pfund Sterling, darunter rund 11 Mio. Pfund verursacht durch Ausgaben des Königshauses, bei einem Budgetvolumen von etwa 9 bis 10 Mio. Pfund Sterling jährlich. Im folgenden Jahr machte Ägypten Bankrott und König Ismail beschloss, die Verwaltung des Schuldendienstes in ausländische Hände zu geben.

Die Kommission, die den Schuldendienst beaufsichtigte, konnte tiefe Eingriffe in die finanzielle Administration und die Wirtschaft vornehmen, da diese sich weitgehend in staatlicher Hand befanden. So wurden beispielsweise für die Bedienung der Schulden gegenüber dem Bankhaus Rothschild rund 420 000 ha fruchtbares Land verkauft. Somit erhielten Briten und Franzosen, die beiden Hauptschuldner Ägyptens, die faktische Kontrolle über Ägypten (Zeit der sogenannten Dual Control).[34]

Nach Unruhen, die sich gegen den ausländischen Einfluss richteten, und nationalistischen Aufständen innerhalb der Armee entschieden sich die Briten für eine gewaltsame Intervention in Ägypten. Die Besetzung Ägyptens verlief rasch und ohne starke Gegenwehr der ägyptischen Armee, deren Aufrüstung Mehmet Alis Ziel gewesen war. Die Dual Control wurde abgeschafft und direkt in die Hände eines britischen Gesandten gegeben. Der britische Generalkonsul „beriet“ die ägyptische Regierung und regierte auf diese Weise indirekt das Land. Der erste Generalkonsul war Lord Cromer, der bis 1907 amtierte und von bekannten Namen wie Lord Kitchener, der im Sudan gegen den Mahdi gekämpft hatte, oder Edmund Allenby beerbt wurde.[35]

Neben politischen Entwicklungen, die Politik und Wirtschaft Ägyptens nachhaltig beeinflussten, kam es auch zu großen sozialen Veränderungen. Die Bevölkerung wuchs in hohem Tempo an und stieg auf rund 12 Mio. um das Jahr 1900. Um das Jahr 1800 lag die Einwohnerzahl noch bei rund 2,5 Mio. In den Jahren 1900 bis 2010 stieg die Einwohnerzahl auf etwa 80 Millionen. Der damals schon starke Anstieg der Bevölkerung erzeugte große Probleme, insbesondere da die Struktur der Wirtschaft den Zuwachs nicht einbinden konnte und sich infolgedessen die Lage auf dem Arbeitsmarkt kontinuierlich verschlechterte. Parallel dazu verschärfte sich die Lage der Bauern in Ägypten. Diese litten unter dem Baumwolle-Desaster, einem Verfall der Zuckerwirtschaft und niedrigen Löhnen, die seit den 1860er Jahren kaum gestiegen waren, da sich die Preise für landwirtschaftliche Produkte schlecht entwickelten. Gleichzeitig stiegen jedoch die Preise für Lebenshaltung. Die daraus folgende Verschuldung der Bauern sollte mit verschiedenen Mitteln bekämpft werden, was aber weitestgehend misslang.[36] Eine Bodenreform konnte zwar Land an Kleinbauern verteilen und eine Art dörfliche, bäuerliche Mittelschicht etablieren, in den folgenden Jahren zersplitterten sich die Felder, die zum Teil nur wenig fruchtbar waren. Zudem führten hohe Steuern zu keiner wirklichen Verbesserung der Lage vieler Bauern.[37]

Die britischen Versuche, das Bildungssystem zu reformieren, scheiterten ebenfalls. Die ägyptische Schullandschaft erhielt die Form einer umgekehrten Pyramide,d. h., die höheren Schulen wurden gefordert, während die elementare Schulbildung vernachlässigt wurde, was zur Folge hatte, dass die Bildung der Eliten verbessert wurde, aber immer noch nur rund vier Prozent der Gesamtbevölkerung lesen konnten.[38]

II.2.3. Kriege und Befreiung

Die britischen Generalkonsule, später Hochkommissare, förderten den Außenhandel Ägyptens, Investitionen und Infrastruktur. Infolge dessen entspannte sich die Lage des Staatshaushaltes und die Verschuldung Ägyptens sank. Dennoch konnte sich die soziale Situation Ägyptens nicht grundlegend verbessern, da sich neue Probleme auftaten.

Das schnelle Bevölkerungswachstum und die schlechte Lage der Bauern führten in Ägypten weiterhin zu großen sozialen Disparitäten. „Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts litt Ägypten an einer Knappheit an Arbeitskräften und in den 1860er Jahren wurde ernsthaft erwogen, in großem Maße Italiener, Chinesen und Arbeitskräfte aus anderen Ländern ins Land zu holen.“[39] Dies änderte sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte fundamental und Ägypten begann unter einem Bevölkerungsdruck zu leiden. Die hohe Zahl an Nachkommen führte auf dem Land zu einer weiteren Zersplitterung der Felder und Besitztümer, sodass immer mehr Bauern von immer kleiner werdenden Feldern leben mussten. Ausbeutung der Bauern durch Großgrundbesitzer, Analphabetenraten um die 95 Prozent und Unterernährung waren die Folgen. Negativ wirkte sich zudem die Fokussierung der Landwirtschaft auf Baumwolle neben den Grundnahrungsmitteln aus, da dies bei Krisen im Export und Pflanzenkrankheiten massive Einbrüche im Einkommen der Bauern und des Staates zur Folge hatte.[40] „Ägypten litt vermutlich stärker unter der Weltwirtschaftskrise [1929] als der Rest der Welt, da Ägypten stark von den Exporterlösen eines Gutes abhängig war, nämlich Baumwolle. Eine Verschlechterung des Außenhandels in beträchtlicher Höhe und eine folgende Krise der lokalen Wirtschaft ließ die Überschüsse im Staatshaushalt in den 20er Jahren verschwinden oder aufgrund der sinkenden Einnahmen schwinden.“[41]

Auf der anderen Seite ermöglichte die Politik des Staates Großgrundbesitzern und Vermögenden, ihren Reichtum zu sichern, wieder aufzubauen oder zu erweitern, beispielsweise durch günstige Kredite oder Gesetze, die hohe Gewinne durch den teuren Verkauf von Grundnahrungsmitteln an städtische Arbeiter versprachen.

„Die extreme Ungleichheit in diesem Land - begründet in der Verteilung von Eigentum, insbesondere Land - wurde überdies verstärkt durch eine Reihe weiterer Faktoren [...], der weitverbreiteten Korruption im verästelten Staatsapparat und den enormen Unterschieden bei Löhnen, wo ein Bankmanager 5000 Pfund jährlich verdiente, ein höherer Beamter 1500 Pfund und ein niederer Beamter 100 Pfund.“[42]

Trotz Unabhängigkeit und Ausbildung eines arabischen Nationalismus änderte sich an den grundlegenden Problemen Ägyptens, die das Land seit Beginn des 20. Jahrhunderts verfolgten, wenig. Auch unter Nasser konnten mittels Reformen einige Probleme in Angriff genommen, nicht aber zufriedenstellend gelöst werden. Auch Qutb und seine Familie litten unter den schwierigen sozialen Gegebenheiten in Ägypten.[43]

Die Untersuchung der Schriften Qutbs zeigt, dass sein Augenmerk auf den großen sozialen Unterschieden und Ungerechtigkeiten lag und dass er mit seiner Analyse der sozialen Lage nicht falsch lag. Die sozialen Probleme, die sich unter den folgenden Herrschern Nasser, Sadat und auch Mubarak nicht wesentlich änderten, stellen bis heute eine große Herausforderung für die ägyptische Wirtschaft dar. Auch die Industrialisierung unter Nasser oder andere Versuche konnten diese sozialen Ungerechtigkeiten nicht beheben. Die Modernisierung Ägyptens, die teils mit enormer Geschwindigkeit von einer Subsistenzwirtschaft hin zu einer westlich geprägten Industriegesellschaft vorangetrieben wurde, erzeugte im sozialen wie auch politischen Bereich viele Verlierer und Benachteiligte.

An Qutbs Biografie lässt sich erkennen, wie er versuchte anfangs mit Reformen im System oder weltlichen Konzepten diese Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, später jedoch das System selbst und den kulturellen/ideologischen Überbau für die Fehler verantwortlich machte.

II.3. Sayyid Qutb

Sayyid Qutbs Leben war ein andauerndes Ringen mit der Moderne, die in seine Lebenswelt einbrach, und für die Modernisierung seines Landes, nach dem Bruch mit dem Westen und dessen Idealen jedoch vor allem ein Kampf gegen Moderne und Fortschritt.

Qutb durchlief in seinen Leben eine Entwicklung, in der er sich vom überzeugten Nationalisten und Anhänger eines parlamentarischen Systems zu einem Vordenker des islamischen Fundamentalismus und wütenden Gegner aller Einflüsse aus dem Westen wandelte.

II.3.1. Kindheit und beginnendes politisches Engagement

Sayyid Qutb Ibrahim Husayn Shadhili wurde am 9. Oktober 1906, sechs Tage vor seinem späteren Mitstreiter und Begründer der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna, in Musa, einem Dorf in der Provinz Assiut rund 375 km südlich von Kairo, geboren. Sein Vater war ein angesehener Landbesitzer und Mitglied der Wafd-Partei.[44] Die Wafd-Partei führt sich auf die Delegation (arabisch wafd) zurück, die bei den Pariser Friedensverhandlungen 1919 ihre Forderungen nach einer Unabhängigkeit Ägyptens von der Kolonialmacht vorbringen wollte. Die Wafd-Partei wurde nach der Revolution der Freien Offiziere die bestimmende politische Partei Ägyptens.

In der (literarischen) Beschreibung seiner Kindheit berichtet Qutb von einem Dorf, das vom religiösen Jahreslauf und dessen Festen geprägt war, von einem Glauben, der islamische Riten mit traditionellen Bräuchen und Dämonen- und Geisterglauben mischte. Die bäuerliche Gemeinschaft im Dorf konnte nur bei Festen, so Qutb, Freude empfinden und litt während der restlichen Zeit unter harten Bedingungen.

„Die Landbewohner mußten Steuern auf ihre wenigen Felder zahlen, der Dorfbürgermeister zwang sie, Karten für den Wohltätigkeitsverein zu kaufen, obwohl sie hätten eigentlich durch die Vereinigung unterstützt werden müssen; dazu kamen noch Karten für den Roten Halbmond und für den Sanitätsdienst. Außerdem mußten sie Frondienst leisten: Beim Brückenbau, beim Unkrautrupfen auf den großen Gütern und Bewässerungsbezirken außerhalb des Dorfes sowie bei der Heuschreckenbekämpfung. Diese und unzählige andere Hand- und Spanndienste gaben den Dörflern das Gefühl, als ohne Pause arbeitender Lastesel behandelt zu werden.“[45]

Qutb besuchte in Musa die (weltliche) Elementarschule, was seiner nationalistischen und vermutlich auch antibritischen Prägung durch das Elternhaus entsprach.[46] Jedoch legten seine Eltern daneben Wert auf eine islamische Bildung ihrer Kinder, was im Falle Sayyids bedeutete, dass er in einer Koranschule den Koran auswendig lernen musste, nachdem dies vom Lehrplan der staatlichen Schule gestrichen worden war.

Qutb, von dem berichtet wird, dass er ein ausgesprochen guter und wissbegieriger Schüler war, bekam in seiner Kindheit viele Bücher von seinen Eltern und dem Rektor der Schule. Darunter waren zahlreiche Werke ägyptischer Nationalisten, Bücher über islamische Geschichte, Heldenerzählungen und verschiedene Romane sowie Gedichtbände.[47] Die Schrift des bekannten Nationalisten Ali al-Ghayati, Meine Nationalität, beeindruckte Qutb offenbar so sehr, dass er das gesamte Buch auswendig lernte. Qutb schrieb daneben oft komplette Bücher ab, bevor er sie wieder an den Rektor zurückgab.[48]

Im Verlauf seiner Schulzeit verschlechterte sich die wirtschaftliche und soziale Stellung seiner Familie zunehmend und der Vater musste das im Familienbesitz befindliche Land stückweise verkaufen.

Die nach dem I. Weltkrieg in Ägypten um sich greifenden Proteste gegen die britische Kolonialherrschaft und sozialen Umbrüche prägten fortan sein Leben. 1918 schloss Qutb die Elementarschule in Musa ab, blieb aber noch weitere drei Jahre in Musa, da der geplante Besuch einer weiterführenden Schule in Kairo durch die Eskalation der Aufstände unmöglich geworden war. Nach dem erfolglosen Versuch der ägyptischen Delegation unter ihrem Führer Saad Zaghlul, der 1919 inhaftiert und nach Malta verbannt wurde, die Freiheit Ägyptens vom Vereinigten Königreich zu erlangen, verschärften sich die Unruhen. Qutb beteiligte sich aktiv an verschiedenen Demonstrationen und verfasste Reden, in denen er sich zur Sache der Wafd- Partei bekannte.

Erst 1921/22 beruhigte sich die Lage nach der formellen Unabhängigkeit Ägyptens wieder und Qutb zog zu einem Onkel in einen Vorort von Kairo und begann mit der Ausbildung als Grundschullehrer, der ein Studium am Dar al-Ulum (Haus der Wissenschaften)[49] folgte.

Der Beginn seines politischen Engagements für die Nationalisten fiel ebenfalls in diese stürmische Zeit, denn wie zuvor sein Vater und Onkel trat er der Wafd-Partei bei. Die Nationalisten waren am der Ende der 20er Jahre jedoch nicht mehr die alleinige Opposition im Lande. Die Marxisten, befördert durch den Erfolg der Bolschewiken in Russland, breiteten sich auch in der arabischen Welt aus und mehr als 100 verschiedene islamische Gruppen nahmen den Kampf gegen Briten und den Westen auf.[50] 1928 wurde die Muslimbruderschaft, die sich bald als die bedeutendste Gruppe erweisen sollte, von al-Banna gegründet. Al-Banna studierte wie Qutb Lehramt, wurde aufgrund seines herausregenden Intellekts und der Schulung durch seinen Vater wesentlich früher als Qutb am Dar al-Ulum aufgenommen. Bereits im Alter von 16 Jahren durfte al-Banna, der aus einer Familie bekannter Islamgelehrter stammte, studieren und schloss 1927 ab.

Qutb orientierte sich dennoch zu den Nationalisten und kam durch den Schriftsteller al-Aqqad, den er in Kairo kennenlernte, mit westlichen Ideen und Literatur in Kontakt. Qutb selbst hatte schon in seiner Kindheit begonnen, Gedichte und kurze Geschichten zu verfassen.[51] Sein Studium der arabischen Sprache und Literatur, das seinen Vorlieben entgegenkam und seine Neigungen forderte, schloss er 1933 im Alter von 27 ab. Die Kurse an der Universität boten einen breiten Überblick über Literatur, Philosophie, Geschichte, Theologie und Sprachen, auch wenn Qutb bemängelte, dass Fremdsprachen zu wenig gelehrt würden.

Das Programm, das Qutb absolvierte, war eine Mischung aus Kursen der Al-Azhar-Universität und einer westlich geprägten, säkular orientierten Universität. Qutb betätigte sich daneben als Literaturkritiker und veröffentlichte zu literarischen Debatten in Journalen der Kairoer Intelligenz. Eigene Gedichte, die einen zum Teil deutlich säkularistischen Tonfall hatten und stark von Aqqad beeinflusst waren, veröffentlichte er 1935 in dem Band Der unbekannte Strand.

Nach Abschluss der Studien begann er für das Erziehungsministerium zu arbeiten, zu Beginn am Dar al-Ulum, später in allen Teilen des Landes.

Seine sehr antibritischen Äußerungen und die Kritik am Königshaus, das nur formal Ägypten regierte, wurden jedoch von den Behörden registriert und sollten ihm große Probleme bereiten. Das Ministerium versetzte ihn in die Abteilung für Inspektion der Schulen und schickte ihn in unterschiedlichste Regionen Ägyptens. Beispielsweise musste er 1935 zwei Mal vom Osten in den Süden umziehen, 1936 wurde er wieder nach Kairo versetzt. Qutb erklärte später, er habe sich in jener Zeit heimatlos und wie ein Suchender gefühlt.[52]

Die nationalistischen Reden und Betätigungen verärgerten den Minister so sehr, dass er eines Tages äußerte, Qutb gehöre entlassen, herausgeworfen oder ins Exil getrieben. Eine Warnung des Ministers an seinen Angestellten brachte Qutb dazu, seine Kündigung einreichen zu wollen. Sein Freund Taha Husain, ein bekannter ägyptischer Schriftsteller und Angestellter im Erziehungsministerium, lehnte eine Kündigung ab und konnte Qutb überzeugen, weiterhin im Staatsdienst zu bleiben.[53]

II.3.2. Abwendung vom Westen

Seine Kritik am Zustand Ägyptens und des britischen Kolonialismus führte zwar zu einer Flut von Artikeln und kurzen Texten, sein Hauptaugenmerk lag jedoch weiterhin auf Literatur und Kritik. Zahlreiche Texte behandelten seine Lebensgeschichte und thematisierten das Gefühl des Suchens und der Orientierungslosigkeit. Ende der 30er Jahre begann er sich verstärkt dem Koran zuzuwenden, wenn auch aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive, die seine Texte in jener Zeit bestimmte. Seine nicht-religiöse Herangehensweise und literarische Annäherung löste einen Konflikt mit Theologen aus, die aus verständlichen Gründen eine nicht­religiöse Betrachtung ablehnten. 1944 veröffentlichte er eine erste Monografie mit dem Titel „Die künstlerische Darstellungsweise im Koran“ und stellte die Darstellung der Emotionen und Seelenzustände in den Vordergrund. Dies sei für moderne Literatur ein passendes Vorbild, eine lediglich rationale und intellektuelle Leseweise des Korans hingegen weniger.

Ab etwa 1940 veröffentlichte Qutb zunehmend mehr Artikel zu sozialpolitischen Fragestellungen, während gleichzeitig literarische Publikationen seltener wurden.

Hintergrund dieser Entwicklung waren eine sich stetig verschärfende Situation und wachsende soziale Ungleichheiten. Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mehl stiegen stark an, Benzin und Kleidung wurden immer teurer. In den Augen der Opposition und vieler Ägypter waren die Briten für diese Krisen verantwortlich, da sie der Versorgung der in Ägypten stationierten Truppen den Vorrang gaben und sich nicht genug um das Wohl der Bevölkerung kümmerten. Die Landbevölkerung litt besonders unter einem weiteren Problem: Steigende Pachtgebühren für Land, rasches Bevölkerungswachstum bei gleichzeitigem Mangel an Fachkräften, die in Fabriken für die Briten arbeiten mussten, und hoher Arbeitslosigkeit ließen Proteste bei Bauern und Stadtbewohnern anschwellen.

Sayyid Qutb beteiligte sich rege an Diskussionen, die versuchten, Lösungsansätze mit „westlichen Methoden“ wie Schulreformen und sozialen Sicherungsmaßnahmen zu finden. In zahlreichen Artikeln einer vom Kultusministerium herausgegebenen Zeitschrift protestierte Qutb gegen die sozialen Disparitäten und forderte Reformen, um die Probleme zu beseitigen. In einem bemerkenswerten, geradezu sozialdemokratisch anmutenden Artikel forderte Qutb angesichts der Obdachlosigkeit, mangelnder Altersversorgung und hoher Analphabetenrate eine „ausgewogene Gesellschaft“, die „soziale Gerechtigkeit“ bereitstelle. Dazu müsse der Staat jedem Individuum Nahrung, medizinische Versorgung und Bildung garantieren. Instrumente für die Umsetzung dieser Ziele seien Steuern, die sich nach den Einkommensverhältnissen richten, und beispielsweise Gesetze, die Arbeitern einen Mindestlebensstandard gewährleisten. Dazu gehörten Mindestlöhne, feste Arbeitszeiten, soziale Sicherungssysteme und Altersvorsorge. Weitere Kritikpunkte ergaben sich für Qutb im Bildungssystem, das er aus eigener Anschauung gut kannte. Lehrermangel, zu lange Studienzeiten, und zu große Schulklassen könnten keine Bildung erbringen, die aber für Demokratie unerlässlich sei, denn politische Teilhabe erfordere ein Mindestmaß an Bildung. Reformen im Schulsystem sollten sich daher an westlichen Vorbildern orientieren.[54]

Weitere Themen neben der bedrückenden sozialen Lage waren die noch immer bestehende Abhängigkeit von Großbritannien und die mangelhafte Beteiligung der Bevölkerung am politischen Prozess. Zwar gab es ein Zweikammer-System aus Senat und Abgeordnetenhaus, das jedoch einem autokratisch herrschenden König untergeordnet war, der wiederum durch den britischen Hohen Gesandten fremdbestimmt wurde. Ägypten war folglich faktisch ein Teil des britischen Kolonialreiches. Zudem wurden durch die Wahlregeln viele Menschen von Wahlen ausgeschlossen, da Kandidaten in der Lage sein mussten, lesen und schreiben zu können, was ein Großteil der Bevölkerung nicht war, und Kandidaten eine bestimmte Summe hinterlegen mussten, um an den Wahlen teilnehmen zu können.

Die Führungsschicht wurde somit aus der städtischen Effendiya, ländlicher Aristokratie und Großgrundbesitzern gebildet, von denen ein großer Teil durch den König direkt ihre Sitze im Senat zugeteilt bekam. Das Versagen der Parteien in der Wirtschaftskrise, vor allem der Wafd- Partei, die ständigen (auch verfassungswidrigen) Eingriffe des Königshauses und Großbritanniens in die Politik, Korruption, Nepotismus, Wahlfälschungen und der Niedergang des sozialen und wirtschaftlichen Lebens verursachten Ablehnung und Vertrauensverlust innerhalb der Bevölkerung gegenüber dem politischen Personal und System als solches, auch wenn es nicht als Demokratie bezeichnet werden konnte.[55] Das Problem einer sich demokratisch gebenden Autokratie konnte Ägypten bis heute nicht überwinden, was sicherlich einen höheren Zuspruch für westliche Demokratie behindert hat.[56]

Häufig betrafen die Eingriffe des Königshauses bzw. der Briten die Zusammensetzung der Regierung. In den Jahren 1923-1940 wurden 13 von 17 Regierungen durch den König besetzt, nicht durch das Parlament. Einer dieser Eingriffe sollte den wohl entscheidenden Wendepunkt im politischen Denken Qutbs bewirken. Zwar werden bisweilen die Reise in die USA und die dortigen Erlebnisse als Wendepunkt beschrieben, jedoch zeigt der Vergleich der Wortwahl Qutbs, dass der Regierungswechsel 1942 den Beginn der Abwendung vom Westen darstellte. Forderte Qutb vor 1942 Reformen in fast klassisch westlicher Rhetorik, sollte sich dies nach 1942 in eine Feindschaft gegenüber dem westlichen demokratischen System wandeln.

1942 kam es wie eben angesprochen zu einem Wechsel des Ministerpräsidenten, der von schweren Protesten und Unruhen durch die Bevölkerung beantwortet wurde. Hintergrund waren die Absetzung des NS-Deutschland-freundlichen Ministerpräsidenten Ali Mahir und die Einsetzung des probritischen, ehemaligen Nationalisten Mustafa an-Nahas. Diese durch den Einsatz britischer Panzer erzwungene Auswechslung bedeutete in den Augen der den Briten nicht wohlgesonnenen Bevölkerung einen tiefen Eingriff in die kaum vorhandene Souveränität. Besondere Brisanz erhielt dieser Staatsstreich durch die deutschfreundliche Stimmung in der Bevölkerung, den öffentlichen Jubel über das Vorrücken Rommels nur wenige Tage zuvor und die Sympathiebekundungen König Faruks für Hitler sowie die Einrichtung einer scharfen Pressezensur antibritischer Artikel.

Qutb verließ nach der Regierungsübernahme des Wafd-Mitglieds an-Nahas die Wafd-Partei und schloss sich einer Absplitterung mit Namen Sadiyun an. Die Zugehörigkeit zu einer Oppositionspartei und seine sich abermals verschärfende Rhetorik gegenüber dem Königshaus, Großbritannien und dem politischen System zogen schwere Konflikte mit seinem Arbeitgeber, dem Kultusministerium, und dem König persönlich nach sich. Seine Kritik richtete sich nun nicht mehr gegen soziale Ungleichheiten, die mit Reformen westlichen Vorbilds bekämpft werden sollten, sondern gegen Parteien, König und den Westen.

Die Beamten beschimpfte er als „Sklaven ohne eigene Meinung“[57], die Oberschicht als „Kakerlaken“[58] und Politiker als „Lehnsherren, die die Verfassung verspotten“[59].

In seinem Text An Alexandria schrieb er 1946:

„In keiner der Parteien finde ich etwas, das Begeisterung oder Aktivität für sie verdient. [Inzwischen hatte sich Qutb von allen Parteien abgewandt]. Alle diese Männer sind Männer der vergangenen Generation. Sie alle haben eine Mentalität, die dieser Generation nichts nützt: die Mentalität der halben Lösungen. Sie sind mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Großbritannien ein unbesiegbarer Staat und die Armut eine einheimische Krankheit sei. Sie alle taugen nicht mehr für die Leitung neuer Generationen.“[60]

Trotz der Verbitterung und Enttäuschung über den Westen und die ägyptische Regierung wandte er sich 1942 nicht vollends von der demokratischen Idee ab.

So prangerte er weiterhin den Hunger und die Armut an, auch in sozialistischen Zeitschriften, und sah die Bekämpfung der Armut als Projekt zur Erlangung der politischen Freiheit, die er nach wie vor innerhalb des Systems als verwirklichbar sah. „Die Verfassung, das Parlament und die Gesetze können dem Hungrigen nicht seine Freiheit garantieren. Zuerst muss er vom Hunger befreit werden, damit er fühlt, dass er ein Mensch ist, seinen Kopf erhebt und an den Rechten festhält, die ihm Verfassung und Gesetz garantieren.“[61]

Die Unzufriedenheit Qutbs, wie auch die der ägyptischen Bevölkerung, zielte ab Kriegsende immer mehr auf Briten und probritische ägyptische Politiker. Attentate und Anschläge auf britische Einrichtungen und ägyptische Politiker häuften sich, 1946 kam es schließlich zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen ägyptischen Arbeitern und britischen Soldaten bzw. ägyptischer Polizei, 1947 zu Verbrennungen englischer Bücher durch die Muslimbruderschaft.[62] Qutbs Zorn auf die britische Politik äußerte sich in immer radikaleren Anschuldigungen und Vorwürfen.

„Die Briten berauben unser Land und seine Menschlichkeit. Sie machen es so arm, dass die Bauern einen geringeren Lebensstandard als das Vieh haben und bestehlen es durch die Suezkanal-Aktien, die Preise für Baumwolle und seine Exporte sowie durch Geschäfte bei öffentlichen Ausschreibungen. In Kriegszeiten erschöpfen sie seine Vorräte an Nahrungsmitteln, Früchten und Kleidung, ohne etwas dafür zu geben und verbreiten Schwindsucht, Anämie und die verschiedenen Ernährungskrankheiten.“[63]

Qutb, der noch wenige Jahre zuvor für Modernisierung nach westlichem Vorbild gekämpft hatte, suchte nach einem eigenen, ägyptischen oder sogar arabischen Weg, um das Land zu erneuern. Der Westen war nun für Qutb ein monolithischer Block, dessen politische und ökonomische Vormachtstellung auf „rein materiellen Zivilisationen, ohne Herz, mit dem Gewissen einer Maschine“ gegründet sei.

[...]


[1] Huntington sieht als Merkmale des Westens: Individualismus, Repräsentativorgane, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit, Trennung von geistlicher und weltlicher Macht, sowie das klassische Erbe, Christentum und europäische Sprachen. Vgl. Huntington: Kampf der Kulturen. 1998, S. 99-102.

[2] Vgl. Moaddel: Islamic Modernism, Nationalism and Fundamentalism. 2005 und Peters: Erneuerungsbewegungen im Islam vom 18. bis zum 20. Jahrhundert und die Rolle des Islams in der neueren Geschichte: Antikolonialismus und Nationalismus. 2005.

[3] Dazu zählen z. B. Rawls oder auch Voegelin.

[4] Vgl. Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 10.

[5] Zwar wurden im Internet einige Versionen der Dirasat veröffentlicht, konnten jedoch nicht zweifelsfrei als das Original von Qutb identifiziert werden. In einem amerikanischen Lehrbuch mit arabischen Originaltexten (ohne englische Übersetzungen) konnte aber ein - wenn auch leider kurzer - Abschnitt gefunden werden. Vgl. Qutb, Sayyid: Dirasat Islamia.. 1952, S. 119-123. In: Frangieh, Bassam K.: Anthology of Arabic literature, culture and thought from pre-Islamic times to the present. Yale 2005, S. 231-237.

[6] Meyer: Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne. 1989, S. 10.

[7] Meyer: Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne. 1989, S. 214.

[8] Bisweilen wird ein Ende der Moderne mit dem Ersten Weltkrieg identifiziert, auf den die Postmoderne oder eine anders genannte Epoche folge. Der Soziologe Beck spricht demgegenüber von einer Zweiten Moderne, deren Werte radikalisierte Formen der Werte der Moderne seien. In dieser Arbeit sollen dennoch die Werte der (Ersten) Moderne zum Vergleich mit fundamentalistischen Ideologien herangezogen werden, da diese, selbst wenn man von der Existenz einer Zweiten Moderne nach Beck ausgeht, weiterhin bestehen und lediglich eine Verstärkung erfahren haben und zudem mit einiger Berechtigung bestritten werden kann, dass die Moderne tatsächlich mit dem Ersten Weltkrieg und den darauf folgenden Umwälzungen ihr Ende gefunden habe, da die Veränderungen der Lebenswelt jedes Einzelnen durch die Beck’sche Erste Moderne wesentlich stärker waren als die Veränderungen in der jüngeren Geschichte.

[9] Meyer: Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne. 1989, S. 45.

[10] Vgl. Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. 2009, S. 1167.

[11] Vgl. Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. 2009, S. 322 ff. und 901 ff.

[12] Vgl. z. B. Sontheimer: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. 1962, S. 42 ff. und 148 ff. und Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. 2009, S. 909.

[13] Meyer: Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne. 1989, S. 49-50.

[14] Vgl. Fischer: Die Zukunft einer Provokation. 2009, S. 77 ff.

[15] Vgl. Kaphengst: Von der Landethik zum Ökofaschismus? 2008, S. 25-27.

[16] Vgl. z. B. die Werke des US-Amerikaners Jensen, ein bekannter Vertreter des Primitivismus: „Diese Kultur [der industrialisierten Welt] wird sich nicht freiwillig zu einer vernünftigen und nachhaltigen Lebensweise bekehren. Wenn wir ihr kein Ende setzen, wird sich die Zivilisation weiterhin die große Mehrheit der Menschen in die Verelendung treiben und die Erde ausplündern, bis sie (die Zivilisation und wahrscheinlich auch die Erde) zusammenbricht. Unter den Auswirkungen dieses Raubbaus werden Menschen und nichtmenschliche Lebewesen sehr lange Zeit zu leiden haben.“ Jensen: Endgame. 2008, S. 93.

[17] Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand. 2010, S. 11 ff.

[18] Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand. 2010, S. 73 ff.

[19] Serrao: Das hat er vom Vater. 2010. Die Artamenengemeinschaft war eine volkische, esoterische und rassistische Siedlungsbewegung, die in verschiedenen Orten kleine Siedlungen anlegte, um eine rassisch reine Ordnung aufzubauen. In ihrer Ideologie spielten daneben die Erhaltung der Natur und eine agrarische Struktur eine wichtige Rolle. Heute finden sich in Ostdeutschland ähnliche Projekte. Die Sezession ist eine rechts-intellektuelle Zeitschrift, die in der Tradition der Konservativen Revolution und der Neuen Rechten steht und deren Ideen verbreiten will.

[20] Thumfart: Fast wie Gas. 2010.

[21] Serrao (SZ): Das hat er vom Vater. 2010.

[22] Vgl. dazu auch das bekannte Bonmot von F. J. Strauss, der bekannte, konservativ zu sein, hieße an der Spitze des Fortschritts zu marschieren.

[23] Eigene Übersetzung nach Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 85.

[24] Vgl. Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. 2006, S. 337 ff.

[25] Vgl. auch Moaddel: Islamic Modernism, Nationalism and Fundamentalism. 2005, S. 130-140.

[26] Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 80.

[27] In den 1830er Jahren erhielten beispielweise lediglich rund 11 000 von etwa 500 bis 600 000 Kindern im schulfähigen Alter eine Schulbildung. Vgl. Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 90.

[28] Die Oberschicht wurde zu einem Träger des Nationalismus und der Reformen westlichen Vorbildes. „Dank ihm [Mehmet Ali] wurde nicht nur die Idee der wirtschaftlichen Entwicklung zusammen mit der Forderung nach Befreiung von ausländischer Herrschaft in die östliche Erde gepflanzt, sondern zusätzlich auch langlebige Werte erzeugt [...].“ Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 91.

[29] Beispielsweise kämpfte er erfolgreich gegen die Bewegung um al-Saud auf der arabischen Halbinsel, gewann Gebiete in Nubien, verlor seine Flotte gegen die europäischen Mächte und führte Kriege mit den Osmanen, aus deren Reich (Albanien) auch er selbst, Mehmet Ali, stammte.

[30] Vgl. Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. 2006, S. 347 ff.

[31] Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 95.

[32] Vgl. Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. 2006, S. 347 ff. und Vgl. Moaddel: Islamic Modernism, Nationalism and Fundamentalism. 2005, S. 199 f.

[33] Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 108.

[34] Vgl. Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. 2006, S. 367 ff.

[35] Vgl. Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. 2006, S. 385 ff.

[36] Vgl. Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. 2006, S. 360 ff. und Vgl. Moaddel: Islamic Modernism, Nationalism and Fundamentalism. 2005, S. 200-203.

[37] Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 120.

[38] Vgl. Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. 2006, S. 362 ff. und 396 ff. und Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 110 ff.

[39] Issawi: The Economic History of the Middle East. 1966, S. 368.

[40] Vgl. Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. 2006, S. 406.

[41] Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 211.

[42] Hershlag: Introduction to the modern ecomonic history of the Middle East. 1964, S. 212.

[43] Vgl. Moaddel: Islamic Modernism, Nationalism and Fundamentalism. 2005, S. 199-206.

[44] Vgl. Kepel: Der Prophet und der Pharao. 1995, S. 37.

[45] Qutb: Kindheit auf dem Lande, S. 158-159.

[46] Vgl. Kepel: Der Prophet und der Pharao. 1995, S. 37.

[47] In seinem Besitz befanden sich unter anderem auch eine handgeschriebene Kopie von 1001 Nacht und ein Buch über Wahrsagerei.

[48] Vgl. auch Calvert: Sayyid Qutb and the Origins of Radical Islam. 2010, S. 23 ff.

[49] Heute Teil der Universität Kairo (gegründet 1908).

[50] Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 21.

[51] Vgl. Kepel: Der Prophet und der Pharao. 1995, S. 38.

[52] Vgl. Khatab: The Political Thought of Sayyid Qutb. The Theory of Jahiliya. 2006, S. 50; Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 34.

[53] Vgl. Khatab: The Political Thought of Sayyid Qutb. The Theory of Jahiliya. 2006, S. 50.

[54] Vgl. auch Calvert: Sayyid Qutb and the Origins of Radical Islam. 2010, S. 75 ff.

[55] Vgl. Moaddel: Islamic Modernism, Nationalism and Fundamentalism. 2005, S. 199 ff.

[56] Vgl. etwa Pew Research Center: Global Attitudes Project. 2010, S. 16. Ägypten hat in der islamischen Welt die mit am geringsten Zustimmungswerte zu Demokratie. Es bleibt abzuwarten, inwieweit sich nach der Revolution im Frühjahr 2011 die Werte verändern werden.

[57] Vgl. Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 34.

[58] Vgl. Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 34.

[59] Vgl. Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 35.

[60] Vgl. Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 34.

[61] Vgl. Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 35.

[62] Vgl. auch Calvert: Sayyid Qutb and the Origins of Radical Islam. 2010, S. 103 ff.

[63] Vgl. Damir-Geilsdorf: Herrschaft und Gesellschaft. 2003, S. 35.

Details

Seiten
124
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656041139
ISBN (Buch)
9783656040187
Dateigröße
1006 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180982
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut
Note
1,7
Schlagworte
Moderne; Fundamentalismus; Qutb; Sayyid Qutb; Islamismus; Antimodernismus; Muslimbruderschaft; Ägypten; Islam; Politische Theorie; LMU München; Magisterarbeit;

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Titel: Moderne und Fundamentalismus bei Sayyid Qutb