Lade Inhalt...

Der Zusammenhang von demographischer Entwicklung und regionaler Ungleichheit in Deutschland (nach 1989)

Bachelorarbeit 2010 56 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Räumliche Ungleichheit in der Soziologie
2.1 Zum Begriff der räumlichen Ungleichheit
2.2 Räumliche Ungleichheit in der Soziologie der Bundesrepublik

3. Regionale Bevölkerungsentwicklung in Deutschland
3.1 Binnenmigration
3.1.1 Theoretischer Hintergrund
3.1.2 Binnenmigration in Deutschland
3.2 Veränderung der Altersstruktur
3.2.1 Gesamtdeutsche Trends
3.2.2 Regionalspezifische Altersstrukturveränderungen
3.3 Zusammenwirken von Binnenmigration und Altersstrukturveränderungen

4. Auswirkungen des demographischen Wandels auf soziale Teilhabechancen
4.1 Arbeit und Beschäftigung
4.2 Bildung
4.3 Öffentliche Infrastruktur
4.4 Gesundheitsversorgung

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anlagenübersicht

1. Einleitung

„Deutschland schrumpft – und ergraut!“1 so die prägnante Zusammenfassung einer lange absehbaren und in ihren Konsequenzen kaum fassbaren demographischen Entwicklung. Die Bundesrepublik hat momentan etwa 82 Millionen Einwohner. Im Jahr 2060 werden es nur noch zwischen 65 und 70 Millionen sein. Der kontinuierli- che Rückgang der Geburtenziffern im Vergleich zu den Sterbefällen führt dazu, dass die deutsche Bevölkerung trotz Zuwanderung pro Jahr um etwa 100.000 Menschen schrumpft. Nirgendwo in Europa werden so wenige Kinder geboren wie in Deutsch- land.2 Die Kinder werden immer weniger, der Anteil älterer Menschen nimmt zu. Gleichzeitig werden die Alten immer älter. Die Lebenserwartung der 65-Jährigen wird bis 2060 um fünf bis sieben Jahre steigen. Die Zahl der 70-Jährigen wird im Jahr 2060 doppelt so hoch sein wie die Zahl der Neugeborenen. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung wird bis 2060 auf gut 34% ansteigen. Jeder siebente Deutsche wird dann über 80 Jahre alt sein (vgl. ausführlich Statistisches Bundesamt 2009b).

Die Demographie als Wissenschaft, die sich mit der Zusammensetzung, Entwick- lung und Verteilung von Bevölkerungen befasst, hat in der Bundesrepublik lange Zeit ein Schattendasein geführt. Gesellschaftliche und politische Diskussionen über sich abzeichnende demographische Veränderungen in Deutschland, insbesondere den Rückgang des Bevölkerungswachstums und eine zunehmende Überalterung und die daraus zu ziehenden politischen Konsequenzen, fanden in den Anfangsjah- ren der Bundesrepublik aufgrund der rassistischen und menschenverachtenden Bevölkerungspolitik während der NS-Zeit so gut wie nicht statt. Aktive Einflussnah- me auf die Bevölkerungsentwicklung galt als moralisch überaus fragwürdig. Noch in den 1980er Jahren wurden Politiker und Wissenschaftler, die auf die massiven de- mographischen Umbrüche in der deutschen Gesellschaft hinwiesen und politisches Handeln im Bereich sozialer Sicherungssysteme forderten, als unaufgeklärt und völkisch denkend diskreditiert (Kaufmann 2005, S. 232ff.).

Das Tabu, vom demographischen Wandel und den damit verbundenen Herausfor- derungen für die Gesellschaft zu sprechen und adäquate Lösungsansätze auf die politische Agenda zu setzen, begann Ende der 1990er-Jahre langsam aufzubrechen und die deutsche Medienlandschaft erlebte beginnend mit den Jahren 2003 und 2004 eine regelrechte Flut von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Auseinandersetzungen, die zum Teil reißenden Absatz fanden und eine breite ge- sellschaftliche Debatte über das Ausmaß, die Folgen und den Umgang mit den de- mographischen Entwicklungen in Deutschland in Gang setzten. Journalisten wie der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Frank Schirrmacher, dessen Buch „Das Methusalem-Komplott“3 von einem großen medialen Echo begleitet wur- de, trugen erstmals eigentlich lange bekannte demographische Daten zusammen und wiesen auf die aus einer alternden Gesellschaft erwachsenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen für die Zukunft hin. Der demographi- sche Wandel in Deutschland hat sich seitdem zu einem der zentralen Politikfelder deutscher (Sozial-)Politik entwickelt und unzählige wissenschaftliche Publikationen setzen sich mit ihm auseinander.4

Bei diesen Betrachtungen geht es jedoch in erster Linie um die gesamtgesellschaft- lichen Herausforderungen, die sich durch eine immer älter werdende Gesellschaft ergeben, etwa im Bereich der Finanzierung sozialer Sicherungssysteme und des Gesundheitssystems, oder der strukturellen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Auswirkungen der demographischen Entwicklungen auf soziale Räume unter- halb der gesamtstaatlichen Ebene sind bisher fast vollkommen außer Acht gelassen worden. Übersehen wurde dabei die Tatsache, dass der Schrumpfungs- und Alte- rungsprozess der deutschen Bevölkerung nicht allerorts gleichermaßen stark zu verzeichnen ist, sondern bei genauerer Betrachtung zum Teil starke regionale Diffe- renzen deutlich werden (vgl. ausführlich Mai/ Roloff/Micheel 2007).

Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, zu untersuchen, welcher Zusammenhang zwi- schen demographischen Entwicklungen in Deutschland nach der Wiedervereinigung und regionaler Ungleichheit besteht. Regional unterschiedlich starke Ausprägungen von demographischen Faktoren wie Binnenmigration oder Altersstrukturverände- rungen schaffen regionale Ungleichheitsverhältnisse in Deutschland, dessen Regio- nen sich in struktureller Hinsicht nicht nur ökonomisch oder kulturell voneinander unterscheiden, sondern deren Bevölkerungsstruktur direkte und indirekte Auswir- kungen auf die Lebensbedingungen der dort lebenden Bevölkerung hat; direkt durch fehlendes Humankapital und zunehmende Überalterung und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft, indirekt durch das mögliche Ausbleiben staatlicher Strukturför- derung in diesen Regionen.

Dieser Analyse liegt die Vorstellung zu Grunde, dass die Lebenslage von Menschen nicht nur durch ihre soziale Position gekennzeichnet ist, sondern auch durch das jeweilige ökonomische, soziale, politische und kulturelle Umfeld geprägt wird (vgl. Beetz 2008).

Relevant sind soziale Ungleichheitsphänomene daher nicht nur aus reinem sozial- wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse, sondern auch aus politischer und gesell- schaftlicher Perspektive. In einem Land, dessen Gesellschaft wohl wie kaum eine andere in der Welt durch die Überwindung sozialer Unterschiede und die Schaffung eines hohen Maßes materiellen Wohlstands für breite Teile der Bevölkerung zu- sammengehalten wird und dessen Systeme des sozialen Ausgleichs und der sozia- len Absicherung starke Stabilität erzeugt haben, sind soziale Ungleichheitsphäno- mene ganz gleich welcher Art immer auch Herausforderungen für die Gesellschaft als Ganzes und eine Frage der eigenen Ideale.

Der Geist des sozialen Ausgleichs als einer der Grundpfeiler des bundesrepublika- nischen Selbstverständnisses wird nicht zuletzt durch die bisher als politische For- derung verstandene „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ im Grundge- setz deutlich (Art. 72 Abs. 2 GG). Die Beseitigung bestehender regionaler Ungleich- heitsverhältnisse ist somit dauerhafter Bestandteil der politischen Agenda oder sollte es zumindest sein (Barlösius 2006; Krappweis 2009).

Am Anfang soll daher ein kurzer Abriss über die Perzeption und Beurteilung regio- naler Ungleichheitsverhältnisse in Deutschland innerhalb der Soziologie stehen. Diese waren bis zum Fall des Eisernen Vorhangs in erster Linie geprägt durch die Ungleichheit der Lebensverhältnisse zwischen ländlichen und städtischen Regio- nen. Mit der Wiedervereinigung Deutschland wurde diese Sichtweise verdrängt durch die Betrachtung von Ungleichheitsverhältnissen zwischen den neuen und alten Bundesländern und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilhabechancen von Ost- und Westdeutschen.

Ausgehend von diesen beiden Betrachtungsweisen regionaler Ungleichheit soll an- schließend aufgezeigt werden, welchen Einfluss aktuelle demographische Entwick- lungen in Deutschland auf soziale Teilhabechancen in Deutschland haben und ob sich dadurch neue regionale Ungleichheitsverhältnisse herausgebildet haben, die mit den alten Kategorien Stadt/Land oder Ost/West nicht mehr erfasst werden kön- nen.

Verschiedene Faktoren demographischer Entwicklungen wie Binnenmigration oder Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung sollen dazu genauer analysiert und nach regionalen Gesichtspunkten systematisiert werden. Es wird dabei besonders zu analysieren sein, wie verschiedene demographische Faktoren zusammenwirken und ob sich diese gegebenenfalls verstärken oder abmildern.

Die Untersuchung wird aufzeigen, dass die lange Zeit ignorierten und verdrängten demographischen Veränderungen innerhalb der deutschen Gesellschaft zu neuen Formen regionaler Ungleichheit geführt haben und weiterhin führen werden. Die Diffusität des Ungleichheitsbegriffs soll durch die genauere Betrachtung der regional unterschiedlichen sozialen Teilhabechancen in den Bereichen Arbeit und Beschäfti- gung, Bildung und Gesundheit sowie in der unterschiedlichen Qualität und Quantität der Bereitstellung öffentlicher Güter und Dienstleistungen, die direkten Einfluss auf soziale Teilhabechancen haben und ein Indikator für soziale Ungleichheit sein kön- nen, reduziert werden.

Ungleiche soziale Teilhabechancen in der Bundesrepublik entstehen nicht mehr nur im Gegensatz zwischen ländlichen und städtischen Gebieten oder sind nicht mehr nur eine Frage von Unterschieden zwischen neuen und alten Bundesländern. Viel- mehr wird deutlich werden, dass sich klare soziale Ungleichheitsmomente im Ge- gensatz von Zentrum und Peripherie herausgebildet haben und sich diese in der nahen und mittleren Zukunft weiter verstärken werden.

2. Räumliche Ungleichheit in der Soziologie

2.1 Zum Begriff der räumlichen Ungleichheit

Unter räumlicher Ungleichheit versteht man in der Soziologie die ungleiche Vertei- lung ungleichheitsrelevanter Güter, Ressourcen, Rechte und Teilhabechancen ent- lang einer horizontalen Achse, d.h. innerhalb eines zu definierenden territorialen Gebietes. Verbunden mit dieser Form von Ungleichheit sind relevante soziale Be- vor- bzw. Benachteiligungen. Im Gegensatz zur vertikalen Ungleichheit entlang der Achse der Sozialstruktur, die auf die soziale Bezugseinheit Gesellschaft abhebt, bezieht sich regionale Ungleichheit auf die einzelnen geographischen Teilräume des Nationalstaates (Barlösius 2006, S. 19).

Die jeweiligen Bezugseinheiten stehen in einem spezifischen Gerechtigkeitszu- sammenhang, der dadurch zum Ausdruck kommt, dass das gleiche Gerechtigkeits- maß auf die einzelnen Bezugseinheiten (im Falle der räumlichen Ungleichheit die verschiedenen Regionen) zur Anwendung kommt und die Bezugseinheiten das ge- genseitige Einverständnis erklären, einen Ausgleich zwischen ihnen zuzulassen. Die Beseitigung räumlicher Ungleichheit mit dem Ziel der Schaffung von Gerechtigkeit zwischen den räumlichen Bezugseinheiten verlangt jedoch ein gewisses Maß an Eingriffen in die Souveränität der Bezugseinheiten. Wie weitreichend diese Eingriffe sind, hängt in erster Linie davon ab, welche Vorstellungen von räumlicher Gerech- tigkeit zu Grunde gelegt werden (Barlösius/Neu 2007, S. 80f.).

Die Beseitigung räumlicher Ungleichheit fußt in aller Regel auf der Vorstellung, dass ein gewisses Maß an Gerechtigkeit zwischen den Einheiten eines Bezugssystems den Zusammenhalt des Gesamtsystems gewährleistet. In der gleichen Art und Wei- se, wie die Beseitigung vertikaler Ungleichheiten den sozialen Frieden und den Zu- sammenhalt des Bezugsystems Gesellschaft garantieren soll, dient die Beseitigung räumlicher Ungleichheit dazu, die Einheit eines territorialen Bezugssystems zu festi- gen und somit eine territoriale Integration zu ermöglichen (Barlösius/Neu 2007, S. 82).

2.2 Räumliche Ungleichheit in der Soziologie der Bundesrepublik

In der Soziologie der Bundesrepublik spielten horizontale Dimensionen sozialer Un- gleichheit lange Zeit eine untergeordnete Rolle. Traditionelle Stadt-Land- Gegensätze und das stereotype Bild der katholischen Arbeitertochter vom Lande als akkumulierter Ausdruck sozialer Benachteiligungsfaktoren schienen durch die Bil- dungsexpansion der 1960er- und 1970er-Jahre weitestgehend überwunden. Tech- nische Modernisierungsprozesse, die zunehmende Mobilität in der Bevölkerung und ein allgemeiner Anstieg des Wohlstands wurden als zusätzliche Faktoren angese- hen, die einem weitgehenden sozialen Ausgleich in regionaler Hinsicht förderlich waren. Der Raum verlor in Folge dessen seinen Status als eigener Ungleichheits- faktor und wurde zur Nebenbedingung, von der positive oder negative Effekte aus- gingen (Neu 2006).

Der Prozess der Globalisierung und die Vorstellung der Welt als „globalem Dorf“ führten zu einer zusätzlichen Negierung der Nation als Bezugsrahmen für die Be- trachtung räumlicher Ungleichheitsverhältnisse. Die Weltgesellschaft und die unter- schiedliche Verteilung ungleichheitsrelevanter Güter in unterschiedlichen Teilen der Erde gerieten in den Fokus der soziologischen Ungleichheitsforschung. Die Erleich- terung grenzüberschreitender Austauschbeziehungen und Migrationsbewegungen (besonders, aber nicht nur durch die Umsetzung des europäischen Binnenmarktes) und die damit verbundene Entstehung transnationaler Räume schien den Trend in Richtung des Bedeutungsverlustes nationaler Bezugseinheiten zu bestätigen (vgl. Pries 1998/2008).

Im Bereich des deutschen Nationalstaates wurden soziale Ungleichheitsverhältnisse in der räumlichen Dimension in der jüngeren Vergangenheit in erster Linie durch Gegensätze zwischen Ost und West erfasst. Insbesondere im Osten der Republik rückte zudem die altbekannte und eigentlich bereits überwunden geglaubte Benach- teiligung ländlicher Räume in den Fokus der Betrachtung (vgl. u.a. Keim 2006).

Relativ neu ist die Erfassung räumlicher Ungleichheit in Gegensatz von Zentrum und Peripherie. Durch die Einbindung von Prozess-Begriffen zur Beschreibung so- ziologisch relevanter Entwicklungen5 und der weitgehenden Abkehr von einer Be- schreibung von Ungleichheitsverhältnissen als statische Gegebenheiten versucht ein wachsender Teil von Soziologen, Demographen und Raumordnungsforschern die Dynamiken räumlicher Ungleichheit zu erfassen (vgl. Keim 2006). Diese Vorstel- lungen von Zentralisierungs- und Peripherisierungsprozessen sollen im Folgenden als gedankliche Grundbausteine der Untersuchung des Einflusses demographischer Entwicklungen auf räumliche Ungleichheit und soziale Teilhabechancen dienen.

3. Regionale Bevölkerungsentwicklung in Deutschland

3.1 Binnenmigration

3.1.1 Theoretischer Hintergrund

Migration (lat. Wanderung) als spezielle Form räumlicher Mobilität beschreibt in der Soziologie den dauerhaften Wechsel des Wohnortes einer Person innerhalb spezifi- scher geographischer oder sozialer Räume.6 Im Gegensatz zur grenzüberschreiten- den Migration, die sich auf die Aus- oder Einwanderung (Emigration/Immigration) in einen geographischen oder sozialen Raum bezieht, bezeichnet Binnenmigration7 Wanderungsbewegungen innerhalb eines Gebietes, das sowohl ein Staat als auch eine Region sein kann und das für die jeweilige Betrachtung genauer zu spezifizie- ren ist. Ausschlaggebend für die Abgrenzung grenzüberschreitender und intraregio- naler Migration ist die Qualität der im Zuge der Wanderung überschrittenen Grenze (Fassmann 2007).

Die Klassifikation von Wanderungsprozessen und eine Einteilung dieser in grenzü- berschreitende und intraregionale Migration sind dabei immer von der Perspektive und dem Gegenstand der Untersuchung abhängig. Zur genaueren Untersuchung bietet es sich jedoch an, Wanderungsbewegungen auf eine zu definierende Region (in diesem Fall die Bundesrepublik) zu beschränken und dortige Wanderungspro- zesse genauer zu analysieren.

Für die Bundesrepublik Deutschland lässt die genauere Betrachtung der territorialen Aufgliederung des Gesamtstaates in einzelne Gliedstaaten und die Abschätzung der Qualität der Grenzen zwischen den jeweiligen Gliedstaaten den Schluss zu, dass es sich bei Wanderungsbewegungen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland um Binnenmigration handelt. Auch wenn die Qualität der Grenzen zwischen vielen Län- dern der Europäischen Union seit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens aus Sicht der persönlichen Mobilität eine kaum spürbare Grenze darstellt, lässt das Einfließen kultureller (insbesondere sprachlicher), rechtlicher und ökonomischer Faktoren dennoch den Schluss zu, dass die Wahrscheinlichkeit interregionaler Wanderungen (von Deutschland in andere EU-Länder) geringer ist als die intrare- gionaler Wanderungen (Binnenwanderungen innerhalb Deutschlands). Die Anwen- dung des Binnenwanderungskonzepts auf die Bundesrepublik als Region ist daher sinnvoll (vgl. Mai 2007).

Vor dem Hintergrund der rasanten industriellen Entwicklung Englands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich der deutsche Geograph und Kartograph Ernst Georg Ravenstein 1885 in einem Vortrag vor der Royal Statistical Society mit den „Gesetzen von Wanderung“ auseinander (Ravenstein 1885). Seine Forschung bildete den Grundstein für eine ganze Reihe von Theorien und Forschungsansät- zen, die sich mit Migrationsprozessen und deren Ursachen auseinandersetzen. Auch wenn es nicht Ziel dieser Arbeit sein soll, Migrationstheorien umfassend dar- zustellen, soll an dieser Stelle dennoch kurz auf einige klassische Erklärungsansät- ze für Migration, die sich in makrotheoretische und mikrotheoretische Ansätze ein- teilen lassen, gefolgt von einigen modernen Migrationstheorien eingegangen wer- den.

Klassische Migrationstheorien lassen sich im Wesentlichen in zwei Gruppen eintei- len: makrotheoretische und mikrotheoretische. Makrotheoretische Migrationsansät- ze beschreiben Migration auf der Ebene des Aggregats, der Gesamtbevölkerung, und versuchen die Wanderungsprozesse zwischen Regionen durch ökonomische Eigenschaften dieser zu erklären. Auf der Grundlage eines Gravitationsmodells führ- ten insbesondere unterschiedliche Lohnniveaus (Arbeitsangebot/ -nachfrage) in verschiedenen Regionen zu einer Migration von Arbeitskräften zwischen diesen und in Folge dessen werde ein makroökonomisches Gleichgewicht hergestellt. Der Gra- vitationsansatz verweist zudem darauf, dass benachbarte Bezugseinheiten ein hö- heres Maß an Austausch untereinander aufweisen als weit voneinander entfernt liegende. Die Distanz wird damit zu einem wichtigen Faktor der Migration. Verschie- dene Push- und Pull-Faktoren können diese Migration fördern bzw. verringern. Dem Arbeitsmarkt kommt dabei über die bestehende Arbeitsnachfrage (Job-vacancy- These) und über das Lohnniveau (Income-differential-These) eine entscheidende Rolle dabei zu (Fassmann 2007; Haug 2000). Empirische Studien belegen die gro- ße Bedeutung dieser Faktoren (vgl. Ragnitz et al. 2006).

Im Bereich der mikrotheoretischen Erklärungsmodelle für Migration wird der Ver- such unternommen, Migrationsursachen auf der Ebene des Individuums ausfindig zu machen. Zum Teil werden dabei makrotheoretische Modelle (Push-Pull-Modell) übernommen und entsprechend angepasst. Die Wahrnehmung ungleicher regiona- ler Lebensbedingungen durch potentielle Wandernde führt zu einem komplexen Gebilde von anziehenden (pull) und abstoßenden (push) Faktoren der jeweiligen Regionen, die nicht nur ökonomischer, sondern auch sozialer, kultureller oder öko- logischer Natur sein können und die in direktem Zusammenhang mit der eigenen persönlichen Lebenssituation stehen. Ein Abwägen dieser Faktoren kann dann zu dem individuellen Entschluss führen, den eigenen Wohnort dauerhaft zu verlegen (Lee 1972). Andere mikrotheoretische Erklärungsversuche nutzen den Begriff des Humankapitals und verstehen Migration als den Versuch von Individuen langfristige Gewinne aus bereits getätigten und zukünftigen Humankapitalinvestitionen (zum Beispiel Bildung) zu maximieren. Nicht-monetäre Faktoren (psychische Mehrbelas- tungen) fließen bei diesen Kosten- und Ertragsabwägungen mit ein (Sjastaad 1962). Die einzelnen Theorien widersprechen sich nicht prinzipiell, sondern bauen teilweise aufeinander auf, ergänzen sich oder betrachten nur speziellen Faktoren von Migra- tion. Auch wenn deutliche Zusammenhänge zwischen ihnen erkennbar sind, konnte bisher jedoch weder eine zufriedenstellende Zusammenführung der einzelnen Erklä- rungsansätze noch eine kausale Verknüpfung einzelner Migrationsphänomene er- reicht werden. Moderne Migrationstheorien versuchen zum Teil diese Lücke zu schließen und die Verbindung zwischen Makro- und Mikroebene herzustellen und soziale Faktoren wie soziale Netzwerke und soziales Kapital einfließen zu lassen. Die Ergebnisse der Untersuchungen auf dieser Meso-Ebene sind jedoch keines- wegs kohärent, sondern zum Teil stark konträr zueinander (Haug 2000).

Die hohe Varianz der Migrationstheorien zeigt die hohe kausale Komplexität von Migrationsprozessen als Zusammenwirken der verschiedensten Faktoren auf der individuellen und gesellschaftlichen Ebene. Neue Migrationsschübe und sich ständig verändernde politische, ökonomische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erfordern zudem eine ständige Überprüfung bestehender Erklärungsmuster. Die aufgezeigten Migrationsfaktoren erleichtern jedoch das Verständnis der Migrations- bewegungen innerhalb Deutschlands.

3.1.2 Binnenmigration in Deutschland

Binnenmigration vollzog sich in der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung in erster Linie in Nord-Süd-Richtung, vom strukturschwachen Norden Deutschlands, in die erstarkenden Wachstumsregionen in Süddeutschland. Diese Tendenz bestand seit den 1950er-Jahren und schwächte sich bis in die Mitte der 70er-Jahre hinein ab. In den Folgejahren konnte sich die bis dato negative Wanderungsbilanz nord- deutscher Bundesländer konsolidieren (Mai 2007, S. 235ff.). Der Nord-Süd-Trend wurde in Folge der Wiedervereinigung durch starke Wanderungsbewegungen zwi- schen alten und neuen Bundesländern ergänzt und teilweise überschattet, wobei die Nettowanderungen der einzelnen Bundesländer zum Teil signifikante Unterschiede aufwiesen (siehe auch Anlage 1).

Zwischen 1991 und 2006 wiesen vor allem die südlichen Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz deutlich positive Wanderungssalden auf. Negative Wanderungssalden waren in Niedersachsen8 und in den östlichen Bun- desländern mit Ausnahme von Brandenburg9 zu verzeichnen (siehe auch Anlage 5). Die Abwanderung aus Ostdeutschland vollzog sich nicht gleichmäßig sondern wel- lenförmig mit Verstärkungen direkt nach 1990, einer Abnahme Mitte der 90er-Jahre und einer erneuten Zunahme ab dem Jahr 1997. Seit 2001 ging die Abwanderung abermals zurück. (Mai 2007, S. 247ff.) Zwischen 1990 und 2006 verlor Ostdeutsch- land durch Binnenmigration 1,3 Millionen Einwohner. Die 1,5 Millionen Zuwande- rungen aus Westdeutschland konnten die 2,8 Millionen Abwanderungen nicht aus- gleichen.

Die Nord-Süd-Wanderungen in den alten Bundesländern verlagerten sich zu Guns- ten einer Wanderung von Nord (Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersa- chen) in die Mitte der Republik (Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) (Mai 2007, S. 235ff.). Die Wanderungssalden zwischen Nord- und Süd- deutschland sind weitestgehend ausgeglichen.

Wanderungsbewegungen sind nicht in allen Altersgruppen der Bevölkerung glei- chermaßen ausgeprägt, sondern stattdessen von verschiedenen individuellen Mobi- litätsfaktoren abhängig. Der überwiegende Anteil der Binnenmigration, insbesondere von Ost- nach Westdeutschland, entfällt auf die jüngeren Bevölkerungsgruppen. Durch ihren erst kürzlich erfolgten Eintritt ins Berufsleben und die oftmals noch nicht erfolgte Gründung einer Familie zeigt sich die Altersklasse der 18- bis 35-Jährigen Suburbanisierungsprozesse der Berliner Bevölkerung ins Berliner Umland zumindest für die männliche Bevölkerung weitestgehend ausgleichen. (Zu den Migrationsbeziehungen zwi- schen Berlin und Brandenburg vgl. ausführlich: Mai 2007)

besonders mobil und wanderungsbereit. Das Medianalter der Wandernden von Ost nach West lag 2004 bei 25,3 Jahren, bei West-Ost-Wandernden im gleichen Jahr bei 27,1 Jahren. Die Wanderungsbereitschaft geht bei den über 30-Jährigen signifi- kant zurück und liegt bei der Gruppe der über 50-Jährigen annähernd bei null (BiB 2008; Mai 2007, S. 259ff.). Die überdurchschnittliche Wanderungsbereitschaft der jüngeren Bevölkerungsgruppen verstärkt die Alterungsprozesse bestimmter Regio- nen zusätzlich (siehe auch Anlage 6).

Bei einem Blick auf die Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte wird jedoch auch deutlich, dass Abwanderungsprozesse junger Menschen kein rein ostdeutsch- es Problem sind. Zahlreiche Regionen im Saarland, im Ruhrgebiet oder auch an der ehemaligen innerdeutschen Grenze haben einen massiven Schwund junger Men- schen zu verzeichnen. Gleichzeitig verzeichnen einige Regionen Ostdeutschlands z.B. im Berliner Umland oder in Thüringen Zuwanderungsgewinne (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2006) (siehe auch Anlage 7).

In regionaler Hinsicht sind insbesondere ländliche und strukturschwache Regionen von den beschriebenen Abwanderungen betroffen. Die Strukturschwäche der von Abwanderung betroffenen Städte drückt sich in erster Linie in einem Mangel an Be- schäftigungsangeboten aus. Abwanderung ist längst nicht mehr nur ein Problem ländlicher Regionen, sondern trifft vermehrt auch strukturschwache Städte mittlerer Größe. Alle ostdeutschen Städte (über 20.000 Einwohner) mit Ausnahme von Pots- dam sind von Schrumpfungsprozessen betroffen. Schrumpfende Städte im Westteil Deutschlands befinden sich in Teilen Hessens, im Ruhrgebiet und im Norden Deutschlands. Im Gegensatz zu den östlichen Bundesländern, die nahezu aus- nahmslos ein Schrumpfen ihrer Städte verzeichnen, liegen in den westlichen Bun- desländern schrumpfende und wachsende Städte zum Teil dicht beieinander (BBR 2006a, S. 5f.) (siehe auch Anlage 8).10 11

In Ostdeutschland betrifft diese Abwanderung aus strukturschwachen Städten alle Altersgruppen. Einige ländliche Regionen Mecklenburg-Vorpommerns, insbesonde- re in Grenznähe zu Hamburg und Schleswig-Holstein, erleben hingegen eine Ab- wanderung junger Menschen und eine gleichzeitige Zuwanderung älterer Men- schen, die als Folge von Rückwanderungsprozessen oder günstigen Grundstücks- preisen und Lebenshaltungskosten verstanden werden kann (Mai 2007, S. 267ff.).12 Binnenwanderung ist in Deutschland nicht nur eine Frage des Alters, sondern auch vielfach eine Frage des Geschlechts. Von den 900 Tausend Menschen, die zwi- schen 1991 und 2004 aus Ostdeutschland in Richtung Westen abwanderten, sind 536 Tausend bzw. 60 Prozent Frauen. Bei den 20-Jährigen Abwandernden ist der Anteil der Frauen doppelt so hoch wie der Anteil der Männer. Als Grund für diese Verteilung können die geringen beruflichen Perspektiven der Frauen in Relation zu ihrem vergleichsweise guten Ausbildungsniveau angesehen werden. Gleichzeitig ist der Anteil der Frauen bei den Wanderungen von West nach Ost sehr gering. Der Wegzug potentieller Mütter aus weiten Regionen Ostdeutschlands sorgt dort für weiter sinkende Geburtenziffern (Mai 2007, S. 264ff.; Steiner et al. 2004, S. 10ff.).

3.2 Veränderung der Altersstruktur

3.2.1 Gesamtdeutsche Trends

Der zweite wesentliche Faktor demographischer Entwicklung neben der Migration ist die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung. Altersstrukturveränderungen resultieren aus dem Zusammenspiel von Geburts- (Fertilität) und Sterberaten (Mor- talität). Die Veränderung der Altersstruktur der deutschen Bevölkerung ist dabei im Wesentlichen von zwei Entwicklungen geprägt. Im Zuge der großflächigen Industria- lisierung Deutschlands spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts und der dadurch verbesserten Lebensbedingungen stieg die Lebenserwartung der deutschen Bevöl- kerung an. Dies führte über lange Zeit zu einem Wachsen der Gesamtbevölkerung. Hatte das Deutsche Reich bei seiner Gründung nur 41 Mio. Einwohner, so stieg diese Zahl in den Folgejahrzehnten bis auf knapp 70 Mio. an. Nach dem Zweiten Weltkrieg setze sich diese Entwicklung lange Zeit mit nahezu gleichbleibender Wachstumsrate fort (Statistisches Bundesamt 2009a).

[...]


1 Teil des Subtitels des Spiegel-Artikels: „Land ohne Lachen“ zu sinkenden Fertilitätsraten und zunehmender Alterung in der deutschen Gesellschaft. DER SPIEGEL, 2/2004, S. 38ff.

2 Die Bruttogeburtenziffer Deutschlands betrug im Jahr 2008 8,2 (jährliche Lebendgeburten je 1000 Einwohner) und ist damit EU-weit die niedrigste (vgl. Eurostat 2009).

3 Schirrmacher, Frank 2004: Das Methusalem-Komplott, München.

4 Der Deutsche Bundestag setzte beispielsweise 1999 eine Enquête-Komission zum Thema „Demographischer Wandel – Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik“ ein, die ihren Abschlussbericht 2002 vorlegen konnte (Deutscher Bundestag 2002).

5 Eine Idee, die auf den Soziologen Norbert Elias und seine Theorie der Prozess- bzw. Figu- rationssoziologie zurückgeht (vgl. Keim 2006).

6 Die auf eine gewisse Dauer angelegte Wanderung/Migration ist zu unterscheiden von an- deren Formen räumlicher Mobilität die eher kurzfristiger Natur oder periodisch wiederkeh- rend sind (zum Beispiel Pendelwanderung zur Distanzüberwindung zwischen Arbeitsstätte und Wohnort oder Freizeitverkehr) (vgl. hierzu auch Fassmann 2007, S.1).

7 Die Begriffe Binnenmigration und Binnenwanderung sollen im Folgenden synonym ver-

wendet werden.

8 Das Grenzdurchgangs- und Aufnahmelager in Friedland hat hier großen Einfluss auf die Zahlen zu Wanderungsgewinnen und –verlusten Niedersachsens.

9 Das Land Brandenburg konnte die Wanderungsdefizite in Richtung Westdeutschland durch

10 Bei kleinräumigen Beobachtungen wird deutlich, dass die Bipolarität der Gleichzeitigkeit von Wanderungsgewinnen und –verlusten auch innerhalb von Städten zu beobachten ist. Zunehmende soziale Disparitäten zwischen den einzelnen Stadtteilen sind die Folge (vgl. BBR 2006a).

11 Liegen in Westdeutschland wachsende und schrumpfende Städte dicht beieinander,

drückt sich diese Bipolarität in Ostdeutschland eher durch das Nebeneinander von schrump- fenden und stagnierenden Städten aus (vgl. Sächsische Staatskanzlei 2006, S. 11f.).

12 Zu verschiedenen Motiven von West-Ost-Wanderungen, siehe auch: Jain/Schmithals 2009.

Details

Seiten
56
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656035701
ISBN (Buch)
9783656035558
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180842
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,5
Schlagworte
zusammenhang entwicklung ungleichheit deutschland

Autor

Zurück

Titel: Der Zusammenhang von demographischer Entwicklung und regionaler Ungleichheit in Deutschland (nach 1989)