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Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/46

Ein Ausdruck willkürlicher Siegerjustiz? Eine Bewertung unter besonderer Berücksichtigung des Fallbeispiels Albert Speer

Seminararbeit 2011 25 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/46
2.1 Die Rahmenbedingungen
2.2 Die Ergebnisse und die Bedeutung
2.3 Die Kritik am Prozess und der Forschungsstand

3. Das Verhandlungsbeispiel Albert Speer
3.1 Die Anklage und die Verteidigung Speers
3.2 Das Urteil
3.3 Die Bewertung

4. Zusammenfassung

5. Verzeichnis

1. Einleitung

Leider bedingt die Art der hier verhandelten Verbrechen, daß in Anklage und Urteil siegreiche Nationen über geschlagene Feinde zu Gericht sitzen. [...] Entweder müssen also die Sieger die Geschlagenen richten, oder sie müssen es den Besiegten überlassen, selbst Recht zu sprechen."[1] In diesem Kommentar des Hauptanklagevertreters der USA beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, der vom 14. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 stattfand, wird die Problematik in Bezug auf die Frage nach objektiver Rechtssprechung der Alliierten über das besiegte Hitler-Deutschland deutlich.

Die Relevanz, die dieses historische Ereignis auch über 60 Jahre nach dem Ende des Internationalen Militärtribunals in Nürnberg (IMT) genießt, wird an der Vielzahl an Publikationen in den 1990er Jahren und zu Beginn des neuen Jahrtausends sowie an Verfilmungen deutlich. Dabei existieren verschiedene Tendenzen in der Beurteilung des Prozesses, die im weiteren Verlauf dargelegt werden.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei große Themenkomplexe. Im ersten Teil wird der Prozess an sich behandelt. Hierbei liegt der Fokus auf den allgemeinen Ausgangsbedingungen des IMT und dessen Rechtsgrundsätzen. Darauf folgt die Benennung der Urteile, deren Bedeutung für das allgemeine Völkerrecht und die Debatte um die Rechtmäßigkeit des Gerichtshofs. Der aktuelle Forschungsstand und die verschiedenen Ansichten seitens der Historiografie werden am Ende des ersten Hauptteils dargelegt.

Der zweite Komplex der Arbeit widmet sich dem Anklagten Albert Speer. Das Beispiel des Lieblingsarchitekten und Rüstungsminister Hitlers soll die schwierige Beurteilung der historischen Schuld des Angeklagten durch die vier Richter der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs verdeutlichen. Zum einen beging Speer mit dem Zwangsarbeiterprogramm Verbrechen, die nach dem Willen der Alliierten bestraft werden mussten. Zum anderen sabotierte er Hitlers "Nero-Befehl" und plante ein Attentat auf den Diktator.

Zuletzt erfolgt eine Bewertung des IMT, die die Umstände des Zustandekommens des Gerichts berücksichtigt und versucht eine Beurteilung unabhängig von den verschiedenen Positionen in der Geschichtsschreibung in Bezug auf das Thema abzugeben.

Im Folgenden soll untersucht werden inwiefern der Nürnberger Prozess ein Ausdruck willkürlicher Siegerjustiz durch die Alliierten war. Hieraus ergeben sich verschiedene Fragestellungen, die wie folgt lauten: Standen die Urteile schon von Anfang an fest? Wurden rechtsstaatliche Prinzipien während des Prozesses gewahrt? Welche Wirkung auf die internationale und deutsche Öffentlichkeit zeitigten die Gerichtsverhandlungen? Und wurde das IMT bewusst als Mittel zur Entnazifizierung durch die Alliierten genutzt?

Die erschienene Literatur zum Thema Nürnberger Prozesse kann als umfassend und zahlreich bezeichnet werden. Besonders hervorzuheben ist das Werk von Klaus Kastner (Die Völker klagen an. Der Nürnberger Prozess 1945-1946.), welches übersichtlich den Verhandlungsverlauf darstellt und individuell auf jeden Angeklagten eingeht. Außerdem wird die Problematik der Siegerjustiz thematisiert und die vielen Illustrationen veranschaulichen den Inhalt. Peter Reichels Buch (Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute.) bietet einen guten Einstieg in die Thematik, gibt einen kurzen Gesamtüberblick über den Prozess und geht gesondert auf Speer sowie auf die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen ein. Als Primärquelle sticht besonders der fotomechanische Nachdruck des IMT hervor, der in mehr als zwanzig Bänden die gesamten Verhandlungen beinhaltet. Auszüge aus diesem Werk lassen sich bei Ingo Müller (Der Nürnberger Prozeß. Die Anklagereden des Hauptanklagevertreters der Vereinigten Staaten von Amerika Robert H. Jackson.) finden, der die Anklagereden Jacksons wiedergibt und die Bedeutung des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher für das Völkerrecht erläutert. Hinzu kommt noch die Darlegung des Verhandlungsverlaufs durch Telford Taylor (Die Nürnberger Prozesse. Hintergründe, Analysen und Erkenntnisse aus heutiger Sicht.), der Assistent Jacksons und später Hauptankläger bei den Nürnberger Nachfolgeprozessen war.

2. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/46

2.1 Die Rahmenbedingungen

Bereits während des Zweiten Weltkriegs besaßen die Alliierten den Willen nach Kriegsende der deutschen NS-Elite den Prozess zu machen – Form und Umfang waren allerdings ungeklärt. Dabei gingen die Vorstellungen in der Anti-Hitler-Koalition weit auseinander. Stalin favorisierte Schauprozesse, wie sie bereits in den 1930er Jahren in der UdSSR durchgeführt worden waren oder Massenexekutionen. Die Briten bevorzugten standgerichtliche Exekutionen und die USA hatten noch keine einheitliche Position gefunden. Im Verlauf des Jahres 1944 entwickelten sich die Meinungen in Washington und Moskau hin zu einer korrekten gerichtlichen Aburteilung der Kriegsverbrecher Hitler-Deutschlands.[2]

Mit dem Regierungsantritt Harry S. Trumans 1945, der von Berufswegen Anwalt war, veränderte sich der Standpunkt der Vereinigten Staaten dahingehend, dass ein internationales Militärtribunal einberufen werden sollte, welches über das Schicksal der NS-Führung ordentlich zu verhandeln hatte.[3] Dabei standen die Briten in der Frage standgerichtlicher Exekutionen international isoliert da, denn im letzten Kriegsjahr hatten Stalin und de Gaulle dem Vorschlag des US-Präsidenten zugestimmt. Durch den Tod Hitlers und Mussolinis verlor für London das Thema der Exekutionen an Brisanz, sodass ein ordentliches Prozessverfahren gegen die NS-Eliten befürwortet wurde.[4]

Auf der Konferenz von Jalta 1945 einigten sich die Alliierten auf eine gerechte und schnelle Bestrafung der deutschen Kriegsverbrecher. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht wurde dieser Grundsatz dahingehend verwirklicht, indem Militärstreifen das besetzte Deutschland auf der Suche nach Kriegsverbrechern und Mittätern durchstreiften.[5] Am 8. August 1945 erfolgte die Unterzeichnung des „Londoner Viermächteabkommens über die Verfolgung und Bestrafung der Hauptkriegsverbrecher der europäischen Achse“ sowie ein „Statut für den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg“.[6] Somit wurde die Frage geklärt, ob es ein rechtsstaatliches Verfahren oder einen Schauprozess der Diktaturen geben würde.

Vor Prozessbeginn musste zudem der Verhandlungsort festgelegt werden. Die Sowjets bestanden auf Berlin oder London als Sitz des IMT; die Briten hingegen favorisierten München. Die USA bevorzugten jedoch Nürnberg, da diese Stadt hohen Symbolcharakter besaß und für die 1935 beschlossenen Rassegesetze und die Reichsparteitage stand. Somit sollte eine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus auf dem Boden seiner öffentlichkeitswirksamen Masseninszenierungen stattfinden.[7]

Nürnberg war zwar wie andere deutsche Großstädte völlig zerstört worden, verfügte aber über einigermaßen intakte Justizgebäude denen ein Gefängnis angeschlossen war, in dem die Angeklagten untergebracht werden konnten.[8] Bei der Wahl des Prozessortes kam es zu einem Kompromiss zwischen den beiden Supermächten. Die Sowjets hatten immer auf Berlin als Verhandlungsort bestanden, weshalb die ehemalige Reichshauptstadt zum Sitz des IMT erklärt und das Verfahren dort eröffnet wurde. Der Prozess an sich lief aber im Sinne der Amerikaner in Nürnberg ab.[9]

Das Militärtribunal verfolgte vorrangig vom Standpunkt der US-Amerikaner aus gesehen zwei wesentliche Ziele. Zum einen sollte die deutsche und die Weltöffentlichkeit durch die Prozessermittlungen und die Sicherstellung von Beweismitteln über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgeklärt werden, was im Kontext der alliierten Demilitarisierung-, Denazifizierung- und Demokratisierungspolitik in Deutschland stand. Zum anderen zielte das internationale Gericht in Nürnberg auf die Bestrafung der Hauptverantwortlichen für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Europa und der Kriegsverbrecher ab. Dazu sollte Anklage gegen ausgewählte Personen des NS-Staates erhoben und diese verurteilt werden. Dabei schwang die Intention der USA mit, den Angriffskrieg nachhaltig zu ächten, was bereits mit dem Briand-Kellogg-Pakt formal vor dem Krieg geschehen war.[10]

Der am 27. Januar 1929 abgeschlossene Briand-Kellogg-Pakt, der von 15 Staaten unterzeichnet worden war, darunter das Deutsche Reich, hatte den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Konflikte verurteilt und ein universales Kriegsverbot ausgesprochen. Allerdings konnten sich die Unterzeichnerstaaten auf keine allgemeinen Sanktionsmaßnahmen im Falle eines Vertragsbruchs einigen, sodass Aggressoren gegen den internationalen Frieden in den 1930er Jahren, z.B. Italien 1935 und Japan 1931 sowie 1937, nicht kollektiv bestraft wurden. Jedoch beruhte in Nürnberg der zweite Anklagepunkt – die Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskrieges – auf den Vorgaben des Briand-Kellogg-Paktes.[11]

Besonders die Westalliierten hatten ihre Lehren aus dem Umgang Deutschlands mit den eigenen Kriegsverbrechern nach dem Ersten Weltkrieg gezogen. Nach Artikel 227 des Vertrags von Versailles sollte der 1918 abgedankte deutsche Kaiser öffentlich angeklagt werden. Dazu sollten Wilhelm II. und Personen, die gegen das Kriegsrecht verstoßen hatten an die Alliierten ausgeliefert werden. Der preußische Monarch entzog sich durch sein Asyl in den Niederlanden dem Zugriff der Siegermächte. Was jedoch die Verurteilung anderer deutscher Kriegsverbrecher betraf, so wurde per Gesetz durch die deutsche Nationalversammlung festgelegt, dass nur vor dem Reichsgericht solche Fälle verhandelt werden würden, woraufhin die Alliierten auf die Auslieferung verzichteten.[12]

Die Hoffnung Frankreichs und Großbritanniens auf eine strafrechtliche Aufarbeitung der Verantwortung der Verbrechen der Eliten des Kaiserreichs und ihrer Untergebenen wurde allerdings enttäuscht.[13] In den Leipziger Prozessen zeigte die deutsche Gerichtsbarkeit wenig Engagement bei der strafrechtlichen Verfolgung der eigenen Militärs. Die Richter wollten die Schuld Deutschlands als Hauptverantwortlicher am Ausbruch des Weltkriegs nicht anerkennen und kein Ausführungsorgan der Alliierten sein, sodass sehr milde Urteile gesprochen wurden. Allein die geringe Anzahl von zwölf Verfahren mit sechs Verurteilungen machen dies recht deutlich.[14]

Aus diesem Grunde wollten die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg die Verfolgung von Kriegsverbrechern unter keinen Umständen deutschen Nachkriegsgerichten überlassen. Stattdessen sahen sich die Staaten der Anti-Hitler-Koalition dazu berufen unter der Führung eines internationalen Gerichts einen Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zu initiieren.[15]

Die deutsche und die Weltöffentlichkeit spielten eine bedeutende Rolle bei den Überlegungen der Alliierten in Bezug darauf, wie der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher verlaufen sollte. Die Akzeptanz und Befürwortung des Nürnberger Prozesses in der deutschen Bevölkerung lag einerseits darin begründet, dass Verbrechen verhandelt wurden, die ohne Beispiel in der Geschichte waren. Andererseits begünstigte der Prozess im öffentlichen Bewusstsein die Trennung von Täter- und angeblicher Mittäterschaft. Dies förderte eine gewisse Mitläufergesinnung in weiten Teilen des Volkes, d.h. die Verantwortung und Mitwisserschaft des Einzelnen für die Verbrechen des Nationalsozialismus wurden zwar im Hauptkriegsverbrecherprozess berücksichtigt, jedoch verdrängte die Mehrheit der deutschen Bürger ihre eigene Schuld.[16] Meinungsumfragen unmittelbar nach dem Nürnberger Prozess ergaben, dass eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Verhandlungen gegen die Hauptkriegsverbrecher und die Urteile als gerecht empfanden. Allerdings hatte sich zu Beginn der 1950er Jahre die öffentliche Stimmung dahingehend gewandelt, dass die Hälfte der Befragten dem Prozess übermäßige Härte und Ungerechtigkeit unterstellten.[17]

Welche Bedeutung der öffentlichen Meinung zukam, wird in der Äußerung des Assistenten des US-amerikanischen Hauptanklagevertreters ─ Telford Taylor ─ deutlich: „So konnte der Internationale Militärgerichtshof seine Arbeit mit allgemeiner Zustimmung und nur wenig Kritik von Seiten der Weltöffentlichkeit beginnen und beenden. Niemand warf ihm vor, er wolle sich die Angeklagten lediglich vom Hals schaffen; die Enthüllungen der Nazigräueltaten waren furchtbar, und die Richter erwiesen sich als gerechte und humane Männer. Somit leistete das Tribunal genau das, wozu es errichtet worden war. Die Weltöffentlichkeit war zufrieden gestellt.“[18]

Die unterschiedlichen Prozessordnungen bzw. die verschiedenen juristischen und kulturellen Vorstellungen der USA, UdSSR, Großbritanniens und Frankreichs belasteten die Arbeit des IMT bis zum Schluss. Eine Einigung wurde in Bezug auf Benennung der vier Anklagepunkte erzielt, auf denen das Verfahren beruhen sollte. Diese waren „Gemeinsamer Plan oder Verschwörung“, „Verbrechen gegen den Frieden“, „Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Dabei sollte untersucht werden, inwieweit jeder Angeklagte gegen alle vier Anklagepunkte verstoßen hatte.[19]

Das angelsächsische Konzept der Verschwörung, eine allgemeine bürokratische Rahmenklage, verursachte im Vorfeld der Prozessverhandlungen Schwierigkeiten, da es sich um einen schwer fassbaren Tatbestand handelte, der mit aufgenommen wurde, um einigen Angeklagten überhaupt den Prozess machen zu können.[20] In der Anklageschrift, die am 17. Oktober 1945 beim IMT eingereicht und von den vier Chefanklägern[21] der Siegermächte unterschrieben wurde, stand der Anklagepunkt der „Verschwörung“ jedoch an erster Stelle.[22]

2.2 Die Ergebnisse und die Bedeutung

Die Bedeutung des IMT lässt sich allein schon an der großen Anzahl an Beweisdokumenten der Ankläger und Verteidiger, dem Verhör einiger hundert Zeugen sowie mehreren tausend eidesstattlichen Erklärungen bemessen, sodass das Tribunal der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zu Recht als größter Prozess der Weltgeschichte gesehen werden kann.[23]

Der Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher war bis dato ein Präzedenzfall. Erst-malig wurde ein internationaler, auf völkerrechtlicher Grundlage basierender Gerichtshof errichtet, der die individuelle Schuld nicht nur von den unteren Chargen des Staats- und Militärapparates des nationalsozialistischen Regimes feststellte, sondern auch die Eliten aus Politik, Wirtschaft und Militär verhörte und verurteilte.[24]

Dabei war der Zeitdruck ein entscheidender Faktor, da sich 1945/46 bereits der Kalte Krieg langsam abzuzeichnen begann, weshalb der Wille der Siegermächte existierte, den Prozess möglichst schnell abzuschließen. Aus Sicht der USA sollte ohne große Zeitverzögerung der Übergang zur gewohnten Tagesordnung wiederhergestellt werden, weil das Risiko bestand, dass die Sowjetunion bei zunehmenden Differenzen mit der westlichen Supermacht einfach aus dem Prozess ausscheiden könnte. Außerdem verhinderte der wieder aufbrechende Ost-West-Konflikt mit seinen ideologischen Auseinandersetzungen die Bildung eines ständigen Strafgerichtshofs.[25]

Der Chefankläger der USA stellte in seiner Eröffnungsrede eine sehr optimistische Voraussage in Bezug auf die Nachhaltigkeit der Verhandlungen auf die Realpolitik, welche sich allerdings nicht erfüllen sollte: "Dieses Gesetz [das Verbot des Führens eines Angriffskrieges] wird hier zwar zunächst auf deutsche Angreifer angewandt, es schließt aber ein und muß, wenn es von Nutzen sein soll, den Angriff jeder anderen Nation verdammen, nicht ausgenommen die, die jetzt hier zu Gericht sitzen".[26]

Nach der Meinung des deutschen Professors für Strafrecht und Rechtsphilosophie der Universität Heidelberg – Reinhard Merkel – stellte sich für die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage, wie eine notstandsähnliche Abwägung zwischen den Prinzipien des Rückwirkungsverbots und dem strafrechtlichen Schutz der Fundamente der Zivilisation zu treffen sei. Nach dem Bekanntwerden der Singularität der NS-Verbrechen gab es für die Alliierten keine rechtlichen, politischen und moralischen Zweifel mehr daran, dass die Urheber des Weltkriegs vor einem Gericht zur Rechenschaft gezogen werden müssten, wodurch die Menschenrechte über bisher gewohnte Rechtsnormen auf internationaler Ebene gestellt wurden.[27]

Der deutsche Völkerrechtler Gregor Schirmer sieht im Nürnberger Prozess geradezu eine "Revolution im Völkerrecht". Dies begründet er damit, dass vor dem Zweiten Weltkrieg die Strafjustiz als innere Angelegenheit eines souveränen Staates angesehen wurde – ergo kein Völkerrecht war. Somit konnte Kriegsverbrechern und Aggressoren nur innerstaatlich der Prozess gemacht werden, wodurch die Verfolgung und Verurteilung durch ein internationales Gericht ausgeschlossen blieb. Aus diesem Grund wurde mit dem IMT der Versuch unternommen, die Führung eines kriegstreibenden und verbrecherischen Staates auf Völkerrechtsbasis anzuklagen. Dabei genossen die NS-Eliten keine Immunität gegenüber einer strafrechtlichen Verfolgung durch die Alliierten, wie es nach alten Rechtsgrundsätzen üblich gewesen wäre. Zudem konnten sich die Angeklagten nicht auf bloßen Befehlsgehorsam berufen, der sie in ihren Augen entlastete, sondern die individuelle Verantwortung der Beschuldigten wurde untersucht. Das Handeln auf Befehl konnte zwar strafmildernd wirken, jedoch blieb es kein Strafausschließungsgrund.[28]

Ein Novum in der Rechtsgeschichte war das Nürnberger Tribunal zudem auch in Hinsicht auf die Anklage verbrecherischer Organisationen wie die Reichsregierung, das Korps der politischen Leiter, die SS, der SD, die Gestapo, die SA, der Große Generalstab und das OKW. Die bloße Mitgliedschaft in diesen Institutionen war nicht gleichbedeutend mit einem Verbrechen, allerdings war sie ein Instrument in den nachfolgenden Prozessen, um die Angeklagten besser einschätzen und bewerten zu können.[29]

Das IMT war kein Schauprozess im stalinistischen Sinn. Zwar erfolgte keine Thematisierung bzw. Untersuchung alliierter Kriegsverbrechen, jedoch wurde der Versuch unternommen mit rechtsstaatlichen Mitteln auch der Öffentlichkeit Zeitgeschichte zu verdeutlichen und die Verhandlungen offen nach außen zu führen und nicht unter Ausschluss der Medien, was die Aufarbeitung des Nationalsozialismus begünstigte.[30]

Eine sehr treffende Beurteilung der historischen Bedeutung des Nürnberger Prozesses liefert Reinhard Merkel: "Nürnberg hat jene Revolution im Völkerrecht, die 1919 noch gescheitert war in einem exemplarischen Akt vollzogen. Keine gegenläufige, spurenverwischende Praxis der Staaten in der nachfolgenden Ära des Kalten Krieges hat die Grundidee des Prozesses zerstören können: dass die Selbstlegitimation aller staatlichen Macht ihre Grenze findet in einem Recht der Menschlichkeit; und dass der Täter, der diese Grenze missachtet, als einzelner zur Verantwortung gezogen wird, vor der ihn keine staatliche Deckung seiner Taten schützen kann. Nürnberg war der weltgeschichtlich erste Versuch, auf ungekannte Exzesse der Macht gleichwohl in den Formen des Rechts zu antworten."[31]

Bei der Untersuchung der Urteile des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses fällt auf, dass von den zweiundzwanzig Angeklagten nur knapp mehr als die Hälfte zum Tode durch den Strang verurteilt wurden. Zudem gab es zwei Freisprüche für Hans Fritzsche und Franz von Papen. Bei den Haftstrafen sind besonders politische NS-Größen vertreten, wobei unter den Todesurteilen der Anteil an hohen Militärs markant ist. Die geringe Anzahl an Todesstrafen verdeutlicht, dass der Nürnberger Prozess nicht pauschal als Siegergerichtshof gesehen werden kann. Denn ohne ein gewisses Mindestmaß an juristischer Objektivität und dem Willen der Alliierten den NS-Tätern auch konkret ihre Verbrechen nachzuweisen, wären die Urteilssprüche des IMT nicht erklärbar.

[...]


[1] Müller, Ingo: Der Nürnberger Prozeß. Die Anklagereden des Hauptanklagevertreters der Vereinigten Staaten von Amerika Robert H. Jackson. Weinheim 1995, Müller S. XVIII.

[2] Vgl. Kettenacker, Lothar: Die Behandlung der Kriegsverbrecher als anglo-amerikanisches Rechtsproblem. In: Ueberschär, Gerd (Hrsg.): Der Nationalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Soldaten 1943-1952. Frankfurt(Main 1999, S. 22f.

[3] Truman schuf vollendete Tatsachen indem er Robert H. Jackson zum Chefankläger und Vertreter der USA ernannte, mit der Aufgabe „ Anklagen wegen Grausamkeit und Kriegsverbrechen vorzubereiten und zu verfolgen und zwar gegen diejenigen Führer der europäischen Achsenmächte …, denen nach übereinstimmender Ansicht der USA und der Vereinten Nationen der Prozeß vor einem internationalen Gerichtshof gemacht werden sollte." (Truman zitiert nach Müller, a.a.O., S. XI).

[4] Vgl. Kettenacker, a.a.O., S. 28f.

[5] Vgl Steinbach, Peter: Der Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher. In: Ueberschär, Gerd (Hrsg.): Der Nationalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Soldaten 1943-1952. Frankfurt/Main 1999, S. 34.

[6] Vgl. Müller, a.a.O., S. XIV.

[7] Vgl. Reichel, Peter: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute. München 2001, S. 42.

[8] Vgl. Müller, a.a.O., S. XIV.

[9] Vgl. Kastner, Klaus: Die Völker klagen an. Der Nürnberger Prozess 1945-1946. Darmstadt 2005, S. 37.

[10] Vgl. Reichel, a.a.O., S. 42.

[11] Vgl. Kastner, a.a.O., S. 17f.

[12] Vgl. Schirmer, Gregor: Die Nürnberger Prinzipien – ein Umbruch im Völkerrecht. In: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. Heft 27. Berlin 2006, S. 1f.

[13] Vgl. ebd., S. 2.

[14] Vgl. Eser, Albin: Das Internationale Militärtribunal von Nürnberg aus deutscher Perspektive. In: Reginbogin, Herbert; Safferling, Christoph (Hrsg.): Die Nürnberger Prozesse. Völkerstrafrecht seit 1945. Internationale Konferenz zum 60. Jahrestag. München 2006, S. 122.

[15] Vgl. ebd., a.a.O., S. 2.

[16] Vgl. Steinbach, a.a.O., S. 37ff.

[17] Vgl. Reichel, a.a.O., S. 69.

[18] Kastner, a.a.O., S. 161.

[19] Vgl. Sereny, Gitta: Das Ringen mit der Wahrheit. Albert Speer und das deutsche Trauma. München 1995, S. 651.

[20] Vgl. Vat, Dan van der: Albert Speers Leben und Lügen. Berlin 1997, S. 372.

[21] Die Chefankläger waren Robert H. Jackson (USA), Roman Rudenko (UdSSR), Hartley Shawcross (Großbritannien) und François de Menthon (Frankreich).

[22] Vgl. Reichel, a.a.O., S. 48.

[23] Vgl. Müller, a.a.O., S. XVII.

[24] Vgl. Eser, a.a.O., S. 266.

[25] Vgl. ebd., S. 266.

[26] Jackson zitiert nach Müller, a.a.O., S. XVIII.

[27] Merkel zitiert nach Eser, a.a.O., S. 58.

[28] Vgl. Schirmer, a.a.O., S. 5.

[29] Vgl. Kastner, a.a.O., S. 50.

[30] Vgl. Steinbach, a.a.O., S. 38.

[31] Merkel zitiert nach Eser, a.a.O., S. 58.

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656039907
ISBN (Buch)
9783656040507
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180833
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Nürnberger Prozess Nürnberg Albert Speer Kriegsverbrechen Hitler Krieg

Autor

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Titel: Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/46