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Gottfried Benns Geschichtsauffassung und seine Hinwendung zum Nationalsozialismus

Bachelorarbeit 2011 46 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Benns Werdegang bis einschließlich 1933
2.1. Benns gesellschaftliche Position vor 1932
2.2. Vorgänge in der Preußischen Akademie der Künste nach der Machtergreifung

3. Gottfried Benns Weltanschauung
3.1. Benns Menschenbild
3.2. Benns Definition von Geschichte

4. Benns Einstellung nach Ende des Zweiten Weltkrieges

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gottfried Benn bietet der Forschungsliteratur viele verschiedene Untersuchungsgegenstände, von seiner frühen expressionistischen Lyrik, über seine monologische Prosa, seine späte Lyrik, sein im 20. Jahrhundert sehr populäresLyrikprogramm, bis hin zu seinen zahlreichen Essays, Aufsätzen und Vorträgen, in denen er seine Weltanschauung darstellt. Das wohl kritischste Thema in der Forschungsliteratur ist aber wohl der „Fall Benn“. Nach der Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten, bekannte sich Benn öffentlich zur neuen Regierung. Er verteidigte und unterstützte sie durch Essays und Rundfunkreden, auch hinsichtlich heute stark verurteilter Maßnahmen, wie beispielsweise der Euthanasie und Eugenik. Besonders interessant ist dieses Verhalten Benns, wenn man bedenkt, dass er sich zu jeder Zeit als vollkommen unpolitischer Mensch darstellte.

Die Forschung kommt bezüglich Benns Gründen sich für den Nationalsozialismus einzusetzen zu den unterschiedlichsten Ergebnissen. Peter de Mendelssohn sieht Benns zeitweilige Hinwendung zum Nationalsozialismus als einen Verrat an, bei dem er seine „geistigen Ansprüche[]“[1] verleugnet. Er verurteilt ihn wesentlich schärfer als die meisten anderen Literaturwissenschaftler, indem er Benns Verantwortung als Schriftsteller betont, die er seinen Bewunderern und Lesern gegenüber habe.[2] Während de Mendelssohn ihn als Nazi und Verräter darstellt, der sehr wohl in der Lage war, zu erkennen, wem er da die Treue schwört, kommen die meisten Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Benns Bekenntnis zum Nationalsozialismus als Konsequenz aus seinem Denken aufzufassen ist. Aber auch bei dieser Ansicht gibt es erhebliche Unterschiede. Dieter Wellershoff beispielsweise stellt den „Fall Benn“ eindeutig als Kontinuität dar, die aus der vorangegangenen geistigen und philosophischen Entwicklung des Schriftstellers entstanden ist. Trotzdem spricht auch Wellershoff ihn nicht von jeglicher moralischer Verantwortung frei. Er sieht Benns Bekenntnis als „Flucht vor der ungeheuerlichen Anstrengung, sein Denken zu revidieren“[3]. Ein wirklicher, ernstzunehmender Vorwurf seitens Wellershoffs ist seinem Buch „Phänotyp dieser Stunde“ aber nicht zu entnehmen. Er rechtfertigt damit Benns Verhalten, weist aber darauf hin, dass er auch eine andere Entscheidung hätte treffen können. Somit stellt Wellershoff einen gemäßigten Benn-Fürsprecher dar. Im Gegensatz zu ihm lässt Annemarie Christiansen keinerlei Kritik an Benn und seinem Bekenntnis zum Nationalsozialismus zu. Ihrer Meinung nach trugen die Anfeindungen einiger kommunistischer Schriftsteller maßgeblich zur Entscheidung Benns bei[4] und er habe nur eine kurze Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass der Geist bei den Nationalsozialisten irrelevant sei.[5] In ihrer Verteidigungsschrift ist Christiansen allerdings dermaßen bemüht, Benns Verhalten fehlerfrei erscheinen zu lassen, dass ihr selbst einige Fehler unterlaufen. So schreibt sie Benn durchgehend nahezu hellseherische Fähigkeiten zu, da er bereits Anfang des Jahrhunderts Probleme angesprochen habe, die auch aktuelle Situationen noch beträfen. Wäre Benn allerdings ein so weitsichtiger Mann gewesen, hätte er sich wohl direkt aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und nicht über ein Jahr damit verbracht, den Nationalsozialismus enthusiastisch zu unterstützen, um letztendlich doch von seinen Vertretern angefeindet zu werden und aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen zu werden. Ein wirklich grober Fehler unterläuft ihr, als sie behauptet, dass Benn 1933 der Überzeugung war, „daß die neue Regierung die Freiheit der Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst schützen werde“[6]. Benn selbst stellt bereits 1933 in „Der neue Staat und die Intellektuellen“ fest, dass die Meinungsfreiheit unter den Nationalsozialisten stark eingeschränkt werden würde und dass dies zu begrüßen sei.[7] Christiansen ist somit einer der wenigen Vertreter in der Forschungsliteratur, die zu dem Ergebnis kommen, dass es sich bei dem „Fall Benn“ lediglich um einen Irrtum handelt.

War Benns Bekenntnis also nur ein Irrtum? Oder hat er gar ganz bewusst seine literarischen Kollegen verraten? Gegen einen reinen Irrtum sprechen einerseits das Maß, in dem Benn sich für den Nationalsozialismus eingesetzt hatte und andererseits die Tatsache, dass er sich niemals dafür entschuldigt hat. Wäre es nur ein Fehler seinerseits gewesen, den er später erkannte, hätte er seine Schuld einfach eingestehen können. Ein bloßer Verrat liegt aber wohl auch nicht vor. Hätte sich Benn bewusst dafür entschieden, den „Geist“, wie es bei Benn selbst und oft auch in der Forschungsliteratur heißt, und die Intellektuellen zu verraten, hätte er sich nicht schon nach nicht einmal zwei Jahren wieder vom Nationalsozialismus abgewandt. Somit bliebe der Grund der Kontinuität übrig, der auch Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sein wird.

Die Forschungsliteratur betrachtet den „Fall Benn“ in der Regel allgemein und zieht zahlreiche Belege und Hintergründe zu Rate, um den jeweiligen Ansatz zu unterstützen. Diese Arbeit wird sich auf spezifische Punkte bezüglich des Denkens Benn konzentrieren. Will man Benns Bekenntnis zum Nationalsozialismus dahingehend untersuchen, dass es sich um eine Konsequenz aus seinem Denken handelt, ist es natürlich unerlässlich, seine Weltanschauung zunächst darzustellen. Da Benn aber unzählige Essays, Aufsätze und Vorträge verfasste, in denen er seine philosophischen Ansichten behandelt, wird sich diese Arbeit auf zwei Aspekte der Bennschen Weltanschauung konzentrieren. Dies sind zum einen sein Menschenbild und zum anderen seine Geschichtsauffassung. Die Frage, die sich bei dieser Untersuchung stellt, ist jene, ob diese Aspekte der Philosophie Benns sowohl vor 1933 als auch zu Zeiten der Regierung Hitlers identisch sind und inwiefern sie mit dem Nationalsozialismus in Einklang zu bringen sind. Die These dieser Arbeit beinhaltet dabei, dass Benn sich hauptsächlich deshalb zum Nationalsozialismus bekannte, weil er in und mit ihm die konkrete Realisierung seiner Weltanschauung zu sehen glaubte. Bevor dies jedoch geschieht, ist es allerdings ebenfalls von enormer Bedeutung, dass man Benns gesellschaftliche Position vor der Machtergreifung Hitlers darstellt. Er durchlief nicht nur eine Entwicklung, die seine Weltanschauung betrifft, sondern auch innerhalb der Gesellschaft und der literarischen Welt, die ihren Höhepunkt nicht lange Zeit vor dem 30. Januar 1933 hatte. Außerdem wird es einen Überblick darüber geben, wie Benn nicht nur literarisch, sondern auch aktiv den Nationalsozialismus unterstützte, indem er an der Gleichschaltung der Preußischen Akademie der Künste mitwirkte.Somit ist ein umfassendes Gesamtbild der Ausgangssituation Benns bei der Machtergreifung Hitlers gegeben, das notwendig ist, um sein Verhalten während der nationalsozialistischen Regierung richtig beurteilen und analysieren zu können.

Schließlich folgt noch eine Untersuchung, ob Benn seine Einstellung nach Ende des Zweiten Weltkrieges und Bekanntwerden der unglaublichen Verbrechen der Nationalsozialisten revidierte oder ob auch zu diesem Zeitpunkt noch eine Kontinuität seines Denkens vorhanden war und er bei seiner 1933 dargestellten Einstellung blieb.

2. Benns Werdegang bis einschließlich 1933

Bevor konkret auf die Weltanschauung Benns eingegangen werden kann, ist es wichtig, seine gesellschaftliche Position und die Vorgänge unmittelbar vor seinem öffentlichen Bekenntnis zum Nationalsozialismus zu erläutern. Die Bedeutung seiner gesellschaftlichen Entwicklung und seiner stetig wachsenden Anerkennung seitens der Literaturwelt ist nicht zu unterschätzen. Der gesellschaftliche Aufstieg Benns vollzog sich vom Außenseiter zu einer bekannten Persönlichkeit, die sowohl Kritiker als auch Bewunderer hatte. Den Höhepunkt erreichte diese stetige Entwicklung kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, so dass Benn zu dieser Zeit mehr Einfluss hatte und Anerkennung bekam als jemals zuvor.

2.1. Benns gesellschaftliche Position vor 1932

Ersten Ruhm erlangte Benn im Alter von 26 Jahren, als 1912 „Morgue und andere Gedichte“ veröffentlicht wird. Dabei handelt sich um einen kleinen Gedichtband, der für äußerst viel Aufsehen innerhalb der deutschen Presse und Gesellschaft sorgte. „Der Verleger, Alfred Richard Meyer (der unter seinem Pseudonym ‚Munkepunke‘ viel bekannter wurde) berichtet: ‚Wohl nie in Deutschland hat die Presse in so expressiver, explodierender Weise auf Lyrik reagiert wie damals bei Benn.‘“[8] Dies begründet sich vor allem darin, dass die Leser die Gedichte als lyrische Obduktionsberichte auffassten, die rein sachlich und nüchtern bleiben. „Das ist ein ‚Irrtum‘, der sich lange hielt.“[9] Auch wenn es sich um eine Fehleinschätzung handelt, dass in „Morgue“ reale Sektionen dargestellt werden, führtedie teilweise abstoßende Wortwahl und die Negation der Würde der Toten zu einem Skandal, der den Namen Gottfried Benn bekannt machte.

Dieser erste Erfolg sicherte Benn jedoch nicht seinen Lebensunterhalt. Auch wenn er in den nächsten Jahren literarisch produktiv blieb, knüpfte er an seinen Erfolg erst einige Jahre später wieder an. Dies mag auch daran liegen, dass er im Ersten Weltkrieg in Belgien positioniert war. In Brüssel verfasste er außer „Morgue und andere Gedichte“ sämtliche seiner Werke der 20er Jahre, die durch die politischen und gesellschaftlichen Umstände des Weltkrieges wohl nur schwer veröffentlicht werden konnten. Dort schrieb er auch eine Reihe von Prosatexten, die Benn selbst unter dem Begriff „Rönne-Komplex“ zusammenfasste. Obwohl bereits im Juli 1914 geschrieben, erschienen sie unter dem Titel „Gehirne“ erst im Februar 1915 und hinterließen einen immensen Eindruck auf die deutsche Bevölkerung und Literaturwelt.[10] Hiermit knüpfte Benn also an seinen Erfolg von 1912 mit „Morgue und andere Gedichte“ an.

1917 verließ Benn das Militär und eröffnete nach kurzer Anstellung in der Charité seine eigene Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Seine literarische Tätigkeit reichte immer noch nicht ansatzweise dafür aus, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Doch auch der Verdienst durch die eigene Praxis war eher dürftig, so dass Benn viel arbeiten musste, um genügend Geld für sich und seine Familie erwirtschaften zu können. Zu diesem Zeitpunkt war Benn mit Edith Osterloh verheiratet und hatte mit ihr bereits eine gemeinsame zweijährige Tochter, Nele. Da die Eheschließung erst kurz vor der Einberufung in den Militärdienst stattgefunden hatte, sah sich Benn erst 1917 mit dem Familienleben konfrontiert. Dieses lehnte er ab, indem er für seine Familie eine eigene Wohnung mietete, während er selbst in der Wohnung über seiner Praxis alleine lebte. „Frau und Tochter besucht er höchstens sonntagnachmittags – wie immer perfekt gekleidet ‒, wenn er zum Tee auf eine Stunde in der ehelichen Wohnung erscheint.“[11] Benn scheint also ein regelrechter Einzelgänger gewesen zu sein, der zwar soziale Kontakte unterhielt, aber die meiste Zeit lieber für sich blieb. Erst nach dem Krieg konnte man in aller Deutlichkeit erkennen, wie Benn vor gesellschaftlichen Anlässen und engen Kontakten mit seinen Mitmenschen flüchtete. „Gottfried Benn sind fremde Menschen und bloßes Geplauder ein Greuel; er versteckt sich gern.“[12] Dieses Verhalten legte er auch später nicht ab. So schrieb er an seinen Brieffreund Oelze anlässlich eines Besuches seiner Tochter Nele im Jahr 1936: „Heute kommt meine Tochter für eine Woche zu mir. […] Wird kaum gut abgehn[!]. Ich kann nicht mit irgendwem länger wie einen halben Tag Wohnung u. Licht u. Gegenstände teilen, alle diese Nester der Zerstörung!“[13]

Benn lebte in der Rolle des Außenseiters, der sich in Gesellschaft von fremden Menschen nicht wohl fühlt. Er konzentrierte sich stattdessen lieber auf seine Arbeit, sowohl auf die medizinische als auch auf die literarische. Daran änderte sich auch nichts, als seine Frau im November 1922 nach einer Gallenblasenoperation starb. Benn hatte sich anscheinend mit der Vaterrolle niemals anfreunden, geschweige denn identifizieren können. Seinen Stiefsohn Andreas schickte er in ein Schulinternat, während seine Tochter Nele nach einem kurzen Aufenthalt bei ihrem Onkel Stephan Benn zu einer Freundin Benns, Ellen Overgaard, nach Kopenhagen kam.

Nun war Benn, der „Familienfeind“, wie ihn Lethen nennt[14], wieder allein und konnte sein von ihm bevorzugtes Einsiedlerleben fortführen. Man darf nun aber nicht denken, dass Benn überhaupt keinen Kontakt zu anderen Menschen hatte. Ihn verband beispielsweise seit 1917 eine enge Freundschaft zu Thea Sternheim, die trotz einigen, starken Diskrepanzen bis zum Tode Benns im Jahre 1956 anhielt. Eine weitere wichtige Frau in Benns Leben war Else Lasker-Schüler, die er bereits 1912 kennengelernt hatte. Die beiden verband im Gegensatz zu der Freundschaft zu Thea Sternheim zu Anfang auch eine Liebesaffäre, die in vielen Gedichten beider zum Ausdruck kommt.[15] Benn sah in ihr nicht nur eine Frau, sondern auch einen Künstler.[16] Diese beiden Frauen unterscheiden sich stark von all den anderen Frauen, mit denen Benn zu dieser Zeit Kontakt hatte. In der Regel hieß eine enge Beziehung zu einer Frau für ihn vor allem eine sexuelle Affäre. Solche Affären soll er einige, auch zu Zeiten der Ehe, gehabt haben.

Auch mit Friedrich Wilhelm Oelze hatte Benn seit 1932 engen Kontakt, wenn auch zumeist nur in Form von Briefen.Ihm konnte Benn alles anvertrauen, was ihn zur jeweiligen Zeit beschäftigt, von Modefragen über Frauengeschichten bis hin zu seinen teilweise doch starken Depressionen.[17] Oelze wird in der Forschungsliteratur einstimmig als wichtigste Vertrauensperson Benns angesehen. Auffällig ist jedoch, dass Benn solch ein großes Vertrauen nur dadurch aufrecht erhalten konnte, dass er Oelze räumlich so gut wie nie zu Gesicht bekam.

Benn war kein Misanthrop, er hatte Kontakt zu anderen Menschen. Jedoch ließ er kaum jemanden näher an sich heran und bevorzugte entweder oberflächliche oder literarische Gesprächsthemen. Ernste, persönliche Themen sprach er nur unter Wahrung der Distanz in Form von Briefen an. Er nahm nicht an gesellschaftlichen Ereignissen teil und blieb lieber für sich.„Man braucht nicht lange zu suchen, um Indizien und Belege dafür zusammenzubringen, daß Benn ein introvertierter Mensch war, der sich aus Kontaktscheu mit allerlei Hindernisfeldern gegen die Außenwelt abschirmte, praktisch und noch mehr gedanklich.“[18] Er sprach nur durch seine zuvor geschriebenen Texte mit der Gesellschaft, was ihm vollkommen genügte.

Ende der 1920er Jahre stand es äußerst schlecht um die wirtschaftliche Situation Gottfried Benns. Wie die meisten anderen Ärzte der Weimarer Republik verdiente er durch die eigene Praxis zu wenig Geld, so dass er 1926 die ehemalige Familienwohnung, in der seine verstorbene Frau mit ihren Kindern gelebt hatte, aufgeben musste und nun nur noch die Wohnung über seiner Praxis besaß. Mit seiner literarischen Tätigkeit verdiente er weiterhin keine nennenswerten Beträge. So gibt er in „Summa Summarum“ an, dass er von 1911 bis 1926 mit seinen Veröffentlichungen insgesamt nur 975 Mark verdient hatte.[19] Benn führte also ein sehr einfaches Leben mit wenig Kontakt zur Gesellschaft und sein primäres Ziel bestand darin, genügend Geld als Arzt zu verdienen, um überleben zu können. Gleichzeitig nahm seine literarische Tätigkeit zu und blieb auch nicht unbemerkt. Denn zu dieser Zeit erlangte er immer mehr Anerkennung in Fachkreisen. „Noch während Benn unter dem Druck der materiellen Verhältnisse einen an der Realität orientierten Kulturpessimismus vertrat, kündigt sich in der Literaturkritik sein endgültiger Durchbruch an.“[20] Kurz darauf wurde er auch innerhalb der deutschen Bevölkerung populärer. Ab 1930 war Benn regelmäßig im deutschen Rundfunk zu hören. Dies hatte zwei wesentliche Vorzüge: „Endlich verdiente er ein regelmäßiges Zubrot und blieb in der literarischen Szene präsent.“[21]

Wichtig zu erwähnen ist, dass Benn sich selbst immer als ein unpolitisch denkender Mensch einstufte. Während einer 1930 unfreiwillig ausgelösten Auseinandersetzung mit einigen linksorientierten Schriftstellern fand ein Rundfunkgespräch zwischen ihm und Johannes R. Becher, Dichter und KPD-Mitglied, statt. Kurze Zeit später fasste Benn dieses Gespräch zusammen, wobei er jedoch vieles veränderte. „Benn hat viel (von ihm) Nichtgesagtes mit in den Text geschrieben, gleichzeitig streicht er Bechers Position rigoros zum Torso zusammen.“[22] In diesem Text mit dem Titel „Können Dichter die Welt verändern?“ bezieht Benn Stellung, was die Aufgabe des Künstlers sei. Er negiert die Annahme, dass Schriftsteller Anteil und Einfluss auf die Politik, die Gesellschaft oder die Geschichte haben könnten: „Man kann es nicht anders ausdrücken: Kunstwerke sind phänomenal, historisch unwirksam, praktisch folgenlos. Das ist ihre Größe.“[23] Benn war also der festen Überzeugung, dass er als Künstler keinen Einfluss auf die Geschichte und ihre Entwicklung nehmen könnte. Damit stellte er sich vor allem gegen die linken Schriftsteller, die vermehrt politisch aktiv waren. Dass diese zuweilen zur Überreaktion neigten, wird an ihrer Kritik an Benn deutlich, die sowohl aufgrund einer Rede als auch eines Essays geübt wurde, die er anlässlich des 60. Geburtstags Heinrich Manns 1931 verfasste. „Die Reaktionen sind heftig.“[24] Der Grund für die massive Kritik der linken Schriftsteller ist die Tatsache, dass Benn sich nur auf frühere Werke Manns bezog und die politisch motivierten Texte nicht erwähnte.

Benn befand sich also zu dieser Zeit in einer gesellschaftlichen Position, die in der Regel eher einsam war, was von ihm jedoch gewünscht wurde. Er verdiente durch die Arbeit beim Rundfunk genügend Geld, war jedoch auch nicht reich oder verkehrte in der gehobenen Gesellschaft. In der literarischen Szene wurde er von den politisch links eingestimmten Schriftstellern zusehends angefeindet. Er selbst vertrat jedoch die Auffassung, dass er weder an der Geschichte noch an der Politik Anteil haben sollte.„Er will sich um keinen Preis politisch vereinnahmen lassen und wehrt sich deswegen sowohl gegen Forderungen von Links als auch gegen die Abdrängung nach Rechts.“[25] Politische Belange waren für Benn vollkommen uninteressant und er betonte mehrmals, dass er weder politisch handeln noch denke wolle. Er selbst forderte 1930, dass man einen Schriftsteller als „a priori geschichtlich unwirksam, rein seelisch phänomenal“[26] ansehen sollte. Als Dichter habe keinen Einfluss und dadurch weder Verantwortung noch Verpflichtungen der Politik oder der Gesellschaft gegenüber. Benn war vielmehr der Ansicht, dass er gar nicht über die nötigen Qualifikationen verfügte, dass er sich in politische Angelegenheiten einmischen könnte.[27] Merkwürdig ist jedoch, dass er sich trotz dieser Einstellung 1933 für den Nationalsozialismus einsetzte.

Zunächst jedochwurde Gottfried Benn als Schriftsteller immer erfolgreicher und bekannter. Nachdem er 1928 bereits in den Berliner PEN-Clubaufgenommen wurde, fand sein Aufstieg in der Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste seinen Höhepunkt. Schröder nennt dieses Ereignis „die Krönung seiner literarischen Sozialisation“[28].Die Sektion für Dichtkunst war noch recht jung, als Benn im Januar 1932 zum Mitglied gewählt wurde. Sie wurde erst 1926 innerhalb der Akademie eingerichtet. Die eigentliche Akademie bestand bereits seit 1696.

Bis 1932 „hatte Benn seine Rolle als Outcast ästhetisch durchgespielt, ökonomisch erlitten und gesellschaftlich nicht ohne Vermehrung seiner Anziehungskraft stilisiert“[29]. Als er aber am 5. Mai 1932 in die Preußische Akademie der Künste gewählt wurde, „bekam er nun öffentliche Anerkennung im höchsten Gremium, das die Kunst im preußischen Staat vertrat“[30]. Für ihn stellte die Entscheidung, ihn als Akademiemitglied aufzunehmen, eine „außerordentliche Ehre, die größte, die einem Schriftsteller innerhalb des deutschen Sprachraums zuteil werden konnte“[31] dar. Wie wichtig ihm diese Anerkennung als Dichter war und auch sein ganzes Leben lang bleiben sollte, zeigt sich daran, dass er seine Mitgliedschaft öfters betonte.[32]

Der vorige Außenseiter Benn verkehrte nun in den höchsten literarischen Kreisen und engagierte sich immens für die Arbeit innerhalb der Preußischen Akademie der Künste. Er nahm im Jahre 1932 an jeder Sitzung teil und vertrat in Diskussionen seine Standpunkte und Meinungen vehement.Nun zeigte sich, dass Benn sich sehr wohl nach Anerkennung für seine literarische Tätigkeit sehnte. Auch Decker spricht von dieser „zurückgestaute[n] Repräsentationslust“[33]. Äußerte sich Benn ansonsten abfällig und ironisch über Institutionen, investierte er nun den Großteil seiner Zeit in die Arbeit für die Akademie.[34]

1933 schrieb er einenEntwurf zur „Erklärung der Preußischen Akademie der Künste, Sektion für Dichtkunst, gegen die ‚Kulturreaktion‘“. Dabei handelt es sich um eine Überarbeitung einer von zwei anderen Akademiemitgliedern, Ludwig Fulda und Walter von Molo, bereits verfassten Erklärung. Beide Texte richten sich gegen die Auffassung, dass deutsche Literatur nur bestimmte Themen behandeln dürfe oder nur von einer politischen beziehungsweise philosophischen Gesinnung motiviert sein dürfe. Auslöser war das Buch „Dichtung der Deutschen. Eine Geschichte der Literatur unseres Volkes von den Anfängen bis zur Gegenwart“ von Paul Fechter.[35] Dabei handelt es sich eindeutig um ein Werk, das stark nationalsozialistisch geprägt ist. „Hier tritt Benn noch […] für eine Geistesfreiheit ein, die sich entschieden gegen die parteipolitischen Bedrohungen von rechts wie von links wendet.“[36] Benns Entwurf wird schließlich im Auftrag der Akademie noch einmal von Döblin überarbeitet, da er sich wie üblich zu unverständlich ausdrückt. „Benn ist tödlich beleidigt.“[37] Nach der Machtergreifung verzichtete die Akademie jedoch auf diese Art von Stellungnahme mit der Begründung, dass es sich nicht länger nur um einen literarischen Fall handle, sondern nun auch die politische Situation beträfe.

Die Tatsache, dass Benn einen bereits fertigen Entwurf anderer überarbeitete, zeigt zum einen sein großes Engagement für die Preußische Akademie der Künste. Zum anderen wird aber auch deutlich, dass Benn der Meinung war, diese Arbeit besser ausführen zu können als Fulda und von Molo. Er war also äußerst motiviert und wollte nicht nur ein Teil der Akademie als einfaches Mitglied sein, sondern ihren Weg wesentlich mitbestimmen und endlich die Anerkennung bekommen, die ihm seiner Ansicht nach, vor allem auf der literarischen Ebene, zustand. Der vorige Außenseiter Benn sah nun die Möglichkeit im für ihn wichtigsten Bereich, der Kultur, Einfluss zu nehmen.

2.2. Vorgänge in der Preußischen Akademie der Künste nach der Machtergreifung

Wie bei allen anderen Institutionen Deutschlands auch, gab es nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 recht schnell Versuche und leider auch Erfolge die Preußische Akademie der Künste gleichzuschalten. Ziel war es jüdische, linke, slawische und allgemein regierungskritische Künstler aus der Institution zu entfernen und sie durch nationalsozialistische Vertreter zu ersetzen.

Bereits vor der Wahl Benns zum Mitglied, nämlich seit 1931, war Heinrich Mann Vorsitzender der Sektion Dichtkunst innerhalb der Preußischen Akademie der Künste. Er sah sich gemeinsam mit Käthe Kollwitz als Erster gezwungen, sein Amt niederzulegen und auch allgemein auf seine Mitgliedschaft zu verzichten. Der Grund dafür war ein „an allen Berliner Litfaßsäulen angeschlagene[r] Appell des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds, in dem zur Bildung einer Einheitsfront gegen die NS-Regierung aufgerufen wird“[38], auf dem unter anderen auch die Unterschriften Heinrich Manns und die von Käthe Kollwitz zu finden waren. Dies stellte eindeutig eine Handlung gegen die nationalsozialistische Regierung dar, diesich diesen Protest auch von Mitgliedern der Akademie der Künste nicht gefallen lassen wollte. Der damalige NS-Reichskommissar für das preußische Kultusministerium, Bernhard Rust, sprach daraufhin mit dem amtierenden Akademiepräsidenten Max von Schillings über die beiden,bei den Nationalsozialisten negativ aufgefallenen,Schriftsteller. Er drohte „mit der Schließung der Sektion Dichtkunst, wenn Heinrich Mann und Käthe Kollwitz nicht aus der Akademie ausschieden“[39]. Obwohl eine Schließung einer einzelnen Sektion innerhalb der Institution zu der Zeit gerichtlich noch nicht möglich war, widersetzte sich von Schillings den Anfeindungen und Forderungen Rusts nicht.

Stattdessenberiefder Akademiepräsident daraufhin eine Sitzung ein, um diesen Entschluss an die anderen Mitglieder weiterzugeben und eine Entscheidung von den Anwesenden zu fordern. An der Sitzung nahmen nur wenige Mitglieder teil. Anwesend waren lediglich Benn, Döblin, Frank, Fulda, Loerke und Ina Seidel.[40] Da Käthe Kollwitz ihren Austritt schon bekannt gegeben hatte, musste nur noch über die Zukunft Heinrich Manns innerhalb der Akademie der Künste entschieden werden. Dieser wurde nicht über die Sitzung unterrichtet, da von Schillings nur zwei Auswege aus dieser Situation sah. „Entweder beschlösse die Versammlung das Ausscheiden Heinrich Manns oder er, Schillings, verzichtete auf sein Amt.“[41] Diese radikale Entscheidung musste von Schillings fordern, da er wie alle anderen ebenfalls davon ausgehen musste, dass der politisch engagierte Heinrich Mann im Gegensatz zu Käthe Kollwitz für sein Verbleiben in der Akademie und sein Anrecht auf politische Aktivitäten und Meinungsfreiheit vehementkämpfen würde.

Spät am Abend traf Heinrich Mann dann in der Akademie ein, was eine Unterbrechung der Sitzung zur Folge hatte. „Das Plenum erwartete, daß er sich verteidigen und eine Diskussion eröffnen würde, die mit seinem eigenen oder dem Rücktritt Schillings enden mußte.“[42] Entgegen aller Erwartungen verließ allerdings auch Heinrich Mann die Akademie ohne Gegenwehr und aus freien Stücken. Dies teilte er jedoch nicht persönlich den anderen anwesenden Mitgliedern mit.Bevor er wieder nach Hause fuhr, hatte er eine Unterhaltung mit von Schillings, über deren Inhalt jedoch nichts bekannt ist. Von Schillings führte die Sitzung fort mit der Bekanntmachung, dass Heinrich Mann nicht länger Vorsitzender der Abteilung Dichtkunst sei und seinen Rücktritt aus der Akademie bekannt gegeben habe. Einige der anderen Mitglieder weigerten sich zu glauben, dass Mann protestlos auf seinen Posten und seine Mitgliedschaft verzichtet habe, allen voran Alfred Döblin. Er forderte, dass Heinrich Mann in der Sitzung seine Meinung äußern solle und Möglichkeit zur Verteidigung haben sollte. „Döblin kam gar nicht auf die Idee, daß Heinrich Mann den geräuschlosen Rücktritt selbst vorgezogen haben könnte.“[43] Die Mehrzahl der anwesenden Mitglieder lehnten diese Forderung Döblins jedoch ab mit der Begründung, dass es keine Veranlassung dazu gebe, da der Präsident Max von Schillings richtig gehandelt habe. Vor allem Benn vertrat diese Auffassung und lieferte sich eine hitzige Diskussion mit Döblin.

Diese Situation machte den Mitgliedern der Akademie deutlich, dass die neue Regierung (noch) zwar legale, aber unangenehme Wege suchte, um regierungsfeindliche oder auch nur kritische Schriftsteller und Dichter aus der Akademie zu entfernen. Somit schien es wichtig zu werden, eine Stellungnahme auch bezüglich der neuen politischen Situation zu verfassen. Nach langen DiskussionenverfassteBenn einen Text, den alle Mitglieder der Akademie unterschreiben sollten. Andernfalls sollten sie die Institution verlassen. Die letztendliche Fassung hat den folgenden Wortlaut:

Sind Sie bereit, unter Anerkennung der veränderten geschichtlichen Lage weiter Ihre Person der Preussischen Akademie der Künste zur Verfügung zu stellen? Eine Bejahung dieser Frage schließt die öffentliche politische Betätigung gegen die Regierung aus und verpflichtet Sie zu einer loyalen Mitarbeit an den satzungsgemäss der Akademie zufallenden nationalen kulturellen Aufgaben im Sinne der veränderten geschichtlichen Lage.[44]

Zwei Drittel der Mitglieder bejahten schriftlich diese Erklärung, die anderen verzichteten auf die Mitgliedschaft in der Akademie, darunter auch Thomas Mann. Unter denen, die positiv geantwortet hatten, verließen jedoch ebenfalls noch weitere Schriftsteller die Institution. Darunter war zum Beispiel der jüdische Schriftsteller Alfred Döblin, der sich der antisemitischen Grundhaltung der Nationalsozialisten sehr wohl bewusst war.[45] Er analysierte die aktuelle politische Lage richtig, als er die starke Befürchtung äußerte, dass er als Jude der Akademie der Künste schaden könnte und er seinen Platz besser räumen sollte, was er dann schließlich auch tat.

In der Forschungsliteratur gibt es zwei vorherrschende Meinungen darüber, was der Grund Benns für das Verfassen dieser Erklärung war. Dyck beispielsweise ist der Auffassung, dass er eine Schließung der Akademie vermeiden wollte und dies nur dann möglich war, wenn alle zu regierungskritischen Mitglieder die Institution verlassen. Wenn nur noch jene in der Akademie verblieben, die diese Erklärung unterschrieben, hätte es auf Seiten der Nationalsozialisten keine Befürchtungen mehr geben müssen, dass sich ein Mitglied öffentlich gegen sie stellte und somit bestünde auch kein Grund der von Benn befürchteten Schließung.[46] Diese Meinung ist höchst plausibel, wenn man bedenkt, wie wichtig Benn seine Mitgliedschaft war. Er war sicherlich nicht bereit, sie nach so kurzer Zeit wieder aufzugeben.Vertreter wie Kaiser jedoch sind der Ansicht, dass er schon zu diesem Zeitpunkt zum „faschistischen Agitator“[47] wird und sich mit dieser Erklärung bei den Nationalsozialisten einschmeicheln will. Dass er später unbestreitbar der Regierung zugewandt handelte, ist an seinen kurz darauf erscheinenden Rundfunkreden deutlich zu erkennen (vgl. Kap. 3.).

Nach Heinrich Manns Austritt war Binding neuer kommissarischer Leiter geworden. Da er jedoch außerhalb Berlins wohnte, wurde Benn gebeten, dieses Posten zu übernehmen. Er stieg somit innerhalb der von ihm geschätzten Akademie auf, was zu einem Zeitpunkt, an dem „die Ränge von der SA leergefegt wurden“[48], nicht besonders schwierig war. Dieser Aufstieg war für Benn nicht irrelevant. Nach Jahren der Isolation bekommt er nun unter der neuen Regierung mehr Anerkennung als in sämtlichen vorangegangenen Jahren.

Nach und nach erkannte Benn jedoch, dass er in der nun vollkommen nationalsozialistisch geprägten Akademie der Künste keinen Platz und auch keinen großen Einfluss mehr hatte. Außerdem hielt ihn auch sozial nicht mehr viel in dieser Institution, da viele Bekannte und Bewunderte von ihm die Akademie aufgrund der Gleichschaltung verlassen hatten.Soziale Kontakte waren für Benn allerdings nie wirklich relevant, wenn es um wichtige Entscheidungen ging. Zumal der Verlust der anderen Mitglieder als nicht allzu schwer von ihm empfunden werden konnte, wenn er schon Heinrich Mann ohne Protest hatte gehen lassen können, den er schon lange verehrt hatte.[49] Trotzdem wird es ungemütlich für Benn in der Akademie. Die gewohnten Geister waren weg und er erkannte langsam, dass er mit den nationalsozialistischen Schriftstellern nicht in bekannter Weise über kulturelle Dinge sprechen und diskutieren konnte.

Das befürchtete Ende für ihn innerhalb der Akademie der Künste rückte näher. Er nahm am 7. Juni 1933 das letzte Mal an einer Sitzung teil. In dieser wurden neue, alle mehr oder weniger dem Nationalsozialismus zugewandte, deutsche Schriftsteller in die Akademie berufen, nachdem die jüdischen Mitglieder ausgeschlossen wurden. An all diesen Entscheidungen hatte Benn einen Anteil.Allerdings muss man klar stellen, dass die neuen Mitglieder nicht mehr wie zuvor aufgrund von Vorschlägen innerhalb der Akademie gewählt wurden, sondern die Liste der zu wählenden Schriftsteller vom Ministerium angegeben wurde.

Zu diesem Zeitpunkt lag die Macht innerhalb der Akademie also längst bei der nationalsozialistischen Regierung. Nach dieser Sitzung wurde Benns bisherige Funktion des kommissarischen Leiters der Sektion Dichtung von Hans Friedrich Blunck übernommen. Als letzte aktive Tätigkeit für die Akademie Bennsist seine Totenrede auf Max von Schillings Ende Juli 1933 zu nennen. Aber es wird von da an noch über ein Jahr dauern, bis sich Benn vollkommen vom Nationalsozialismus abwandte und seine literarische Arbeit nicht mehr in dessen Dienst stellte.Die Funktion der Akademie selbst wurde am 22. September 1933 durch die Reichskulturkammer als berufsständige Zwangsorganisation abgelöst. Danach existierte sie zwar noch, hatte jedoch keinerlei Einfluss mehr, was unter anderem vor allem auf die finanziellen Notstände zurückzuführen ist.

Danach erfuhr Benn noch einmal Anerkennung von den Nationalsozialisten, die zu Anfang noch darin bemüht waren, bekannte Persönlichkeiten als ihre Fürsprecher gewinnen zu können, da noch nicht alle Kritiker vollkommen (auf welche Art und Weise auch immer) verstummt waren.[50] Er wurde Vizepräsident der am 8. Januar 1934 gegründeten „Union nationaler Schriftsteller“, dem Nachfolger des mittlerweile aufgelösten PEN-Clubs.

Benn wirkte aktiv an der Gleichschaltung der Sektion Dichtkunst mit. Er hatte keine Probleme damit, langjährige Mitglieder und von ihm geschätzte Schriftsteller auszuschließen, solange er dadurch seine Stellung innerhalb der literarischen Szene beibehalten konnte.

3. Gottfried Benns Weltanschauung

Nach dieser Unterstützung bei der Gleichschaltung der Akademie bekannte Benn sich im Rundfunk öffentlich zur neuen Regierung und sicherte den Nationalsozialisten seine Mitarbeit zu. Lethen fasst Benns historisch bewiesene Aktionen, die den Nationalsozialismus unterstützten, wie folgt zusammen: „mithilfe zur Säuberung der Akademie von republikanischen, jüdischen und sozialistischen Schriftstellern; Unterstützung der NS-Eugenik […]; Rechtfertigung der Vertreibung kritischer Künstler in die Emigration“[51]. Wenn man diese Taten nicht als Opportunismus auffassen will, sondern sie als Konsequenz aus dem Denken Benns sieht, ist es wichtig, Benns Weltanschauung in ausgewählten Punkten zu untersuchen. Dieses Kapitel behandelt zum einen sein Menschenbild und zum anderen seine Geschichtsdefinition. Bei beiden Aspekten wird sowohl auf Texte vor der Machtergreifung 1933 als auch auf solche, die während der nationalsozialistischen Regierung verfasst wurden, eingegangen. Nur dies ermöglicht eine Beurteilung, ob Benn seine grundlegenden Auffassungen beibehalten hat und somit sein Bekenntnis zum Nationalsozialismus wirklich als eine Konsequenz seines zuvor entwickelten Denkens angesehen werden kann.

3.1. Benns Menschenbild

In seinem Essay „Nach dem Nihilismus“[52] aus dem Jahre 1932 erwähnt Benn fast alle wichtigen Aspekte, die sein Menschenbild umfassen. Dieser Text wurde vor der Machtergreifung Hitlers geschrieben und beinhaltet doch viele Ansichten, die das Bekenntnis des Schriftstellers zum Nationalsozialismus zumindest näher erklären können. Deshalb eignet er sich besonders gut, um Benns zeitweilige Sympathie zum Nationalsozialismus unter anderem als eine Konsequenz aus seinem auch vor 1933 schon bestehenden Denken darzustellen.

Obwohl Benn als Mediziner Naturwissenschaftler war, stand er nicht allen wissenschaftlichen Ergebnissen und Errungenschaften positiv gegenüber. Besonders die Sozialwissenschaften lehnte er strikt ab. Benn bezieht sich mit dieser Abneigung auf die These, dass der Mensch an sich gut sei und schlechte Charaktereigenschaften oder Verhaltensweisen nur aufgrund seines Umfelds entstünden.[53] Der Mensch als Spielball seiner sozialen Umwelt widerspricht den Ansichten Benns, da es unter anderem ebenfalls beinhaltet, dass alle Menschen gleich sind. Er erkennt zwar an, dass auch das Umfeld Einfluss auf ein Individuum haben könne, betont aber, „daß die in der Anlage verwurzelten, spontan hervortretenden Elemente […] eine höhere Wirklichkeits- und Wertigkeitsstufe haben wie die durch äußere Lebensreize hervorgerufenen“[54].Bei der Geburt eines Menschen steht für Benn also schon fest, ob dieser einmal große Taten vollbringen werden könne oder ob es sich bei ihm nur um einen durchschnittlichen Menschen handle. Dies ist das Schicksal eines jeden Menschen, auf das Benn gemeinsam mit dem Mythos in vielen seiner Werke immer wieder großen Wert legt. Ein einzelner Mensch soll durch den Zufall entweder groß werden können oder aber tragisch scheitern können. In jedem Fall ist er der Ansicht, dass ein einzelner sich vom von ihm so abgelehnten „Durchschnittstypen“[55] unterscheiden kann. Es herrscht bei ihm also ein allgemeines Bedürfnis nach Außergewöhnlichkeit. Dies betrifft sicherlich die gesamte Menschheit, im konkreten Fall aber auch wohl den Außenseiter Benn, der sich oft als zu wenig gewürdigt sieht (wie bereits in Kapitel 2.1. bezüglich seiner Arbeit in der Preußischen Akademie der Künste dargestellt wurde).

Diese von Benn vehement vertretende Meinung, dass einzelne Menschen sich von anderen abheben können und damit exorbitant sind, wird vor allem durch seine Abneigung dem Normalen und der Mittelmäßigkeit gegenüber deutlich. So schreibt er beispielsweise in Bezug auf die bereits erwähnten Ansichten vieler Sozialwissenschaftler bezüglich des Menschen: „Und wenn er [d.i. der Mensch] jemanden ermordet, soll man ihn trösten, denn nicht der Mörder, sondern der Ermordete ist schuldig.“[56] Mit übersteigerter Ironie weist Benn darauf hin, dass die Täter- und Opferrolle durch diese sozialwissenschaftliche Theorie vertauscht werden, da sich das vermeintliche Opfer als Teil der Gesellschaft im Umfeld des eigentlichen Täters befindet und somit der Grund für das Verhalten, den Mord, ist.Natürlich ist dies eine maßlose Überspitzung und nicht vollkommen korrekt. Die Schuldzuweisung an das eigentliche Opfer ist nicht gerechtfertigt, da auch dieser Mensch nach der Theorie keine Schuld an dem Verbrechen tragen kann, da schließlich auch seine Handlungen nur ein Resultat seiner Umwelt sein können. Benn hat allerdings auch gar nicht die Absicht, logisch auf diese These einzugehen. Vielmehr hat sein Beispiel zum Ziel, sie lächerlich zu machen.

Dieser Spott wird an einer anderen Stelle in „Nach dem Nihilismus“ ebenfalls deutlich: „Alle Menschen sind gleich, gleich wertvoll, gleich stimmfähig, gleich anhörenswert in allen Fragen, nur keine Entfernung vom Durchschnittstyp, nichts Großes, nichts Außergewöhnliches.“[57] Mit Ironie stellt Benn dar, dass für ihn die Menschen individuell sind. Manche entsprechen diesem „Durchschnittstypen“, andere sind in der Lage, sich über diesen zu erheben, indem sie durch besondere Taten oder Leistungen aus der Menge hervorstechen. Seine Abneigung und sein Hohngegenüber diesem Menschbild lässt sich auch in einem sehr viel früheren Text bereits finden. So schreibt er 1919 in seinem Essay „Das moderne Ich“: „Der Mittelmensch, der Mittelmensch, das kleine Format, das Stehaufmännchen des Behagens, der Barrabasschreier, der bon und propre leben will.“[58] Benn will das Besondere, das große Format, dies ist sein Anspruch an die Welt. An einer weiteren Stelle desselben Textes kritisiert er, dass es in der Welt für eine individuelle Person nicht mehr möglich ist, eine besondere, eine „ausgezeichnete“[59] Stellung oder Position einzunehmen. Benn setzt sich also vehement für die Anerkennung von Individualität unter den Menschen ein, wobei er sich besonders auf das Exorbitante konzentriert. Im Gegensatz zu einer humanen Auffassung vom Menschen, hat Benn einen gänzlich anderen Anspruch an den Menschen. Wellershoff formuliert diesen wie folgt: „Größe, die aus dem Leiden wächst, Tapferkeit, die in den dunklen Grund der menschlichen Existenz zu blicken vermag und […] die stark genug ist, im Scheitern das Sein zu erfahren.“[60] Das bedeutet, dass Benn als Weg zur Größe das tragische Scheitern bevorzugt. Der tragische Held stellt für ihn die wünschenswerteste und bedeutendste Form des menschlichen Lebens dar.

Nun mag man sich fragen, inwiefern diese Ablehnung Benns gegenüber dem „Durchschnittstypen“ eine Gemeinsamkeit oder zumindest Ähnlichkeit zu der Einstellung der Nationalsozialisten darstellen kann. Individualität und eigenständiges Denken war im Dritten Reich keinesfalls erwünscht. Stattdessen sollte das deutsche Volk eine große Gemeinschaft bilden, die hinter dem einen großen Führer, Adolf Hitler, steht und ihm blind folgt. Die wenigen Männer mit Entscheidungsgewalt im damaligen Deutschland führten die breite Masse an Bürgern ihrem Schicksal entgegen, ohne dass Bedenken oder ein Hinterfragen geduldet wurde. An eben diesem Punkt ist man wieder bei Benns Menschenbild angelangt. Für den ehemaligen Schüler eines humanistischen Gymnasiums stellt das Schicksal die bedeutendste Macht auf Erden dar. Sie lässt Menschen und ganze Völker oder Kulturen machtvoll werden oder aber untergehen. Was vor 1933 vor allem für den einzelnen Menschen galt, wird nun auf ein ganzes Volk übertragen.

In „Nach dem Nihilismus“ kritisiert Benn die Entwicklung der westlichen Welt, da durch die Naturwissenschaften alles erklärbar wird und alles Mythische aus der modernen Welt verschwindet. Dieses Mythische stellen zum einen jegliche Götter dar, zum anderen aber auch die Natur, insbesondere bei Goethe.

Noch häufiger allerdings den unpersönlich universalistischen Ausdruck Natur, der sein eigentlicher Ausdruck ist, einer Natur, noch ganz irrational empfunden, lyrisch in Strophen an den Mond begrüßt, noch einmal die alte verhüllte mütterliche Natur, man reißt ihr keine Erklärungen vom Leibe, sagt er [d.i. Goethe], sie ist alles ich vertraue mich ihr, sie mag mit mir schalten, ich preise sie in all ihren Werken.[61]

Was bei Goethe die Natur ist, stellt bei Benn das Schicksal dar. „Die beiden Angelpunkte der Bennschen Weltanschauung, die fern ist von allen Zwecklehren und allen Gehirnideologien, sind: Schöpfung und Schicksal.“[62] Diese Macht, die im antiken Griechenland noch durch die zahlreichen Götter verkörpert wurde, verursacht Aufstieg und Fall, Erfolg und Niederlage. Und auch wenn ein Mensch in der Lage ist, sein Schicksal selbst ein wenig zu lenken, ist der Ausgang doch vorherbestimmt, was ein jeder zu akzeptieren hat.[63] Sie hat die Möglichkeit, einzelne Personen in die Geschichte eingehen zu lassen. Dabei ist ein Mensch, der aufgrund seines Scheiterns an Popularität gewinnt, bei Benn deutlich bemerkenswerter als jener, der nur Erfolg hat. „Es gibt nur den höheren, d.h. den tragisch kämpfenden Menschen, nur von ihm handelt die Geschichte, nur er ist anthropologisch vollsinnig.“[64] Auch ein gebildeter und intelligenter Mann wie Benn fiel wohl wie der Großteil der deutschen Bevölkerung auf die Rhetorik der Nationalsozialisten herein, die ebenso „mythenbesessen“[65] erscheinen wie er und sein Werk. „Der Faschismus verbreitete einen mystischen Nebel, der nicht nur auf Benn wie eine enthemmende Droge wirkte.“[66]

Benn erkannte im Nationalsozialismus die Möglichkeit, dass eben jenes Schicksal wieder an Macht und Einfluss gewinnen wird und das sozialwissenschaftliche Menschenbild durch einsolches abgelöst wird, das wieder mythisch ist. So schreibt er 1933 in seinem ersten Essay mit dem Titel „Züchtung“[67]:

Bis vor kurzem war der Mensch ein Vernunftswesen und sein Hirn der Vater aller Dinge, heute ist er ein metaphysisches Wesen, abhängig und von Ursprung und Natur umrahmt. […] Eben war er im Wesen gut, bedurfte keiner Erlösung, keines inneren Prozesses, nur einiger Polierungen, heute ist er tragisch, erbsündig, bedarf der Reinigung, der Stützung und einer starken Rechtsprechung zu seiner eigenen Läuterung wie zum Schutze der Gemeinschaft.[68]

Der Mensch kehrt also zu einem mythischeren Ursprung zurück. Der Mythos taucht nicht nur in vielen Werken, vor allem in der Lyrik, Benns auf. Er stellt einen grundsätzlichen Gedanken seiner Weltanschauung dar. Die von ihm so abgelehnten Thesen „Der Mensch ist gut“ und „Alle Menschen sind gleich“ sieht er mit dem Nationalsozialismus also als negiert an und sein bevorzugtes Menschenbild tritt wieder zu Tage.

Auch die harten und brutalen Vorgehensweisen der Nazis rechtfertigt er. Er lehnt die Demokratie ab, in der das Glück aller im Vordergrund steht (oder zumindest stehen sollte). Das Glück der Menschen ist Benn gleichgültig, er hat stattdessen einen ästhetischen Anspruch an die Welt. Er fordert große Taten, die niemals in Vergessenheit geraten werden von großen Persönlichkeiten, insbesondere in der Kunst, aber auch in allen anderen Lebensbereichen. In Hitler sieht er solch eine große Persönlichkeit, die Deutschland zu neuem Ruhm verhelfen kann. Nach seiner langen Zeit am Rand der Gesellschaft, erkennt er nun seine Chance, in einem Staat groß werden zu können. Er möchte selbst eine solch große Persönlichkeit werden, im Bereich der Kunst und Kultur. Durch die neue Regierung erscheint es ihm möglich. Auch in seiner Rundfunkansprache „Der neue Staat und die Intellektuellen“, in der er sich 1933 öffentlich zum Nationalsozialismus bekennt, weist er auf das Bestreben des Menschen nach dem Außergewöhnlichen hin, um die Einstellung und das Verhalten der neuen Regierung zu legitimieren: „Aber der Mensch will groß sein, das ist seine Größe; dem Absoluten gilt unausweichlich sein ganzes inneres Bemühen.“[69]

Im Dritten Reich ist es nach Benn also endlich wieder möglich, aus der Masse der „Durchschnittstypen“ herauszubrechen. Doch was stellt denn nun den Gegentypen dar? Für Benn ist dies unbestreitbar das Genie. Schon in den 20er Jahren beschäftigte er sich des Öfteren mit diesem Begriff in einigen seiner zahlreichen Essays.

1930 weist Benn in seinem Essay „Das Genieproblem“ daraufhin, dass es durchaus möglich sei, Genies zu züchten. So habe die Erbforschung „nämlich festgestellt, daß […] alte hochgezüchtete Talentfamilien eine der häufigsten Vorbedingungen für die Entstehung von Genie sind“[70]. Benn belegt seine Ansichten mit Studien, deren Resultat es war, dass bekannte, herausragende Persönlichkeiten öfter untereinander verwandt sind als bei einem Durchschnittsmenschen die Wahrscheinlichkeit der Verwandtschaft mit einer Berühmtheit besteht.[71] Er betont, dass besonders in Gelehrten- und Pastorenfamilien eine Anhäufung von überdurchschnittlich begabten Persönlichkeiten vorzufinden ist, insbesondere bezüglich humanistischer Gesichtspunkte. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da Benn selbst einer solchen Pastorenfamilie entstammt und somit seinen Anspruch auf seine Außergewöhnlichkeit bekräftigt sehen will. Ebenso wie bei seinem erkennbaren Stolz, Mitglied der Preußischen Akademie zu sein, zeigt sich an dieser Stelle, dass Benn nicht nur selbst an seine Begabung glaubt, sondern dass er diese Anerkennung auch von anderen fordert.

In „Das Genieproblem“ sind Benns Geniezüchtungsansätze noch wesentlich anders gestaltet als ein paar Jahre später. So scheint er anhand bekannter Persönlichkeiten festgestellt zu haben, dass es besonders günstig ist, wenn die Eltern „möglichst differentes Keimmaterial“[72] besitzen, also entweder stark verschiedenen Kulturen entsprechen oder unterschiedliche Charaktere besitzen. „Kurz alles, was auf Unvermischbarkeit, Unausgeglichenheit, Bastardierung, ungelöste Spannung zielt.“[73] Von dieser „Rassenmischung“ ist 1933 natürlich keine Rede mehr. Allgemein lässt sich sagen, dass die 1930 von Benn dargestellte Züchtung von Genies wenig mit dem zu tun hat, was die Nationalsozialisten unter dem Begriff verstanden.So ist nach Benn eine Bedingung für das Genie das Bionegative. Ein körperlich und zuweilen auch psychisch kranker oder ungesunder Mensch steigert sowohl seine Produktivität als auch seine Kreativität. „Entartung ist eine Kombination von körperlicher Minusvariante und einem psychischen Geschehn[!], das ein Leben nach dem Mehrzahlstyp der Art nicht mehr ermöglicht und die Fortdauer des Individuums in Frage stellt oder aufhebt.“[74] Das Genie stellt somit das exakte Gegenteil des Durchschnittstypen dar und ist für Benn die erstrebenswertere Form.

Auch in diesem Zusammenhang spielt das Schicksal wieder eine große Rolle. So wird für Benn niemand als Genie geboren, sondern sein eigenes Schicksal macht aus dem jeweiligen Menschen entweder ein Genie oder auch nicht. Dabei ist es durchaus möglich, wenn nicht sogar üblich, dass dies erst nach dem Tod der Person, einige bis viele Generationen später, geschieht.[75] Der maßgebliche Punkt dabei ist, ob die Gruppe, die jeweilige Gesellschaft, den entsprechenden Menschen als Genie anerkennt.[76] Dass Genie und Wahnsinn oft so eng beieinander liege, ist nach Benn dadurch begründet, dass Dinge wie „Krankheit, Selbstmord, früher Tod, Rauschsucht, Kriminelles, Abnormität und ganz besonders deutlich und massiv: die Psychose“[77] einen besonderen Reiz auf die einfachen Menschen haben, so dass sie bevorzugt Persönlichkeiten mit solchen Auffälligkeiten zum Genie ihrer Zeit erheben. Bei diesem Punkt ist Benn auch wieder bei den Mythen und den Göttern angelangt, die sein gesamtes Werk durchziehen. Er verweist auf die Götter der Antike, die ebenfalls Mängel aufwiesen, zumeist körperliche Beeinträchtigungen, um schließlich zu dem Schluss zu gelangen, dass die Erhebung eines Menschen zum Genie durch die breite Masse eines Volkes „den Charakter einer kollektiven Symbolik des Degenerativen und einer religiösen Aphoristik der Entartung“[78] habe. Diejenigen, die zum Genie werden, stellen also nur selten einen gesunden Geist und Körper dar. Benn benutzt den Begriff des „Bionegativen“[79] von Lange-Eichbaum, um deutlich zu machen, welche Eigenschaften ein Genie besitzt. Er ist krank und produziert ihm Rausch seine Werke und Leistungen, wobei Drogen und Alkohol als Katalysator dienen. Spätestens hier wird deutlich, dass Benns Bild vom idealen Menschen nicht mit dem der Nationalsozialisten übereinstimmen kann. Körperliche beeinträchtigte und vor allem psychisch kranke Menschen waren bei ihnen nicht sonderlich erwünscht. Benn dagegen sieht in solchen Menschen die Möglichkeit, dass großartige Kunst geschaffen werden kann. Er hat wieder einmal einen rein ästhetischen Anspruch an die Welt, so dass die Gesundheit des jeweiligen Menschen irrelevant ist. Bei den Nationalsozialisten hat die Kunst, vor allem diejenige, die ein hohes Maß an Kreativität aufweist, wenig Wert. Ein gesunder Mensch, der für das Vaterland in den Krieg ziehen kann, hat weitaus mehr Bedeutung. Hierbei handelt es sich also definitiv um einen Aspekt des Bennschen Menschenbildes, der nicht mit der NS-Ideologie in Einklang zu bringen ist.

Oskar Sahlberg nennt in seinem Buch „Gottfried Benns Phantasiewelt“ vier Punkte, die den neuen, durch Züchtung erschaffenen Menschen nach Benn charakterisieren sollten: „a) er entstammt der Urzeit; b) er ist das Genie; c) er steht unter einem schicksalhaften Zwang; d) er ist Deutscher.“[80] Die Punkte b), c) und d) sind in dieser Arbeit bereits behandelt worden oder wie im Fall von d) auch von alleine leicht zu erschließen, so dass nur noch der etwas verwirrende Punkt a) übrig bleibt. Was meint Sahlberg beziehungsweise Benn damit, wenn er behauptet, dass der Mensch der Urzeit entstammt?

Benn ist der Auffassung, dass in jedem Mensch im Unterbewusstsein sämtliche Vorgänge, Geschehnisse und Stimmungen der Menschheit abgespeichert sind. Bestätigt sieht er dies durch das Verhalten und die Erzählungen von Schizophrenie-Kranken.

Hier hat der Kranke Organempfinden mit deutlichem Anklang an die Pubertätsriten der Wilden, hier ist Spiegel und Original identisch wie beim Bildzauber der Primitiven, hier geht in seinen Wahnvorstellungen die Gedankenübertragung durch die Haare wie in der Simsonmythe aus dem typischen magischen Kreis.[81]

Nach Benn durchleben manche psychisch Kranke während ihrer Anfälle oder Wahnvorstellungen die gesamte Geschichte der Menschheit. Dies ist dadurch möglich, dass sie im Unterbewusstsein abgespeichert ist, da die Persönlichkeit des Menschen nicht nur aufgrund seiner Gene und seines Umfelds geprägt wird, sondern auch von diesen unterbewussten Erinnerungen alter Kulturen.[82] Diese Ansicht Benns mag, vor allem heute, ziemlich weit hergeholt zu scheinen und begründet sich vor allem durch seinen Hang zu Mythos, Schicksal und unkontrollierten Rauschzuständen als Auslöser für produktive Kreativität. Dies wird gut deutlich, wenn man liest, was er im Folgenden über die Erfahrungen, beziehungsweise für Benn sind es Erinnerungen, eines Schizophrenie-Kranken schreibt:

In den blühenden und schöpferischen Perioden […] erhebt er sich zum zauberhaften Meister mit alten Kräften aus einer anderen biologischen Welt, aus archaischen Tiefenschichten steigt es empor, ein rauschhaft starkes dionysisches Weltgefühl, eine grandiose Phantasiewelt entsteht, er wächst ins Kosmische, wird zum Mythos, er kämpft mit den Dämonen seines Schicksals, in der mystischen Ekstase der indischen Introversion schwillt er bis zum Erschauern letzten Sinnes, er wird zum Gott (Storch).[83]

Da ist er wieder, Benns unglaublicher Drang zum Mythos, der ihn unter anderem in die Hände der Nationalsozialisten trieb und ihn vielleicht hat blind werden lassen, was die von ihm so geschätzte Regierung wirklich tut und plant.

In dem bereits erwähnten Aufsatz „Nach dem Nihilismus“ geht Benn ebenfalls auf diesen Aspekt seines Menschenbildes ein. Er spricht hier allerdings nicht vom Genie, sondern vom Begriff des „Übermenschen“, womit jedoch dasselbe gemeint ist. Auch hier spricht er sich gegen die darwinistische Auffassung aus, dass ein Individuum möglichst gesund sein sollte und bekräftigt dafür seine Vorliebe für die bionegativen Werte, „die die Rasse eher schädigen und sie gefährden, die aber zur Differenzierung des Geistes gehören“[84]. Der Geist, der vonnöten ist, um großartige Kunst erschaffen zu können, steht bei Benn weitaus höher als die Gesundheit eines Menschen. „Wir setzen also heute den Geist nicht in die Gesundheit des Biologischen ein, […] sondern setzen ihn als dem Leben übergeordnet ein, ihm konstruktiv überlegen, als formendes und formales Prinzip […].“[85] Also auch 1932 noch ist Benns Vorstellung vom idealen Menschen sehr unterschiedlich zu dem, was die Nationalsozialisten später als Bild vom idealen deutschen Menschen im Kopf hatten. Während Benn forderte, dass man zugunsten des Geistes seinem Körper schadet, lehnten die Nationalsozialisten eine zu starke Förderung des Geistes strikt ab und legten großen Wert auf die körperliche Fitness und Gesundheit der Menschen. Auch Benns Ablehnung des Darwinismus ist ein starker Kontrast zum Nationalsozialismus, der sich häufig des Sozialdarwinismus bediente, um seine rassenfeindlichen Vorstellungen rechtfertigen zu können.[86]

1933 jedoch spricht Benn dann in anderen Zusammenhängen von der Züchtung des deutschen Volkes. „Durch die Kategorien Rasse und Züchtung, die nun für Jahre zu zentralen Begriffen seiner Arbeiten werden, vollzieht er den Anschluß an die offen faschistische Ideologie mit ihrem Mythos von Blut, Boden, Rasse […].“[87] In seinem Essay „Geist und Seele künftiger Geschlechter“ sieht er die Chance, dass sich im deutschen Volk ein neuer „Hochtyp“[88] bilden könnte, der „dann wohl auch das letzte Erbe und die letzte Größe der weißen Rasse“[89] würde. Bereits hier merkt man sowohl am Inhalt als auch an der Wortwahl eine Annäherung Benns an die nationalsozialistische Auffassung vom Begriff Züchtung. Dies wird in einem der folgenden Abschnitte jedoch noch deutlicher, wenn Benn vorrechnet, dass geistig Behinderte den Staat monatlich enorme Summen kosteten und dass dies eine Beeinträchtigung der gesunden Bürger darstelle.[90] Er fordert zwar nicht ausdrücklich, dass geistig behinderte Menschen keine Kinder kriegen sollten, jedoch ist seine Missbilligung der Fortpflanzung bei ihnen deutlich zu erkennen.

Daß diese Reinigung des Volkskörpers nicht nur aus Gründen der Rasseertüchtigung, sondern auch aus volkswirtschaftlichen Gründen erfolgen muß, wird einem klar, wenn man hört, daß in Deutschland die an sich viel zu geringe Kinderzahl heute nur noch von den Schwachsinnigen erreicht wird, diese aber überschreiten den Durchschnitt sogar um 64 vom Hundert, und ihr meistens auch wieder schwachsinniger Nachwuchs kostet dem Staat enorme Summen […].[91]

Auch wenn Benn an keiner Stelle die Zwangssterilisation oder gar die Tötung von geistig Behinderten fordert, ist es doch unbestreitbar, dass diese Aussagen von ihm stark der Euthanasie zuarbeiten und vom Wortlaut her ganz anders klingen als seine Essays aus dem Jahre 1930 und 1932. Seine Vorstellung der Züchtung des deutschen Volkes ist durch die Nationalsozialisten weitaus konkreter und eben auch radikaler geworden. Allerdings hat sich eine Meinung seinerseits keinesfalls geändert: Es ist immer noch der Geist, den er züchten möchte. „Daß also Rasse züchten auch immer heißt: Geist züchten. Nur der Geist – Geist als Entscheidungsfähigkeit, Maßsinn, Urteilshärte, Prüfungsschärfe […].“[92]

Benn und die Nationalsozialisten wollen also einen wesentlich unterschiedlichen Typen des neuen deutschen Volkes züchten. Ihre Gemeinsamkeit ist allerdings, dass sie zu radikalen Schritten bereit sind, um in Deutschland den neuen biologischen Typ erschaffen zu können. Dieser neue Typ scheint für Benn eine enorme Bedeutung zu haben. So schreibt er auch in „Züchtung“: „Es erscheint mir nun nicht zweifelhaft, daß aus dieser Verwandlung noch einmal ein neuer Mensch in Europa hervorgehen wird, halb aus Mutation und halb aus Züchtung: der deutsche Mensch.“[93]

Es stellt sich sicherlich die Frage, warum Benn nicht erkannte, dass es keinesfalls der Geist ist, der von den Nationalsozialisten gezüchtet werden sollte, sondern eher das genaue Gegenteil: starke, gesunde Menschen, die ihre Intelligenz und ihren Kopf niemals benutzen, sondern blind dem Gehorsam leisten, der über ihnen steht. Vielleicht war er zu berauscht, dass endlich eine Regierung an der Macht war, die vor radikalen Maßnahmen nicht zurückschreckte und somit eine Züchtung eines neuen Typen überhaupt erst möglich wurde. Wollte oder konnte er es nicht sehen? Diese Frage wird wohl nie eindeutig zu klären sein. Jedoch kann man eindeutig festhalten, dass die Züchtung der Nationalsozialisten im Endeffekt nur wenig mit den Vorstellungen Benns gemeinsam haben und hier keine logische Konsequenz aufgrund seiner Weltanschauung zu finden ist. Eher kann man in diesem Punkt von einem Verrat des Schriftstellers sprechen, da er nach der Machtergreifung die zuvor so betonten Aspekte des Bionegativen verleugnet und sich stattdessen stark dem Nationalsozialismus annähert, indem er die „Säuberung“ des deutschen Volkes von nicht vollkommen gesunden Menschen befürwortet.

Benn verteidigt die Maßnahmen der neuen Regierung, die diese „Säuberung“ Deutschlands zum Ziel haben, mit allen Mitteln. So vergleicht er indirekt die nationalsozialistische Regierung mit Mose und auch Esra, da auch diese beiden ihr Volk züchteten, indem sie kranke oder fremde Menschen hinrichten beziehungsweise fortjagen ließen. So ist Benn sich sicher, dass Mose „die Alten, die Ägyptischen, die Fleischtopfmaterialisten, die Rotte Korrah“[94] absichtlich in der Wüste sterben ließ, um nur das beste Erbmaterial für die Gründung seines neuen Volkes zur Verfügung zu haben. Dabei habe es auch bei Mose (wie im Nationalsozialismus) harte Strafen gegeben: „Prügelstrafen, Handabhauen, Steinigung, Erschießen, Feuertod gegen Rassenvermischung.“[95] Außerdem ließ er ein gesamtes Volk auslöschen, da es eine Geschlechtskrankheit eingeschleppt hatte, die nun die Existenz von Mose und seinen Anhängern bedrohte. Aus diesem Grund kam es zu einem Massenmord und auch zu strengen Verboten, sich mit fremden Stämmen zu verbünden, auf welche Art und Weise auch immer.

Benn benutzt diese biblische Geschichte aus dem Alten Testament (4.Mose 25,1-18), um die Züchtung der Nationalsozialisten und die entsprechenden, teilweise sehr brutalen Maßnahmen zu legitimieren. So kommt er aufgrund von Mose zu dem Schluss, „daß Rassenzüchtung uralt ist, heimisch in allen Geschichtskreisen, daß sie keineswegs von vornherein ein Volk moralisch belastet, […] sonders daß sie aus dem tiefen politischen Instinkt stammt: wer lange herrschen will, muß weit züchten“[96]. Jedoch vergleicht Benn hier mal wieder zwei Dinge, die wesentliche Unterschiede aufweisen.

So stellten die Medianiten eine wirkliche Bedrohung für Mose und sein Volk dar. Die eingeschleppte Geschlechtskrankheit war zu dieser Zeit wohl sicherlich noch nicht besonders gut zu behandeln und falls es sich, wie von Benn vermutet, wirklich um Gonorrhöe handelte, konnte diese sehr wohl zum Tod vieler Menschen führen. Eine Verbreitung der Krankheit zu verhindern war also grundlegend für die weitere Existenz des Volkes Moses. Da es damals noch keine Medikamente gab, die eine Genesung der Infizierten gewährleisten konnte, ließ Mose sie alle töten. Dies ist natürlich nicht human, aber in Anbetracht der Zeit und der Umstände sicherlich verständlich. Damit so etwas nicht noch einmal geschieht, ließ er die Gesetze und sehr harten Strafen verkünden, die nun beim Umgang mit Fremden bestanden. Alles, was er tat, war weder gnädig noch barmherzig, aber es diente nur einem Zweck: dem Fortbestehen des Volkes.

Das deutsche Volk dagegen war zu keiner Zeit von einer Ausrottung bedroht. Weder die Juden, noch die Sozialdemokraten oder gar die Behinderten stellten jemals eine Gefahr für das Fortbestehen der deutschen Kultur dar. Sicherlich ist der Nachwuchs von geistig Behinderten vermehrt auch wieder behindert. Allerdings bedrohten sie weder das deutsche Volk noch die Intelligenz oder das Überleben anderer. Auch ohne Zwangssterilisation wird der Teil der Bevölkerung, der geistig behindert ist, immer eine Minderheit darstellen. Ganz davon abgesehen, dass auch vollkommen gesunde Menschen behinderte Kinder bekommen können. Sie kosten den Staat mehr als ein gesunder Mensch, der arbeiten kann und weniger Unterstützung braucht. Dies ist der wahre Grund, warum in diesem Fall die Behinderten eine Zeit lang sterilisiert oder auch getötet wurden: Man wollte das Geld lieber anderweitig verplanen. Die Sozialdemokraten waren sicherlich auch keine lebensgefährdende Bedrohung für das deutsche Volk: Sie waren nur anderer Meinung als die Regierung. Und auch die Juden, die wohl am meisten unter den Züchtungs- und Rassengesetzen der Nationalsozialisten zu leiden hatten, stellten zu keinem Zeitpunkt eine Bedrohung dar. Der Vergleich mit Mose ist fadenscheinig, unlogisch und ein schwacher Versuch, Vorgänge im Dritten Reich zu legitimieren, die jedoch nicht zu rechtfertigen sind. Berücksichtigt man die Tatsache, dass Mose als Begründer des Judentums angesehen wird, erscheint es mehr als respektlos, ihn mit Hitler zu vergleichen.

Doch Benn stand dermaßen hinter der Regierung, dass er alles unternahm, um sie als rechtmäßig darzustellen und dies sogar trotz der eigentlich klar zu erkennenden Tatsache, dass zumindest im Bereich der Züchtung zwei vollkommen unterschiedliche Auffassungen vorhanden waren. Die einzige Gemeinsamkeit, die bestand, war, dass beide Parteien einen neuen Typ Menschen wollten. Vielleicht hat Benn deshalb über die Unterschiede hinweggesehen, da er der Überzeugung war, dass durch die Nationalsozialisten die Chance bestand, dass eben sein neuer Typ entstehen könnte. Die Bedeutung, die dieser Aspekt für Benn hatte, wird in seiner Rundfunkansprache „Antwort an die literarischen Emigranten“ aus dem Jahre 1933 deutlich: „Es handelt sich hier gar nicht um Regierungsformen, sondern um eine neue Vision von der Geburt des Menschen, vielleicht um eine alte, vielleicht um die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse.“[97] Es geht Benn also weniger um die neue Regierung der Nationalsozialisten, als um sein Menschenbild, dessen Verwirklichung er sieht. Auch wenn er nun politisch Stellung bezieht, denkt er immer noch nicht in politischen Dimensionen.

3.2. Benns Definition von Geschichte

Wenn man sich mit Gottfried Benns Hinwendung zum Nationalsozialismus beschäftigt, gibt es einen Text, den man nicht vernachlässigen darf. In der Rundfunkansprache „Der neue Staat und die Intellektuellen“ vom 24.04.1933 bekannte Benn sich öffentlich zur neuen Regierung und trat für ihre Rechtmäßigkeit ein. Um sich gegen die Argumente und Angriffe vieler intellektueller Deutscher zu wehren, begründet Benn die neue Regierung als Notwendigkeit und unveränderliche Tatsache. Dies geschieht mithilfe seiner radikalen Geschichtsdefinition, die auch schon in früheren Texten zu finden ist.

Bereits der dritte Satz dieser Ansprache lautet: „Wo die Geschichte spricht, haben die Personen zu schweigen.“[98] Wie bereits im vorigen Kapitel ausgeführt, legt Benn keinerlei Wert auf das Glück einzelner Personen und erst recht nicht auf das einer gesamten Gesellschaft. Das Glück weicht jeweils höheren Instanzen oder Prinzipien. In diesem Fall ist es die Geschichte, die dem Glück der Menschen übergeordnet ist. Dass in Deutschland eine „klare geschichtliche Lage“[99] vorhanden ist, steht für Benn eindeutig fest. Er begründet dies damit, dass die Vorgänge in Deutschland parallel zu anderen entstehenden und entstandenen autoritären Staaten in Europa und Asien verlaufen. Konkrete Beispiele nennt er dafür allerdings nicht. Nur dass es schon früher jene „simultanen geschichtlichen Bewegung[en]“[100] gegeben hatte, belegt er mit einigen Beispielen wie „das Einsetzen der Feudal- und Turnierzeit gleichzeitig in China, Persien, Rußland und der Languedoc“[101]. Es handelt sich bei den Vorgängen in Deutschland also um ein geschichtliches Geschehen, dass anderen Gesetzen folgt als ein Mensch sie aufstellen würde. Der Leitsatz dieser neuen Bewegung, die durch die Geschichte Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts ausgelöst wurde, lehnt sich gegen die vorher herrschende Meinung des Internationalen auf und löst stattdessen ein neues nationales Gefühl hervor. Benn begrüßt diese Konzentration auf nationale Anliegen, da es sich gegen das stellt, was seiner Meinung nach die beiden Jahrhunderte davor zu keinem zufriedenstellenden Resultat führte.[102]

In Bezug auf Nietzsche, den er in seinem gesamten Werk immer wieder zitiert, führt er ein weiteres Argument an, warum die Vorgänge in Deutschland nicht kritisiert, sondern begrüßt werden sollten. Denn es gebe „seit Nietzsche nur einen Maßstab für das geschichtlich Echte: sein Erscheinen als die neue typologische Variante, als die reale konstitutionelle Novität, also kurz gesagt als der neue Typ, und der, muß man sagen, ist da“[103]. Ähnlich wie beim neuen biologischen Typ, den Benn begeistert züchten wollte, sieht er es auch in der Geschichte als äußerst positiv an, wenn etwas vollkommen Neues entsteht. Dabei betont er, dass dieses Neue „weder gut noch böse“[104] sei. Es handle sich lediglich um etwas Neues, das nicht nur eine Existenzberechtigung besitzt, sondern vielmehr eine geschichtliche Notwendigkeit darstellt. Warum Novitäten für Benn eine solch enorme Bedeutung haben, wird deutlich, wenn man sich das Werk anschaut, das seine Geschichtsdefinition maßgeblich geprägt hat. Dabei handelt es sich um Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“.[105] Dieses über 1000 Seiten umfassende Werk behandelt eine von Spengler entwickelte „Morphologie der Geschichte“. Er definiert seinen Begriff der Kultur, den Unterschied zwischen hohen und niedrigeren Kulturen und vergleicht Beispiele aus der Geschichte bezüglich ihrer Mathematik, Geometrie, Philosophie und noch vielen anderen Aspekten. Er sieht die westeuropäisch-amerikanische Kultur als einzige auf der Welt an, die momentan vollentwickelt ist und prophezeit ihr den Untergang. „Jugend, Aufstieg, Blütezeit, Verfall“[106] sind für ihn die Stationen, die eine Kultur durchläuft und das Abendland befindet sich inmitten der Blütezeit, auf die nur der Verfall folgen kann. „Die Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. Hier ist der Gipfel erreicht […]. Sie [d.i. die zivilisierten Kulturen] sind ein Ende, unwiderruflich aber sie sind mit innerster Notwendigkeit immer wieder erreicht worden.“[107] Da die Zivilisation in Deutschland längst erreicht ist, muss eine Möglichkeit geschaffen werden, dass sie gemeinsam mit ihren Leitsätzen und Prinzipien zerstört werden kann, damit sich etwas vollkommen Neues entwickeln kann. Diese Möglichkeit sieht Benn in und mit der Politik Hitlers, mit allen Maßnahmen und Gesetzen, die mit ihr einhergehen.

Während Benn beim Thema Züchtung radikale und brutale Maßnahmen nicht forderte, sondern nur durch seine Essays indirekt unterstütze, stellt er in „Der neue Staat und die Intellektuellen“ eindeutig fest, dass die Geschichte immer mit Gewalt und vor allen Dingen niemals demokratisch verfährt.

Sie läßt nicht abstimmen, sondern sie schickt den neuen biologischen Typ vor, sie hat keine andere Methode, hier ist er, nun handele und leide, baue die Idee deiner Generation und deiner Art in den Stoff der Zeit, weiche nicht, handele und leide, wie das Gesetz des Lebens es befiehlt.[108]

Hier wird der Bezug zu Benns Überlegungen hinsichtlich des Menschen deutlich. „Nun handele und leide“ bezieht sich eindeutig auf das Schicksal, das einen zwar tragisch scheitern lassen kann, aber dem Menschen somit auch die Chance gibt, in die Geschichte eingehen zu können. Menschenbild und Geschichtsdefinition hängen bei Benn also eng zusammen. Alles wird vom Schicksal geleitet und man muss sich ihm ergeben. Das Schicksal und die Geschichte sind undemokratisch, sie lassen die Menschen leiden. Doch dies stellt für Benn eine Tatsache dar, die nicht zu ändern ist und für Personen, die dies nicht akzeptieren können, hat er nur Spott und Abneigung übrig.

Den Nationalsozialisten wurde vorgeworfen, dass sie barbarisch sind und vieles der deutschen Kultur nicht schützen und erhalten würden. Auch darauf hat Benn eine klare und eindeutige Antwort: „Die inhaltliche Qualität schuf immer die Geschichte.“[109] Dadurch, dass er besonders an der Geschichte schätzt, dass sie vollkommen neue Menschen, Kulturen und Gesellschaften entstehen lässt, ist es für ihn natürlich selbstverständlich, dass alte Qualitäten und Normen unwichtig werden und es keine Bedeutung hat, sie zu schützen. Es ist bekannt, dass Benn die Demokratie strikt ablehnte, so dass es nicht weiter verwunderlich ist, dass er sich für das Vergessen ihrer Prinzipien und Gesetze einsetzt. Die Frage stellt sich, ob er dieselbe Meinung beibehalten hätte, wenn ein autoritärer Staat von der Demokratie abgelöst hätte werden sollen. Denn obwohl Benn sich immer Mühe gab, seine Ansichten in seinen Essays naturwissenschaftlich zu belegen, handelt es sich doch in allen Fällen mit Ausnahme der medizinischen Schriften um rein subjektive Auffassungen. Auch Wellershoff stellt fest, dass Benn „nicht wie ein politisch bewußter und wohl informierter Zeitgenosse, sondern höchst subjektiv, abwehrend und auch abwegig auf die Zeitläufe reagiert hat“[110]. Als in Deutschland noch die von ihm so abgelehnte Demokratie die rechtmäßige Staatsform war, betonte Benn weder an der Politik noch an der Geschichte interessiert zu sein. Im Gegenteil, er bescheinigte sich vollkommene Unfähigkeit, was diese Gebiete betrifft. „Das Weltabgewandte in seiner Haltung hatte sich nur auf eine bestimmte Politik bezogen[…]. Sobald die ihm genehme Politik betrieben wird, verläßt Benn seine Reservestellung und geht in die Hauptkampflinie vor.“[111] Als nun also eine andere, radikalere Regierung an die Spitze Deutschlands tritt, ist Benn einer der ersten, der seine Unterstützung der neuen politischen und geschichtlichen Richtung zusichert, da sie zumindest am Anfang genau das verspricht, was Benn sich erhofft: das Neue.

Damit sich dieser geschichtlich und menschlich neue Typ der Deutschen entfalten kann, ist es für Benn auch selbstverständlich, dass es keine Meinungs- und Pressefreiheit gibt.[112] Auch dies sind wieder nur unwichtige Rechte des einzelnen Menschen, die der Geschichte untergeordnet sind. Er sieht den Staat sogar „aus Rechtsbewußtsein verpflichtet, diese Freiheit aufs Speziellste zu überwachen“[113]. Wirkliche Gründe nennt er für diese Verpflichtung nicht. Jedoch neigt Benn in der Regel dazu, seine Texte mehr mit Rhetorik und Wortkreationen zu schmücken als mit überzeugenden Argumenten an den richtigen Stellen.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte Benn wohl noch nicht, dass er einige Zeit später selbst die Konsequenzen dieser Bewachung und Zensur zu spüren bekommen würde. Doch noch war er selbst nicht betroffen und es waren nur andere, die zugunsten der geschichtlichen Erneuerung des deutschen Volkes leiden mussten. Dass Qualen einer Bevölkerungsschicht für Benn zum natürlichen Verfahren der Geschichte gehören, wird zum Ende in „Der neue Staat und die Intellektuellen“ deutlich. So stellt er die Sklavenstaaten als die einzigen Gesellschaften dar, die kulturelle Erneuerungen und Errungenschaften aufzuweisen haben: „Alles, was das Abendland berühmt gemacht hat, seine Entwicklung bestimmte, bis heute in ihm wirkt, entstand, um es einmal ganz klar auszudrücken, in Sklavenstaaten.“[114] Natürlich ist auch dies wieder kein wirkliches Argument. Es gab sehr wohl bedeutende Erfindungen und Errungenschaften der westlichen Welt, die nicht in Sklavenstaaten entstanden sind.Ein Beispiel wäre die Dampfmaschine. Wahrscheinlich würde diese Erfindung Gottfried Benn als Argument nicht überzeugen, da sie sowohl materialistisch als auch kapitalistisch anzusehen ist. Dennoch handelt es sich auch bei der Dampfmaschine um eine bedeutende Errungenschaft des Abendlandes, die sowohl seine Popularität als auch seine Entwicklung außerordentlich beeinflusste. Die Entwicklung der Dampfmaschine umfasste mehrere Jahrhunderte und kann an dieser Stelle ebenso wie ihre Grundkonstruktion und ihr Wirkprinzip nicht ausführlich dargelegt werden.[115] James Watt konstruierte 1768 eine neue, leistungsstärkere Dampfmaschine, mit der er die Nachteile der alten Modelle korrigierte. In den Jahren darauf verbesserte und erweiterte er sein Modell.[116] Durch diese Erfindung wurde die Industrielle Revolution überhaupt erst möglich. Die Antriebskraft der Dampfmaschine ersetzte die begrenzte Muskelkraft der Menschen. Durch die Dampflokomotive, die auch auf Watts Erfindung beruht, konnten Handel und Verkehr ausgebaut werden. Auch in der Gesellschaft kam es zu großen Veränderungen, da viele Handwerker sich beruflich neu orientieren mussten und eine Vielzahl an neuen Großstädten entstanden.[117] Erst durch die Dampfmaschine wurde eine kapitalistische Gesellschaft, wie wir sie heute in der gesamten westlichen Welt vorfinden, möglich. Man kann also mit Recht behaupten, dass diese Erfindung Watts‘ das Abendland nicht nur geprägt hat, sondern seine Entwicklung maßgeblich mitbestimmt hat.

Außerdem ist es sehr kritisch aufzufassen, wenn Benn beispielsweise das antike Griechenland mit einer kapitalistischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts vergleicht. Auch Kaiser weist explizit daraufhin.[118] Durch die Sklavenhaltung war es in der Antike möglich sowohl die Produktion der Landwirtschaft zu steigern, als auch aufwendige architektonische Werke in relativ kurzer Zeit fertig zu stellen. In der Moderne wird schwere Arbeit oft von Maschinen anstatt von Menschen verrichtet und der Ausbau von Handelsstrecken machte es unnötig, die meisten Lebensmittel in unmittelbarer Nähe zu produzieren. Kaiser beschreibt das Bemühen Benns wie folgt: „Bienenfleißig trägt er alles zusammen, was die abstrakte Parallele Antike-Faschismus zu stützen scheint.“[119] Benn ist sich des positiven Bildes der Antike seiner Zeit bewusst und nutzt es, um den Nationalsozialismus zu verteidigen. Er selbst betreibt eine künstlerische Form der Propaganda für den Nationalsozialismus. Dabei achtet auch der Schriftsteller wenig auf Logik, Faktenwissen oder eine schlüssige und überzeugende Argumentation, als vielmehr auf Rhetorik, bekannte positive Bilder und darauf, Schuldige zu präsentieren, die bei ihm allerdings nicht die Juden darstellen, sondern die Demokratie mit allem, was mit ihr in Verbindung steht.Festzuhalten bleibt, dassBenn vom autoritären Staat überzeugt ist, der für ihn die einzige Form darstellt, in der eine wirkliche Geschichtsschreibung möglich ist.

Die Rundfunkansprache, in der Benn sich zum Nationalsozialismus bekennt, wurde einen Tag, nachdem er sie im Radio gehalten hatte, in der „Berliner Börsenzeitung“ abgedruckt. Durch Zeitungen und in Deutschland verbliebenden Freunden und Bekannten war es auch den Emigranten möglich, von Benns Arbeit für die neue Regierung zu erfahren. Klaus Mann, der wie der Großteil seiner Familie Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlassen hatte, schreibt Benn einen Brief, in dem er einerseits seine Bewunderung für ihn ausspricht, aber zum anderen auch fordert, dass er Stellung bezieht. Dabei warnt er ihn, dass Benn im Dritten Reich keine guten Zukunftsaussichten hätte. Auf Details des Briefes wird im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingegangen. Vielmehr interessiert die Antwort Benns, in der er ebenfalls die Geschichte als Legitimierung sämtlicher Vorgänge im nationalsozialistischen Deutschland anführt. Diesen Text verlas er wieder öffentlich im Radio, nannte Mann als Verfasser des vorangegangenen Briefes aber nicht beim Namen. Er ignoriert jegliche Warnungen Manns und greift ihn stattdessen an. Wellershoff ist der Meinung, dass Benn selbst dann nicht anders hätte reagieren können, wenn er Klaus Mann geglaubt hätte.[120] Benn war ein überaus stolzer Mann, der nach Jahren in der Außenseiterposition seine zuvor geäußerte Weltanschauung nicht einfach wieder aufgeben konnte, zumal er zu diesem Zeitpunkt mehr Anerkennung bekam als jemals zuvor. Auch Steinhagen ist der festen Überzeugung, dass Benn gar nicht in der Lage war, seinen Irrtum zu erkennen, „weil er in seiner individuellen Monomanie so sehr auf sich selbst fixiert ist, daß ihm die Realität nur die eigene ästhetische Theorie zu bestätigen scheint“[121].

Benn schreibt relativ zu Beginn seiner Antwort:

Sie stellen es so dar, als ob das, was sich heute in Deutschland abspielt, die Kultur bedrohe, die Zivilisation bedrohe, als ob eine Horde Wilder die Ideale schlechthin der Menschheit bedrohe, aber und so lautet meine Gegenfrage, wie stellen Sie sich denn nun eigentlich vor, daß die Geschichte sich bewegt?[122]

Benn negiert also keinesfalls die Auffassung, dass es sich bei den Nationalsozialisten um Barbaren handle. Er hat nur keinerlei Probleme damit, sondern begrüßt es im Gegenteil sogar, da diese Brutalität und Gewalt, die keinerlei Rücksicht auf die bestehende Kultur nimmt, für ihn ein Grundgesetz der Geschichte darstellt. Er ist von dieser Ansicht felsenfest überzeugt und reagiert auf Kritik äußerst ungehalten. So lautet der Abschnitt weiter: „Meinen Sie, sie[d.i. die Geschichte] sei in französischen Badeorten besonders tätig?“[123] Diese Frage ist nicht nur ironisch, sondern auch sehr verletzend und respektlos den Emigranten gegenüber. Er stellt es so dar, als würden diese sich im Urlaub vergnügen, während die übrigen Deutschen mit ihrem Volk leidend die Geschichte erlebten. Die Emigranten stattdessen „haben es versäumt, die Geschichte, form- und bilderbeladen bei ihrer vielleicht tragischen, aber jedenfalls schicksalbestimmten Arbeit zu sehen“[124]. Geschichte, Tragik und Schicksal, sämtliche wichtige Schlagworte Benns sind auch in diesem Text vereint. Dass jemand diese Auffassung nicht teilt, stößt bei Benn einerseits auf Unverständnis, andererseits aber auch auf klare Ablehnung. Er stellt den Emigranten ironische rhetorische Fragen, um sie davon zu überzeugen, dass die Geschichte „das elementare, das stoßartige, das unausweichliche Phänomen“[125] ist, woran Benn selbst fest glaubt, aber er benutzt die Fragen auch, um ihre Auffassungen als lächerlich und vor allem als falsch darzustellen.

Parallel zum Menschenbild kann man auch bezüglich seiner Geschichtsauffassung feststellen, dass Benn nicht politisch denkt. So ist er der festen Überzeugung, „daß es sich bei den Vorgängen in Deutschland gar nicht um politische Kniffe handelt, […] sondern es handelt sich um das Hervortreten eines neuen biologischen Typs, die Geschichte mutiert und ein Volk will sich züchten“[126]. Auch hier zeigt sich wieder die enge Beziehung zwischen Benns Menschenbild und seiner Geschichtsdefinition. Der im vorigen Kapitel besprochene neue biologische Typ des Deutschen tritt aufgrund der Geschichte beziehungsweise ihrer Gesetze auf und beginnt sich zu züchten.Ein weiterer Zusammenhang wird deutlich, wenn man sich Benns Aussagen über Hitler anschaut: „Die großen Männer – alles ist da: die Gefahren des Anfangs, ihr Auftreten fast immer nur in schrecklichen Zeiten, die ungeheure Ausdauer, die abnorme Leichtigkeit in allem, namentlich auch den organischen Funktionen […].“[127] Benn glaubt also in Hitler einen jener großen Männer zu sehen, deren Schicksal es ist, ein Volk zu führen. Ob das Resultat nun positiv ist oder in einer Niederlage endet, spielt bei Benn wie gewohnt keine Rolle, wobei ein tragisches Ende für ihn ja bekanntlich ruhmreicher ist. In Hitler sah Benn eine Persönlichkeit, diedie von ihm gewünschte Veränderungen möglich machen kann. Die Geschichte ist dabei „der Raum für chiliastische Hoffnungen auf elementare umwälzende Ereignisse und das Auftreten des großen Führers, des Erweckers, des Erlösers“[128].

Es geht um das Schicksal der Deutschen, das sich nun durch die Nationalsozialisten realisieren kann. Dadurch entsteht auch seine Abneigung den Emigranten gegenüber. Er fordert, dass die Menschen ihr Schicksal annehmen, was nur dann möglich ist, wenn man in Deutschland bleibt und Teil der Geschichte wird. In früheren Zeiten war dies viel üblicher. Es gab unzählige Kriege von Menschengedenken an. An der Spitze standen einige wenige, die den Herrschern folgten, oft in den Tod. Und ebenso sieht es Benn nun geschehen:

Diesem Führer übergab sich nun […] die Masse: in einem zehnjährigen, öffentlich geführten, vor aller Augen sich abspielenden Kampf haben sie gemeinsam das Reich erobert, keine Macht konnte sie hindern, keine Widerstände zurückhalten […], auch hierin zeigt sich das Elementare, Unausweichliche, immer weiter um sich greifende Massive der geschichtlichen Verwandlung.[129]

Dadurch, dass die Nationalsozialisten nach der Ansicht Benns so viele Strapazen durchleben mussten und trotzdem nicht aufgehalten werden konnten, ist er davon überzeugt, dass es das Schicksal der Deutschen ist, von eben jener Gruppe geführt zu werden, um ein neues bedeutendes Kapitel in der Geschichte zu schreiben. „Hitlers Machtergreifung war für Benn die Erfüllung seiner Träume.“[130] Benns Hang zur Antike lässt ihn glauben, dass mit dem Nationalsozialismus eben jene alte Form von Geschichtlichkeit wieder möglich wird. Und er sollte damit auch recht behalten: Der Großteil der Deutschen folgte Hitler und seinen Plänen, wobei viele den Tod fanden.

Nach Benn jedoch gehört dies ja zur Geschichte. Das Neue, was durch geschichtliche Vorgänge entsteht, muss sich sein Fortbestehen erst erkämpfen und dies mit alles Mitteln. Es müssen sowohl Opfer auf der eigenen Seite in Kauf genommen werden, als auch Gegner, die den neuen Typ bedrohen, beseitigt werden. Nur durch solche radikale Maßnahmen kann wirkliche Geschichte entstehen mit großen Taten und großen Persönlichkeiten. Zu dieser Zeit war Benn noch nicht von den Nationalsozialisten angefeindet worden und hoffte, dass auch er eine solche große Persönlichkeit werden könnte. Vor seiner Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste war er nur ein normaler Arzt, der sicherlich nicht in die Geschichte eingegangen wäre. 1933 dann ist er erst kurz in der Akademie und nicht bereit, seine Stellung so schnell wieder aufzugeben. Ganz im Gegenteil, er hat die Hoffnung, dass er mithilfe der Nationalsozialisten in der literarischen Welt noch weit bedeutender werden kann. Er sieht in ihnen eine Erfüllung seiner Weltanschauung und deshalb auch gute Möglichkeiten selbst als Staatsdichter in die Geschichte einzugehen.

Nun handelt es sich bei den bis jetzt behandelten Texten bezüglich der Geschichtsauffassung Benns nur um solche, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verfasst worden sind. Es stellt sich die Frage, ob Benn seine Meinung geändert hat, um von der Regierung positiver aufgenommen zu werden. Deshalb ist es notwendig, sich auch die früheren Texte Benns anzusehen. Im Gegensatz zum Menschenbild Benns gibt es bei der Geschichtsdefinition weniger längere Textpassagen, als vielmehr oft, in verschiedenen Texten, wiederholte Stellen, an denen deutlich wird, wie Benn vor 1933 über die Geschichte und deren Gesetze dachte.

Ein Aspekt der Geschichtsdefinition Benns, den er ab 1933 überhaupt nicht mehr erwähnt, ist die Sinnlosigkeit ihrer Geschehnisse. So definiert er diese wie folgt: „Typischer historischer Prozeß: unmotiviert und sinnlos.“[131] Diese Sinnlosigkeit steht aber keinesfalls im Gegensatz zu der Schicksalshaftigkeit der Geschichte. Ihre Vorgänge haben zwar keinen Sinn, jedoch ist es trotzdem der Lauf des Schicksals, der sich in ihr vollzieht. In historischen Schriften kann man viel über Krieg, Mord und andere Verbrechen lesen, die in einigen Fällen nicht einmal zu einem Ergebnis führten. Doch dies ist das Prinzip der Geschichte. Benn glaubt an ein „Geschichtsgefühl[], welches der liberalen Gedankenwelt ferner und ferner gerückt war“[132]. Es handelt sich bei dieser Überzeugung um das Gegenteil einer humanen und rationalen Geschichtsauffassung. Benn stellt sich also deutlich gegen das Bestreben seiner Zeit alles wissenschaftlich und vernünftig erklären zu können, indem er „die Geschichte als ein chaotisches Geschehen erscheinen [d.i. lässt], das jeder rationalen Durchdringung entzogen ist“[133].

Im Zusammenhang mit der Debatte mit den linken Schriftstellern, stellt Benn nicht nur, wie bereits ausgeführt, dar, dass Dichter nicht die Qualifikation hätten, sich in politische Dinge einzumischen, sondern er begründet diese Untätigkeit auch mit dem Wesen der Geschichte. So schreibt er 1929 in „Über die Rolle des Schriftstellers in dieser Zeit“: „Soziale Bewegungen gab es doch von je her. Die Armen wollten immer hoch und die Reichen nicht herunter […], aber nach drei Jahrtausenden darf man sich wohl dem Gedanken nähern, dies sei Alles weder gut noch böse, sondern rein fänomenal[!].“[134] Für Benn ist also nicht nur die Geschichte an sich sinnlos, sondern auch die einzelnen Geschehnisse sind es. Der Kampf der Arbeiter und der armen Leute ist für ihn ein in der Geschichte stetig wiederkehrendes Phänomen, das sich allerdings nicht lohnt, da es wohl in späterer Zeit eh wieder noch einmal auftreten wird. „Er entwertete alles politische Handeln, indem er es im Bilde der ewigen Wiederkehr des Gleichen, der öden Reproduktion der gleichen Machtverhältnisse erscheinen ließ.“[135] Dadurch, dass Benn politische Aktionen als unsinnig darstellt, greift der zuvor so unpolitische Denker nun doch in die Politik ein. Bemerkenswert ist sein Schlusssatz, dass die Geschichte weder gut noch böse sei. Dies finden wir auch nach der Machtergreifung in seinen Texten. Sämtliche Brutalitäten, die einer Menschengruppe aus welchen Gründen auch immer angetan wird, rechtfertigt er mit dem Wesen der Geschichte. Ihr leitendes Grundprinzip stellt auch schon 1929 die Gewalt für Benn dar und jegliche Kritik an jenen, die sie ausüben, lehnt er ab. Politisch engagierte Schriftsteller, wie jene, die ihn anfeindeten, sieht er nicht in der Lage „irgendeinen Gedanken historischen oder erkenntnismäßigen Karakters zu Ende denken zu können“[136]. Historisch zu denken ist für Benn also weitaus wichtiger als politisch aktiv zu sein, da die Geschichte solch weltlichen Dingen wie Politik und Gesellschaft übergeordnet ist. Die Zukunftsvisionen einer besseren Welt, für die viele Schriftsteller zu dieser Zeit kämpften, sind für Benn nur „kindische[] Utopien“[137]. Dass ein Kampf der Arbeiter auch gar nicht gerechtfertigt sei, begründet Benn damit, dass ein Arbeiter in England Anfang des 20. Jahrhunderts „komfortabler und mondäner lebt als in früheren Jahrhunderten die Großgrundbesitzer und die Herren der Schlösser“[138]. Er übernimmt diese These von einem ungenannten, englischen Nationalökonomen und seine Argumentation ist mal wieder nicht ganz schlüssig. Er bezieht sich hierbei lediglich auf die Wohnsituation, die sich im Laufe der Zeit natürlich auch für die Armen in der westlichen Welt immer weiter verbessern. Jedoch ändert eine Wohnung mit Licht und Heizung nichts daran, wenn der Arbeiter enormen körperlichen Belastungen ausgesetzt ist, den Großteil des Tages bei der Arbeit verbringt und dafür auch noch schlecht bezahlt wird. Benn versucht hier ein weiteres Mal die Argumente der Gegenseite zu entkräften, wobei er jedoch nicht sämtliche Aspekte berücksichtigt und nur den Anschein erweckt, wissenschaftliche Ergebnisse vorzutragen, indem er seine Quelle nicht nennt.

Dadurch, dass sämtliche historischen Ereignisse sowohl phänomenal als auch ein immerwährender Zyklus sind, sieht Benn einen einzelnen Menschen außerstande, Einfluss auf sie zu nehmen.[139] Aufgrund dieser Auffassung sieht Benn sich nicht verpflichtet, sich für andere einzusetzen, da er eh nichts ändern könnte und alles nach übergeordneten Gesetzen der Geschichte verläuft, die ein Mensch weder ändern noch umgehen kann. Ein Kampf der Unterdrückten lohne also überhaupt nicht, da es keinen Sinn hat und auch keinen anhaltenden Erfolg garantiert. Überhaupt sieht Benn in der Geschichte „keine Aufwärtsbewegung“[140], was man im Zusammenhang mit den Nationalsozialisten sehen kann. Benn hat selbst niemals bestritten, dass die neue Regierung sich nicht zivilisiert verhält, sondern vielmehr „Barbaren“ oder „Wilden“ ähnelten. Sie stellt somit ein historisches Motiv dar, das in der Vergangenheit schon oftmals hervortrat und selten Erfolge erzielte, aber doch fast immer große Taten beging, die bis zu Jahrtausenden überliefert wurden. Diese großen Taten sind es, die Benn faszinieren und sicherlich ist es zwar politisch inkorrekt, wenn man sagt, dass auch Hitler und die Nationalsozialisten große Taten begingen. Wenn man das Adjektiv „groß“ jedoch nicht wertend gebraucht, sondern einfach nur in dem Sinne, dass es sich um Taten handelt, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit in die Geschichte eingingen, so war Benn richtig in der Annahme, dass mit den Nationalsozialisten wieder „große Taten“ der Deutschen möglich waren. Und da Benn niemals ethisch oder moralisch dachte, waren selbst die schlimmen Verbrechen im Dritten Reich für ihn nur ein phänomenales, geschichtliches Ereignis. Die Gewalt, die mit der Geschichte einhergeht, ist bereits vor 1933 ein Thema für Benn und stellt für ihn eine reine Tatsache dar. Sie ist ein Grundprinzip des historischen Werdegangs und nicht moralisch bewertbar.

Es wurde schon mehrmals erwähnt, dass Benn kein allzu großer Freund der Demokratie war. Aus diesem Grund hält er es auch für absolut abwegig, dass die Geschichte demokratisch verfahren könnte. In „Friede auf Erden“, einer Antwort auf eine Rundfrage im Jahre 1932, fasst Benn seine Auffassung von Geschichte ziemlich treffend in ihren Grundzügen zusammen:

Nein, auch nicht unter dem Weihnachtsbaum kann ich mir einreden, daß sich die Geschichte demokratisch gibt, daß sie ein anderes Sein hat als ihre Wirklichkeit, andere Methoden als die der Macht und der Gewalt, anderes Gericht über die Völker als Entfaltung oder Untergang.[141]

Der ironische Teil mit dem Weihnachtsbaum zeigt deutlich Benns Ablehnung und Minderschätzung der Demokratie. Was meint Benn aber damit, dass die Geschichte nicht demokratisch verläuft? Es ist sicherlich eindeutig, dass es kein gewähltes Gremium gibt, das über historische Vorgänge und Ereignisse abstimmt, ob sie stattfinden sollten oder nicht. In einer Demokratie sollten das Glück und das Wohlergehen der Gemeinschaft an oberster Stelle stehen. Dass Benn dies strikt ablehnt, wirkt sich auch auf seine Geschichtsdefinition aus. Historische Ereignisse haben keinen Sinn, also auch nicht das Ziel, das Leben einer einzelnen Gruppe oder eines ganzen Volkes zu verbessern. Sollte es dennoch dazu kommen, ist dies das Schicksal oder auch einfach nur Zufall. Auf keinen Fall aber ist dies die grundlegende Funktion der Geschichte. Ihre Wendepunkte treten auf, ohne dass ein Mensch die wahren Ursachen bestimmten könnte[142] und die vermeintlichen Erfolge, die Verbesserungen für die Menschen, sind nicht von Dauer. Denn irgendwann wird das Schicksal in Form der Geschichte wieder sichtbar und fördert wieder Veränderungen zu Tage.

Benn glaubte „wirklich an die geschichtliche Wende und anthropologische Verwandlung, die sich 1933 vor seinen Augen zu vollziehen schien“[143]. Doch kann dies wirklich als Rechtfertigung gelten, dass er blind eine Regierung unterstützte, die Juden und politische Feinde einfach so töten ließ? Nur weil es Ähnlichkeiten zwischen Benns Denken und den Plänen oder der Weltanschauung der Nationalsozialisten gab, hätte er doch nur etwas genauer hinschauen müssen, um zu erkennen, wen er da eigentlich so enthusiastisch unterstützte. Auch Wellershoff nennt Benns Entscheidung zumindest an einer Stelle „moralisches Versagen“[144]. Allerdings betont er auch, dass es kein Opportunismus oder reine Charakterschwäche war, die Benns Bekenntnis zum Nationalsozialismus begründet. Ohne wesentliche Aspekte der Weltanschauung Benns, deren Möglichkeit zur Erfüllung er in der neuen Regierung sah, hätte er sie wohl nie in dem Maße unterstützt. Es scheint sich bei Benns Hinwendung zum Nationalsozialismus also um ein Zusammenspiel von der Konsequenz aus seinem Denken und einem moralischen Versagen zu handeln. Denn obwohl es Übereinstimmungen gab, hätte Benn sich mehr über die Nationalsozialisten informieren müssen, bevor er dann doch politisch aktiv wurde und die neue Regierung so energisch unterstützte. Politische Aktivität geht in jedem Fall auch mit Verantwortung einher.

4. Benns Einstellung nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden viele der Nazi-Verbrechen aufgedeckt. Was vorher von einem Großteil der Bevölkerung nur geahnt wurde, wird nun grausame Gewissheit. Übernimmt Benn aufgrund dieser Enthüllungen Verantwortung für seine Mitarbeit und revidiert seine einstigen Aussagen?

1950 erscheint sein autobiografisches Werk „Doppelleben“[145], das zum einen den bereits 1934 erschienenen „Lebensweg eines Intellektualisten“ und zum anderen einen nach dem Zweiten Weltkrieg verfassten Teil, den Benn eigentlich gar nicht schreiben wollte[146], umfasst. In diesem zweiten Abschnitt äußert er sich auch zu seinem Verhalten in den Anfangsjahren nach der Machtergreifung Hitlers. Wer allerdings eine reumütige Entschuldigung erwartet hatte, wurde enttäuscht. Benn räumt zwar ein, dass er die Zukunft nicht richtig eingeschätzt hatte, aber eine Schuld seinerseits ist ihm nicht bewusst.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ist Benns Meinung über die Emigranten nicht besonders positiv. Er ist der Ansicht, dass die Menschen, die Deutschland verließen, dies nur aus dem Grund taten, weil sie gegen die neue Regierung demonstrieren wollten. Emigration stellt also eine Art Protest gegen eine nicht genehme Regierung dar. Als Gegenteil dazu führt Benn die Russen an, die vor den Bolschewiki flohen. Dies sei eine Flucht gewesen, um zu überleben, nicht um nur zu demonstrieren. Es ist erstaunlich, dass Benn zu dieser Äußerung nach 1945 überhaupt fähig ist, da doch jedem bekannt war, dass die Nationalsozialisten politische Feinde und kritische Deutsche sehr wohl einfach in Arbeitslager oder ins Gefängnis gebracht haben, wenn sie sie nicht direkt töteten. Man muss Benn wohl zugutehalten, dass die Abneigung ehemaligen Emigranten gegenüber in Deutschland auch nach Bekanntwerden der Nazi-Verbrechen weit verbreitet war. Ein bekanntes Beispiel waren die Hetzkampagnen und Verleumdungen rund um Willy Brandt, ehemaliger Bundeskanzler und sozialdemokratischer Politiker. Bereits ein paar Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges kam es immer wieder zu Anfeindungen ihm gegenüber, weil er 1933 nach Norwegen emigrierte. Zu diesem Zeitpunkt war Brandt Mitglied der SAP und bekam den Auftrag in Oslo einen Auslandsstützpunkt aufzubauen.[147] Diese Anschuldigungen hielten sich mehrere Jahrzehnte, fanden ihren Höhepunkt allerdings Anfang der 60er Jahre, als Brandt Kanzlerkandidat der SPD war. Er wurde sowohl von politischen Gegnern als auch in der Presse als „Vaterlandsverräter“ verunglimpft, um seine Chancen Bundeskanzler zu werden dadurch zu schmälern.[148] Dies ging sogar so weit, dass einige rechtsradikale politische Gegner ihn des Mordes an einem SA-Mann beschuldigten, den er kurz vor seiner Flucht begangen haben soll. Es ist mittlerweile aber bewiesen, dass dies nicht der Fall war.[149] Es ist erstaunlich, dass selbst über 15 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Emigration und der Widerstand gegen die Nationalsozialisten noch als Argument benutzt wurden, um einen Politiker als Verräter des Heimatlandes darzustellen. Statt denjenigen Respekt entgegen zu bringen, die es sich getraut hatten, gegen das nationalsozialistische Deutschland zu agieren, wurden sie dafür angefeindet, während es immer noch ehemalige NSDAP-Mitglieder gab, die nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Doch auch wenn Gottfried Benn diese Einstellung mit einigen Deutschen teilte, ist sie doch nicht zu entschuldigen, wenn man berücksichtigt, welche Grausamkeiten im Dritten Reich geschahen.

In „Doppelleben“ weist Benn jegliche politische Aktivitäten von sich. Sicherlich war er niemals Mitglied der NSDAP oder informierte sich jemals eingehend über die nationalsozialistische Regierung. Jedoch kann man seine enthusiastische Unterstützung, die er der neuen Regierung ab 1933 zuteilwerden ließ, sehr wohl als politische Aktivität auffassen. Indem er öffentlich in Zeitschriften, Rundfunkansprachen und Veröffentlichungen den neuen Staat dermaßen verteidigte und nicht nur als positiv, sondern sogar als notwendig darstellte, bekannte er sich zu einer politischen Partei und agierte somit innerhalb der Politik. Doch Benn stellt seine Mitarbeit gänzlich anders dar. „Es war eine legale Regierung am Ruder, ihrer Aufforderung zur Mitarbeit sich entgegenzustellen lag zunächst keine Veranlassung vor.“[150] Wenn man diese Zeilen liest, könnte man auf den Gedanken kommen, dass Benn sich wirklich nicht besonders viel für die neue Regierung interessierte und sich nur an die neu entstandenen Gesetze und Vorschriften hielt. Dem war aber nicht so. Er war nicht nur ein folgsamer Bürger, sondern arbeitete mit seinen Züchtungs-Gedanken stark der Euthanasie zu. Er schrieb zahlreiche Essays, in denen die Nationalsozialisten als die großen Retter des deutschen Volkes dargestellt wurden. Benn hat sich mehr für Hitler und seine Regierung eingesetzt als die meisten anderen Deutschen und dies tat er in der Art und Weise, die er am besten beherrschte. „1933 hat kein anderer deutscher Intellektueller den NS-Jargon in so gewählter Sprache und so vornehmen Definitionen formuliert.“[151] Es ist nicht weiter verwunderlich, dass der Demokratiefeind Benn zu Zeiten der Weimarer Republik niemals ein so braver und unterstützender Bürger war wie nach der Machtergreifung. Sein Versuch jedoch, seine Rolle im Nationalsozialismus zu der eines einfachen Mannes aus dem Volk herunterzuspielen, scheitert somit an seinen eigenen Texten, die er in den ersten Jahren der Regierung Hitlers schrieb.

Der Antisemitismus der NSDAP war Benn bekannt, jedoch nahm er ihn nicht ernst. Dies begründet er damit, dass in Parteiprogrammen oft Punkte stehen, die dann später nicht eingehalten werden. Er setzt den unbegründeten Hass auf eine ethnische Gruppe mit versprochenen Steuern gleich. Wenn das Versprechen einer Partei, die Steuern zu senken nicht eingehalten wird, liegt es meist daran, dass es für den jeweiligen Staat finanziell nicht möglich ist, auf die Steuereinnahmen zu verzichten. Der Antisemitismus aber ist eine Grundeinstellung, die nicht wegen staatlichen Belangen aufgegeben werden muss. Auch dieses Argument Benns wirkt wieder sehr fadenscheinig und wenig überzeugend. In „Doppelleben“ ist Benn sehr bemüht, darzustellen, dass er selbst niemals antisemitische Gedanken oder Meinungen hatte. Er respektiert angeblich den jüdischen Teil der Bevölkerung, da er für ihn einen wesentlichen Beitrag an den Erfolgen und Errungenschaften Deutschlands leistete. Trotzdem setzt er Ende April 1934 viel daran, nachzuweisen, dass er reiner Arier ist und keine jüdischen Vorfahren hat. Sicherlich war dies für jeden im Dritten Reich von Bedeutung, um vor Beeinträchtigungen, Verhaftungen und dem Tod in Sicherheit zu sein. Allerdings war Benn doch sehr engagiert, seine bereits bestätigte arische Herkunft absolut resistent gegen Kritiker und Gegner zu machen. So bat er seinen Brieffreund Oelze, der öfters nach England reiste, dass er Nachforschungen anstelle, ob die dort lebenden Benns jüdischer oder arischer Herkunft sind.[152] Zu dieser Zeit gab es keinerlei Hinweise darauf, dass Benn ein Jude war, nur Anfeindungen einiger Gegner. Trotzdem war es für Benn äußerst wichtig zu beweisen, dass es in seiner gesamten Familie niemals Juden gegeben hatte. Dies ging über die einfache vitale Reaktion der meisten Bürger hinaus. Hier erscheint Benn doch stark opportunistisch, da von ihm keine judenfeindlichen Äußerungen bekannt sind und seine Beziehung zu Else Lasker-Schüler und seine Freundschaft zu Thea Sternheim (vgl. Kap. 2.1.) belegen, dass er kein Antisemit war, da beide Frauen jüdisch waren. Dass seine arische Herkunft plötzlich eine solche Bedeutung für ihn hat, kann somit nur mit Opportunismus erklärt werden.

Auch auf den bereits behandelten Text „Antwort an die literarischen Emigranten“ und den vorangegangenen Brief Klaus Manns geht Benn in seinem autobiografischen Werk ein. Zunächst hat es den Anschein, als würde Benn sich nun zumindest für einen Teil seines Verhaltens nach der Machtergreifung entschuldigen, indem er zugibt, dass Klaus Mann die Zukunft wesentlich genauer vorausgesehen hatte, weil er die damalige Situation besser erkannt und eingeschätzt hatte als Benn. Diesem Zugeständnis folgt aber sogleich, dass seine damalige Antwort „Probleme, Fragen, innere Schwierigkeiten [d.i. enthielt], die auch heute noch für uns alle akut sind“[153]. Dabei handelt es sich um seine immer noch radikale Auffassung vom Wesen der Geschichte. Er will seine „Antwort an die literarischen Emigranten“ aus dem Jahre 1933 nicht als ein „Plädoyer für den N.S.“[154], sondern für „das Recht eines Volkes, sich eine neue Lebensform zu geben“[155] verstanden wissen. Seine Definition von Geschichte und ihren Grundprinzipien hat sich auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht geändert. Er ist immer noch der Überzeugung, dass sich ein Volk verändert und vor allem erneuert und dass dies in einem undemokratischen Prozess vonstatten geht, der einigen missfällt, aber eine notwendige und vor allem natürliche Begebenheit darstellt. Auch Deußen ist der Meinung, dass Benn seine Auffassung bezüglich der Geschichte nach 1945 nicht geändert hat.[156] Einige Zeilen später drückt sich Benn auch im Jahre 1950 bezüglich dieser Thematik unmissverständlich aus: „Welches ist die Methode, die zu Resultaten führte? Wir müssen es kurz und modern ausdrücken: sie verfährt nicht demokratisch, sie verfährt mit Gewalt.“[157] Trotz den grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten, die nach 1945 publik wurden, hält Benn an der Gewalt als historisches Grundprinzip fest. Seine Argumentation geht in „Doppelleben“ jedoch über die Notwendigkeit und Natürlichkeit der Gewalt hinaus, indem er die These aufstellt, dass die Gewalt als Kontrapunkt des Geistes nötig ist, damit er sich richtig entfalten kann.[158] Für Benn ist die Gewalt nun allgegenwärtig, denn „auch Geburt ist Gewalt, auch Eiszeit ist Gewalt. Jeder Verkehrspolizist ist Gewalt. Jede Ordnung ist Gewalt“[159]. Sie stellt also nicht mehr länger nur ein grundlegendes Prinzip der Geschichte dar, sondern auch des gesamten Lebens.

Durch das Argument, dass die Gewalt als Gegenpol des Geistes fungiert, erscheint sie nun nicht mehr so sinnlos wie zuvor, sondern sogar wichtig, damit der Geist sich entwickeln kann. Es hat den Anschein, dass Benn sich nun doch genötigt sieht, seine Weltanschauung mit etwas überzeugenderen Argumenten zu verteidigen. Er sieht sich zu Unrecht kritisiert und scheint nun auf einmal das Bedürfnis zu empfinden, seine Auffassung zu rechtfertigen, indem er ein weiteres, zumindest ein wenig überzeugenderes Argument hinzufügt. Er reagiert aber noch auf eine andere, wohl bekannte Weise auf die Kritik über sein Verhalten während der nationalsozialistischen Regierung. Er setzt auf den Gegenangriff. „Durch affektierte Ablehnung umgeht Benn den wirklichen Sachverhalt.“[160] So beschuldigt er die Emigranten, die wahren Schuldigen zu sein, da sie über ihre Kontakte zu Presse und Kultur nicht vor den Nationalsozialisten warnten. „Warum haben sie, wenn sie Bescheid wußten, das Unheil nicht abgewendet von sich, von uns, von Europa, von der ganzen Welt […]?“[161] Auch dieses Argument Benns ist wieder einmal wenig überzeugend, da es vollkommen aus der Luft geholt ist. Die Gleichschaltung innerhalb der Presse verlief sehr schnell nach der Machtergreifung und es war von Beginn an nicht selten, dass zu kritische Journalisten oder Verleger in Haft genommen wurden. Nach der Machtergreifung war es lebensbedrohlich in Deutschland zu bleiben und sich offen gegen das Hitler-Regime zu stellen. Hier zeigt sich die Unfähigkeit Benns Kritik anzunehmen und mit ihr umzugehen, die auch an anderer Stelle deutlich wird:

Aber wenn man wie ich die letzten 15 Jahre lang von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Renegat, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht so scharf darauf, wieder in diese Öffentlichkeit einzudringen.[162]

Natürlich trat Benn einige Zeit darauf aber doch wieder in die Öffentlichkeit, was seine Aussagen generell unglaubwürdig erscheinen lässt, zumindest jene, die sein Verhalten während der nationalsozialistischen Regierungszeit betreffen.

Auch Benns Begründung, warum er in der Preußischen Akademie der Künste blieb, wirkt fadenscheinig. „Ich behaupte, daß viele von denen, die damals blieben und ihre Posten weiterführten, es darum taten, weil sie hofften, ihre Plätze für die, die fortgegangen waren, freihalten zu können, um sie ihnen zu übergeben, wenn sie wiederkamen.“[163] Da Benn selbst aktiv an der Gleichschaltung der Akademie beteiligt war (vgl. Kap. 2.2.), fällt es schwer zu glauben, dass Benn nur nicht austrat, weil er darauf hoffte, dass die ausgetretenen Mitglieder wiederkämen. Auch wenn Benn immer wieder betont, dass er die Lage von 1933 nicht richtig eingeschätzt hatte, war er intelligent genug, um das Eindeutige zu sehen: Die emigrierten Schriftsteller, vor allem jene, die sich im Ausland kritisch über die deutschen Vorgänge äußerten, waren nicht in der Lage nach Deutschland zurückzukehren, solange Hitler an der Macht war.

Benn äußert sich in „Doppelleben“ nur äußerst oberflächlich über die Vorgänge und vor allem seine Einstellung nach der Machtergreifung. „So sieht das Beisichselbstbeginnen des Autors aus; keine Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber, sondern der Versuch, die Vergangenheit hinwegzuschwätzen.“[164] Auch die Tatsache, dass die Anregung, ein autobiografisches Werk zu schreiben, von seinem Verleger stammte und Benn dazu überredet werden musste, zeigt, dass er keinerlei Interesse daran hatte, sich mit dem Nationalsozialismus und seinem Verhalten ab 1933 zu beschäftigen. „Exakt hat er sich damit nie auseinandergesetzt, nicht im ‚Doppelleben‘, nicht in den Oelze-Briefen, nicht im persönlichen Gespräch, auch seiner ihm eng vertrauten dritten Frau nicht.“[165]

Benn änderte seine Auffassung von Mensch und Geschichte auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht, was ein weiteres Indiz dafür ist, dass es sich hierbei um seine eigene Weltanschauung handelt, die er nicht nur deshalb entwickelte, weil sie der Ideologie der Nationalsozialisten zuarbeitet. Er entwickelte sie vor der Machtergreifung und hielt an ihr auch noch nach Ende des Zweiten Weltkrieges fest.

5. Schluss

Statt einer Entschuldigung oder eines Schuldeingeständnisses ist „Doppelleben“ eine Schrift, in der Benn klarstellt, dass er seiner Meinung nach zu jeder Zeit richtig gehandelt habe und ihn keinerlei Schuld treffe. Wie ist das zu erklären? Er unterstützte eine Regierung, die für den Tod von rund 55 Millionen Menschen verantwortlich war und zeigt keinerlei Reue. Man könnte es als pure Arroganz deuten. Es ist aber auch möglich, sein Verhalten nach 1945 ebenfalls als Konsequenz seiner Weltanschauung zu betrachten. Da die Geschichte für Benn zum einen sinnlos ist und zum anderen das Schicksal und die Instrumente der Geschichte nicht vom Menschen geändert werden können, kann man auch keinem Menschen die Verantwortung für historische Ereignisse geben. Sämtliche gesellschaftlichen und historischen Handlungen stellen für Benn nur einen Teil des unveränderbaren Prozesses der Geschichte dar. Die Schuld wäre somit höchstens bei der Geschichte selbst zu suchen. Ihr Wesen trägt die Verantwortung, warum Menschen zu Grausamkeiten und Brutalität fähig werden. Das einzelne Individuum gehorcht nur einem höheren Gesetz und kann somit nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Was letztendlich der wahre Grund für Benns zeitweilige Sympathie dem Nationalsozialismus gegenüber war, ist nur zu vermuten. „Es bleibt ein unaufgelöster Rest.“[166] Es gibt zahlreiche Deutungsversuche, die zu den unterschiedlichsten Ergebnissen kommen und wahrscheinlich steckt in allen ein Teil der Wahrheit. Allein dadurch, dass er sich selbst nie konkret dazu geäußert hat und auch seine autobiographische Schrift „Doppelleben“ nur auf die damaligen Geschehnisse und seine Weltanschauung eingeht, ist es schwierig, mit Sicherheit sagen zu können, warum er diese Entscheidung traf. Benn kann kein Nazi im eigentlichen Sinne gewesen sein, da ihm eine wichtige Einstellung, der Antisemitismus, dazu fehlte. Seine bereits zuvor entwickelten Grundeinstellungen, die Menschenbild und Geschichtsdefinition betreffen, waren sicherlich ein Hauptgrund, warum er an den Erfolg und die Größe der neuen Regierung glaubte. Wie er selbst aber 1934 erkannte, waren seine Hoffnungen ein Irrtum. Es handelte sich also nicht nur um die Konsequenz, die er aus seiner Weltanschauung zog, sondern Benn irrte sich auch mit dem, was er in den Nationalsozialisten sah.

Sein Irrtum kann allerdings nicht dermaßen ausgelegt werden, dass er all die Grausamkeiten und die Gewalt nicht kommen sah. Er wusste um den Antisemitismus und nahm ihn in Kauf. Was die Gewalt betrifft, begrüßte er sie sogar als notwendiges Grundprinzip der Geschichte. Auch seine gesellschaftliche Stellung, die er mit der Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste erlangte und die der Höhepunkt einer jahrelangen Entwicklung darstellte, war wohl einer der Gründe, warum er nicht bereit war, gegen die Regierung zu arbeiten. Er wollte seine Position nicht aufgeben, sondern noch mehr Einfluss im Bereich der Kunst erlangen. Dieser Punkt erscheint mir aber im Vergleich zu seiner Weltanschauung unbedeutender. Außerdem gibt es auch ein paar Hinweise, dass Benn einige seiner vorigen Anschauungen nach der Machtergreifung verrät, um bei den Nationalsozialisten in einem besseren Licht da zustehen. Von daher scheint auch Opportunismus bei Benns Bekenntnis eine Rolle gespielt zu haben. Letztendlich scheint seine Hinwendung zum Nationalsozialismus durch eine Vielzahl von verschieden gewichteten Faktoren begründet zu sein. Benns genauen Gedankengänge und Gründe, die ihn in zu Hitler und seinen Anhängern führte, hätte nur er selbst zu Lebzeiten erklären können, wozu er aber niemals den Anlass sah.

Jedem, der aktiv an Hitlers Regierung und ihren Aktivitäten mitwirkte und sie unterstützte, müssen moralische Vorwürfe gemacht werden. Auch wenn Benn sich in „Doppelleben“ herausredet und selbst keinen Anlass sieht, Verantwortung für sein Verhalten 1933 und Anfang 1934 zu übernehmen, trägt er eine moralische Schuld. Er hat sich nach der Machtergreifung Hitlers für die Unterstützung dieser Regierung entschieden ohne dazu genötigt worden zu sein. Dieser Schritt ist aufgrund seiner Weltanschauung vielleicht verständlich, aber trotzdem nicht zu entschuldigen.

Literaturverzeichnis

Ausgaben:

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Wulf, Joseph: Literatur und Dichtung im Dritten Reich. Eine Dokumentation, Gütersloh 1963.

[...]


[1] De Mendelssohn, Der Geist in der Despotie, S. 250.

[2] Vgl. ebd., S. 238.

[3] Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 173.

[4] Vgl. Christiansen, Benn. Einführung in das Werk, S. 118f.

[5] Vgl. ebd., S. 163f.

[6] Ebd., S. 119.

[7] Vgl. GB IV, S. 18.

[8] Lennig, Gottfried Benn in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, S. 33.

[9] Lethen, Der Sound der Väter, S. 75.

[10] Vgl. ebd., S. 35.

[11] Decker, Genie und Barbar, S. 117.

[12] Ebd.

[13] Benn, Briefe an F.W. Oelze, S. 129.

[14] Lethen, Der Sound der Väter, S. 84.

[15] Vgl. ebd., S. 70f.

[16] Eine ausführliche Untersuchung der Beziehung zwischen Benn und Lasker-Schüler und deren literarischen Einfluss auf die beiden bietet: Sanders-Brahms, Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler.

[17] Vgl. Decker, Genie und Barbar, S. 207f.

[18] Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 22.

[19] Vgl. GB III,S. 162.

[20] Dyck, Der Zeitzeuge, S. 22.

[21] Ebd., S. 33.

[22] Decker, Genie und Barbar, S. 164.

[23] GB VII/1, S. 174.

[24] Decker, Genie und Barbar, S. 175.

[25] Steinhagen, Gottfried Benn 1933, S. 40.

[26] Benn, Zur Problematik des Dichterischen, GB III, S.232-247; hier: S. 237.

[27] Vgl. Christiansen, Benn. Einführung in das Werk, S. 168.

[28] Schröder, Poesie und Sozialisation, S. 172.

[29] Lethen, Der Sound der Väter, S. 171.

[30] Dyck, Der Zeitzeuge, S. 55.

[31] Benn, Doppelleben, GB V, S. 83-176; hier: S. 99.

[32] Vgl. Benn, Expressionismus, GB IV, S. 76-90; hier: S. 77 und Benn, Probleme der Lyrik, GB V, S. 9-44; hier: S.41.

[33] Decker, Genie und Barbar, S. 215.

[34] Vgl. ebd., S. 217.

[35] Vgl. Fechter, Dichtung der Deutschen.

[36] Schröder, Poesie und Sozialisation, S. 171.

[37] Decker, Genie und Barbar, S. 220.

[38] Lethen, Der Sound der Väter, S. 171f.

[39] Dyck, Der Zeitzeuge, S. 77.

[40] Vgl. ebd.

[41] Ebd.

[42] Ebd., S. 78.

[43] Ebd., S. 78f.

[44] Greve, Gottfried Benn 1886-1956, S. 179.

[45] Vgl. Dyck, Der Zeitzeuge, S. 92.

[46] Vgl. ebd., S. 89.

[47] Kaiser, Mythos, Rausch und Reaktion, S. 162.

[48] Ebd. S. 176.

[49] Vgl. Schröder, Poesie und Sozialisation, S. 173.

[50] Vgl. Kaiser, Mythos, Rausch und Reaktion, S. 175.

[51] Lethen, Der Sound der Väter, S. 166f.

[52] Benn, Nach dem Nihilismus, GB III, S. 394-403.

[53] Vgl. ebd., S. 397f.

[54] Benn, Der Aufbau der Persönlichkeit, GB III, S. 263-277; hier: S. 269.

[55] Benn, Nach den Nihilismus, GB III, S. 394-403; hier: S. 398.

[56] Ebd.

[57] Ebd.

[58] GB III, S. 103.

[59] Ebd., S. 104.

[60] Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 78.

[61] GB III, S. 396.

[62] Hamecher, Dichter des Irrationalen, S. 157.

[63] Vgl. Müller, ‚Der neue Staat und die Intellektuellen‘, S. 178.

[64] Benn, Nach dem Nihilismus, GB III, S. 394-403; hier: S. 401.

[65] Hamecher, Dichter des Irrationalen, S. 155.

[66] Sahlberg, Gottfried Benns Phantasiewelt, S. 124.

[67] 1940 folgt ein weiterer Essay mit dem Titel „Züchtung“, der den Nationalsozialismuswesentlich kritischer betrachtet.

[68] GB IV,S. 34.

[69] GB IV, S. 20.

[70] GB III, S. 279.

[71] Vgl. ebd.

[72] Ebd., S. 280.

[73] Ebd., S. 280f.

[74] Ebd., S. 282.

[75] Vgl. ebd., S. 288.

[76] Vgl. ebd., S. 286.

[77] Ebd., S. 288.

[78] Ebd., S. 289.

[79] Ebd., S. 290.

[80] Sahlberg, Gottfried Benns Phantasiewelt, S. 116.

[81] Benn, Der Aufbau der Persönlichkeit, GB III, S. 263-277; hier: S. 273.

[82] Vgl. ebd.

[83] Ebd., S. 274.

[84] GB III, S. 401.

[85] Ebd.

[86] Eine Darstellung der Vorgänger des Sozialdarwinismus und seine Bedeutung im Nationalsozialismus bietet: Baader, Zur Ideologie des Sozialdarwinismus.

[87] Kaiser, Mythos, Rausch und Reaktion, S. 162.

[88] GB IV, S. 61.

[89] Ebd.

[90] Vgl. ebd., S. 61f.

[91] Ebd., S. 61.

[92] Ebd., S. 65.

[93] GB IV, S. 35.

[94] Ebd., S. 37.

[95] Ebd.

[96] Ebd., S. 38.

[97] GB IV, S. 27.

[98] GB IV, S. 12.

[99] Ebd., S. 13.

[100] Ebd., S. 14.

[101] Ebd.

[102] Vgl. ebd., S. 14f.

[103] Ebd., S. 15.

[104] Ebd.

[105] Vgl. Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 116f.

[106] Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S. 36.

[107] Ebd., S. 43.

[108] GB IV, S. 16.

[109] Ebd., S. 17.

[110] Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 12.

[111] Kaiser, Mythos, Rausch und Reaktion, S. 166.

[112] Vgl. Benn, Der neue Staat und die Intellektuellen, GB IV, S. 12-20; hier: S. 18.

[113] Ebd.

[114] Ebd.

[115] Eine ausführliche Darstellung der Entstehung und der technischen Einzelheiten der Dampfmaschine bieten die ersten Kapitel aus: Wagenbreth, Otfried / Düntzsch, Helmut / Gieseler, Albert: Die Geschichte der Dampfmaschine.

[116] Vgl. Wagenbreth / Düntzsch / Gieseler, Die Geschichte der Dampfmaschine, S. 25-30.

[117] Vgl. ebd., S. 99.

[118] Vgl. Kaiser, Mythos, Rausch und Reaktion, S. 71.

[119] Ebd., S. 167.

[120] Vgl. Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 173.

[121] Steinhagen, Gottfried Benn 1933, S. 44.

[122] GB IV, S. 25.

[123] Ebd.

[124] Ebd.

[125] Ebd., S. 26.

[126] Ebd., S. 27.

[127] Ebd., S. 31.

[128] Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 92.

[129] Benn, Züchtung, GB IV, S. 33-40; hier: S. 34.

[130] Sahlberg, Gottfried Benns Phantasiewelt, S. 119.

[131] Benn, In Memoriam, GB III, S. 215-216; hier: S. 216.

[132] Müller, ‚Der neue Staat und die Intellektuellen‘, S. 176.

[133] Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 92.

[134] GB III, hier: S. 220.

[135] Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 188.

[136] Benn, Über die Rolle des Schriftstellers in dieser Zeit, GB III, S. 217-224; hier: S. 219.

[137] Ebd.

[138] Ebd., S. 221.

[139] Vgl. ebd.

[140] Ebd., S. 222.

[141] GB III, S. 413.

[142] Vgl. Benn, Über die Rolle des Schriftstellers in dieser Zeit, GB III, S. 217-224; hier: S. 223.

[143] Grimm, Ergriffen sein und dennoch unbeteiligt, S. 368.

[144] Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 162.

[145] Benn, Doppelleben, GB V, S. 83-176.

[146] Vgl. Deußen, Erinnerung als Rechtfertigung, S. 34.

[147] Vgl. Merseburger, Willy Brandt, S. 53.

[148] Eine genaue Darstellung der Anfeindungen gegen Willy Brandt in den 40er – 60er Jahren bietet: Münkel, Die Diffamierungskampagnen gegen Willy Brandt.

[149] Vgl. Merseburger, Willy Brandt, S. 54.

[150] Benn, Doppelleben, GB V, S. 83-176; hier: S. 84.

[151] Wulf, Literatur und Dichtung im Dritten Reich, S. 113.

[152] Vgl. Benn, Briefe an F.W. Oelze, S. 33.

[153] GB V, S. 87.

[154] Ebd. S. 93.

[155] Ebd.

[156] Vgl. Deußen, Erinnerung als Rechtfertigung, S. 55.

[157] Benn, Doppelleben, GB V, S. 83-176; hier: S. 95.

[158] Vgl. ebd., S. 96.

[159] Ebd.

[160] Kaiser, Mythos, Rausch und Reaktion, S. 219.

[161] Benn, Doppelleben, GB V, S. 83-176; hier: S. 103.

[162] Benn, Berliner Brief Juli 1948. An den Herausgeber einer süddeutschen Monatsschrift, GB V, S. 56-61; hier: S. 56f.

[163] Benn, Doppelleben, GB V, S. 83-176; hier: S. 102.

[164] Kaiser, Mythos, Rausch und Reaktion, S. 224.

[165] Koch, Ein biographischer Essay, S. 23.

[166] Schröder, Poesie und Sozialisation, S. 170.

Details

Seiten
46
Jahr
2011
ISBN (Buch)
9783656036692
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180818
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
gottfried benns geschichtsauffassung hinwendung nationalsozialismus

Autor

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Titel: Gottfried Benns Geschichtsauffassung und seine Hinwendung zum Nationalsozialismus