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Leben mit Stiefeltern - Vielfältige Anforderungen an die Kinder

"Ich habe zwei Papas und vier Omas"

Studienarbeit 2011 20 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Leben mit Stiefeltern
2.1. Definition Soziale Elternschaft/Stiefelternschaft
2.2. Formen des Lebens mit Stiefeltern
2.3. Ausgewählte Problemfelder von Kindern mit Stiefeltern

3 Leben mit Stiefeltern – Erfahrungen in der Rainbows-Gruppe
3.1. Vorstellung meiner Rainbows-Gruppe
3.2. Zusammenarbeit mit Eltern
3.3. Zusammenfassung der Gruppenstunde „Meine Familie“
3.4. Leben mit Stiefeltern und meine Rainbows-Gruppe

4 Resümee meiner Arbeit als Rainbows-Gruppenleiterin

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Kinder, die von der Scheidung ihrer Eltern betroffen sind, drastisch gestiegen: War Anfang der 1960er Jahre noch jedes zehnte Kind von einer Scheidung der Eltern betroffen, so war es in den 1970er Jahren schon jedes Vierte. Heute erlebt annähernd jedes zweite Kind die Scheidung seiner Eltern. Im Jahr 2008 waren 21.020 Kinder, davon 70,5% Minderjährige, von den Scheidungen der Eltern betroffen (Statistik Austria, 2008).

Die Mehrheit der geschiedenen/getrennten Eltern gehen nach einer gewissen Zeit wieder eine neue Partnerschaft ein. Im Erleben der Kinder stellen die neuen Beziehungen eines Elternteils ein ebenso einschneidendes Erlebnis dar wie die Trennung/Scheidung der Eltern. Erklärung hierfür ist, dass nicht selten aus jenen neuen Partnerschaften der Eltern neue Familienformen entstehen. Diese so genannten Stieffamilien1 machen vielfältige Wandlungs-, Veränderungs- und Anpassungsleistungen der Kinder erforderlich, damit ein Zusammenleben mit Stiefelternteilen als geglückt und befriedigend erlebt wird.

Im Rahmen vorliegender Arbeit werden jene notwendigen Entwicklungsaufgaben (Orter/Montada) auszugsweise aufgezeigt. Im Anschluss an die theoretische Auseinandersetzung folgt ein praxisbezogener Teil, der meine Erfahrungen in der Rainbows-Gruppe beschreibt (Kap. 3). Kapitel 3.1.stellt meine Rainbows-Gruppe näher vor. Danach folgt im Kap. 3.2. eine Reflexion der Zusammenarbeit mit den Eltern. Im Kapitel 3.3. schließt sich ein Überblick über die methodische Ausgestaltung der Gruppenstunde „Meine Familie“ an. 3.4. gibt wieder, welche Erfahrungen mit Stiefeltern bei den Kindern in meiner Rainbows-Gruppe vorhanden waren. Das Kapitel 4 schließt die Arbeit mit einem Resümee meiner Arbeit als Rainbows-Gruppenleiterin ab.

2 Leben mit Stiefeltern

2.1. Definition Soziale Elternschaft/Stiefelternschaft

Der Begriff „soziale Elternschaft“ meint, dass zu den beiden leiblichen Elternteilen mindestens ein sozialer Elternteil hinzukommt bzw. ein verstorbener leiblicher Elternteil durch diesen ersetzt wird (vgl. Bien u.a. 2002, 10; vgl. Peukert, 2005, 235). Ausschlaggebend dabei ist, dass dieser die Elternrolle von Müttern oder Väter für ein Kind übernimmt, für das er biologisch und rechtlich nicht zuständig ist.

Stiefeltern stehen vor der Herausforderung, dass es noch immer keine klaren und akzeptieren Rollenbilder und Handlungsnormen für diese gibt (vgl. Bernstein, 1990). Zwar wurden den Stiefelternteilen durch die Reform des Kindschaftsrechts (1998), Neufassung bestehender Paragraphen und durch das „Kleine Sorgerecht“ (2001) gewisse Rechte gegenüber dem Kind des Partners gesetzlich eingeräumt (z.B. im Einvernehmen mit dem sorgeberechtigen Elternteil die Befugnis zur Mitentscheidung in „Angelegenheiten des täglichen Lebens“2, doch gelten diese gesetzlichen Bestimmungen bisher nur bei ehelichen Stieffamilien, bei denen der leibliche Elternteil, das Kind und der Stiefelternteil eine Haushaltsgemeinschaft bilden und der leibliche Elternteil die alleinige elterliche Sorge für das Kind hat. Bei allen anderen Stieffamilien hat der Stiefelternteil nach wie vor keine sorgerechtlichen Befugnisse, also keine Erziehungsrechte, keine Mitbestimmung bei Angelegenheiten von wesentlicher Bedeutung, aber auch keine Unterhalts- und Erbverpflichtungen dem Stiefkind gegenüber außer im Falle einer Stiefkindadoption (Dumke, 2007, 21).

2.2. Formen des Zusammenlebens mit Stiefeltern

Das Leben der Kinder mit Stiefeltern bzw. das Zusammenleben als Stieffamilie kann strukturell ganz unterschiedlich aussehen. Es macht deshalb wenig Sinn, von der Stieffamilie zu sprechen. In der Literatur lassen sich verschiedene Klassifizierungen der verschiedenen Konstellationen von Stieffamilien finden. Je nach gewähltem Einteilungskriterium lässt sich eine Typologie erstellen. Als Kriterien wurden bisher herangezogen: das Geschlecht des Stiefelternteils, die Entstehungsursache einer Stieffamilie, der frühere Familienstand der Partner, die Kinderkonstellationen, die Gründungsmuster, das Sorgerecht, Partnerschaftsform des neuen Paares sowie die Haushaltszugehörigkeit des/r Kindes(r).

Krähenbühl u.a. entwickelten ausgehend von ihrer therapeutischen Arbeit mit Stieffamilien eine Typologie, nach der fünf verschiedene Typen von Stieffamilien unterschieden werden können:

(1) Stiefmutterfamilien: der Vater geht eine neue Beziehung mit einer kinderlosen Frau ein, welche die Position als Stiefmutter im Familiensystem übernimmt. Somit hat das Kind eine biologische und eine soziale Mutter
(2) Stiefvaterfamilien: die Mutter geht eine neue Beziehung mit einem kinderlosen Mann ein, der die Position des Stiefvaters im Familiensystem übernimmt. Somit hat das Kind einen biologischen und einen sozialen Vater.
(3) zusammengesetzte Stieffamilien: Vater/Mutter gehen neue Beziehung mit einem Partner ein, der selber Kinder mitbringt. Somit werden sowohl der leibliche Elternteil als auch der neue Partner zum Stiefelternteil für die nicht leiblichen Kinder.
(4) Stieffamilien mit gemeinsamen Kindern: Vater/Mutter gehen neue Beziehung mit einem Partner ein, der selber Kinder mitbringt. Somit werden sowohl der leibliche Elternteil als auch der neue Partner zum Stiefelternteil für die nicht leiblichen Kinder. Neues Paar hat zudem gemeinsame Kinder.
(5) Teilzeit-Stieffamilien: Kinder leben mit getrennt lebenden Elternteil und dessen neuen Partner zu bestimmten festgelegten Zeiten zusammen.

(Vgl. Krähenbühl, 2007)

Als Einteilungskriterium gelten bei dieser Typologie die strukturellen Unterschiede zwischen den Stieffamiliensystemen, zu deren charakteristischen Merkmalen zählen Krähenbühl u.a. vor allem die Anzahl der Subsysteme sowie die Geschlechtszugehörigkeit des Stiefelternteils an. Ewering sieht zudem das Kriterium der zeitlichen Entwicklung von Stieffamilien in dieser Typologie berücksichtigt (vgl. Ewering, 1996, 34). Nach Krähenbühl u.a. resultieren aus den aufgezeigten strukturellen Unterschieden zwischen den Typen von Stieffamilien spezifische Probleme. Auf diese soll folgend nun näher eingegangen werden.

2.3. Ausgewählte Problemfelder von Kindern mit Stiefeltern

Als typische Problemkreise von Kindern, in deren Leben Stiefeltern präsent sind und dauerhaft bzw. zeitweise ein Zusammenleben als Stieffamilie gelebt wird, können identifiziert werden:

Kinder sind oft Mitglieder von zwei Haushalten: Als Konsequenz aus dem gemeinsamen Sorgerecht gehören Kinder nach der Trennung/Scheidung ihrer leiblichen Eltern häufig sowohl zum Haushalt des Elternteils in der neuen Lebensgemeinschaft als auch zum getrennt lebenden Elternteil. Jede dieser Familiengemeinschaften hat eigene Regeln. Die meisten Kinder, die zu zwei Haushalten gehören, haben sozusagen einen Hauptwohnsitz und besuchen den anderen Haushalt in regelmäßigen Abständen. Für die Kinder kann dies eine Bereicherung sein, es kann aber auch, vor allem bei schwelenden Konflikten zwischen den getrennt lebenden Eltern, zu erheblichen Irritationen führen. Folge dessen ist dann häufig, dass die Kinder hin- und hergerissen sind zwischen den verschiedenen Lebensstilen der zwei Haushalte.

Kinder haben sowohl biologische als auch soziale Elternteile, die jedoch keinerlei Entscheidungsbefugnis und elterliche Rechte und Pflichten haben: Jedes Kind hat leibliche Eltern, die biologisch und rechtlich für dieses verantwortlich sind. Auch nach einer Trennung/Scheidung der Eltern werden jene Elternpflichten mehr oder weniger intensiv weiterhin von beiden Elternteilen übernommen. Übernimmt der neue Partner der getrennten/geschiedenen Eltern faktisch die Elternrolle von Müttern/Vätern, tritt zur biologischen Elternschaft die Soziale hinzu bzw. wird ein verstorbener leiblicher Elternteil durch einen sozialen Elternteil ersetzt. Somit herrscht also zwischen dem leiblichen Elternteil und dem Stiefelternteil eine asymmetrische Verteilung der Erziehungsverantwortung für die Kinder. Dadurch ist ein relativ hohes Konfliktpotential im Binnenraum der Stieffamilie gegeben. Es stellt also eine besondere Herausforderung dar, die Funktion des Stiefelternteils im Familiensystem zu klären, seine Rollen gegenüber den Kindern seines Partners zu definieren und mit denen der anderen Familienmitglieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Kind fühlt sich als Außenseiter: Nicht selten werden Kinder in Stieffamilien ausgegrenzt, indem sie zum Problemkind stigmatisiert und innerhalb der Familie ins Abseits gedrängt werden. Häufig werden solche Kinder durch Fremdplatzierung ganz aus der Familie entfernt, um den Normalitätsanspruch als Familie nicht zu mindern. Einher geht teilweise auch eine Ausgrenzung des außerhalb lebenden leiblichen Elternteils durch die Einschränkung oder Unterbindung der Kontaktaufnahme mit den Kindern. Durch den erzwungenen Beziehungsabbruch zum außerhalb lebenden Elternteil kann sich das Kind zum Symptomträger in der neuen Familie entwickeln, d.h. Es übernimmt die Rolle des abwesenden bzw. ausgegrenzten Elternteils und zeigt durch aggressives Verhalten seinen Protest (vgl. Löffler/Herriger, 1989, 97).

Funktionalisierung des gemeinsamen Kindes des neuen Paares: Nicht selten dienen die gemeinsamen Kinder des neuen Paares bewusst oder unbewusst für die Konfliktregulation in der Familie. Diese Kind, möge, so der Wunsch, die Familie zusammenkitten, es soll ein Beweis für die Zusammengehörigkeit des Paares sein und bestehende Probleme verdecken. Beobachtungen haben gezeigt, dass meistens durch das gemeinsame Kind tatsächlich eine Entspannung in der Stieffamilie eintritt. Dennoch tauchen die alten Probleme früher oder später wieder auf und wirken dann noch belastender.

Die Funktionalisierung des gemeinsamen Kindes des neuen Paares kann auch zu neuen Problemen führen. Durch übertriebene Liebes- und Zuwendungsbekundungen besteht die Gefahr, dass dieses Kind seines Eigenwertes beraubt wird. Es lernt zwar, sich anzupassen, lernt aber nicht, seine Individualität zu entwickeln, da es sich darüber definiert, anderen zu gefallen. Die Folge dieser erschwerten Identitätsfindung ist ein erschwerter Ablösungsprozess vom Elternhaus (vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 122ff).

Kind lehnt Stiefelternteil ab: Der Fortbestand einer Stieffamilie hängt entscheidend ab, inwiefern es den Stiefeltern und Kindern gelingt, eine tragfähige Beziehung zueinander aufzubauen. Erschwert wird der Beziehungsaufbau durch den in unserer Gesellschaft verbreiteten Mythos, dass sich zwischen dem Stiefelternteil und dem Kind unmittelbar eine liebevolle und intensive Beziehung entwickeln muss. Den Ergebnissen in der Literatur zufolge können diesem Anspruch viele Stieffamilien kaum gerecht werden. Der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung beansprucht eine geraume Zeit des gegenseitigen Kennenlernens, damit Zuneigung und gegenseitiges Verständnis wachsen können. Akzeptieren alle Stieffamilienmitglieder, dass ein Beziehungsaufbau nicht von einem Tag auf den anderen möglich ist und von anderer Intensität ist und sein darf wie zwischen Eltern und leiblichen Kindern, können sich positive und wichtige Beziehungen zwischen Stiefeltern und Kindern entwickeln.

Kinder erleben Verwirrung über Rolle und Status: Stiefeltern bzw. -kinder können bei der Übernahme ihrer Rolle innerhalb der Stieffamilie nicht auf Orientierungshilfen zurückgreifen, da bisher keine klaren Stief-Rollenbilder in der Gesellschaft bestehen. Zumeist lassen sich nur sehr verschwommene, negative oder idealisierende Vorstellungen von Stiefvätern, -müttern und -kindern finden. Das Fehlen von klaren Rollenbildern und daraus ableitbaren Handlungsnormen löst häufig eine Verunsicherung sowohl bei den Rolleninhabern als auch bei den anderen Familienmitgliedern aus, da sie nun vor der schweren Aufgabe stehen, die Inhalte der Stiefrolle gemeinsam zu erarbeiten und auszuhandeln. Diese Unsicherheit wird noch dadurch verstärkt, dass auch juristisch die Rechte und Pflichten des Stiefelternteils gegenüber seinen Stiefkindern nicht klar definiert wird. Ferner wird die Rollenfindung vor allem der Stiefeltern auch dadurch erschwert, dass diese sich in ein System (die Teilfamilie) integrieren sollen, in welchem die Rollen und Aufgaben bereits verteilt sind. Hierbei werden an die Stiefeltern widersprüchliche Anforderungen gestellt. Einerseits sollen sie als Eltern fungieren, andererseits ist diese Position aber bereits durch den außerhalb lebenden leiblichen Elternteil besetzt, sodass ein Agieren des Stiefelternteils in der Elternposition nur zu Konflikten führen kann.

[...]


1 In der Alltags-, Fach- und Mediensprache haben sich für jene Familienform verschiedenste Bezeichnungen etabliert. Stieffamilie wird häufig ersetzt durch Bezeichnungen wie wiederverheiratete (remarried) Familie, die rekonstruierte (reconstituted) Familie, die neu zusammengesetzte (blended) Familie, die Zwei-Kern-Familie, Mischfamilie, elternreiche Familie, binukleare Familie, framentierte Elternschaft bzw. gebrochene Filiation, Zweifamilie, Patchworkfamilie, Fortsetzungsfamilie, offene Familie sowie Mehrelternschaft in erweiterten Familiensystemen. Ich habe in der vorliegenden Arbeit aus mehreren Gründen die Bezeichnung Stieffamilie gewählt. Der Begriff Stieffamilie leidet nicht wie die zuvor genannten Bezeichnungen an einer Definitionsarmut, sondern er ermöglicht, alle Familienmitglieder klar und verständlich benennen zu können. Zudem sind Begriffe wie Patchworkfamilie, wiederverheiratete Familie, Zweitfamilie nicht klar und eindeutig genug definiert bzw. können Stieffamilien nicht adäquat beschreiben, wodurch sie für eine komplexe Darstellung von Stieffamilienkonstellationen als nicht geeignet erscheinen. Darüber hinaus bleibt zu hoffen, dass durch den häufigeren Gebrauch der Vorsilbe -stief eine Gewöhnung eintritt, die diese Begriffe und damit letztlich die Familienform Stieffamilie gesellschaftsfähiger macht und so allmählich von negativen Konnotationen befreit (Enttabuisierung, Entstigmatisierung).

2 Gemeint sind mit dieser Alltagsmitsorge des Stiefelternteils die tägliche Betreuung und Versorgung , Alltagsfragen im schulischen Leben und die gewöhnliche medizinische Versorgung des Stiefkindes (vgl. Unverzagt, 2002, 208)

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656037170
ISBN (Buch)
9783656037224
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180753
Note
1,0
Schlagworte
Trennung; Scheidung; Wiederheirat Rainbows-Pädagogik

Autor

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Titel: Leben mit Stiefeltern - Vielfältige Anforderungen an die Kinder