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Need Adapted Treatment

Offener Dialog

Seminararbeit 2010 7 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Voraussetzung, um einen „offenen Dialog“ zu führen

2. Mögliche Belastungen, mit denen man in der Angehörigenarbeit rechnen sollte

Fazit

Quellenverzeichnis

Need Adapted Treatment

- Die bedürfnisangepasste Behandlung -

Die Grundhaltung in der Beziehung zu Angehörigen – Was ist Voraussetzung um einen „offenen Dialog“ zu führen und mit welchen Belastungen muss man bei Angehörigenarbeit rechnen?

Einleitung

Im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit setze ich mich gegenwärtig mit der bedürfnisangepassten Behandlung (Need Adapted Treatment) auseinander. Sie basiert auf einem finnischen Modell, das in der Arbeit mit an Schizophrenie erkrankten Menschen angewendet wird. Der Schwerpunkt liegt auf einer möglichst geringen antipsychotischen Medikation sowie einer individuelle Netzwerkarbeit, die kontinuierliche Angehörigenarbeit beinhaltet.

Seit Anfang 2010 hat die GAPSY (Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste) in Kooperation mit der TK (Techniker Krankenkasse) das NWpG (NetzWerk psychische Gesundheit) entwickelt. Das NWpG hat sich zum Ziel gesetzt, sich an der bedürfnisangepassten Behandlung („Need Adapted Treatment“) zu orientieren und somit möglichst viele ihrer Methoden auch in Deutschland anzuwenden.

Ein Teil dieser neuartigen Behandlungsmethode sind die „Therapieversammlungen“, in denen im Rahmen eines „offenen Dialogs“ (OD) miteinander kommuniziert wird. Da bei dieser Behandlungsmethode nicht der Klient alleine im Mittelpunkt steht, sonder mit ihm sein persönliches Netzwerk, wird im Rahmen dieser Ausarbeitung auf die Angehörigenarbeit eingegangen. In diesem Zusammenhang wird das Augenmerk auf die Voraussetzungen des OD gelegt, sowie auf Belastungen, die für die Angehörigen auftreten könnten.

1. Die Voraussetzung, um einen „offenen Dialog“ zu führen

Die Therapieversammlungen, in denen nach dem Ansatz des OD gearbeitet wird, werden von einem multiprofessionellen Team aus stationären und ambulanten Personal geleitet (Seikkula, Jaakko u. a.; S. 2) Es ist wünschenswert, dass während der gesamten Behandlung kein Personalwechsel stattfindet. Wenn ein Wechsel nicht zu verhindern ist, sollten sowohl der Klient als auch die Angehörigen in den Prozess mit einbezogen werden.

Eine grundlegende Voraussetzung für einen OD ist die Teilnahme des Klienten und möglichst aller Beteiligten (persönliches Netzwerk) sowie die des gesamten Behandlungsteams (3-5 Personen) (Aderhold, Volker; Greve, Nils (2); S. 3.).

Das Behandlungsteam begegnet den Anwesenden im OD ohne eine vorherige Planung, denn alles was besprochen, diskutiert und vereinbart wird, wird gemeinsam mit den Angehörigen und dem Klienten entwickelt. (Seikkula, Jaakko; Arnkil, Tom Erik; 2007; S. 125).

Das persönliche Netzwerk des Klienten wird im gesamten Behandlungsverlauf integriert und bleibt in der Regel durchgehend beim OD präsent (Seikkula, Jaakko u. a.; S. 4.). Eine Behandlungseinheit passt sich der individuellen Erkrankung an. Da eine akute psychotische Krise bis zu drei Jahre dauert, zieht sich die Behandlung über den gesamten Zeitraum (ebd.).

Nach Absprache übernimmt entweder einer oder abwechselnd alle professionellen Mitarbeiter die Rolle des Interviewers, wobei an dieser Stelle wichtig zu erwähnen ist, dass nicht eine bestimmte Interviewtechnik, sondern vielmehr das Zuhören im Vordergrund steht (Seikkula, Jaakko; Arnkil, Tom Erik; 2007; S. 78 f).

„Der Schwerpunkt liegt primär auf der Förderung des Dialoges und erst an zweiter Stelle auf Veränderung, die beim Patienten oder in der Familie angezeigt sind.“ (Seikkula, Jaakko u. a.;S. 5.).

Jeder Anwesende wird gleichermaßen behandelt, so dass jedem die Möglichkeit geschaffen wird im OD so bald wie möglich etwas zu sagen (Seikkula, Jaakko; Arnkil, Tom Erik; 2007; S. 80). Das Behandlungsteam spricht in der Ich-Form (ebd.; 147) und es hat die Aufgabe, die Anwesenden durch offene Fragen zum Reden zu motivieren und das Vertrauen zu stärken sowie ihnen interessiert zu zuhören und jedes Wort wertzuschätzen. Das professionelle Team passt sich mit seinem Verhalten und seiner Sprache der „Lebensart der Familie“ an (ebd.; S. 43) und sollte Kompetenzen im „Führen von Dialogen“ haben (ebd.; S. 78). Der Klient und seine Angehörigen müssen das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie sich auf das Behandlungsteam verlassen können und dass ihre persönlichen Anliegen gehört und ernst genommen werden (ebd.; 146). Das heißt, auch die Familienmitglieder bekommen die Sicherheit und das Gefühl nicht alleine zu sein.

Durch die wertschätzende Haltung fällt es den Teilnehmern leichter etwas im OD beizutragen, so dass unterschiedliche Erfahrungen und Beobachtungen ausgesprochen und in Bezug zueinender gebracht werden können (Aderhold, Volker; Greve, Nils (1); S. 8). Dieses Vorgehen erzeugt ein gemeinsames Krankheitsverständnis bei allen Beteiligten. Volker Aderhold und Nils Greve beschreiben den OD als ein „gemeinsames Nachdenken“, in dem „mehr Handlungsfähigkeit im eigenen Leben entsteht" (ebd.).

Durch die für den Betroffenen und deren Angehörigen belastende Situation entstehen häufig ein Gefühle der Überforderung und eine daraus resultierende Hoffnungslosigkeit (ebd.; S. 9). Alle Anwesenden (auch die Profis) haben im OD den Raum ihre Gefühle zuzulassen, wodurch ein „Gemeinsamkeitsgefühl“ entstehen kann. Damit sich alle Beteiligten auf den OD einlassen können, ist „wachsende Empathie, Verständnis und Verstehen unabdingbar“ (ebd.).

Entscheidungen, die während der Behandlung getroffen werden, werden mit allen Anwesenden im OD diskutiert und im gegenseitigen Einvernehmen beschlossen (Seikkula, Jaakko u. a.; S. 5).

Als Voraussetzungim OD ist noch zu erwähnen, dass keinem der Angehörigen unterstellt wird, schuldig an dem Gesundheitszustand des Klienten zu sein. Sie werden als „kompetenter oder potenziell kompetenter Partner im Heilungsproze[ss]“ gesehen und als solcher behandelt (ebd.; S. 10).

Abschließend soll nun ein Zitat aus dem Werk „Dialoge im Netzwerk“ genannt werden, welches die Voraussetzungen prägnant auf den Punkt bringen.

„In einem Dialog wird zugehört, mit überlegt, unterstützt und nicht vorrangig – wie es im medizinischen Kontext heißt – diagnostiziert und dementsprechend Compliance für den Behandlungsplan der Experten gefordert.“ (Hass, Gernot; Aderhold, Volkmar; 2007, S. 18).

2. Mögliche Belastungen, mit denen man in der Angehörigenarbeit rechnen sollte

Reinhard Peukert verfasste verschiedene Fachartikel (siehe Quellenverzeichnis) über Angehörigenarbeit in der Gemeindepsychiatrie, in denen er sich nicht nur theoretisch mit diesem Thema auseinander gesetzt hat. Peukert hat sich mit Angehörigen zusammengesetzt und sich mit deren Wünschen beschäftigt, um auch in der Praxis eine angemessene Angehörigenarbeit umzusetzen.

Unter anderem möchten Angehörige laut Peukert (4/2003; S. 13) ein flexibles und somit angepasstes Hilfesystem, bei dem ihnen eine individuelle Unterstützung gewährleistet ist und sie respektvoll und wertschätzend behandelt werden. Außerdem wünschen sie sich, in Behandlungsprozesse mit einbezogen zu werden sowie das diese in einer für sie verständlichen Sprache stattfinden (Peukert, Reinhard; 4/2003; S. 13 / 4/2005; S. 147). Für mehr Sicherheit wäre ihnen ein Angebot wichtig, im Rahmen dessen sie sieben Tage in der Woche 24 Stunden lang einen Ansprechpartner haben (Peukert, Reinhard; 4/2003; S. 13). Weiterhin sehen Angehörige als hilfreich an, wenn Institutionen miteinander kooperieren (Netzwerkarbeit) und aufsuchende Hilfen existieren (Peukert, Reinhard; S. 2). Außerdem teilten Familienangehörige mit, dass sie es nicht respektieren können, wenn ein Klient aufgrund der schwere oder Art der Erkrankung ausgegrenzt wird (Peukert, Reinhard; 4/2005; S. 147).

Im vorherigen Absatz wurden grundlegende Wünsche und Bedürfnisse der Angehörigenarbeit aufgezählt, die alle in der bedürfnisangepassten Behandlung (Need Adapted Treatment) und somit auch im OD berücksichtigt werden.

Im Folgenden soll tiefer auf die Wünsche und Bedürfnisse aller Beteiligten eingegangen werden, indem die Angehörigen genauso individuell betrachtet werden wie der Patient.

Der eine Familienangehörige hat viel Kraft, Zeit, Mut und Motivation, so dass er überall mit einbezogen werden möchte, der Andere ist froh und erleichtert, wenn ihm Verantwortung abgenommen wird und er sich mehr auf sich und sein Wohlbefinden konzentrieren kann.

Ebenfalls bezugnehmend auf die Fachartikel von Peukert (siehe Quellenverzeichnis) möchten zwar die meisten Angehörigen in die Behandlung mit einbezogen werden, sind aber auch häufig überfordert und möchten manchmal weniger Verantwortung tragen und wünschen sich in diesem Zusammenhang einen Casemanager, der die Behandlung strukturiert und koordiniert (Peukert, Reinhard; 4/2003; S. 14.) und ggf. belastende Entscheidungen abnimmt. Das heißt bezogen auf den OD, dass nicht alle Familienangehörige es als positiv sehen, wenn sie jede Entscheidung mit treffen. Da die Angehörigen meist die einzigen sozialen Kontakte sind, sind sie hoch belastet, was ihre Gesundheit beeinträchtigt (Peukert, Reinhard; 4/2005; S. 146) Häufig müssen sie sich rund um die Uhr mit den Belangen des Klienten auseinandersetzen.

Dem Klienten Tag für Tag an der Seite stehen und dann auch noch an möglichst jeder Therapieversammlung teilnehmen, ist eine große Herausforderung für das Privatleben der Angehörigen. Wenn sie berufstätig sind, ist es kaum zu schaffen, die zu Anfang meist täglichen Therapieversammlungen regelmäßig zu besuchen.

Es sei zu vermuten, dass sich einige Familienangehörige, die sich Unterstützung bei einem Profi suchen, vorstellen, durch das Hilfsangebot mehr Zeit für sich zu haben und sich weniger um den erkrankten Menschen kümmern müssen. Außerdem ist davon auszugehen, dass einige Angehörigen in der Gegenwart von dem Klienten nicht in der Lage sind offen zu sprechen, weil sie Rücksicht auf den erkrankten Menschen nehmen oder selber in dem Problem verstrickt sind und sie Angst vor einer Konfrontation haben. Sie können auch gegenüber dem Klienten Schuldgefühle haben und/ oder die Befürchtung den Klienten mit ihrer Meinung und ihren Gefühlen noch mehr zu belasten.

Sicherlich wäre es sinnvoll für die Angehörigen ein Angebot zu schaffen, in dem sie sich mit anderen Angehörigen austauschen könnten, um mehr Sicherheit im Umgang mit der Erkrankung zu bekommen und sich selber zu entlasten (zum Beispiel: Selbsthilfegruppe oder angeleitete Angehörigengruppe). Ebenfalls wären „Angehörigensprechstunden bzw. Angehörigenvisiten auf der Station“ ein weiterer Raum für Fragen und Informationen (Peukert, Reinhard; S. 2).

Abschließend stellen sich folgende Fragen:

Was ist, wenn der Klient nicht krankheitseinsichtig ist? Bekommen die Angehörigen auch ohne den Betroffenen eine angemessene Unterstützung?

Gibt es im stationären Setting eine „Entlassungsvorbereitung“? (Peukert, Reinhard; S. 1) Das heißt, wird vor der Entlassung geprüft, was die Angehörigen leisten können und bei was sie Unterstützung benötigen?

[...]

Details

Seiten
7
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656035350
ISBN (Buch)
9783656908661
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180720
Institution / Hochschule
Hochschule Fulda
Note
1,0
Schlagworte
Need Adapted Treatment Die bedürfnisangepasste Behandlung Offener Dialog Angehörigenarbeit Ambulant statt stationär Therapieversammlungen Kommunikation

Autor

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Titel: Need Adapted Treatment