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Fatum und Freiheit in Goethes ‚Iphigenie’ und Sartres ‚Die Fliegen’

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Vorbemerkung

1. Fatum und Freiheit

2. Fatum
2.1 Fatum durch Herkunft
2.2 Fatum durch Götterwille
2.3 Fatum durch die äußere Welt

3. Freiheit
3.1. Disposition zur Freiheit
3.2. Durchbruch
3.3. Freiheit und Identität

Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

Vorbemerkung

Wenn Literatur ihrem Leser eine neue Perspektive auf die Welt ermöglicht, so ist dabei die Theaterbühne ein nützliches Mittel, literarische Stoffe lebendig und aktuell durch Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte hindurch immer wieder neu zu interpretieren. Dabei richten die Zuschauer ihren Blick auf eine Welt, die sie durch Analogie oder Abgrenzung auf die eigene Lebensrealität beziehen können. Was aus eigener Beobachtung bekannt ist, wird fasziniert unter anderen Vorzeichen betrachtet; was noch nie selbst erfahren wurde, weckt Interesse und Neugier.

Bei manchen Stoffen gelingt dies über lange Zeit hinweg, andere haben nur eine vergleichsweise kurze Lebensdauer, wiederum andere schaffen gar nicht erst den Sprung auf die Bühne.

Diejenigen literarischen Stoffe, die ihr Potential in immer neuen Inszenierungen und Adaptionen entfalten, erschöpfen sich mitnichten in der Fabel, im Plot, indem sie lediglich eine fesselnde Handlung erzählen. Vielmehr verweisen sie auf eine Stofflichkeit2, die losgelöst von Dichtung und Erfindung zu existieren scheint. Die anscheinend unerschöpfliche Fülle dieser „Urstoffe“3 ruft immer wieder die Künste auf den Plan, die sich dieser Stoffe annehmen, sie bändigen und gestalten. Dichter, Komponisten und bildende Künstler entwerfen eine Form, die dem Inhalt gerecht werden möge und versuchen, Motive, Themen und Topoi zu erkennen und zu gestalten.4

Woraus diese Stofflichkeit besteht, ist aufgrund ihrer Natur äußerst schwer zu fassen, denn Komplexität, Vielfalt und Reichhaltigkeit sind als Fixpunkte ihres Wesens anzusehen. Dennoch sei hier anhand des griechischen Mythos ein Versuch gewagt. Zunächst bezeichnet der Terminus mythos Erzählungen, Geschichten oder Reden, die allesamt dazu dienten, die Welt zu verstehen. Unerklärliche oder schwer greifbare Momente der Lebensrealität wurden fassbar, indem ihnen im Mythos eine Ursache zugeschrieben wurde. Ursprung, Existenz und Tod des Menschen, Naturkatastrophen, Krankheiten sowie allgemeines Zeit- und Tagesgeschehen wurden unter dem Vorzeichen des göttlichen Eingreifens in das menschliche Leben betrachtet.5 Existenz und Wirken von Göttern, Geistern und Helden waren als Prämisse des Daseins an sich anerkannt und bedurften keines Beweises. Ursprünglich ist der Mythos also „das wahre Wort, die unbedingt gültige [...] Rede von dem, was ist“6. Diese Funktion des Mythos wird ca. 600 v. Chr. vom Logos (gr.-lat. = menschliche Rede) übernommen, der ein logisch fundiertes Denken und Sprechen fordert und sich von den Sagen und Legenden des Mythos lossagt und nach beweisbaren Wahrheiten sucht.7 Der Mythos gilt nun als erfundene, erzählende Dichtung und hat sein Moment der absoluten Wahrheit verloren.

In der einfachen Form der Mythe wurde der Bestand der griechischen Mythologie mündlich vorgetragen. Doch bereits in der griechischen Antike selbst lassen sich umfassende literarische Bearbeitungen der Urstoffe finden. Das Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft spricht hier von einer Transformation in Dichtung, die eine Systematisierung und Rationalisierung nach sich zog. Diese widerspricht dem Glaubenscharakter des Mythos so weit, dass sie zu dessen Auflösung beiträgt und ihn zu reiner Erfindung reduziert.8

Neben den griechischen antiken Epen (hier sei zuvorderst Homers ‚Ilias’ genannt), die am Anfang dieser Literarisierung stehen, nahmen vor allem die Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides, deren Sujets aus dem Mythos extrahiert wurden, großen Einfluss auf die Literatur des Abendlandes und fallen mit deren Anfang zusammen.9

In Aristoteles’ ‚Poetik’ findet sich eine detaillierte Analyse der zeitgenössischen Tragödie. Als exemplarisches Werk legt er seinen Ausführungen Sophokles’ Werk ‚König Ödipus’ zu Grunde. Nach der aristotelischen Theorie der Tragödie bedient diese sich des „nach Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Möglichen“10, um die Facetten des menschlichen Daseins auf das Schicksal eines einzelnen Helden herab zu brechen und ist somit abzugrenzen zur Geschichtsschreibung, die lediglich historisch gesicherte Geschehnisse wiedergibt und nicht, „was geschehen könnte“11. Diese Deduktion des allgemein Menschlichen in ein Einzelschicksal wurde immer wieder aufs Neue vollzogen, so dass in der griechischen Antike unzählige Tragödien entstanden.

Aristoteles beobachtet außerdem, dass der Tragödiendichter trotz der erforderlichen Treue zum überlieferten Stoff über einen gewissen Gestaltungsspielraum verfügt:

„Immerhin verhält es sich auch bei den Tragödien so, daß in einigen nur ein oder zwei Namen zu den bekannten gehören, während die übrigen erfunden sind, in anderen sogar kein einziger Name bekannt ist, wie im ‚Antheus’ des Agathon. In diesem Stück sind nämlich die Namen in derselben Weise frei erfunden wie die Geschehnisse, und es bereitet gleichwohl Vergnügen. Demzufolge muss man nicht unbedingt bestrebt sein, sich an die überlieferten Stoffe zu halten. Ein solches Bestreben wäre ja auch lächerlich, da das Bekannte nur wenigen bekannt ist und gleichwohl allen Vergnügen bereitet.“12

Für Aristoteles liegt ein wichtiges Merkmal dichterischen Erzählens in der Glaubwürdigkeit der Handlung, die, auch wenn sie sich auf historisch tatsächlich Geschehenes bezieht, von der überlieferten Realität abweichen darf: Dichtung stellt, wie oben erwähnt, Mögliches dar.13

Aristoteles begreift diese Darstellung als mimesis: Nachahmung von Handlung und Lebenswirklichkeit.14 Die Charaktere treten zu Gunsten der Handlung zurück:

„Folglich handeln die Personen nicht, um die Charaktere nachzuahmen, sondern um der Handlungen willen beziehen sie Charaktere ein. Daher sind die Geschehnisse und der Mythos das Ziel der Tragödie; das Ziel aber ist das Wichtigste von allem.“15

Mythos ist bei Aristoteles also in der Mimesis zu finden und ist damit dichterischerzählend und nicht mehr axiomatisch wahr charakterisiert.

Lediglich in allegorischer Deutung kann der Mythos nun Anspruch auf Wahrheit erheben, wonach in den Formen des Mythos vorwissenschaftlich manifestiertes Wissen über den Menschen existiert.

Erklärungen für die Entstehung der Urstoffe und deren Motive finden sich aufgrund unterschiedlicher Deutungsinteressen zuhauf. Jede dieser Erklärungen deutet die Stoffe aufgrund ihres spezifischen Vorverständnisses und ihrer Erwartungshaltung und erhält in jedem Fall ein befriedigendes, die eigene Haltung bestätigendes Ergebnis. In der modernen Tiefenpsychologie gelten bei Freud und Jung die antiken Mythen als „Ausdruckssymbole des Psychischen bzw. als Archetypen der kollektiven Unbewussten“16, Literatursoziologen sehen darin eher eine Auseinandersetzung mit dem sozialen Status, und unter geisteswissenschaftlichem Aspekt scheint der Mythos eine Betrachtung unterschiedlichen Weltverständnisses zu sein.17 Genau in diesem Umstand ist die Faszination des Mythos zu finden: Er bietet noch immer Resonanz für jegliche Weltanschauung, für innere psychische wie für äußere gesellschaftliche Vorgänge, für alle Momente des menschlichen Daseins und kommt so noch immer seiner ureigensten Funktion nach: Die Welt zu erklären. So hält die Faszination des griechischen Mythos bis heute an.18 Hier soll eine Beschäftigung mit zwei Adaptionen griechischer Mythologie stattfinden. Johann Wolfgang Goethe schrieb 1787 sein für die Weimarer Klassik programmatisches Werk ‚Iphigenie auf Tauris’, Jean-Paul Sartre veröffentlichte vor dem historischen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs sein Drama ‚Die Fliegen’. Vergleichen lassen sich die Werke durch Gleichartigkeit in den Stoffen, Motiven und Themen.19 Beide Autoren beschäftigen sich in ihrem Stück mit dem drastischen Gegensatz von Fatum und Freiheit, mit dem sich die Figuren Iphigenie und Orest20 auseinandersetzen müssen. Die Unterschiede und Parallelen in der Bearbeitung dieser Sujets werden zentraler Gegenstand dieser Arbeit sein.

[...]


1 Motto: Mörike, Maler Nolten, S. 202.

2 Vgl. Metzler Literatur Lexikon, S. 445.

3 Vgl. ebd.

4 Goethe eignet seinen ‚Faust’ eben diesen noch unklaren, noch nicht erfassten Stoffen zu. Er beschreibt in der Zueignung seines Faust I eind cklich die Dringlichkeit, mit der er sich die Stoffe zu eigen machen will, wenn nicht sogar muss: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten! / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt. / Versuch’ ich wohl euch diesmal fest zu halten? / Fühl’ ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt? / Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten, / Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt; / Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert / Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert. [...]“ (Goethe, Sämtliche Werke. Bd. 7.1, S. 11.)

5 Vgl. Metzler Literaturlexikon, S. 316 ff.

6 W.F. Otto: Die Sprache des Mythos. Zitiert nach: Best, Handbuch literarischer Fachbegriffe, S. 354.

7 Vgl. Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft, Band II, S. 665.

8 Vgl. Metzler Literatur Lexikon, S. 317.

9 Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft, Band II, S. 665: „Erst im Zuge der Entwicklung einer Fachschriftstellerei wird ‚mythos’ zum Ausdruck für Erdichtetes und Erfundenes und im Gegensatz zu ‚logos’ als verantwortete Rede definiert. Im 12. Jh. übersetzten Wilhelm von Conches oder Abaelard ‚mythos’ mit fabula.“

10 Aristoteles, Poetik, S. 29 ff.

11 Ebd., S. 29

12 Ebd., S. 31 ff.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. ebd. S. 21.

15 Ebd.

16 Jüngst adaptierte Volker Lösch, Regisseur am Staatstheater Stuttgart, für die Spielzeit 2006/2007 den Medeamythos und konzentrierte sich in seiner Inszenierung hauptsächlich auf die Grenzen und Möglichkeiten der Integration ausländischer Frauen in Deutschland. Das Stuttgarter Staatstheater verweist im Ankündigungstext für das Stück auf die oben erwähnten Urmotive und die Faszination, die von diesen ausgeht: „Medea ist eine der faszinierendsten und widersprüchlichsten Theaterfiguren der abendländischen Dramenliteratur. [...] Der Mythos Medea eröffnet einen Komplex von Fragen und Themen, die allesamt um das Fremdsein in einer ‚intakten Welt’ kreisen, einer Welt, die Versprechungen macht, sie aber nicht einlöst. Medea bleibt die Fremde, als die sie im wohlhabenden Korinth mit Jason eintrifft. Hier sucht sie Asyl. Doch Heimat kann ihr der neue Lebensort nicht werden. Sie ist geduldet, aber nicht integriert. Will sie Integration? Spätestens als Jason sie mit seiner Absicht konfrontiert, die Tochter des Königs Kreon zu heiraten, muss sich Medea dieser Frage stellen. Im Jahr 2007 verbindet sich mit diesem Stoff die Frage nach der Existenz und den Perspektiven von Parallelgesellschaften. Inwieweit gibt es wirksame kulturelle und soziale Vermittlung? Oder werden die nach wie vor existierenden Gräben unüberbrückbarer?“ (www.staatstheater-stuttgart.de)

17 Vgl. dazu Metzler Literatur Lexikon S. 445: „Läßt sich der Begriff Stoff von dem [...] des Themas dadurch abgrenzen, daß er das Material für eine bestimmte, etwa histor. bezogene Darstellung bietet, so unterscheiden sich Stoff und Motiv dadurch, daß ein Motiv lediglich Bestandteil eines stofflichen Komplexes ist, das jedoch wie der Stoff auf Urmotive verweisen kann, aber keine Handlungskontinuität, keine Fixierung an Personen und keinen erzählbaren inhaltlichen Verlauf besitzt.“

18 Im Folgenden spreche ich von Orest immer als der Figur in Sartres Stück. Im Falle der Bezugnahme auf den Charakter Orest in Goethes Stück wird selbstverständlich gesondert auf diese hingewiesen.

19 Theunissen, Schicksal in Antike und Moderne, S. 19.

20.Vgl. ebd.

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656037033
ISBN (Buch)
9783656036845
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180683
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,2
Schlagworte
Iphigenie Sarte Goethe Die Fliegen Vergleich Fatum Freiheit Schicksal

Autor

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Titel: Fatum und Freiheit in Goethes ‚Iphigenie’ und Sartres ‚Die Fliegen’