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Pillen für den Kopf

Die Anfänge der Psychopharmakotherapie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 24 Seiten

Medizin - Pharmakologie, Arzneimittelwesen

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitende Worte

I. Die Geschichte der Psychopharmaka
1. Was sind keine Psychopharmaka?
2. Die 4 Gruppen der Psychopharmaka

II. Die chemische Revolution
1. Unsicheres Vorantasten - auf der Suche nach dem Unbekannten
2. Promethazin als Wegbereiter des Chlorpromazins
3. Promazin + Chlor => Chlorpromazin

III. Ein Meilenstein in der Geschichte der Psychopharmakotherapie
1. Neuroleptika - Die das Gehirn weich machen
2. Haloperidol
3. Delysid (LSD 25)
4. Die Finnische Epidemie und wildes „Umherforschen“
5. Contergan
6. Ritalin - Das Kokain der Studenten
7. 3492 Proben in 8 Länder
8. Sigwald & Bouttier vs. Delay & Deniker
9. Die Entdeckung des Antidepressivus
10. Megaphen und der Heidelberger Winterschlaf
11. Chlorpromazin - ein neues Beruhigungsmittel wurde entdeckt
12. Asiatische Kampffische gründeten die suchtgefährdenden Tranquilizer
13. Valium - Mom’s little helper

IV. Kritik an den Psychopharmaka. Die Nebenwirkungen gestern und heute
1. Von 2 zu 8 Nebenwirkungen
2. Die Krise der Nebenwirkungen
3. Über 50 Nebenwirkungen
4. Patienten-Therapeuten-Beziehung
5. Die Antipsychiatrie-Bewegung und ihre Kritik an den Psychopharmaka
6. Heute

V. Ausblick

VI. Literatur

1. Internet

„Nachdem erste Chlorpromazinversuche im Jahr 1952 in Frankreich verschiedene medizinische Einsatzgebiete aufzeigen konnten, wurde der Wirkstoff schnell auch in der Psychiatrie außerhalb Frankreichs eingesetzt.“1

In dem Zitat bringt Viola Balz in einem Satz auf den Punkt, was in der vorliegenden Arbeit genauer untersucht wurde. 1952 wurde das Chlorpromazin in Frankreich entdeckt, was die psychiatrischen Behandlungsformen von Grund auf erneuern sollte. Rasant verbreitete sich der neue Stoff in der ganzen Welt und kam in Deutschland als Megaphen am 01. Juli 1953 auf den Markt. Aufgrund seiner chemischen Struktur wurde in der Medikamentenforschung eine neue Disziplin gegründet - die Psychopharmakologie. Heute zählt die Liste der Psychopharmaka 4962 chemische Stoffe an der Zahl. Doch die Forschung und das Anwenden der Psychopharmaka verlief in den letzten 59 Jahren nicht immer ohne Hürden. Negative Ergebnisse gelangten nicht an die Öffentlichkeit, Kritik am Einsatz der Medikamente, sie seien nur eine Ruhigstellung der Patienten und boten freie Betten für andere, wurde neben der Veröffentlichung der vielen starken Nebenwirkungen laut. Heute ist die Psychopharmakotherapie in Deutschland eine Therapieform, die unter strengen Regeln verläuft. Die Therapie von Psychosen oder Schizophrenien gehen neben der rein medikamentösen Behandlung oft einher mit Gesprächen in Einzel- oder Gruppentherapien.

I. Die Geschichte der Psychopharmaka:

Wenn man von Anfängen spricht, verweist dies auf einen Zeitraum, der nicht exakt zu fassen ist. So auch im Fall der Entwicklung und Erforschung der Psychopharmaka. Daher soll zunächst ein großer Schritt zurück in die Vergangenheit gemacht macht werden, um einen Einstieg in dieses Thema zu veranschaulichen.

Schon in der Antike war der Gebrauch von Heilkräutern und Essenzen für die Genesung von Krankheiten bekannt und wurden als Medizin angewandt. Im Mittelalter galt die Kräuter- und Heilkunde als ein Hexenwerk und wurde nicht selten mit Ketzerei bestraft. Dies hatte zur Folge, dass oft unschuldige Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Die wohl bekannteste unter allen Kräuterkundigen war Hildegart von Bingen, die den Verurteilungen der Inquisition nur knapp entgehen konnte. Als Reinhardus Lorchius im Jahr 1548 schließlich versuchte Psychopharmaka zu definieren, erklärte er es mit folgenden Worten: „Psychopharmacon, hoc est: medicina animae“3. Für ihn war ein Psychopharmakon ein Medikament für die Seele. Es war ein Mittel, das genau dort wirkt, wo er die Erkrankung vermutete, nämlich im Kopf des Patienten. Das Wort Psychopharmakon leitet sich ab aus dem Griechischen ψυχή für Seele und φάρμακον für Arzneimittel. Somit hatte Reinhardus Lorchius bereits vor rund 460 Jahren Recht mit der Behauptung, dass diese Art von Medikamenten im Kopf des Patienten wirken.

Heute definiert dern Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie und ehemaliger Direktor der Psychiatrischen Klinik an der Universität Mainz Professor Otto Benker Psychopharmaka erweitert als

„Substanzen, für die nach kurzfristiger oder langfristiger Gabe zweifelsfrei ein Effekt auf die Psyche nachweisbar ist [und sie] (...) in der Lage sind, Störungen im Transmitterhaushalt (...) soweit wie möglich zu normalisieren.“4

Die Definition nach Benker ist eine Ambivalente. Einerseits sind nach ihm diese Medikamente Wirkstoffe, die auf die Psyche, also im Gehirn des Menschen wirken. Andererseits sind diese chemischen Zusammensetzungen dazu fähig, den Transmitterhaushalt zu regulieren.

Sowohl die erste allgemeine Hinleitung auf den Wirkungsort der Psychopharmaka durch Reinhardus Lorchius, als auch die wissenschaftlich klar definierte Bezeichnung dessen, was die Medikamente ausmachen und sie beschreiben, sind Erkenntnisse jahrelanger Forschung.

Dem zu Folge ist festzuhalten, dass die Anfänge der Psychopharmakotherapie in der Antike ihren Ursprung haben. Im Mittelalter wurde die heilende Wirkung bestimmter Kräuter weiterhin genutzt. Seit der Frühen Neuzeit gibt es eine erste klare Definition, wo Stoffe wirken. Aber erst heute, im 20. und 21. Jahrhundert lässt sich durch neuste zerebrale Forschungsmethoden gezielt aussagen, wie und wo genau Psychopharmaka wirken. Und erst die Erkenntnis über chemische Verbindungen und das Wissen und die Fähigkeit diese umzustrukturieren und zu verändern, brachte schließlich den revolutionären Erfolg der psychiatrischen Behandlung, wie sie heute möglich ist. In den Jahren zwischen 1953 und 1954 erkannte Mathilde Vogt die Übertragungsfunktion von Noradrenalin und Adrenalin zwischen den Synapsen im Gehirn. Für die Gehirnforschung war das bereits ein entscheidender Befund, der sich seitdem immer weiter entwickelt hat und heute als wichtige Basis zum Verständnis der Wirkungsentfaltung von Psychopharmaka im Gehirn gilt.

I.1. Was sind keine Psychopharmaka?

Wie bereits Professor Benkert in seiner Definition erklärt was Psychopharmaka sind, gilt es abzugrenzen was keine Psychopharmaka sind. Sonst könnte man nämlich annehmen, dass alle Stoffe, die psychotrop wirken, auch Psychopharmaka sind. Im eigentlichen Sinne sind sie das auch, allerdings nicht im Medizinischen. Ethanol beispielsweise ist zwar eine psychotrope Substanz, jedoch hat sie keine heilende Wirkung auf die Psyche und ist daher nicht als ein Psychopharmakon anzusehen. Ebenso gilt dies für die beiden illegalen Drogen Delta-9-Tetrahydrocanabinol (THC) und Lysergsäurediäthylamid (LSD). Letzteres sollte noch eine Nebenrolle in der Anwendung von Chlorpromazin spielen. Hierzu wird weiter unter Punkt III.3. noch etwas genauer eingegangen.

Schmerzmittel, Antiepileptika und Medikamente gegen Parkinson wirken zwar psychotrop, da sie einen Effekt auf die Psyche haben, sind jedoch keine Psychopharmaka im engeren Sinne der Wirkungsentfaltung von Psychopharmaka als Wirkstoff gegen Neurosen oder Schizophrenie.

Demnach gilt: Psychopharmaka sind psychotrope Stoffe, die eine heilende Wirkung auf psychische Störungen wie Neurosen oder Schizophrenien haben. Alle anderen Substanzen, die diesen speziellen Charakter nicht aufweisen können, sind also keine Psychopharmaka.

I.2. Die 4 Gruppen der Psychopharmaka

Wegen der zum Teil sehr eng definierten Einteilung von Wirksamkeit und Wirkungsspektrum von Psychopharmaka, orientiert man sich an den folgenden vier Gruppen: 1. Antidepressiva, die hauptsächlich Depressionen behandeln, aber auch Phobien und Zwangsstörungen bekämpfen können; 2. Antipsychotika werden vor allem bei Halluzinationen oder Wahnvorstellungen angewandt, können aber auch bei schweren Erregungszuständen eine beruhigende Wirkung entfalten; 3. Anxiolytika sind Medikamente, die allgemein als angstlösende Beruhigungsmittel definiert werden; und schließlich 4. Hypnotika, die als Schlafmittel bekannten Medikamente sind aus unterschiedlichen Substanzen zusammengesetzt.

II. Die chemische Revolution

Nachdem nun ein Überblick über Psychopharmaka, deren Geschichte und Definition gegeben wurde, soll im nächsten Abschnitt die Wegbereitung hin zu der chemischen Revolution von 1950 beschrieben werden.

Als der französische Chemiker Paul Chapentier im Dezember 1950 das Chlorpromazin entdeckte, konnte er vermutlich noch nicht ahnen, dass sein neuer Stoff bereits wenige Jahre später die Behandlung psychisch Kranker von Grun]d auf revolutionieren würde. Das Chlorpromazin verbreitete sich in den folgenden Jahren rasend schnell auf dem gesamten Weltmarkt und sein Erfolg schien tadellos bis kritische Stimmen laut wurden. Im Jahr 1969 nennt Manfred Bleuler bereits über 50 verschiedene Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen des von Pierre Koetschet in den Anfängen noch als „ungiftiges, interessantes Produkt“5 hoch gepriesen wurde. Doch auch er erkannte 1972, dass man zu blauäugig und willkürlich handelte, als man Proben von Chlorpromazin in die halbe Welt verschickte, um sie an Menschen zu testen. In einer akribischen Untersuchung der Heidelberger Patientenakten, in denen notiert wurde, wie die Patienten auf die chemische Revolution der 1950er Jahre ansprachen, veröffentlichte Viola Balz 2010 ihre Ergebnisse in dem Buch Zwischen Wirkung und Erfahrung - eine Geschichte der Psychopharmaka. Neuroleptika in der Bundesrepublik Deutschland, 1950-1980.

II.1. Unsicheres Vorantasten - auf der Suche nach dem Unbekannten

Wie oben erläutert, sind die Forschungen im pharmazeutischen Bereich bereits sehr alt und reichen lange zurück bis die Antike. Doch das hohe Interesse an der Entdeckung neuer chemischer Stoffe ist gerade mal rund 100 Jahre alt.

Die ersten Forschungsbereiche und Anwendungsgebiete waren zum einen im Bereich der Phenothiazinen zu finden. Der bekannteste Stoff unter ihnen war das Methylenblau, das gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts als Mittel gegen Malaria oder starke Kopfschmerzen eingesetzt wurde. Bereits 1881 benutzte Paul Ehrlich Methylenblau zur Einfärbung von Zellen unter dem Mikroskop und setzte es 10 Jahre später auch als Medikament ein. In der Tiermedizin wurde mit Methylenblau Wurmbefall behandelt. Da die Behandlung mit diesem Stoff jedoch starke Nebenwirkungen mit sich brachte und sich in der pharmakologischen Forschung zunächst nicht etablierte, gelang das Interesse an diesem Stoff wieder in den Hintergrund. Man wendete sich ab von der Forschung und kam rund 40 Jahre später wieder auf sie zurück.

Zum anderen finden sich die Forschungen im Bereich der Antihistaminika wieder. Das sind Stoffe, die die Wirkung des körpereigenen Stoffes Histamin hemmen oder unterdrücken. Es wird beispielsweise bei allergischen Reaktionen oder Juckreiz ausgeschüttet.

Untersuchungen und Anwendungstest auf diesem Gebiet in den 1930er Jahren ergaben neben der hauptsächlich antihistaminen Wirkung eine sedative Begleiterscheinung auf das Gehirn der Patienten. In den Laboratorien der süd-französischen Firma Rhône-Poulenc wurde 1942 dieses Ergebnis bekannt und man versorgte umgehend die Soldaten im 2. Weltkrieg ausreichend mit dem Präparat Antergan. In den Folgejahren wurden unzählige Antihistaminika geschaffen. „Jährlich über 100 Artikel“6 zählt der Index Medicus zwischen 1945-1950. Die Anwendungsgebiete der neuen Präparate waren sehr unterschiedlich. Von Schnupfen über Kopfschmerzen und Menstruationsbeschwerden, bis hin zur Seekrankheit und Lungenentzündung war beinahe jedes erdenkbare Unwohlsein Indikator für eine Behandlung mit Antihistaminika. Die sedative Nebenwirkung erkannten die zeitgenössischen Psychiater Daumezon, Cassan und Montassut zwar und wanden daraufhin die Präparate bei Schizophrenen und Manisch-Depressiven an, jedoch blieb der zu erwartende Erfolg aus und die drei Herrschaften gerieten wieder in den Hintergrund.

II.2. Promethazin als Wegbereiter des Chlorpromazins

Ein für die weitere Erforschung der Psychopharmaka sehr entscheidender Moment war die Synthese des Promethazins. Als man 1944 an der antihistaminen Wirkung der Phenothiazine arbeitete, konnte 1946 das Promethazin synthetisiert werden. Da es eine äußerst starke antihistamine Wirkung aufweist, wird es immer noch vertrieben und ist noch heute als Atosil auf dem Markt zu haben.7 Der Stoff wurde von dem französischen Militärchirurg Henri Laborit bei Operationen angewandt, welche die Stress- und Schockzustände von Patienten mildern sollten. Er mischte zu seinem bereits bekannten lythischen Cocktail8 Atosil hinzu und bemerkte sehr schnell eine Wirkung, die angstlösend, hypnotisch und temperatursenkend war. Zudem kam noch hinzu, dass es keine ungewünschten starken Nebenwirkungen aufwies, wie das bisher bei Operationen eingesetzte Morphium.

II.3. Promazin + Chlor => Chlorpromazin

Neben der Synthese des Promethazins gelang es Paul Chapentier das Promazin zu synthetisieren. Ein Schritt, der für die weitere Erforschung auf dem Gebiet der Psychopharmaka von sehr großer Bedeutung sein sollte, war getan.

[...]


1 Balz, Viola: Zwischen Wirkung und Erfahrung - eine Geschichte der Psychopharmaka. Neuroleptika in der Bundesrepublik Deutschland, 1950-1980, Bielefeld 2010, S.123.

2 http://www.onlineberatung-therapie.de/psychopharmaka/psychopharmakon/liste.html, (08.02.2011).

3 Benkert, Otto: Psychopharmaka. Medikamente-Wirkung-Risiken, München 52009., S.11.

4 Ebd., S.11 ff.

5 Bangen, Hans, Christian: Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie, Berlin 1992, S. 69- 107, S.78.

6 Ebd., S.76.

7 Vgl., Rote Liste 2011.

8 Der lythische Cocktail war eine Mischung aus dem Lokalanästhetikum Procain, dem Pfeilgift Curare, TEA und Atropin.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656035480
ISBN (Buch)
9783656035190
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180651
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
Note
1,3
Schlagworte
Medizingeschichte; Pillen; Pharmakologie; Chlorpromazin Arzneimittelversuch Ritalin Valium Antipsychatrie Megaphen Haloperidol Antidepressiva Contergan Psychopharmaka Prosac

Autor

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Titel: Pillen für den Kopf