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Lebus, Lossow, Reitwein

Slawische Burgwallanlagen an der mittleren Oder

Studienarbeit 2006 57 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Inhaltsverazeichnis

1. Einleitung
1.1. EinigeszumLebuser Land
1.2. Forschungsgeschichte
1.3. Zielsetzung

2. Geschichte
2.1. Abriss zur Ur- und Frühgeschichte
2.2. Abriss zur polnisch-deutschen Geschichte

3. Lebus, Lossow, Reitwein
3.1. Lebus
3.1.1. Grabung
3.1.2. Interpretation
3.2. Lossow
3.2.1. Grabung
3.2.2. Interpretation
3.3. Reitwein
3.3.1. Grabung
3.3.2. Interpretation

4. Fazit

5. Verzeichnisse
5.1. Literaturverzeichnis
5.2. Abbildungsverzeichnis

6. Abbildungen

1. Einleitung

1.1. Einiges zum Lebuser Land

Das Land Lebus ist eine Kulturlandschaft an der mittleren Oder, die über Jahrtausende hinweg von Trägern verschiedener Kulturen besiedelt und im Hochmittelalter zum Gegenstand zahlloser Auseinandersetzungen expandierender deutscher und polnischer Herrscher wurde.

Vor allem ging es den Kontrahenten um die günstigen naturräumlichen Eigenschaften der Hochfläche, die nach Westen hin gemächlich ausläuft, nach Osten allerdings vielerorts in Steilhängen zur Oder abfällt; ein Umstand, der für Befestigungen prädestiniert und der die Sicherung wichtiger Verkehrswege erleichtert - so die Flussübergänge für den Handel zwischen Ost und West und auch den Handel auf dem Fluss, der aus Schlesien kommend zur Ostsee führt.

Von daher ist es verständlich, dass die Burgwälle von Lebus und Lossow bspw.1 immer wieder erneuert und ausgebaut wurden und, wie im Fall von Lebus, zu Zentren aufstiegen, von denen aus der Landesaubau auf der eher dünn besiedelten Hochfläche betrieben wurde.2

1.2. Forschungsgeschichte

In zahlreichen mehrjährigen Kampagnen wurden die Burgwälle von Lebus, Lossow und Reitwein systematisch untersucht und dokumentiert. Aufbauend auf den Initiativen C. Schuchhardts und R.Agahds3 um die Jahrhundertwende, ist hier vor allem W. Unverzagt zu nennen, unter dessen Grabungsleitung 1938 die großzügig bemessene Forschungsstelle Lebus eingerichtet werden konnte4 und dessen Forschertätigkeit über Jahrzehnte vor, während und nach dem 2. Weltkrieg sich auf das Gebiet der mittleren Oder konzentrierte und dem wir durch seine regelmäßigen Grabungsberichte in der Ausgrabungen und Funde u. a. die Kenntnis über jene Anlagen verdanken, die in dieser Arbeit thematisiert werden sollen.

Der Krieg selbst erreichte die mittlere Oder spät, nichts desto trotz aber verheerend; die Schlacht um die Seelower Höhen beendete etliche tausend Leben und zerstörte die Forschungsstelle Lebus vollständig. Weder Diapositiv- und Negativarchiv, noch die Grabungsunterlagen sowie große Teile der Funde konnten geborgen werden und es dauerte Jahre, bis nach einer Neukonsolidierung der Ur-und Frühgeschichtsforschung die Untersuchungen wieder aufgenommen oder besser gesagt: neu durch- und nach W. Unverzagts Tod weiter geführt werden konnten.

Die Literaturlage ist bis heute in vielerlei Hinsicht ungünstig. Zwar existieren diverse Grabungsberichte, auch historische Abhandlungen zur Geschichte der Region oder der Slawen in Deutschland5 im Allgemeineren, jedoch erschien noch immer keine Monographie, die sich dem Thema erschöpfend annimmt.

Dass die Originalunterlagen zerstört, die Ortsakten nur mit finanziellem und zeitlichen Aufwand einzusehen und Arbeiten zum Teil nicht mehr vorhanden sind6, kommt erschwerend hinzu.

1.3. Zielsetzung

Basierend auf den Fundberichten und ausgewählten Beiträgen zur Geschichte der Region soll in folgender Darstellung, nach einem historischen Abriss, auf die Grabungen in Lebus, Lossow und Reitwein eingegangen werden. Die Grabungsfortschritte können dabei, da sie zum Teil sehr umfänglich sind, nicht Jahr für Jahr rekapituliert werden, sondern sollen sinnvoll zusammengefasst werden. Die Interpretation der Ergebnisse durch die Ausgräber und Wissenschaftler, die sich mit der Thematik auseinandergesetzt haben, schließt sich daran an.

Diese Erkenntnisse gilt es dann in den historischen Rahmen einzufügen, um die Ergebnisse pointiert in einem Fazit zusammenzustellen, wobei in allen Fällen die slawischen Burgphasen im Mittelpunkt stehen und der Anlage von Lebus aufgrund ihrer Bedeutung die meiste Aufmerksamkeit zukommen soll.

Grenzen für die Bearbeitung des Themas ergeben sich zum einen aus der Literaturlage und zum anderen aus dem Umstand, nicht jeder sich im Verlauf der Abhandlung auftuenden Forschungsdebatte nachgehen zu können. Erinnert sei im Vorfeld bspw. auf die Diskurse zum Zeitpunkt der Einwanderung slawischer Gruppen in das Gebiet oder auch die Assoziation bestimmter Stämme mit Keramikformen, sowie geführte Diskussionen zur Bedeutung und zum Alter der Lossower Schächte.7

2. Geschichte

2.1. Abriss zur Ur-und Frühgeschichte

Bereits im Paläo- und Mesolithikum durchzogen Jäger und Sammler das8, was später das Lebuser Land heißen sollte und auch für das Neolithikum sind zahlreiche Fundstellen belegt9, die ihre Fortsetzung in der Bronzezeit finden, wobei der überwiegende Teil der gemachten Funde den „jüngeren Abschnitten und damit der Lausitzer Kultur zuzuordnen"10 sei; exemplarisch steht hier der Beilhort von Lebus.11 Damals führten soziale Differenzierungen zurAnlegung erster Befestigungen, so in Lebus und Lossow. Diese Anlagen wurden auch in der nachfolgenden frühen Eisenzeit genutzt, sogar dicht besiedelt12, während im übrigen Land lediglich weilerartige Dörfer nachgewiesen werden konnten und auch diese nur in den Niederungen. Die Lebuser Platte blieb weitestgehend unbesiedelt.13 Lossow avancierte damals, ab etwa 800 v. u. Z. zum Kultort. Es waren Träger der Lausitzer Kultur, nachgewiesen anhand der Keramik vom Aurither und Göritzer Typ, die das Land besiedelten.

In der römischen Kaiserzeit siedelten sich germanische Stämme, deren ethnische Zugehörigkeit nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte14, an der mittleren Oder an; vor allem die Hochflächen wurden nun besiedelt, was mit einer Veränderung des Oderpegels in Verbindung zu bringen ist.

Ab etwa 600 u. Z. wanderten slawische Gruppen in das während der Völkerwanderung weitgehend entvölkerte Gebiet ein.15

Da es sich bei den „Leubuzzi" des Adam von Bremen16 nicht um einen Stammesnamen, sondern um die Bezeichnung für die Bewohner des im 12. Jh. polnischen Landes Lebus handelt, macht eine ethnische Zuordnung der Siedler zur Zeit der Einwanderung schwierig. Es scheint sich um eine regelrechte Grenzlage zwischen verschiedenen Formengruppen in diesem Gebiet zu handeln, die in der älteren Literatur verschiedenen Stammesgruppen gleichgesetzt werden. Man denke an Feldberger Keramik und die Wilzen/Lutizen bzw. Tornower Keramik und die Lausitzer, von den Havel-Spreestämmen gar nicht zu reden.17 Die Topographie des Landes, d. h. die Tatsache, dass sich hier Höhenzüge erstrecken, die zur Verteidigung befestigt werden können und dies auch wiederholt wurden, während sich große Gunsträume und Siedlungskammern in Form der Lausitz, des Oderbruchs, des Barnims etc. anschließen, scheint diese These zu stützen. Nach einer Konsolidierungsphase und der Herausbildung schützenswerten Besitzes wurden also die Anlagen von Lossow und Lebus wieder hergerichtet und neue Anlagen, namentlich bspw. Reitwein, sind neu angelegt worden. Sie waren Bastionen der sich entwickelnden Stammesfürstentümer in dieser Region.18

2.2. Abriss zur polnisch-deutschen Geschichte

Die Entwicklungen, die sich dann vollzogen sind denkbar ungünstig für die sich herausbildenden lutizischen Stammesfürstentümer zwischen Elbe und Oder. Im Westen expandierte das Kaiserreich unter der Ottonen und deren Nachfolgern nach Osten und im Osten expandierten die polnischen Piasten nach Westen.19

Dazwischen kämpften die kleineren, teilweise untereinander verfeindeten Herrschaften20 um ihr Fortbestehen, was ihnen auf Dauer jedoch nicht gelang.

Alle drei hier interessierenden Burgen weisen eine starke Zerstörungsschicht auf, die vor das Jahr 1000 u. Z. zu datieren ist, da sich keine spätslawische Drehscheibenkeramik in den betreffenden Brandschichten findet. Den Hildesheimer Annalen zufolge gelang es Mieszko I. 991/2 in einem Eroberungsfeldzug bis zur Brandenburg an der Havel vorzustoßen. In diesem Zusammenhang sind wohl die Zerstörungen zu sehen. Im Anschluss an die Eroberung setzte, wohl bereits unter Mieszkos Sohn, Bolesław Chrobry, mit dem Ende des lO./Anfang des 11. Jh. ein Wiederaufbau der Burgen ein. Vor allem Lebus wurde massiv ausgebaut und bildete das Zentrum des nun entstehenden Lebuser Landes, während die Anlage]n in Lossow verkleinert und die Reitweiner Burg aufgelassen wurde.21

In Lebus enstanden im 11. Jh. Suburbien außerhalb des Burggeländes.22 Die deutschen Expansionen, die seit dem Lutizenaufstand 983 zum Erliegen gekommen waren, liefen mit der Eroberung der Burg Lebus 11O9 durch Heinrich V. wieder an, waren für das erste aber erfolglos; Lebus wurde zurück erobert und 1124/5 zum Bistum erhoben.

Das Gebiet, zwischen Großpolen, Schlesien und Pommern gelegen, war außerordentlich bedeutsam; Lebus, da kein anderes Zentrum vorhanden war, wurde somit zum Brückenkopf einer in welche Richtung auch immer gerichteten Expansion.23 Dadurch lassen sich die zahllosen Auseinandersetzungen um diesen clavis terrae erklären, so z. B. 12O9, als eines der beiden inzwischen entstandenen Suburbien durch Konrad II. v. Wettin zerstört wurde oder auch die Eroberung 1225, sowie die gescheiterten Belagerungen 1229/3O und 1239.

Mit dem Ausbau der Siedlungen unter dem Piasten Heinrich I. (12O1-38) stieg die Bedeutung der Städte, während die des Zentrums Lebus kontinuierlich abnahm. Hinzu kam, dass 1253 das an einem sehr viel günstigeren Flussübergang gelegene Frankfurt mit dem Stadtrecht privilegiert wurde.24

1249 schließlich wurde der dreiteilige Burgberg von Lebus zwischen dem Erzbischof von Magdeburg25 und dem Piastenherzog Bolesław II. zu Liegnitz geteilt.26 Der Bischof erhielt den Turm- und die Hälfte des Schlossberges, Bolesław die andere Hälfte und den Pletschenberg zum Lehen. Dieses trat er aber kurze Zeit später an die gemeinsam regierenden askanischen Markgrafen Johann I. und Otto III. ab, sodass Burg, Stadt und Land Lebus 1252/3 im Besitz von Askaniern und dem magdeburger Erzbischof waren.27

Das Land Lebus war damit de facto aus dem polnischen Staat herausgelöst! Die Zersplitterung der Herrschaftsbereiche über das Lebuser Land - östlich der Oder wurde Sternberg herausgelöst - aber auch das prosperierende Frankfurt setzten der Zentrumsentwicklung von Lebus ein Ende. Der Bischof verließ schließlich 1373/85 endgültig die Stadt, um in Fürstenwalde zu residieren.28 Ansonsten setzte eine spätmittelalterliche Entwicklung ein, die durch zahlreiche Ortsgründungen charakterisiert ist, die aber im weiteren nicht interessieren soll. Dass die Burg bis dahin noch einige Umbauten erfahren hat, bevor große Teile des Hanges abstürzten und sie endgültig brach lag, wird an entsprechender Stelle thematisiert.

3. Lebus, Lossow, Reitwein

3.1. Lebus

3.1.1. Grabung

Auf einer Länge von etwa 500 Metern und einer Breite von 50 bis 100 Metern erstreckt sich in bis zu 50 Metern Höhe der Burgberg von Lebus in unmittelbarer Nähe zur Oder und wird ringsrum durch Steilhänge begrenzt29 ; er liegt dabei zwischen den nachfolgend behandelten beiden Anlagen von Lossow im Süden und Reitwein im Norden und bildet das Zentrum des gleichnamigen Landes, das seinerseits den Kern der Oderlandschaft darstellt.30 Die Anlage ist durch Querrinnen dreigteilt in - von Nord nach Süd - Pletschenberg, Schlossberg und Turmberg, wobei große Teile des zur Oder hin gelegenen Osthangs infolge eines Oderhochwassers abgestürzt sind.

Da sich auf dem Westhang des Schloss- und Pletschenberges Teile der Umwallung erhalten haben und dort auch größere unbebaute Flächen existierten, begannen die planmäßigen Ausgrabungen W. Unverzagts 1938 in diesem Bereich.31 Die Unterlagen der Grabungen bis 1943 gingen verloren, sodass hier leider keine Illustrationen gegeben32 und lediglich die Ergebnisse zuzammengetragen werden können.

Von 1938 bis 1940 wurde zunächst der Pletschenberg durch mehrere Schnitte, so auch durch die Böschung im Westen und das Burginnere untersucht. Die dabei auftretenden Siedlungschichten von bis zu 8 m Mächigkeit konnten durch ihre klare Schichtenfolge wichtige Ergebnisse für die Rekonstruktion der Anlage geben. Es fanden sich Gruben und Pfostenlöcher einer befestigten Siedlung der jüngeren Lausitzer Kultur. Der Wall war zunächst keiner, sondern eine Holzerdemauer, also eine doppelte Palisadenreihe mit einer Erdfüllung und stabilisierenden Holzverbindungen, über der sich ein als solcher angelegter Wall in Kastenkonstruktionsweise erhob, wie er zuvor bereits in Lossow festgestellt werden konnte. Durch die angefallene Fundkeramik des Aurither und älteren Göritzer Typs, sowie eine ostdeutsche Vasenkopfnadel gelang eine Datierung in die späte Bronze- bzw. frühe Eisenzeit. Ein Ausbleiben von Funden des jüngeren Göritzer Typs spicht für eine Auflassung der Anlage auf dem Pletschenberg vor dessen allgemeineru Vebreitung in der Region.33

Es kamen keine Funde aus germanischer Zeit zu Tage - ein Umstand, der zusammen mit der Tatsache einer neuen Oberflächenbildung und nachfolgenden slawischen Fundsachen34 für einen tausendjährigen Hiatus spricht.35

Eine intensive slawische Wiederbesiedlung in mittelslawischer Zeit mit einem damit verbundenen Wiederaufbau der Umwallung in Kastenkonstruktionsweise36, ließ sich laut Unverzagt feststellen.37

Die Datierung gestaltete sich in dieser ersten Grabung offenbar recht schwierig, da nur Keramik bekannt wurde und Analogien aus Kliestow gezeigt hatten, dass einige alte Typen recht langlebig waren; ein Ende fand die Burg jedenfalls Ende des 10. Jh. in einer Brandkatastrophe, nachdem sie in mittelslawischer Zeit bereits zwei Brände und sich anschließende Wiedererrichtungen erfahren hatte.

Nach dem dritten, verheerenden Brand, wurde in spätslawischer Zeit eine erneute Befestigung vorgenommen, zu deren Zweck der Brandschutt zum Aufbau eines neuen, 4 m hohen und 15 m breiten mit Holz durchzogenen Walles verwendet wurde, der seine Stabilität einer bis zu 5 m dicken Lehmschicht verdankte.38 Auch dieser Wall wurde in einem Feuer zerstört, wieder errichtet und bestand längere Zeit fort, wie sich an vielen Siedlungschichten im Innern feststellen ließ.

Für die frühdeutsche Zeit des 13. und 14. Jh. wies Unverzagt eine Burg mit quadratischen Türmen nach, die in Holz-Lehm-Fachwerktechnik errichtet und nach einem Brand in Ziegel-Mörtel-Technik erneuert worden war. Daneben fanden sich Kellerreste eines frühdeutschen Hauses.39

Zu mittelslawischer Zeit bestand nach Angaben der Ausgräber ein Graben auf halber Höhe des westlichen Hanges, sowie seit frühdeutscher Zeit ein Sohlgraben am Fuß der Burg, dessen Wall geköpft und zur Auffüllung des Grabens verwendet worden war.40 Westlich der Burg konnte eine Siedlung in Teilen freigelegt werden, die aus einigen Reihen von Wohnhäusern mit offenen Feldsteinherden und Kellegruben, sowie bis zu 3 m tiefen Vorratsgruben bestand und ins 12. Jh. zu datieren sei. Auch sie wurde durch einen Brand zerstört, mutmaßlich beim Angriff Konrads II. v. Wettin im Jahr 1209. Die Ergenisse der Unverzagt'schen Grabung wurden bestätigt und ergänzt durch weitere Untersuchungen auf dem Pletschenberg durch K.-H. Otto 1971.41

Es schlossen sich ab 1941 Untersuchungen auf dem mittleren Burgbergabschnitt, dem Schlossberg, an. Auch dort war der Osthang des Geländes abgerutscht und es ließen sich in der Abbruchkante Kulturschichten, Kellergruben und Pfostenlöcher ausmachen; eine dichte Bebauung des Areals verhinderte die Anlegung großer Schnitte, es galt, die Schichtenfolge durch kleinere Schnitte zu klären.42 Die Ergebnisse entsprachen denen des Pletschenberges, d.h. auch hier konnte eine urgeschichtliche Besiedlung der ausgehenden Bronze- und beginnenden Eisenzeit nachgewiesen werden, die ihre Fortsetzung nach einer tausendjährigen Brache in mittelslawischer Zeit erfuhr. Tonwannen und Tongefäße sind in diesem Zusammenhang gefunden worden.43 Auch auf dem Schlossberg wurde die mittelslawische Besiedlung durch einen großen Brand beendet. Eine gleichfalls starke, spätslawische Kulturschicht mit Keller- und Vorratsgruben und den darin (in der Kulturschicht) enthaltenen Topfscherben zeugt von einer weiteren Nutzung der Burg. Spuren aus dem 13. und frühen 14. Jh. waren selten, aus dem späten 14. Jh. fehlten sie ganz.44

Einige Überraschung bereitete die Entdeckung eines früheisenzeitlichen Opfergrube, von denen vorher und nachher etliche in Lossow bekannt wurden.45

1942 begannen dann die Arbeiten auf dem südlichen Burgbergabschnitt, dem Turmberg. Sie mussten jedoch 1943 wegen Arbeitskräftemangel infolge der Kriegsnot eingstellt werden.

Zum Turmberg sei gesagt, dass er nicht nur durch eine Rinne vom Schlossberg getrennt ist, sondern zusätzlich durch einen Abschittsgraben mit hochmittelalterlicher Ziegelschuttverfüllung unterteilt ist.46

Eine 1 m starke urgeschichtliche Kulturschicht mit Gruben, Pfostenlöchern und der charakterisierenden Keramik fand sich auf dem südlichen Turmbergabschnitt, wo scheinbar ebenfalls Teile des Hanges unterspült worden waren. Zumindest ließen sich in diesem Bereich Hausreste und Pfostenlöcher nachweisen, obwohl eine Umwallung fehlte.47 Ansonsten stimmen die Befunde mit denen der vorangegangenen Untersuchungen überein, so dass man auch hier eine mittelslawische Wiederinbesitznahme mit einhergehendem Ausbau der Befestigung in der bereits bestehenden Kastenkonstruktionsweise, deren anschließender Zerstörung und einer spätslawischen Erneuerung konstatieren kann. Im Gegensatz zu Schloss- und Pletschenberg wurde auf dem Turmberg jedoch im 13. Jh. eine deutsche Anlage errichtet und beträchtlich ausgebaut, was mit den politischen Umständen in Lebus zu dieser Zeit zusammenhängt, wie sie bereits im Abriss zur Geschichte angedeutet wurden und wie sie in der sich anschließenden Interpretation der Befunde nochmal dargelegt werden.

Kurzum, auf dem Turmberg wurde eine Bischofsburg errichtet, da dieser Teil des Burgberges ab 1249 nicht nur de jure wie zuvor, sondern nun auch de facto dem Magdeburger Erzbischof gehörte. Ergraben wurde der Komplex von I960 bis 1970.48 Angesichts dieser Umstände und da das Thema dieser Arbeit jene Burg nicht wirklich mit einschließt, sollen im folgenden nur die Ergebnisse der Grabungen präsentiert werden49 ; Die Rekonstruktion der slawischen Besiedlung erfolgte im wesentlichen vor Kriegsende, einzig die auf dem Turmberg gewonnen Profile veranschaulichen das, was durch den Krieg zerstört wurde.

Auf dem Turmberg wurde eine unregelmäßig viereckige Burg mit einer exzentrischen Brunnen/ Zisternenanlage50 dokumentiert, die an der Innenseite ihrer Umfassungsmauern zahlreiche Keller aufweist und die über eine zunächst hölzerne Brückenanlage über den Abschnittsgraben im Norden mit dem anschließenden nördlichen Teil des Turmberges in Verbindung stand.

Diese Anlage wurde durch eine steinerne ersetzt (S1- S4), die ihren Zugang zur Burg in einem massiven steinernen Torturm (T) fand, der ebenfalls einen hözernen Vorgängerbau besaß. Steinerne Rundtürme (A, B, H) bewehrten im 15. Jh. die Anlage. Um ein Abrutschen der Mauer - offensichtlich war man sich dieser Gefahr bewusst - zu verhindern, stützten Strebepfeiler (C1-C5) die Mauer. Die Türme, wie die Strebepfeiler, sind dabei jünger als die Mauer, da diese lockere Bodenpartien - bspw. durch urgeschichtliche und slawische Gruben bedingt - mittels Entlastungsbögen (bei B) überspannt, die wiederum mit Feldsteinsetzungen unterfangen werden mussten, um nicht unter der Last der über ihnen errichteten Türme zu kollabieren.51 Es besteht hier also eine ältere Burg mit der Umfassungsmauer und einer hölzernen Brückenanlage aus der 2. Hälfte des 13./ 1. Hälfte des 14. Jh., die im 14./15. Jh. durch die kreisrunden Türme und eine steinerne Brückenanlage - mutmaßlich eine Zugbrücke, da eiserne Kettenglieder und eine Torangel zu Tage traten - ergänzt wurde.52 Die Grabungen wurden 1971 nach Aufnahme eines neuen Pletschenbergprofils abgeschlossen.53

3.1.2. Interpretation

Durch die Grabungen von 1960 bis 1971 entstanden zahlreiche Schnittprofile, die illustrieren, was Unverzagt bereits vor dem Krieg dokumentierte.

So zeigt ein Schnitt durch die Zisterne im Inneren der Burg auf dem Turmberg54 eine Abfolge folgender Besiedlungen: zu unterst, auf dem gewachsenen Boden urgeschichtliche Schichten (G), darüber eine mittelslawische Schicht (F), gefolgt von einer deutlich mächtigeren spätslawischen Schicht (E) und daran anschließend frühdeutsche und deutsche Schichten (D, A). Diese Befunde finden sich nicht nur im Burginnern, sondern ebenfalls in den westlichen Wällen (die östlichen sind abgerutscht).55 So ließen sich während der Grabungen 1962/356 der Göritzer Wall (G) und die Pfostenlöcher zweier Palisadenreihen einer vorhergehenden Holzerdemauer (1, 2) aufzeigen.

[...]


1 Es gibtjedoch noch weit mehr als hier thematisierten drei Burgwälle. Dazu siehe Abb. 1

2 Zur Geologie des Landes Lebus siehe: F. Brose, Einführung in die Geologie, in: M. Aufleger u. a. (Hrsg.), Führer zu arch. Denkmälern in Deutschland 45. Frankfurt an der Oder und das Land Lebus (Stuttgart 2005), 14-22.

3 R. Agahd, Der Burgwall Lossow bei Frankfurt a. O., in: ders. u. C. Schuchhardt, Zwei altgermanische Burgen an der Oder, Prähist Zeitschr. 3, 1911, S. 308-323

4 W. Unverzagt, Bericht des Staatlichen Museums für Vor- und Frühgeschichte 1938/40, Nachrichtenblatt für Deutsche Vorzeit 17, 1941, 246; Abb. 2.

5 J. Herrmann (Hrsg.), Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert (Berlin 19852).

6 Die Diplomarbeit von Hackbarth aus dem Jahr 1958 zur Reitweiner Keramik ist im Archiv der Humboldt-Universität Berlin nicht mehr auffindbar.

7 Die Diskurse werden an entsprechender Stelle kurz skizziert, ansonsten sei auf die Anmerkungen verwiesen.

8 Hierzu S. Eickhoff, Jäger und Sammler im Land Lebus, in: M. Aufleger u. a. (Hrsg.), Führer zu arch. Denkmälern in Deutschland 45. Frankfurt an der Oder und das Land Lebus (Stuttgart 2005), 28-36.

9 E. Kirsch/ G. Wetzel, Die Jungsteinzeit, in: M. Aufleger u. a. (Hrsg.), Führer zu arch. Denkmälern in Deutschland 45. Frankfurt an der Oder und das Land Lebus (Stuttgart 2005), 37-47.

10 F. Schopper, Die Bronzezeit, in: M. Aufleger u. a. (Hrsg.), Führer zu arch. Denkmälern in Deutschland 45. Frankfurt an der Oder und das Land Lebus (Stuttgart 2005), 47-54.

11 SieheAbb.3.

12 Nach Schätzungen lebten in Lossow auf2,8, ha 1850 Menschen, siehe: S. Griesa/ F. Schopper, Die Eisenzeit, in: M. Aufleger u.a. (Hrsg.),Führer zu arch. Denkmälern in Deutschland 45. Frankfurt an der Oder und das Land Lebus (Stuttgart 2005), 55-63.

13 a. a. O. 58 f

14 Nach E. Schultze, Die römische Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit, in: M. Aufleger u.a. (Hrsg.), Führer zu arch. Denkmälern in Deutschland 45. Frankfurt an der Oder und das Land Lebus (Stuttgart 2005), 72 f. sind Burgunden in dieser Region belegt und bestehen Bezüge zu den Thüringern.

15 Zur Frage der Einwanderung der Slawen siehe 4. Fazit.

16 U. Fiedler, Das Land Lebus in plastischer Zeit. In: Centrum i zaplecze we wczesnóredniowiecznej Europie Środkowej. Spotkania Bytomskie 3 (Wrocław 1999) 212.

17 Ein Verfechter der ethnichen Zuordnung von Keramik ist J. Herrmann. Ders., Siedlung, Wirtschaft und gesellschaftliche Verhältnisse der slawischen Stämme zwischen Oder/Neiße und Elbe. Dt. Akad. Wiss. Berlin, Sehr. SektionVor- u. Frühgesch. 23 (Berlin 1968), 39-77.

18 Vgl. Th. Kersting, Die Slawenzeit, in: M. Aufleger u. a. (Hrsg.), Führer zu arch. Denkmälern in Deutschland 45. Frankfurt an der Oder und das Land Lebus (Stuttgart 2005), 74-82.

19 Abb.4.

20 Erinnert sei an die Feindschaft zwischen Obodriten und Wilzen.

21 Vgl. J. Herrmann, Das Land Lebus und seine Burgen westlich der Oder. In: P. Grimm (Hrsg.), Varia Archaeologica [Festschrift W. Unverzagt]. Dt. Akad. Wiss. Berlin, Sehr. SektionVor- u. Frühgesch. 16 (Berlin 1964), 268-277.

22 Fiedler (wie Anm. 16)215.

23 Unverzagt (wie Anm. 4) 246 bemerkt, dass die preußische Ostexpansion nur durch die Eroberung des Lebuser Landes und der Oder bis zur Mündung realisiert werden konnte; ansonsten siehe Zusammenfassung bei Fiedler (wie Anm. 16)218.

24 An dieser Stelle sei die Vermutung geäußert, dass ein Ausbau von Lossow statt Lebus durch die Piasten günstiger gewesen wäre, hätte sich dieses doch unweigerlich zu einer Stadt von der damaligen Bedeutung Frankfurts entwickeln müssen; einen Überblick über die historischen Abläufe bietet Kersting (wie Anm. 18).

25 Heinrich V. gab dessen Vorgänger 1109 die Burg, da dieser sie belagert hatte. Seit dem erhoben die Erzbischöfe von Magdeburg Anspruch aufLebus.

26 Durch diverse Erbstreitigkeiten zerfiel der Piastenstaat in Fürstentümer. Bolesław II. zu Liegnitz gehörte Lebus, jedoch war er in den Konflikten aufUnterstützung angewiesen, die er sich auf diese Art sicherte.

27 Das Ringen um die Vorherrschaft war generell ein Kräftemessen zwischen Askaniern, Wettinern und den

Erzbischöfen von Magdeburg mit den Piasten, zahlreiche dynastische Verbindung (Heinrich ist ein eher untypischer Name für einen polnischen Herzog) seit der Ottonenzeit entwirren die außerordentlich komplizierte Situation nicht unbedingt.

28 Fiedler(wie Anm.l6)218.

29 SieheGesamtplanLebus,Abb.5.

30 Siehe Karte des Lebuser Landes, Abb. 6.

31 Unverzagt (wie Anm. 4) 246 ff.

32 Ausnahme: Überblick über die (Vor)kriegsgrabungen, Abb. 7. Der Pletschenberg fehlt in der Abbildung.

33 Unverzagt (wie Anm. 4) 248 f.; siehe Abb. der urgeschichtlichen Keramik, Abb. 8. Diese steht exemplarisch auch für die in Lossow auftretenden Funde gleichen Typs.

34 Zur Keramik, die hier stilistisch nicht weiter untersucht wird siehe Abb. 25-29.

35 Unverzagt (wie Anm. 4) 249.

36 Mehr dazu bei Lossow; siehe Agahd (wie Anm. 3).

37 Unverzagt (wie Anm. 4) 249 f.

38 Ebd.

39 Unverzagt (wie Anm. 4) 250 ff.

40 Ebd.

41 Dazu Punkt 3.1.2. Interpretation.

42 Siehe Abb. 7 a-f.; vgl. W. Unverzagt, Ausgrabungen in der Burg von Lebus/Oder während der Jahre 1941 bis 1944, Ausgr. u. Funde 3, 1958, 119-126.

43 a. a. O., S. 121 f.

44 Ebd.

45 Siehe Abb. 7 e, Literatutrhinweise finden sich bei 3.2. Lossow.

46 Unverzagt (wie Anm. 42) 122 f.; Abb. 7 h.

47 Ebd.; Der die Burg umziehende Graben fehlt auf der Südseite gänzlich.

48 Alle Informationen zu denjährlichen Grabungsfortschritten finden sich in zum Teil sehr knappen Berichten bei:W. Unverzagt, Ausgrabungen in der Burg von Lebus/Oder während der Jahre 1962 und 1963, Ausgr. u. Funde 9, 1964, 151-153.; W. Unverzagt, Ausgrabungen in der Burg von Lebus/Oder während des Jahres 1964, Ausgr. u. Funde 10, 1965, 150-152.; W. Unverzagt, Ausgrabungen in der Burg von Lebus/Oder während des Jahres 1965, Ausgr. u.

Funde 11, 1966, 167-170.; W. Unverzagt, Ausgrabungen in der Burg von Lebus/Oder während der Jahre 1966 und 1967, Ausgr. u. Funde 13, 1968, 158-160.; W. Unverzagt, Ausgrabungen in der Burg von Lebus/Oder während des Jahres 1968, Ausgr. u. Funde 14, 1969, 161-162.; W. Unverzagt, Ausgrabungen in der Burg von Lebus/Oder während des Jahres 1969, Ausgr. u. Funde 15, 1970, 174-177.; K.-H. Otto, Das Pletschenbergprofil der Burg von Lebus/Oder, Grabung des Jahres 1971, Ausgr. u. Funde 17, 1972, 159-163.; K.-H. Otto, Die Burg Lebus, Kr. Seelow, Ausgr. u. Funde 21, 1976, 161-162.

49 Siehe Abb. 9.

50 Siehe Abb. 10.

51 SieheAbb.il.

52 W.Unverzagt,AusgrabungeninderBurgvonLebus/Oderwährenddes Jahres 1968,Ausgr.u.Funde 14, 1969, 161.

53 Siehe dazu Pletschenbergprofil, Abb. 12 a-c.

54 Siehe Abb. 13 a-b.

55 Siehe Abb. 14.

56 W. Unverzagt, Ausgrabungen in der Burg von Lebus/Oder während der Jahre 1962 und 1963, Ausgr. u. Funde 9, 1964, 151-153.

Details

Seiten
57
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656035770
ISBN (Buch)
9783656035640
Dateigröße
21.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180608
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Schlagworte
lebus lossow reitwein slawische burgwallanlagen oder

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Titel: Lebus, Lossow, Reitwein