Lade Inhalt...

Vorstellungen vom Paradies und der Dschihad

Ein Überblick durch Quellenarbeit anhand des Koran und frühislamischer Dschihad-Literatur

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 21 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abriss: Entwicklung der Idee des ğihād im Laufe der Jahrhunderte

3. Das Paradies
3.1. Dem Paradies einen Namen geben
3.2. Vorstellungen vom Paradies im Koran

4. Literarische Aufbereitung und Darstellung von koranischen Quellen und Ahādīt

5. Paradiesvorstellungen in der ğihād-Literatur am Beispiel des „Masāri‘ al-‘uššāq“ von Ğa’far Ibn-Ahmad as-Sarrāğ al-Qārī

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Berichte über das koranische Paradies haben Einzug in die internationalen Massenmedien gefunden, seitdem islamistisch begründeter Terrorismus vor allem durch die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit verstärkt auf sich gezogen hat.

Bei dem Versuch hauptsächlich europäischer und US-amerikanischer Medien, islamistischen Terrorismus zu beschreiben und zu ergründen, findet immer wieder die Vorstellung Erwähnung, einen im Kampf umgekommenen Muslim erwarteten im Paradies 70 Jungfrauen. Auf der Suche nach Erklärungsansätzen für Selbstmordattentate sind diese Publikationen – und somit letztendlich auch die öffentliche Meinung – zu dem Schluss gekommen, bei dieser (stark sexualisierten) Vorstellung handele es sich um einen der Hauptbeweggründe für einen Attentäter muslimischen Glaubens, seinen eigenen Tod bei einem Anschlag in Kauf zu nehmen.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich daher mit Paradiesvorstellungen aus der frühislamischen Zeit auseinandersetzen, da diese bis heute die Grundlage des Bildes vom Paradies stellen, das in der islamischen Gemeinde, aber auch in islamistischen Kreisen vorherrscht. Um diese Herangehensweise in den richtigen Kontext zu setzen, werde ich vorab kurz skizzieren, inwieweit sich das Konzept des ğihād in der von mir betrachteten Zeitspanne (bis etwa ins 12. Jh. n.Chr.) bis heute, da es im medialen Diskurs eine prominente Rolle einnimmt, verändert hat.

Die Arbeit ist so gegliedert, dass zuerst Paradiesvorstellungen aus dem Koran anhand von Sekundärliteratur und Übersetzungen angeführt werden, um dann im zweiten Teil Paradiesvorstellungen aus der frühislamischen ğihād-Literatur vorzustellen. Dabei habe ich Auszüge aus den Werken von Ğa’far Ibn-Ahmad as-Sarrāğ übersetzt.

Auf Basis dessen lassen sich anschließend Vergleiche anstellen: Welche Vorstellungen entspringen dem Koran, und welche Vorstellungen wurden später durch die Autoren der ğihād-Literatur hinzugefügt? Vor allem soll durch diese Betrachtung auch untersucht werden, welche Vorstellungen auf diesem Gebiet existieren, die heute eventuell vernachlässigt werden.

Die Frage nach den Beweggründen von Selbsttötungsattentätern beschäftigt diverse Journalisten und Wissenschaftler. Sie zu beantworten, ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich (wobei zu bezweifeln ist, ob sie jemals vollständig beantwortet werden wird). Es geht vielmehr darum, herauszufinden, wie sich Gläubige der Frühzeit das Paradies vorstellten. Dementsprechend werde ich hier auch nicht der Frage nachgehen, welche der verwendeten Quellen von religiösen und/oder wissenschaftlichen Autoritäten als „glaubwürdig“, sprich auf den Propheten rückführbar oder nicht, angesehen werden – ich bin der Meinung, dass Texte und Abhandlungen sehr wohl einen Einfluss auf die Gemeinschaft der Gläubigen haben können, auch wenn sie in bestimmten Diskursen angezweifelt werden. Nicht zuletzt lässt sich durch die Gegenüberstellung koranische Vorstellung – literarische Vorstellung auch zeigen, inwieweit religiöse Schrift und das Verständnis einiger Gläubigen eventuell auseinanderdriften.

Verwendet wird in dieser Arbeit die Umschrift entsprechend der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft; wobei gängige Begriffe, die in anderer Schreibweise in die deutsche Sprache eingegangen sind, der Einfachheit halber in dieser Form übernommen werden.

2. Abriss: Entwicklung der Idee des ğihād im Laufe der Jahrhunderte

Auch wenn in dieser Arbeit das Phänomen des ğihād ebenso wie religiös legitimierter Krieg im Allgemeinen nicht erklärt werden soll oder kann, möchte ich ergänzend zur Einleitung einen kurzen Überblick zur Entwicklung des ğihād geben. Ich halte dies für sinnvoll, da vor dem Hintergrund dieses Wissens der Leser in den folgenden Abschnitten die Paradiesvorstellungen auch dahingehend einordnen kann, als dass er ihre unterschiedliche Funktionalität in der Gesellschaft erkennt. Auch dies ist ein wichtiger Aspekt der in dieser Arbeit vorgenommenen Betrachtung.

Die semantische Bedeutung des arabischen Wortes ğihād hat nach Firestone keine Verbindung zu dem Begriff „Heiliger Krieg“ oder selbst „Krieg“[1] im Allgemeinen. Es kommt von der arabischen Wurzel j-h-d, deren Bedeutung „sich anstrengen“, „sich einsetzen“ oder „außerordentliche Schmerzen ertragen“ ist. Ğihād ist ein Infinitiv vom dritten Stamm des Verbs ğahada, das ursprünglich bedeutet „seine größte Kraft, Mühe oder Möglichkeit aufbringen, mit einem Objekt der Missbilligung zu kämpfen“[2]. Zumeist stammt ein solches Objekt aus einer der folgenden drei Kategorien: 1. wahrnehmbarer Feind, 2. Teufel und 3. Aspekte des eigenen Selbst[3]. Auf diese Weise entfaltet sich also ein breites Feld dessen, was als ğihād bezeichnet werden kann.

Verweise auf den ğihād und seine Durchführung finden sich bereits im Koran, wobei auch dort die unterschiedlichsten Kategorien, die im vorhergegangenen Absatz schon erwähnt wurden, Berücksichtigung finden. Explizit auf den Kampf bezieht sich unter anderem Sure 4, 76:

„Wer da glaubt, kämpft in Allahs Weg, und wer da nicht glaubt, kämpft im Weg des Taġūt[4]. So bekämpfet des Satans Freunde. Siehe, des Satans List ist schwach.“[5]

Weiterhin wird die Bedeutung des Kampfes aus Sure 9, 81-83, deutlich:

„Es freuten sich die in ihren Wohnungen Zurückgebliebenen[6], dem Gesandten Allahs zuwider gehandelt zu haben, und hatten keine Lust, mit Gut und Blut in Allahs Weg zu eifern und sprachen: ‚Ziehet nicht aus in der Hitze.’ Sprich: ‚Dschahannams[7] Feuer ist heißer.’ O daß sie es doch begriffen!

Und so mögen sie wenig lachen und viel weinen für ihr Tun.

Und so dich Allah heimkehren läßt zu einer Anzahl von ihnen und sie dich um Erlaubnis bitten hinauszuziehen, so sprich: ‚Nimmerdar sollt ihr mit mir ausziehen und nimmerdar sollt ihr mit mir wider einen Feind kämpfen. Siehe, es gefiel euch das erste Mal (daheim) zu sitzen, und so sitzet (daheim) mit den Daheimgebliebenen.’“[8]

Das Konzept des Kampfes für den Glauben im Sinne eines tatsächlichen Krieges ist also von Anbeginn des Islam bekannt. Für Diskussionen sorgen heute vor allem Sure 9, 5; 9, 13-14 und 9, 29. Ersterer Vers lautet:

„Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener wo ihr sie findet, und packet sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Armensteuer zahlen, so laßt sie ihres Weges ziehen. Siehe, Allah ist verzeihend und barmherzig.“[9]

Zwei weitere Verse der Sure 9, 13-14, ergänzen:

„Wollt ihr nicht kämpfen wider ein Volk, das seinen Eid brach, und das da plant, den Gesandten zu vertreiben, und die zuerst mit euch (den Streit) angefangen haben? Fürchtet ihr sie etwa? Doch Allah ist würdiger, von euch gefürchtet zu werden, so ihr gläubig seid.

Bekämpfet sie; Allah wird sie strafen durch eure Hände und sie mit Schmach bedecken und wird euch Sieg über sie verleihen und wird heilen die Brüste[10] eines gläubigen Volks.“[11]

Und letztlich sagt Vers 29 derselben Sure:

„Kämpfet wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward, die nicht glauben an Allah und an den Jüngsten Tag und nicht verwehren, was Allah und Sein Gesandter verwehrt haben, und nicht bekennen das Bekenntnis der Wahrheit, bis sie den Tribut aus der Hand[12] gedemütigt entrichten.“[13]

Für Aufregung in der modernen Auseinandersetzung mit dem ğihād sorgen diese Verse deshalb, weil sie sich explizit gegen Andersgläubige – in diesem Fall als „Ungläubige“ bezeichnete – richten. Obwohl sowohl zur Frühzeit des Islam als auch heute die Aufforderung zum bewaffneten Kampf aus diesen Textstellen des Korans herausgelesen werden kann, steht der Begriff ğihād heute für ein anderes Vorgehen als es Muhammad und seine Zeitgenossen praktizierten. Wie bereits einleitend erwähnt, wird heute mit ğihād der „heilige“, sprich religiös motivierte Krieg, konnotiert, wie ihn islamistische Terrorgruppen ausgerufen haben. In den meisten Fällen beinhaltet dieser Krieg Selbstmordattentate gegen Zivilisten, Institutionen und auch Soldaten. In der islamischen Frühzeit existierte die Idee, sich beim „Kampf im Namen Allahs“ zwangsläufig selbst zu töten, nicht. Die Gläubigen waren dazu aufgerufen, im Kampf (zum Beispiel gegen die Mekkaner) vor nichts zurückzuschrecken; die Angst vor dem Tod wurde ihnen genommen, indem man ihnen einen besonderen Platz im Paradies versprach[14]. Die proaktive Selbsttötung beinhaltete dieses Vorgehen aber nicht. Vielmehr konnte sich die frühislamische Gemeinde aufgrund ihrer Größe aus taktischen Gründen gar nicht erlauben, ihre Mitglieder direkt zum Kampf mit definiter Todesfolge aufzurufen. Somit lässt sich in der Unterscheidung zwischen ğihād der Früh- und ğihād der Neuzeit vor allem ein strategischer Unterschied ausmachen.

In der Frühzeit[15] handelte es sich somit vor allem um einen von einer Autorität ausgerufenen Kampf (zumeist eines Heeres oder einer Kampftruppe), der auf diese Weise bereits seine Legitimation erhielt. Indem sich aber die Struktur der muslimischen Gemeinschaft dahingehend änderte, dass es nach dem Fall des Osmanischen Reiches 1924 keine politisch-religiöse Autorität mehr gab, die diesen Kampf ausrufen konnte, begann die vermehrte Suche nach einer neuen Strategie[16]. Aus Legitimationsgründen werden auch hier zitierte Koranverse immer wieder von Religionsgelehrten ausgelegt und geprüft[17]. Auf islamistischer Seite ist dies der Fall, um eine grundlegende Rechtfertigung für Attentate auf „Ungläubige“ zu erreichen, also auf Andersgläubige sowie auf Muslime, die ihren Glauben nicht korrekt leben.

[...]


[1] Firestone definiert Krieg folgendermaßen: „In most general terms, however, war may be defined as an organized, purposeful activity directed by one established group against a rival group that involves actual or potential application of lethal force.“ Vgl. FIRESTONE, 1999: S. 14

[2] Diese Information stammt aus: Lane, E.W.: An Arabic-English lexicon: derived from the best and most copious Eastern sources, Beirut: Libraire du Liban, 1997. Die vorliegende, nachgedruckte Erstausgabe stammt aus dem Jahre 1865. Die Ausgabe des Wörterbuchs von Hans Wehr aus dem Jahr 1976 verzeichnet übrigens als Bedeutung „sich bemühen“, „streben“, „kämpfen“ und letztlich „den hl. Krieg gegen Ungläubige führen“.

[3] FIRESTONE, 1999: 16.

[4] Nach Wehr: „Götze“, „Verführer (zum Irrtum)“. Siehe WEHR, 1976: 508.

[5] HENNING, 2010: 79.

[6] Hennings Anmerkung hierzu: „Dies soll sich auf die beziehen, welche nicht in der Schlacht bei Tabūk teilnahmen.“ Siehe HENNING, 2010: 172.

[7] Arab. für „Hölle“.

[8] Ebd.

[9] Ebd.: 162.

[10] Hennings Anmerkung hierzu: „Die Herzen.“ Siehe ebd.: 163.

[11] Ebd.

[12] Hennings Anmerkung hierzu: “D.h. ohne Vermittler.“ Siehe ebd.: 165.

[13] HENNING, 2010: 165.

[14] Selbstverständlich gehört in diesen Zusammenhang der Begriff „Märtyrer“. Ich habe ihn in dieser kurzen Einführung bewusst ausgeklammert, da ich ihn für relativ subjektiv geprägt und, in erneutem Verweis auf den medialen Diskurs in diesem Zusammenhang, sehr behaftet halte. Die Debatte darüber, welcher Kämpfer ein Märtyrer ist und welcher keiner (und aus welchen Gründen), möchte ich daher auch aus Platzgründen aussparen.

[15] Einen ausführlichen Einblick in den Ablauf kriegerischen Handelns bietet die Prophetenbiografie (sīra) des Ibn Ishāq, M.: The life of Muhammad: a translation of Ishāqs Sīrat Rasūl Allāh, übers. von A. Guillaume, London [u.a.]: Oxford University Press, 1955.

[16] COOK, 2005: 93.

[17] Als Beispiel kann hier der Fernsehprediger Yūsuf al-Qaradāwī gelten, der vorab genannte Koranverse auslegt, um Selbstmordattentate auf Israelis zu rechtfertigen. Vgl. http://www.islamonline.net/servlet/Satellite?cid=1135167134062&pagename=IslamOnline-English-Ask_Scholar%2FFatwaE%2FPrintFatwaE, zuletzt aufgerufen am 04.01.2011.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656034056
ISBN (Buch)
9783656034667
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180599
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Asien-Afrika-Institut
Note
1,5
Schlagworte
Islam Dschihad Frühislam Geschichte Quelle Texte Literatur

Autor

Zurück

Titel: Vorstellungen vom Paradies und der Dschihad