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Die Levellerbewegung in der englischen Revolution - Durchsetzbare politische Option oder nicht zu realisierende Idealvorstellung?

Essay 2011 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Levellerbewegung im Rahmen der englischen Revolution
2.1 Die englische Revolution und die Entstehung der Levellers
2.2 Ideologie und Programmatik der Levellerbewegung
2.3 Chancen und Grenzen der Leveller-Politik im Rahmen ihrer Zeit

3. Fazit

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die westeuropäische Leitkultur gründet auf basisdemokratischen Werten, die gerne als Bestandteil des kollektiven Bewusstseins dargestellt werden. Sie haben ihre Ursprünge in einer der prägendsten geistesgeschichtlichen Epochen: dem Zeitalter der Aufklärung. Gewaltenteilung, freie Wahlen, eine Verfassung und die Möglichkeit zur politischen Teilhabe des Volkes werden gerne als Errungenschaften präsentiert, die auf große Staatstheoretiker wie Jean-Jacques Rousseau oder Montesquieu zurückgehen. Sicherlich nehmen diese und andere eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des westeuropäischen Demokratieverständnisses ein, dennoch dürfen auch früher Ansätze und demokratischen Bemühungen nicht verkannt werden. Das kollektive Bewusstsein orientiert sich in solchen Fällen jedoch gerne am Grad des „Erfolgs“ und der Popularität staatstheoretischer und geistesgeschichtlicher Überlegungen. Hier überragen die theoretischen Konstrukte, die während der Aufklärung entstanden, früher Beispiele, wie sie die Levellerbewegung im Rahmen der englischen Revolution liefert, um einiges. Ihre Tradierung im Rahmen der Geschichte der Demokratie bleibt daher wohl in den meisten Fällen aus.

Doch auch Demokratisierungsprozesse sind keine logische oder unabwendbare Konsequenz der staatstheoretischen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts. Demokratie als Staatsform ist in vielen Fällen ein reines Exportprodukt. Im Nachfeld des Zweiten Weltkrieges und auch im Rahmen der militärischen Konflikte der vergangenen Jahrzehte taucht der Begriff der Demokratisierung immer wieder als Legitimationsgrundlage für militärisches Vorgehen auf. Die Position der Verfechter scheint hierbei ebenso einleuchtend wie die der Gegner, meist der amtierenden politischen Machthaber in nicht-demokratischen Staaten, die Demokratie als Gefahr für ihre Machtposition einschätzen und so demokratische Bestrebungen von innen und außen zu bekämpfen versuchen.

Auch im England des 17. Jahrhunderts sehen wir uns mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Die englische Revolution bot die Möglichkeit zu radikalen politischen Umwälzungen. Diese wollten die Levellers für sich nutzen. Unter Anbetracht des historischen Kontextes ist jedoch nach den Chancen der Durchsetzbarkeit dieser Forderungen zu fragen. Handelte es sich hier um die demokratischen Idealvorstellungen einiger weniger, die ihrer Zeit noch voraus waren, oder barg die Levellerbewegung das Potenzial sich realpolitisch zu etablieren? Dies soll die zentrale Fragestellung dieser Arbeit werden. Um jedoch eine Antwort zu finden, ist die Klärung des historischen Kontextes ebenso von Nöten wie die Erläuterung der Entstehung und des Wirkens der Levellers.

Festzuhalten ist, dass am Ende der englischen Revolution, nach kurzzeitiger Etablierung einer „Republik“, wieder das Königtum stand. Der Weg dorthin war allerdings, wie in vielen revolutionären Prozessen, nicht vorgezeichnet.

2. Die Levellerbewegung im Rahmen der englischen Revolution

2.1 Die englische Revolution und die Entstehung der Levellers

„Am Anfang der Englischen Revolution stand eine Politik des Widerstands.“ [1]

Die Ursachen für die englische Revolution sind zu zahlreich und komplex, um sie an dieser Stelle umfassend darstellen zu können; sie erstrecken sich aber von religiösen über gesellschaftspolitische Fakotern bis hin zur Person Karls I. Seine finanzielle Notlage, die durch den Konflikt mit Schottland entstanden war, brachte ihn aber in die Lage die heterogene Masse seiner politischen Widersacher in einem Parlament zu vereinigen[2]. Peter Wende beurteilt die Einberufung des Parlaments als folgenschwere Entscheidung: „Nichts verdeutlichte den Zusammenbruch der Autorität der Regierung so sehr wie die Ereignisse der beiden Parlamentswahlen des Jahres 1640“[3]. Sollte das erste Parlament des Jahres 1640, das sogenannte Kurze Parlament nur wenige Wochen Bestand haben, so überdauerte das darauf folgende Lange Parlament den König. Das Lange Parlament versuchte in seinen Anfangsjahren die eigene Position gegenüber dem Monarchen zu stärken, oder besser gesagt, dessen Position zu schwächen, so zum Beispiel in Form des 'Triennal Act'[4]. Folgt man den Ausführungen Wendes, so ist diese erste Phase der Revolution, die bis 1642 andauerte, als konservative Revolution zu charakterisieren[5]. Sie endete mit der 'Grand Remonstrance' vom November 1641, in der das Parlament die Verfehlungen der letzten Jahre seitens der Krone anprangerte[6]. Dieser öffentlichen Beschwerde schloss sich die Forderung nach einem parlamentarisch geprägten Regierungssystem, in Form der 'Nineteen Propositions' an[7]. Im sich anschließenden Bürgerkrieg standen die Truppen des Parlaments denen des Königs gegenüber. Im Laufe dieses militärischen Konflikts sollten die unterschiedlichen Intentionen der Opposition immer mehr an Bedeutung gewinnen. Das wohl bekannteste Beispiel für diesen Trend ist die Entstehung der 'New Model Army'. Sie war das Ergebnis der Reorganisation der parlamentarischen Armee unter der Führung von Sir Thomas Fairfax und Oliver Cromwell. Die 'New Model Army' bestand zwar zu einem Großteil aus Mitgliedern ihrer Vorläufermodelle, entwickelte sich aber in Richtung eines religiös-politischen Faktors[8]. Sie trat erstmals in der Schlacht von Naseby im Juni 1645 in Erscheinung und „fügte […] einer der Hauptarmeen des Königs eine entscheidende Niederlage bei.“[9]. Doch auch die 'New Model Army' war gegenüber der verschiedenen politischen Prägungen nicht resistent. „[...] ihre politischen Aktivitäten waren vielmehr durch das Spannungsverhältnis von gemäßigter Führungsspitze […] und politisch radikalisierten Heeresteilen bestimmt.“[10]. Die „radikalisierten Heeresteile“, die sogenannten 'Agitators', wiesen grundlegende Überschneidungen mit den Forderungen der Levellerbewegung auf und dienten zeitgleich als Träger und Verbreiter der politischen Ziele[11]. Die Ursprünge der Levellerbewegung sind in der Forschung noch umstritten. Es gibt jedoch Hinweise, dass schon vor 1647, dem Jahr der Veröffentlichung des Flugblattes 'The Case of the Army Truly Stated', an dessen Erscheinung die Levellers mitwirkten[12], einige grundsätzliche Forderungen formuliert wurden[13], auch wenn diese eher auf spätere Anhänger als auf ein Organisation zurückzuführen sind[14]. Wie von Greyerz richtig anmerkt, sind die wirtschaftlichen Forderungen schon als eindeutiges Indiz für die soziale Positionierung der Levellers als Bestandteil der unteren Mittelschicht zu verstehen[15]. Als politischer Faktor traten die Levellers jedoch erst in den Jahren 1647/48, unter der Führung von John Lilburne, William Walwyn und Richard Overton, auf[16].

Um die Geschichte und schließlich auch das Ende der Levellers nachvollziehen zu können, ist es unabdingbar sich ihrer Verfassungsentwürfe und Forderungen anzunehmen, bevor diese auf ihre Durchsetzbarkeit überprüft werden können.

2.2 Ideologie und Programmatik der Levellerbewegung

Das Ende des Bürgerkriegs, die Gefangennahme Karls I. und seine Hinrichtung im Jahr 1649 hinterließen in England ein Machtvakuum. Jede involvierte Gruppierung hatte eigene Vorstellungen darüber, wie dieses Vakuum zu füllen sei. Die Levellers verfolgten hier den wohl radikalsten Ansatz, denn sie gaben sich nicht mit einer reinen Umstrukturierung der monarchischen Staatsform zufrieden. Frances D. Dow betont den innovativen Ansatz, den die Levellerbewegung verfolgte[17]. Dieser lässt sich anhand ihrer Schriften und Veröffentlichungen eindeutig nachweisen. Die 'Agreement of the People' erschienen in insgesamt drei Ausführungen und bilden das zentrale politische Vermächtnis der Levellerbewegung, wobei anzumerken ist, dass es auch innerhalb der Levellers unterschiedliche Ausrichtungen gab[18]. Dementsprechend weisen sie gewisse Unterschiede auf, die in ihren Ursprüngen bereits Hinweise zur Beantwortung der zentralen Fragestellung, die dieser Arbeit zugrunde liegt, liefern.

Die ersten beiden Versionen des Agreements entstanden im Umfeld der 'Putney Debates', die im Jahr 1647 stattfanden, mit dem Ziel den englischen Staat neu zu organisieren. Hier trafen radikale auf gemäßigtere Positionen. Die Agreements der Levellers bilden in diesem Kontext „[...] a landmark in the history of constitutional theory.“[19]. Blieb die erste Version des 'Agreement of the People' noch recht vage bezüglich der konkreten politischen Umsetzung, so wurde dieser Missstand im Dezember 1648 behoben. Ein Hauptaugenmerk lag hierbei auf den Parlamentswahlen. Zu diesem Thema erfolgten zahllose Bestimmungen, unter anderem eine genaue Festschreibung der Stimmanteile pro Bezirk[20]. Prägend für diese ersten Verfassungsentwürfe ist sicherlich die Abkehr von primär militärischen Forderungen, wie sie noch in 'The Case of the Army Truly Stated' erfolgt waren[21], hin zur Vertretung bürgerlicher Interessen, die sich beispielsweise in der Forderung nach Religionsfreiheit äußerten[22]. Die Levellerbewegung war zu diesem Zeitpunkt durchaus zu politischen Zugeständnissen bereit[23]. Die Fassung des 'Agreement of the People', die im Januar 1649 dem Parlament vorgelegt wurde, verzichtete sogar auf die „Forderung nach Religions- und Gewissensfreiheit.“[24].

Das eigentliche politische Vermächtnis der Levellers entstand im Tower von London, in dem Lilburne, Overton, Prince und Walwyn in Folge der Veröffentlichung von Lilburne 'Englands New Chaines' einsaßen. Die Schrift wurde als Angriff auf die innere Stabilität der Armee gewertet[25]. Bereits während der 'Whitehall Debates', die um den Jahreswechsel 1648/49 abgehalten wurden, war die Position der Levellerbewegung deutlich geschwächt worden und sollte fortan in der Realpolitik keine Rolle mehr spielen[26]. Dieser Konstellation entsprang jedoch der finale Verfassungsentwurf[27], der zeitgleich das politische Manifest der Levellers darstellt, da er ohne jegliche Zugeständnisse an politische Partner formuliert wurde. Die Verfasser verbreiten das Postulat der Friedenssicherung und stellen in Folge in 30 Artikeln ihre politischen Ansichten da, die Religionsfreiheit, Rechtsgleichheit, die Auflösung des Langen Parlaments, wirtschaftliche Liberalisierung und genaue Regelungen zur Neuwahl des Parlaments umfassen[28].

[...]


[1] Peter Wende, Probleme der englischen Revolution, Darmstadt 1980, S.60.

[2] Vgl. Kaspar von Greyerz, England im Jahrhundert der Revolutionen. 1603-1714, Stuttgart 1994, S.166.

[3] Peter Wende, Probleme der englischen Revolution, S.59.

[4] Vgl. Austin Woolrych, Britain in Revolution: 1625-1660, New York 2002, S.167.

[5] Vgl. Peter Wende, Probleme der englischen Revolution, S.61.

[6] Vgl. Ebd., S.69.

[7] Vgl. Kaspar von Greyerz, Jahrhundert der Revolutionen, S.178.

[8] Vgl. Jürgen Diethe, Wir das freie Volk von England. Aufstieg und Fall der Levellers in der Englischen Revolution, Berlin 2009, S.36f.

[9] Kaspar von Greyerz, Jahrhundert der Revolutionen, S.180.

[10] Peter Wende, Probleme der englischen Revolution, S.90.

[11] Vgl. Jürgen Diethe, Wir das freie Volk, S.39.

[12] Vgl. Introduction u. The Case of the Army truly stated, 15.10.1647, in: Don M. Wolfe (Hg.), Leveller Manifestoes of the Puritain Revolution, New York 1944 [ND Cass 1967], 47f. u. 196-222, hier 196f.

[13] Vgl. Kaspar von Greyerz, Jahrhundert der Revolutionen, S.107.

[14] Vgl. Jürgen Diethe, Levellers: politische Theorie und Praxis in der englischen Revolution, Hamburg 2006, S.322f.

[15] Vgl. Kaspar von Greyerz, Jahrhundert der Revolutionen, S.107.

[16] Auf ausführliche Erläuterungen der Biographien muss an dieser Stelle verzichtet werden. Siehe dazu: Jürgen Diethe, Wir das freie Volk, S.4-35; Gerald E. Aylmer (Hg.), The Levellers in the English Revolution, London 1975, S.56-74; Henry N. Brailsford, The Levellers and the English Revolution (ed. Christopher Hill), London u. Stanford 1961, S.49-95.

[17] Vgl. Frances D. Dow, Radicalism in the English Revolution 1640-1660, Oxford 1985, S.30.

[18] Vgl. Frances D. Dow, Radicalism, S.30f.

[19] An Agreement of the People, 3.11.1647, in: Don M. Wolfe (Hg.), Leveller Manifestoes, S.223-234, hier 223.

[20] Vgl. Foundations of Freedom: or an Agreement of the People, 15.12.1648, in: Don M. Wolfe (Hg.), Leveller Manifestoes, S.196-222.

[21] Vgl. The Case of the Army truly stated, 15.10.1647, in: Don M. Wolfe (Hg.), Leveller Manifestoes, S.291-303, hier 295-297.

[22] Vgl. An Agreement of the People, 3.11.1647, in: Don M. Wolfe (Hg.), Leveller Manifestoes, S.223-234, hier 223, 227.

[23] Vgl. Ian Gentles, The Agreements of the people, in: Michael Mendle (Hg.), The Putney Debates of 1647, Cambridge 2001, S.148-174, hier 160.

[24] Kaspar von Greyerz, Jahrhundert der Revolutionen, S.107f.

[25] Vgl. Jürgen Diethe, Levellers: politische Theorie und Praxis, S.422-427.

[26] Christopher Hill, The Experience of Defeat: Milton and Some Contemporaries, London 1984, S.29-37, zit. n. Kaspar von Greyerz, Jahrhundert der Revolutionen, S.189.

[27] Vgl. An Agreement of the free People of England, 1.5.1649, in: Don M. Wolfe (Hg.), Leveller Manifestoes, S.397-410, hier 401.

[28] Vgl. An Agreement of the free People of England, 1.5.1649, in: Don M. Wolfe (Hg.), Leveller Manifestoes, S.397-410, hier 401-409.

Details

Seiten
11
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656033226
ISBN (Buch)
9783656033103
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180538
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
leveller levellerbewegung revolution durchsetzbare option idealvorstellung

Autor

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