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Nationalisierungstendenzen in der Frühphase des Deutschen Bundes zwischen 1815 und 1819

Essay 2010 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Einstieg und Problematisierung
1.2 Der deutsche Bund und der Begriff der „Nation“

2. Hauptteil
2.1 Nationalbewegung versus Deutscher Bund?
2.2 Staatenbund oder Bundesstaat?

3. Fazit

1. Einleitung

1.1 Einstieg und Problematisierung

Die deutsche Einheit von 1989 war das Ergebnis politischer Bemühungen seitens der westdeutschen Regierung und jahrelanger Widerstände der ostdeutschen Bevölkerung gegen wirtschaftliche Missstände und Bespitzelung in ihrem „Unrechtsstaat“. Die nationale Euphorie, die mit dem Fall der Berliner Mauer einher ging, wird uns Jahr für Jahr in all ihrer Pracht in den Medien aufs Neue präsentiert. Diese Bilder sind Symbole für den Sieg eines Volkes über politische Ideologien und dem, tief in ihm verwurzelten Bedürfnis, nach nationaler Einheit mit ihren Mitbürgern auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze. Die deutsche Einheit war kein plötzliches Wunder, auch wenn es auf viele Bürger so gewirkt haben mag. Sie war vielmehr Ergebnis eines Prozesses.

Prozesshaftigkeit ist eine entscheidende Komponente der Geschichtsschreibung. Ein geschichtliches Ereignis ist die logische Konsequenz der vorausgegangenen Entwicklung. Problematisch ist nur, dass die Geschichtsschreibung meist den „Siegern“ überlassen bleibt. Die Kaiserkrönung am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles wurde von vielen Zeitgenossen und auch von den folgenden Generationen als Sieg deutscher Nationalbestrebungen gewertet, ähnlich wie möglicherweise der Berliner Mauerfall von 1989. War die Kaiserkrönung und somit auch die Errichtung eines einheitlichen deutschen Kaiserreichs logische Konsequenz des deutschen Willens zur nationalen Einheit, eines unaufhaltsamen Prozesses seit dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen? Oder dominierte die Restauration, die einem ganzen Zeitalter ihren Namen verlieh?

Unglücklicherweise ist Geschichte mehr als eine monokausale Ereigniskette, die sich treppenartig zu einem beliebig gesetzten Datum hin entwickelt, und auf der sich alle Begründungen für die faktische Realisierung des „Endereignises“ finden.

Restauration und Nationalismus sind eher zwei zeitlich parallel stattfindende Prozess die in einer wechselseitigen Beziehung standen. Diese Beziehung soll Thema dieser Arbeit sein. Es geht dabei um die Nationalsierungstendenzen innerhalb der deutschen Territorien im Anschluss an den Wiener Kongress, der Blütezeit der Restauration. Anhand der Politik des Deutschen Bundes soll aufgezeigt werden inwiefern nationalistische Tendenzen der konservativ-restaurativen Politik der europäischen Großmächte standhalten konnten und in welchen Ausprägungen sie sich politisch manifestierten und gegebenenfalls realisieren ließen. Auf die Erläuterung und Beurteilung sonstiger nationaler oder gar nationalstaatlicher Tendenzen, zum Beispiel durch die Institution der Burschenschaften, wird an dieser Stelle verzichtet. Um sich im Kontext der Politik des Deutschen Bundes ein fundiertes Urteil erlauben zu können, sollte zunächst einmal die Funktion und Stellung des Deutschen Bundes resümiert werden, bevor sich auch der Frage nach dem Begriff und Verständnis von „Nation“ gewidmet wird.

1.2 Der deutsche Bund und der Begriff der „Nation“

„Der deutsche Bund war die Organisationsform der deutschen Staatenwelt, die von 1815 bis 1866 – mit einer kurzen Unterbrechung durch die Revolution von 1848/49 – Bestand hatte.“ (Burg, Wiener Kongreß, S.51). Peter Burgs Aussage über den Deutschen Bund stellt wohl die Quintessenz aller Definitionen zu diesem Thema dar. Der deutsche Bund fungierte, in der Absicht der Entscheidungsträger des Wiener Kongresses, tatsächlich als Organisations- und Durchführungsorgan der deutschen Bundesakte, die Teil der Schlussakte des Kongresses vom 9. Juni 1815 war. Die passive Ausrichtung, die dem Deutschen Bund immer wieder nachgesagt wird, findet sich auch bei Doering-Manteuffel, der die Hauptaufgabe des Bundes in „der Gewährleistung der äußeren und inneren Sicherheit aller seiner Glieder“ sieht (Doering-Manteuffel, Deutsche Frage, S.6). Die angesprochene Passivität des Deutschen Bundes – Müller beschreibt ihn als „ein dürres Organisationsstatut für eine Allianz von heterogenen Staaten“ (J. Müller, Deutsche Bund, 2006, S.6) - und sein Konstruktcharakter, der sich in der Installation als Organisationsorgan manifestiert, lässt bereits vermuten, dass der deutsche Bund kein dynamisches politisches Gebilde war, welches man im Rahmen einer innenpolitisch bedingten Nationalisierung eventuell erwarten könnte.

Um diese Hypothese im Fortlauf verifizieren oder falsifizieren zu können, ist jedoch noch eine Begriffsklärung unabdingbar. Es gilt zu prüfen, ob unser heutiger Nationsbegriff deckungsgleich mit seiner semantischen Füllung anfang des 19. Jahrhunderts ist. Langewiesche kommt in seiner Ausarbeitung zu diesem Thema zu der Erkenntnis, dass der Wortbestandteil „Nation-“ bereits im Vorfeld der Revolution von 1848/49 häufig verwendet wurde, das Wort „Nationalstaat“ gehörte seiner Ansicht nach und in Berufung auf zeitgenössische Lexika jedoch nicht „zum politischen Sprachschatz der Deutschen im Vormärz“ (Langewiesche, Reich, Nation und Staat, S.349). Er kommt zu dem Schluss, dass die föderative Struktur auch noch im „deutschen Frühnationalismus“ tief verwurzelt ist, und die Souveränität der deutschen Einzelstaaten eher als identitätsstiftendes Element denn als Gegenpol zur Nationaleinheit bewertet wurde (vgl. Ebd.). Dieser Ansicht schließt sich auch Wolf Dietrich Gruner an, der im Laufe des 19. Jahrhunderts einen Wandel vom „dynastischen Nationalstaat“ zum politischen Nationalstaat konstatiert (vgl. Gruner, Bund als Band, S.52). „„Nation“ wurde auch in Deutschland während der 1. Hälfe des 19. Jahrhunderts zu einem Leitbegriff, der das breite Spektrum an politischen und sozialen Reformhoffnungen wie in einem Brennpunkt vereinte. Die Forderung nach einem einheitlichen Nationalstaat war in aller Regel damit nicht verbunden. Die Idee der „deutschen Nation“ stand vielmehr noch in der föderativen Tradition der „Reichsnation““. (Langewiesche, Reich, Nation und Staat, S.381).

Ist im Folgenden von „Nation“ die Rede so muss diese Ambivalenz zwischen nationalem Einheitsstaat und föderativer einheitlicher Strukturierung bedacht werden. Um in diesem wesentlichen Punkt jedoch Eindeutigkeit zu erlangen, wird in dieser Arbeit der Begriff „Nation“ nicht im föderativen Sinne genutzt, oder es wird gesonder darauf verwiesen.

2. Hauptteil

2.1 Nationalbewegung versus Deutscher Bund?

„[...] jeder Deutsche erwartet mit Zuversicht und Vertrauen, dass wir eingedenk unsers Berufs, das Gebäude des großen National-Bundes vollenden werden, wozu uns die Bundesakte vom 8. Juny 1815 zur Grundlage dienen soll.“ (zit. n. J. Müller, Deutsche Bund, 2006, S.6). Die Worte des österreichischen Bundespräsidialgesandten Graf Buol-Schauenstein scheinen programmatisch für eine aktive Nationalisierungspolitik innerhalb des Deutschen Bundes. Bemerkenswert, dass gerade diese Aussage von einem österreichischen Gesandten stammt, der sich Metternichs Vorstellung vom Deutschen Bund als passives Defensivbündnis gegen europäische Aggressoren anscheinend nicht anschließen wollte. Aber auch das Gesandtschaftsrecht im Allgemeinen ist in Betracht zu ziehen, wenn es darum geht die „Dreiecksbeziehung“ zwischen Deutschem Bund, deutschen Staaten und den europäischen Großmächten zu charakterisieren. Großbritannien, Russland und Frankreich verfügten über Gesandte im Bundestag in Frankfurt am Main. Der deutsche Bund verfügte hingegen, im Gegensatz zu seinen souveränen Einzelstaaten, nicht über das Gesandtschaftsrecht (vgl. Burg, Wiener Kongreß, S.56f.). Diese Regelung ist Indiz für die Wahrnehmung des Deutschen Bundes im europäischen Ausland. In dieser Wahrnehmung steht Funktionalität an oberster Stelle, wie sie sich auch in Metternichs Vorstellung des Deutschen Bundes als Defensivbündnis deutlich zeigt. Ob die Aspekte der Funktionalität auch innerhalb des Deutschen Bundes von größerem Stellenwert waren als nationale Einheitsbestrebungen ist allerdings umstritten. Harald Müller stellt sich hierbei die Frage, ob „die Repräsentanten der frühen Nationalbewegung dem Bunde anfänglich mehr zutrauten, als er zu leisten imstande war, oder ob sie ihn a priori als untaugliches Instrument für die Durchsetzung ihrer programmarischen Vorstellungen von Inhalt und Form des deutschen Staatswesens angesehen haben.“ (H. Müller, Deutscher Bund, S.53). Diese Darstellung impliziert, was in der Forschungskontroverese Konsens ist: das aufstrebende Bürgertum, meist inspiriert durch die französische Revolution, war ein fruchtbarer Boden für nationales Einheitsstreben. Diese gesellschaftlichen Umwälzungen wurden auf auch dem Wiener Kongress nicht komplett außer Acht gelassen. Die Option eines Bundes mit nationalen Kompetenzen wurde durchaus diskutiert, musste aber nach und nach dem Widerstand der mittleren und großen Staaten weichen, die nicht bereit waren ihre Souveränität aufzugeben (vgl. J. Müller, Deutsche Bund, 2006, S.3).

Otto Dann resümiert die Ergebnisse des Wiener Kongresses im Hinblick auf nationale Staatsbildung wie folgt: „Der große nationsbildende Impuls von „1813“ hatte sich nicht in eine nationale Staatsbildung umsetzen lassen. In der Bundesakte wurden nur einige Möglichkeiten zwischenstaatlicher Kooperation, z.B. in der Zollpolitik, genannt.“ (Dann, Nation und Nationalismus, S.81). Ob wirtschaftlich-einheitliche Beschlüsse nicht sogar als Bestandteil allgemeiner Vereinheitlichungstendenzen fungieren können, bleibt an dieser Stelle erstmal offen, soll aber erst im nächsten Kapitel genauer untersucht werden. Graf Buol-Schauenstein weckte mit seiner Rede vor der Bundesversammlung am 11. November 1816 wohl die Hoffnung vieler national gesinnter Bürger, auch wenn der Deutsche Bund als Institution eigentlich im Widerspruch zu ihren Zielsetzungen stand. Wie also ist das Verhältnis zwischen deutscher Nationalbewegung und Deutschem Bund zu bewerten? Otto Dann sieht beide Positionen als unvereinbar an. „Der Deutsche Bund war nicht nur Gegner der Nationalbewegung, sondern auch ihr wichtigster nationaler Konkurrent!“ (Ebd.). Seine Argumentation stützt sich auf die Bundesakte, die er als Schranke für die Nationalstaatsbildung wertet. Die Gemeinsamkeiten der „antinapoleonischen“ Zeit waren mit dem militärischen Sieg beseitigt und die „Patrioten“ mussten sich angesichts der territorialen und strukturellen Beschlüsse des Wiener Kongresses neu orientieren (vgl. Ebd., S.82).

So kommt Dann zu dem vernichtenden Fazit, dass „die nationale Interessengemeinschaft der regierenden Machteliten [...] während des ganzen 19. Jahrhunderts letztlich erfolgreicher sein [sollte] als die bürgerliche Nationalbewegung, die sich nur selten als eine Einheit darstellte.“ (Ebd., S.81). Auch Harald Müllers Bewertung des Verhältnisses zwischen Deutschem Bund und Nationalbewegung klingt wenig versöhnlich: „Daß das Verhältnis von deutscher Nationalbewegung und Deutschem Bund nicht von einem Miteinander, sondern umgekehrt von einem Gegeneinander, bestenfalls von einem Nebeneinander charakterisiert war, ist gewiß sowohl objektiven als auch subjektiven Ursachen und Voraussetzungen geschuldet.“ (H. Müller, Deutscher Bund, S.53). Dann und Müller schaffen hier klare Oppositionen zwischen Deutschem Bund und Nationalbewegung. Diese extreme Kontrastierung mag aus retrospektiver Sicht logisch erscheinen, denn in den Aufständen der Burschenschaften und national gesinnter Organisationen, die in der Revolution von 1848/49 gipfelten, wurde dieser Konflikt entladen. Dennoch gab es auch in der Frühphase des Deutschen Bundes Bemühungen die sich andeutende Kluft zwischen beiden Polen nicht zu groß werden zu lassen. Inwieweit diese Bemühungen auch umgesetzt wurden oder ob sie an der Angst vor Souveränitätsverlust der Einzelstaaten scheiterte, soll im nächsten Kapitel thematisiert werden. Langewiesche würde an dieser Stelle wohl den Einwand erheben, dass Nationalbewegung und Deutscher Bund unterschiedliche Definitionen von „Nation“ verfolgen. Sicherlich ist ein nationaler Einheitsstaat nicht vom Deutschen Bund intendiert. Die Frage ist jedoch legitim, ob ein föderativer Staatenbund oder Bundesstaat - auch diese Frage soll gleich gesondert behandelt werden – nicht als Wegbereiter des „modernen“ Nationalstaates dienen kann.

2.2 Staatenbund oder Bundesstaat?

Der angedeutete Konflikt zwischen dem Deutschen Bund und der Nationalbewegung wird in der Forschungsliteratur zumeist auf den fehlenden Interepretationsspielraum der deutschen Bundesakte zurückgeführt (vgl. Dann, Nation und Nationalismus, S.81).

Tatsächlich legt die Bundesakte besonderen Wert auf die Souveränität ihrer Einzelstaaten, eine Tatsache die sich in ihrem ersten Artikel manifestiert. Diese Souveränität wird ihrerseits aber auch an gewissen Bedingungen geknüpft., die sich beispielhaft in § 2 der Wiener Schlußakte von 1820 finden: „[Der Deutsche Bund besteht] in seinem Innern als eine Gemeinschaft selbstständiger unter sich unabhängiger Staaten, mit wechselseitigen gleichen Vetrags-Rechten und Vetragsobliegenheiten, in seinen äußern Verhältnissen aber als eine in politischer Einheit verbundene Gesammt-Macht.“ (zit n. Gruner, Bund als Band, S.69). Trotzdem bleibt die Frage, wie sich die tatsächlichen Machtverhältnisse darstellten. Lag die eigentliche Kompetenz und Souveränität in Wahrheit beim Deutschen Bund und nicht bei den Einzelstaaten, deren Souveränität in der Bundesakte so stark betont wurde?

Die Politik des Deutschen Bundes nach 1816 weist tatsächlich Tendenzen auf, die sich als „national-föderativ“ beschreiben lassen (vgl. J. Müller, Deutscher Bund, 2005, S. 34). Konkrete Schritte in Richtung dieser „national-föderativen“ Politik war die Planung eines obersten Bundesgerichtes, einer handlungsfähigen Exekutivgewalt und einer Volksvertretung (vgl. Ebd., S.35). Die Intention, die sich hinter diesen Liberalisierungstendenzen verbarg, war ein Zugeständnis an die „öffentlichen Kräfte“ in Kombination mit einer Reorganisation des Bundes. Müller ist der Ansicht, dass es dem Deutschen Bund darum ging den Partikularinteressen der Einzelstaaten keinen allzu großen Einfluss zu gewähren und diese deshalb auf Bundesebene zu verhandeln. „[...] den Deutschen Bund zu einem stärker integrierten politischen System zu entwickeln [...]“ (Ebd.) war in den Jahren 1816 – 1819 Hauptaugenmerk des Deutschen Bundes. Diese Frühphase der Bundespolitik kann somit als liberal geprägt bezeichnet werden. Ihren Endpunkt markierten die Karlsbader Beschlüsse vom 31. August 1819, die eine Phase konservativer Restaurationspolitik einleiteten. Mit diesem politischen Umschwung wurden auch die geplanten politischen Veränderungen auf Eis gelegt. Dennoch bleibt die Frage ob die, im vorherigen Kapitel erwähnte, starke Kontrastierung zwischen Bundespolitik und Nationalbewegung nach Dann und Müller angesichts dieser liberalen Frühphase aufrecht erhalten werden kann. Um diese Frage aber differenzierter zu beantworten sollte zunächst einmal überprüft werden ob der Deutsche Bund in seiner Frühphase ein Staatenbund oder ein Bundesstaat war. Was zunächst nach Wortklauberei aussehen mag ist in Wahrheit jedoch von enormer Aussagekraft wenn es um die Machtverhältnisse zwischen Bund und Einzelstaaten geht.

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Details

Seiten
11
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656033233
ISBN (Buch)
9783656033110
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180536
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
nationalisierungstendenzen frühphase deutschen bundes

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Titel: Nationalisierungstendenzen  in der Frühphase  des Deutschen Bundes  zwischen 1815 und 1819