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Das System der Grundherrschaft - Treue-Schutz-Verhältnis oder standardisierte Zweckgemeinschaft?

Essay 2009 10 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Betrachtet man die Strukturen und Gruppierungen der mittelalterlichen Gesellschaft, so merkt man schnell, dass diese meistens eine große innere Heterogenität aufweisen. Eine Verallgemeinerung ist für die bäuerlichen Lebensbedingungen daher ebenso wenig möglich wie für Kaufleute oder Handwerker. Dennoch gibt es im Leben der Bauern eine zentrale Instanz, die gewissermaßen den Lebensrahmen für deren Existenz bildete, auch wenn sie in ihrer Intensität variieren konnte. Die Grundherrschaft nahm jedoch nicht nur diese alltagsbestimmende Rolle ein sondern bildete im Zusammenspiel mit dem Lehnswesen auch die Grundlage für die Organisation und Strukturierung der Agrarwirtschaft und Agrargesellschaft[1].

Wie bei allen hierarchisierten Organisationsmodellen stellt sich nun auch bei der Grundherrschaft die Frage nach dem Verhältnis der beteiligten Personen oder der beteiligten Personenverbände. Kann eine einseitig dominierte Agrarstruktur, die für die Hörigen mit Abgabenpflicht und Frondiensten gleichzusetzen war, ein Treue-Schutz-Verhältnis zum Ergebnis haben? Treffen hierarchische Strukturen zwangsläufig auf Abneigung oder besteht bei der hierarchisch untergeordneten Bevölkerung die Möglichkeit diese Strukturen als lebensbedingende Konstituenten zu akzeptieren und gutzuheißen? Vereinfacht ein strikt organisiertes Abgabensystem eventuell sogar den Alltag der hörigen Bauern? Oder handelt es sich bei der Grundherrschaft eventuell gar nicht um ein hierarchisch strukturiertes Gebilde sondern vielmehr um ein System mutueller Übereinstimmung, dass das Resultat jahrzehnte- und jahrhunderterlanger Entwicklungen ist? Und welche Rolle nehmen Treue und Schutz eigentlich wirklich ein? Sind es nicht viel mehr die Vorteile auf Seiten der Grundherrn oder die Alternativlosigkeit auf Seiten der Hörigen, die Menschen in dieses Abhängigkeitsverhältnis treiben?

Wie sich den aufgeworfenen Fragen entnehmen lässt, ist der Beziehungsaspekt der Grundherrschaft unter vielen verschiedenen Aspekte zu analysieren. Ich werde versuchen mich in meinen Ausführungen auf die Unterscheidung zwischen Treue-Schutz-Verhältnis und Zweckgemeinschaft zu konzentrieren. Es wird dabei jedoch wohl unvermeidbar bleiben zur Klärung dieser Fragestellung auch andere Aspekte zu Rate zu ziehen, die die Aussagekraft meiner Argumentation unterstützen können.

Als Ausgangspunkt für meine Überlegungen soll zunächst die Frage nach der Hierarchisierung der Grundherrschaft dienen, da sich im Rahmen dieser Untersuchung bereits einige mögliche Ausprägungen der grundherrschaftlichen Organisation andeuten lassen.

Die Frage nach einem hierarchischen Ordnungsprinzip der Grundherrschaft lässt sich recht eindeutig beantworten. Allein die Namensgebung und Unterteilung in “Grundherrn” und “Hörige” beinhaltet die Idee eines Machtgefälles innerhalb dieser Institution. Zusätzlich kann man sich hier auch mittels der Etymologie das Abhängigkeitsverhältnis verdeutlichen. Im frühen Mittelalter wurde das Verhältnis zwischen Grundherr und Hörigen oft als “potestas”, “dominatio” oder “dominium” bezeichnet[2]. Diese lateinischen Bezeichnung sind eindeutige Zeugnisse der Machtstellung des Grundherrn, die sich jedoch nicht nur auf wirtschaftliche Aspekte begrenzte. Hans-Werner Goetz definiert die Position des Grundherrn wie folgt: “Für den hörigen Bauern bildete er meist die Ordnung, Zwangsgewalt und Obrigkeit schlechthin.”[3]. Hier werden verschiedene Möglichkeiten der Machtausübung angedeutet, die sich durch die Vielfalt der Herrenrechte leicht belegen lässt. Durch die Abgabenpflicht der Bauern und die Verpflichtung zu Frondiensten tritt neben den wirtschaftlichen Aspekt der Grundherrschaft auch ein sozialer, einer Unterscheidung, die auch Goetz vollzieht. Hinzu kommt die Gerichtsherrschaft des Grundherrn über seine Hörigen und seine grundlegende Funktion als Mittelsmann zwischen König und Bauerntum. Hier wird die omnipräsente Machtausübung des Grundherrn deutlich[4].

Die Hierarchisierung des Systems der Grundherrschaft wird auch nicht durch die spätern entstehenden Hofrechte aufgehoben, in denen der Grundherr die Verhältnisse zwischen ihm selbst und den Hörigen rechtlich fixieren ließ und deren Forderungen nach gerechterer Behandlung entgegenkam[5]. Allerdings stellt sich hier die Frage ob dies aus reinem Wohlwollen den Hörigen gegenüber oder doch eher aus Eigeninteresse geschah. Der Grundherr war jederzeit bemüht die Zahl seiner Hörigen zu erhöhen oder wenigsten beizubehalten und die im 12.Jahrhunder eintretende Landflucht abzuwenden[6].

Das hierarchische Gefälle der Grundherrschaft ist also unbestritten. Welche Konsequenzen ergeben sich nun daraus für das Verhältnis zwischen Grundherr und Hörigem? Das Machtgefälle in Kombination mit den zu leistenden Pflichten und Abgaben impliziert die Annahme, dass es unter den Hörigen große Unzufriedenheit gegeben haben muss. Falls diese Annahme zutreffen sollte, so ist es höchstwahrscheinlich, dass es unter den Bauern auch zu Äußerungen dieser Unzufriedenheit oder gar zu Revolten gekommen sein muss. Hans-Werner Goetz verneint diese Annahme. Er spricht der entstandenen Herrschaftsform zwar ein gewissen Potential an sozialen Konflikten zu, betont jedoch zugleich, dass sie diese lediglich in Form von passivem Widerstand äußerten[7]. Werner Rösener hingegen deutet auch offene Konflikte an[8]. Die DDR-Geschichtsschreibung spricht in diesem Zusammenhang sogar vom “Klassenkampf”[9], wenngleich der Begriff der “Klasse” im Mittelalter absolut verfehlt erscheint. Natürlich ist die DDR-Geschichtsschreibung, unter Anbetracht der vorherrschenden politischen Ideologie, kritisch zu hinterfragen, allerdings finden sich auch hier Aspekte, die in diversen anderen wissenschaftlichen Arbeiten ebenfalls auftauchen. So wird zum Beispiel auch der passiv Widerstand, den Goetz erwähnt, angeführt. Auch das, unter dem Aspekt der Hierarchie abgehandelte, Entgegenkommen mancher Grundherrn als Präventionsmaßnahme einer möglichen Landflucht wird hier wieder aufgegriffen. Es ist jedoch anzumerken, dass die Machtposition der Bauern bei Stern und Gericke stark überbewertet wird. Die Ausübung der Herrenrechte war für die Grundherrn sicher das bevorzugte Mittel wenn es um die “Einigung” mit widerspenstigen Hörigen ging. Auch die Landflucht wird in diesem Zusammenhang zu sehr an politisch-ideologische Ansichten gebunden, indem man auch sie ausschließlich als Form der Widerstands ansieht. Die Auflösung der Villikationsverfassung wird somit als Errungenschaft der Bauern betitelt. Es besteht hier jedoch ebenfalls die Möglichkeit sich in das andere wirtschafts-ideologische Extrem zu stürzen. Das Städtewachstum und der wirtschaftliche Aufschwung können ebenfalls als Beweggründe für die Landflucht des 12.Jahrhunderts gesehen werden[10]. Man kann der Bauern somit auch kapitalistisches Denken unterstellen und das Streben nach eigener sozialen und wirtschaftlichen Aufwertung.

Die verschiedenen Einschätzungen bezüglich der Intensität von sozialen Konflikten und Unruhen aufgrund der Grundherrschaft lassen also anscheinend kein eindeutiges Urteil über die Gemütslage der Bauern zu. Schließlich erscheint es logisch, dass auch in diesem Kontext keinerlei Verallgemeinerung möglich ist und es sicher verschiedenste Formen des Widerstands gab. Für diese Untersuchung ist jedoch schon von größter Bedeutung, dass es überhaupt Widerstand gegen grundherrschaftliche Strukturen gab, auch wenn Goetz sich darauf festlegt, dass Widerstand, wenn er vorhanden war, sich immer nur gegen einzelne Grundherrn richtete[11]. Diese Ansicht lässt sich anhand der Quellen jedoch schnell widerlegen. Bereits im Mittelalter gab es demnach Zweifel an der Legitimation der Grundherrschaft. Paradoxerweise findet man hier eine christliche Argumentation gegen die Grundherrschaft, obgleich die Kirche als zentrale Institution der Grundherrschaft auftrat. Im Schwabenspiegel von 1280 heißt es “In der alten Geschrift vinden wir nicht, das jemand des andrn aigen sei.”. Außerdem findet man noch einen direkten Bezug zum System der Grundherrschaft: “Nu habent es die Hern in an Gewonhait Pracht, die habent si fur recht.”[12]. Der Grundherrschaft wird durch diese Sätze jegliche Legitimation entzogen. Das hierarchische System mit der Unterdrückung von Hörigen wird offen angeprangert. Die Quelle legt den Verdacht nah, dass es durchaus ein Hinterfragen der Grundherrschaft gegeben hat und dass die Berufung auf das Gewohnheitsrecht nicht zwangsläufig ausreichend sein musste um den Fortbestand des Systems zu garantieren. Diese Erkenntnis führt zwangsläufig zur Kernfrage meiner Untersuchung: Gibt es ein, durch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl erwachsenes, Treue-Schutz-Verhältnis zwischen den Beteiligten oder arrangierte man sich mit den Gegebenheiten in einer Zweckgemeinschaft bis sich neue wirtschaftliche Möglichkeiten auftaten?

Thomas Simon stellt die wechselseitigen Verflechtungen von Grundherr und Hörigen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Das Wechselspiel zwischen Arbeitskraft und Landnutzung ist für ihn Zeugnis für eine enge Verbindung der Beteiligten[13]. Eine Auflösung dieser Verbindung sieht Simon erst im anbrechenden 16.Jahrhundert mit Beginn der Bauernkriege. Die Setzung dieses Schlusspunktes wirft jedoch einige Probleme auf. Sicher mag es in diversen Fällen zu einer einigermaßen konstanten Aufrechterhaltung des grundherrschaftlichen Systems gekommen sein, mit der Einführung der Pacht als innovatives Element der Grundherrschaft wurden die Verbindungen zwischen Grundherr und Hörigem jedoch deutlich gelockert. Bereits im 12.Jahrhundert gab es Formen der Verpachtung. Die Bauern waren dem Grundherrn nur noch einen Geldzins schuldig, ansonsten waren sie wirtschaftlich weitestgehend unabhängig und mussten sie ihren Lebensunterhalt auf den städtischen Märkten verdienen. Von einer engen wechselseitigen Verbindung kann also zu diesem, von Simon genannten, späten Zeitpunkt allgemein keineswegs mehr gesprochen werden. Auch Werner Rösener setzt sich mit dem Beziehungsaspekt der Grundherrschaft auseinander. Bereits in seinem Lexikonartikel zur Grundherrschaft im “Lexikon des Mittelalters” legt er sich darauf fest, dass Gegensätze und schwere Konflikte im Wesen der Grundherrschaft fest verankert sein[14]. An anderer Stelle betont er abermals die nahezu allumfassenden Herrenrechte auf Seiten des Grundherrn[15]. Diese Beschreibung legt jedoch den Schluss nah, dass es sich eher um eine lebensbeengende als um eine enge Beziehung handelte. Grundherrschaft war durch die Herrenrechte einseitig dominiert und nur insofern bindend, dass der Hörige sein Leben den Anweisungen des Grundherrn anzupassen hatte. Diese Annahme wird durch Rösener selbst an anderer Stelle untermauert: “Der quellenmäßig bezeugte Tatbestand, dass die Ausübung der Gewere durch den Grundherrn mit Formen von Schutz und Schirm gegenüber dem Grundholden verbunden ist, darf nicht zu einer Überbewertung des Schutz-Treue-Elements im Innenverhältnis der Grundherrschaft führen. Grundherrschaft war kein Zustand freiwilliger Arbeitsteilung, vielmehr ein Herrschafts- und Machtverhältnis, […].”[16]. Diese Einschätzung taucht im gleichen Werk bereits an einem früheren Punkt auf, dort allerdings um die Einschätzung von Friedrich Lütge zu widerlegen, der, nach Rösener, zu stark am Begriff des “sittlichen Wechselsetigkeitsverhältnisses” festhält und die grundsätzlichen Gegensätze und potentiellen Konflikte vernachlässigt[17].

[...]


[1] Goetz, H.-W.: Leben im Mittelalter, S.115/116

[2] Lexikon des Mittelalters „Grundherrschaft“

[3] Goetz, H.-W.: Leben im Mittelalter, S.122

[4] Rösener, W.: Grundherrschaft des Adels, S.158

[5] Goetz, H.-W.: Leben im Mittelalter, S.125

[6] Verhulst, A.: Grundherrschaftsentwicklung des Hochmittelalters, S.16

[7] Goetz, H.-W.: Leben im Mittelalter, S.125

[8] Rösener, W.: Grundherrschaft im Wandel, S.28

[9] Stern, L. u. Gericke, H.: Deutschland in der Feudalepoche, S.61

[10] Goetz, H.-W.: Leben im Mittelalter, S.121

[11] ders.: Leben im Mittelalter, S.125

[12] Eckhardt, K.(Hg.): Schwabenspiegel, Kurzform, S.212-215

[13] Simon, T.: Grundherrschaft und Vogtei, S.201

[14] Lexikon des Mittelalters

[15] Rösener, W.: Grundherrschaft des Adels, S.158

[16] Rösener, W.: Grundherrschaft im Wandel, S.25

[17] ders.: Grundherrschaft im Wandel, S.22

Details

Seiten
10
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656033264
ISBN (Buch)
9783656033608
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180533
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
system grundherrschaft treue-schutz-verhältnis zweckgemeinschaft

Autor

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