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„Mit Symbolis muß man sich durchaus begnügen“ - Zur Bedeutung des Teufels in Thomas Manns »Doktor Faustus«

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Bedeutung des Teufels
A. Die Charakteristik des Dämonischen
1) Wesen und Wirkung des Dämonischen
2) Bedingungen und Folgen des Teufelspaktes
3) Die Hölle
B. Der Teufel – eine ambivalente Figur
1) Fiktion oder Realität
2) Erscheinungsformen
C. Der Teufel – eine deutsche Figur

III. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Wo der Hochmut des Intellektes sich mit seelischer Altertümlichkeit und Gebundenheit gattet, da ist der Teufel. Und der Teufel, Luthers Teufel, Faustens Teufel, will mir als eine sehr deutsche Figur erscheinen, das Bündnis mit ihm, die Teufelsverschreibung, um unter Drangabe des Seelenheils für eine Frist alle Schätze und Macht der Welt zu gewinnen, als etwas dem deutschen Wesen eigentümlich Naheliegendes.“ Thomas Mann, Deutschland und die Deutschen, S. 11.

Die Kapitulation des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland lag noch keinen vollen Monat zurück, als Thomas Mann ausgerechnet eine besondere Disposition zur Teufelsverschreibung, eine „geheime Verbindung mit dem Dämonischen“ zum Charakteristikum des deutschen Wesens und Gemütes erklärte.[1] Den Teufel hinter Deutschlands Schuld und Verfehlung zu vermuten, den Nationalsozialismus gleichsam als übernatürliche Eingebung von außen zu bewerten, wäre als allzu einfache Exkulpierung nun freilich ebenso verfehlt wie unsinnig gewesen. Indem Thomas Mann jedoch gerade das deutsche Wesen, mithin das deutsche Volk als besonders empfänglich für derartige Einflüsse beschrieb und diese Empfänglichkeit mit einer Geschichte der deutschen „Innerlichkeit“, des deutschen Seelenlebens von der Reformationszeit über die Romantik bis zur Gegenwart verknüpfte, bot er seinen Zuhörern eine Erklärung dafür, weshalb ausgerechnet „dies unglückselige Volk der Welt [das Unsägliche] angetan hat“.[2] In dem Moment, „wo Deutschland buchstäblich der Teufel holt“[3], suchte Mann eine Lösung für „das Rätsel im Charakter und Schicksal dieses Volkes [...], welches der Welt unleugbar so viel Schönes und Großes gegeben hat und ihr dabei immer wieder auf so verhängnisvolle Weise zur Last gefallen ist.“[4] Er suchte diese Lösung nicht in erster Linie bei den politisch Verantwortlichen, den Machthabern und Parteiführern. Er suchte sie auch nicht in äußeren Einflüssen, Bündniskonstellationen oder propagandistischer Verführung. Vielmehr war es die spezifische Eigenart des deutschen Geistes, „der romantische Krankheits- und Todeskeim“ des Bildungsbürgertums, in dem er die Ursache der „nationalen Katastrophe“ erkennen zu können glaubte.[5]

Neben – oder, präziser formuliert, noch vor – dieser essayistischen Auseinandersetzung mit dem Anteil des deutschen Bildungsbürgertums, seinem, Manns eigenem Anteil an der Katastrophe und dem Einfluss des Dämonischen auf das deutsche Gemüt beschäftigte er sich auch auf literarischer Ebene mit dieser Frage. Zwischen 1943 und 1947 entstand so im amerikanischen Exil der Roman »Doktor Faustus«, ein Werk, das zugleich Deutschland-, Künstler- und Gesellschaftsroman und „moderne Teufelsverschreibungsgeschichte“[6] ist, ja aus der geschilderten Sicht des Autors wohl geradezu sein musste. So steht auch im Zentrum des Romans der faustische Pakt mit dem Teufel.[7] Doch wenngleich für Thomas Mann „die Idee des Rausches überhaupt und der Anti-Vernunft damit verquickt [war], dadurch auch das Politische, Faschistische, und damit das traurige Schicksal Deutschlands“[8], ist das Leben, welches Manns Faustus, der deutsche Tonsetzer Adrian Leverkühn dem Teufel verschreibt, keineswegs ohne weiteres mit dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschlands gleichzusetzen. Weitaus komplexer sind die Bezüge, mittels derer Mann, in vielen Fällen bloß andeutungsweise, den Bogen von der Künstlerbiographie zur letztlich verhängnisvollen Geschichte der deutschen Innerlichkeit schlägt. All diese Bezüge kulminieren im Zentrum des Romans, im Gespräch Leverkühns mit dem Teufel. Es gilt daher die Frage zu beantworten, was dieser Teufel, was das Dämonische – für den Künstler Leverkühn wie für das deutsche Volk – letztlich ist, mit dem die deutsche Seele in so eigentümlicher Verbindung steht und so die Bedeutung dieses Mephisto zu verstehen, für den Roman ebenso wie für das Schicksal des deutschen Volkes.

II. Die Bedeutung des Teufels

Die Frage nach der Bedeutung des Teufels im »Doktor Faustus« ist zunächst eine Frage nach der Charakteristik des Dämonischen. Was ist „das Dämonische“? Welchen Gewinn verspricht der Teufelspakt zu welchem Preis? Sie ist darüber hinaus auch die Frage nach dem Wesen der Figur des Teufels. Ist sie real oder fiktiv? In welcher Form tritt Manns Mephisto auf? Und schließlich ist sie eine Frage nach Elementen, die den Teufel zu einer spezifisch deutschen Erscheinung, den Pakt mit ihm zu einer ausgesprochen deutschen Neigung machen.

A. Die Charakteristik des Dämonischen

Auf essayistischer Ebene beschrieb Thomas Mann die Wirkungsweise des Dämonischen mit einem einfachen Gegensatz: „Man möchte die gnadenvolle Tatsache, daß aus dem Bösen das Gute kommen kann, Gott zuschreiben. Daß aus dem Guten so oft das Böse kommt, ist offenbar der Beitrag des anderen.“[9] Wie nun gestaltete Mann diesen „Beitrag des anderen“ im Doktor Faustus?

1) Wesen und Wirkung des Dämonischen

Bereits auf der zweiten Seite des Romans macht der fiktive Erzähler Serenus Zeitblom „das Dämonische“ zum Gegenstand seiner Erzählung. Zwar nimmt er sich nicht heraus, „seinen Einfluß auf das Menschenleben zu leugnen“, empfand es jedoch als Humanist „jederzeit als entschieden wesensfremd“, sodass er „es instinktiv aus [seinem] Weltbilde ausgeschaltet und niemals die leiseste Neigung verspürt [hat, sich] mit den unteren Mächten verwegen einzulassen, sie gar im Übermut [...] herauszufordern, oder ihnen, wenn sie von sich aus versuchend an [ihn] herantraten, auch nur den kleinen Finger zu reichen.“[10]

Zeitblom spricht hier sowohl Wesen als auch grundsätzliche Wirkung des Dämonischen an: Es steht zum aufgeklärten europäischen Humanismus in wesensfremdem Gegensatz und tritt als Versuchung an die Menschen heran. Sich mit ihm einzulassen verlangt Verwegenheit, eine entsprechende Neigung und bisweilen Übermut. Der Humanist sieht diese Voraussetzungen besonders in der Sphäre des Genialen angelegt, an der demzufolge „das Dämonische und Widervernünftige einen beunruhigenden Anteil hat“.[11] Eine derartige „leises Grauen erweckende Verbindung“ besteht nach Ansicht des Erzählers selbst dann, „wenn es sich um lauteres und genuines, von Gott geschenktes oder auch verhängtes Genie handelt und nicht um akquiriertes und verderbliches, um den sünd- und krankhaften Brand natürlicher Gaben, die Ausübung eines grässlichen Kaufvertrages.“[12]

Wie er als gefallener Engel funktioneller Bestandteil der Schöpfung ist, ist der Teufel in der Sphäre des Genialen immanenter Stimulans des Künstlers, der „die Veranlagung und Bereitschaft für die Einflüsterungen des Dämons“, wenn nicht exklusiv, so doch in besonderem Maße in sich trägt.[13] Diese besondere Disposition exponiert den genialen Künstler, hebt ihn aus dem Kreis seiner Mitmenschen hervor, wobei die Wirkungsweise des Dämonischen dabei keine das Wesen verändernde, ein explizites Teufelsbündnis, die „Ausübung eines grässlichen Kaufvertrages“ mithin für diese Verbindung von Genialität und Dämonie nicht essentiell ist. Vielmehr verstärkt und übertreibt sie „nur sinnreich alles, was du bist“, wie der Teufel Leverkühn erklärt.[14] Das Dämonische wirkt nicht innovativ, sondern entfesselnd, so Leverkühns Partner und Antagonist:

„Wo nichts ist, hat auch der Teufel sein Recht verloren, und keine bleiche Venus richtet da was Gescheites aus. Wir schaffen nichts Neues – das ist andrer Leute Sache. Wir entbinden nur und setzen frei. Wir lassen die Lahm- und Schüchternheit, die keuschen Skrupel und Zweifel zum Teufel gehen.“[15]

Das Dämonische steht also für „einen [...] Zustand, in dem alles Seiende gegen jede moralisch-politische Verantwortlichkeit wertfrei ist“.[16] Diese seelische Disposition „zum Pakt mit dem Bösen“ ist eine von innen her wirkende Macht, die lediglich eines äußern Anlasses, nicht aber einer äußeren Begründung bedarf, um auf den Plan zu treten.[17] Im Gespräch mit dem Teufel stellt Leverkühn fest: „Ihr sagt lauter Dinge, die in mir sind und aus mir kommen, aber nicht aus euch.“[18] Und ebenso wie die Verbindung zum Dämonischen im genialen Künstler innerlich bereits angelegt ist und aus ihm heraus bei entsprechenden Bedingungen zu wirken beginnt, ist auch Deutschlands besondere Versuchung zum Pakt mit dem Bösen als innerlich Veranlagung, als vorhandene Disposition zu verstehen, die ihre fatale Wirkung zu entfalten beginnt, sobald der entsprechende äußere Anlass eintritt.

2) Bedingungen und Folgen des Teufelspaktes

Während bislang nur im Allgemeinen vom „Dämonischen“ die Rede war, soll im Folgenden der Pakt mit ihm, das Teufelsbündnis, im Zentrum des Interesses stehen. Welchen Gewinn verspricht er und welchen Preis verlangt der Teufel für seine Dienste? Im Gespräch mit Leverkühn erläutert er sein Angebot:

Ich: »So wollt Ihr mir Zeit verkaufen?«

Er: »Zeit? Bloß so Zeit? Nein, mein Guter, das ist keine Teufelsware. Dafür verdienten wir nicht den Preis, daß das Ende uns gehöre. Was für ’ne Sorte Zeit, darauf kommt’s an! Große Zeit, tolle Zeit, ganz verteufelte Zeit, in der es hoch und überhoch hergeht [...]«[19]

„Ganz verteufelte Zeit“ also soll der Lohn des Paktes mit dem Teufel sein. Was darunter zu verstehen ist, präzisiert Manns Mephisto im weiteren Verlauf der Unterhaltung:

„Aufschwünge liefern wir und Erleuchtungen, Erfahrungen von Enthobenheit und Entfesselung, von Freiheit, Sicherheit, Leichtigkeit, Macht- und Triumphgefühl, daß unser Mann seinen Sinnen nicht traut, – eingerechnet noch obendrein die kolossale Bewunderung für das Gemachte, die ihn sogar auf jede fremde, äußere leicht könnte verzichten lassen, – die Schauer der Selbstverehrung, ja, des köstlichen Grauens vor sich selbst, unter denen er sich wie ein begnadetes Mundstück, wie ein göttliches Untier erscheint.“[20]

Sein Teufel bietet Leverkühn hier augenscheinlich eine Lösung für das Problem der krankenden Kunst, der „geradezu unüberwindlichen Schwierigkeiten heutigen Komponierens“,[21] indem er ihm den künstlerischen Durchbruch, wahre Inspiration und die Befreiung aus der unumgänglich erscheinenden Epigonalität, der Sackgasse moderner Kunst, dem bloßen Zitieren und Kritisieren in Aussicht stellt. Im Umkehrschluss scheinen erfolgreiches Schaffen, Fortschritt und Triumph ohne das utilitaristische Medium des Teufels ausgeschlossen zu sein.[22] Gleichzeitig wird deutlich, in welche Richtung diese fatale Inspiration zwangsläufig führen muss:

„Nicht genug, daß du die lähmenden Schwierigkeiten der Zeit durchbrechen wirst, – die Zeit selber, die Kulturepoche, will sagen, die Epoche der Kultur und ihres Kultus wirst du durchbrechen und dich der Barbarei erdreisten, die’s zweimal ist, weil sie nach der Humanität, nach der erdenklichsten Wurzelbehandlung und bürgerlichen Verfeinerung kommt.“[23]

Sich dem Teufel zu verschreiben, um die Kunst aus ihrer Sterilität zu befreien und neu zu beleben heißt also, sich der Barbarei zu erdreisten, im Namen der Genialität Humanität, Kultur und bürgerliche Konvention hinter sich zu lassen.[24] Die Begrifflichkeiten „gut“ und „böse“ sind hier nicht nur aufgehoben, sondern nachgerade ins Gegenteil verkehrt. Der Dämon erklärt die Barbarei, den ästhetischen Objektivismus zum Ausweg aus der künstlerischen Krise.[25] Für den „tollen“ Künstler, auf dessen Namen „die Buben schwören“ werden,[26] mag das die Erhebung aus einer „diffusen und nicht-individuellen Popularität“ hin zu einem „exzeptionellen Dasein“ bedeuten.[27]

[...]


[1] Thomas Mann, Deutschland und die Deutschen, Berlin 1947, S. 10.

[2] Ebd., S. 7.

[3] Ebd., S. 11.

[4] Ebd., S. 7.

[5] Ebd., S. 30.

[6] So Thomas Mann in einem Brief an Klaus Mann vom 27. April 1943, Briefe II, S. 309.

[7] Berücksichtigt man die ausdrückliche Dreiteilung des XXXIV. Kapitels, liegt das XXV., das Teufelskapitel, genau in der Mitte der 49 Kapitel des Romans, vgl. Wimmer, Doktor Faustus. Kommentar (=GKFA 10.2), S. 533.

[8] Brief an Klaus Mann vom 27. April 1943, Briefe II, S. 309.

[9] Thomas Mann, Deutschland und die Deutschen, S. 24.

[10] Thomas Mann, Doktor Faustus (=GKFA X.1), S. 12.

[11] Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 13.

[12] Ebd.

[13] So etwa auch Heinz Peter Pütz, Die teuflische Kunst des „Doktor Faustus“ bei Thomas Mann, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 82 (1963), S. 500-515, 512.

[14] Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 364.

[15] Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 345.

[16] Pütz, Die teuflische Kunst, S. 510.

[17] Helmut Koopmann, Thomas Mann. Konstanten seines literarischen Werks, Göttingen 1975, hier S. 135-149, 142.

[18] Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 328.

[19] Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 336.

[20] Ebd.

[21] Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 353.

[22] Ulrike Hermanns, Thomas Manns Roman Doktor Faustus im Lichte von Quellen und Kontexten, Frankfurt am Main 1994, S. 247.

[23] Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 355.

[24] So auch Pütz, Die teuflische Kunst, S. 501.

[25] Ebd.

[26] Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 355.

[27] So Hermanns, Quellen und Kontexte, S. 173.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656032687
ISBN (Buch)
9783656032427
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180492
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Doktor Faustus Thomas Mann Teufel Bedeutung Symbolis

Autor

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