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Die Rolle von Bindung zwischen Kindern und Eltern und ihre Folgen für die lebenslange Entwicklung

Wissenschaftlicher Aufsatz 2011 10 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Bindungsbegriff
2.1 Bindungstheorie nach Bowlby
2.2 Bindungsverhaltenssystem und Explorationsverhaltenssystem
2.3 Verhalten der Eltern und daraus resultierende Bindungsqualitäten
2.4 Auswirkungen der Bindungsqualität im Jugendalter

3. Diskussion zur These

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Versagen die Eltern im sozial-emotionalen Umgang mit ihrem Kind, versagt das Kind später im Leben.

Diese Hypothese beschreibt einen Sachverhalt, der bis heute stark umstritten ist. Ist es wirklich so einfach nach dem Prinzip von Freud zu gehen, dass das was im Säuglings- und Kleinkindalter vernachlässigt wurde, später nicht mehr nachgeholt werden kann (vgl. Oerter 1993, S. 78)?

Wie komplex das Thema der Eltern-Kind-Bindung ist, zeigt einer der bekanntesten Entwicklungspsychologen Bowlby in seiner Bindungstheorie auf. Auch John Bowlby unterstreicht, wie viele andere Wissenschaftler, die Tatsache, dass die Eltern besonders in den ersten Lebensjahren des Kindes eine wichtige und entscheidende Rolle spielen. Das Kind ist abhängig von der Pflege, dem Schutz und der Fürsorge der Eltern. Den Eltern ist oft der Einfluss, den sie auf ihr Kind haben, gar nicht bewusst.

In meiner Hausarbeit werde ich darauf eingehen wie sich die Eltern-Kind-Bindung in der Säuglings- und Kleinkindphase entwickelt. Hier werde ich mich speziell an der Bindungstheorie nach Bowlby und an die Forschungsarbeiten von Mary Ainsworth orientieren. Ob und wie schlechte Bindungserfahrungen eine Rolle im späteren Leben am Beispiel des Jugendalters spielen und welche Bedeutung der Sozialen Arbeit zuzuschreiben ist, werde ich am Ende meiner Arbeit analysieren. Zu betonen ist, dass in den wissenschaftlichen Texten oftmals nur von der Mutter als wichtigste Bezugsperson die Rede ist. Allerdings lässt sich das Bindungskonzept auch auf den Vater beziehen (vgl. Oerter & Montada 2008, S. 217). Ein weiterer Punkt ist, dass ich mich nur auf die Säuglings-, Kleinkind- und Jugendphase konzentriere. Andere Phasen wie Schulkindalter oder Erwachsenenalter lasse ich außer Acht.

2. Definition des Bindungsbegriff

Da der Begriff der Bindung ein zentraler und wichtiger Bestandteil meiner Hausarbeit ist, ist es entscheidend ein allgemeines Verständnis darüber zu schaffen. Nach dem Werk von Jungmann und Reichenbach „Bindungstheorie und pädagogisches Handeln“ (2009, S. 15) wird Bindung wie folgt definiert: „Mit dem Begriff Bindung wird die enge soziale Beziehung zu bestimmten Personen, die Schutz oder Unterstützung bieten können, bezeichnet“. In dem Fall der Eltern-Kind-Bindung beschreibt die Bindung die enge soziale Beziehung zwischen dem Kind und dessen Eltern, die fürsorglich sind. Dabei ist zu bemerken, dass nicht von Anfang an eine Bindung zwischen Eltern und Kind vorliegt. Bindung ist ein Prozess, der sich über Monate und Jahre hinweg durch intensiver Interaktion kindlicher und elterlicher Verhaltensweisen entwickelt (vgl. Jungbauer 2009, S. 42).

2.1 Bindungstheorie nach Bowlby

John Bowlby, welcher als Pionier der Bindungsforschung gilt, stellte den Begriff der Bindung, welcher im ersten Abschnitt definiert wurde, in den Mittelpunkt seiner Forschungen und entwickelte die Bindungstheorie. Diese Theorie revolutionierte den damaligen Stand des Wissens. Während man vorher an dem Gedanken der Triebtheorie aus der Psychoanalyse von Freud festhielt, konzentrierte sich Bowlby auf die Gründe, warum ein Mensch dazu neigt enge emotionale Beziehungen einzugehen mit Hinblick auf die Folgen, die eine Beeinträchtigung dieser Beziehungen auf die seelische Gesundheit und weitere Entwicklung haben kann (vgl. Jungmann & Reichenbach 2009, S. 15). Bowlby unterschied neben der Bindung das Bindungsverhalten, welches genetisch bedingt ist und eine biologische Funktion hat. Dieses Bindungsverhalten sichert das Überleben des Säuglings. Es hat zum einen die Aufgabe dem Kind die Nähe und den Schutz einer Bezugsperson durch angeborene Reflexe und Verhaltensmuster wie z.B. Lächeln oder Schreien zu sichern. Es verursacht eine biologische Reaktion der Mutter bzw. des Vaters auf die Signale des Kindes mit fürsorglichem Verhalten zu reagieren. Dabei spielt die Qualität der Fürsorge keine entscheidende Rolle. Kinder binden sich an die Personen, denen sie vertrauen. Deshalb bilden sie während der ersten Lebensmonate eine Hierarchie der Bezugspersonen, an deren erster Stelle oftmals die Mutter steht. Das Bindungsverhalten entwickelt sich in den ersten drei Lebensjahren des Kindes und lässt sich in vier Phasen einteilen. In der ersten Phase, bis circa drei Monate, ist das Kind noch an keine bestimmte Person gebunden. Man sagt, es ist „allgemein sozial ansprechbar“. Ab drei Monaten ändert sich dieses Verhalten langsam. Das Kind fängt an zwischen vertrauten und unvertrauten Personen zu unterscheiden und sucht mehr die Nähe der, für ihn eingeschätzten, vertrauten Person. Man spricht in der Phase von „personenunterscheidender Ansprechbarkeit“. In der kritischen Phase zwischen dem 7.-8. Lebensmonat entwickelt das Kind ein Bindungssystem. Das sich durch Fremdeln und Trennungsangst äußert. Das gefährliche in dieser Phase ist, dass eine längere Trennung von der Mutter ohne Ersatz hier zu einem depressionsartigem Zustand führen kann. Ab dem Alter von drei Jahren wird das Kind wieder unabhängiger von wichtigen Bezugspersonen („Dezentrierung“). Eine vorübergehende Abwesenheit von Bindungspersonen kann es nun ertragen. (Vgl. Jungbauer 2009, S. 44-45) Bei diesen vier Entwicklungsphasen nach Bowlby ist zu erkennen, dass es einige Zeit in Anspruch nimmt bis ein Kind sich an eine Bezugsperson bindet, aber es ebenso versucht nach nicht allzu langer Zeit wieder unabhängiger von der vertrauten Person zu werden.

2.2 Bindungsverhaltenssystem und Explorationsverhaltenssystem

Wie im obigen Abschnitt erläutert, fängt ein Kind im Alter von 3 Jahren an sich langsam wieder unabhängiger von den Bezugspersonen, den Eltern, zu machen. Es erkundet seine Umgebung und spielt mit Objekten. Dieses Verhalten bezeichnet Bowlby als Explorationsverhalten. Dem Explorationsverhalten gegenüber steht das Bindungsverhalten. Diese beiden Systeme sind komplementär. Das bedeutet, dass sie sich auf der einen Seite ergänzen, aber auf der anderen Seite nicht zur gleichen Zeit vollkommen aktiviert sind. In unsicheren Situationen ist das Bindungsverhaltenssystem aktiviert. Das Kind hat die Sicherheit in einer für ihn angsteinflößenden Situation Zuflucht bei den Eltern zu finden. Genau dieses Wissen benötigt das Kind, um das Explorationsverhalten entfalten zu können. Nur durch die Eltern, als sichere Basis, fängt es an in sicheren Situationen zu explorieren und daraus resultierende Lernerfahrungen zu sammeln. Diese Wechselwirkung ist sehr wichtig für das Kind. (Vgl. Jungmann & Reichenbach 2009, S. 18)

2.3 Verhalten der Eltern und daraus resultierende Bindungsqualitäten

Im Abschnitt 2.2 wurde deutlich wie wichtig Eltern für das Kind sind um selbstständig zu explorieren und notwendige Erfahrungen zu sammeln. Erst wenn das Kind die Fürsorge spürt, fühlt es sich sicher. Auch Mary Ainsworth, eine Kinderpsychologin, stellte fest, dass das Zuwendungsverhalten der Eltern, besonders der Mutter, in den ersten Lebensjahren des Kindes ausschlaggebend dafür ist, welches Bindungsverhalten das Kind annimmt. Anhand eines Tests „Fremde Situation“ testete sie Kinder im Alter von 12-24 Monaten nach ihrer Reaktion auf ihre Bezugspersonen, von denen sie in bestimmter Abfolge getrennt und wiedervereint wurden. Das Resultat dieses Tests waren drei verschiedene Bindungstypen und das Verhalten der Eltern, dessen denen zugrunde liegen. Ein konsistent feinfühliges Verhalten ist gekennzeichnet durch Einfühlsamkeit, Verlässlichkeit und Zuwendung. In den meisten Fällen entwickelt ein Kind bei solch einem Verhalten der Eltern eine sichere Bindung (Bindungstyp B). Sicher gebundene Kinder reagieren in Trennungssituationen der Eltern sehr beunruhigt. Sie lassen sich nicht von fremden Personen trösten und werden erst ruhiger, wenn die Eltern wieder da sind. Die Kinder schmiegen und kuscheln sich an. Sie haben ihre sichere Basis wieder. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass das Bindungs- und Explorationsverhaltenssystem dieser Kinder im Gleichgewicht sind. Bei einem eher konsistent distanzierten Verhalten sind Eltern wenig sensibel, sehr distanziert oder abweisend. Daraufhin unterdrückt das Kind seine Bedürfnisse nach Nähe und Zuneigung. Das Bindungsverhalten wird minimiert. Das Explorationsverhaltenssystem dominiert also. Das Kind entwickelt ein unsicher-vermeidendes Bindungsverhalten (Bindungstyp A). Diese Kinder reagieren nur wenig bei Trennungen von den Eltern. Sie konzentrieren sich weiter auf ihre Umgebung und selbst bei Wiederkehr der Eltern wirken sie desinteressiert. Sie vermeiden sogar den Kontakt und die Nähe. Diese Selbstständigkeit ist allerdings mit einem hohen Stresspegel verbunden. Also wiederum belastend für das Kind. Der unsicher-ambivalente Bindungstyp (Bindungstyp C) ist die Ursache von einem sehr wechselhaften (inkonsistent) Verhalten der Eltern gegenüber dem Kind. Mal gekennzeichnet durch Fürsorge und Liebe oder mal durch Distanz und Kälte. Das Kind reagiert auf dieses Verhalten sehr irritiert. Es weiß nie wie die Eltern auf seine Bedürfnisse reagieren, deshalb neigt es zu Übertreibungen wie zum Beispiel bei Schmerz oder Kummer durch übertriebenes Schreien, damit dieses Bedürfnis auch wirklich wahrgenommen wird. In einigen Fällen entsteht auch das Gefühl von Ärger eines Kindes gegenüber dessen Eltern. Beim Bindungstyp C überwiegt grundlegend das Bindungsverhaltenssystem. Ein Verhalten, indem so gut wie gar keine Fürsorge zu spüren ist, ist das verletzende Verhalten geprägt durch Traumatisierungen des Kindes wie Misshandlung oder Missbrauch. Das Kind hat durch dieses Verhalten der Eltern nicht gelernt wie es mit ihnen umgehen soll. Ob es nun ihre Nähe und ihren Schutz suchen soll oder sie lieber meiden soll. Kinder, die solch ein Verhalten erfahren haben, entwickeln oft ein desorganisiertes/desorientiertes Bindungsverhalten (Bindungstyp D). Kinder mit einem solchen Bindungsmuster sind unabhängig von der elterlichen Feinfühligkeit. Sie zeigen oft seltsame Verhaltensweisen wie zum Beispiel Einfrieren des Gesichtsausdrucks. Anders als bei den anderen Bindungstypen haben diese Kinder keine Bindungsstrategie. Dieser Bindungstyp wurde in einer späteren Studie von Main und Solomon im Jahre 1990 erforscht. Die Feinfühligkeit der Eltern spielt also eine wesentliche Rolle für das Kind. Feinfühlige Eltern sind in der Lage die körperlichen und seelischen Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen und einfühlsam darauf zu reagieren. (Vgl. Jungbauer 2009, S. 45-47)

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Details

Seiten
10
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656034544
ISBN (Buch)
9783656041474
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180468
Institution / Hochschule
Evangelische Fachhochschule Berlin
Note
1,0
Schlagworte
rolle bindung kindern eltern folgen entwicklung

Autor

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Titel: Die Rolle von Bindung zwischen Kindern und Eltern und ihre Folgen für die lebenslange Entwicklung