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Elemente der Ideenlehre in Platons Phaidon

Seminararbeit 1998 11 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Elemente der „Ideenlehre“ im „Phaidon“
a) „Als wir nun hineintraten, fanden wir den Sokrates eben entfesselt“ / Zur Begründung der Themenwahl
b) „Dem Nichtreinen aber mag Reines zu berühren nicht vergönnt sein“ / Die Ungenauigkeit sinnlicher Wahrnehmung (65a - 68bc)
c) Wiedererinnerung als Beweis für eine Praeexistenz der Seele und für eine Existenz der Ideen (72a - 77a)
d) Das Eine und das Viele / Unwandelbarkeit und stetiges Werden
e) Metexis (95e-107a)
1. Die Verknüpfung beider „Welten“
2. Teilhabe
3. Die Rechtfertigung der Grundsetzungen des Denkens
4. Die allgemeine Möglichkeit der Verbindung kontradiktorischer Prädikate mit dem Subjekt
5. Die Unvergänglichkeit und Unveränderlichkeit der Ideen
6. Die enge Verknüpfung verschiedener Denkbestimmungen im selben Subjekt

3. Vereinfachte Zusammenfassung

4. Schlußwort

1. Einleitung

Im Rahmen meiner Hausarbeit möchte ich die Elemente der platonischen „Ideenlehre“ im „Phaidon“ aufzeigen. Dabei werde ich auch auf andere Dialoge eingehen, wenn diese für die Erläuterung zur Hilfe genommen werden müssen. Ich werde mich dabei teilweise sehr nah am Primärtext bewegen, zum Teil aber auch, wenn es nötig ist, mir Abstand verschaffen und mit einem dem Dialog übergeordneten Blick auch auf die nicht explizit geäußerten, aber durchaus mit zu denkenden Bestimmungen Platons eingehen.

Ich habe den zweiten Teil meiner Hausarbeit in vier Abschnitte eingeteilt, die entweder die für die „Ideenlehre“ wichtigen Voraussetzungen schaffen, bzw. Elemente der „Ideenlehre“ beinhalten.

Als eine wichtige Voraussetzung werde ich in Punkt 1 die Ungenauigkeit der sinnlichen Wahrnehmung und den daraus folgenden Schluß, daß Wahrheit in der sinnlichen Wahrnehmung allein nicht zu suchen ist, betrachten. Ferner werde ich beleuchten, auf welche Weise Platon die zwei Gattungen des Seins bestimmt und wie er sich die notwendige Verbindung beider „Welten“ im Rahmen seiner „Ideenlehre“ vorstellt.

Unter den ziemlich offen dargelegten Elementen der „Ideenlehre“ befinden sich unter anderem die Lehre der Wiedererinnerung (Anamnesis), die ich vor allem in Punkt 2b behandeln werde und die Lehre der Teilhabe (Metexis), die hauptsächlich in Punkt 2d ihren Platz findet.

In Punkt 3 werde ich die komplexen Betrachtungen noch einmal vereinfacht darstellen und so versuchen, ein anschauliches Gesamtbild der „Ideenlehre“ zu skizzieren.

In Punkt vier werde ich die Probleme beleuchten, die sich während meiner Arbeit an der Hausarbeit ergaben und versuchen scheinbare Widersprüche der Ausarbeitung zu begründen.

2. Elemente der „Ideenlehre“ im „Phaidon“

a) „Als wir nun hineintraten, fanden wir den Sokrates eben entfesselt“ / Zur Begründung der Themenwahl

Thema des Dialoges „Phaidon“ ist eigentlich die „Unsterblichkeit der Seele“. Wie jedoch in den meisten Dialogen Platons, findet sich auch und vor allem in diesem seine „Ideenlehre“ impliziert. Das zeigt sich schon auf den ersten Seiten, in denen man wohl beabsichtigte Assoziativen zum siebenten Buch der „Politeia“ findet. Die Bemerkung „Als wir nun hineintraten fanden wir den Sokrates eben entfesselt.“[1] erinnert sofort an das Höhlengleichnis und man könnte daraus schließen, daß es Platon im „Phaidon“ gerade um die Behandlung der „Ideenlehre“ geht. Zumindest ist durch diesen Satz gesichert, daß es darum gehen wird, über Wahres zu reden. Und wenn es darum geht, über Wahres zu reden, liegt die Vermutung nicht fern, daß Platons „Ideenlehre“ zumindest in Teilen enthalten sein wird.

b) „Dem Nichtreinen aber mag Reines zu berühren nicht vergönnt sein“ / Die Ungenauigkeit sinnlicher Wahrnehmung (65a - 68bc)

Nach der Einleitung, in der schon, wie so oft bei Platon, Andeutungen auf den Fortgang des Werkes und auf die „Ideenlehre“ enthalten sind, führt Sokrates seine Gesprächspartner zu einer Erörterung der sinnlichen Wahrnehmung. Sehr schnell wird von Simmias zugegeben, daß der sinnlichen Wahrnehmung ein genaues Erfassen von Wahrheiten durch ihre Ungenauigkeit nicht möglich ist.

Daß auch die primären Sinne nichts exakt und klar auffassen können, erkannte vor Platon vor allem auch schon Demokrit. Zudem kann man durch die Aussage des platonischen Sokrates, daß „selbst die Dichter“ von der Ungenauigkeit der Sinne reden, erkennen, daß diese Hypothese zu Platons Zeit bekannt und anerkannt war. Aber auch abgesehen von der Tradition und von der wohl allgemeinen Meinung der Gelehrten, bewies Platon diese im „Phaidon“ unbegründete Voraussetzung seines weiteren Beweisganges zuvor schon im Theätet.

Dort (Theätet: 185a - 186a) macht der platonische Sokrates seinen Unterredner Theätet zunächst darauf aufmerksam, daß man vermittels der Sinnesorgane zwar die Prädikate eines jeweilig Seienden zu erkennen vermag, nicht aber das Sein des Seienden selbst. Auf Sokrates´ weiterführende Frage, vermittels wessen Theätet das Gemeinsame anzeigt und womit er ihnen das „ist“ oder „ist nicht“ zuspricht, kommt Theätet nicht umhin, zu antworten, daß er dies mit der Seele selbst durchführe. Theätet belegt damit die These des Sokrates, daß nur die Seele selbst das Sein erfassen könne.

Darauf aufbauend stellt der platonische Sokrates Theätet dann die Frage: „Kann man nun aber die Wahrheit von etwas dadurch erreichen, womit man nicht einmal dessen Sein erfaßt“[2], woraufhin Theätet notwendigerweise antworten muß, daß dem nicht so sei. Vermittels der sinnlichen Wahrnehmung kann man folglich keine Wahrheit erfassen.

Die Unterscheidung der Welt in eine „Werde-Welt“, die durch die Sinne wahrgenommen werden kann und einer allein im Denken vorhandenen Welt[3], zu der einzig die Seele selbst sich Zugang zu verschaffen in der Lage ist, ist somit bereits im „Theätet“ getroffen und wird nun im Phaidon wieder aufgegriffen. Der platonische Sokrates läßt sich von Simmias eingestehen, daß es „begriffliche“ Bestimmungen gibt, über die wir nicht vermittels unserer Sinne wahre Aussagen treffen können („Dem Nichtreinen[4] aber mag Reines zu berühren wohl nicht vergönnt sein“[5]), sondern einzig mit der Seele selbst („... mit der Seele selbst die Dinge selbst schauen müssen“[6]). In dem von mir zuletzt angeführten Zitat kann man jetzt schon einen Hinweis auf die „Ideenlehre“ erkennen. Zum einen wird hier von etwas Dinghaftem und nicht von etwas Begrifflichem gesprochen, zum Anderen weist das „schauen“ auf die Existenz der Dinge selbst hin. Es kann sich also bei den Dingen selbst nicht um Begriffe handeln, da man diesen keine körperlich ausgedehnte Existenz zuschreiben kann. Folglich muß es sich schon um platonische Ideen handeln.

c) Wiedererinnerung als Beweis für eine Praeexistenz der Seele und für eine Existenz der Ideen (72a - 77a)

Auch bei der Erörterung dieser Beweisführung ist es notwendig, auf den früheren Dialog „Menon“ hinzuweisen, der die Erkenntnis als Wiedererinnerung zum Thema hat. Da aber auch im Phaidon die Beweisführung für die Anamnesislehre sehr schlüssig ist, möchte ich in diesem Fall auf einen Exkurs verzichten.

Ausgehend von der von Simmias bestätigten Hypothese, daß der Gleichheit, dem Gleichen selbst ein Sein zugesprochen werden muß, unterscheidet Sokrates das Gleiche und das Gleiche selbst. Er verwendet für den Beweis dieser Unterscheidung ein Schlußverfahren, welches sich sinngemäß wie folgt verhält:

Obersatz: Das Gleiche erscheint mal gleich, mal ungleich.

Untersatz: Das Gleiche selbst kann nicht ungleich sein

Conclusio: Das Gleiche und das Gleiche selbst sind nicht dasselbe

Der platonische Sokrates fährt dann fort, Simmias zu fragen, ob er denn jemals Gleiches wahrgenommen hätte, oder ob es sich nicht so verhalte, daß sinnlich Wahrnehmbares dem Gleichen selbst ähnlich sei, dies aber nicht treffe, sondern hinter ihm zurückbleibe. Simmias muß zugestehen, daß wahrhaft Gleiches in der phänomenalen Welt nicht existiert. Folglich müssen die Menschen vor ihrem Eintritt in die sinnlich wahrnehmbare Welt, d.h. vor ihrer Geburt die Gleichheit selbst geschaut haben. Das beweist zum einen die für den „Phaidon“ wichtige These der Praeexistenz der Seele, zum anderen aber auch die Existenz der Ideen. „Notwendig also kennen wir das Gleiche schon vor jener Zeit, als wir zuerst, Gleiches erblickend, bemerkten, daß alles dergleichen strebe zu sein, wie das Gleiche, aber doch dahinter zurückbleibe.“[7] An diesem Zitat wird deutlich, daß man, wenn man sich mit Platons Ideenlehre beschäftigt, nicht vergessen darf, daß der Mensch erst durch eine sinnliche Wahrnehmung auf die Ideen verwiesen wird. Ohne diese phänomenalen Dinge wäre eine Wiedererinnerung an die vor der Geburt geschauten Ideen nicht möglich.

[...]


[1] Platon „Phaidon“ Philipp Reclam Jun. Stuttgart 1987 / 60a

[2] Platon „Theätet“ Philipp Reclam Jun. Stuttgart 1981 / 186c

[3] An dieser Stelle des „Phaidon“ schon von einer „Ideenwelt“ zu sprechen, wäre verfrüht

[4] Wobei hiermit nicht die Sinne allein, sondern das Zusammenspiel der Sinne mit der Seele gemeint ist

[5] Platon „Phaidon“ Philipp Reclam Jun. Stuttgart 1987 / 67b

[6] Platon „Phaidon“ Philipp Reclam Jun. Stuttgart 1987 / 66e

[7] Platon „Phaidon“ Philipp Reclam Jun. Stuttgart 1987 / 74e

Details

Seiten
11
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638111072
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1804
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Philosophische Fakultät
Note
1
Schlagworte
Ideenlehre Phaidon Platon

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