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Entwicklung und Erprobung eines Erlebnispfades unter besonderer Berücksichtigung des Naturerlebens auf dem Campusgelände der Universität Flensburg

Masterarbeit 2011 90 Seiten

Biologie - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Autors

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition
2.1 Erleben
2.2 Naturerleben, Naturwissenschaften und Erlebnispädagogik
2.3 Naturerleben

3. Erlebnispfad
3.1 Geschichtliche Entwicklung
3.2 Unterscheidung zwischen Lehr und Lernpfad
3.3 Bedeutung der Sinne

4. Entwicklung des Erlebnispfades
4.1 Zielgruppe
4.2 Anleiter
4.3 Campus der Universität Flensburg
4.4 Günstige Voraussetzungen
4.5 Zeitlicher Rahmen
4.6 Material und Methoden
4.6.1 Stationen
4.6.2 Das große Suchen
4.6.3 Fühl die Natur
4.6.4 Bodenfenster
4.6.5 Geräusche Landkarte
4.6.6 Rahmen Geschichte
4.6.7 Naturmeditation

5. Methoden
5.1 Was ist empirische Sozialforschung
5.2 Art des Fragebogens
5.3 Aufbau des Fragebogens
5.4 „Pretest“

6. Ergebnisse
6.1 Grundinformationen der Erprobung
6.2 Dokumentation der Erprobung
6.3 Zusammenfassung der Ergebnisse

7. Diskussion

8. Schulischer Exkurs

9. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Fotos

Diagramme

Tabellenverzeichnis

Anhang

Vorwort des Autors

Meine Heimat ist Bad Malente Gremsmühlen. Obwohl Malente nur ca. 10 000 Einwohner hat und fern ab von Großstädten liegt, hält die Hektik des Alltags auch dort Einzug. Die Natur ist für mich auf der einen Seite seit jeher ein riesiger Abenteuerspielplatz, auf der anderen Seite aber auch ein inspirierender Ort und vor allem ein Platz der Ruhe und Entspannung. Wenn ich Erholung suche, nehme ich mir die Zeit für einen Spaziergang im nahegelegenen Wald. Dort kann ich abschalten und meine Gedanken ordnen. Dort hole ich mich zurück in die Gegenwart und kann die Umgebung bewusst wahrnehmen. Eine innere Unruhe fällt von mir ab und ich konzentriere mich wieder auf das Wesentliche. Auch in Flensburg finden sich einige Orte, um sich der Natur anzunehmen. Erst vor kurzer Zeit, im Juni 2011 bei einer Begehung des Campus, hielten wir mit einer Gruppe aus Biologiestudenten an einem Teich, um den Blick über das ruhige Wasser gleiten zu lassen, durch die sanft wogenden Baumwipfel hindurch in das zarte Rot des Sonnenunterganges auf der Suche nach Fledermäusen, als eine Kommilitonin sich erstaunt fragte, weshalb sie nach fünf Jahren Studium noch nie zuvor an diesem Ort gewesen wäre. An dieser Stelle möchte ich KUHN (1986 S.4) zitieren, „daß die meisten Menschen heute nicht nur mit Scheuklappen, sondern mit Milchglasscheiben vor den Augen durch die Landschaft gehen. Zwar ist man durch die Medien heute gut informiert über die verschiedensten und entlegensten Aspekte der Erde und des Weltraumes, vom Leben in Tiefseegräben bis zur Rückseite des Mondes. Zu der unmittelbaren Umgebung besteht jedoch eine erstaunliche Beziehungslosigkeit.“ Weiter im Text beschreibt KUHN (1986, S.4) die Situation noch etwas drastischer: „Es handelt sich hier um mehr als einen Mangel, man könnte diese Abkapselung von der Naturerfahrung schon als die Symptome einer Krankheit deuten. Die einzige hilfreiche Therapie: Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, sollten möglichst oft Gelegenheit zur Naturbegegnung, insbesondere aber zur handelnden Auseinandersetzung mit der Natur, bekommen.“ Mit dieser Arbeit soll eine Handreichung entwickelt werden, die vielleicht ein paar Menschen die Augen öffnet und eine Gelegenheit zur Naturbegegnung schafft.

1. Einleitung

„Wissen ist Macht, auch wenn es nicht um der Macht willen gesucht wird. Otto Hahn wollte die Atome so wenig zerstören wie Otto Heckmann die Sterne; er wollte sie verstehen. Die Kernspaltung, die er entdeckte, war kein unnatürlicher Prozeß; in afrikanischen Uranlagerstätten hat es sie schon vor Jahrmillionen gegeben. Die Wasserstoff Fusion, die die H Bombe speist, ist auch die Energiequelle der Sonne. Die Natur ist nicht garantiert harmonisch das ist nur ein spätbürgerlicher Traum seit der Ausrottung der Wölfe in unseren Wäldern“ (WEIZSÄCKER in: DÜRR 1989, S.26).

Dieses Zitat ist aus einem Beitrag über „Welt, Wissenschaft, Wirklichkeit“, der einem sogenannten Kongress der Superlative entstammte, an welchem 1988 in Niedersachsen über 60 renommierte Wissenschaftler sich dem Thema „Geist und Natur“ annahmen. Zunächst stellt sich die Frage, was dieses Zitat mit einem Erlebnispfad auf dem Campus der Universität gemein hat. Gewiss im ersten Moment nichts. Zugegeben, der Abstraktionsgrad ist recht hoch gewählt, es lassen sich aber Analogien zum Naturerleben ziehen. Vor diesem Zitat schildert Carl Friedrich von WEIZSÄCKER, dass seine Motivation, zunächst Astronom werden zu wollen, aus „einer wunderbaren sommerlichen Nacht“ (ebd., S.24) resultierte. Später in der Physik geht es ihm nicht um Macht. „Es ging mir zuerst um bewundernde Erkenntnis, später, seit der Atombombe, auch um konkrete Verantwortung“ (ebd., S.24). Dieser bewusst verwirrende Spaziergang durch die Aussagen WEIZSÄCKERs bedarf einer Klärung. WEIZSÄCKER spricht von Verstehen, Erkenntnis, Wissen und Verantwortung. Wissen wird erzeugt durch (Lern ) Motivation, Lernen durch Erfahrungen und ohne Anschauung kann keine Erfahrung gewonnen werden. Somit ist Lernen auch Begreifen + Behalten, einhergehend mit der Selbstständigkeit, Erfahrungen zu machen (siehe Kapitel 3.2). Lernen bedeutet wiederum, sich Kenntnisse anzueignen, Entweder geschieht dies implizit durch das Lesen von Büchern oder explizit durch Suchen, Sammeln, Bestimmen, Erkunden, Beobachten, Erforschen, usw.. Dabei handelt es sich z.T. um Elemente, die die Wahrnehmung sensibilisieren (siehe Kapitel 3.2). Das Erleben kann in diesem Zusammenhang als kleinster, gemeinsamer Nenner des Zitats und der vorliegenden Arbeit verstanden werden. Sowie das Erleben der als wunderbar gewerteten Sommernacht in WEIZSÄCKER die Motivation entfachte, Astronom werden zu wollen, so ist das Erleben nach Janßen der „emotionale Kern“ (siehe Kapitel 2.3), der sich über die Phasen des Naturbeschreibens, des Naturerklärens und des Naturverstehens zu Umweltbewusstsein und Handlungsbereitschaft weitet. Das Erlebnis ist als Basis und als Impuls zu verstehen, als ein Antrieb, der „verstehen wollen“ erzeugt, so wie der Physiker Otto Hahn die Atome verstehen wollte und als Nebenprodukt seiner Forschung die Kernspaltung entdeckte. Dieses Phänomen ist natürlichen Ursprungs. Wie bereits erwähnt, gab es schon vor Jahrmillionen Kernspaltung in afrikanischen Uranlagerstätten. Deshalb darf auch von Naturverstehen gesprochen werden. Es handelt sich hier um Naturphänomene, die in einem Menschen eine Neugier erzeugen. Ob in der Physik, Biologie oder Chemie, die Natur wirkt überall. Jedes noch so kleine Atom ist Natur. Natura bedeutet im lat. „Geburt“. Auch der Mensch ist Natur. Allerdings wird die Natur zum „Anderen des Menschen, das von ihm erfaßt, durchschaut und schließlich beherrscht werden kann. […] In dem Maße, in dem die außermenschliche Natur sich technisch wissenschaftlicher Erfassung erschließt, scheint die Einheit von menschlicher und außermenschlicher Natur sich zu entfernen.“ (ebd., S.3) Diese Distanzierung des Menschen von der Natur hat, um den Bogen zurück zu WEIZSÄCKER zu spannen, bspw. zur Ausrottung der Wölfe geführt. Wissen ist Macht und aus Macht wächst Verantwortung, wie uns die Atombombe auf erschreckende Weise verdeutlicht. Um Verantwortung zu tragen benötigt der Mensch Macht. Um Macht zu erlangen, benötigt der Mensch Wissen. Um wissen zu wollen, benötigt der Mensch Erlebnisse. Diese Erlebnisse möchte der Verfasser während der Begehung seines entwickelten Naturerlebnispfades schaffen. Es sollen Erlebnisse in der Natur, durch die Natur und mit der Natur erfahrbar gemacht werden. Die kann zu Impulsen führen, Natur zu erleben, Natur zu verstehen und sich selbst als einen Teil der Natur sehen zu wollen, um eine Versöhnung zwischen Mensch und Natur herbeizuführen, was Umweltbewusstsein und Handlungsbereitschaft möglich macht. Mittels erlebnisorientierter Methoden soll die Natur in den Vordergrund gerückt, Naturempfinden erzeugt, für die Natur sensibilisiert und Begegnungen geschaffen werden. Mit der Entwicklung des Pfades werden Handreichungen aufgezeigt, wie sich der Mensch bewusst mit der Natur auseinandersetzen kann. Zunächst werden die Begriffe des Erlebens allgemein und konkreter des Naturerlebens und des Erlebnispfades theoretisch beleuchtet. Als wissenschaftliche Grundlage dieser Arbeit dient die Erprobung eines selbst entwickelten Erlebnispfades. WEIZSÄCKER läutet das Ende seines Beitrags mit dem physikalischen Vergleich ein: „Der Beweis eines Satzes ist die Entdeckung, also die Wahrnehmung eines Zusammenhangs. Wo aber der Beweis zum gängigen Mittel sozialer Durchsetzung in der Zukunft wird, entsteht eine Verzerrung der Wahrnehmung“. Das Ziel des Erlebnispfades ist, wieder einen Schritt zurück zu gehen, für die Zusammenhänge in der Natur zu sensibilisieren, den Alltag des Menschen zu durchbrechen und auf die Werte der Natur aufmerksam zu machen. Der Autor schließt sich den abschließenden Worten WEIZSÄCKERS in dessen Beitrag an: „Meditative Wahrnehmung schließlich entläßt freundlich die Begriffe und die Affekte und empfängt das, was sich dann zeigt. Solchen Wahrnehmungen wollen wir uns öffnen (ebd., S.27).“

Hinweis:

Geschlechtsbezogene Begriffe werden aus Gründen der besseren Lesbarkeit in ihrer maskulinen Form verwendet. Sie gelten jedoch in gleicher Weise für die feminine Form.

2. Begriffsdefinition

Im Folgenden wird die Bedeutung von „Naturerleben“ anhand der Begriffe „Natur“ und „Erleben“ als auch über eine Abgrenzung zu der Naturwissenschaft und der Erlebnispädagogik bestimmt.

2.1 Erleben

In den Worten Erlebnispfad und Naturerleben findet sich jeweils der Begriff „Erleben“ wieder. Das „Erleben“ bedarf als wesentlicher Aspekt dieser Arbeit einer besonderen Aufmerksamkeit. Es bietet den individuellen Zugang zu der Natur. Nach MAAßEN (1994, S.6) befasst sich „ „Erleben“ […] mit der Art und Weise, wie ein Mensch Welt, in unserem Fall, Natur begegnet, sie sich aneignet.“ Es ist die Interaktion zwischen Mensch und Umwelt und wie der Einzelne in diesem Fall Natur erlebt. Folglich ist das Ziel eines Naturerlebnispfades über ein Erlebnis die individuelle Aneignung von Natur. Der Erlebnispfad wir ein Mittel zum Zweck. Für den Anleiter des Pfades bietet sich dadurch die Herausforderung, Erlebnisse, Stimmungen und Atmosphäre zu schaffen, die dem Naturerleben zuträglich sind. TROMMER (1987, in: HOMFELDT 1987, S.208) geht davon aus, dass „[…] Emotionen aus dem Erlebnisbereich für Affekte wie Interesse, Aufmerksamkeit Bedingungen sind und damit auch als Antriebe für Naturerkundungen infrage kommen.“ Auch JANßEN et al (vgl. 1988, S.5) machen darauf aufmerksam, dass sie es als äußerst sinnvoll erachten, sich im Naturerleben von Stimmungen und Atmosphäre einfangen zu lassen. Darauf geht der Verfasser später konkreter ein (siehe Kapitel 4.2).

2.2 Naturerleben, Naturwissenschaften und Erlebnispädagogik

Um Naturerleben zu bestimmen, ist es sinnvoll, Naturerleben von Naturwissenschaften und der Erlebnispädagogik abzugrenzen. Alle drei Bereiche haben den Naturbegriff gemein, allerdings ist der Umgang mit und das Interesse an der Natur jeweils unterschiedlich. Als Natur verstehen wir „die uns umgebende, von Menschen nicht geschaffene Welt, die den naturwissenschaftlichen Gesetzen unterliegt, z.B. Pflanzen, Tiere (BERTELSMANN Universallexikon S.632).“ Die Naturwissenschaften selbst sind die Wissenschaften von Naturerscheinungen und Gesetzen und befassen sich mit der Erforschung der belebten und unbelebten Natur. Zu den Aufgabenbereichen der Naturwissenschaften zählen vor allem die zweckfreie Forschung (Grundlagenforschung), die Naturgesetze sucht und die angewandte Forschung, die durch Naturerkenntnis zur Naturbeherrschung zu gelangen sucht (vgl. ebd., S.633). Weder Subjektivität noch Sinngebung sind Gegenstand von Naturwissenschaft. Naturerleben ist jedoch etwas, das vom Subjekt her bestimmt wird und das von dort her seine persönliche Bestimmung erfährt (vgl. (TROMMER 1987, in: HOMFELDT 1987, S.208). Trotz dieser Differenzierung sieht MAAßEN (1994, S.8) Naturerleben neben verschiedenen Dimensionen in seiner pädagogischen Methode als Erweiterung der Naturwissenschaft an. Allerdings wird durch Naturerleben mittels sinnlicher Wahrnehmung und Gefühle ein Zugang zum Naturverstehen geboten, der nicht nur auf Forschungsergebnissen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erklärungen beruht. Als Veranschaulichung dient die folgende Tabelle (Tab.1), die bereits wesentliche Merkmale des Naturerlebens beschreibt. Sie wurde von MAAßEN erstellt und weist konkrete Unterschiede in einem Vergleich von Übungen im Naturerleben und naturwissenschaftlichem Unterricht auf. MAAßEN betont, dass die Unterschiede, obwohl dual dargestellt, nicht als ein Entweder Oder, sondern als eine Akzentuierung verstanden werden müssen (vgl. ebd., S.38.).

Tabelle 1 Tabellarischer Vergleich von Naturerleben und Naturwissenschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1(vgl. MAAßEN 1994, S.38)

Es bleibt jedoch die Frage bestehen, inwiefern sich das Naturerleben von der Erlebnispädagogik unterscheidet. Das Verhältnis zwischen Naturerleben und Erlebnispädagogik hingegen ist andersartig. Dem Naturerleben geht es um die praktische Versöhnung von Mensch und Natur. In der Erlebnispädagogik ist jedoch die Natur nur der Gegenstand, das Hindernis, durch dessen Überwindung das Subjekt wächst, seine Fähigkeiten übt, ausbildet und weiterentwickelt. Es geht um Selbsterkenntnis und stärkung, nicht um Naturerkenntnis und verstehen. Aufgaben mit überwiegendem Sportcharakter verlangen höchste Konzentration und verhindern einen sensiblen Umgang mit der jeweiligen Natur (ebd., S.15). Als Beispiel sei das Wild Wasser Paddeln zu nennen. Während man mit hoher Geschwindigkeit versucht, in einem Kanu zwischen Felsen das Wassergefälle zu bestreiten, sind die Sinne auf Reaktionsschnelligkeit und Antizipation getrimmt, weniger auf ein mögliches Naturschauspiel, bspw. ein grasendes Reh am Flussufer. Da diese Arbeit auf einen Erlebnispfad mit besonderer Berücksichtigung auf das Naturerleben abzielt, wird der Schwerpunkt auf das Wahrnehmen der Natur gelegt, weniger auf die Wissensvermittlung (Naturwissenschaft) und den Sportcharakter (Erlebnispädagogik).

2.3 Naturerleben

Als Wurzel des modernen Naturerlebens sei Alexander Humboldt (1769 1859) zu nennen, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Wirkung des Erlebens von Naturwahrnehmung, aber auch die Fähigkeit aller Menschen zum Naturerleben beschrieb. „Der Garten im Frühling“ (Teller 1875) ist bspw. eine didaktisch zusammenhängende, anschauliche Naturschilderung, ein sogenanntes Naturbild, anhand dessen bestimmte, naturkundliche Themen ganzheitlich erarbeitet wurden. „Im Erzählstil wurden erlebte Eindrücke vermittelt, landschaftliche Zusammenhänge dargestellt, und durch monographische Beschreibungen ergänzt“ (SPÖRHASE EICHMANN et al. 2008, S.71). Als primäres Ziel der Naturwissenschaften verstand Humboldt das Aufdecken der Zusammenhänge der Natur, welches jedoch in der Schule oftmals unterging. Durch den Einfluss dichterischer Naturbeschreibungen erfuhr der naturkundliche Unterricht im 19. Jahrhundert eine verstärkte Ausrichtung auf Naturerleben und Gemütsbildung. Diese Form der „sinnigen Naturkunde“ trug zu einem weitreichendem Verständnis von Ökologie und Naturschutz bei (vgl. ebd., S.71).

Im Fokus steht die Begegnung von Individuum und Natur. Nach MAAßEN (1994, S.6) fasst der Begriff Naturerleben sowohl den subjektiven Pol (Erleben) als auch den objektiven Pol (Natur) zu einer Einheit zusammen. MAAßEN erklärt, dass Naturerleben eine Beziehung zwischen Mensch und Natur aufzubauen versucht. Diese Begegnung mit der Natur ist nicht wie bei den Naturwissenschaften auf die Lösung von Problemen ausgerichtet oder dient bei der Erlebnispädagogik als Mittel zum Zweck, sondern zielt vorrangig auf das Interesse ab, sich in der Natur zu befinden (ebd., S.188). „Naturerleben ist im Kern das Wahrnehmen der Werte der Natur“ (ebd., S.88). Der Lerneffekt steht hinter der sinnlichen Auseinandersetzung mit der Natur und dem, was die Natur hervorgebracht hat. Auch TROMMER stützt diese These und räumt dem Naturerleben weniger die objektive Wahrheitssuche, jedoch mehr die Ebene primärer Erfahrungen, Begegnungen, Wahrnehmungen und Genuss von originaler Umwelt ein (vgl. TROMMER 1987, in: Homfeldt 1987, S.201).

Dieses Eintauchen in die Natur benötigt alle Sinne. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass alle Sinne angeregt, bzw. einzelne Sinne gezielt genutzt werden. Nicht nur der Seh Sinn, welcher primär in der Wissenschaft gebraucht wird, ist hier erforderlich. Durch die sinnliche Wahrnehmung ist das Naturerleben auch für die kindliche Entwicklung eine Bereicherung, wodurch es eine Berechtigung im Schulalltag erhält (siehe Kapitel 8). JANßEN (1988, S.3) kritisiert, dass im Rahmen des gängigen Biologieunterrichts zu wenig Zeit und Raum für erlebnisorientierte Zugänge zur Natur gemacht werden. Auch MAAßEN misst Naturerleben „eindeutig eine pädagogische Kategorie“ bei und bezeichnet es als „Gegenstand des Unterrichtens“, mit der Begründung, dass diejenigen, die Naturerleben anbieten, wollen und durchführen, pädagogisch handeln. Da das unmittelbare Ziel nicht die Lösung von Sachproblemen ist, sondern Begegnungen in der Natur angestrebt werden, die „auch zu Veränderungen in den Dispositionen, Einstellungen und Erfahrungen führen“ können (vgl. MAAßEN 1994, S.8), stellt dies eine Form der Bildung dar. Konkret sei an dieser Stelle die Umweltbildung genannt.

„Die Forderung nach unmittelbarer Naturbegegnung ist so alt wie die Biologiedidaktik, hat doch schon Comenius vor 350 Jahren festgestellt, daß die sinnlich erfahrbare Welt Ausgangspunkt allen Lernens sein müsse“ (KUHN 1986, S.4). JANßEN (1988, S.6) geht noch einen Schritt weiter und stellt die emotionale, Sach , Bewusstseins und Handlungsebene zueinander in Beziehung. Veranschaulicht an dem sogenannten „Zwiebelmodell“ (Abb. 1) erläutert er die Zusammenhänge:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: „Zwiebelmodell“ nach J NßEN (1988, S͘ 6)

„Das Naturerleben ist der ‘emotionale Kern‘, der sich über die Phasen des Naturbeschreibens, des Naturerklärens und des Naturverstehens zu Umweltbewußtsein und Handlungsbereitschaft weitet. In umgekehrter Blickrichtung wirken alle aktionalen und rationalen Bereiche auf die emotionalen Fähigkeiten, auf die Qualität und Spontaneität des Erlebens, auf den Reichtum des Erlebens zurück“ (ebd., S.6).

Tiefe Erlebnisse des Naturerlebens können somit als Impuls gesehen werden, im Menschen ein Umweltbewusstsein zu fördern, das ihn lehrt, die Natur um ihn herum zu respektieren und zu achten, nachhaltig, im Sinne der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, handelt oder weiterführend, sogar eigeninitiativ zur Erhaltung der Natur beiträgt.

„Die Ungeborenen haben nicht weniger Anspruch auf den Reichtum dieser Erde als die Lebenden. Während seiner Lebenszeit ist der Mensch bloß ein Verwalter seines Stückes Land; was er von seiner Mutter erbte, muss er an seine Kinder weitergeben“ (JOHNSTON 1984, S.65).

3. Erlebnispfad

Im Folgenden wird der Erlebnispfad in seiner geschichtlichen Entwicklung und in seiner Bedeutung durch die Unterscheidung von Lehr und Lernpfad genauer beleuchtet.

3.1 Geschichtliche Entwicklung

Der Gedanke, am Objekt zu lernen, geht weit zurück. Schon Bernhard von CLAIRVAUX (1090 1153), ein burgundischer Mönch und Kirchenlehrer, predigte: „Glaube mir, denn ich habe es erfahren: Du wirst in den Wäldern mehr finden als in den Büchern. Bäume und Steine werden dich lehren was du von keinem Lehrmeister hörst.“

Der erste, sogenannte Naturlehrpfad entstand 1925 in den USA mit der Intention, Besuchern die Natur näher zu bringen. Diese Möglichkeit der Natur Lehre benötigte fünf Jahre, um in Deutschland die ersten Naturlehrpfade entstehen zu lassen. Von 1965 bis 1972 verzeichneten diese Pfade ihr größtes Hoch, so dass 1972 rund 600 Pfade in den alten Bundesländern gezählt werden konnten (vgl. EBERS 1997, in: ESCHENHAGEN, 1998 S.400ff.).

3.2 Unterscheidung zwischen Lehr und Lernpfad

Ein Naturlehrpfad fordert in erster Linie die visuelle Wahrnehmung durch Schautafeln, Erläuterungs und Hinweisschilder, um den Besucher durch Aufklärung zum Schutz der Natur zu erziehen. Der Teilnehmer eines Lernpfades wird veranlasst, den Hör , Geruchs , Tast und Geschmackssinn wieder neu zu erfahren um die Umgebung bewusster zu erleben und dadurch eine individuelle Beziehung zur Natur herzustellen. Er wird interaktiv mit allen Sinnen zum Erfahren und Begreifen der Natur angeregt. Diese Erfahrungen betonen besonders die sinnlichen Wahrnehmungen und Körpererfahrung in der Natur (vgl. ebd., S.400ff.).

STICHMANN (1981, S.117, in: TROMMER 2000, S.49) stellte fest, „dass Lehrpfade, auf denen die Besucher aufgefordert werden, eine Sache genauer zu betrachten, zu vergleichen oder etwas anzufassen, zu einem höheren Lernerfolg führen, als wenn sich die Besucher nur die Lehrpfadtafeln durchlesen. Denn die Erprobung zeigte, dass befragte Besucher nicht einmal die Pflanzen benennen konnten, die ihnen wenige Augenblicke zuvor noch auf den Lehrpfadtafeln vorgestellt worden waren.“ Um diese Erkenntnis aufzugreifen, muss eine aktive Hinwendung zum Naturobjekt gestaltet werden, damit neue Entdeckungen gemacht werden können, die Erlebnisse schaffen und zu neuen Erfahrungen führen. Es besteht weiterhin die Frage, warum von einem Erlebnispfad und nicht von einem Lernpfad die Rede ist, obgleich bei beiden Konzepten der Schwerpunkt auf der Eigenaktivität des Besuchers liegt. Bei dem Lernpfad handelt es sich um einen „anweisenden Unterricht im Freien“, der an den Benutzer mittels Arbeitspapieren und Aufgaben, Fragen und Denkanstöße heranträgt (vgl. STICHMANN 1976, S.580). Den Erlebnispfad als solchen kennzeichnet, dass durch sinnliche Wahrnehmung und durch Erlebnistätigkeiten Zugänge zu den Naturphänomenen geschaffen werden sollen. Folglich geht es in erster Linie nicht darum, die kognitiven Bereiche der Besucher anzusprechen, wie der Begriff „Lernpfad“ suggeriert, sondern werden bei dem Erlebnispfad erst nach der Berücksichtigung emotionaler und aktionaler Bereiche angesprochen. Erfahrungen über die Natur werden gesammelt, indem sie erlebt werden (vgl. Kapitel 2.1). Zu den Elementen des Erlebens zählen z.B. Beobachtung und Suchen, um etwas Bestimmtes zu entdecken, Sammeln und Bestimmen, Erforschung, Erkundung, sowie kreative und künstlerische Tätigkeiten (vgl. TROMMER 1988, S.8). Diese werden in einzelnen Stationen berücksichtigt, die Bestandteil des Erlebnispfades werden.

Der Begriff „Naturerlebnispfad“ taucht in der Literatur ohne gängige Definition auf, stellt jedoch einen konkreten Bezug zu dem Objekt „Natur“ her und veranschaulicht die Intention des Pfades. Es handelt sich um einen Erlebnispfad, der in, mit und durch die Natur gestaltet wird. Um die Beziehung zwischen dem Naturerleben und dem Erlebnispfad zu verdeutlichen, wird der Begriff Naturerlebnispfad fortführend beibehalten.

Der Autor gestaltet den Naturerlebnispfad auf dem Campus der Universität Flensburg nach der Philosophie TROMMERS (1995). Mit einem Rucksack bestückt ist ein Rundlauf auf dem Campusgelände geplant. An ausgewählten Plätzen sind methodisch und didaktisch aufbereitete Spiele bzw. Stationen für die Teilnehmer angedacht, die Elemente des Erlebens vereinen.

3.3 Bedeutung der Sinne

In Anlehnung an Comenius‘ Sichtweise (In: KUHN 1986, S.4), dass „die sinnlich erfahrbare Welt der Ausgangspunkt allen Lernens sein müsse“, veranschaulicht folgendes Beispiel von MAAßEN (1994, S.180) die gegenwärtige Situation (Stand: 1994): „Die Welt des durchschnittlichen Alltagsmenschen in Industrieländern besteht an irgendeinem Mittwoch im Wachzustand hauptsächlich aus einer Stunde Autofahrt, acht Stunden an Computer/Werkbank/Verkaufstresen/Fließband, zweieinhalb Stunden Fernsehen, eine Stunde Zeitung/Illustrierte/Buch lesen.“ Zudem wird angenommen, dass bis zu neunzig Prozent der Informationen über den Seh Sinn aufgenommen werden (vgl. MAAßEN.1994, S. 221). Gerade in der mediatisierten Welt, in der wir uns heutzutage befinden, beanspruchen der Fernseher und der Computer die visuelle Wahrnehmungsstruktur. Das Auge wird ständig mit Reizen konfrontiert, so dass der Blick für die Natur in den Hintergrund geraten kann, wenn diese im Auge des Betrachters weniger spektakulär erscheint. Für die übrigen Sinne, also die auditive, haptische, gustatorische und olfaktorische Wahrnehmung, sowie den Geschmacks und Geruchssinn hat dies zur Folge, dass die Sinnesarbeit qualitativ und quantitativ geringer wird (vgl. ebd., S.180). ZIMMER (1995, S.20) übernimmt die Position, dass es wichtig sei, alle Sinnesorgane zu beanspruchen und zu trainieren, um, besonders im ersten Lebensabschnitt, die Wahrnehmung zu sensibilisieren. Weiterführend stellt ZIMMER (ebd. S.22) die Behauptung auf, dass sich die „sinnliche Erfahrung und die geistige Erkenntnis“ gegenseitig bedingt. Auch KÜKELHAUS und LIPPE (vgl. JANßEN 1988, S.6) unterstützen die Auffassung, dass die Sinne mehr sind als ausschließlich vermittelnde Medien. Die Sinneswahrnehmungen stehen in einem engen Kontakt mit der sinnlichen Wahrnehmung. Deshalb behauptet MAAßEN (1994, S.178): „Wenn das Bewußtsein mit Sinneswahrnehmungen ausgefüllt ist, dann entsteht Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Erfülltheit“. Nach JANßEN (1988) ist dies der Schlüssel für den Zugang zu den Phänomenen. In diesem Zusammenhang stehen Phänomene für Ereignisse in der Natur, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind. Daraus ergibt sich als Forderung für den Verfasser, dem Erlebnispfad über Sinneseindrücke und Forderung der einzelnen Sinne einen Weg zu der Natur zu ebnen. Da Naturerleben bei jedem Menschen individuell ist, müssen unterschiedliche und abwechslungsreiche Angebote gemacht werden, um Erlebnisse zu begünstigen. Auch auf dem Rundgang muss darauf geachtet werden, die Begegnungen mit Pflanzen, wenn möglich auch mit Tieren, erlebnishaft zu gestalten und den Einsatz möglichst vieler Sinne bei Objektbegegnungen zu aktivieren. Bei einem Menschen ist zu beachten, dass, wenn ein Erlebnis entstanden ist, dieses individuell mit visuellen, akustischen und taktilen Bildern verknüpft wird. Hirnphysiologische Untersuchungen zeigten, dass bei der Wissensaufnahme Erlebnisaspekte für das Verständnis und die Bewusstseinsbildung notwendig sind (vgl. MÜLLER 1995, S.47) und folglich auch Einfluss auf das Umweltbewusstsein nehmen können. Deshalb muss auch auf die Grundbedürfnisse des Menschen geachtet werden, um etwaige, negative Erfahrungen oder Assoziationen hervorzurufen. Darauf geht der Autor der vorliegenden Thesis später (siehe Kapitel 4.4.) konkreter ein.

4. Entwicklung des Erlebnispfades

Der Autor versucht bereits genannte Aspekte des Naturerlebens, die Philosophie der Rucksackschule nach TROMMER (1995) und die Wahrnehmung nach CORNELL (2006) in dem Naturerlebnispfad zu vereinen, um einen abwechslungsreichen Zugang zur Natur zu schaffen und vielfältige Angebote zum Naturerleben anzubieten. Obwohl eine Hinführung dazu als individuelles Phänomen schwer generalisierbar ist, können dennoch Strukturen, die Erlebnisse ermöglichen, vorgegeben werden. Das Erlebnis als solches ist nicht mittels einer Verlaufsskizze vorbestimmt. Der Ansatz, Erleben ermöglichen zu wollen, ist dennoch planbar (vgl. MÜLLER 1995, S.71). Der Naturerlebnispfad wird vor dem Hintereingang des Hauptgebäudes der Universität Flensburg beginnen. Des Weiteren ist ein Rundgang über das Campusgelände geplant. Bei dem Routenvorschlag handelt es sich um einen Rundweg, der an den Ausgangspunkt zurückführt. Rundwege sind deshalb vorteilhaft, weil sie einen abwechslungsreicheren Eindruck von der Landschaft bieten (vgl. ZIMMERLI 1980, S.141). Das gewählte Gelände bietet Abwechslung für den Besucher. Es ist nicht nötig, sich in das nächste Naturschutzgebiet zu begeben. Denn „das Angebot an einmaligen, sensationellen Erlebnissen lässt mit der Zeit den Blick für die alltäglichen Schönheiten der Natur abstumpfen“ (TESTER 1995, S.27). Der Campus bietet genügend Möglichkeiten, Naturerleben zu erfahren. Für wirkungsvolle Naturerlebnisse bedarf es nicht viel. Meist reicht schon eine geringe Abweichung vom Alltagstrott aus. Die Vorbereitung, flexible und kompetente Anleitung des Lehrkörpers, sowie die vorherrschenden Umweltbedingungen sind Angelpunkte der Unternehmung.

Um einen korrekten Überblick der Rahmenbedingungen zu schaffen, wird das Campusgelände der Universität Flensburg kritisch in Hinblick auf einen Zugang zum Naturerleben betrachtet. Es werden günstige Voraussetzungen für Naturerleben und weiterführend, Merkmale für eine geeignete Lern und Lehrgruppe herausgestellt, bzw. welche Vorkehrungen bei der Planung zu treffen sind.

4.1 Zielgruppe

Das Naturerleben hat keine feste Zielgruppe. Sowohl jung als auch alt, Schüler, Studenten oder Arbeitnehmer, Naturerleben ist für jeden Menschen möglich (KUHN 1986, S.4). Es ist keinesfalls institutionell bedingt, sondern wird überwiegend in Kursen außerhalb der Schule praktiziert (vgl. MAAßEN 1994, S.8). Bei der Methodik sollten allerdings Feinheiten beachtet werden. So sind bei Kindern spielerische Elemente sinnvoll einzubinden, bei Teilnehmern (>30 Jahre) darf ein philosophischer Charakter dominieren. Bei der Zielgruppe in Bezug auf die Erprobung des Naturerlebnispfades handelt es sich bei dem „Pretest“ (siehe Kapitel 5.4) um acht Biologiestudenten der Universität Flensburg. Diese befinden sich im Master Studiengang und sind zwischen 24 und 33 Jahre alt. Bei der Erprobung (siehe Kapitel 6.1) handelt es sich um Kommilitonen des Verfassers. Allesamt Studenten der Universität Flensburg und unterschiedlichen Alters zwischen 23 und 27 Jahren.

4.2 Anleiter

Der Anspruch an den Anleiter ist im Wesentlichen die Teilnehmer durch die Natur zu führen, um dort Erfahrungs und Verarbeitungsprozesse zu stimulieren. Ziel ist es, die Natur für den Angeleiteten wertvoll zu machen. Sowohl der Aufenthalt als auch ein entsprechend rücksichts und respektvoller Umgang mit der Natur kann bereits mit individuellen Bedürfnissen mancher Teilnehmer in Widerstreit geraten, welches gegebenenfalls vom Anleiter pädagogisch aufgefangen werden muss. (vgl. ebd., S.197). CORNELL (1986, S.13ff.) stellte fünf Grundsätze für den Anleiter auf, um das Naturerleben zu begünstigen.

- Lehre weniger und teile mehr von deinen Gefühlen mit
- Sei aufnahmefähig
- Sorge gleich zu Anfang für Konzentration
- Erst schauen und erfahren dann sprechen
- Das ganze Erlebnis soll von Freude erfüllt sein sei es Fröhlichkeit oder ruhige Aufmerksamkeit

Vorteilhaft als Anleiter sind bereits gestandene Autoritäten, die es beherrschen, zu motivieren, offene Prozesse entstehen zu lassen und Verantwortung zu delegieren. Sie sollten zwar fachkundig sein, aber auch die Teilnehmer motivieren können, Fragen zu stellen, Neugierde zu erzeugen, ohne diese Neugier mit Wissen zu zerschlagen (vgl. MÜLLER 1995, S.41). Zudem sollte der Anleiter ein inniges Verhältnis zur Natur haben, um bei den Teilnehmern ein Interesse dafür zu wecken. Denn wie ein Sprichwort sagt: „Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen“ (Aurelius Augustinus). Diese Eigenschaft ist unersetzbar und ein wesentlicher Aspekt für das Gelingen des Erlebnispfades. Nach der „Plus1 Strategie“ von MAAßEN (1994, S.12), bedingt dies für den Anleiter, die Ansprüche des Naturerlebens zu verinnerlichen und ein Stück danach zu leben. Dazu müssen einzelne Schritte des Naturerlebens durchlaufen, selbst begangen und nicht von oben durchgesetzt werden. „Dann wird sie in der pädagogischen Situation wirksam, auch wenn sie nicht kognitiv vermittelt wird“ (ebd, S.12). Es ist zu bedenken, dass das Gelingen des Naturerlebens nicht garantiert ist, denn Naturerleben macht lediglich Angebote. Umso wichtiger ist es für den Anleiter eine Sensibilität für den Augenblick an den Tag zu legen und sein Handeln der Situation anzupassen. Die Vorbereitung und Planung eines Erlebnispfades ist für den Anleiter obligat. Einfach in die Natur hinauszugehen genügt nicht. „Die Potenziale des Ortes einschließlich der methodischen Notwendigkeiten und Hilfen, müssen den Anleitern gründlich bekannt sein“ (ebd, S.210). Treten während des Rundgangs unerwartet Faktoren auf, die das Naturerleben negativ prägen könnten, wie bspw. ein Platzregen, Hagelschauer oder Ähnliches, ist es sinnvoll, die betreffenden Personen vor dem Einfluss zu schützen. Personen, die sich von dem Wetter gestört oder negativ beeinflusst fühlen, sind von der Wanderung freizustellen. Wenn nötig, wird die gesamte Exkursion abgebrochen, damit sich das Naturerleben nicht negativ einprägt oder gar einen gegensätzlichen Effekt erzielt.

4.3 Campus der Universität Flensburg

Wie bereits beschrieben, liegt ein gewisser Reiz darin, das gewohnte Umfeld, bzw. das aus der Sicht des Studenten der Universität Flensburg Allgegenwärtige, in unterschiedlichen Perspektiven erfahrbar zu machen, um neue Erfahrungen zu gewinnen. Der Campus der Universität Flensburg bietet eine weitläufige Rasenlandschaft. Sowohl gepflasterte, als auch unbefestigte Wege, die sich großzügig durch das Gelände ziehen, führen an Hügeln, mehreren Weiden, Eschen, Hecken und weiterem Gehölz vorbei und tragen den Besucher nach ca. 700m Luftlinie vom Haupteingang entfernt zu mehreren kleinen Teichen. Der Vorteil des Geländes ist die abwechslungsreiche Umgebung, die durch Bäume, Wiesen, Teiche und Hügel geschaffen wird. Ein großer Nachteil ist jedoch die Osttangente, eine viel befahrene Umgehungsstraße, die nahe des Campus vorbeizieht. Die Motorengeräusche sind allgegenwärtig und neben Vogelgezwitscher deutlich vernehmbar. Beim Campus handelt es sich um ein kultiviertes Gelände. Regelmäßige Besuche der Gärtner verhindern eine Verwilderung der Anlage. Dennoch genügen die Rahmenbedingungen, um Naturerleben gelingen zu lassen. Wesentlicher Vorteil für die spätere Erprobung des Naturerlebnispfades ist die Tatsache, dass alle Teilnehmer in der Nähe der Universität wohnen und keine weite Anreise haben. Eine weite Anreise wäre dem Naturerleben widersprüchlich (vgl. ebd, S.164).

4.4 Günstige Voraussetzungen

Bei dem Naturerleben ist allgemein gültig, dass einem Vortrag des Anleiters das selbstständige Erkunden, Untersuchen und Beobachten vorzuziehen ist. Der Anleiter übernimmt lediglich eine beratende Funktion ein oder sensibilisiert die Teilnehmer gegebenenfalls für entsprechende Betrachtungsweisen. Die Teilnehmer agieren auf dem Rundgang nach dem Prinzip des Pulsierens (vgl. TROMMER 2000, S.55). Das bedeutet, zwischen den Sozialformen (Selbstständiges Arbeiten, Partnerarbeit, Gruppenarbeit) zu wechseln. Die Teilnehmer gestalten die Stationen entweder alleine, in Partnerarbeit oder in einer Gruppe und treffen anschließend wieder zusammen, um bei Bedarf über Erlebtes zu berichten und gemeinsam zur nächsten Station zu gelangen. Bei der Wanderung sollte darauf geachtet werden, dass die Grundbedürfnisse des Menschen in freier Natur, wie das Bedürfnis nach Wärme, nach Sonnenschutz, nach Trockenheit und ähnlichen Dingen angesprochen werden (vgl. MÜLLER 1995, S.47). Die abiotischen Umweltfaktoren können den Prozess des Naturerlebens stark beeinträchtigen. Tritt während einer Beobachtung unerwartet Regen auf und der Teilnehmer durchnässt, kann sich das Naturerleben als negativer Erfahrungswert niederschlagen. Diese Erfahrung könnte zur Folge haben, dass die betreffende Person eine Aversion gegen Naturerleben oder gar gegen die Natur selbst aufbaut. Dies ist jedoch immer subjektiv zu betrachten. Jemand anderes könnte sich bspw. am Regen erfreuen und genießt, wie sich der Regen auf der Haut anfühlt oder wie sich die Blätter eines Baumes unter dem Regen beugen. Der Anleiter hat dafür Sorge zu tragen, dass negativen Erfahrungen vorzubeugen ist, auch wenn das einen Abbruch der Begehung des Naturerlebnispfades zur Folge hat.

4.5 Zeitlicher Rahmen

Der Verfasser rechnet für die Gestaltung der gesamten Stationen ca. drei Stunden ein. Diese Zeitspanne wurde bewusst gewählt, um einerseits ein Eintauchen in die Natur zu ermöglichen, aber auch den Teilnehmer andererseits nicht zu erschöpfen. MAAßEN bezieht sich darauf, dass das Einssein mit der Natur offensichtlich nur auf Zeit gilt. Dabei kann die direkte Nähe von zwei Stunden bis zwei Jahre reichen (vgl. MAAßEN 1994. S.41). Zudem sei im Subjekt begründet, dass Naturerleben bei jedem Menschen individuell, nur auf Zeit fasziniert. Als Ursachen nennt MAAßEN dafür Erschöpfung oder andere Ablenkungen. Und selbst „[…] wenn die physiologischen und soziokulturellen Bedürfnisse während des Naturerlebens befriedigt würden, käme es doch zu einem Ende“ (ebd., S.119). Zudem muss die Wahl der Uhrzeit bedacht werden. Wird für den Rundgang eine ungewöhnliche Tageszeit ausgewählt, erhält die gesamte Aktivität eine neue Betrachtungsweise. Da für den regulären Universitätsbetrieb die Zeitspanne von 8Uhr bis 18Uhr „gewöhnlich“ ist, wäre es denkbar, den Pfad im Morgengrauen oder Abendrot zu begehen.

4.6 Material und Methoden

Da Naturerleben mit einem geringen materiellen Aufwand Erlebnisse schaffen möchte, wird der Erlebnispfad unter dem Motto „traveling light“ nach TROMMER (1995) gestaltet. Nach dem Konzept der „Rucksackschule“, beschränkt sich der Autor lediglich auf die notwendige Ausstattung, die für die Gestaltung der jeweiligen Stationen unentbehrlich ist. Diese werden in einem Rucksack von der anleitenden Person mitgeführt oder wahlweise auf die Teilnehmer aufgeteilt. Dadurch bleibt die Gruppe mobil und die Route kann flexibel und unabhängig von Tages und Jahreszeit gestaltet werden.

Die Anschaffung von Materialien erfordert zunächst einen finanziellen, das Erstellen von Aufgabenblättern für verschiedene Zielgruppen einen zeitlichen Aufwand. Die Ausrüstung kann jedoch dann dauerhaft eingesetzt werden und kann bei Bedarf ergänzt werden. Das Material wird für acht Teilnehmer bereitgestellt.

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Details

Seiten
90
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656030911
ISBN (Buch)
9783656031147
Dateigröße
4.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180369
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,3
Schlagworte
Naturerleben Natur Erlebnispädagogik Lehrpfad Lernpfad Biologie

Autor

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Titel: Entwicklung und Erprobung eines Erlebnispfades unter besonderer Berücksichtigung des Naturerlebens auf dem Campusgelände der Universität Flensburg