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Kritische Diskursanalyse angewendet am Fall "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin

Hausarbeit 2010 15 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Grundlagen der kritischen Diskursanalyse
1. Funktion und Wirkung der kritischen Diskursanalyse
2. Aufbau und Struktur des Diskurses
a. Diskursstränge
b. Diskursfragmente
c. Diskursive Ereignisse und diskursiver Kontext
d. Diskursebenen
e. Diskurspositionen
f. Diskurs(strang)verschränkungen
g. Gesamtgesellschaftlicher Diskurs
h. Diskursgemeinschaft
i. Kollektivsymbolik
j. Normalität und Normativität

II. Anwendung auf „Deutschland schafft sich ab“

III. Kritische Würdigung

IV. Quellenverzeichnis

Der Diskurs ist eine institutionell verfestigte Redeweise, insofern eine solche Redeweise

schon Handeln bestimmt und verfestigt und also auch schon Macht ausübt. “ 1 Jürgen Link

Diskurse sind zudem nichts Individuelles, sondern sie sind sozial. Jedes Individuum ist in

einige Spezialdiskurse, insbesondere aber in den Interdiskurs verstrickt, und zwar mehr, als daßer individuell zu seiner Gestaltung beitrüge. “ 2

Siegfried Jäger

Mit seinem am 30. August 2010 erschienenen Buch „ Deutschland schafft sich ab3 hat der ehemalige Senator von Berlin Thilo Sarrazin entscheidend dazu beigetragen, dass unter anderem der Migrationsdiskurs wieder an neuen Nährboden gewinnt . Doch was macht dieses Buch zu einem Gegenstand des Diskurses, wie funktioniert er beziehungsweise es und welche Macht geht davon aus, oder wird auf das Buch selbst Macht ausgeübt? In den nächsten Seiten soll ausgehend vom Text „Deutungskämpfe“4 von Jäger und Jäger erläutert werden, wie das Werk des Autors auf den Diskurs einwirkt und eventuelle Machtverhältnisse aufgedeckt werden. Auch wird der Einfluss von Spezialdiskursen auf diesen transparent gemacht. Insbesondere soll dies kritisch, also so objektiv und unparteiisch wie es eine Diskursanalyse zulässt erfolgen, weshalb jegliche Meinung oder ethnische Zugehörigkeit unkommentiert und unberücksichtigt bleibt, obgleich die weiteren Passagen aufdecken werden inwieweit Objektivität überhaupt möglich ist. Zunächst werden in einem ersten Schritt die Grundlagen der kritischen Diskursanalyse betrachtet, bei welchem die Funktion und die Wirkung des Diskurses dargestellt werden, anschließend sein Aufbau und seine Struktur näher erläutert und schließlich der Blick auf die Instrumente Kollektivsymbolik und Normalismus gerichtet. In einem zweiten Schritt sollen die gewonnen Erkenntnisse auf den genannten Text angewendet werden. Nach der Anwendung wird das Ergebnis dieser Analyse einer kritischen Würdigung unterzogen.

I. Grundlagen der kritischen Diskursanalyse

Laut Franz X. Eder in der österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften1 ringt die Wissenschaft im Jahre 2005 nach wie vor mit der Diskursanalyse, denn einerseits meint ein Philip Sarasin es handle sich hierbei womöglich um „gar keine Methode, die man >erlernen< könnte, sondern eher um eine theoretische, ja vielleicht sogar philosophische Haltung?“2 Andererseits liefert Achim Landwehr einen konkreten methodischen Vorschlag für das Vorgehen bei „historischen Diskursanalysen“3. Doch bleibt hierbei auch die Frage Reiner Kellers offen, ob sich „die Histographie einmal mehr als verspätete Disziplin erweist, die dem theoretischen und methodischen Wandel der Sozial- und Kulturwissenschaften hinterherhinkt?“4 (Sarasin, Philip: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 2005: Bitte nachschauen unter Autor Philip Sarasin auf der Unibibliotheksseite)

Ausgehend von dieser Problematik soll der Text „Deutungskämpfe“ von Jäger und Jäger und dabei insbesondere der erste Teil als Arbeitsgrundlage dienen, um den komplexen Sachverhalt zu kanalisieren und später auch anzuwenden. Mit deren im Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung(DISS) Mitte der 1980er Jahre entwickelten und selbst ernannten Methode liefern sie ein Instrument welches das Arbeiten mit dem Diskursbegriff ermöglicht.

1. Funktion und Wirkung der kritischen Diskursanalyse

Siegfried Jägers Begriff der kritischen Diskursanalyse lehnt sich an Michel Foucaults Diskursbegriff an, welcher versimpelt ausgedrückt das innerhalb einer Epoche und einer Sprache aufkommende Verständnis von Wirklichkeit verstand.

Jäger spricht hierbei von „Deutungskämpfen“ und geht dabei von der unterschiedlichen Deutung von Wirklichkeit aus, die im und durch den Diskurs stattfindet. Diese Deutung bringt je nach perspektivischer Betrachtung unterschiedliche, meist als endgültig geltende Wahrheiten heraus, die dann als Wirklichkeit postuliert werden. Die Wissenschaft setzt genau an diesem Punkt an und analysiert die Entstehung jener foucault´schen Wirklichkeiten indem sie ihre Selbstverständlichkeit nicht voraussetzt. Das Ganze erfolgt jedoch unter Rücksichtnahme einer wichtigen Tatsache, nämlich der damit einhergehenden Unmöglichkeit vollkommener Objektivität. Dies ist einfach zu erklären, wenn man bedenkt, dass das Subjekt selbst Teil des Diskurses ist und seine vollkommene Ausschließung im Moment der Bezugnahme darauf unmöglich wird. So ermittelt die kritische Diskursanalyse dessen Funktion sowie seine Wirkung auf das Individuum, aber auch auf die Masse. Es erforscht seine Struktur, seine Regeln und Gesetzmäßigkeiten, hinterfragt Selbstverständlichkeiten und untersucht geschichtliche Veränderungen. Synchron betrachtet ermöglicht das Ergebnis objektivere Kritik an als legitim betrachtete Ansichten und Handlungen von Individuen und Institutionen. Diachron gesehen, liefert die kritische Diskursanalyse ein Instrument zur Erstellung von Prognosen. Vor allem aber offenbart sie die wichtigste Funktion von Diskursen, jene der Produktion und Beförderung von Macht, die meist zur Legitimierung und Sicherung von Herrschaft benutzt wird. Dadurch wird auch Kritik an der machtausübenden Instanz ermöglicht, wodurch wiederum ihre Macht ausgehebelt werden kann.

So ist der Diskurs ein institutionalisiertes Instrument, das demnach nicht nur regelt sondern selbst an Regeln und daraus folgenden Handlungen gekoppelt ist. Jenes reziproke Element ist sowohl Bedingung, als auch Voraussetzung für das Gelingen eines Diskurses. In diesem Zusammenhang sprechen Jäger und Jäger von „ diskursiven Sagbarkeitsfeldern“1, welche mittels Machtentstehung, und -verschiebung Wirklichkeiten schaffen und eben nicht mehr von selbstverständlichen Wahrheiten. Im zweiten Abschnitt des Textes wird diese These anhand des oben genannten Buches von Thilo Sarrazin überprüft, beziehungsweise veranschaulicht.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage inwieweit der einzelne Mensch zunächst selbst im und durch den Diskurs beeinflussend wirkt und weiter selbst das Produkt von Beeinflussung durch Diskurse ist. Jäger und Jäger beantworten diese Frage mit der Rekursivität und der Reflexion des Einzelnen, die ihn letzten Endes als Produkt von vergangenen Diskursen zu seiner Meinung führen und ihn somit als überindividuelles Phänomen verstehen. Dies verdeutlicht noch einmal die Unlösbarkeit des analysierenden Betrachters von seiner eigenen Subjektivität. Foucault lässt das Individuum schon früher außen vor und will das Subjekt nur im geschichtlichen Zusammenhang verstehen, welches im Gegensatz zum Menschen, dem dynamischeren Diskurs untergeordnet ist.

2. Aufbau und Struktur des Diskurses

Die Formanalyse des Diskurses liefert zunächst die Erkenntnis, dass der Diskurs nicht etwa ein eindimensionales, festgelegtes Gebilde ist, sondern dass Diskurse „in ihrer Verschränktheit „ein diskursives Gewimmel [bilden], das zugleich im „Wuchern der Diskurse“1 resultiert und das Diskursanalyse zu entwirren hat.

Um dieses Gebilde in seiner Komplexität analysieren zu können, benutzt Jäger bestimmte pragmatische Terminologien, mit Hilfe derer eine Struktur erkennbar wird. Er kategorisiert Diskurse in folgende Bestandteile:

a. Diskursstr ä nge

Jäger bezeichnet einheitliche Diskursverläufe, also gesamtgesellschaftlich auftauchende Themen als Diskursstränge. Bei ihrer Analyse werden homogene Inhalte zu Tage gefördert, die sich in ihrer auftauchenden Anzahl häufen und immer einen gemeinsamen Nenner haben. Die KDA zielt auf die Ermittlung eben jener gemeinsamer Bezugspunkte oder Aussagen ab. Dies geschieht durch empirische Zerlegung und Aufteilung der später näher erläuterten Diskursfragmente in Themen, Unterthemen und die jeweiligen Diskurspositionen und die Ebenen auf welchen sie eingenommen werden. Zuletzt werden die Inhalte sowohl synchron als auch diachron, also aktuell wie historisch betrachtet. Die Hauptaufgabe besteht dabei darin sich eben nicht auf gegebene Wirklichkeiten zu stützen, aber auch nicht eigene zu schaffen, sondern selbstverständlich erscheinende zu hinterfragen.

[...]


1 Link, Jürgen: Die Struktur des Symbols in der Sprache des Journalismus(1978)

2 Jäger, Siegfried: Brandsätze(1993)

3 Sarrazin, Thilo: Deutschland schafft sich ab(2010)

4 Jäger, Margarete, Jäger, Siegfried: Deutungskämpfe(2007)

1 Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften(2005)

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd.

1 Jäger, Margarete, Jäger, Siegfried: Deutungskämpfe(2007) S.15

1 Jäger, Margarete, Jäger, Siegfried: Deutungskämpfe(2007) S.25

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656030171
ISBN (Buch)
9783656030553
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180352
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Interkulturelle Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Sarrazin Deutschland schafft sich ab Kritische Diskursanalyse Interkelturelle Germanistik Gesprächsanalyse Di

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