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Die Theogonie des Hesiod

Eine religionswissenschaftliche Analyse

Seminararbeit 2008 16 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Theogonieproömium

3. Die Entstehung des Kosmos bis zu der Geburt der Aphrodite

4. Die Götterkämpfe und die Errichtung des Zeusreiches

5. Zeus in der Theogonie

6. Das religiöse Verständnis des Hesiod

7. Ergebnis der Untersuchung

8. Quellenverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit ist im Rahmen des Proseminars „Einführung in die Religionsgeschichte“ entstanden. Zu diesem Thema soll die Theogonie Hesiods unter religionsgeschichtlicher Fragestellung interpretiert werden.

Hesiod, ein Dichter bäuerlicher Herkunft aus dem mittelgriechischen Böotien, der um die Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. seine Theogonie schrieb und über dessen Leben wenig bekannt ist, gibt in seinem Hauptwerk an, von den göttlichen Musen inspiriert zu sein, die Herkunft und Abfolge der Göttergenerationen in genealogischer Form darzustellen.

Bei der Hermeneutik der hesiodischen Theogonie ist es in der Forschung umstritten, ob der böotische Dichter das Werk als Ganzes verfasste, oder ob unbekannte Interpolatoren gewisse Passagen einfügten oder änderten. Für von Fritz rückt diese Fragestellung in den Hintergrund, wenn er betont, „dass die Interpretation vor jeder Interpolations-, Umstellungs- oder Schichten- und Entwicklungstheorie den Vorrang hat.“[1] Auch für unsere Betrachtungen sollen Unschlüssigkeiten über etwaige spätere Veränderungen der ursprünglichen Originalfassung ausgeblendet sein und die Theogonie in ihren weiteren Zusammenhängen als zusammengehöriges Werk gedeutet werden. Welche religiösen Inhalte die Theogonie offenbart, welche thematischen Schwerpunkte Hesiod in ihr setzt und inwieweit das Gedicht Aufschluss gibt über die griechische Götterwelt und ihr Verständnis durch Hesiod, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.

Zunächst werden zentrale Abschnitte der Theogonie in ihrem Inhalt kurz skizziert und in ihrer Bedeutung für das Gesamtwerk erörtert. Das einleitende Vorwort, ein erster kosmogonischer Teil bis zu der Entmannung des Uranos durch Kronos und die Kämpfe unter den Göttern mit der Etablierung des Zeusreiches sollen dabei als Unterteilungspartien dienen, bevor die besondere Stellung des Zeus in der hesiodischen Götterwelt als ein Schwerpunkt der Theogonie thematisiert wird. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich zu einer Aussage über den religiösen Gehalt der Theogonie und über das allgemeine Religionsverständnis Hesiods verdichtet werden.

2. Das Theogonieproömium

In dem einleitenden Vorwort der Dichtung, dem sog. Proömium, wird der Dichter von den neun sog. Musen, olympischen Göttinnen, geweiht. Er nimmt ihre Gegenwart auf dem Berg Helikon wahr und fühlt sich von ihnen gebeten, die Abfolge der Göttergeschlechter bis hin zu der Entstehung der olympischen Ordnung als eine verbindliche Wahrheit zu besingen, nämlich „das Geschlecht der seligen [Götter] zu preisen, der ewig seienden, […]“[2]. Durch diese göttliche Offenbarung und eine Aufzählung der von den Musen besungenen Gottheiten wird bereits zu Beginn der Theogonie ihr Thema vorbereitet; das Proömium kann daher als eine inhaltliche Angabe für die folgende Erzählung verstanden werden[3]. Die Verse, die Hesiod die Musen singen lässt, sind zudem das Lied, das er selbst singen wird; ihm wird verkündet, „was ist, was sein wird, und was vorher war“[4].

Der zweite Teil des Proömiums ist ein Hymnus auf die Musen selbst. Hesiod preist ihre Zartheit, Schönheit, Anmut und die Lieblichkeit ihrer Stimmen. In seiner Auslegung sind die Musen Wohl bringende Göttinnen, deren Wesen durch Eintracht gekennzeichnet sind.[5]

Ihre anregende Wirkung auf die irdische Welt entspricht diesem Charakter. Durch die Gabe der Musen werden beispielsweise Poesie und festliche Stimmung, Musik und Tanz verbunden, das Verlangen der Menschen nach Dichtung geweckt, die Freude bei dem Hörer angeregt, Abwechslung geschaffen oder der Gesang über das Menschliche hinausgehoben[6]. Besonders die Gabe der letztgenannten Muse, Kalliope, ist zu betonen. Sie verleiht den menschlichen Königen, deren Amt von Zeus begründet ist, von Geburt an eine wohlklingende und gerechte Vortragsstimme. Wenn die Regenten als Richter auftreten, urteilen sie milde und gerecht durch Kalliopes Begabung der „süßen Rede“[7]. Verallgemeinert lässt sich folgern, dass Poeten und Richter-Könige die von den Musen begnadeten Menschen sind[8].

Am Ende des Proömiums erbittet Hesiod von den Musen, ihm einzugeben, „wie zuerst die Götter und die Erde entstanden und die Flüsse und das endlose Meer, schäumend im Wogenschwall, und die leuchtenden Sterne und der weite Himmel darüber, (und) welche Götter aus diesen entstanden, die Geber des Guten, und wie sie den Reichtum (der Welt) verteilten und die Würden und wie sie zuerst den schluchtenreichen Olymp besetzten“[9]. Der folgende Inhalt der Theogonie wird durch die göttliche Beauftragung der Musen in einen beinahe dogmatischen, für die Religion der Griechen allgemein verbindlichen Erzählrahmen eingebettet und erhält damit eine höhere, göttliche Legitimation.

3. Die Entstehung des Kosmos bis zu der Geburt der Aphrodite

Der erste Abschnitt der eigentlichen Theogonie umfasst die Entstehung des Kosmos, nämlich die Genese sichtbarer Naturerscheinungen durch die Urmächte Gaia, die Erde, und Chaos, das „klaffende Nichts“, aus denen sich alles Weitere entwickeln kann[10]. Aus den beiden Urmächten bilden sich zwei voneinander getrennte Stammbäume. Durch den göttlichen Zeugungstrieb Eros, eine dynamische, gestaltlose Gewalt, ergeben sich zunächst parthenogenetische Geburten[11]. In der Forschung ist umstritten, inwieweit Hesiod dem Eros als lokaler Gottheit seiner Heimatstadt Thespiai besondere Bedeutung zumaß[12]. In der Theogonie nimmt Eros, die übernatürliche Zeugungskraft, jedenfalls eine hervorgehobene Stellung für die gesamte Götterwelt ein. Chaos bringt durch seinen Einfluss z. B. das Dunkel und das Helle, den Tag und die Nacht hervor[13]. Neben dem formlosen Chaos steht in ausgeformter Gegensätzlichkeit die stoffliche Gaia, die durch den Zeugungstrieb Eros den Himmel Uranos gebiert, der sie umhüllt. Damit ist die Grundlage für weiteres Leben geschaffen, und die Erde kann sich entfalten. Der Erdgöttin Gaia entstehen die Berge und Pontos, das Meer[14]. Die Welt ist in ihren Grundzügen aufgebaut, die einzelnen Phänomene sind stofflich und in ihrer Deszendenz verwandt. In weiteren Genealogien entstehen beispielsweise der Nacht (Nyx) ihre Kinder, die als Schicksals- und Todesgewalten vorwiegend Leidensphänomene für das menschliche Leben darstellen, und aus der Verbindung der Gaia mit Pontos entstehen Meeresungeheuer, Flüsse und die verschiedenen Aspekte des Meeres, welche in der griechischen Seefahrerkultur eine wichtige Stellung einnahmen. Der sog. Nereidenkatalog, der die die Nautik beeinflussenden Töchter des weisen und gerechten Meergreises Nereus, des ältesten Sohnes des Pontos, beschreibt, und der Okeanidenstammbaum, in welchem die Töchter des Okeanos, die Gewässer beherrschenden Nymphen, Beachtung finden, sind hier zu nennen[15]. Die Kataloge geben bereits Aufschluss über das religiöse Denken Hesiods: Selbst das Profane und auch das Bedenkliche (siehe Nachtkinder) haben Anteil an dem Göttlichen, da Hesiod bestrebt ist, eine möglichst vollständige Göttergenealogie vorzulegen[16].

Aus der Verbindung von Erde und Himmel gehen schließlich die Geschlechter der Titanen, Zyklopen und Hundertarmigen (Hekatoncheiren) hervor[17]. Sie verkörpern als teils anthropomorphe Gestalten alles, was sich zwischen Erde und Himmel bewegt. Die ungezähmte Natur kommt durch sie zur Geltung; sie sind Manifestationen von Naturgewalten wie z. B. Stürmen und Winden. Entsprechende Analogien sind in der nordischen Mythologie zu finden, in der die Riesen als Antagonisten der Götter hauptsächlich lokal vorherrschende, meteorologische Gewalten wie Sturm und Hagel verkörpern[18].

Im Anschluss an die ersten genealogischen Auflistungen reiht sich der Uranosmythos. Uranos verbirgt seine Kinder im Dunkeln unter der Erde. Antithetisch dazu steht Gaia, die „eingeengt“[19] ist und sich für die leidenden Kinder eine List ausdenkt. Sie erschafft eine Metallsichel, und der verschlagene Titan Kronos entmannt damit seinen Vater. Aus den herabfallenden Bluttropfen entstehen neue Wesen, wie z. B. die Giganten, die Erinnyen und Aphrodite, die Göttin der Schönheit und Liebe, die den schäumenden Wogen des vom Blut aufgewühlten Meeres entsteigt[20]. Aufgrund der emphatischen Skizzierung der ungezähmten Urgewalten charakterisiert Lamberton die Entwicklung der Welt unter Gaia und Uranos wie folgt: “[…] this is a world of comic book horror, beyond good and evil, or, rather, before the introduction of justice and hence irremediably monstrous“[21]. Lamberton deutet mit seiner Einschätzung auf die Einführung einer neuen Gerechtigkeit unter Zeus hin und stellt ihr als polares Gegenstück die monströse und ungeordnete Welt in ihren Anfängen entgegen. Mit der Geburt der Aphrodite ist die eigentliche Kosmologie abgeschlossen. Vom Chaos zur Aphrodite zieht sich ein geschlossener Strang. Was folgt, gilt der Errichtung der Zeusherrschaft[22].

In zwei polaren Gegenbereichen, Unform und Form, entfalten sich die Naturphänomene als Urmächte samt ihren Nachkommen im ersten Teil der Theogonie zu einer Einheit der Welt. Diese Wesenheiten reichen von fest ausgebildeten Erscheinungen bis zu normativen Gewalten und gestaltlosen Mächten, die das Leben beeinflussen. Die Hervorhebung der Titanen und insbesondere des Kronos bereitet auf den kommenden Konflikt um die endgültige Hierarchie der Götter vor, der im weiteren Verlauf des Gedichtes ein Leitmotiv ist und auf die Etablierung der Zeusregentschaft vorausdeutet.

4. Die Götterkämpfe und die Errichtung des Zeusreiches

Mit der Entmannung des Uranos sind Kampf und Gewalt in die Welt gesetzt, und die Auseinandersetzung um die Macht unter den Göttern beginnt. Die Titanen bilden neue Paare, die göttliche Mächte hervorbringen. Kronos und Rheia stehen dabei den anderen Götterpaaren vor[23]. Der nachfolgende Konflikt wird eingeleitet, als Kronos seine Kinder verschlingt, um zu verhindern, dass eines von ihnen die Macht an sich reißt, und nur Zeus, der letzte Nachkomme, diesem Schicksal entgehen kann, indem Rheia als List Kronos einen Stein anstelle des jungen Gottes zu schlucken reicht. Zeus wächst, in Gaias Schoß versteckt, heran und zwingt Kronos, seine Kinder auszuspeien[24]. Die Titanen sehen sich Zeus und seinen verbündeten Geschwistern gegenüber. Nach einem zehnjährigen Kampf bringt das Bündnis des Zeus mit den Hundertarmigen die Entscheidung. Die Titanen werden geschlagen und in den sog. Tartaros, die Unterwelt, verbannt, wo sie von den Hundertarmigen bewacht werden[25]. Die Beschreibung des Tartaros, der sich wie eine Gegenwelt zu der oberirdischen Welt des Zeus ausbreitet, reiht sich an den Titanenkampf an[26]. Durch die Entwicklung einer Gegenwelt zu der oberirdischen wurde für die griechischen Gläubigen der olympische Kosmos besser greifbar[27].

Der Einrichtung der Oberwelt geht der Typhonkampf voraus. Zeus muss sich in einer letzten Auseinandersetzung dem Ungeheuer Typhon, einer letzten Geburt der Gaia, stellen. Das Ungeheuer kämpft mit Feuer und Winden als Pendant zu den Blitzen des Zeus, die dieser von den einäugigen Zyklopen erhielt. In diesem Kampf stellt Zeus seine gesamte Macht unter Beweis, besiegt Typhon eigenmächtig und stürzt diesen ebenfalls in den Tartaros[28]. Nachdem der zweite Götterkampf entschieden ist, betrauen die olympischen Götter Zeus mit der Herrschaft, er verteilt alle Ehrenstellungen unter seine Mitstreiter im Titanenkampf und leitet eine Epoche der Gerechtigkeit und des Friedens ein[29].

Zeus heiratet Metis, die listige Klugheit. Um zu verhindern, dass ihm das gleiche Schicksal seiner Vorgänger widerfährt, verleibt er sich Metis auf Rat des Uranos und der Gaia ein[30]. Durch diesen symbolischen Akt verfügt er über die benötigte Klugheit, die Herrschaft zu erhalten[31]. Die weiteren Ehen des Zeus schließen sich in einem genealogischen Endteil an. Auch die Verbindungen von weiteren Göttern, Heroen und Göttern mit Menschen finden hier Beachtung[32]. Am Ende der Theogonie sind der Kosmos, die Götter- und die Menschenwelt endgültig errichtet und werden durch die Herrschaft des Zeus zusammengehalten.

In den Abschnitten der beiden Götterkämpfe, der sog. Titano- und Typhonomachie[33], legt Hesiod besondere Schwerpunkte auf die Demonstration der Macht des Zeus. Rangen in der Titanenkampfpassage mit Zeus und seinen Verbündeten noch zwei protagonistische Lager mit den Titanen um die Vorherrschaft, so steht Zeus in der Typhonomachie dem Ungeheuer Typhon ohne Unterstützung gegenüber. Die Ausübung seiner alleinigen Macht und Kraft ist das zentrale Thema dieses Abschnitts[34]. Weiterhin läuft die Titanomachie auf die Beschreibung des Tartaros hinaus, während der Kampf gegen Typhon der Einrichtung der olympischen Weltherrschaft durch Zeus vorspielt. Ober- und Unterwelt sind polare Bestandteile im griechischen Religionsverständnis[35].

Der theogonische Gesichtspunkt als ein Aufzeigen von Götterstammbäumen fehlt in den Passagen der Götterkämpfe vollständig, eine Deszendenz wird erst wieder mit den Ehen des Zeus und den Verbindungen anderer Götter im abschließenden Teil der Theogonie aufgegriffen. Diese Sektion kann von der ersten kosmologischen getrennt beurteilt werden, da eine Motivverschiebung von der Weltentstehung und ersten wilden, unzähmbaren Göttergenerationen zu der unter großen Anstrengungen erreichten Begründung und Ausgestaltung des durch vorrangig normative Mächte gefestigten und souveränen Zeusreiches erkennbar ist[36]. Welche Rolle der olympische Göttervater einnimmt, soll im Folgenden untersucht werden.

5. Zeus in der Theogonie

Die Thematik der Theogonie führt auf Zeus hin. Der Olympier herrscht nach seinen Siegen in den Götterkämpfen und seiner Erhebung zum Gottkönig als souveräner Herrscher über die Götter- und Menschenwelt. Abgesehen von den Machtdemonstrationen in den Götterkämpfen wird die Souveränität des Zeus auch schon in vorherigen Sektionen hervorgehoben. In den genealogischen Katalog im ersten Teil der Theogonie ist die Geschichte um Prometheus, einen Nachkommen des Titanen Iapetos, eingebaut, die für die Macht des Zeus schon in einem vergleichsweise frühen Abschnitt Zeugnis ablegt[37]. Die Erzählung von dem Titanensohn folgt der Erzählung von der Geburt, der Kindheit und dem Heranwachsen des Zeus und seiner Ermächtigung durch Blitz und Donner und geht dem Titanenkampf voraus. Prometheus, der auf die Welt der Sterblichen bedacht ist, täuscht Zeus zunächst bei einer Opfergabe der Menschen und ein zweites Mal, indem er das Feuer stiehlt und es seinen Günstlingen überbringt[38]. Zeus unterliegt wissend um die Listen des Iapetossohns, um nach von Fritz die Ehrlichkeit des Prometheus zu prüfen, einen eindeutigen Grund für eine Bestrafung vorzuweisen und erneut seine Macht zu demonstrieren[39]. Die untrügliche Einsicht als eine Haupteigenschaft des Zeus erweist sich bereits an dieser Stelle. An Prometheus’ Bestrafung hält Hesiod abschließend (V. 613) als nachhaltige Lehre fest, dass es unmöglich sei, Zeus zu hintergehen. Als Gegenspieler des Olympiers wird schließlich auch Prometheus zu einem Bestraften. Er wird an einen Felsen gefesselt, und ein Adler verzehrt seither seine von neuem heranwachsende Leber[40]. In dieser Partie entscheidet sich auch die Art der Beziehungen zwischen Göttern und Menschen. Den Sterblichen erschafft Zeus als Bestrafung für ihren Frevel die Frau als verderbliches Geschlecht in Form der Pandora[41].

Für den neuen Zeuskosmos wird, anders als bei den vorherigen Götterdynastien des Uranos und Kronos, der Herrscher als Kind mit einer Aufwachsphase im Schoß der Gaia geboren. Das verdeutlicht, welches besondere Gewicht Hesiod dem Olympier innerhalb seiner Erzählung zuteilt[42].

Die Herrschaft des Zeus fußt nicht, wie überwiegend bei seinen Vorgängern, ausschließlich auf der eigenen Gewalt, sondern zu einem erheblichen Teil auf normativen Mächten, denen auf der ersten Stufe der Kosmosgeschichte noch keine entscheidende Bedeutung zugesprochen wird. Diese Mächte ergänzen die Macht des Zeus entscheidend[43]. Neben der bereits erwähnten Verbindung mit Metis, der klugen Einsicht, vermählt er sich u. a. mit Themis, der Gerechtigkeit, und mit Mnemosyne, der Erinnerung[44]. Somit wird aus der durch Siege errungenen Machtherrschaft eine Weltordnung, ein für die Götter und die Menschheit[45] gleichermaßen normatives Symbolsystem. Indem er auf den Rat des Urgötterpaares Uranos und Gaia hin sich die Metis einverleibt, sichert er den Fortbestand des neuen Götterreiches und beugt einem eventuellen Entreißen seiner Herrschaft durch etwaige Konkurrenten vor. Die Souveränität wird also gesichert, indem Zeus die vormalige und die neue Götterwelt miteinander verknüpft. In seinem Kosmos werden erstmals normative Mächte und dynamische Gewalten zu einer harmonisierenden Ordnung zusammengefügt. Durch seine Ehen hat Zeus seinen eigenen Kosmos in diese Zeitfolge integriert. Die ihm entstehenden Kinder sind Teile seines Wesens, ähnlich wie die Nachkommen der Urpotenzen jeweilige Entfaltungen ihrer Wesenheiten waren[46]. Die von Zeus festgelegte Ordnung bildet ferner das Fundament, auf dem die religiösen Überzeugungen des Hesiod beruhten.

[...]


[1] Fritz, Kurt von, Das Proömium der Hesiodischen Theogonie, in: Heitsch, Ernst (Hg.), Hesiod, Darmstadt 1966, S. 295-315, hier: S. 295.

[2] Hesiod, Theogonie. Herausgegeben, übersetzt und erläutert von Karl Albert, 7. überarb. Auflage, Sankt Augustin 2005, V. 32 f.

[3] Lamberton, Robert, Hesiod, New Haven 1988, S. 55.

[4] Hesiod, Theogonie, V. 39.

[5] Siegmann, Ernst, Zu Hesiods Theogonieproömium, in: Heitsch, Ernst (Hg.), Hesiod, Darmstadt 1966, S. 316-323, hier: S. 317f.

[6] Snell, Bruno, Die Welt der Götter bei Hesiod, in: Heitsch, Ernst (Hg.), Hesiod, Darmstadt 1966, S. 707-725, hier: S. 708.

[7] Hesiod, Theogonie, V. 80 ff.

[8] Ebd., V. 96 ff.

[9] Hesiod, Theogonie, V. 108ff.

[10] Ebd., V. 116ff. Zu der Auslegung des Chaos-Begriffs vgl. Albert, Karl, Einführung zu Hesiod, Theogonie. Herausgegeben, übersetzt und erläutert von Karl Albert, 7. überarb. Auflage, Sankt Augustin 2005, S. 9-39, hier: S. 21f.

[11] Schwabl, Hans, Hesiods Theogonie. Eine unitarische Analyse, in: Österreichische Akademie der Wissenschaften, 250. Band, Wien 1966, S. 28.

[12] Fritz, Kurt von, Das Proömium, S. 298.

[13] Hesiod, Theogonie, V. 123f.

[14] Ebd., V. 126 ff.

[15] Deichgräber, Karl, Die Musen Nereiden und Okeaninen in Hesiods Theogonie, in: Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz (Jahrgang) 1956, S. 173-208, hier: S. 190 ff. Vgl. Hesiod, Theogonie, V. 137, 233ff.

[16] Snell, Bruno, Die Welt der Götter, S. 713 f.

[17] Hesiod, Theogonie, V. 337ff.

[18] Fritz, Kurt von, Pandora, Prometheus und der Mythos von den Weltaltern, in: Heitsch, Ernst (Hg.), Hesiod, Darmstadt 1966, S. 367-410, hier: S. 392.

[19] Hesiod, Theogonie, V. 160.

[20] Ebd., V. 190ff.

[21] Lamberton, Robert, Hesiod, S. 75.

[22] Schwabl, Hans, Hesiods Theogonie, S. 67.

[23] Bruit Zaidman, Louise, Schmitt Pantel, Pauline, Die Religion der Griechen. Kult und Mythos, München 1994, S. 156.

[24] Hesiod, Theogonie, V. 466ff.

[25] Ebd., V. 617ff.

[26] Schwabl, Hans, Hesiods Theogonie, S. 119.

[27] Philippson, Paula, Genealogie als mythische Form. Studien zur Theogonie des Hesiod, in: Heitsch, Ernst (Hg.), Hesiod, Darmstadt 1966, S. 651-687, hier: S. 673f.

[28] Hesiod, Theogonie, V. 820ff.

[29] Ebd., V. 881ff.

[30] Ebd., V. 888ff.

[31] Bruit Zaidman, Louise, Die Religion der Griechen, S. 156.

[32] Hesiod, Theogonie, V. 901ff.

[33] Schwabl, Hans, Hesiods Theogonie, S. 85, 113.

[34] Ders., Beispiele zur poetischen Technik des Hesiod, in: Heitsch, Ernst (Hg.), Hesiod, Darmstadt 1966, S. 175-219, hier: S. 211.

[35] Philippson, Paula, Genealogie als mythische Form, S. 673.

[36] Schwenn, Friedrich, Die Theogonie des Hesiodos, Heidelberg 1934, S. 8.

[37] Wehrli, Fritz, Hesiods Prometheus, in: Heitsch, Ernst (Hg.), Hesiod, Darmstadt 1966, S. 411-418, hier: S. 411.

[38] Hesiod, Theogonie, V. 507ff.

[39] Fritz, Kurt von, Pandora, Prometheus, S. 400.

[40] Hesiod, Theogonie, V. 521ff.

[41] Fritz, Kurt von, Pandora, Prometheus, S. 400.

[42] Philippson, Paula, Genealogie als mythische Form, S. 674.

[43] Ebd., S. 676f.

[44] Hesiod, Theogonie, V. 901ff.

[45] Als Beispiel für die Vorbildfunktion des olympischen Rechtesystems auf die menschliche Lebensführung dienen die von Zeus eingesetzten und schon zu Beginn der Theogonie erwähnten Menschenkönige, die gerecht herrschen sollen, vgl. Hesiod, Theogonie, V. 85ff.

[46] Philippson, Paula, Genealogie als mythische Form, S. 676f.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656029458
ISBN (Buch)
9783656029373
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180335
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Religionswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Hesiod Theogonie Mythologie griechische Mythologie griechische Religion antike Religion Zeus Titanen Prometheus Pantheon Kosmogonie Gaia Uranos Kronos Musen Weltentstehung

Autor

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Titel: Die Theogonie des Hesiod