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Analyse des Films "Children of Men" von Alfonso Cuarón

von BA Tarkan Tek (Autor) Manuel Wiesner (Autor)

Studienarbeit 2009 39 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1)Einleitung
1.1) Zusammenfassung
1.2) Genre: Dystopie
1.3) Warum dieser Film?
1.4) Eigene Perspektive
1.5) Aufbau der Arbeit

2) Sicherheit vs. Freiheit
2.1) Handlungsanalyse
2.2) Interpretation und Hintergrund: Sicherheit vs. Freiheit
2.2.1) Der Vergleich mit George Orwells 1984
2.2.2) Das Sicherheitsdilemma und die Sicherheitspolitik im Zeitalter des Terrorismus

3) Rassismus
3.1) Handlungsanalyse
3.2) Interpretation und Hintergrund
3.2.1) Rassismus: Theorie
3.2.2) Asyl- und Flüchtlingspolitik der EU
3.2.3) Antirassistische Botschaft

4) Fazit

Anhänge

Quellen

Film:

Literatur:

Internetquellen:

Interview:

Bilder:

Sequenzprotokolle
1) Kee ist schwanger
2) Geburt des Kindes
3) Waffenruhe

Figurenregister

Transkription: Experteninterview mit Univ. Prof. Ednan Aslan

1)Einleitung

Wir wollen in der vorliegenden Arbeit den Film Children of Men, aus dem Jahre 2006 untersuchen. Regie führte Alfonso Cuarón der auch das Drehbuch verfasst hat. Die amerikanisch-britische Produktion wurde in London gedreht. Es handelt sich dabei um die Verfilmung des gleichnamigen Romans, von Phyllis D. James. Der Film kann dem Science-Fiction Subgenre der Dystopie oder Anti-Utopie zugerechnet werde. Die Handlung findet in Großbritannien in der nahen Zukunft statt. Für einen Science-Fiction-Film unüblich, steht der technische Fortschritt extrem im Hintergrund der Darstellung und äußert sich fast nur im Design von Technischen Geräten, wie z.B.: Computermonitore. Vielmehr geht es um die gesellschaftliche Situation in einem repressiven Regime.

1.1) Zusammenfassung

Im Jahre 2027 steht die Welt am Abgrund. Kriege und Umweltverschmutzung haben weite Teile unbewohnbar gemacht und in den verbleibenden Ballungsräumen ist der Alltag von Terrorismus und staatlicher Repression geprägt. England, wo der Film spielt, wurde in einen Polizeistaat transformiert, in dem Flüchtlinge(„Fugees“) systematisch verhaftet und interniert werden. Diese Praxis wird von terroristischen Untergrundorganisationen wie den „Fishes“ bekämpft. Aus ungeklärten Gründen wurde die Menschheit unfruchtbar, seit 18 Jahren ist kein Kind zur Welt gekommen.

Theo Faron lebt in London. Der niedrige Regierungsbeamte war früher politisch engagiert und hat sich, zusammen mit seiner Frau Julian, für die Rechte von Flüchtlingen eingesetzt. Nach dem Tod ihres gemeinsamen Kindes und ihrer Scheidung hat sich der desillusionierte und depressive Theo immer weiter zurückgezogen. Eines Tages nimmt Jullian, die mittlerweile Anführerin der „Fishes“ ist, wieder Kontakt zu ihm auf. Sie engagiert Theo eine junge Immigrantin, namens Kee, zur Küste zu bringen. Später stellt sich heraus dass Kee schwanger ist, Theo soll sie zum „Human Project“ bringen, einen geheimer Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die am Fortbestand der Spezies Mensch forschen und auf einem als Kutter getarnten Schiff (die „Tomorrow“) vor der Küste erreichbar sein sollen.

Die Reise entwickelt sich für Theo und Kee zur Flucht, als Mitglieder der „Fishes“ Julian töten, um das Baby für ihre politischen Ziele zu nutzen. Über verschiedene Stationen gelangen sie in das „Aufnahmelager“ im Ort Bexhill, wo Kee ein Mädchen zur Welt bringt. Um an das Kind zu kommen brechen die „Fishes“ in das Lager ein und lösen so einen Aufstand der Internierten aus; der wiederum das Eingreifen des britischen Militärs nach sich zieht. Es kommt zur einen Häuserkampf zwischen den „Fishes“, zusammen mit aufständischen Flüchtlingen und den Regierungstruppen. Theo, Kee und das Baby geraten zwischen die Fronten. gelingt es ihnen jedoch – aufgrund einer durch die Anwesenheit des Babys ausgelösten Waffenruhe – zu fliehen und die „Tomorrow“ zu erreichen.

1.2) Genre: Dystopie

Dystopien thematisieren, in der Regel, konkrete gesellschaftliche oder politische Vorgänge, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung relevant sind. Man könnte hier zwar einwenden dass, das für die meisten Filme gilt, aber Dystopien betreiben diesen gesellschaftlichen Spiegel, anders als die meisten Filme, bewusst. Mehr noch: gesellschaftliche und politische Kritik ist die eigentliche Aufgabe dieses Genres. Ich halte hierbei nicht nur die dargestellte Realität für interessant, sondern auch die Intentionen des Autors/Filmemachers/Regisseurs. Welche Werte, politische Positionen oder gesellschaftliche Konstellationen werden vertreten bzw. kritisiert?

1.3) Warum dieser Film?

Obwohl der Plot des Filmes ziemlich linear ist, halten wir eine genauere Analyse durchaus für Sinnvoll, da verschiedene gesellschaftliche, politische und moralische Probleme behandelt werden.

England wird, in Children of Men, als repressives Regime dargestellt, in der die Werte Freiheit und Gleichheit nur einen sehr geringen Stellenwert haben. Uns interessiert wie dieser Polizeistaat dargestellt wird. Wie ist England dazu geworden? Wie äußert sich dieses Regime? Wie verändert sich das Verhältnis der Werte Sicherheit und Freiheit? Und wie ist der Umgang mit ImmigrantInnen? Weiters interessiert uns welche Rückschlüsse aus diese Darstellung auf die heutige Welt gezogen werden können.

1.4) Eigene Perspektive

Ich war stets ein Freund dystopischer Filme und Literatur. Abgesehen davon das ich mir privat Filme dieses Genres gerne ansehe, habe ich mich bereits im Rahmen meiner Englisch-Matura (Spezialgebiet) mit dystopischer Literatur befasst. Das war selbstverständlich keine wissenschaftliche Arbeit, aber ich musste mich doch etwas intensiver mit der Thematik auseinander setzen. Damals habe ich mich vorwiegend den Klassikern (z.B.: George Orwell, Aldous Huxley,…) gewidmet. Dieses Thema beschäftigt mich also schon etwas länger, zumindest in den beschränkten Rahmen meiner doch sehr jungen akademischen Kariere.

Im Zusammenhang mit einer umfassenden Filmanalyse ist es auch relevant, wie ich selbst zu den, im Film aufgearbeiteten, Normen und Wertvorstellungen stehe, um eine subjektive Verzerrung des Forschungsgegenstands zu vermeiden. Im Grunde stimme ich persönlich mit den meisten Kernaussagen des Filmes überein, wie z.B.: das persönliche Freiheit, nicht aufgrund des Wunsches nach mehr Sicherheit, geopfert werden darf. Solche Übereinstimmungen könnten dazu führen, dass ich das gesehene zu unkritisch betrachte. Gegen Ende des Filmes gibt es verstärkt christliche Motive und die ganze Story erinnert, wohl kaum unbeabsichtigt, an die christliche Weihnachtsgeschichte. Ich selbst vertrete eher einen atheistischen Standpunkt. Diese Differenz könnte meine Arbeit insofern beeinflussen als, dass ich religiösen Motiven vielleicht einen zu niedrigen Stellenwert einräume. Allein durch die Tatsache dass mir diese Problematik bewusst ist, glaube ich ihre Auswirkungen begrenzen zu können.

Manuel Wiesner

Mich interessiert besonders die Beziehung der Themen Sicherheit, Migration und Menschenrechte. Im Film werden die Menschenrechte, zugunsten der Sicherheit aufgeben. Das zeigt sich am deutlichsten darin, wie der englische Staat mit ImmigrantInnen umgeht. Das Thema der Migration war für mich, aufgrund meiner Erfahrungen in Österreich, besonders interessant. Z.B.: die kulturellen Unterschiede in Österreich, in der Türkei oder in anderen Ländern.

Dieser Film ist ein menschliches Drama, es wird gezeigt wie sich die Probleme dieser Welt auf einzelne Individuen auswirken. Ich finde diese Darstellung sehr spannend, weshalb ich mich darauf freue diesen Film genauer zu bearbeiten.

Tarkan Tek

1.5) Aufbau der Arbeit

Aus der Handlung des Filmes lassen sich 2 politische Kernproblematiken herauslesen. Zum einen das Regime Englands und zum anderen der Umgang mit Immigranten. Wobei die rassistische Verfolgung von Zuwanderern ein konkreter, im Film sogar der entscheidende, Aspekt des Gesellschaftssystems ist. trotzdem lassen sich die dargestellten Problematiken in 2 Komplexe teilen: der erste Komplex befasst sich mit dem Zusammenhang von persönlichen Freiheiten und Sicherheit; beim Zweiten geht es um die rassistische Verfolgung von ZuwandererInnen.

Die Arbeit ist somit in 2 thematische Blöcke aufgeteilt. Diese Blöcke sind nochmal in einen analytischen und einen interpretativen Abschnitt aufgeteilt. Im analytischen Teil wird beschrieben was im Film zu sehen ist, während wir in der Interpretation versuchen den Bezug zur Gegenwart herzustellen. Dafür ziehen wir Sekundärliteratur heran, um Verbindungen zwischen der fiktiven Darstellung des Filmes und der Realität zu finden.

Um das Lesen der Arbeit zu vereinfachen findet sich im Anhang ein Verzeichnis der erwähnten Figuren, darin steht wer sie sind und von wem sie gespielt werden.

2) Sicherheit vs. Freiheit

Zuerst wollen wir den Zusammenhang von Sicherheit und Freiheit behandeln. Wir werden hier die Aspekte des Filmes herausarbeiten die darauf verweisen wie diese beiden Werte zusammenhängen und wie sie gewichtet werden. Weiters gehen wir auf die Art des dargestellten Regimes ein. Welche Politik wird beschrieben und wie wird sie bewertet? Zuerst werden wir uns damit beschäftigen wie das politische System im Film dargestellt wird, im zweiten Abschnitt wollen wir dann untersuchen welche Rückschlüsse sich auf die reale Welt ziehen lassen und mit welcher Intention Alfonso Cuarón diesen Film gedreht hat.

2.1) Handlungsanalyse

Children of Men beschreibt eine düstere Vision der nahen Zukunft. Die Welt steht am Abgrund: seit 18 Jahren wurde kein Kind geboren und England wurde zu einen Polizeistaat transformiert. Informationen über die politische und gesellschaftliche Lage erfährt der Zuseher fast nur aus subtilen Details, die im Hintergrund der eigentlichen Handlung versteckt sind. So sind im Hintergrund immer wieder aufgeschlagene Zeitungen zu sehen, die z.B.: über die radioaktive Verwüstung in Afrika, oder ähnliches berichten (vgl. Children of Men, 2006: min. 12). Diese Hinweise sind zwar räumlich im Hintergrund verortet, doch die Kamera schwenkt häufig so, dass die Schlagzeilen gut zu lesen sind. Neben diesen Hinweisen auf die „historische“ Vorgeschichte, werden auch Aspekte des Regimes über den Hintergrund vermittelt. Der Zuseher sieht in London ständig schwer bewaffnete Polizisten und Käfige, in denen illegale ImmigrantInen eingesperrt sind. Die Informationen bezüglich des Regimes sind im ersten Drittel des Filmes – daher in den ersten 30 Minuten – konzentriert. Der Regisseur versucht so zuerst ein bestimmtes Bild von England im Jahre 2027 zu zeichnen, bevor die eigentliche Handlung beginnt. Es lassen sich aus dem Film verschiedene Aspekte des englischen Regimes und Gründe dafür, warum es diese Form angenommen hat herauslesen.

Besonders auffällig ist die hohe Polizeipräsenz in London. Wobei die meisten Polizisten mit automatischen Gewehren und kugelsicheren Westen ausgerüstet sind. Es scheint einen ständigen Ausnahmezustand zu geben, doch sind die Menschen mittlerweile an diese Situation gewöhnt. Dieser ständige Ausnahmezustand wird durch innere und äußere Bedrohungen legitimiert.

Die äußeren Bedrohungen werden dem Zuseher/der Zuseherin, ausschließlich aus den oben genannten Zeitungen und Fernsehnachrichten – es sind auch immer wieder laufende Fernseher im Hintergrund zu sehen – vermittelt. Es wird dabei niemals auf die genauere Situation außerhalb Großbritanniens eingegangen, meistens ist nur der Slogan: „THE WORLD HAS COLLAPSED. ONLY BRITAIN SOLDIERS ON“ (ebd.: min. 3), zu sehen. Die wichtigste „Bedrohung“ die aus dieser zusammengebrochenen Weltordnung resultiert, ist die Massenmigration. Auf die, die Verantwortlichen mit der totalen Abschottung Großbritanniens und der Verfolgung von MigrantInnen reagieren. Auf den rassistischen Aspekt des Regimes werden wir später noch genauer eingehen.

Die entscheidende innere Bedrohung ist der Terrorismus. Im Film spielt eine Widerstandsorganisation eine entscheidende Rolle, die „Fishes“. Diese Organisation wird zu Beginn des Filmes von Julian, Theos Exfrau, angeführt. Theo war selbst, bis vor 20 Jahren Mitglied der „Fishes“. Er fällt in der ersten Szene des Filmes, beinahe einem Bombenattentat zum Opfer. Ohne ersichtlichen Grund explodiert ein Sprengsatz in einem Coffee Shop, nur wenige Sekunden nachdem Theo das Geschäft verlassen hat. Die Medien berichtet, es sei ein Anschlag der „Fishes“ gewesen, ob das stimmt oder nur Propaganda ist wird nicht aufgeklärt. In der Szene, in der die „Fishes“ mit Theo Kontakt aufnehmen, wird das Attentat zu Sprache gebracht:

Theo: “What is it, you guys do anyway? “

Fish 1: “The fishes fight for equal rights for any immigrant in Britain.”

Fish 2: “He knows what we do.”

Theo: “Right, you almost fuckin’ blew me up in the coffee shop, yesterday. My ears are still ringing.”

Fish 2: “We don’t bomb!”

Fish 1: “That was the government. That’s what they do to spread the fear.”

Theo: “What about Liverpool?!”

Julian: “After Liverpool we stopped bombing, we started speaking to the people.”

(Children of Men, 2006: min. 13)

Sicher, ist dass die „Fishes” in der Vergangenheit auf terroristische Mittel zurückgegriffen haben, unklar bleibt während des ganzen Filmes ob sie für den Anschlag auf den Coffee Shop verantwortlich waren, oder ob er von der Regierung inszeniert worden ist, wobei der zweite Fall wahrscheinlicher scheint. Auf jeden Fall wird der Terrorismus als Rechtfertigung für den Polizeistaat, verwendet.

An der Figur Jasper wird gezeigt wie das Regime die Meinungsfreiheit einschränkt und die freie, mediale Berichterstattung abgeschafft hat. Hier wird auch wieder auf alte Zeitungen zurückgegriffen. (vgl. ebd.: min. 7). Jasper war ein politischer Karikaturist. Im Film lebt er zurückgezogen und versteckt, in einer kleinen Blockhütte im Wald. Die Zeitungen in dieser Szene zeigen Jaspers letzte Karikatur, bevor er sich, wohl nicht ganz freiwillig, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Viel drastischer wird die Repression gegenüber der Presse durch Jaspers Frau gezeigt. Die letzte Zeitung die zu sehen ist trägt die Schlagzeile: „MI5 DENY INVOLVEMENT IN TORTURE OF PHOTOJOURNALIST“(ebd.), und daneben ist ein Bild von Jaspers Ehefrau. Schnitt. Jaspers Frau ist in Großaufnahme zu sehn. Sie ist offensichtlich schwer traumatisiert und dadurch zum Pflegefall geworden. Während des ganzen Films sitzt sie starr in ihre, Rollstuhl und zeigt keine Regung.

Die „Fishes“ kontaktieren Theo um an Transit-Papiere zu kommen. Um in England zu reisen benötigt man diese Dokumente, die nur schwer zugänglich sind. Dadurch wird die Mobilität der Briten massiv eingeschränkt. Theo kann über seinen Cousin (Nigel), der Kulturminister ist, an Transitpapiere kommen. Die Szene in der Theo seinen Cousin besucht zeigt aber noch etwas anderes. In einer Taxifahrt wird die Trostlosigkeit der Wohnbezirke dem Luxus des Regierungsviertels gegenübergestellt (ebd.: min. 16):

Bild 1: Wohnbezirke von London

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Park im Regierungsviertel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 3: Theos Wohnung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 4: Speisesaal von Theos Cousin, Nigel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während der Großteil Londons überfüllt, dreckig und heruntergekommen wirkt, ist das Regierungsviertel voller Luxus. Es gibt einen Park und viel Prunk. Die Taxifahrt ist zudem mit melancholischer Musik unterlegt. Die Wohnung von Theos Cousin ist besonders elitär. Sie befindet sich im Kunstministerium, ist groß, weitläufig und hell. Außerdem besitzt der Kulturminister Picassos Guernica und Michelangelos David-Statue.[1] Anders gesagt: die Regierungselite lebt im Luxus, während der Großteil der Bevölkerung arm ist. Diese Darstellung wird durch das Gegenüberstellen von Extremen und durch technische Mittel verstärkt. So ist die Kamera in Theos Wohnung sehr nah, der Raum wirkt geschlossen und klein. Die Farbgebung ist dunkel und das Licht ist düster. Nigels Zuhause hingegen ist hellausgeleuchtet, die dominante Farbe ist weiß. Die Kameraperspektive ist sehr weit, dafür dass die Szene in einem geschlossenen Raum spielt.

Aufgrund der „Bedrohungen“ durch die Massenmigration und dem Terrorismus, wird im Film Children of Men, Großbritannien in einen Polizeistaat transformiert. Unter dem Vorwand die Sicherheit der BürgerInnen zu gewährleisten, werden essentielle Freiheitsrechte abgeschafft. Die Einschränkung der Meinungsfreiheit wird durch die propagandistischen Fernsehnachrichten und durch die Schicksale von Jasper und seiner Frau illustriert. Die Notwendigkeit für Transitpapiere und die Existenz eines Checkpoints, zwischen den Londoner Wohnbezirken und dem Regierungsviertel, sind Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, die symbolisch für Freiheit an sich steht. Trotz des massiven Aufwandes der zur Gewährleistung der Sicherheit betrieben wird gibt es häufig Terroranschläge, die auch durch die Art der Regierung verursacht scheinen, entweder da sie Protest gegen sie sind oder weil sie gar von der Regierung selbst inszeniert werden, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen.

2.2) Interpretation und Hintergrund: Sicherheit vs. Freiheit

In den meisten Filmen in denen ein fiktives Regime relevant ist, gibt es eine oder mehrere Szenen in denen die politischen Hintergründe und deren historischen Werdegang erklärt werden, meistens erklärt eine Figur einer anderen wie es um die Welt bestellt ist. In Children of Men ist das anders. Die Personen die Vorkommen wissen in welcher Welt sie leben. So muss dem Zuseher/der Zuseherin das politische System anders näher gebracht werden. Wie bereits beschrieben, geschieht dies über diverse Hinweise, in Form von: Fernsehnachrichten/Propaganda, den bereits ausführlich beschriebenen Zeitungen, oder den Hintergrund der eigentlichen Handlung – z.B.: Theo ist auf dem Weg zur Arbeit, im Hintergrund sind Käfige zu sehen in denen ImmigrantInnen eingesperrt sind. Diese Informationen liefern aber kein Vollständiges Bild des politischen Systems und der Zuseher muss sie interpretieren. Aus diesem Grund verschwimmt ein bisschen die Einteilung von Filminterpretation und Handlungsanalyse. Unter der Überschrift Handlungsanalyse haben wir, daher die Aspekte zusammengefasst, die direkt aus dem Film lesbar sind, während wir in diesem Kapitel versuchen die Verbindung zur Realität herauszuarbeiten.

2.2.1) Der Vergleich mit George Orwells 1984

Nach einer Einleitung die darauf hinausläuft, dass in diesem Kapitel der Bezug zur realen Welt hergestellt werden soll, mag es etwas komisch klingen dass der Film in einem ersten Schritt mit einem Roman verglichen wird. Aber dieser Vergleich macht in diesen Zusammenhang durchaus Sinn, da Children of Men oft wie eine modernisierte Variante von Orwells Klassiker wirkt. Beide Werke behandeln teilweise recht ähnliche Themen, die sie in ihren spezifischen historischen Kontext verarbeiten.

Orwells düstere Zukunftsvision ist für eine Eigenschaft besonders bekannt: den Grad der Überwachung der BürgerInnen durch den Staat. In dem Roman funktioniert dies über sogenannte „telescreens“ (Orwell, 1990: 4); das sind Fernseher, die 2 Zwecke erfüllen: erstens verbreiten sie Propaganda und zweitens, dienen sie als Überwachungskameras, die Bevölkerung wird ständig beobachten, da die Geräte nicht abgeschaltet werden können. In Children of Men ist im Hintergrund sehr häufig ein Fernseher zu sehen, der Propaganda der Regierung überträgt. Außerdem Theo wird in einer Szene von der Weckfunktion seines Fernsehers geweckt. Dabei hat es den Anschein, dass der Fernseher, wie – die „telescreens“ – nicht abgeschaltet werden kann (vgl. Children of Men, 2006: min 11). Im ganzen Film gibt es nur einen Fernseher der abgeschaltet ist und der befindet sich im Immigranten-Internierungslager Bexhill (vgl. ebd.: min. 80). Die Überwachung der Bevölkerung durch den Staat wird nur in einer Szene, und auch da nur indirekt, thematisiert. Nachdem Julian ermordet wird, ist ein Bericht in den Fernsehnachrichten zu sehen. Es werden dabei Aufnahmen von Überwachungskameras gezeigt. Die Kameras zeigen das Auto, in dem Julian und die Anderen unterwegs waren, auf einer Landstraße. Selbst weit außerhalb Londons, auf einer Landstraße, die durch einen Wald führt gibt es Überwachungskameras. Daraus schließen wir, dass die Überwachung innerhalb der Stadtgrenzen noch umfangreicher sein müsste. Das kann als Anspielung auf die realen Bedingungen in Großbritannien verstanden werden. Die Regierung unter Tony Blair hat ein dichtes Videoüberwachungsnetz aufgebaut, das durch den Kampf gegen Kriminalität und Terrorismus gerechtfertigt wurde (vgl. Luyken, 2007).

[...]


[1] Er ist von der Regierung beauftragt die wichtigsten Kunstwerke zu sammeln und zu bewahren. Dieser Auftrag erscheint allerdings angesichts der Tatsache dass die Menschheit am Aussterben ist, ziemlich absurd und zeigt die Ratlosigkeit der Menschen in dieser Situation.

Details

Seiten
39
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656033301
ISBN (Buch)
9783656033158
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180331
Institution / Hochschule
Universität Wien – Politikwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Filmanalyse Children of Men Rassismus Asyl- und Flüchtlingspolitik Film Interview George Orwell

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