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Friedrich Schiller, seine Lyriktheorie und die Rezensionen der Gedichte Bürgers und Matthissons in der Kritik

„Es ist bloß die Behandlungsweise, was den Dichter macht“

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Friedrich Schiller: Poetologische Positionen und ihre Kritik
2.1 Die Bürger-Rezension
2.2 Die Matthisson-Rezension

3. Matthissons Elegie „Der Genfersee“

4. Schlussbetrachtung und Zusammenfassung

5. Literaturliste
5.1 Texte
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Friedrich Schiller rezensierte in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts die Gedichte Gottfried August Bürgers und Friedrich von Matthissons. Schiller entwickelte innerhalb dieser Rezensionen in umfangreichen theoretischen Abhandlungen seine Anforderungen an die Dichter. Um vorab deutlich zu machen, wie die Rezensionen eingeschätzt werden müssen, sei darauf hingewiesen „daß Schiller den rezensierten Autoren keineswegs gerecht geworden ist, Bürger mit ungerechtfertigter Härte behandelt, Matthisson hingegen weit überschätzt hat“.[1]

Seine Kritik an Schillers Rezensionen ergänzt Dieter Borchmeyer mit der Vermutung, dass „Schiller [...] offenbar weniger an den rezensierten Gedichten selbst [lag], als an der – ihnen gleichsam übergestülpten – Darstellung seiner Poetik“.[2] Inwiefern die poetologischen Positionen Schillers tatsächlich mit ihrer Anwendung auf Bürger und insbesondere Matthisson korrelieren, soll in dieser Arbeit überprüft werden.

Dazu werden die jeweiligen theoretischen Überlegungen Schillers benannt und – im Rückgriff auf die bisherige Forschung – einer kritischen Einordnung unterzogen. Die Bearbeitung der Bürger-Rezension dient dabei dazu, die Lyriktheorie Schillers umfassender betrachten zu können und die in ihr genannten Anforderungen an den Dichter zu hinterfragen. Es soll aufgezeigt werden, dass die Anwendung der Theorie Schillers auf die Lyrik Bürgers als problematisch angesehen werden muss.

Hauptsächlich soll es jedoch um die Frage gehen, inwiefern gerade Matthisson vermeintlich oder tatsächlich für Schiller die Probe aufs Exempel darstellt. Dies zu überprüfen erscheint angebracht, ist doch Schillers Lob der Lyrik Matthissons in seiner Euphorie kaum ohne Verwunderung nachvollziehbar. Widerstreitende Positionen in der Forschung werden dargestellt, um der Frage nach der Berechtigung der positiven Kritik auf den Grund gehen zu können. Dazu soll ebenso Matthissons Elegie „Der Genfersee“ behandelt werden, die zwar einerseits in ihrem inhaltlichen Ausdruck als exemplarisch für das Lebensgefühl Matthissons stehen kann, andererseits aber auch – und das mag zunächst verwundern – den theoretischen Überlegungen Schillers gerecht werden kann. Dass dies wohl nur über einen Umweg der Fall sein kann und somit letztlich umstritten bleiben wird, soll im dritten Teil der Arbeit gezeigt werden. Umstritten bleibt die These, Matthisson stelle für Schiller gleichsam ein perfektes Beispiel seiner Theorie dar, wohl ohnehin. Zu berechtigt muten die Kritiker an, die Schillers Wertschätzung Matthissons weit abseits jeglicher poetologischer Sympathien sehen, wie im Fortgang der Arbeit deutlich werden dürfte.

2. Friedrich Schiller: Poetologische Positionen und ihre Kritik

2.1 Die Bürger-Rezension von 1791

Im Januar 1791 veröffentlichte Friedrich Schiller in der Jenaer „Allgemeinen Literatur-Zeitung vom Jahre 1791“ eine Rezension der Gedichte Gottfried August Bürgers[3]. Bürger erfährt in dieser Besprechung seines lyrischen Werkes eine scharfe Kritik, die der quasi kunstrichterlich agierende Rezensent Schiller mit einer Entwicklung seiner später als „Idealisierkunst-Poetik“ beschriebenen Theorie verbindet. In Anlehnung an Joachim Bernauer[4] wird Schillers Bürger-Rezension nach ihrer Argumentationsstruktur in die folgenden sechs Abschnitte Konstituierung des Maßstabs (Einleitung), Konfrontation mit Bürgers Maßstab (Problematisierung der Popularitätsmaxime Bürgers), Verbindung der Maßstäbe, Ansatz einer Kritik der Produkte (konkrete Anwendung des zuvor konstituierten Maßstabs), Kritik der Produktion (Verweis auf tiefer liegende Mängel im Dichtungsprozeß Bürgers), Schillers abschließende Bewertung gegliedert.

Zunächst sollen die theoretischen Überlegungen Schillers, die sich vorwiegend im ersten und dritten Abschnitt der Rezension finden, zusammenfassend geschildert werden: Die von Schiller eingangs der Bürger-Rezension monierte Gleichgültigkeit seines Jahrhunderts gegenüber der Poesie[5] ließe sich nur abwenden, wenn die Dichtkunst „in keine andre als reife und gebildete Hände fiele.“[6] Die von Schiller derart umschriebenen Anforderungen konkretisieren sich in der Kernformulierung der so genannten „Idealisierkunst-Poetik“, die von den Dichtern verlangt, ihre Individualität „so sehr als möglich zu veredeln.“[7] Erforderlich mache das die Tatsache, dass es nur der „reife, der vollkommene Geist“[8] sei, der es wert ist, „vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden.“[9] Nur wer „das Vortreffliche seines Gegenstandes [...] von gröbern, wenigstens fremdartigen Beimischungen“[10] zu reinigen vermöge, sei zu der geforderten, von Schiller auch „in der poetologischen Auseinandersetzung mit seinem Gedicht Die Götter Griechenlands[11] und den Künstlern entwickelten Idealisierung in der Lage. Schiller geht es also darum, dass der Dichter – sofern er überhaupt einen angemessenen Stoff für sein Werk findet – diesen einer Behandlung unterzieht, die sich mit der Metaphorik des Reinigens treffend umschreiben lässt: Der Dichter solle seinen Stoff gleichsam befreien von allem, was ihn beschmutzt.

Dennoch sei es nicht nur die Idealisierung, die den Dichter ausmachen müsse. Es ist nach Schillers Auffassung ebenso notwendig, dass sich der Poet nicht mit dem Volk „gleich zu machen“[12] strebt, sondern eine Distanz bewahrt, die „seine[r] himmlische[n] Abkunft“[13] geschuldet sei. Diese Forderung, nach der der Dichter sich von seinen Lesern distanzieren müsse, entwickelt Schiller im zweiten Abschnitt der Rezension an seinem Negativbeispiel Gottfried August Bürger. Worauf Schiller mit seiner Dichotomisierung von „Volk“ und Poet“ anspricht ist seine Forderung, dass der Dichter unbedingt dem Geschmack des Kenners entsprechen müsse - „Popularität als Genugtuung für den Volksmund“[14] sei Nebensache.

Schiller, der stets „Anlaß genug fand, an der Qualität und am Veredelungswillen vieler seiner Zeitgenossen zu zweifeln“[15] wendet seine Theorie in aller Deutlichkeit auf den rezensierten Autor Bürger an: Wenngleich sich Bürger als einen Volkssänger begreife, für den Popularität die höchste Messlatte seines poetischen Schaffens bedeuten möge[16], gelte doch in Wirklichkeit auch für ihn der Maßstab des „absoluten innern Wert[s]“[17] seiner Gedichte. Bürger sei jedoch weit davon entfernt, dieser Maßgabe gerecht zu werden, vielmehr sei „der Geist, der sich in diesen Gedichten darstellte, kein gereifter, kein vollendeter Geist“[18] – eine Kritik, die mit Bernauer zwar schmeichelnd als Kritik der Produktion beschrieben wird, harscher jedoch kaum hätte ausfallen können, zweifelt sie doch unmissverständlich an Bürgers geistigen Fähigkeiten. Als habe es Bürger vorausgeahnt, drückte er noch in seiner Vorrede zu seinen Gedichten seine Hoffnung aus, „daß der ehrwürdige Richter nicht mich selbst mit Verdruß und Unwillen ansehen wolle“[19] - ein Wunsch, der zumindest in der Besprechung Schillers unerfüllt blieb.

Aus der Konzentration Schillers auf den Autor lässt sich der produktionsästhetische Schwerpunkt der Bürger-Rezension deutlich ablesen. Die Wirkung der Lyrik auf den Rezipienten steht zurück, wenngleich es eine Schillersche idée fixe sei, dass das dichterische Wort „den Menschen auf seinem Weg zu einem sittlichen Wesen maßgebend fördere [20].

Ob diese Anforderungen, die Schiller an die Dichter stellt und an seinem Negativbeispiel Gottfried August Bürger exemplifiziert, letztlich in Bürger den richtigen Adressaten finden, darf bestritten werden. Schließlich sei es „der Boden der Popularität, [...] auf dem [Bürger] theoretisch das relativ beste und Bedeutendste hervorgebracht hat.“[21] Schon bei der Arbeit an der 1774 entstandenen „Lenore“ „richteten sich Bürgers Bemühungen darauf, sein Gedicht möglichst populär und balladenmäßig zu gestalten“[22] - eine Bestrebung, die sein Werk gleichsam wie ein roter Faden durchzieht und die Anwendung der Poetik Schillers auf die Gedichte Bürgers fragwürdig erscheinen lässt. Dass Bürger mit seiner Vorliebe für das Volkstümliche „in eine schiefe Stellung zu der sogenannten höheren Poesie“[23] kommen musste, ist wenig verwunderlich. Sein Brief an Boie vom 29. September 1777 weist deutlich auf diese Diskrepanz zwischen Schillers Theorie und Bürgers literarischer Praxis hin: „In der Poesie muß trotz aller Erhabenheit und Göttlichkeit dennoch alles sinnlich, faßlich und anschaulich sein.“[24] In der Vorrede zu seinen Gedichten zeigt sich dies ebenfalls: Er selbst zählt sich nicht zu den Dichtern, die der „der Dichtkunst das Vermögen zu[trauen], [...] manche wichtige Kraft der Menschennatur zum Anbau und Genuß des Schönen und Guten zu erhöhen“[25]. Dass diese Prämisse Bürgers unvereinbar mit der Schillerschen Idealisierkunst-Poetik ist, scheint außer Frage zu stehen, womit Bernauers Frage, ob dieser „an elitärer Vollkommenheit orientierte Maßstab [...] der richtige für „die Anwendung auf Herrn Bürger““[26] ist, wohl mit einem „Nein“ beantwortet werden muss.[27]

[...]


[1] Dieter Borchmeyer: Weimarer Klassik: Portrait einer Epoche. Studienausgabe, aktualisierte Neuausgabe. Weinheim: Beltz Athenäum 1998, S.242.

[2] Ebd.

[3] Die Rezension „Über Bürgers Gedichte“ wird zitiert nach folgender Ausgabe: Schiller, Friedrich: Über Bürgers Gedichte. In: Ders.: Sämtliche Werke in 5 Bänden. Hg. Von Peter-André Alt, Albert Meier und Wolfgang Riedel. Band 5: Erzählungen – Theoretische Schriften (Hg. Des Bandes: Wolfgang Riedel). München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2004, S. 970-985. Um Missverständnissen vorzubeugen, wird die Rezension bei folgenden Zitaten mit „Schiller: Bürgers Gedichte“ abgekürzt, statt mit der Jahreszahl. Nach demselben Prinzip wird bei der im Folgenden herangezogenen Rezension Schillers „Über Matthissons Gedichte“ verfahren.

[4] Vgl. Joachim Bernauer: „Schöne Welt, wo bist du?“. Über das Verhältnis von Lyrik und Poetik bei Schiller. In: Hugo Steger/ Hartmut Steinecke (Hg.): Philologische Studien und Quellen. Heft 138. Berlin: Schmidt 1995, S.168.

[5] Bernauer erklärt diese Auffassung Schillers als Reflexion über sein eigenes Zeitalter und formuliert pointiert: „Letztlich schadet sich die Vernunft durch die Gefährdung der Dichtkunst selbst.“ Vgl. Hierzu Bernauer (1995), S.169.

[6] Schiller: Bürgers Gedichte, S.972.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd., S. 979.

[11] Bernauer (1995), S.165.

[12] Ebd. S.976.

[13] Ebd.

[14] Bernauer (1995), S.176.

[15] Helmut Koopmann: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Rolf Günter Renner (Hg.): Lexikon literaturtheoretischer Werke. Stuttgart: Kröner 1995, S.426-427, hier S.426.

[16] Vgl. ebd. S. 975.

[17] Ebd.

[18] Ebd., S.977.

[19] Gottfried August Bürger: Gedichte. Band I. Göttingen, Dieterich 1789, S. 6. Angemerkt sei, dass Bürger mit dem angesprochenen „Richter“ seiner Gedichte wohl nicht explizit an Schiller dachte, wenngleich der richterliche Gestus in Schillers Rezension noch so deutlich ausgeprägt ist.

[20] Dieter Martin: Gedichtete Gedanken. Schillers poetologische Lyrik. In: Sasse, Günter (Hg.): Schiller. Werk – Interpretationen. Heidelberg, Winter 2005, S. 221- 242, hier S.233.

[21] Janetzky, Christian: G.A. Bürgers Ästhetik. In: Franz Muncker (Hg.): Forschungen zur neueren Literaturgeschichte. Heft 38. Berlin: Alexander Duncker Verlag 1909, S. 16.

[22] Ebd., S.20.

[23] Ebd., S.21.

[24] Zitiert nach Janetzky (1909), S.26.

[25] Bürger (1789), S.4.

[26] Bernauer (1995), S.172.

[27] Um Missverständnisse zu vermeiden, sei ausdrücklich betont, dass die Anwendbarkeit der Theorie auf Bürgers Gedichte wohl angezweifelt werden kann. Die Richtigkeit der Theorie hingegen kann an dieser Stelle nicht überprüft werden.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656029519
ISBN (Buch)
9783656029878
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180318
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Insitut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Lyrik Schiller Lyriktheorie Matthisson

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