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Die Auswirkung der deutschen romantischen Dichtung und Philosophie auf die russische literarische Romantik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Voraussetzungen und Anfänge
1.1 Der historische Hintergrund der russischen Romantik
1.2 Die Anfänge der Romantik in Russland

2. Die russische Romantik
2.1 Der romantische Roman

3. Die Auswirkungen der deutschen romantischen Dichtung

Nachwort

Bibliographie

Einleitung

Als in Russland die ersten Dichtungen im heutigen Sinne des Wortes entstanden, da ahnte wohl niemand, dass damit eine neue literarische Großmacht in Erscheinung trat. In der Tat haben sich unter allen slawischen Völkern nur die Russen in der Weltliteratur eindeutig durchsetzen können. Das literarische Schaffen der übrigen Slawen blieb in seiner Wirkung auf diese Völker selbst beschränkt und hat außerhalb des Landes mit wenigen Ausnahmen kaum Spuren hinterlassen. Dagegen haben sich die führenden russischen Dichter über alle sprachlichen Schwierigkeiten hinweg einen festen Platz, zum Teil sogar einen maßgebenden Einfluss in der Weltliteratur sichern können.

Um die Wende zum 19. Jahrhundert tritt die europäische Literatur in die Epoche der Romantik ein. Diese neue Methode der künstlerischen Wirklichkeitsbewältigung weist in den einzelnen Ländern auf Grund unterschiedlicher sozialer Bedingungen und kultureller Traditionen jeweils spezifische Züge auf, doch lassen sich einige allgemeine Merkmale herausarbeiten.

Ein kurzer Blick auf die Entwicklung in West- und Mitteleuropa soll das Verständnis für die Besonderheit der russischen Romantik erleichtern.

Das Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, welchen Einfluss die deutsche Philosophie und die Theorie der Dichtung auf die russische Romantik ausgeübt hatte. Dabei werden die bedeutendsten Autoren der Epoche herausgegriffen und mit denselben der deutschen Romantik verglichen.

1. Voraussetzungen und Anfänge

Die Romantik hat zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Profil der europäischen Nationalliteraturen entscheidend mitbestimmt. Entstanden im Gegenzug gegen die normative Ästhetik und Dichtungspraxis der „doctrine classique“ sowie gegen das Weltbild der Aufklärung, entwickelt die Romantik die Voraussetzungen für die Literatur des kritischen Realismus. Feinfühlig wie kaum eine andere literarische Strömung reagierte die Romantik auf jede Veränderung im gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Zeit. Zugleich entstand in der Epoche der Romantik das moderne National- und Geschichtsbewusstsein der europäischen Völker. Diese These muss im folgendem detaillierter erarbeitet werden.

Der Sentimentalismus, der besonders in der englischen Literatur eine große Rolle gespielt hat - in Deutschland entspricht ihm etwa die sogenannte Empfindsamkeit -, kann als Ausdruck bürgerlicher Opposition gegen den Klassizismus, die künstlerische Methode des Spätfeudalismus, betrachtet werden.

Er ist in einer Epoche des aufklärerischen Optimismus und zunehmenden Selbstbewusstseins der progressiven Kräfte entstanden. In der Phase der radikalen Abrechnung mit den konservativen Kräften nach 1789, der darauffolgenden Teilniederlage der bürgerlich-demokratischen Revolution und partiellen Restauration erwies sich aber die Methode des Sentimentalismus als ungeeignet, um die neue gesellschaftliche Lage künstlerisch zu bewältigen; er entsprach nicht mehr dem Lebensgefühl und der Weltanschauung der gebildeten Schicht, vor allem aber der Künstler.

Die Notwendigkeit zur Erarbeitung einer neuen Methode zur Wirklichkeitserfassung ergab sich aus dem tiefgreifenden Gesellschaftswandel. Dieser hatte aber nicht nur objektiv die Position der Intelligenz verändert, sondern zugleich auch ihr Selbstbewusstsein und Selbstverständnis in Frage gestellt.

Hatte sie sich im Zeitalter der Aufklärung zunächst Schritt für Schritt von der Vormundschaft des Adels gelöst und schließlich allein die geistigen Maßstäbe und die ethischen Normen bestimmt, so sah sich diese im wesentlichen bürgerliche Intelligenz nach dem Siege der Bourgeoisie beiseite geschoben, zur Wirkungslosigkeit verurteilt und mit einer Welt konfrontiert, die ganz auf materielle Bereicherung ausgerichtet war. Die anfängliche Begeisterung für den großen gesellschaftlichen Umbruch wich einem weitverbreiteten Gefühl der Melancholie, an die Stelle des gesellschaftlichen Engagements trat der fortschreitende Rückzug auf die private Sphäre.

Vor der politischen Realität nach der großen Revolution enttäuscht, begannen sich die Künstler von der Gesellschaft abzuwenden: Während der Alltag ein Reich bitter empfundener Notwendigkeit war und blieb, glaubte man in der Sphäre des Geistigen ein Reich der Freiheit errichten zu können, in dem die Widersprüche sich aufhoben und das ein Glück verhieß, auf das man in der Realität verzichten musste. „Mit dieser Flucht aus der sozialen Wirklichkeit war eine Rückbesinnung, ja ein Rückzug auf das Individuum verbunden, vom Künstler zu einem Kult des Ich stilisiert.“[1]

Von diesen allgemeinen Zügen einer neuen Welthaltung aus lassen sich jene Merkmale ableiten, welche die romantische Kunst, insbesondere die romantische Dichtung kennzeichnen: „Die Entgrenzung aller Formsysteme, die völlige Freiheit bei der Stoffbehandlung als Ausdruck der absolut gesetzten Subjektivität; die überragende Rolle neuer konstituierender Elemente der Dichtung wie des Gefühls, der Stimmung, der Intuition, der Offenbarung, des Impulsiven - alles Phänomene, die dem vernunftgläubigen 18. Jahrhundert suspekt erschienen waren-, damit aber auch die Inthronisierung der Liebe in all ihren Erscheinungsformen (von der platonischen bis zur dämonischen) als beherrschendem Handlungsmotiv; die Verherrlichung des Organischen, ohne rationale Einwirkung Gewachsenen, so insbesondere der Natur, die zum schönen Gegenbild der jetzt als hässlich und demoralisierend verachteten Zivilisation wird, aber auch des Volkes, das als ein einheitlicher, also nicht durch Klassenspannungen zerrissener Organismus betrachtet wird und in dessen scheinbar harmonische Vergangenheit man sich künstlerisch versetzt, sie zu erneuern sucht.“[2]

Das neue Lebensgefühl der Künstler, ihre neuartige Sehweise bewirkt eine beträchtliche Erweiterung der stofflichen und gestalterische Möglichkeiten. Es entwickelt sich die Naturdichtung, der historische Roman, die orientalische, exotische Dichtung; Mischgattungen wie das Poem oder die Ballade werden beliebt und zeugen von der Neigung, die innerästhetischen Grenzen zu verwischen; ein neuer literarischer Held beherrscht die Szene: es ist der außergewöhnliche, einmalige Mensch, der Einzelgänger, nicht mehr der normsetzende Vertreter einer bestimmter sozialen Gruppe beziehungsweise der Träger einer ethischen Haltung; das außergewöhnliche Ereignis und Geschehen, nicht das Alltägliche, das Unheimliche, das Rätselhafte sucht und findet in der Literatur sein Publikum.

1.1 Der historische Hintergrund der russischen Romantik

Wie in Westeuropa gewinnt die Romantik auch in Russland unter dem Eindruck bedeutsamer geschichtlicher Ereignisse ihre besondere Gestalt. Die Erschütterungen, denen die europäischen Länder seit der Französischen Revolution von 1789 bis zum Ende der Napoleonischen Kriege im Jahre 1813 ausgesetzt waren, erfasste Russland direkt erst nach dem Einmarsch der französischen Truppen im Sommer 1812.

„In Russland fehlte die in Europa seit dem 18. Jahrhundert einsetzende Befreiung des Individuums aus den Fesseln ständischer Hierarchie, jene „Verbürgerlichung“, wie sie Napoleon etwa in Deutschland einleitete.“[3] Nach der Niederschlagung des Pugatschow-Aufstandes hatte Katharina II., besorgt um die Erhaltung des Staates, in der berühmten „Schenkungsurkunde“ von 1785 die russischen Adligen vom obligatorischen Staatsdienst befreit und ihnen uneingeschränkte Rechte gegenüber ihren leibeigenen Bauern eingeräumt.

Damit vollzog sie die Freisetzung des Individuums nur innerhalb einer privilegierten Minderheit und zementierte derart den verhängnisvollen Dualismus zwischen dem Adel und dem Volk, der die nachfolgende russische Geschichte so schwerwiegend beeinflussen sollte.

Die in der europäischen Romantik vielfältig reflektierte Problematik der persönlichen und nationalen Identität knüpfte sich in Russland deshalb vor allem an die Entwicklung der Adelskultur.

Der Rückzug der russischen Truppen vom europäischen Kriegschauplatz nach der Niederlage der Verbündeten bei Austerlitz (1805), Jena und Auerstädt (1806) und die von Napoleon im Frieden von Tilsit erzwungene Blockade gegen England erzeugten in Russland zunächst allgemeine Resignation, eine Stimmung, die jedoch im Vaterländischen Krieg von 1812 alsbald in patriotische Begeisterung umschlug. In diesem Krieg bestand Russland eine Kraftprobe größten Ausmaßes. Die nach dem Sieg über Napoleon gehegten Hoffnungen auf soziale Reformen erfüllten sich jedoch nicht.

Die dumpfe Atmosphäre der europäischen Restaurationsepoche und die zunehmend repressive Innenpolitik Alexanders I. provozierten 1825 den von Petersburger Gardeoffizieren getragenen Dezemberaufstand, der ohne die Unterstützung breiter Volksmassen allerdings zum Scheitern verurteilt war.

Unter dem neuen Zaren Nikolaus I., der wie seine Vorgänger mit allen Mitteln den Status quo der immer noch ständisch organisierten russischen Gesellschaft zu erhalten suchte, verlagerte sich das geistige und kulturelle Leben von den adligen Salons und Offiziergesellschaften in die privaten Studierzirkel der Universitätsjugend.

[...]


[1] Grasshoff, H., Raab, H., Reissner E., Wegner M. „Russische Literatur im Überblick“, Leipzig 1974, S. 93

[2] Ebenda, S. 95

[3] Städtke, K., „Russische Romantik“, Berlin 1993, S. 15

Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638111065
ISBN (Buch)
9783638756075
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1803
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Deutsche Spache und Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Auswirkung Dichtung Philosophie Romantik Hauptsemenar Deutsche

Autor

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