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Rechtfertigte der sozial-ökonomische Hintergrund der „Zwölf Artikel“ die frühbürgerliche Revolution von 1525?

Hausarbeit 2006 10 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund bis zur Entstehung der „Zwölf Artikel“ 2-

3. Quellenkritik

4. Quelleninterpretation

5. Schluss

6. Bibliographie

1. Einleitung

Ende Februar 1525 formulierten oberschwäbische Bauern ein in zwölf Punkte gegliedertes Manifest, das dann in kürzester Zeit in ganz Süddeutschland vom Elsas bis nach Tirol einen unwahrscheinlichen Bekanntschaftsgrad erreichte. Den Bauernkrieg von 1525 hätte es in dieser Art ohne die „Zwölf Artikel“ nicht gegeben. Diese Artikel sollen in meiner Arbeit in Verbindung mit dem zeithistorischen Kontext interpretiert werden. Dabei soll untersucht werden, ob die zwölf Artikel die sozial-ökonomische Lage der Bauern widerspiegeln, welche Hoffnungen die Bauern in den Artikeln bündelten und ob die dort beschriebenen Missstände eine Revolution der Bauern rechtfertigen.

2. Historischer Hintergrund bis zur Entstehung der Zwölf Artikel

Die nicht privilegierte Bevölkerung verteilte sich im deutschen Lande auf die bis zum 16. Jahrhundert heranwachsenden Städte und auf den agrarischen Sektor. Zahlenmäßig standen die Städter in der Minderheit. Die größte Masse der Bevölkerung lebte auf dem Lande. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es ihrer etwa 80%1.

Nur eine Minderheit der Bauern durfte sich zu den uneingeschränkten Herren zählen. Die erdrückende Mehrheit musste sich mit den jeweiligen Grundeigentümern arrangieren: einerseits mit dem Niederadel, andererseits mit den ebenfalls über riesige Areale verfügenden geistlichen Herrscher. Das deutsche Volk war um das Jahr 1525 geprägt vom Verhältnis des Herrn zum Knecht und umgekehrt2. Die Grundherren hatten den Bauern, allgemein gesehen, eine Menge Verpflichtungen und nur sehr wenig Rechte zugesichert3.

Missernten während der Jahre 1500 bis 1503 und 1516 bis 1519 verschärften die Situation zusätzlich, denn die Grundherren versuchten vor allem zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die ihnen seitens der Bauern zu leistenden Dienste, noch weiter zu erhöhen. Das Maß bei den Bauern war voll und stand kurz vor’m Überlaufen.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatten sich im Westen des Reiches Bauern bereits unter dem Namen „Bundschuh“ zusammengerottet und rebellierten einige Male bis zum Jahre 1517 in der oberrheinischen Region. Als Vorläuferaufstand wäre noch der „arme Konrad“ zu erwähnen, der aber ebenfalls wie der „Bundschuh“ keine nennenswerten Erfolge zu verzeichnen hatte. Diesmal sollte alles anders kommen. 1525 brach in der Grafschaft Stühlingen bei Schaffhausen der erste Aufstand los und weitete sich alsbald wie ein Flächenbrand rheinabwärts, nach Westen ins Elsas hinein, nach Osten ins Schwäbische und von dort aus über das Allgäu bis in die Alpenländer. Begünstigt wurde der Aufruhr vor allem in den Regionen, in denen sich auf engem Raum Ritterschaften, niederadlige Sitze, Klöster Abteien und noch obendrein Städte und Reichsstädte wechselseitig bedrängten4. Als Beispiel wäre da besonders Oberschwaben zu nennen. Der Bauernkrieg ging weiter in Hegau über den Schwarzwald hinweg, in den Breisgau und die Ortenau bis nach Speyer und dehnte sich über Baden, wie über die Pfalz aus und fand ebenfalls viele Anhänger außerhalb der Bauern. So zählten zu der so genanten Erhebung des „Gemeinen Mannes“ ebenfalls verarmte Stadtbürger und Bergknappen. In folge bildeten sich aus den anfänglich kleineren örtlichen Gruppierungen drei Große Bauernhaufen: „der Allgäuer Haufen“, „Der Baltringer Haufen“ und „der Bodenseehaufen“, die sich wiederum am 6./7. März zu der „Christlichen Vereinigung“ aller Bauern zusammenschlossen5. Aus dieser gingen die „Zwölf Artikel“ hervor, die nun im nächsten Abschnitt näher untersucht werden.

3. Quellenkritik

Die Formulierung und Ausarbeitung der „Zwölf Artikel“ wurden vom Kürschnergesellen Sebastian Lotzer6 und dem Prediger Christoph Schappeler vorgenommen. Vermutlich stellte dabei Lotzer als Feldschreiber des Baltringer Haufens die Artikel zusammen7 und formulierte sie aus, während Schappeler die Präambel schrieb und die Artikel mit Bibelstellen aus dem Alten und Neuen Testament ergänzte. In den Artikeln selbst werden die Verfasser namentlich nicht genannt, da man 1. der möglichen Verfolgung Lotzers entgegenwirken wollte und 2. sollten sich die Artikel bewusst als gemeinsamer Wille und kollektive Äußerung aller beschwerdeführenden Untertanen nach Außen hin repräsentieren8.

Schappeler stand in enger persönlicher Beziehung zum Schweizer Reformator Huldrich Zwingli und war seit 1516 in Memmingen als Prediger tätig. Er gab der reformatorischen Bewegung in der oberschwäbischen Reichsstadt Memmingen9 entscheidende Impulse und fand mit seinen aufrührerischen Predigten enormen Zulauf bei der Bevölkerung10.

Mit großer Wahrscheinlichkeit sind die „Zwölf Artikel“ zwischen dem 28. Februar und dem 3. März in der schon erwähnten oberschwäbischen Reichsstadt Memmingen entstanden. Sie basierten zwar auf den Lokalbeschwerden der Baltringer Dörfer11, waren aber zum großen Teil auch für die Beschwerden der Dörfer aus anderen Regionen repräsentativ12. Neben den „Zwölf Artikel“, die ein norminativer Gesetzentwurf waren, wurde ein weiteres nicht minder wichtiges Dokument, die Bundesordnung verabschiedet, auf die sich alle Mitglieder der Bauernhaufen eidlich zu verpflichten hatten. Damit erzielte man den organisatorischen Zusammenschluss der drei Haufen: Baltringer, Allgäuer und Bodenseehaufen zu der „Christlichen Vereinigung“ der Bauernschaft13.

Kurz vor dem 20. März wurden die „Zwölf Artikel“ erstmals in Augsburg gedruckt. In den folgenden zwei Monaten erschienen 25 Drucke, was einer Auflage von 25 000 Exemplaren entsprach14. In kürzester Zeit erreichten die „Zwölf Artikel“ in ganz Süddeutschland vom Elsaß bis nach Tirol einen unwahrscheinlichen Bekanntheitsgrad15. Einer Fackel gleich zogen die „Zwölf Artikel“ mit ihren wirklichkeitsnahen und auf dem Evangelium basierenden Beschwerden tausende von Bauern hinter sich her und läuteten den Beginn der frühbürgerlichen Revolution ein.

4. Quelleninterpretation

Im folgenden Abschnitt, fasse ich die „Zwölf Artikel“ inhaltlich zusammen und werde sie im Zusammenhang mit der Fragestellung interpretieren.

Aus Artikel Eins geht hervor, dass die Bauern das Recht der freien Wahl und Absetzung ihrer Pfarrer verlangten. Sie wollten, dass in ihren Gemeinden das reine Evangelium ohne die Interpretation und Tradition der alten Kirche gelehrt wird. Dieses sei notwendig zur Selbstverwirklichung des Menschen, damit er durch den Glauben und die Gnade seine übernatürliche Vollendung erfährt, die ihm erst die Vereinigung mit Gott ermöglicht.

Die Einsetzung des Pfarrers von der Obrigkeit, war ein mächtiges Instrument, das nicht nur der Seelsorge, sonder auch der wirtschaftlichen Machtsteigerung und politischen Propaganda diente,16 und dies wollten die Bauern der alten Kirche und den Feudalherren entziehen. Wichtig ist bei diesem Artikel, dass der Pfarrer das reine Evangelium predigen sollte, um dem „Göttlichem Recht“ im sozialen Bereich Geltung zu verschaffen17. Durch eine dem Evangelium zugewandte Lebensform, sollten alle Missstände, die diesem nicht entsprechen, beseitigt werden.

[...]


1 Gebhard, Armin, Thomas Müntzer, Revolution statt Reformation, Eine Studie, Marburg 2004, S. 5.

2 Gebhard, Armin, Thomas Müntzer, Revolution statt Reformation, Eine Studie, Marburg 2004, S. 5.

3 Der Hauptteil dieser Arbeit konzentriert sich auf die Darstellung dieser Missstände. Ich werde deshalb zu diesem Zeitpunkt nicht weiter darauf eingehen.

4 Gebhard, Armin, Thomas Müntzer, Revolution statt Reformation, Eine Studie, Marburg 2004, S. 12.

5 http://www.historicum.net/themen/bauernkrieg/einfuehrung/, 22.08.2006, 22:53.

6 Lotzer war schon vor der Verfassung der zwölf Artikel mit einigen Flugschriften hervorgetreten. Sie zeichneten ihn als einen glühenden Anhänger der Reformation aus. Vgl.: Blickle, Peter, Der Bauernkrieg, Die Reformation des Gemeinen Mannes, 3. Auflage, München 2006, S. 20.

7 H. Böhmer hat Lotzer als Verfasser philologisch und historisch einwandfrei bewiesen.

8 Buszello, Horst: „Legitimation, Verlaufsformen und Ziele“ in Buszello, Horst (Hg.): Der deutsche Bauernkrieg, 3. bibliogr. erg. Aufl., Paderborn; München; Wien; Zürich, 1995, S. 282.

9 Ihm wird eine maßgebliche Beteiligung an der Durchsetzung einer öffentlichen Abstimmung in Memmingen zugesprochen. Memmingen wurde daraufhin zur ersten reformierten Reichsstadt erhoben. Vgl.: Blickle, Peter (Hg.), Von der Leibeigenschaft zu den Menschenrechten, Eine Geschichte der Freiheit in Deutschland, München 2003, S. 87f..

10 Hamm, Joachim, Servilia bella, Bilder vom deutschen Bauernkrieg in neulateinischen Dichtungen des 16. Jahrhunderts, Wiesbaden, 2001, S. 22.

11 Franz, Günter: „Die Entstehung der Zwölf Artikel“ in Blickle, Peter (Hg.): Der deutsche Bauernkrieg von 1525, Göttingen 1985, S. 25.

12 Buszello, Horst: „Legitimation, Verlaufsformen und Ziele“ in Buszello, Horst (Hg.): Der deutsche Bauernkrieg, 3. bibliogr. erg. Aufl., Paderborn; München; Wien; Zürich, 1995, S. 282.

13 Blickle, Peter, Der Bauernkrieg, Die Reformation des Gemeinen Mannes, 3. Auflage, München 2006, S. 23.

14 Blickle, Peter, Die Revolution von 1525, 2. Auf., Oldenburg 1981, S. 24.

15 Gebhard, Armin, Thomas Müntzer, Revolution statt Reformation, Eine Studie, Marburg 2004, S. 9.

16 Blickle, Peter, Die Revolution von 1525, 2. Auf., Oldenburg 1981, S. 28.

17 Blickle, Peter, Die Revolution von 1525, 2. Auf., Oldenburg 1981, S. 28.

Details

Seiten
10
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656028284
ISBN (Buch)
9783656028208
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180270
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
2.3
Schlagworte
Bauernrevolution Peter Blickle Bauernkrieg Zwölf Artikel Dritter Stand Bürger Bauer

Autor

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