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Zapping - Werbung als ein Grund für Fernsehzuschauer umzuschalten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 32 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Historische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Zappings
1.1 Gesellschaftliche Entwicklungen in der Erlebnis- und Informationsgesellschaft
1.2 Fernsehwerbung als Ausdruck der Erlebnis- und Informationsgesellschaft
1.3 Resümee

2. Begriffliche Grundlagen - selektive Formen des Umgangs mit Fernsehen

3. Zappingforschung - Möglichkeiten, Grenzen und Forschungsergebnisse der Werbevermeidung
3.1 Zappingergebnisse nach differenzierten Einflussfaktoren

4. Motivationale Aspekte und Gründe des Zappings
4.1 Bedeutung von Werbeeinstellungen für das selektive Vermeiden von Fernsehwerbung

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit der rasanten Verbreitung des Programmangebotes nach der Zulassung des privaten Fernsehens hat sich die deutsche Fernsehlandschaft in der Erlebnis- und Informationsgesellschaft grundlegend geändert. Das Fernsehen ist lauter, bunter, schneller, aber auch unübersichtlicher geworden. Situationen wie im vorangegangenen Zitat, sind keine Seltenheit mehr, denn auch Sendeformate und Programmpräsentationen haben an Vielfalt gewonnen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, das oft in den Medien diskutierte Thema des Zappings in seinen heutigen Erscheinungsformen zu verstehen und das selektive Zuschauerverhalten vielschichtig zu charakterisieren. Dabei stellt sich die Frage, in welchem Umfang die vielbeschworene Werbevermeidung durch gezielten Programmwechsel in unseren Alltag Einzug gehalten hat.

Zunächst sollen diesbezüglich im ersten Kapitel gesellschaftliche und werbespezifische Entwicklungstendenzen der vergangenen 25 Jahre reflektiert werden. Dabei wird man schnell auf den Begriff der Werbeumgehung aufmerksam, der wiederum untrennbar mit dem Begriff „Zapping“ verbunden ist. Da es hierfür jedoch teilweise gegensätzliche Definitionen gibt, werden im zweiten Gliederungspunkt als Grundlage dieser Arbeit die wichtigsten Begriffe erläutert. Anschließend geht es in den beiden folgenden Abschnitten um die Frage, von welchen speziellen Faktoren das selektive Zuschauerverhalten determiniert wird. Kapitel 3 gibt einen kurzen Überblick über die methodischen Möglichkeiten der Zappingforschung, sowie deren Vor- und Nachteile. Dieser Abschnitt fasst indes die bisherigen Befunde zum Ausmaß dieses Phänomens hinsichtlich einzelner Einflussvariablen zusammen. Da sowohl verschiedene Verhaltensmuster der Zuschauer als auch differierende Zappingmotive erkennbar sind, werden in Gliederungspunkt 4 die psychologischen Ursachen des Zappings als wichtige abhängige Variable für das selektive TV-Verhalten eingeführt. Das fünfte Kapitel verknüpft zusammenfassend die einzelnen Themen dieser Seminararbeit und dient insbesondere dazu, einen anderen Blickwinkel auf das Thema Zapping zu erörtern.

1. Historische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Zappings

Werbung ist längst zum integralen Bestandteil des modernen Alltagslebens und zu einem wichtigen Faktor des gesamtwirtschaftlichen Systems geworden. Das Medium Fernsehen hat dabei in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren die höchsten Steigerungsraten bei den Werbeinvestitionen vorzuweisen und ist mittlerweile zu dem bedeutendsten Werbeträger avanciert, vor allem begünstig durch die sich diversifizierende Senderlandschaft nach der Einführung des privaten Fernsehens in Deutschland. Fernsehsystem, Fernsehnutzung, Fernsehangebot und auch die Gesellschaft, in der ferngesehen wird, haben sich geändert. Dabei wird in der Literatur das Verhältnis von Werbung und Gesellschaft aus zwei gegensätzlichen Perspektiven untersucht. Im Rahmen der Werbewirkungsforschung liegt der Fokus auf der Frage, inwieweit die Werbung gesellschaftliche Veränderungen hervorrufen kann. Demgegenüber kann der Einfluss der Gesellschaft auf Form und Inhalt von Fernsehwerbung analysiert werden. Hierbei stellen sich auch im Folgenden die Fragen: Erkennen die Werbenden überhaupt die aktuellen Werte und Bedürfnisse der Gesellschaft, um sie dann möglichst realistisch in der Fernsehwerbung umzusetzen? Spiegelt die Werbung auch tatsächlich die Gesellschaft wider, oder hält sie nur an Stereotypen und Rollenklischees fest?

1.1 Gesellschaftliche Entwicklungen in der Erlebnis- und Informationsgesellschaft

Mit der gesellschaftlichen Entwicklung in den 90er Jahren ging immer der von Gerhard Schulze als Buchtitel gewählte Terminus "Erlebnisgesellschaft“ einher. Der Kultursoziologe stützt sich mit seinem Gesellschaftsverständnis auf den Prozess der zunehmenden Individualisierung, der von dem Soziologen Ulrich Beck seit Ende der 80er Jahre popularisiert worden ist. Modernisierung nach Beck wird als „Enttraditionalisierung und Individualisierung“1 begriffen. Komplettiert wird das Charakteristikum dieses in den 90er Jahren vorherrschenden Gesellschaftstyps durch die Ästhetisierung des Alltagslebens, sowie der wachsenden Vielfalt der Erlebnismöglichkeiten. Diese Entwicklung spiegelt gemeinhin bekannte Aspekte des sozialen Wandels moderner Industriegesellschaften wider, gekennzeichnet durch die Pluralisierung der Lebensformen, die Zunahme individueller Lebensentwürfe, die Aufsplittung individueller sozialer Gruppen, das Verschwinden alter Klassengegensätze und das Zerfallen traditioneller Lebensarten. Eine Ausdifferenzierung der Lebensstile geht unmittelbar mit der beschriebenen Individualisierung einher. Die zunehmenden Bedürfnisse nach Erlebnissen und Selbstinszenierungen sowie die Vervielfachung der Möglichkeiten zu deren Befriedigung führen zu einer Vielfalt von Konsum-, Lebens- und Handlungsstilen.

Der Alltag der Menschen wird immer stärker durch Trends geprägt, die Wahl eines Angebots folgt weniger zweckrationalen Motiven als vielmehr ästhetischen Impulsen. Man sucht permanent nach Abwechslung und einer hohen Erlebnisintensität, womit zwangsläufig eine „Kommunikationsverarmung“ verbunden ist. Gleichzeitig ist der Konsument kritischer und anspruchsvoller geworden. Durch die Komplexität der Lebensverhältnisse und dem Aufschwung der Kultur- und Freizeitindustrie findet eine Verlagerung von der Erfüllung der Primär- auf Sekundärbedürfnisse statt.

Gleichzeitig ist Deutschland bei der Entwicklung zu einer Informationsgesellschaft weit fortgeschritten, insbesondere verstärken die damit in Verbindung stehenden Möglichkeiten, wie beispielsweise Handy oder Internet, die Tendenzen der Individualisierung. So waren im Jahr 2003 mit 34,4 Millionen Menschen „erstmals mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren online“2 wie eine ARD/ZDF-Online-Studie (Abbildung 1, Anhang Seite 15) bewies. Die Informationsgesellschaft ermöglicht es jedem einzelnen, sich nun seine Informationsmittel und - wege selbst auszusuchen, er ist nicht wie noch vor ein paar Jahren auf das Fernsehen als alleiniges Informationsmedium angewiesen. Ihm stehen zum Fernsehangebot Alternativen zur Auswahl: Filme auf VHS-Kassetten, CD-ROM oder DVD ermöglichen es fernzusehen, ohne Herrn Kaiser von der Hamburg Mannheimer, Klaus Hipp, Meister Proper oder Dr. Best zu begegnen. Die Medien, besonders die Fernsehwerbung ist dabei gezwungen zu reagieren, wenngleich sie zu einem immer größer werdenden Teil der Gesellschaftskommunikation und zum Erlebnisangebot gehört. Sicherlich liegt es in der Macht der Werbung, Trends zu verstärken, abzuschwächen oder in ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit zu beeinflussen, aber die Möglichkeiten der Steuerung sind nun mal limitiert.

1.2 Fernsehwerbung als Ausdruck der Erlebnis- und Informationsgesellschaft

Das Fernsehen wurde als Werbeträger in Deutschland schon in den 50 Jahren entdeckt. Doch erst 1984 mit Beginn des dualen Rundfunksystems, das heißt, dem gleichzeitigen Bestehen von privatem und öffentlich-rechtlichem Rundfunk, entwickelte sich TV-Werbung zu dem bedeutenden Wirtschaftssektor, der sie heute ist. Die Etablierung der auf Werbefinanzierung angewiesenen Privatsender brachte auch eine drastische Ausweitung der Fernsehwerbung mit sich. So wurden im Jahr 1998 durch die elf national verbreiteten Sender ARD 1, ZDF, RTL, SAT.1, Pro Sieben, RTL 2, Kabel 1, Super RTL, VOX, DSF und n-tv zusammen über 1,8 Millionen Fernsehwerbespots ausgestrahlt. Dies entsprach einer 144-prozentigen Steigerung gegenüber dem Jahr 1993, in dem gerade einmal 0,7 Millionen Spots gesendet wurden3. Die Gesamtdauer der Werbung erhöht sich damit von 15 auf 31 Stunden pro Tag. Die Werbemacher bemühen sich hierbei insbesondere, aktuelle Trends, Bedürfnisse und Wünsche der Erlebnisgesellschaft in die Gestaltung der Fernsehwerbespots einzubeziehen. Im Mittelpunkt steht der Konsument selbst, sein Inneres, seine Erfahrungs- und Gefühlswelt. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Vereinzelung, erkennbar an der Zunahme von Ein-Personen- Haushalten, spielen neue Formen der Gesellschaft in der Fernsehwerbung eine wichtige Rolle. Der Trend geht zur Gruppendifferenzierung. Vertraute Gruppen werden zunehmend in Teilgruppen aufgelöst, wie beispielsweise „Die neuen Alten“4, die als am konsumerfahrensten und anspruchsvollsten gelten. Auffallend dominant ist in den Jahren 1990 bis 2000 der Trend zu „erlebnishafter Werbung“5 ; Werbefernsehen wird als eine Art „Produzent von Erlebniswelten“6 verstanden. Die bevorzugten Werbestile im TV sind erlebnisorientiert, emotional, weniger investigativ oder humorvoll.

Aufgrund des reichhaltigen Güterangebots, den wachsenden Informationsmengen und neuen Orientierungsmöglichkeiten der Konsumenten, versuchen die Hersteller und Fernsehsender eher Images aufzubauen und Markennamen zu bewerben, die mit alltagsästhetischen Schemata korrespondieren sollen. Das Produkt selbst spielt dabei eine Nebenrolle und muss nur noch kompatibel sein mit dem, was der Markenname bedeutet. Aus einfachen Gebrauchsgütern werden immer häufiger Erlebnisgüter, um dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Erlebnissen gerecht zu werden. Dabei versuchen die Experten bereits elementaren Erzeugnissen in Kombination mit kommunikativen und emotionalen Zusatznutzen eine Markenidentität zu schaffen. Bestes Beispiel ist hierbei das Kinder-Überraschungs-Ei, das gleichzeitig „Spiel, Spaß, Spannung und Schokolade“7 verspricht.

Durch das Zeitalter der Informationsgesellschaft bieten sich der Fernsehwerbung wie oben beschrieben gleichermaßen neue technische, inhaltliche und gesellschaftliche Möglichkeiten. Wenn ein Zuschauer unterhalten werden will, dann ist die Werbung letztlich gezwungen, dem Rezipienten trotz Erlebnisorientiertheit, Genuss und Spaß, qualitativ hochwertige Angebote zu unterbreiten. Folglich muss dadurch die Qualität der Werbespots steigen, denn wer die Wahl hat, wählt Qualität. Insbesondere der kommunikative Aspekt der Werbebotschaften ist in den Vordergrund des Interesses gerückt. Durch die Pluralisierung der Lebensformen und die Vielfalt der Konsum-, Lebens- und Handlungsstile ist Verständlichkeit ein wichtiger Faktor um wirklich viele Menschen zu erreichen. Erklärungen, Begründungen, Zusammenhänge, Schlussfolgerungen und Argumente erhalten Einzug in die TV-Spots.

1.3 Resümee

Die einleitend als Frage formulierten Anforderungen der Werbung bezüglich ihrer Rolle als Spiegel der Gesellschaft kann wie folgt zusammengefasst werden: Fernsehwerbung reagiert größtenteils auf Werte und Bedürfnisse einer neuen „erlebnisorientierten“ Gesellschaft, greift dies im Werbespot, wenn auch nur für einzelne Zielgruppen, auf, um so der Pluralisierung der Lebensformen teilweise gerecht zu werden. Produzenten haben erkannt, dass neue, nachrückende Generationen aufgrund einer sich schnell ändernden Gesellschaft durch die Individualisierung in ihren Bedürfnissen nicht mehr mit den Generationen zuvor zu vergleichen sind. Dies kann auch durch die anfangs erläuterte Gegenperspektive bestätigt werden, denn die Begriffliche Grundlagen - selektive Formen des Umgangs mit Fernsehen Folgen für die Gesellschaft zeigen sich in dem Bedürfnis nach einer immer ästhetischeren Kommunikationskultur. Sie gilt wie beschrieben als wichtiges Charakteristikum der Erlebnisgesellschaft. Nicht mehr das einfache Konsumieren steht im Vordergrund, sondern das gewollte Aufnehmen von Informationen und damit die Einbindung des Individuums in gesellschaftliche Prozesse via Medien. Dies betrifft nicht nur aktuelle Entwicklungen und kurzfristige Trends, sondern im Zuge der Informationsgesellschaft auch langfristige Orientierungen an gesellschaftlichen Zielen.

Fest steht, dass insbesondere die Werbung und ihre Verantwortlichen auf die Motivation und das Verhalten von Einzelpersonen einwirken und somit letztlich auf den gesellschaftlichen Wertewandel Einfluss nehmen, ohne dabei Stereotypen oder Rollenklischees zu verfallen. In dem Maße, in dem die Werbung im Fernsehen jedoch in der Vergangenheit gewachsen ist, wuchsen auch Kritik und Verdruss an ihr, ausgelöst durch die zunehmende Zerstückelung des Programms der Privatsender, das immer häufiger durch Werbeeinblendungen unterbrochen wurde. Bei dem herrschenden Boom im TV-Angebot - inklusive Werbespots - ist es nicht verwunderlich, dass sich mit der Verbreitung der Fernbedienung in den 80er Jahren gleichzeitig auch ein neues Nutzerverhalten herauskristallisiert, nämlich das häufige Wechseln des Programms, das Zapping.

2. Begriffliche Grundlagen - selektive Formen des Umgangs mit Fernsehen

Das Phänomen der Werbevermeidung ist unter dem Begriff „Zapping“ bis in die Alltagssprache vorgedrungen und mittlerweile einer der populärsten Begriffe um den selektiven Umgang mit dem Medium Fernsehen zu beschreiben. Ursprünglich stammt der lautmalerische Ausdruck „zap“ aus dem amerikanischen Comicstrip-Bereich; dort wurde mit diesem Term ein Geräusch einer Stahlpistole umschrieben, wenn man eine unliebsame Person verschwinden lassen wollte. Übertragen auf die Television bezeichnet das Zapping „das Hin- und Herschalten zwischen den Fernsehkanälen mit dem Ziel, den Werbeeinblendungen auszuweichen.“8 Es bezieht sich gemeinhin auf die Vermeidung von Werbespots oder „Werbeinseln“, die nach § 7 Abs. 3 Rundfunkstaatsvertrag (RStV) durch optische oder akustische Mittel deutlich von redaktionellen Programmteilen getrennt werden müssen. Heute werden verschiedene Formen der Vermeidung von Werbung diskutiert. Zum einen handelt es sich um ein aktives Vermeiden von Fernsehwerbung, zum anderen können auch passive Vermeidungsstrategien wie z.B. das Verlassen des Raumes unterschieden werden.

Das Umgehen von TV-Werbewahrnehmung kann nach Meinung des Medienforschers Raphael Rossmann, wie auch in Abbildung 2 (Anhang Seite 16) dargestellt ist, auf drei Arten geschehen9:

Begriffliche Grundlagen - selektive Formen des Umgangs mit Fernsehen

- Psychisches Zapping (geistige Abwesenheit): während des Werbeblocks wird dem Fernseher keine oder nur begrenzte Aufmerksamkeit entgegengebracht. Meist besteht keine visuelle Orientierung zum Bildschirm. Die Zeit wird für Nebentätigkeiten wie Essen, Lesen, Gespräche oder Tätigkeiten im Haushalt genutzt.
- Physisches Zapping (physische Abwesenheit): Damit wird das Verlassen des Raumes während des Werbeblocks bezeichnet, durch das ein Kontakt mit Werbung vermieden wird.
- Mechanisches Zapping: Entspricht der engsten Definition von Zapping. Ein Werbeblock wird dadurch vermieden, dass mit Hilfe der Fernbedienung oder eines Programmwahlknopfes am Fernseher das Programm gewechselt wird, um ein alternatives, redaktionelles Programm zu sehen.

Eine weitere grundsätzliche Möglichkeit, Fernsehwerbung zu unterbinden, sieht der Medien- und Kommunikationssoziologie Prof. Dr. Michael Jäckel im generellen Verzicht auf Fernsehen, was konsequenterweise in den breiten Definitionsansatz miteinzubeziehen ist. Der adversative Begriff zu Zapping ist Sticking. Darunter versteht man das aufmerksame Verfolgen der Inhalte eines Kanals, auch während der Werbeblöcke.

Neben dem Zapping-Begriff haben weitere Termini Eingang in die Diskussion im Zusammenhang mit dem selektiven Fernsehverhalten gefunden. Die Zuschauer verhalten sich nicht nur bei der Werbung, sondern auch im Programm selektiv. In der Literatur werden im Wesentlichen die Begriffe Switching, Flipping und Channel Hopping angeführt. Unter dem Begriff „Switching“, oder synonym „Grazing“, versteht man den Selektionsvorgang im laufenden Programm, mit dem Ziel, ein noch besseres Fernsehprogramm als das gerade gesehene zu finden. Abhängig davon wie dabei die Fernbedienung eingesetzt wird, kann man das so genannte „Jumping“, als Springen zwischen den Programmen mittels der Programmwahltasten, oder „Arrowing“, Durchschalten mittels der „Rauf- und Runtertasten“, unterscheiden. Wenn sich die Beobachter zu Beginn oder während des Fernsehkonsums einen Überblick über das Programmangebot verschaffen möchten, wird von „Flipping“ gesprochen. Dadurch, dass ein Zuschauer das aktuelle Programmangebot durch häufige „Programm-in-Programm-Selektion10 “ evaluiert, wird teilweise die Planung der Rezeption mit Hilfe einer Programmzeitschrift ersetzt. Das „Channel Hopping“ schließlich umschreibt Umschaltvorgänge im laufenden Programm, die dem Zweck dienen, durch gezieltes Hin- und Herschalten mehr als eine Sendung gleichzeitig zu verfolgen.

Zusammenfassend ist festzuhalten: Fernsehzuschauer sind, wie es diese Begriffe beschreiben, durch individuellen, selektiven Umgang mit dem Medium gekennzeichnet. Werbung wird vermieden, Sendungen werden verlassen und neue, bessere Sendungen durch Umschaltungen gesucht. Doch wie kann solches Verhalten empirisch erfasst werden? Und welche Erkenntnisse ergeben sich daraus über das Zappingverhalten der Bürger?

3. Zappingforschung - Möglichkeiten, Grenzen und Forschungsergebnisse der Werbevermeidung

Die im Anhang auf Seite 17 abgebildete Tabelle (Abbildung 3) gibt einen grundlegenden Überblick über das aktuelle Instrumentarium der Zappingforschung. Methodisch kommen Befragung und Beobachtung in Betracht. Bei der erstgenannten Methode handelt es sich um eine einmalige Selbstauskunft der Befragten über deren Sehverhalten, meist mittels Fragebogenerhebungen oder Telefonauskunft. In der Literatur spricht man auch von „self- report“11. Hierbei können gezielte Informationen über Motive und Ziele des Zappings und Rezeptionsprobleme12 ermittelt werden. Die grundsätzliche Problematik besteht allgemein darin, dass aufgrund mangelnden Erinnerungsvermögens nicht das tatsächliche, sondern nur das verbal-wiedergegebene Sehverhalten erfasst wird und nach Simon Ottler „TV-Verhalten auch häufig vom Phänomen der sozialen Erwünschtheit geprägt“13 ist. Im experimentellen Design, also der Laborsituation, ist insbesondere die externe Validität ein großer Kritikpunkt, d.h. künstliche Testsituationen sollen reales Fernsehverhalten erklären. Um tatsächliches Mediennutzungsverhalten zu erfassen, wird im Rahmen der Beobachtung auf grundsätzlich zwei verschiedene Verfahren zurückgegriffen, die beide im Feld oder unter experimentellen Bedingungen durchgeführt werden können: „Klassische“ Beobachtung und telemetrische Messverfahren. Durch Erstgenanntes können praktisch alle Formen des selektiven TV- Verhaltens (psychische, physisches und mechanisches Zapping) erfasst werden, ist jedoch mit hohem finanziellen, personellen und organisatorischen Aufwand und eingeschränkter externer Validität verbunden. Die am häufigsten eingesetzte Telemetrie hingegen ist ein Meßverfahren, bei dem alle Fernsehgeräte, Videorekorder und Satelliten-Receiver eines Haushaltes an einen Mikrocomputer angeschlossen werden, der alle Ein-, Aus- und Umschaltvorgänge sekundengenau erfassen kann. Zurzeit werden 5200 repräsentativ ausgewählte Haushalte14 in Deutschland auf diese Art und Weise „beobachtet“: Über so genannte „Personentasten“15 müssen sich die in den Panelhaushalten lebenden Personen an- und abmelden, wenn sie fernsehen. Die Tasten sind verknüpft mit soziodemographischen Daten wie z.B. Alter und Geschlecht, um die individuelle Fernsehnutzung und gegebenenfalls Werbevermeidung zu messen. Sie zählt als exakte Erhebungsmethode und ist durch eine zeitnahe Auswertung sowie durch einen geringen Anforderungsaufwand an die Teilnehmer gekennzeichnet. Zentrale Nachteile werden in der Kostenintensität und Nichterfassung von Nebenbeschäftigungen der Probanten gesehen. Für einen vollständigen Überblick über die Vor- und Nachteile der beiden zentralen Erhebungsmethoden Befragung und Beobachtung sei an dieser Stelle jedoch auf Abbildung 4 im Anhang auf Seite 18 verwiesen.

[...]


1 vgl. Beck, U. / Vossenkuhl, W. / Erdmann Ziegler, U. (1995), S. 15.

2 [Online Dokument]: http://www.bmbf.de/pub/aktionsprogramm_informationsgesellschaft_2006.pdf, S. 13.

3 Hofsümmer, K.-H. / Müller, D. (1999). Media Perspektiven Heft 6, S.296

4 Borgmann, A. (1999), S.75. In: Friedrichsen, M. / Jenzowsky, S. (Hrsg.).

5 A.a.O., S.79.

6 Ebenda.

7 www.slogans.de

8 Ottler, S. (1998), S.88.

9 Rossmann, R. (2000), S.13. Da es als eine Art Abbildung aufgefasst wird, wurde es daher direkt übernommen.

10 Gehrau, V. (1999), S.150. In: Friedrichsen, M. / Jenzowsky, S. (Hrsg.).

11 Rossmann, R. (2000), S.20.

12 Wie störend wird etwa die Unterbrechung der Rezeption durch Werbung empfunden?

13 Ottler, S. (1998), S.93.

14 vgl. Rossmann, R. (2000), S.22.

15 Schenk, M. / Ottler, S. (2004), S.121. In: Friedrichsen, M. / Friedrichsen, S. (Hrsg.).

Details

Seiten
32
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656027768
ISBN (Buch)
9783656028178
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180210
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Schlagworte
zapping werbung grund fernsehzuschauer

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Titel: Zapping - Werbung als ein Grund für Fernsehzuschauer umzuschalten