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Zur Rolle des Körpers in der weiblichen Adoleszenz

Ausgewählte Essstörungen als kritische Körperstrategie auf der Suche nach weiblicher Identität

Seminararbeit 2011 29 Seiten

Frauenstudien / Gender-Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Interesse an der Thematik

2. Allgemeine Einführung in die Adoleszenz
2.1. Somatische und psychische Veränderungen im Zuge der Adoleszenz: Pubertät
2.2. Exkurs: Männlichkeit und Weiblichkeit als gesellschaftliche Konstrukte?

3. Merkmale weiblicher Körperaneignung und Identitätsbildung in der Adoleszenz
3.1. Sozialisation und Körperaneignung junger Frauen
3.2. Körpergefühl und Selbstbild: Schwierigkeiten bei der Aneignung des weiblichen Körpers

4. Kritische Körperstrategie – Essstörungen
4.1. Häufige Formen von Essstörungen
4.1.1. Anorexia nervosa
4.1.2. Bulimia nervosa
4.2. Erklärungsansätze und Risikofaktoren für die Entstehung von Essstörungen
4.2.1. Mögliche Einflussfaktoren auf die Selbstwahrnehmung und Körperaneignung junger Frauen
4.2.1.1. Familiendynamische Betrachtungsweise
4.2.1.2. Gesellschaftliche und soziokulturelle Betrachtungsweise

5. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung – Interesse an der Thematik

„Es scheinen sich also in der Zeit der zunehmenden modischen Entblößung ein neues Bewusstsein und eine neue Moral durchzusetzen, und zwar jene, dass nicht Kleider, sondern ‚Körper Leute machen’“

(Penz 2001 zit. n. Zitt 2008).

Schön, schlank, fit und gesund – unter anderem sind dies wesentliche Eigenschaften, die Individuen in der modernen westlichen Industriegesellschaft zu erfolgreichen Männern und Frauen werden lassen. „Durch das Breitbandspektrum der Multi – Medien sind [zudem] die Darstellungsmöglichkeiten des Körpers enorm gewachsen“ (Lischka 2000, S.14), was dazu führt, dass wir uns bestimmten Vorgaben des weiblichen und männlichen Körpers nicht entziehen können. Besonders der weibliche Körper wird häufig ins Zentrum der Betrachtung gestellt: Jung, schlank und androgyn soll er gemäß dem gängigen Ideal von Schönheit sein. Doch sind gesellschaftlich akzeptierte Normierungen und Schönheitsvorstellungen, unter Berücksichtigung der möglichen negativen gesundheitlichen Folgen, tatsächlich so wünschenswert, wie sie dargestellt werden und wie beeinflussen diese die Heranwachsenden auf der Suche nach ihrer Identität? In hoch industrialisierten Gesellschaften „lässt sich ein immer rigider werdendes Schönheitsdiktat beobachten, dessen Normen großteils nur noch mit gesundheitlichen Schäden erfüllt werden kann (!). So sorgen sich bereits Kinder um Gewicht und Aussehen und versuchen die Nahrungsmenge einzuschränken“ (Zitt 2008, S.183). Essstörungen, wie beispielsweise Anorexie oder Bulimie, können unter anderem die Folge sein. Sie haben nach aktuellem Forschungsstand in den letzten Jahren auffällig zugenommen. Zwar lassen sich entsprechende Symptome immer häufiger auch bei jungen Männern beobachten, dennoch scheinen vor allem Frauen von diesem Phänomen betroffen zu sein. Dies lässt vermuten, dass gesellschaftliche, familiäre und persönlichkeitsspezifische (Struktur-) Bedingungen Knaben und Mädchen in unterschiedlichem Maße „dazu veranlassen, Essstörungen in Zusammenhang mit der Suche nach Identität zu entwickeln“ (Stahr et al. 2010, S.7f.). Das Zusammenwirken diverser gesellschaftlicher, biologischer oder psychischer Faktoren kann also dazu führen, dass sich besonders Mädchen auf der Suche nach ihrer Identität in ihren Essgewohnheiten beeinflussen lassen, um den Körper nach sozial erwünschten Vorstellungen zu formen. Dieser scheint besonders in der Zeit der Adoleszenz in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen und Bemühungen zu rücken. „Nach Forschungen zur weiblichen Adoleszenz ist es normal, wenn Mädchen sich exzessiv mit dem eigenen Körper beschäftigen und Schwierigkeiten beim Ablösungs- und Individuationsprozeß (!) haben“ (Flaake / King 2003, S.241). Mädchen versuchen in dieser Zeit den Anforderungen der Gesellschaft gerecht zu werden, sie müssen lernen, den eigenen Körper zu akzeptieren – dies mag jedoch nicht immer problemlos verlaufen. „Die soziokulturellen Einflüsse auf das Körperbewußtsein (!) sehen [dabei] bei jungen Frauen […] ganz anders aus als bei jungen Männern“ (ebd. 2003, S.243). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher ausschließlich mit den Entwicklungsverläufen und (kritischen) Körperstrategien von jungen Frauen auf der Suche nach ihrer Identität. „Nach Clausen […] hat die Figur einer jungen Frau direkten Einfluß (!) auf ihre Erfolgschancen, ihr Prestige und ihre Beziehungen […]. Die Gesellschaft belohnt […] Mädchen hauptsächlich fürs Schlanksein!“ (ebd., S.243f.). „Eßstörungen (!) sind [daher] keineswegs ein rein individuelles Problem, sondern untrennbar mit spezifischen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen verbunden und […] ein soziosomatisches Phänomen “ (Gugutzer 2004, S.323). In der vorliegenden Arbeit wird daher ein Augenmerk auf den Einfluss gesellschaftlicher Erwartungshaltungen auf die Selbst- und Körperwahrnehmung junger Frauen sowie auf dessen Rolle bei der Entwicklung von Essstörungen als kritische Körperstrategie in der weiblichen Adoleszenz gelegt. Nach einer Einführung in die (weibliche) Adoleszenz sollen somit generelle Schwierigkeiten bei der Körperaneignung aufgezeigt werden, um in weiterer Folge das Thema Essstörungen anhand seiner Einfluss- und Risikofaktoren zu diskutieren. Auf diese Weise wird verdeutlicht, welche Rolle der Körper in der weiblichen Adoleszenz spielt und welche negativen Auswirkungen und Belastungen – in Form von diversen Essstörungen – gesellschaftliche Normierungs- und Gestaltungsprozesse bei der weiblichen Identitätsbildung nach sich ziehen können, was Hans – Peter Dreitzel (1972) mit folgenden Worten treffend zum Ausdruck bringt:

„[Essstörungen symbolisieren] die gesellschaftlichen Leiden und das Leiden an der Gesellschaft“

(Dreitzel 1972 zit. n. Gugutzer 2004, S.351).

2. Allgemeine Einführung in die Adoleszenz

Dieses Kapitel soll primär der Klärung wichtiger Grundlagen rund um das Thema Adoleszenz beziehungsweise Pubertät[1] und Geschlechtlichkeit dienen, um im weiteren Verlauf der Arbeit die Bedeutung des Körpers als Identitätsmedium, unter spezieller Berücksichtigung der Ausbildung von Essstörungen, genauer betrachten zu können.

2.1. Somatische und psychische Veränderungen im Zuge der Adoleszenz: Pubertät

„Der Jugendliche ist gleichzeitig im stärksten Maße egoistisch, betrachtet sich selbst als den Mittelpunkt der Welt, auf den das ganze eigene Interesse konzentriert ist, und ist doch wie nie mehr im späteren Leben opferfähig und zur Hingabe bereit“ (A. Freud 1936 zit. n. King 2004, S.177).

In der Pubertät steht vor allem der Körper im Mittelpunkt der Betrachtung, da er zum einen vielfältigen „aufdringlichen“ Veränderungen unterworfen ist und zum anderen ein wichtiges Identitätsmedium und einen Austragungsort der „Herstellung von Geschlechterbedeutungen“ (King 2004, S.160) darstellt. „Wer bin ich? Wer will ich sein?“ oder „Dieses Ding hier soll mein Leib sein?“ (ebd. 2004, S.172), solche oder ähnliche Fragen stellen sich Jugendliche in dieser Zeit des körperlichen Wandels verstärkt. „Und die kulturelle Umgebung antwortet mit entsprechenden Codes: das ist dein Körper, der dies und jenes bedeutet und damit bist du Frau oder Mann geworden“ (ebd. 2004, S.172). Auf diese Weise werden in den Körper Geschlechterbedeutungen eingeschrieben. „Die somatischen Entwicklungs- und Reifungsvorgänge in der Pubertät werden hormonell gesteuert […], sind aber nicht unbeeinflußt (!) von sozioökonomischen und kulturellen Faktoren“ (Kolip 1997, S.81). Soziale Schicht, Familiengröße, sportliche Betätigung, wie zum Beispiel Leistungssport, Jahreszeit – all das kann den zeitlichen Verlauf der Pubertät beeinflussen. Bei Mädchen lässt sich generell ein somatischer Entwicklungsvorsprung von zwei Jahren gegenüber den Jungen beobachten. „Im Alter von 10 Jahren setzt bei den Mädchen der Wachstumsschub ein, der im Alter von 12 Jahren mit 9 cm / Jahr seinen Höhepunkt erreicht und bis zum 15. Lebensjahr auf nahezu Null herabsinkt […]. Bei den Jungen beginnt der Wachstumsschub zwei Jahre später und erreicht mit etwa 10 cm / Jahr im Alter von 14 Jahren seinen Gipfel“ (ebd.1997, S.82f.). Primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale entwickeln sich bei den Jugendlichen parallel zum Längenwachstum. Mädchen bekommen ihre erste Regelblutung, auch Menarche genannt, durchschnittlich im Alter von 13 Jahren, was jedoch unter anderem stark vom Körperfettanteil abhängig ist. Bei Knaben liegt das durchschnittliche Alter der ersten Ejakulation zwischen dem 9. und 15. Lebensjahr. „Insgesamt ist die Pubertät in einem Zeitraum von 5 bis 7 Jahren durch starke körperliche Veränderungen gekennzeichnet“ (ebd.1997, S.86). Mädchen und Jungen werden zeugungsfähig – ihr Körper verändert sich maßgeblich und eine Lebensphase (Kindheit) geht zu Ende, während eine neue (Erwachsenenalter) allmählich beginnt. Doch die Zeit der Adoleszenz wird nicht nur durch somatische Veränderungen charakterisiert, sondern auch psychische und psychosoziale Umgestaltungen begleiten Jugendliche auf ihrer Suche nach Geschlechtsidentität und Subjektwerdung. Themen wie Liebe, Sexualität, Körperlichkeit, Menstruation und Schwangerschaft gewinnen besonders für Mädchen an Brisanz, wecken ihr Interesse am eigenen Körper und gehen mit einer Reihe von Verunsicherungen und Krisen, beziehungsweise mit einer „Identitätsverwirrung“, wie es Erikson (1970) formuliert, oder einer „Adoleszenzkrise“[2], wie es King (2004) benennt, einher (vgl. Erikson 1970 zit. n. Möller 2005, S.176 und King 2004, S.170):

„Aufbruchsstimmungen, Träume und erwartungsvoller Liebes- und Lebenshunger vermischen sich und wechseln sich ab mit Einsamkeitsempfindungen, Trauer, Wut, Überdruß (!) und vielerlei Hemmungen. Diese vielgestaltigen Gefühlsregungen spiegeln sich und drücken sich auch aus in der Wahrnehmung und Empfindung von Körperprozessen wie der Menstruation, im Erleben sexueller Erregungen und in den Gefühlen bei der körperlichen Selbstbetrachtung […]“(Flaake / King 2003, S.8).

Aus soziologischer Perspektive setzen sich Jugendliche während dieser Zeit verstärkt mit gesellschaftlichen Anforderungen und deren Verarbeitung auseinander, versuchen dadurch ihre Wünsche und Ängste zu ordnen und eigene Lebensentwürfe und Identitäten auszugestalten. Hierbei spielen vor allem kulturelle Geschlechtsrollenvorgaben, soziale Bedingungen und die jeweilige gesellschaftliche Situation eine wichtige Rolle. „Die für Mädchen gesellschaftlich vorgegebenen Möglichkeiten der Lebensgestaltung sind wesentlich abhängig von den für sie vorhandenen beruflichen Chancen“ (ebd. 2003, S.14f.). Waren historisch betrachtet Frauen lange Zeit rein für die biosoziale Reproduktion verantwortlich, während Männer im Zuge dieser geschlechtlichen Arbeitsteilung in der Öffentlichkeit Erwerbs- und Kulturarbeit verrichteten (vgl. Hausen 1978, S.161ff.), so hat sich diese Dissoziation mittlerweile gewandelt, wobei diesbezüglich immer noch gewisse Differenzen und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern vorherrschen: „Zentrales Ergebnis entsprechender Studien ist, daß (!) Mädchen – trotz ihrer im Vergleich zu den Jungen mittlerweile durchschnittlich besseren schulischen Qualifikation – noch immer viel eingeschränktere Möglichkeiten zur Verwirklichung ihrer beruflichen Interessen haben“ (Flaake / King 2003, S.15), was wiederum Einfluss auf ihre Identitätsentwicklung und Selbstfindung habe. Mit dem gesellschaftlichen Wandel der Geschlechterverhältnisse gehen nicht nur Freiheiten bezüglich der Lebensgestaltung einher, sondern auch große Verunsicherungen bei beiden Geschlechtern. Neue Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit entstehen und bringen neue Anforderungen mit sich.

2.2. Exkurs: Männlichkeit und Weiblichkeit als gesellschaftliche Konstrukte?

Der gesellschaftliche Wandel der Geschlechterverhältnisse zeigt auf, dass Weiblichkeit und Männlichkeit soziale Konstrukte sind: Männer und Frauen werden mit bestimmten Eigenschaften assoziiert, was Hausen (1978) mit dem Begriff „Geschlechtscharakter“[3] zum Ausdruck bringt, und müssen sich demgemäß verhalten (im Sinne von „doing gender“[4] ), was Simone de Beauvoir (1949) in ihrem Werk „Le Deuxième Sexe“ („Das andere Geschlecht“) wie folgt erkannte:

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt“ (Beauvoir 1949/1987, S.265).

Damit will Simone de Beauvoir, vereinfacht ausgedrückt, vor allem eines verdeutlichen: Die weibliche Existenz ist kein unveränderliches Schicksal – die Gesellschaft bestimmt, wie eine Frau zu handeln hat, wie sie auszusehen hat und über welche Eigenschaften sie zu verfügen hat. Beauvoir geht weiters davon aus, dass Weiblichkeit eine Erfindung des Mannes sei. Somit würde die Frau als Objekt lediglich der Subjektwerdung des Mannes – der Hervorbringung von Männlichkeit dienen – ihn gleichzeitig jedoch in den Zustand der Immanenz zurückholen. Beauvoir ist der Auffassung, dass es das „Andere“ nicht geben dürfte – jedes Geschlecht solle das Stadium der Transzendenz[5] erreichen können. Simone de Beauvoir sieht das Weibliche somit als ein „künstliches Konstrukt“ an, als etwas, das man abstreifen müsse, doch somit scheint sie das Frau – Sein selbst weiter abzuwerten (vgl. Beauvoir 1949, S.190ff.). Auch Luce Irigaray (1979) geht davon aus, dass Männlichkeit in der Gesellschaft stets als die Norm angesehen werde. Anders als Beauvoir, die der Auffassung ist, dass Weiblichkeit jemanden einschränken und eingrenzen würde und das Mensch – Sein bloß männlich bestimmt sei, meint Irigaray jedoch, dass das Weibliche überhaupt erst benannt werden müsse. Irigaray legt vor allem Wert auf eine positive Beschreibung des Weiblichen, auf eine Ermöglichung des autonomen weiblichen sexuellen Begehrens. Sie weist darauf hin, dass sich das weibliche Begehren fundamental vom männlichen unterscheiden würde und es daher von großer Wichtigkeit sei, herauszufinden, was die Lust der Frau sei und wie das Weibliche aufgewertet werden könne (vgl. Irigaray 1979, S.22ff.). Auch Iris Young (1989) erhebt Kritik an Simone de Beauvoirs Ansichten von Weiblichkeit. Sie kritisiert die Gleichsetzung von Mensch – Sein mit Männlichkeit; des Weiteren würden in Beauvoirs Analysen gewisse Wertvorstellungen unangetastet bleiben. Rationalität und Macht würden von Beauvoir nicht in Frage gestellt werden. Reproduktive Tätigkeiten würden zudem eine Abwertung erfahren. Young stellt in ihrer Arbeit den Humanistischen Feminismus (Vertreterinnen: unter anderem Simone de Beauvoir sowie die einige Feministinnen des 19. und 20. Jahrhunderts) dem Gynozentrischen Feminismus (Vertreterinnen: unter anderem Carol Gilligan, Mary O´Brien, Nancy Hartsock etc.) gegenüber:

„Der humanistische Feminismus definiert Weiblichkeit als die Ursache der Unterdrückung der Frau und verlangt, daß (!) die von Männern getragenen Institutionen auch Frauen den vollen Zugang zu den weltbestimmenden Aktivitäten von Industrie, Kunst und Wissenschaft gewähren. Im Gegensatz dazu stellt der gynozentrische Feminismus den Wert dieser traditionell öffentlichen, männlichen Unternehmungen in Frage. Die Repression der Frau besteht nicht darin, daß (!) sie von ihrer Selbstverwirklichung abgehalten wird, sondern in der Negation und Abwertung spezifisch weiblicher Tugenden und Tätigkeiten durch eine übermäßig instrumentelle und autoritäre männliche Kultur. Weiblichkeit ist für den gynozentrischen Feminismus nicht das Problem; vielmehr ist sie der Ausgangspunkt einer Vision der Gesellschaft und des Subjekts, die nicht nur Frauen, sondern alle Personen befreien kann“ (Young 1989, S.55f.).

Vor allem die Tatsache, dass Geschlechtskörper historisch geprägt zu sein scheinen und dass sich die Auffassungen von Weiblichkeit und Männlichkeit, wie eben aufgezeigt, je nach Kultur, Zeit und Gesellschaft unterscheiden können, ist für die vorliegende Seminararbeit grundlegend. Im Folgenden wird belegt, welches Bild von Weiblichkeit in Mitteleuropa derzeit vorherrschend ist und wie dieses adoleszente Frauen in ihrer Identitätsbildung und Körperaneignung beeinflussen kann.

3. Merkmale weiblicher Körperaneignung und Identitätsbildung in der Adoleszenz

Der Weg vom Kind zur Frau – der Prozess des Erwachsenwerdens – ist durch wesentliche somatische, psychische und soziale Vorgänge gekennzeichnet.

„Die sexuellen Reifungsprozesse, die körperliche Möglichkeit zu genitaler Sexualität und dazu, Kinder zeugen und gebären zu können, sind der Auslöser für die typischen psychischen und sozialen Entwicklungen während der Adoleszenz: die Ausgestaltung der geschlechtlichen Identität, die Modifizierung des Verhältnisses zu den Eltern und die von ihnen abgegrenzte Gestaltung eigener Liebes- und Arbeitsbeziehungen“ (Flaake / King 2003, S.13).

Da sich die vorliegende Seminararbeit ausschließlich auf adoleszente Mädchen bezieht, dient dieses Kapitel vor allem der Klärung wichtiger sozialer, psychischer und physischer Prozesse, die die Adoleszenz junger Frauen kennzeichnen.

3.1. Sozialisation und Körperaneignung junger Frauen

„Nach dem Eintreten der ersten Periode geht das Mädchen in den Busch und sammelt ein Bündel Brennholz, das sie vor die Hütte ihrer Tante väterlicherseits legt. Sie tritt dann in die Hütte ein und reißt vor deren Augen die Schnur (oft eine Perlenschnur), die sie um ihren Unterleib trägt, auf und reicht sie ihrer Tante. Diese Frau führt das Mädchen in das Haus ihrer Eltern und ruft als erstes ihren Vater. Quer vor den Eingang legt sie die zerrissene Perlenschnur […]. Der Vater schreitet stillschweigend darüber. Das Öffnen der Schnur ist das symbolische Zeichen des Ereignisses. Das Mädchen hat den ‚Fluß überschritten’ und geht einem neuen Lebensabschnitt entgegen […]“ (Burek 1998 zit. n. Flaake 2001, S95).

Dieses Ritual eines afrikanischen Stammes könnte dazu dienen, den Weg vom Kind zur Frau stellvertretend auch für den westlichen Kulturkreis symbolisch zu veranschaulichen. Körperliche Veränderungen, wie das Einsetzen der Menstruation, werden nach Flaake (2001) häufig als Auslöser der adoleszenten Entwicklung junger Frauen angesehen. „Die erste Regelblutung markiert […] den ‚Eintritt’ in die Weiblichkeit. Sowohl für das Mädchen als auch die soziale Umgebung ist sie das deutlichste Zeichen eines Zur – Frau – Werdens“ (ebd. 2001, S.97). Möller (2005) weist hingegen darauf hin, dass für Mädchen das Einsetzen der Menstruation „keineswegs der Beginn der Pubertät [sei], sondern eher der vorläufige Endpunkt einer etwa vier Jahre dauernden Veränderung [des] Körpers. Die klassische Phase stürmischer körperlicher Veränderungen findet bei Mädchen schon zwischen 9 und 12 Jahren statt, die große Mehrheit betrifft dies spätestens im Alter zwischen 10 und 14 Jahren“ (Möller 2005, S.176). In den westlich – industriellen Gesellschaften setzt die Menstruation, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, generell im Alter von 13 Jahren ein (vgl. Flaake 2001, S.99). „Während bei Jungen ein früher Eintritt in die Pubertät mit einem positiven Körperselbstbild einhergeht, erreichen [jene] Mädchen die höchsten Werte der Körperzufriedenheit, die weder zu früh noch zu spät in die Pubertät eintreten“ (Kolip 1997, S.96). Frühreife Mädchen sind in der Regel unzufriedener mit ihrem Körper, da sie dann nicht dem vorherrschenden Schönheitsideal entsprechen. Dieses orientiert sich vor allem an einem schlanken, androgynen Körper (vgl. ebd.1997, S.96). Das Einsetzen der ersten Regelblutung wird zudem häufig als einschneidendes Ereignis erlebt, das mit Verunsicherungen einhergehen kann.

„Angezeigt wird (!) [dadurch] das Ende der Kindheit sowie die eindeutige und unwiderrufliche Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht, dem Geschlecht der Mutter; eine innere Nähe zum Vater wird brüchig durch die jetzt eindeutige Differenz der Geschlechtszugehörigkeit. […] Die körperlichen Veränderungen sind zunächst etwas Fremdes, der ‚genitale Körper ist […] nicht etwas, das man einfach hat, sondern etwas, das angeeignet werden muß (!)’“ (King 1999 zit.n. Flaake 2001, S.97).

[...]


[1] „Der Begriff ‚Adoleszenz’ bezieht sich auf die lebensgeschichtliche Phase des Übergangs zwischen Kindheit und Erwachsensein und wird zur Kennzeichnung jener psychischen und sozialen Prozesse benutzt, die die körperlichen Veränderungen dieser Zeit – auf die sich der Begriff ‚Pubertät’ bezieht – begleiten“ (Flaake 2001b, S.115).

[2] Adoleszenzkrise: Eine Krise fasst King als wichtigen Moment des Umschlags auf, womit sie die Adoleszenz als einen Umwandlungsprozess ansieht, bei dem das Verhältnis von Leib sein und Körper haben in eine Unruhe versetzt wird. „Der sich verändernde oder verändert habende Körper tritt dem in vieler Hinsicht noch kindlichen Selbst wie etwas Fremdes gegenüber. Das selbstverständliche leibliche Sein hat seine Fundamente verloren, der Körper wird zum Objekt, zum eigentümlichen fremden Ding. Aus dieser Perspektive kann die adoleszente Entwicklung als ein strukturell krisenhafter Prozess angesehen werden, im Zuge dessen der herangewachsene genitale Körper psychisch angeeignet und die selbstverständliche, selbstgewisse Verankerung im Körper – Selbst auf neuem Niveau wiederhergestellt werden muss“ (King 2002 zit. n. King 2004, S.170f.).

[3] „Geschlechtscharakter“: „Der Geschlechtscharakter wird als eine Kombination von Biologie und Bestimmung aus der Natur abgeleitet und zugleich als Wesensmerkmal in das Innere der Menschen verlegt“ (Hausen 1978, S.162). Hausen weist darauf hin, dass die Zuordnung gewisser Eigenschaften zu Männern und Frauen eine Erfindung des 18. Jahrhunderts sei. Als Grund, weshalb Geschlechtscharaktere an Bedeutung gewannen, nennt sie den „Wechsel des für die Aussagen über den Mann und die Frau gewählten Bezugssystems“ (ebd. 1978, S.163). Mit dem Übergang vom „‚ganzen Haus’ zur ‚bürgerlichen Familie’“ (ebd. 1978) veränderten sich die Ansichten über Männer und Frauen. Nun ging es nicht mehr um Standesdefinitionen, sondern um Charakterdefinitionen (vgl. ebd. 1978, S.161ff.).

[4] “doing gender“: „West und Zimmermann (1987) haben […] den Begriff doing gender geprägt, der sich nur umständlich mit ‚interaktive Konstruktion des sozialen Geschlechts’ übersetzen läßt (!)“ (Kolip 1997, S.63). Individuen verhalten sich demnach in alltäglichen sozialen Situationen so, dass ihr Geschlecht eindeutig ausgedrückt wird; dadurch werden Geschlechterverhältnisse stets (re)produziert.

[5] dieser Begriff bezieht sich auf die geistigen, intellektuellen Aspekte des Lebens, die – so Beauvoir – nur ein Mann mit Hilfe der Frau im Stande sei zu erreichen, während diese im Zustand der Immanenz verhaftet bleibe (dies bezieht sich auf die Körperlichkeit im Sinne der biosozialen Reproduktion) (vgl. Beauvoir 1949/1987).

Details

Seiten
29
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656029038
ISBN (Buch)
9783656028895
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180186
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
2
Schlagworte
Identität Körper Adoleszenz Essstörungen Weiblichkeit Geschlechterforschung Sex Gender Konstruktion Sozialisation Anorexia nervosa Bulimia nervosa

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Titel: Zur Rolle des Körpers in der weiblichen Adoleszenz