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War Chrodechilde von den Merowingern psychisch krank?

Essay 2007 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1. Die Geschichte Chlodwigs und seiner Nachfolger
1.2. Fragestellung

2. Tötung von nahe stehenden Verwandten als „erweiterte Selbsttötung“
2.1. Theorie des „erweiterten Selbstmordes“

3. War Chrodechilde psychisch krank?
3.1. Der Quellenwert von Gregors Geschichtsbuch
3.2. Chrodechildes Biographie unter Berücksichtigung einer möglichen Depressionskrankheit

4. Zusammenfassung

5. Literatur

Als aber die Königin Chrodichilde sich in Paris aufhielt, bemerkte Childebert, dass seine Mutter mit besonderer Liebe an den Söhnen Chlodomers hing (...); da wurde er neidisch und fürchtete, sie würden durch die Gunst seiner Mutter zum Throne gelangen; so schickte er heimlich Boten an seinen Bruder, König Clothachar, und sprach: „Unsere Mutter lässt die Söhne unseres Bruders nicht von sich und will ihnen die Herrschaft geben; komm also schnell nach Paris, denn wir müssen Rat miteinander halten und erwägen, was mit ihnen geschehen soll, ob wir ihnen die Locken abschneiden und sie wie das übrige Volk halten, oder ob wir sie lieber töten und das Reich unseres Bruders zu gleichen Teilen unter uns teilen.“ Über solche Rede hoch erfreut kam Chlothachar nach Paris. Childebert aber bereitete der Menge das Gerücht aus, er und sein Bruder seien zusammengekommen, um jene Kinder auf den Thron zu erheben. Gesandten sandten sie zu ihrer Mutter, die sich damals in Paris aufhielt, und sprachen: „Schicke uns die Kinder, dass wir sie auf den Thron erheben.“ Da freute sie sich, denn sie durchschaute ihre Hinterlist nicht; sie gab den Boten Speise und Trank und entsandte die Kinder mit den Worten: „Ich werde glauben meinen Sohn nicht verloren zu haben, wenn ich euch nur in sein Reich eingesetzt sehe.“ Als sie fortgingen, wurden sie jedoch sogleich ergriffen und von ihren Dienern und Erziehern getrennt, und sie wurden beide bewacht (...). Darauf schickten Childebert und Clothachar zu der Königin jenen Arcadius (...), mit einer Schere und einem gezückten Schwert. Als er zur Königin kam, zeigte er ihr beides und sprach: „Deinen Willen, ruhmreiche Königin, wünschen deine Söhne, unsere Gebieter, zu erfahren, was du nämlich meinst, dass mit diesen Knaben geschehen müsse: ob ihnen die Locken geschoren werden und sie leben sollen, oder ob man sie beide umbringen solle.“ Sie erschrak bei dieser Botschaft, und ihr Herz wurde von heftigem Ingrimm erfüllt, vornehmlich deshalb, weil sie schon das gezückte Schwert und die Schere vor Augen sah. Da sprach sie von Bitterkeit überwältigt - sie wusste in ihrem Schmerze nicht, was sie sagte - unbesonnener Weise also: „Lieber will ich sie, wenn sie nicht auf den Thron erhoben werden, tot sehen, als geschoren.“ Er achtete jedoch zu wenig auf den Schmerz der Königin, erforschte auch nicht, wozu sie bei reiflicher Überlegung in der Folge kommen würde, sondern kehrte eilig zurück und sprach: „Vollendet das begonnene Werk, der Königin ist es genehm; sie selbst wünscht, dass ihr eure Absicht ausführt.“ Sogleich ergriff Clothochar den älteren Knaben beim Arm, warf ihn auf die Erde, stieß ihm ein Messer in die Schulter und tötete ihn grausam. Und als der Knabe laut schrie, stürzte sich sein Bruder zu den Füßen Childeberts, umfasste seine Knie und rief unter Tränen: „Hilf mir, teuerster Oheim, dass nicht auch ich umkomme wie Mein Bruder.“ Da sprach Childebert, und Tränen rannen über sein Antlitz: „Ich bitte dich, liebster Bruder, sei freigebig, schenk mir das Leben dieses Knaben, ich will dir für sein Leben geben, was du verlangst, nur töte ihn nicht.“ Aber jener fuhr auf ihn mit Schmähungen los und sprach: „Stoß ihn von dir oder stirb statt seiner. Du selbst“, sagte er, „bist der Anstifter dieser Sache und lässt nun so schnell von der Treue ab?“ Da jener dies hörte, stieß er den Knaben von sich und warf ihn dem Bruder zu; der aber fing ihn auf, stieß ihm das Messer in die Seite und tötete ihn, wie er den Bruder zuvor getötet hatte; alsdann brachten sie auch die Diener und Erzieher um. (...)

Die Königin aber legte die Leichen der Kinder auf eine Bahre, folgte ihnen unter vielen Chorgesängen und unbeschreiblicher Trauer zur Kirche des heiligen Petrus und bestattete sie dort beieinander. (Gregor von Tours III, 18.)

1. Einleitung:

Der obere Quellenauszug über die grausame Ermordung der beiden Enkelkinder der Königin Chrodechilde (473/4-544) stammt aus den „Zehn Geschichtsbüchern“ des Gregor von Tours (538/39-594/95). Gregor von Tours, eigentlich Georgius Florentius, war ein Mann von sehr vornehmer römischer Herkunft, der in seiner Jugend eine solide (wenn auch nicht die allerbeste) grammatisch-rhetorische und eine hervorragende kirchliche Erziehung erhielt, die ihm ermöglichte, 573 das Amt des Bischofs im fränkischem Bistum Tours zu übernehmen. Dem glücklichen Umstand, dass ein solcher Mann, vom historischem Drange erfüllt, zur Feder griff, verdanken wir die „Zehn Bücher fränkischer Geschichte“, die das bedeutendste vorkarolingische Geschichtswerk, das die germanische Staatenwelt hervorgebracht hat, darstellen. Seine umfangreichen Erzählungen, die für die Geschichtswissenschaft als Spiegelbild der merowingischen Gesellschaft gelten, berichten uns auch die Geschichte von dem König Chlodwig, seiner Frau Chrodechilde und dessen Nachfahren, die allesamt dazu beitrugen, dass Europa zu dem wurde, was es heute für die Geschichte bedeutet. Eine kurze Zusammenfassung des Aufstiegs von König Chlodwig soll uns zunächst einmal in die frühmittelalterliche Welt der Merowinger einführen, mit denen wir uns im weiteren Verlauf dieses Essays ausführlich beschäftigen werden.

1.1. Die Geschichte Chlodwigs und seiner Nachfolger

Als Chlodwig 482 die Nachfolge seines Vaters Childerich antrat, hatte sich die politische Einheit des lateinischen Abendlandes aufgelöst. Das fränkische Reich der Merowinger und die anderen germanischen Reiche besaßen damals noch keine klaren Konturen und führten fortwährende Streitigkeiten um ihre Grenzgebiete, die meistens in kriegerischen Auseinandersetzungen mündeten. In dieser hochbrisanten Entstehungsphase der germanischen Großreiche legte Chlodwig sowohl durch Diplomatie als auch durch Mut und Tollkühnheit in der Kriegsführung einen kometenhaften Aufstieg hin. Mit gerade mal 16 Jahren übernahm er vom Vater das salfränkische Königtum von Tournai und die Verwaltung der Römerprovinz Belgica II. Daraufhin setzte Chlodwig 486 die militärische Politik seines Vaters fort, eroberte das Syagrische Reich von Soissons und schloss Frieden mit den Bretonen. Im Jahre 496/7 unterjochte er die Alemannen und legte daraufhin den Glauben an die altgermanischen Götter ab. Er konvertierte auf den Wunsch seiner Frau Chrodechilde, die er zu Beginn der 90er heiratete, zum katholischen Glauben über. Der Bischof von Reims, der Chlodwig taufte, prophezeite ihm eine glorreiche Zukunft als Herrscher, und tatsächlich schien Chlodwig nichts mehr aufhalten zu können. Vom Angriff gegen die Burgunder konnte Theoderich seinen Schwager gerade noch bewahren, aber den Großen Gotenkrieg von 507 nicht mehr verhindern. Dem Sieger Chlodwig gelang es, das einstige westgotische Reich zwischen Loire und den Pyrenäen fast ganz für sich zu gewinnen. Bis zu seinem Tod um 511 schaltete der Merowinger alle anderen fränkischen Könige aus und schloss deren Gebiete seinem Königreich an. Seine Hinterlassenschaft, die Befehlsgewalt über das fränkische Reich, teilte Chlodwig unter seinen vier Söhnen gerecht auf, aber diese waren so machtgierig, dass jeder einzelne von ihnen seinen Bruder um sein Land beneidete. Leider erfahren wir aus Gregors Geschichtswerk nur sehr wenig über die erste Zeit der Machtkämpfe und sind auf bloße Vermutungen angewiesen.

Die Söhne Chlodwigs, die nach seinem Tod in der Lage waren die Herrschaft anzutreten, waren Theoderich, (der nicht aus der Ehe von Chlodwig und Chrodechilde stammt), sowie der vierzehn- bis sechzehnjährige Chlodomer. Chlothar und Childebert waren zu dem Zeitpunkt noch Kinder und konnten nicht als Herrscher agieren. Das Verhältnis Chrodechildes zu ihrem Stiefsohn Theoderich schien unproblematisch gewesen zu sein. Jedenfalls unternahm keine der beiden Seiten den Versuch, die andere von der Nachfolge auszuschließen. Chrodechilde, die wohl durch einige bedeutende Bischöfe des fränkischen Adels unterstützt wurde, handelte mit Theoderich höchstwahrscheinlich einen Kompromiss aus, der beiden Seiten zu Gute kam. Im Anschluss zog sich Chrodechilde nach Tours zurück und lebte dort zusammen mit ihrem Lieblingssohn Chlodomer, zu dem sie schon immer eine besonders innige Beziehung hatte, die durch die dramatischen Umstände seiner schweren Erkrankung nach der Geburt zu erklären war. Im Jahre 523/24 schließen sich die Brüder zusammen und unternehmen einen Rachfeldzug gegen Burgund. Auf die genauen Umstände der Kriegserklärung werden wir bei 3.2. eingehen. Bei den Kämpfen kam Chlodomer ums Leben. Sofort heiratete Chlothar Guntheuka, die Witwe seines Bruders, und erhob damit Anspruch auf die Nachfolge im Reichsteil seines Bruders. Chrodechilde übernahm die drei zurückgelassenen Söhne Chlodomers und zog sie bei sich auf bis zu dem Tag, an dem zwei von ihnen entführt und grausam ermordet wurden. Schauen wir uns jetzt noch einmal den Quellenausschnitt an, den ich oben dargestellt habe. Gregor schreibt folgendes: „Sie erschrak bei dieser Botschaft, und ihr Herz wurde von heftigem Ingrimm erfüllt, vornehmlich deshalb, weil sie das gezückte Schwert und die Schere vor Augen sah. Da sprach sie von Bitterkeit überwältigt - sie wusste in ihrem Schmerze nicht, was sie sagte - unbesonnener Weise also: Lieber will ich sie, wenn sie nicht auf den Thron erhoben werden, tot sehen, als geschoren.“ Wir erfahren hier zwar, wie Chrodechilde auf die ungeheure Forderung von Seiten ihrer Söhne reagierte, aber nur sehr ungenau, warum sie sich letztendlich für das „Schwert“ und somit für den Tod der beiden Enkel entschied. Gregor versucht sie zu entschuldigen, indem er schreibt, dass sie „nicht wusste, was sie tat“. Er bezieht sich hierbei entweder auf ihren labilen Geisteszustand, oder er stellt sich selbst, aus ihrer Person heraus, als unwissend über ihr wahres Motiv dar, die Enkel dem Tod zu überlassen. Die heutige Forschung, wobei ich Cordula Nolte hervorheben möchte, versucht Chrodechildes Entscheidung für den Tod der beiden Enkelsöhne aus der politischen Perspektive zu erklären. Sie bezieht sich hierbei auf den Nachtrag von Gregor, der besagt, dass die ehrgeizige Königin ihre Söhne, wenn sie nicht auf den Thron erhoben werden, lieber tot sehen möchte, als geschoren. Nolte bezeichnet die stolze Königin als ganz und gar geprägt vom adligen Sippendenken und dem Bewusstsein, dass ihren Enkeln Herrschaft und Ehre zustehen. Das Leben ihrer Enkel, als solches, hatte für sie beim Verlust der Herrschaftsfähigkeit keinen Wert mehr gehabt. Das Haarabschneiden würde Entehrung, Deklassierung, Verlust der Herrschaftsfähigkeit bedeuten und kann daher für einen Merowinger keine akzeptable Alternative sein. Andere zeitgenössische Autoren (McNamara J.-A., Halborg J. E.) sehen in Chrodechilde eine alles weltlich verachtende Heilige, stellen ihre selbstaufopfernde Dienste an den Armen in den Vordergrund und überspringen den tragischen Vorfall, indem sie ihren Söhnen alleine den Tod an den Enkel anlasten. Anscheinend aber hat sich bis jetzt niemand Mühe gegeben, sich mit der Person Chrodechildes auf einer psychologischen Ebene auseinander zu setzen.

Führen wir uns noch einmal die Textstelle vor Augen, in der Chrodechilde Besuch von Arcadius erhält. Gregor beschreibt dort, dass Chrodechilde vor „Ingrimm“ erfüllt war, was wohl in moderner Sprache soviel heißt, dass Chrodechilde einen Wutanfall bekam. Mit dem, was Gregor danach schreibt,: „Da sprach sie von Bitterkeit überwältigt - sie wusste in ihrem Schmerz nicht, was sie sagte (...)“, könnte er vielleicht auch meinen, dass sie in Folge des Wutanfalls einem Zustand des Wahnsinns verfallen war. Interessant aus psychoanalytischer Sicht ist auch, was Gregor davor schreibt: „Sie erschrak (...), vornehmlich deshalb, weil sie das gezückte Schwert und die Schere vor Augen sah“. Dieses könnte ein Hinweis darauf sein, dass Chrodechilde sich schon früher in einer ähnlich bedrohlichen Situation befunden haben musste oder, zumindest, mit dem Tod konfrontiert wurde. Auf Grundlage der schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit baute sie, wohlmöglich, eine tiefgründige Melancholie auf, die ihre weitere Handlungsweise bestimmte und zwar bis zu dem Tag, an dem sie das Leben ihrer Verwandten opfern musste, und das kurioserweise, um einen gesunden Bezug zu ihrem eignen „Ich“ wiederzuerlangen. Diese Hypothese habe ich auf Grund meines Vorwissens über die psychoanalytische Theorie des Verwandtenmordes aufgestellt und werde sie im Verlauf dieses Essays eingehend überprüfen.

1.2. Fragestellung

Zuallererst beschäftige ich mich mit der psychoanalytischen Theorie des Verwandtenmordes. Diese werde ich auf Basis von Fachliteratur aufstellen und erklären, wie sich eine depressive Erkrankung, die zu einem Verwandtenmord führen könnte, durch tragische Erlebnisse entwickelt. Danach beschäftige ich mich mit Chrodechildes Lebensgeschichte und untersuche meine Vermutung, ob die Königin tatsächlich unter einer krankhaften Depression litt und deswegen ihre Enkelsöhne dem Tode überließ.

2. Tötung von nahe stehenden Verwandten als „erweiterte Selbsttötung“

Um den tragischen Vorfall des Kindermordes auf psychoanalytischer Ebene erklären zu können, benötigen wir zunächst einmal ein grundlegendes Theoriemodell, das wir auf Chrodechilde anwenden können. Obwohl es zu dem Thema „Verwandtenmord“ in jüngster Vergangenheit viel geforscht wurde und es eine beträchtliche Anzahl verschiedenartiger Erklärungen gibt, ist es trotzdem nicht einfach, den Entschluss Chrodechildes, ihre Enkelsöhne töten zu lassen, zu erklären. Ich habe mich in diesem Fall für die Theorie: „Tötung der Verwandten, als Selbsttötung auf Grund von krankhafter Melancholie“ entschieden, da ich, wie ich mich oben geäußert habe, glaube, dass Chrodechilde durch die zahlreichen negativen Erfahrungen in ihrem Leben einen krankhaft depressiven Charakter entwickelt hat, und dass dieses Handicap sie letztendlich dazu trieb, ihre Enkel dem sicheren Tod zu überlassen.

2.1. Theorie des erweiterten Selbstmordes

Die heutige Psychiatrie und Kriminologie assoziieren häufig die Tötung eines nahe stehenden Verwandten (meistens eines leiblichen Kindes) mit einem Versuch einer Selbsttötung (meistens durch die Mutter). Einige Autoren sprechen in diesem Fall vom so genannten „erweiterten Selbstmord“. In der Regel ist beim Vollzug eines „erweiterten Selbstmordes“ die Beziehung zwischen dem handelnden Aggressor und dem Opfer sehr kompliziert. Eine allgemeine Definition des „erweiterten Selbstmordes“ erweist sich als äußerst problematisch. Die dynamische Beziehung zwischen den beiden Individuen, die auf physischer Ebene mit dem Tod des anderen endet, kann nur verstanden werden, wenn man von einem Einzelfall ausgeht und diesen genau analysiert. Mein Verweis darauf, dass Chrodechilde, möglicherweise, unter einer Depression litt, soll als Ausgangspunkt für unsere Theorie gelten. Erst wenn wir wissen, wie Melancholie, d. h. Depression, von Kindheit an auf Grund von tragischen Ereignissen entsteht und in manchen Fällen zu einem „erweiterten Selbstmord“ bei Verwandten führt, gelingt es uns, möglichenfalls, auch Chrodechildes Handlungsabsicht zu begreifen.

In der kindlichen Entwicklungsphase kann es unter ungünstigen Umständen dazu kommen, dass jemand seine Hauptpflegeperson, die gleichzeitig auch ein Liebesobjekt ist, (in den meisten Fällen ist es die Mutter), z. B. durch eine tödliche Krankheit verliert. Das eigene „Ich“ versucht das vermisste Liebesobjekt durch Einverleibung bzw. Introjektion am Leben zu erhalten, sich also insoweit mit diesem zu identifizieren. Unter günstigen Bedingungen findet diejenige oder derjenige sich nach einer bestimmten Zeit mit dem Verlust der geliebten Person ab und stellt die Nachahmung ein. Anders verläuft es dagegen bei dessen pathologischem Äquivalent, der Melancholie. Bei einem melancholisch geprägten Menschen bleibt der Bezug zum Liebesobjekt erhalten, wobei sich mit der Zeit die tagtäglichen Sorgen, die Wut und die Trauer gegen dieses Objekt und somit gegen das eigene „Ich“ richten. Siegmund Freud beschrieb diesen Zustand folgendermaßen: „Hört man die mannigfachen Selbstklagen des Melancholikers geduldig an, so kann man sich endlich des Eindrucks nicht erwähren, dass die Stärksten unter ihnen zur eigenen Person oft sehr wenig passen, aber mit geringfügigen Modifikationen einer anderen Person anzupassen sind, die der Kranke liebt, geliebt hat oder lieben sollte (...), so hat man den Schlüssel des Krankheitsbildes in der Hand, indem man die Selbstvorwürfe als Vorwürfe gegen ein Liebesobjekt erkennt, die von diesem weg auf das eigene Ich gewälzt sind“. Erweisen sich die negativen Gefühle und Vorwürfe als sehr stark, wächst die Annahme des Melancholikers, er habe das verlorene „Liebesobjekt“ ermordet. Das „Liebesobjekt“ wird zum inneren Verfolger, der Genugtuung fördert und auf Strafe aus ist. In solchen Momenten fühlt sich der Melancholiker sowohl als Opfer als auch als Täter. In letzter Konsequenz nimmt er sich das Leben, um 1. die scheinbare Schuld am Verlust der geliebten Person zu bereinigen, und 2. um den Verfolger in sich dem vernichtenden und nach Sühne trachtendem Objekt Folge zu leisten.

Die Tötung eines nahe stehenden Verwandten (meistens des eigenen Kindes) kann symbolisch für den eigenen Tod stehen, denn der Melancholiker kann denjenigen, als einen Teil seines eigenen Körpers betrachten, der ja auch im Grunde durch die genetische Verwandtschaft tatsächlich ein Teil des Selbst ist. „Deshalb kann jede Behandlung, die man dem anderen zuteil werden lassen möchte, logischerweise zugleich dem Selbst gelten.“ (Menninger, 1978). Unter diesem Aspekt lässt sich der Vorgang der Tötung des Verwandten aufzeichnen: das verinnerlichte Liebesobjekt klagt an und flößt dem Ich ein Schuldgefühl ein. Die Forderung nach Strafe und Sühne kann, wie wir oben gesehen haben, so stark werden, dass man sie nur durch Selbstvernichtung auslöschen kann. In diesem Fall könnte das heißen, dass man das vollkommene Selbst oder nur einen Teil dessen vernichtet, nämlich den nahe stehenden Verwandten (das Kind). Menninger ermittelte eine Motivstruktur für Selbstmordhandlungen: 1. existiert der Wunsch, zu töten als aggressive Komponente, 2. der Wunsch, getötet zu werden als autoaggressive Komponente, 3. der Wunsch, tot zu sein, also der Verzicht auf das qualvolle Leben, um Glück zu erlangen. Wenn bei dem Melancholiker die ersten beiden Komponenten stark hervortreten und der Wunsch, tatsächlich zu sterben weniger ausgeprägt ist, so kann diese Motivlage den Weg für einen „erweiterten Selbstmord“ ebnen, d. h. zur Tötung des Verwandten führen. Der Tod des eigenen Selbst (in diesem Falle eines Teiles des Selbst) wirkt als Katharsis, da der Bezug zum „Liebesobjekt“, wie auch beim eigenen Tod, in doppelter Relation ausgelöscht wird.

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Details

Seiten
13
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656025672
ISBN (Buch)
9783656026181
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180024
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
2.3
Schlagworte
Merowinger Frühmittelalter Psychoanalyse Chrodechilde Theorie des Erweiterten Selbstmodes" Gregor von Tours

Autor

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