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Macht vs. Moral - Herrschaftskonstellationen in Daniel Casper von Lohensteins "Cleopatra"

Seminararbeit 2011 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Herrschen der Herrscher
2.1 Die Leidenschaften Antonius
2.2 Augustus Streben nach Macht
2.3 Cleopatras Versuche des Machterhalts

3. Machiavellistische Tendenzen in Cleopatra

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die folgende Arbeit setzt sich mit der Herrscherkonzeption in Daniel Casper von Lohensteins Trauerspiel Cleopatra auseinander. Es soll geklärt werden, welche repräsentativen Eigenschaften eines Machthabers die drei Hauptfiguren Cleopatra, Antonius und Augustus besitzen. Welche Auswirkungen ergeben sich daraus auf ihre Tätigkeiten als Herrscher und ihren jeweiligen Einflussbereich? Wie lassen sich auf Grundlage dessen der Triumph des Augustus sowie das Scheitern der Cleopatra und des Antonius deuten? Um diese Fragen zu beantworten wird die Staatstheorie Machiavellis aus dem Il Principe (Der Fürst) vergleichend herangezogen. Die Miteinbeziehung gerade dieser Lektüre ist deshalb so aufschlussreich, da zahlreiche Parallelen zwischen den Herrscherdarstellungen Machiavellis und der Vorgehensweise der drei Hauptfiguren existieren. Diese Handlungsspezifika tragen maßgeblich zum Triumph bzw. zum Scheitern der Charaktere bei. Dennoch hätte eine hermeneutische Interpretation Daniel Casper von Lohenstein zumindest in diesem Punkt höchstwahrscheinlich sehr widerstrebt. Zur Zeit der schlesischen Juristendichter, in dessen Tradition Lohenstein voll und ganz stand, waren die Schriften Machiavellis, es sei denn zum Zwecke der Diffamierung, in keinster Weise zitierfähig. Durch die Indizierung der Kirche machte allein das Aufgreifen seiner Thesen einen Autor unglaubwürdig und weniger beachtenswert, was eine Weiterentwicklung dieser Ideen zunächst erschwerte. Dennoch besaß Lohenstein wahrscheinlich eine Schrift von Machiavelli, auf die er im Anlagenapparat des Epicharis verweist.[1] Diese Tatsache lässt vermuten, dass er auch den weitaus populäreren Il Principe gekannt hat. Aus diesen Gründen wird für die folgende Untersuchung ein rezeptionsästhetischer Interpretationsansatz herangezogen, d.h., dass die Erörterungen Machiavellis bezüglich der Charakteristika eines Herrschers auf die Darstellung der drei Hauptfiguren in Cleopatra übertragen werden, um so Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu identifizieren. Die behandelten Figuren stellen Typen dar, die mit der Herrschaftskonstruktion aus Der Fürst verglichen werden. Die folgenden Teilbereiche werden untersucht. Wie üben Cleopatra, Antonius und Augustus ihre Macht aus und mit welchen Mitteln versuchen sie ihre Herrschaft zu behaupten? Welche Rolle spielt dabei Tugend und Moral bei den Handlungsmotiven der drei Figuren? Anschließend wird analysiert, in welchen Punkten Machiavellis Überlegungen aus dem Fürsten auf die Protagonisten des Trauerspiels zutreffen und wo es Übereinstimmungen in der Betrachtung des Menschen als Subjekt im historischen Kontext gibt. Im abschließenden Resümee soll auf Grundlage der vorangegangenen Untersuchung noch einmal deutlich gemacht werden, welche Ursachen im Triumph (Augustus) bzw. im Scheitern (Cleopatra, Antonius) der Herrscher liegen, was also einen erfolgreichen Fürsten zu einem solchen macht. Da Lohenstein seine erste Fassung der Cleopatra von 1661 im Jahre 1680 noch einmal erweitert und überarbeitet hat, muss erwähnt werden, dass dieser Arbeit die spätere Fassung zugrunde liegt. Generell orientiert sich Lohenstein mit dem Handlungsverlauf bei beiden Ausgaben sehr stark am historischen Vorbild.

2. Das Herrschen der Herrscher

„Verdammte Staats-Klugheit / die Treu und Bund heist brechen!“ [2]

Die Herrscherfiguren in Cleopatra unterliegen einer äußerst konträren Typologie. Das Handlungskonstrukt stellt Cleopatra und Antonius dem angreifenden Augustus gegenüber. Eintracht und Harmonie werden durch den Einfall des Kaisers und seiner römischen Truppen radikal erschüttert. Diese Konfliktsituation wird noch zusätzlich durch ein Angebot des Kaisers verstärkt: Cleopatra stellt er in Aussicht, weiterhin Herrscherin über Ägypten zu bleiben und sogar seine Gemahlin zu werden, wenn sie im Gegenzug dafür ihren Ehemann opfere.[3] Antonius wiederum wird das gleiche Angebot gemacht. Sollte er Ägypten mit samt Cleopatra aufgeben, so wäre er wieder rechtmäßiger Herrscher über seinen Teil des Triumvirats[4] und der Krieg wäre beendet.[5] Antonius und Cleopatra sehen sich durch diese List des Kaisers vor die Wahl zwischen Liebe und Macht gestellt, wobei sich letzten Endes der eine für die Liebe entscheidet, die andere für die Macht. Die folgende Untersuchung wird nun die Charakteristika der Protagonisten spezifizieren.

2.1 Die Leidenschaften des Antonius

Antonius steht zunächst typologisch für einen zutiefst emotionalen und von seinen Affekten gelenkten Herrscher. Diese Eigenschaften werden schon in der Exposition deutlich. Das Werk setzt ein mit der Belagerung Ägyptens durch die Römer: viele Truppen Ägyptens sind bereits gefallen, einige zum Feind übergelaufen und jegliche Fluchtwege sind versperrt. Antonius wird in einer im Wortsinne ausweglosen Situation dargestellt und muss sich als Herrscher unter Beweis stellen. Während einer beträchtlichen Repliklänge beginnt er im Auftakt über sein Leid zu klagen und sieht, ohne eine andere Option auch nur in Erwägung zu ziehen, den Tod als letzten Ausweg: “So opfer´ ich mein Blut vergnügt für aller Heil“[6]. Die Affektbeladenheit und die Inkonsequenz bei seinen Entscheidungen zeigen sich kurz darauf wieder, als es seinen Beratern gelingt, ihn vom Weiterkämpfen zu überzeugen: statt wie zuvor von seiner Niederlage überzeugt ist er nun kampfeseifrig und möchte sofort mit seinen Kameraden in die Schlacht ziehen: „Ich will / wo ihr vergeht / mit euch begraben seyn“[7]. Alle diese Meinungsumschwünge sind lediglich temporärer Natur und werden bei neuen Umständen wieder aufgegeben. Die Ursache seines Niedergangs liegt unterdessen in seiner stärksten Leidenschaft, der Liebe. Als er hört, dass Cleopatra sich umgebracht hat, kann er die Gefühle des Verlusts nicht ertragen und bringt sich, in der Hoffnung wenigstens im Tod mit der Angebeteten vereint zu sein, ebenfalls um.[8] Cleopatra repräsentiert von all seinen emotionalen Bindungen nicht nur die weitaus einflussreichste, sondern kurz vor seinem Tod ist sie das Letzte, das ihn noch im Leben hält: Ihm wird mitgeteilt, dass auch Archibius, Cleopatras geheimer Rat, zum Feind übergelaufen sei.[9] Desweiteren sind „Die beiden Hafen […] eingebißt“[10], kurzum: die Niederlage des Ägyptischen Reiches steht kurz bevor. In ebendieser Situation steigert sich seine Beziehung zu Cleopatra zur höchsten Stufe und die ägyptische Herrscherin symbolisiert nunmehr „[s]ein Leben“[11]. Dennoch ist sein Handeln von einem weiteren charakteristischen Aspekt gelenkt. Zwar führen seine Affekte und Leidenschaften zu einem politischen Scheitern, jedoch sind eben diese Emotionen ein Resultat des Gewissens, welches an die Moral gebunden ist. Eigenschaften wie sein Tugend- und Vernunftbewusstsein sind genau wie seine Zuneigung und sein Aktionismus Ausdrücke von seinem, im Gegensatz zu Augustus und Cleopatra, nicht unterdrückten, „gutt[en] Gewissen“[12]. Natürliche Emotionen und die dem Menschen innenwohnende Moral sind demnach untrennbar. Entgegen des Rates der ihn Umgebenden („Das schönste Weib der Welt ist keines Zepters wert“[13] ), die stets den vermeintlich rationalen Gegenpol zu Antonius bilden, zählt für ihn die Liebe zu Cleopatra mehr als die Herrschaft über ein ganzes Reich, sowohl das durch die Heirat mit Cleopatra ihm unterworfene Ägypten, als auch das ihm zustehende Drittel des Triumvirats. Er lehnt das von Augustus unterbreitete Angebot ab, einerseits weil er ahnt, dass August ihn an einem „Narren-Seile“[14] herumführt, vor allem aber entscheidet er sich für seine Liebe zu Cleopatra. Aus Mitgefühl und „um viel unschuldig Blutt Der Römer zu ersparn“[15] will er zudem im Zweikampf gegen Kaiser Augustus antreten. Zwar kann dies als taktisches Manöver gedeutet werden, der eigentliche Ursprung jedoch ist ein zutiefst menschlicher. So spricht er sogar von einem „Völcker-Recht“[16], einem allgemeinen, von den Völkern definierten Recht also, welches allen Menschen in gleichem Maße zusteht. Dazu gehören unter anderem Eid-, Bündnis- und Vertragstreue. Als Wertemaßstab stehen für ihn die Tugend und das Gefühl der Vernunft, womit er sich bewusst von römischen Maximen abgrenzt. Im Augenblick seines Selbstmordes ist er vom Tod Cleopatras überzeugt. Er hätte also die Möglichkeit, sein Drittel einzufordern, welches ihm aufgrund des kaiserlichen Angebots nun ja rechtmäßig zustünde. Antonius ist jedoch zu keinerlei Eingeständnissen bereit. Das Einfordern seines Herrscherbereichs käme nach seiner Moral dem Hochverrat an der Liebe zu Cleopatra gleich. Deshalb folgt er dem Handeln des sich erstechenden Bediensteten („O mehr als edler Knecht! Dein Tugendhaft Gemüte Sticht tausend Römer weg“[17] ) und geht, ausgelöst durch die Affekte der Liebe, für seine Moralvorstellungen zugrunde.

[...]


[1] Vgl. Karl-Heinz Mulagk: Phänomene des politischen Menschen im 17. Jahrhundert. Berlin: Schmidt Verlag 1973, S.55.

[2] Daniel Casper von Lohenstein: Cleopatra. Stuttgart: Reclam 2008, S.130, V.238.

[3] Vgl. E bd. S.64, V.6 ff.

[4] Lohenstein nimmt die historischen Ereignisse um Antonius und Augustus zur Grundlage seines Werkes. Marcus Antonius kämpfte zunächst in Cäsars Heer. Nach Cäsars Tod besiegte er zusammen mit Augustus und Lepidus den Mörder Brutus und bildete einen Rat zur Wiederherstellung der römischen Ordnung. Dabei wurde das römische Reich unter dem sogenannten Triumvirat in drei Teile aufgeteilt. Nachdem Augustus kurze Zeit später Lepidus entmachtete, griff er Ägypten an, wo sich zu diesem Zeitpunkt Antonius aufhielt. An dieser Stelle setzt das Werk ein.

[5] Vgl. Cleopatra S.51, V.807 ff.

[6] Ebd. S.24, V.37.

[7] Ebd. S.38, V.441.

[8] Ebd. S.119, V.741.

[9] Vgl. Ebd. S. 109, V.488.

[10] Ebd. S. 110, V.503.

[11] Ebd. S.111, V.545.

[12] Ebd. S.75, V.313.

[13] Ebd. S.55, V.909.

[14] Ebd. S.60, V.1048.

[15] Ebd. S.25, V.73 f.

[16] Ebd. S.46, V.677.

[17] Ebd. S.113, V.605 f.

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656024743
ISBN (Buch)
9783656025115
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179980
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
Cleopatra Lohenstein Germanistik Macht Moral Herrscher Politik Barock Trauerspiel Frühe Neuzeit Machiavelli Il Principe Der Fürst

Autor

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