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Leben und Schicksal des Hans Jacob Pestalozzi

Unter den pädagogischen Einflüssen seines Vaters, des großen Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi

Hausarbeit 2009 29 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurze Vorstellung wichtiger Personen, die bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung und das Leben Hans Jacob Pestalozzis nehmen
2.1. Die Eltern Vater Johann Heinrich und Mutter Anna Pestalozzi-Schultheß
2.2. Anna Magdalena Schweitzer-Heß
2.3. Familie Battier und Hauslehrer Petersen
2.4. Hans Jacob Pestalozzis Ehefrau Anna Magdalena Frölich von Brugg

3. Exkurs: Die Eltern im Bann ihres Vorbildes Jean-Jaques Rousseau

4. Das Leben des Hans Jacob Pestalozzi
4.1. Elternhaus, Geburt und frühe Kindheit auf dem Neuhof (1770-1781)
4.2. Aufenthalt bei der Familie Battier in Basel (1782-1783)
4.3. Handelsschulzeit in Mühlhausen/Elsass - L’académie de préparatoire de commerce (1783-1784)
4.4. Lehrzeit in der Firma „Battier und Sohn“
4.5. Leben, Wirken und Ableben auf dem Neuhof

5. Fazit

6. Bibliografie und Quellen

7. Anhang

1. Einleitung

Über Johann Heinrich Pestalozzi gibt es eine Fülle von Originalschriften und noch mehr Sekundärliteratur. Pestalozzis Persönlichkeit, Leben und Schaffen ist bis in kleinste Details analysiert, interpretiert und bewertet worden. Er hat die Entwicklung der Pädagogik der letzten zweieinhalb Jahrhunderte maßgeblich bestimmt. Noch heute gilt er als der pädagogische Urvater und ist nach wie vor Idealbild eines engagierten Pädagogen seiner Zeit.

Pestalozzis einziger und zudem kränklicher Sohn ist nur wenigen bekannt. Das über ihn vorhandene Quellenmaterial und die Sekundärliteratur sind spärlich. Kann es daran liegen, dass sich Pestalozzibiografen davor gescheut hätten, sich mit der Lebensgeschichte des Hans Jacob Pestalozzi auseinander zu setzen? Könnten sie befürchtet haben, wenn sie das Lebensdrama des Jungen offenbarten, ein schlechtes Licht auf den großen Pädagogen zu werfen? Oder wollten sie nicht riskieren selbst in Verruf zu geraten, sie wollten Pestalozzis Erbe in ein negatives Bild stellen? Unweigerlich könnte das geschehen, sobald man den schicksalhaften Lebenslauf des einzigen Sohnes versucht nachzuzeichnen.

Die wenigen Quellen, wie z. B. Briefe zwischen Hans Jacob Pestalozzi und seinen Eltern und das Tagebuch über die Erziehung des Sohnes geben wichtige Erkenntnisse preis und bringen Licht ins Dunkel der Lebensgeschichte des Pestalozzi-Sohnes.

Um die tragische Lebensgeschichte Hans Jacobs darzustellen, beziehe ich mich überwiegend auf die bereits bestehende Biografie zum Pestalozzi-Sohn von Werner Keil: „‘Wie Johann Heinrich seine Kinder lehrt ...’ - Lebensgeschichte und Erziehung des Hans Jacob Pestalozzi“ und den dazugehörigen Dokumentarband mit der Abschrift von über 4 Dutzend Briefen zwischen Hans Jacob Pestalozzi und seinen Eltern. Die Lebensabschnitte Herbst 1771 bis Januar ’74 und Februar ’74 bis Mitte ’82 sind quellenlos.

Nur insofern notwendig wird Bezug auf das Leben der Eltern genommen. Für Hans Jacobs Leben wichtige Personen werden im Vorfeld kurz vorgestellt, um eine Personen-Orientierung zu geben.

Bei Hans Jacob Pestalozzi geht es um eine Person, die auf kaum eine Weise auf sich aufmerksam gemacht hat und die im Schatten eines Vaters stand, der zu den Größen seiner Zeit und den Leitfiguren der Pädagogik zählt.

Es soll versucht werden die Beziehung zwischen dem Sohn und seinen Eltern darzustellen und wie Hans Jacob Teil eines Dramas wird, in dem er selbst die Hauptrolle spielt.

2. Kurze Vorstellung wichtiger Personen, die bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung und das Leben Hans Jacob Pestalozzis nehmen

Selbstverständlich hatte Hans Jacob zu bedeutend mehr Menschen Kontakt als zu den hier vorgestellten. Auch hatte er Freunde und Bekannte in der Handelsschule in Mühlhausen oder gar einige unter den Waisenkindern auf dem Neuhof. Doch ist über diese wenig vermittelt und demnach in dieser Arbeit nicht erwähnenswert.

2.1. Die Eltern Vater Johann Heinrich und Mutter Anna Pestalozzi-Schultheß

Johann Heinrich Pestalozzi

Am 12. Januar 1746 wird Johann Heinrich Pestalozzi in Zürich geboren. Sein Vater und mehrere Geschwister sterben kurze Zeit später. Seine Mutter und eine Magd der Familie behüten ihn überfürsorglich. Pestalozzi besucht alle Schulen, die einem intelligenten jungen Stadtbürger seiner Zeit offen stehen und kommt so mit berühmten Personen der schweizerischen Aufklärung in Kontakt. Er lernt die Gedanken alter und neuer Philosophen kennen, vor allem die Gedanken und Werke von Jean Jacques Rousseau.

Ein Theologie- und Jurastudium bricht er ab und beginnt eine landwirtschaftliche Lehre, um als Unternehmer auf dem Land zu leben. 1767 lernt er die acht Jahre ältere Anna Schultheß kennen und verliebt sich in sie. 1769 heiratet er sie gegen den heftigen Widerstand der Braut- eltern. Sowohl die landwirtschaftlichen Unternehmungen als auch die Versuche eine Armen- anstalt erfolgreich aufzubauen, scheitern. Das gekaufte brachliegende Acker- und Weideland stellt sich als wenig fruchtbar heraus. Ungünstige Umstände machen einen Erfolg für Pestalozzi unmöglich. Unter anderem missgönnen Nachbarn Pestalozzi den erfolgreichen Aufbau seiner wirtschaftlichen Unternehmung. Sie lassen ihr Vieh auf seinem Acker weiden und bringen ihn in der Umgebung in Verruf. Skrupellose Kreditgeber erschweren das Vorwärtskommen des neuen Wahllandwirtes und Missernten fordern ihren Tribut. Anstatt, dass sich die Armenanstalt durch die erlernte Arbeit der Kinder selbst trägt, wurden diese von ihren Eltern zurückgeholt, damit sie in ihren Diensten tätig würden. Weiterhin war die Produktion qualitativ viel zu minderwertig, als dass sie genug Einnahmen gebracht hätte, um die gesamte Armenanstalt tragen zu können. Schließlich versucht er sich als Schriftsteller und hat in den Jahren von 1780-1798 mehrere Erfolge (z.B. „Abendstunde eines Einsiedlers 1779 und die vier Bände von „Lienhard und Gertrud“ 1781, ’83, ’85, ’87).

Ein Aufenthalt in Stans bringt Pestalozzi die entscheidende Lebenswende. Im Schloss Burg- dorf erhält er die Möglichkeit seine Ideen einer Erziehungsanstalt zu verwirklichen. Die dazu grundlegende Schrift "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" macht Pestalozzi als großen Erzieher und Erneuerer der Volksschule bekannt. 1803 fordert Bern das Schloss Burgdorf zurück. Pestalozzi muss das Schloss verlassen.

In der 2. Jahreshälfte 1804 baut Pestalozzi ein neues Institut in der französischen Schweiz auf. Sein Institut wird rasch berühmt und sein pädagogischer Impuls strahlt nach ganz Europa. Als pädagogischer Vorreiter des heutigen Schulsystems verbindet er das Lehren und Erziehen von Kindern im Alter von 7 bis 15 Jahren erstmals mit einem ganzheitlichen Konzept. Nach einer kurz auflebenden Blütezeit ruinieren u. a. ökonomische Schwierigkeiten schließlich das Insti- tut. 1825 muss es Pestalozzi auflösen. Nun zieht er sich auf seinen Neuhof zurück und will er- neut eine Armenanstalt aufbauen. Noch vor der Umsetzung seiner Pläne stirbt Pestalozzi am 17. Febr. 1827.1

Anna Pestalozzi-Schultheß

Als einziges Mädchen unter fünf Brüdern kommt Anna Schultheß in der Familie eines reichen und angesehenen Züricher Kaufmanns und Zuckerbäckers am 9. August 1738 zur Welt. Vier weitere Geschwister sterben in früher Kindheit. Annas Vater steht stark unter dem Einfluss seiner Frau, einer herrischen, stolzen und gefühlskalten Person. Ihre Kinder haben streng zu gehorchen und werden bei Widersetzlichkeit hart bestraft und bis ins Erwachsenenalter kör- perlich gezüchtigt. Anna ist eine bekannte Stadtschönheit, daran gewöhnt, immer genug Geld zu haben, sehr intelligent und gebildet, fromm, feinsinnig und empfindsam, einerseits eher kühl und distanziert, andererseits ebenso wie Pestalozzi zum Zorn neigend. Aus der Sicht Annas besteht zwischen ihr und Pestalozzi ein klarer Standesunterschied, weshalb sie, als es zu den ersten Kontakten mit Pestalozzi kommt, ihren Eltern diese Liebschaft vorerst verheim- licht und auch ihren Geliebten zur Heimlichkeit gebietet. Als die Eltern Schultheß von Pesta- lozzis Absichten erfahren, werfen sie ihn aus dem Haus und verschließen ihm künftig die Tür. So schreiben sich die beiden, gegen den Willen Annas Eltern, bis zu ihrer Vermählung im September 1769.2

Pestalozzis revolutionäre Ideen führen die Familie bereits kurz nach der Hochzeit in den Bankrott. Um seine Vision einer landwirtschaftlichen Erziehungsanstalt verbunden mit Baum- wollindustrie durchführen zu können, leiht er sich Geld von über sechzig Gläubigern. Anna lässt sich von ihren Eltern ihren Erbteil auszahlen. Die 37 Kinder, die Pestalozzi in sein Haus aufnimmt, versorgt Anna im Alleingang. 1780 hat Pestalozzi das geliehene Geld und das Ver- mögen seiner Frau verwirtschaftet. Anna gibt sich für die Epilepsie ihres 1770 geborenen Sohnes die Schuld und sucht permanent Entspannung und Ablenkung in der Musik, Literatur, Handarbeiten und Kartenspielen mit ihren Freundinnen. Daneben teilt Anna das Leben ihres Mannes und leitet als Hausmutter seine Waisen- und Kinderheime in Stans und Burgdorf. Ihre Art, mit den Kindern umzugehen, inspiriert Pestalozzis pädagogische Ideen. Als Pestalozzi das Institut in Yverdon übernimmt, ist Anna bereits über Sechzig und gesundheitlich schwer angeschlagen. Trotzdem übernimmt sie wieder die hauswirtschaftliche Leitung der Erziehungsanstalt und bemuttert die von Pestalozzi anvertrauten Kinder. Sie stirbt am 17. Dezember 1815 in Yverdon infolge einer Hustenerkrankung.3

2.2. Frau Schweitzer-Heß

Anna Magdalena Schweitzer-Heß (1751-1815) ist eine enge Freundin der Familie Pestalozzi und hat Hans Jacob ganz besonders ins Herz geschlossen. Sie überbringt ihm, als er sich das zweite Mal in Basel befindet, den ersten Brief vom Vater und bleibt einige Tage, um ihm, an Stelle der leiblichen Mutter, fürsorgliche und mütterliche Geborgenheit zu geben. Inwiefern sie das im Auftrag der Mutter tut, ist ungewiss. Sie selbst hatte keine Kinder.4

2.3. Familie Battier und Hauslehrer Peter Petersen

Die Familie Battier ist in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts eine der reich begüterten und angesehenen Kaufmannsfamilien in Basel. Der Großvater, Felix Battier Senior, ist bereits etli- che Jahre Bürgermeister von Basel gewesen. Sein gleichnamiger Sohn (1748-1801), gründet und betreibt die Firma „Felix Battier und Sohn“, ein gut florierendes Kolonialwarengeschäft und eine Drogerie mit weltweiten Handelsbeziehungen. Er und seine Familie nehmen Hans Jacob Pestalozzi für gewisse Zeit bei sich im Hause auf und lassen ihn zusammen mit den eigenen Kindern unterrichten.

Die Mutter, Sarah Battier, geborene Thuneysen (1758-1833) ist erst 18 Jahre alt, als sie ihr erstes Kind, Gertrud (1776-1838), gebiert. Gertrud ist oft verträumt, unkonzentriert, ungeduldig und obendrein „Nesthäkchen“ und „Stubenhocker“. Ihr Bruder Felix (1777-1829) ist das genaue Gegenteil von ihr. Er ist nach seinem Großvater und Vater benannt worden.

Rosina Battier (1779 - 1783) ist das jüngste Kind der Familie und stirbt bereits im Alter von gerade einmal vier Jahren an einer nicht näher bekannten Krankheit.5

Der Hauslehrer der Familie Battier, Peter Petersen (1762-1838), Sohn des in Dänemark gebürtigen Gärtners Niklaus Petersen und der Charlotte Werdenberg betreut als junger 20-Jähriger die zwei älteren Kinder Battiers und später auch Hans Jacob Pestalozzi.6

2.4. Hans Jacob Pestalozzis Ehefrau Anna Magdalena Frölich von Brugg

Hans Jacobs Ehefrau ist das Patenkind seiner Mutter Anna Pestalozzis. Im Kindesalter spielen sie hin und wieder gemeinsam. Als Anna Magdalena 24 Jahre alt ist, wird sie von Anna Pestalozzi auf Hans Jacob aufmerksam gemacht. Sie ist „von Gestalt zart, vom Wesen ‚fröhlich und fromm’“ und zeigt reges Interesse an Pestalozzis Menschenfreundlichkeit und seinen Idealen7.

3. Exkurs: Die Eltern im Bann ihres Vorbildes Jean-Jaques Rousseau

Wie fast jeder seiner Generation, ist auch Pestalozzi von Rousseau außerordentlich begeistert gewesen. Er ist so sehr von der Richtigkeit der idealen Erziehung, wie sie Rousseau in seinem „Emile oder über die Erziehung“ propagierte, überzeugt gewesen, dass er die Erziehung seines Sohnes mit einer willkürlichen Auswahl entlehnter erzieherischer Ansatz- und Zugangsmöglichkeiten aufbauen und experimentell umsetzen will. Doch stößt er schnell mit seinen Erziehungsansprüchen an vielfache Grenzen in der Erziehungswirklichkeit.

Drei Jahre vor der Geburt des Sohnes führt der Tod eines gemeinsamen Freundes das zukünftige Paar Anna Schultheß und Johann Heinrich Pestalozzi zusammen. Schon in ihren sich anschließenden Brautbriefen waren der Genfer Philosoph und dessen „Emile“ die Hauptthemen der beiden. Sie einigen sich schnell über die zukünftige Erziehung ihres nach Rousseau benannten Sohnes. Er erhält den eingedeutschten Namen Hans Jacob8.

Der Genfer Philosoph Jean Jacques Rousseau propagierte 1762 im "Emile" ein pädagogischutopisches neues Erziehungskonzept. Für den übereifrigen Pestalozzi bietet es eine vollkommen neue und noch nie da gewesene reizvolle Herausforderung. Er nimmt sich zusammen mit Anna des unerprobten, in Gedanken und Vorstellungen skizzenhaft entwickelten Erziehungsplanes an und setzt es am eigenen Sohn in einem Erziehungsexperiment von kurzer Dauer und schnell zum Desaster führend um.

Fern ab von lasterhaften städtischen und gesellschaftlichen Einflüssen will Pestalozzi seinen Sohn im Schutz der Ländlichkeit und im Sinne Rousseaus „Zurück zur Natur“ aufwachsen lassen. Die Natur soll dabei hauptsächliche Lehrmeisterin sein.9 Pestalozzi stimmt mit Rousseau überein: "Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen." (Kiesel, T. (2000), S. 37)

Er wählt willkürlich einzelne Bruchstücke aus dem Themenangebot seiner Leitfigur aus und experimentiert damit an seinem Sohn. Dabei stößt er immer wieder auf Schwierigkeiten, scheitert schließlich und rückt schrittweise von Rousseaus Ideen ab.

Johann Heinrich Pestalozzi hat nie direkten Kontakt mit Rousseau, steht aber in freundschaftlichem Kontakt zu Personen, die wiederum in einer persönlichen Beziehung zu Jean Jacques stehen. Pestalozzi kann sich also aus erster Hand über die Person Rousseau und seine Ideen informieren und ist nicht nur auf Literatur angewiesen10.

[...]


1 Kuhlemann, Gerhard; Brühlmeier, Arthur: Kurzbiographie von Johann Heinrich Pestalozzi. AVL: http://www.heinrich-pestalozzi.de/de/dokumentation/biographie/kurzbiographie/index.htm, (Funddatum : 18.03.2009)

2 Kuhlemann, Gerhard: Brühlmeier, Arthur: Heinrich Pestalozzi und Anna Schulthess. AVL: http://www.heinrich-pestalozzi.de/de/dokumentation/biographie/neuhofjahre/das_ideal_des_bauern_und_der_bauer_pestalozzi/anna_schulthess/ index.htm?no_cache=1&sword_list[0]=hochzeit, (Funddatum: 18.03.2009)

3 Wikipedia, Die freie Enzyklopädie, Wikipedia Foundation Inc.: Anna Pestalozzi. AVL: http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Pestalozzi, (Funddatum : 01.03.2009)

4 vgl. Keil, W. (1995a), S. 221

5 vgl. Keil, W., S. 116

6 vgl. Keil, W., S. 119

7 vgl. Keil, W., S. 252

8 vgl. Kiesel, Torsten (2000), S. 25-31

9 vgl. Kiesel, T., S. 36-44

10 vgl. Kiesel, T., S. 25-30

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