Lade Inhalt...

Meinungskonformität auf Facebook

Projektbericht der Erstellung eines Online-Fragebogens zur Fragestellung „Findet eine Anpassung in der Darstellung der eigenen Meinung auf Facebook statt, um sein Selbstwertgefühl zu steigern?“

von Sandra Friedrichs (Autor) Anne Strandt (Autor) Marcus Plaul (Autor) Niklas Venema (Autor)

Projektarbeit 2011 70 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die theoretische Einbettung
2.1 Die Theorie der Schweigespirale
2.2 Simulationsmodell

3. Konkretisierung der Fragestellung
3.1 Die Bildung von Hypothesen
3.2 Zentrale Begriffe

4. Der Fragebogen
4.1 Stichprobe, Forschungsdesign und Auswahlverfahren
4.2 Operationalisierung und Aufbau

5. Der Zwei-Phasen-Pretest
5.1. Standardisiertes Evaluationsinterview mit kognitiven Techniken
5.2 Standard-Pretest

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

Anhang
1. Forschungsfrage und Hypothesen mit abhängigen und unabhängigen Variablen
2. Semantische und Dimensionale Analyse
3. Der Fragebogen
4. Tabelle zur Operationalisierung
5. Auswertung des standardisierten Evaluationsinterviews mit kognitiven Techniken
6. Verbesserter Fragebogen

1. Einleitung

„We lived on farms, then we lived in cities, and now we're going to live on the internet!” (The Social Network)

Vor einigen Jahren wäre es kaum vorstellbar gewesen, dass eine Website nicht nur das Internet, sondern auch den menschlichen Alltag revolutioniert. Doch Mark Zuckerberg hat es mit seinem Online-Netzwerk Facebook geschafft. Während sich weltweit schon 700 Millionen Nutzer (vgl. Social Bakers 2011) auf dieser Plattform tummeln, sind es in Deutschland bereits rund 20 Millionen (vgl. Roth/Wiese 2011). Analysten sagen voraus, dass die eine Billionengrenze Mitte 2012 erreicht werden soll und somit jeder Siebte auf der ganzen Welt auf Facebook zu finden ist (vgl. Social Bakers 2011). Doch bei einer blo- ßen Anmeldung bleibt es meist nicht. So suchen sich die Nutzer auf Facebook neue Onli- ne-Freunde, veröffentlichen Statusmeldungen, Fotos, Videos, kommentieren andere Bei- träge ihrer Freunde und setzen bei Zustimmung einen blauen Daumen, das „Gefällt mir“, unter die Nachricht. Die Nutzer bauen sich eine Identität im Netz auf, die sie auf Facebook widergespiegelt. Sie wird genutzt, um, überspitzt gesagt, im Internet ein Leben zu führen (vgl. Steinschaden 2010: 12 ff.).

Die Website stellt somit eine Mischform aus Realität und Digitalität dar. So befreunden sich die Nutzer mit ihren Realbeziehungen, zu denen sie auch außerhalb des sozialen Netzwerkes freundschaftlichen Kontakt pflegen, aber auch mit schwachen Online- Beziehungen, die sie nur aus dem Internet kennen. Es wird oft zwischen Freunden und Facebook-Freunden unterschieden, wobei sie unter Umständen auch gleich sind. Bislang lassen sich bei Facebook bis zu 5000 Freunde sammeln und mit ihnen in Kontakt treten. Es finden sich bei einigen Nutzern sogar Wettbewerbe, wer am schnellsten die meisten Face- book-Freunde besitzt. Bei ihnen gilt: Je mehr Freunde jemand hat, desto beliebter ist er und das Selbstwertgefühl steigt (vgl. Steinschaden 2010: 12 ff.).

Dieses Selbstwertgefühl liegt im Interesse des vorliegenden Projekts. Allerdings fokussiert sich das Projekt keinesfalls auf die Facebook-Freundesanzahl. Es soll hinter die Fassade geschaut werden. Facebook bietet seinen Nutzern viele Kommunikationsmöglichkeiten an. Im sozialen Netzwerk dreht sich schließlich alles um Kommunikation. Doch lässt sich auf dieser Website auch das Selbstwertgefühl der Nutzer senken oder steigern? Und suchen die Nutzer vielleicht gezielt nach einer derartigen Befriedigung? In Anlehnung an der Theorie der Schweigespirale und des Simulationsmodells, die in Kapitel 2 erläutert werden, lässt sich eine prägnante Forschungsfrage formulieren: Findet eine Anpassung in der Darstel- lung der eigenen Meinung auf Facebook statt, um sein Selbstwertgefühl zu steigern? Es gilt herauszufinden, ob die Nutzer ihre Aussagen verändern, um Anerkennung und Respekt zu erhalten, und ob die Facebook-Freunde darauf Einfluss haben.

Die Forschungsfrage soll im Verlauf näher betrachtet werden. Dafür wird im nächsten Ka- pitel der theoretische Bezugsrahmen kurz vorgestellt. Im dritten Kapitel werden Hypothe- sen aus der Fragestellung abgeleitet und ebenso die zentralen Begriffe mittels semantischer und dimensionaler Analyse definiert. Das vierte Kapitel dreht sich um das Messinstrument, den Fragebogen. Es soll geklärt werden, welche Auswahlverfahren und Grundgesamthei- ten vorliegen und warum der Fragebogen so aufgebaut und operationalisiert wurde, wie er im Anhang auf Seite VI zu finden ist. Daraufhin wird im fünften Kapitel auf den Pretest eingegangen, der in zwei Phasen erhoben wurde. Zum Schluss werden die Befunde zu- sammengefasst, Stärken und Schwächen dargestellt und ermittelt, ob dieses Projekt eine Hauptuntersuchung verdient hätte.

2. Die theoretische Einbettung

Der theoretische Bezugsrahmen setzt sich aus der Theorie der Schweigespirale und des Simulationsmodells zusammen. Im Folgenden werden diese Theorien vorgestellt, auf Schwachstellen hingewiesen und der Bezug zur Forschungsfrage klargestellt.

2.1 Die Theorie der Schweigespirale

Die Schweigespirale, die von Elisabeth Noelle-Neumann 1973 formuliert wurde, nimmt an, dass Menschen auf die Gesellschaft anderer angewiesen und von einer Isolationsfurcht geprägt sind. Sie beobachten ihre Umwelt beispielsweise mit Medien, um herauszufinden, welche Überzeugung die Gesellschaft mehrheitlich hat. Weicht die eigene Meinung von der ab, die als gesellschaftlich dominant wahrgenommen wird, neigen die Menschen dazu, die eigene Meinung aufgrund des Konformationsdrucks für sich zu behalten. Im Gegensatz dazu steigt aber die Artikulation der eigenen Überzeugung, wenn sie im Einklang mit der vermeintlichen Mehrheitsmeinung steht. So geht eine Verdrängung der scheinbaren Min- derheitsmeinung einher, da sie verschwiegen, während die andere Meinung, die vermeint- lich in der Mehrheit ist, weiter publiziert wird. Ein Spiralprozess beginnt, wodurch die Mehrheits- stärker wird als die Minderheitsmeinung (vgl. Sander 2008: 279).

Vor allem der erste Teil der Forschungsfrage „Findet eine Anpassung in der Darstellung der eigenen Meinung auf Facebook statt“ zieht die Überlegungen der Theorie mit ein. So wird davon ausgegangen, dass die Nutzer die Umwelt, also Facebook, beobachten und Statusmeldungen, Kommentare etc. verinnerlichen. Daraus entsteht eine vermeintliche Mehrheitsmeinung innerhalb des Facebook-Freundeskreises. Die Nutzer passen sich dieser Meinung an und verdrängen ihre eigene Überzeugung. Die Forschungsfrage impliziert allerdings, dass sie dieses aufgrund ihres Selbstwertgefühls, nicht aus Isolationsfurcht tun, worauf im Folgenden aber das Simulationsmodell weiter eingeht.

Der Gruppe des Projekts ist klar, dass die Theorie der Schweigespirale einen ungenügen- den Geltungsbereich besitzt und mangelnd empirisch fundiert ist (vgl. Zelonczewski 2009: 20 ff.). Die oben genannten Behauptungen bewegen sich so auf dünnem Eis. Die Schwei- gespirale soll aber lediglich die Richtung der Forschungsfrage weisen. Hauptsächlich em- pirisch gestützt wird sie vom Simulationsmodell.

2.2 Simulationsmodell

Unter dem Simulationsmodell wird verstanden, „dass die Beschränkung auf den Textkanal den Menschen unvergleichlich große Kontrolle darüber beschert, welche Informationen sie in sozialen Kommunikationsprozessen über sich und ihre Lebenszusammenhänge offenba- ren wollen.“ (Döring 2003: 167). Durch diese Kontrolle lassen sich Identitäten und andere Lebenszusammenhänge in fast beliebiger Weise konstruieren bzw. simulieren. Dies bedeu- tet, dass auch Fehlinformationen möglich sind, die sich vom Gegenüber nicht überprüfen lassen. Also kann man auch falsche Meinungen veröffentlichen, um sich der Mehrheit an- zupassen. Es geht somit um die Selbstdarstellung der Person in virtuellen Räumen, die sich vom Nutzer selbst manipulieren lässt. Dabei spielt nicht nur die Anpassung eine Rolle, sondern auch die Bedürfnisse, die befriedigt, und Erwartungen, die erfüllt werden können (vgl. ebd: 167 ff.).

Ein passendes, fiktives Beispiel hinsichtlich der Forschungsfrage kann wie folgt lauten: Ein junges Mädchen stellt Strandfotos von sich ins soziale Netzwerk. Sie fühlt sich zwar nicht wohl dabei, dass ihre Facebook-Freunde sie im Bikini betrachten können, aber ihre Freunde haben es bisher auch so gemacht. Sie möchte sich der Masse anpassen. Nicht nur, um sonst herauszufallen und ein Außenseiter zu werden, sondern auch, um positive Rück- meldungen via Kommentare oder der Gefällt-mir-Funktion zu erhalten. Damit befriedigt sie nämlich ihr Bedürfnis nach einem gesteigerten Selbstwertgefühl. Veröffentlicht sie also nicht die Strandfotos, kann sie ihr Selbstwertgefühl nicht steigern bzw. befriedigen. Des- halb stellt sie diese ins soziale Netzwerk und passt die Darstellung ihrer eigenen Meinung, da sie eigentlich gegen die Veröffentlichung ist, auf Facebook an, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern (vgl. Steinschaden: 176 ff.).

Die größte Schwäche des Simulationsmodells ist, dass es sich nicht leicht auf enge, reale Beziehungen übertragen lässt. Der Aspekt muss berücksichtigt werden, falls die Facebook- Freunde mit den Realbeziehungen gleichzusetzen sind. Allerdings sind laut Harvardstudie ohnehin nur sieben von 100 Facebook-Freunden reale Freundschaften (vgl. Schmeller 2010). So fungiert das Modell ohne größere Probleme als theoretischer Bezugsrahmen.

3. Konkretisierung der Fragestellung

Bevor das Projekt weitergeführt wird, müssen aus der Forschungsfrage und den Theorien Hypothesen abgeleitet werden. Diese sollen in der Untersuchung empirisch geprüft wer- den. Dieses Kapitel befasst sich mit den Hypothesen sowie mit der Definition der zentralen Begriffe.

3.1 Die Bildung von Hypothesen

Aus der Fragestellung und den Theorien heraus, wurden insgesamt sechs Hypothesen ab- geleitet. Die erste Hypothese, Facebook-Nutzer veröffentlichen Inhalte bei Facebook, um sich positiv darzustellen, lehnt sich stark am Simulationsmodell an. So publizieren Nutzer Inhalte bei Facebook, um sich eine positive Identität aufzubauen. Im Fragebogen soll also geprüft werden, ob die unabhängige Variable, die Veröffentlichung von Inhalten, zur ab- hängigen Variable, der positiven Darstellung, führt.

Die zweite Hypothese, Facebook-Nutzer fühlen sich bestätigt, wenn sie positive Reaktio- nen auf ihre Inhalte erhalten, lehnt sich an der Theorie der Schweigespirale, aber auch am Simulationsmodell an. Nach der Schweigespirale äußern sich diejenigen, die sich in der Mehrheit sehen, mehr in der Öffentlichkeit als andere. Wenn sie also positive Rückmel- dungen bekommen, dass eine Meinung zu ihrem Thema „richtig“ ist, fühlen sie sich bestä- tigt. Das Bestätigtfühlen stellt wiederum ein Bedürfnis dar, wonach sich die Identität modi- fizieren lässt. Das Simulationsmodell greift also dort. Im Fragebogen wird demnach nach- gegangen, ob der Erhalt von positiven Reaktionen, unabhängige Variable, zum Bestätigt- fühlen führt, abhängige Variable.

Um Selbstwertgefühl zu erlangen, hält sich der Nutzer mit seiner eigenen Meinung zurück und veröffentlicht die allgemein akzeptierte Meinung. Dies ist die dritte Hypothese, die größtenteils auf der Theorie der Schweigespirale fußt, aber auch Aspekte aus dem Simula- tionsmodell einbezieht. So veröffentlicht der Nutzer die allgemein akzeptierte Meinung in Kommentaren, obwohl sie nicht seiner eigenen Überzeugung entspricht. Dies tut er, um sein Selbstwertgefühl zu befriedigen. Somit wird im Fragebogen nachgegangen, ob die unabhängige Variable, die Veröffentlichung der allgemein akzeptierten Meinung, zur ab- hängigen Variable, dem Erlangen von Selbstwertgefühl, führt.

Die vierte Hypothese wird zwar von den anderen schon angedeutet, allerdings muss sie unmissverständlich herausgehoben werden: Die Facebook-Nutzer beobachten die öffentli- che Meinung. Diese Hypothese fußt klar auf der Theorie der Schweigespirale, die vorgibt, dass Menschen die Umwelt beobachten. Die Beobachtung der öffentlichen Meinung stellt eine abhängige Variable dar, die vom Nutzer beeinflusst wird. Der Fragebogen soll zeigen, dass die Nutzer Facebook beobachten.

[...]

Details

Seiten
70
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656023562
ISBN (Buch)
9783656023814
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179733
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Empirische Forschung Facebook Meinung Anpassung Online-Fragebogen Fragebogen Selbstwertgefühl

Autoren

Teilen

Zurück

Titel: Meinungskonformität auf Facebook