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Machiavellis instrumentelles Verständnis der Religion vor dem Hintergrund seiner Lehre der Machtkonsolidierung

Hausarbeit 2010 19 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellen Machiavellischen Denkens
2.1 Italienischer Humanismus der Renaissance
2.2 Anthropologie
2.2.1 ambizione - Die Gefahr des Ehrgeizes
2.2.2 Erziehung des Menschen
2.3 Relevanz der Geschichte

3. Die Lehre von der Machtkonsolidierung
3.1 virtù - Die Macht der Selbstbestimmung
3.2 fortuna - Die Macht der Unberechenbarkeit
3.3 necessità - Die Notwendigkeit historischer Abläufe
3.4 Staatsräson - Die Ethik der Machtkonsolidierung

4. Religion - Ein funktionalisiertes Instrument?

5. Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Wissenschaft setzt sich auch knapp 500 Jahre nach dem Tod des Niccolò Machiavelli (1469 - 1527) immer noch mit seinen kontroversen Thesen auseinander, welche „ihre Faszination keineswegs eingebüßt haben.“(Schröder 2004,9). Diese hitzige Debatte führt sogar dazu, dass die Bezeichnung „ein Machiavellist zu sein, immer noch eine ernstzunehmende Anschuldigung in gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen darstellt.“ (Skinner 1990,11). Dies liegt insbesondere daran, dass Machiavelli von einigen Personen als „Inbegriff politischer Unmoral“ (Münkler 2004,13) diffamiert und von anderen wiederum als „eine Herausforderung für seine Interpreten“ (Ottmann 2006,11) gewürdigt wird. Oftmals werden die Moral, die Republik oder die Herrschaftslehre Machiavellis thematisiert. Die Rolle der Religion bei Machiavelli bleibt dabei häufig nur ein Randthema, obwohl die Säkularisierung der Neuzeit ein zentrales Thema des Epochenwechsels vom Mittelalter zur Neuzeit darstellt. Deshalb soll diese historische Zäsur den Ausgangspunkt dieser Untersuchung darstellen. „Il Principe" und „Discorsi" als Machiavellis Hauptwerke sowie umfangreiche Sekundärliteratur sollen dabei helfen die Frage zu beantworten, inwiefern Machiavelli unter Berücksichtigung des epochalen Kontextes, seines Menschenbildes und seiner Geschichtsauffassung eine Instrumentalisierung der Religion zur Stabilisierung der Macht begründet hat. Zunächst sollen die Quellen des Machiavellischen Denkens (2.) Aufschluss darüber geben, in welcher Zeit und unter welchen gesellschaftspolitischen Einflüssen Machiavelli lebte (2.1). Außerdem wird im Rahmen dieser Quellen geklärt, welches Menschenbild (2.2) Machiavelli besitzt und welche Gefahren (2.2.1) und Lösungsvorschläge (2.2.2) er erkannt hat. Als letzte Quelle wird das Geschichtsbild (2.3) Machiavellis untersucht. Nachdem die Einflüsse und Ursachen seiner theoretischen Erkenntnisse geklärt sind, muss nun die konkrete Lehre der Machtkonsolidierung untersucht werden. Die drei Schlüsselbegriffe virtù (3.1), fortuna (3.2) und necessità (3.3) bilden das gedankliche Fundament seiner Lehre von der Machtkonsolidierung und werden dementsprechend analysiert, auch im Hinblick auf mögliche säkulare Bestandteile. Darüber hinaus soll geklärt werden, welches Verhältnis Machiavelli zur Ethik (3.4) besitzt. In diesem Punkt wird explizit auf die Instrumente zur Machtkonsolidierung eingegangen und dabei Machiavellis Verhältnis zur Moral analysiert. Die Thematik der Ethik hat den stärksten Bezug zum Hauptthema der Religion und soll deshalb als letzter Punkt innerhalb der Lehre von der Machtkonsolidierung behandelt werden, um somit zielgerichtet das zentrale Thema der Rolle der Religion (4.) vorzubereiten und einzuleiten. Diese soll abschließend unter der Fragestellung, ob die Religion ein funktionalisiertes Instrument sei, beantwortet werden. Dabei werden insbesondere Machiavellis Verhältnis zur Religion und zum Christentum untersucht. Die Darstellung der Vita des Niccolò Machiavelli, des Einflusses der Mediciherrschaft auf ihn und des umfassenden historischen Kontextes wäre sicherlich hilfreich zum Verständnis, würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb kann auch die Lehre Machiavellis nicht umfassend dargestellt werden, sondern lediglich in zielgerichteter Selektion der relevanten Aspekte für die Analyse der Religion in Machiavellis Werken.

2. Quellen Machiavellischen Denkens

2.1 Italienischer Humanismus der Renaissance

Renaissance bedeutet nichts anderes als die Wiedergeburt der Antike. Jener Wunsch, der am Größten erscheint, wenn die gegenwärtige Situation einen Tiefpunkt an Dekadenz erreicht hat. Genau diesen Status hat das Italien des 14. Jahrhunderts erreicht, wo die Vormachtstellung von Papst- und Kaisertum durch die Entstehung von Nationalstaaten erschüttert wird und das Feudalsystem des Mittelalters dem Frühkapitalismus der Neuzeit weichen muss (nach Buck 1987,123). Die Entstehung des Humanismus wird durch die Unsicherheit der Neuzeit ausgelöst, welche durch die Auflösung der Feudalstruktur des Mittelalters zu erklären ist, sodass insbesondere die Menschen in den oberitalienischen Stadtstaaten nach einer neuen Identität suchen müssen (nach Kuester 1995,25). Die Renaissance bewirkt einen Mentalitätswandel in den Köpfen der Menschen, welcher unmittelbar mit dem politischen und ökonomischen Fortschrift verknüpft werden muss und außerdem der kulturellen und naturwissenschaftlichen Neuorientierung geschuldet ist. Diese Faktoren stehen in einem synergistischen Verhältnis zueinander. Letztendlich wird die Metaphysik des Mittelalters durch die Individualität der Renaissance ersetzt. (nach Münkler 1991,24). Dabei differenzieren sich die Humanisten in Bürger- und Literaten-Humanisten. Sie unterscheiden sich hauptsächlich in ihren unterschiedlichen Freiheitsvorstellungen. Die Literaten-Humanisten fordern ein sicheres Umfeld, die Bürger-Humanisten hingegen Teilnahme an der Politik. Ein Beweis für die Zugehörigkeit Machiavellis zur Gruppe der Bürger-Humanisten liegt in der scharfen Kritik an Caesars Politik, wobei die Literaten­Humanisten genau gegenteilig entschieden hätten (nach Münkler 1991,26f.). Die Kirche steht der humanistischen Bewegung kritisch bis feindselig gegenüber und verstärkt damit die Paganität der italienischen Humanisten (nach Kuester 1995,25). Diese kritische Haltung ist nach Herfried Münkler auch nicht unberechtigt:

„Die Subjektivierung der Religion, die Zusammenfassung des Religiösen im Subjekt, in den individuellen Bedürfnissen und Stimmungen der Menschen und nicht mehr in den Dogmen und

Symbolen der christlichen Lehre, im Objekt der Erkenntnis, leitete die neuzeitliche Entwicklung der Privatisierung des Glaubens ein." (1990,21)

Gilt der Investiturstreit und der Gang nach Canossa 1077 durch König Heinrich IV. bis heute als Symbol weltlicher Unterwerfung, so kann die Einsetzung Giovanni de Medicis, fortan Leo X., ins Amt des Papstes 1513 als Triumph weltlicher über geistlicher Macht gewertet werden. Auch die Einsetzung Giulio de Medicis, fortan Clemens VII., in das Amt des höchsten geistlichen Würdenträgers 1523 folgt dieser Tradition. Somit zeichnet sich eine neuzeitliche Tendenz zur Säkularisierung ab, die es in Machiavellis Werken zu untersuchen gilt.

2.2 Anthropologie

2.2.1 ambizione - Die Gefahr des Ehrgeizes

Sieht Aristoteles den Menschen als ein zoon politikon, welcher sich erst in der Gesellschaft optimal selbstverwirklichen kann, so ist der Mensch bei Machiavelli ein Wesen, welches ständig zwischen dem Guten und dem Bösen pendelt (nach Münkler 2004,35). Machiavelli geht davon aus, „(...) daß alle Menschen böse sind und stets ihrer bösen Gemütsart folgen, sobald sie Gelegenheit dazu haben." (D I,3,26). Mit seiner offenkundlich negativen Betrachtung der menschlichen Natur unterscheidet sich Machiavelli entschieden von den Humanisten seiner Zeit. Giovanni Pico della Mirandola als Vertreter einer positiven Renaissanceanthropologie beschreibt den Menschen als ein Wesen, welches die Fähigkeit zur Selbstbestimmung der Seinsweise besitzt (nach Kersting 1998,31). Machiavelli lehnt diese Sichtweise strikt ab, indem er die natürliche Unersättlichkeit der Begierde problematisiert, welche schicksalsbedingt nur zu geringem Erfolg führt und somit ständig Unzufriedenheit produziert (nach D II,Vorwort,175f.). Die Dynamik der menschlichen Leidenschaften treibt den Menschen pausenlos voran, um die maßlose Befriedigung seiner Triebe zu vollziehen. Im Gegensatz zur tierischen Triebbefriedigung ist die menschliche Begierde grenzenlos. Problematisch dabei ist die Begrenztheit natürlicher und gesellschaftlicher Ressourcen, sodass der Mensch in seinem natürlichen Zustand durch sein gemeinschaftsschädigendes Verhalten zur innerlichen Zersetzung der Gesellschaft beiträgt (nach Kersting 1998,36). Nach Machiavelli sind wir Menschen „(...) so beschaffen, daß wir alles begehren, aber nicht alles erreichen können.“ (D I,37,110f.). Machiavelli konkretisiert die menschlichen Begierden und Leidenschaften im Begriff des Ehrgeizes, der ambizione. Dieser Ehrgeiz wird von Selbstsucht und Egoismus getrieben, aber ohne die notwendige Scharfsinnigkeit oder Handlungsrationalität zu besitzen, um ökonomische Vorteile zu erzielen, sodass der Ehrgeiz lediglich zum Nachteil gereicht (nach Kersting 1998,37). Die ambizione besteht im Einzelnen aus „Ehrgeiz", „Ruhmsucht“ sowie dem „Verlangen nach Macht, Gewinn und Besitz“ (Münkler 2004,35f.).

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Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656021001
ISBN (Buch)
9783656021247
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179705
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
machiavellis verständnis religion hintergrund lehre machtkonsolidierung Machiavelli virtù fortuna Staatsräson necessita

Autor

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