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Von welchen Ereignissen und Erfahrungen der Spätrepublik konnte Octavian bei der Etablierung seiner Herrschaft profitieren?

Hausarbeit 2009 22 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problemfelder und „Reformstau“
2.1 Die Überdehnung des Systems
2.2 Konkurrenz um die Macht im Staat
2.3 Der Bundesgenossenkrieg

3. Erste „Reformer“
3.1 Die Gracchen
3.2 Marius und die Heeresreform
3.3 Sulla und die Proskriptionen

4. Kulmination der Entwicklung unter Caesar

5. Ein neues System als Erlösung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Beginn der Alleinherrschaft von Octavian bzw. Augustus1 endete auch endgültig die über 450 Jahre währende Epoche der unter aristokratischer Regierung stehenden Römischen Republik.2 Octavian konnte sich nach langen Jahren einer periodisch durch Instabilität und Unruhen geprägten Bürgerkriegszeit an die alleinige Spitze des Staates stellen. Er begründete ein neues Staatsdenken, welches zu dieser Zeit von der innenpolitisch so gebeutelten römi- schen Gesellschaft vor allem wegen des Friedens willen ersehnt wurde. An diesem Ausgang anschließend soll diese Arbeit untersuchen, welche innenpolitischen Problemfelder und Konf- liktlinien der Spätrepublik (133-27 v. Chr.) den Untergang der Römischen Republik beding- ten und inwieweit diese für die historische Notwendigkeit der Schaffung eines neuen Systems verantwortlich waren. Anhand dieser Analyse soll dargestellt werden, von welchen Ereignis- sen, Erkenntnissen und Erfahrungen Octavian lernen und profitieren konnte und welche poli- tischen Veränderungen die Herausbildung und Etablierung seiner Herrschaft begünstigten. Es soll damit aufgezeigt werden, dass Octavian beim Aufbau seiner Machtstellung auf ein Erbe aus der krisengeschüttelten spätrepublikanischen Zeit zurückgreifen konnte und nicht alles neu erfinden musste.

Die Geschichtswissenschaft befasste sich bis ins 20. Jahrhundert hinein vornehmlich mit dem Untergang der Römischen Republik an sich, weniger mit dessen Ursachen. Dabei wur- den einzelne Persönlichkeiten wie die Gracchen, Sulla, Caesar oder Octavian vorrangig als Urheber der kontinuierlichen Auflösung und des letztendlichen Zusammenbruchs der Repub- lik verantwortlich gemacht.3 Die moderne althistorische Geschichtswissenschaft verwirft größtenteils dieses individualisierte Geschichtsbild, weil dieses als eine bewusste politische Instrumentalisierung der römischen Geschichtsschreibung zu verstehen sei. Desweiteren wird dem älteren Argument des „Sittenverfalls“ u.a. von Karl Christ entgegengehalten, dass dieses viel zu sehr eine aus den spezifischen Interessen der Nobilität hergeleitete Idealisierung wi- derspiegelt. Die Erklärung des „Sittenverfalls“ als Hauptgrund für den Niedergang müsse daher als rein „propagandistisches Schlagwort“ der aristokratischen Führungsschicht abgetan werden.4 Mit einem verstärkt sozialhistorischen Ansatz versucht die moderne althistorische Geschichtswissenschaft der Frage nach der Desintegration der römischen Gesellschaft und dem Strukturwandel der Republik nachzugehen,5 um somit die komplexen Ursachen des Untergangs erklären zu können. Zu nennen sind hierbei vor allem die Arbeiten von Karl Christ, Jochen Bleicken und Erich Stephen Gruen.

Im Hinblick auf die Fragestellung dieser Arbeit sollen außenpolitische Ereignisse mög- lichst ausgespart werden. Diese haben sicherlich immer wieder mit auch stärkeren Einflüssen die innenpolitischen Themen und Krisen tangiert und den Untergang der römischen Senats- herrschaft entscheidend beschleunigt.6 Eine Darstellung dieser zur Ursachenerforschung über den Zerfall der Republik würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit weit überspannen.

Im ersten Abschnitt dieser Arbeit werden kurz die wichtigsten Problemfelder der Spätre- publik vorgestellt und analysiert sowie deren Auswirkungen auf die Politik von Octavian skizziert. Anschließend wird am Beispiel der Gracchenbrüder sowie Marius und Sulla aufge- zeigt, wie diese als erste „Reformer“ den Krisen Roms entgegenwirken wollten, sie dabei je- doch das Gegenteil bewirkten, indem sie mit ihrem Handeln den Grundstein legten für die politischen und militärischen Machtmittel ihrer „Nachfolger“. Als Schwerpunkt wird die Entwicklung unter Caesar und Octavian betrachtet werden, weil beide in einem vergleich- sweise kurzen Prozess fundamentale republikanische Prinzipien langfristig außer Kraft setz- ten und eine autokratische Herrschaft errichteten, an dessen Ende mit dem Prinzipat des Au- gustus die Schaffung einer quasi-Monarchie stand.7

2. Problemfelder und „Reformstau“

Schon lange bevor Octavians Weg an die Macht heftige Widerstände auslöste und die Herr- schaft der Senatsaristokratie endgültig beendete, war die Römische Republik tief gespalten und durch gravierende Problemfelder existenziell bedroht. Es kann pauschalisiert zusammen- gefasst werden, dass die „res publica“ letztlich verloren ging, weil sie sich nicht an die neuen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse hatte anpassen können.8 Der moderne Begriff des „Reformstaus“ könnte daher für die Gesamtsituation der Spätrepublik eine treffende Beschreibung sein. Im Folgenden sollen die drei wichtigsten Problemfelder kurz dargestellt werden.

2.1 Die Überdehnung des Systems

In der Geschichtswissenschaft herrscht Einigkeit darüber, dass die Republik in erster Linie an „dem Mißverhältnis [sic] von Stadtstaat und Weltherrschaft“9 zerbrach. Das aus der alten republikanischen Ordnung hervorgegangene städtische Adelsregiment, welches jahrhunderte- lang die Geschicke Roms geleitet hatte, war mit seinen Herrschaftsinstrumenten nicht mehr in der Lage, das rasch gewachsene Imperium zu verwalten.10 Es war nicht möglich, mit „dem Personal eines zentralistisch geführten Stadtstaates ein Weltreich [zu] regieren“,11 in dem die Träger des Staates, die römischen Bürger, praktisch nur in Italien zu rekrutieren waren. Die Vergrößerung der Bürgerschaft und damit des Regierungs- und Militärapparates als Lösung dieses Problems stieß auf viele Widerstände, insbesondere bei der Nobilität, und wurde erst unter Caesar und dann auch systematisch in der Kaiserzeit praktiziert.

Erschwerend kam hinzu, dass es die aristokratische Gesellschaft in der Endphase der Spät- republik nicht mehr schaffte, einzelnen Konsuln oder Statthaltern, die sich mithilfe ihrer Äm- ter Geld, Macht und Einfluss sicherten, entgegenzutreten.12 Es setzte in der Spätrepublik eine Individualisierung der Politik ein,13 die davon getragen wurde, dass speziell die militärische Leistung eines Amtsträgers zum zentralen Bestandteil aller Wertvorstellungen geworden war. Erst militärisches Können und dadurch erreichte Großtaten verliehen Ansehen und Autorität.

Die neuen Potentaten stellten sich dabei immer sehr bewusst als Wertebewahrer und Verteidi- ger der Republik dar, die mit ihren Leistungen dem Gemeinwohl dienen würden.14

Mary Beard und Michael Crawford heben hervor, dass die traditionellen Ämterbestim- mungen mit befristeter Zeit und limitierter Gewalt nicht mehr die mit der Vergrößerung der Republik einhergehenden Probleme bewältigen konnten. So hätte der Senat immer mehr Vollmachten ausgeben müssen, z.B. an Pompeius zur Bekämpfung der adriatischen Piraten, um der politischen Lage Herr zu werden. Die mit Vollmachten ausgestatteten Heerführer wie- derum wollten, einmal mit jenen Privilegien versehen, nicht wieder auf diese verzichten.15

2.2 Konkurrenz um die Macht im Staat

Diese durch ständige Konkurrenz geprägte Individualisierung der Politik war vor allem auf die sich in der Spätrepublik vollziehenden umfassenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und religiösen Veränderungen zurückzuführen, die für einen Wandel der Verhal- tensweisen und Interessen sorgten.16 Die Nobilität und im zunehmenden Maße auch die Ritter waren die Protagonisten dieses inner-gesellschaftlichen Konflikts um die richtige Politik und die Macht im Staat.17

Die aristokratische Führungsschicht war an die Sozial- und Wirtschaftsstruktur der klassi- schen Römischen Republik gebunden. Die Betonung und Ideologisierung der Moral sowie das Festhalten an den alten Werten war für die Nobilität daher wichtig, da diese die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Vormachtstellung der Nobilität garantierten. Die Ritter nutzten die Veränderungen der ökonomischen Struktur und wurden wirtschaftlich immer ak- tiver. Durch die immer stärker werdende Verzahnung von politischer und wirtschaftlicher Macht war auch eine zumindest partielle Politisierung der Ritter festzustellen.18

Schon seit der Amtszeit der beiden Gracchenbrüder traten in wechselnden Gruppierungen und Sachverhalten heftige Auseinandersetzungen zwischen Teilen des Senates und den Rit- tern auf.19 Der Ritterzensus war relativ niedrig, sodass anzunehmen ist, dass die breite, wohl- habende Schicht der späten Republik größtenteils dem Ritterstand angehörte.20 Die aufstre- benden Ritter der Spätrepublik stellten immer mehr Ansprüche, welche jedoch größtenteils aufgrund der Blockade des Senates nicht erfüllt wurden. Um ihre Forderungen gegen den Willen der Nobilität durchzusetzen, wollten sie eine Schwächung des Senats erreichen.21 Volkstribun Gaius Gracchus hatte versucht, die Ritter durch die Verleihung besonderer Vorrechte zu einem zweiten „ordo“ zu machen. So wurde den Rittern beispielweise die Rich-tergewalt übertragen. Doch in den ersten Krisenfällen der Spätrepublik, z.B. der Gracchenre-volution und dem Saturninusaufstand, unterstützten die Ritter in einer Koalition mit den Sena-toren weiterhin die Interessen der gesellschaftlichen Elite bzw. der Optimaten. Beide Klassen kooperierten vor allem bei der Ausbeutung der Provinzen oder der Anhäufung von anderen Einkünften. Eine Unterscheidung zwischen dem Durchschnitts-Senatoren und dem Ritter war immer unschärfer und unwichtiger geworden.22 Auch von den Massen bekamen die Popularen keine stetige Unterstützung.23 Grundsätzlich ist daher festzustellen, dass die Römische Revo-lution nie eine Revolution im modernen Sinne oder eine Revolution der Massen war.24 Es war vielmehr ein gesellschaftlicher Kampf, in der das Volk und einzelne Personengruppen von aristokratischen Politikern für deren Zwecke manipuliert und benutzt wurden.25

2.3 Der Bundesgenossenkrieg

Im Bundesgenossenkrieg (91-88) kämpften italische Stämme um den Erhalt des vollen römi- schen Bürgerrechts.26 Dieser Krieg war thematisch eng mit den beiden zuvor in Punkt 2.1 und 2.2 angeführten Konflikten verflochten. Es ging auf der einen Seite um die Ausdehnung des Kernlandes über Latium hinaus zugunsten einer Ausweitung des römischen Bürgerrechts, auf der anderen Seite um konkurrierende wirtschaftliche und gesellschaftliche Interessen. Die italischen Bundesgenossen begründeten den Krieg damit, dass sie an der Ausdehnung und dem Wohlstand der Römischen Republik großen Anteil gehabt hätten.27 Doch das römische Bürgerrecht blieb ihnen zunächst vor allem durch den Widerstand der Nobilität verwehrt, welche eine Umwälzung der Patronatsverhältnisse in diesen Gebieten fürchtete. Der römische Plebs wiederum sah in diesem Schritt eine Entwertung seines Bürgerrechts.28

[...]


1 In dieser Arbeit wird aus Gründen der Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit einzig der Name Octavian ge- braucht werden, da der thematische Schwerpunkt vor der Zeit liegt, ab der Octavian den Beinamen Augustus trug. Diesen erhielt er am 16. Januar 27 v. Chr. im Rahmen des Staatsaktes zur „res publica restituta“. Sofern explizit Ereignisse nach diesem Datum stattfinden, wird auch der historisch korrekte Name Augustus gebraucht werden.

2 Vgl. BLEICKEN, Jochen: Augustus. Eine Biographie, Berlin ²1998, S. 22.

3 Vgl. CHRIST, Karl: Der Untergang der Römischen Republik in moderner Sicht, in: CHRIST, Karl (Hg.): Römische Republik und Augusteischer Principat (=Römische Geschichte und Wissenschaftsgeschichte Bd. 1) Darmstadt 1982, S. 134-167, S. 148.

4 CHRIST, Karl: Der Untergang der Römischen Republik, S. 139.

5 Vgl. ebd.: S. 135.

6 Vgl. BENGTSON, Hermann: Die letzten Monate der römischen Senatsherrschaft, in: TEMPORINI, Hildegard (Hg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren For- schung, Bd. 1: Von den Anfängen Roms bis zum Ausgang der Republik, Berlin/New York 1972, S. 967-981, S. 978.

7 Vgl. BEARD, Mary/CRAWFORD, Michael: Rome in the late Republic. Problems and interpretations, London 1985, S. 85f.

8 Vgl. CHRIST, Karl: Der Untergang der Römischen Republik in moderner Sicht, S. 142.

9 BLEICKEN, Jochen: Gedanken zum Untergang der römischen Republik (=Sitzungsberichte der Wissenschaft- lichen Gesellschaft an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main, Bd. 33, Nr. 4) Stuttgart 1995, S. 6.

10 Vgl. GRUEN, Erich Stephen: The last generation of the Roman Republic, Berkeley/Los Angeles/London 1995, S. 498.

11 GALSTERER, Hartmut: Gaius Julius Caesar. Der Aristokrat als Alleinherrscher, in: HÖLKESKAMP, KarlJoachim/STEIN-HÖLKESKAMP, Elke (Hgg.): Von Romulus zu Augustus. Große Gestalten der römischen Republik, München 2000, S. 307-327, S. 322.

12 Vgl. BLEICKEN, Jochen: Gedanken zum Untergang der römischen Republik, S. 7.

13 Vgl. CHRIST, Karl: Der Untergang der Römischen Republik in moderner Sicht, S. 150. Seite 3 von 21

14 Vgl. BLEICKEN, Jochen: Gedanken zum Untergang der römischen Republik, S. 9f.

15 Vgl. BEARD, Mary/CRAWFORD, Michael: Rome in the late Republic, S. 10f.

16 Vgl. CHRIST, Karl: Der Untergang der Römischen Republik in moderner Sicht, S. 140.

17 Vgl. BLEICKEN, Jochen: Zwischen Republik und Prinzipat. Zum Charakter des Zweiten Triumvirats (=Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-Historische Klasse 3, Nr. 185) Göttingen 1990, S. 105.

18 Vgl. CHRIST, Karl: Der Untergang der Römischen Republik in moderner Sicht, S. 166.

19 Vgl. ECK, Werner: Die Verwaltung des Römischen Reiches in der hohen Kaiserzeit. Ausgewählte und erwei- terte Beiträge (=Arbeiten zur römischen Epigraphik und Altertumskunde, Bd. 1) Basel/Berlin 1995, S. 103-158, S. 104.

20 Vgl. MEIER, Christian: Res Publica Amissa. Eine Studie zu Verfassung und Geschichte der späten römischen Republik, Wiesbaden ²1988, S. 64.

21 Vgl. MEIER, Christian: Res Publica Amissa, S. 149f.

22 Vgl. GRUEN, Erich Stephen: The last generation of the Roman Republic, S. 501.

23 Vgl. NIPPEL, Wilfried: Aufruhr und „Polizei“ in der römischen Republik, Stuttgart 1988, S. 78.

24 Vgl. CHRIST, Karl: Der Untergang der Römischen Republik in moderner Sicht, S. 136.

25 Vgl. GRUEN, Erich Stephen: The last generation of the Roman Republic, S. 501.

26 Vgl. EDER, Walter: Bundesgenossenkriege, in: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike Bd. 2, Stuttgart/Weimar 1996, Sp. 842-846, Sp. 845.

27 Vgl. MEIER, Christian: Res Publica Amissa, S. 209.

28 Vgl. NIPPEL, Wilfried: Aufruhr und „Polizei“ in der römischen Republik, S. 89. Seite 5 von 21

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656019527
ISBN (Buch)
9783656019565
Dateigröße
798 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179629
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,3
Schlagworte
Römisches Kaisertum Augustus

Autor

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