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Das Selbstbild französischer Migranten im Spiegel ihrer Musik

Bachelorarbeit 2010 65 Seiten

Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Vorbetrachtung

3. Migration in Frankreich
3.1. Kurzer geschichtlicher Überblick der Migration
3.2. Die Perspektive der Migranten
3.3. Lebensrealität und Diskriminierung in Frankreich
3.4. Transnationale Kulturen

4. Hip Hop und Rapmusik
4.1. Geschichte und Bedeutung von HipHop in Frankreich
4.2. Die Geschichte des Hiphops

5. Analyse
5.1. Zur Auswahl und Repräsentanz der Stücke
5.2. Sniper : Brûle
5.3. Abd al Malik : Soldat de plomb
5.4. Diam’s : L’honneur d’un peuple
5.5. Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse

6. Ausblick

7. Bibliografie

8. Anhang
8.1. Diam’s - L’honneur D’un Peuple
8.2. Sniper - Brûle
8. 3. Abd al Malik - Soldat De Plomb

1. Einleitung

Musik gehört für viele von uns wie eine Selbstverständlichkeit zu unserem Leben. Wir lassen uns morgens von ihr wecken, haben sie im Ohr, wenn wir zur Arbeit fahren, hören unseren Lieblingssong, wenn das Mobiltelefon klingelt und entspannen abends beim Hören einer neuen CD. Als Konsument von Musik wird man von Angeboten regelrecht überschwemmt und wir neigen dazu, sie als etwas Normales abzutun und abzustumpfen. Ist man nur ein Hörer von Musik neigt man aus dieser Perspektive dazu gar nicht zu begreifen, wie viel Arbeit und, im Regelfall, wie viel Herzblut von Seiten der Künstler in den drei bis vier Minuten komprimiert sind. Der Großteil der Songs haben etwas zu sagen, sie haben eine Message, eine Intuition. Musik ist ein hervorragendes Medium zur Kommunikation. Wie wohl kein anderes kann es Gefühle und Stimmungen vermitteln und uns helfen, uns in jemanden hineinzuversetzen und jemanden zu verstehen.

Für den Künstler bedeutet Musik aber noch sehr viel mehr: Neben der Tatsache, dass er seine Kreativität ausleben und mit viel Glück auch seinen Lebensunterhalt bestreiten kann ist, ist es vor allen Dingen eins: die Möglichkeit gehört zu werden. Hier hat er die Gelegenheit, seine Anliegen vor einem breiten Publikum kund zu tun und zu erreichen, dass sich andere Menschen mit den von ihm thematisierten Problemen, Stimmungen und Meinungen auseinandersetzen. Für viele Menschen, und damit auch für viele Künstler, ist dies eine einmalige Gelegenheit. Sie können ausdrücken, was ihnen wichtig ist. Dinge und Sachverhalte, die vielen Menschen möglicherweise gar nicht bewusst sind.

Insbesondere gilt dies für Künstler, die nicht die Gelegenheit haben, sich auf andere Weise Öffentlichkeit zu verschaffen, weil sie kein anderes Sprachrohr, keine Lobby besitzen. Dies ist der Fall bei denen in dieser Arbeit untersuchten Werken von jungen, in Frankreich lebenden Migranten, die in diesen Liedern ihre Lebensrealität in Frankreich thematisieren und über ihre Wünsche und Enttäuschungen singen. Mit diesen Songs haben sie die Gelegenheit ein großes Publikum für ihre Standpunkte zu gewinnen und im Idealfall eine breite gesellschaftliche Debatte eröffnen.

Vor diesem Hintergrund ist es aus wissenschaftlicher Sichtweise sehr interessant, diese Songs und ihre Aussagen zu untersuchen. Die Lieder stellen Quellen von Migranten aus erster Hand dar. So bietet sich ein unverfälschter Blick auf die Meinungen und Einstellungen der Migranten selbst. Selbstverständlich werden die Lebensumstände der französischen Migranten auch an anderen Stellen, beispielsweise in Literatur und Film, thematisiert. Hierbei handelt es sich allerdings oft Werke von Menschen, die sich sicherlich intensiv mit der Thematik auseinander gesetzt haben, aber doch keine Immigranten sind.

Zunächst werden einige wissenschaftliche Hintergründe beleuchtet, die zum Verständnis der Arbeit beitragen sollen. Im Folgenden wird beschrieben, wie sich die Lebensumstände der Migranten in Frankreich darstellen, vor allem aber, was sie für die Betroffenen in ihrer eigenen Sichtweise bedeuten und aus welchen Zusammenhängen sie entstanden sind. Dabei soll in einem kurzen Abschnitt versucht werden, den Leser für den Perspektivwechsel zu sensibilisieren, der für ein tiefer gehendes Verständnis der Musikstücke zwingend erforderlich ist. Im Anschluss folgt ein kurzes Kapitel über die hier ausgewählte Musik, den Hiphop an sich, in dem seine Ursprünge, seine Intuition und auch Bedeutung erläutert werden. Insbesondere wird hier auf die Stellung dieser Musikrichtung in Frankreich hingewiesen.

Im Hauptteil werden dann drei Musikstücke exemplarisch untersucht: Diam’s „L’honneur d’un peuple“ thematisiert vor allem das fehlende öffentliche Bewusstsein für die Situation der Migranten, in „Brûle“ von Sniper wird nach Gründen und Lösungsansetzen für die in den Banlieues vorherrschende Gewalt gesucht. Das dritte Stück, „Soldat de plomb“ von Abd al Malik konzentriert sich auf die Situation der Kinder, die in den Vorstädten Frankreichs aufwachsen.

Diese Arbeit hat zum Ziel ein bisher wenig thematisiertes Feld in den Mittelpunkt zu rücken. Migranten nutzen das Medium der Musik um ihre Situation darzustellen und einen Prozess zum Nachdenken anzuregen. Sie soll exemplarisch zeigen wie unterschiedliche Künstler mit Migrationshintergrund ihre Musik nutzen, um verschiedene Thematiken aufzuzeigen und zu diskutieren um so die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und ein Bewusstsein ihrer Lage zu schaffen.

2. Theoretische Vorbetrachtung

Zur Übersicht und zum grundlegenden Verständnis dieser Arbeit müssen zunächst einige Begriffe geklärt werden. Zentral ist der Begriff der Identität. Hier muss zwischen einer kulturellen, ethnischen und einer nationalen Identität unterschieden werden.

Ethnische Identität wird nach Rainer Schnell die Beschreibung von subjektiven Bewusstseinszuständen oder beobachtbaren Verhaltensweisen bezogen.1

Ethnien beschreiben Gemeinschaften und größere Menschengruppen, die sich durch eine spezielle Art von Lebensführung des Alltags ähneln. Dies bezieht sich auf alle Lebensbereiche eines Individuums, sei es die ökonomische Lebensführung, Kommunikation, Religion oder sog. cultural habits2. Hierbei handelt es sich um eine subjektive Kategorisierung, die Schnell in seiner Studie auf Vergleichbarkeit untersucht. Bernd Estel fügt hinzu, dass diese Gruppen „irgendwann über ein gemeinsames Siedlungsgebiet verfügt haben“3 müssen, in dem sich die Gemeinsamkeiten der Gruppe ausprägen konnten.

Dem gegenüber steht der Begriff der nationalen Identität, die von der Idee der ethnischen Identität abweicht. Der Begriff der Nation bezeichnet eine überethnische Gemeinschaft, die über ein gemeinsames Nationalbewusstsein verfügt. Dieses Bewusstsein manifestiert sich in der Definition des Begriffs Nation als „teilweise geschlossen siedelnde Bevölkerung, die eine eigene, arbeitsteilige Gesellschaft […] bildet.“4 Es muss also unterschieden werden zwischen einer kulturell und gesellschaftlich geprägten Gemeinschaft und einer territorial eingegrenzten Gesellschaft.

Auch zu beachten sind die Unterschiede zuwischen den Begriffen Selbst- und Fremdbilder, bzw. Auto- und Heterostereotype. Dazu zunächst eine Definition des Begriffs Stereotyp:

„Stereotype sind relativ starreüberindividuell geltende Vorstellungsbilder. Sie entstehen durch Vereinfachungen und durch eine unkritische, meist emotionsgeladene Verallgemeinerung von Einzelbeobachtungen. Sie beruhen auf Werturteilen und geben diese weiter.“ 5

Auto- und Heterostereotype, bzw. Selbst- und Fremdbilder, haben zur Aufgabe komplexe Sachverhalte zu kategorisieren und somit zu vereinfachen. Dabei werden die verschiedenen Positionen in der Regel nicht differenziert und mit einander abgeglichen, sondern als Ausdruck von Oppositionen aufgefasst.6 Dieses Oppositionsdenken ermöglicht Rückschlüsse auf die eigene Kultur und Identität aus einer anderen, gefilterten Perspektive.

Ebenfalls wichtig ist es, zwischen den Begriffen Integration und Assimilation zu unterscheiden. Während der Begriff der Integration einen Vorgang beschreibt, bei dem ein Individuum unter Berücksichtigung des eigenen kulturellen Hintergrundes in eine Gesellschaft hineinwächst und seinen eigenen, spezifischen Hintergrund in eben diese Gesellschaft mit einfließen lässt, beschreibt die Assimilation die Aufnahme in eine Gesellschaft ohne Berücksichtigung der individuellen Merkmale, was eine völlige Umorientierung des Individuums zur Folge hat.7

3. Migration in Frankreich

3.1. Kurzer geschichtlicher Überblick der Migration

Frankreich ist, wie alle europäischen Länder, insbesondere heute eine bunte Mischung vieler verschiedener Kulturen, kultureller Gruppen, Ethnien, Religionen und Hautfarben. Es nimmt Einwanderer und Asylbewerber aus jedem Land der Erde auf, was sowohl einer kulturellen Differenzierung führt, als auch zu vielfältigen Einflüssen auf die ursprüngliche französische Kultur. Vermischung und Verschiebung von Völkern und Kulturen sind spätestens seit der großen Völkerwanderung in der Spätantike dokumentiert.

Betrachtet man den letzten größeren Abschnitt der französischen Geschichte, vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute, fällt auf, dass der Großteil der Migranten aus dem nordafrikanischen Bereich kommt, insbesondere aus den ehemaligen Kolonien Marokko, Algerien und Tunesien. Hinzu kommen große Gruppen aus Südostasien und viele Franzosen aus den Überseegebieten, die zwar über französische Staatsbürgerschaft, aber über einen anderen kulturellen Hintergrund verfügen als die Europäer. Auch eine signifikante Zahl von Südeuropäern, Italienern, Spaniern und vor allem Portugiesen sind nach Frankreich immigriert.

Zur Erklärung und Veranschaulichung der Integrationsprobleme, die sich zurzeit in Frankreich stellen, soll hier ein kurzer Überblick über den geschichtlichen Hintergrund der Zuwanderung in Frankreich gegeben werden. Der Schwerpunkt liegt an dieser Stelle bei der Zuwanderung aus Nordafrika, zum einen, weil aus dieser Region der Großteil der französischen Immigranten stammt, zum anderen, weil es sich hier um eine Migrantengruppe handelt, bei der die Integration, beziehungsweise die Assimilation besonders schlecht geglückt ist.8

Nach dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg war Frankreich eine aufsteigende Industrienation mit viel Kapital, aber nicht zuletzt wegen der im Weltkrieg erlittenen Verluste, mit wenig Arbeitskräften. Aus diesem Grund warb man insbesondere im nordafrikanischen Raum um junge, arbeitswillige Männer. Durch die Existenz in den Kolonien wurde diese Migrationsbewegung deutlich erleichtert. Als Grund für diese einseitige Rekrutierung von neuen Arbeitskräften sieht Manfrass die Tatsache,

„[ … ] dass es sich um die Einwanderung aus einem de facto kolonial abhängigen Land handelte, dessen Bewohner bereits aufgrund der Tatsache (wenn auch seit 1947 formal französische Staatsangehörige) bestimmten Diskriminierungen unterlagen, was die Zuweisung eines geringeren sozialen Status erleichterte.“ 9

Vereinfacht wurde die Bewegung zwischen den Ländern durch die relativ große Reisefreiheit zwischen Frankreich und Algerien, sodass zunächst vor allem männliche Arbeitskräfte nach Frankreich auswanderten, die aber kurz- bis mittelfristig die Möglichkeit wahrnahmen, zurück in ihre Heimat zu reisen. So gab es parallel zur Einwanderung auch eine starke Tendenz zur Rückwanderung und Mehrfacheinwanderung.

Im Zuge des Evian Abkommens10 vom 18.03.1962 versuchte der französische Staat die Migration der Gastarbeiter zu regulieren. Es wurde ein System von Einwanderungsquoten eingerichtet (ab 1964: ca. 20.000, ab 1968: 35.000, ab 1971: 25.000)11 und man versuchte, Arbeitsverträge bereits vor der Ausreise aus Algerien zu vermitteln, was allerdings am Widerstand des algerischen Staates scheiterte. Eine Steuerung des Zuwanderungsflusses gelang der französischen Regierung mit diesen Maßnahmen allerdings nicht, da viele Migranten sich auch über illegale Wege nach Frankreich begaben. Die mit der Quote verlängerten Aufenthaltsfristen für Gastarbeiter hatten allerdings keinen positiven Einfluss auf die Integrierung der Migranten in die französische Gesellschaft, wie Manfrass feststellt:

„Das gleichzeitige Fehlen sozialer Eingliederungs- und Integrationshilfen begünstigte damit die eher die an der Wohnsituation und den Bedürfnissen landesmannschaftlicher Gruppierungen orientierten Absonderungs- und Konzentrationstendenzen.“ 12

Durch weitere Restriktionsmaßnahmen, die der Staat in den siebziger Jahren einleitete, war es einerseits möglich die Zuwanderung von neuen Gastarbeitern zu beschränken, indem man die Reisen zwischen Frankreich und Afrika erschwerte, durch die eingeschränkte Mobilität aber erreichte man andererseits einen verstärkten Familiennachzug. Da die Arbeitsmigranten die Perspektive einer kurzfristigen Rückkehr verloren, verlagerten sie ihren Lebensmittelpunkt und damit ihre Familien nach Frankreich. Die aufgrund von traditionellen Familienstrukturen sehr kinderreichen Familien orientierten sich an den gegebenen Wohnmöglichkeiten, sodass es immer mehr zu einer Konzentration der Immigranten in den Grands ensembles des sozialen Wohnungsbaus kam.13

Im Rahmen der Wiederaufbauarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg und des sogenannten Babybooms sah die französische Regierung Handlungsbedarf und ließ ab 1958 in den so genannten „zone à urbaniser en prioritaire“ (ZUP) eine große Anzahl der als „habitation à loyer modéré“ (HLM) bekannten Sozialbauwohnungen errichten. Das Ausmaß dieses Bauvorhabens war immens, und so entstanden bis zum Anfang der siebziger Jahre etwa zwei Millionen Wohnungen in fast 200 ZUPs.14

Diese Mietwohnungen waren auch ideal für die Einwanderer: Sie boten verhältnismäßig viel Platz für wenig Geld und dies förderte die verstärkte Ansiedlung der kinderreichen Familien in den Randgebieten der Stadt.15 Gleichzeitig jedoch begannen französische Familien sich aus den HLMs zurückzuziehen, um sich in besseren Wohngegenden niederzulassen. Den Migranten war dies seltener möglich, da sie über weniger finanzielle Mittel verfügten. Die Verschärfung der Lage am Arbeitsmarkt traf zuerst die in der Regel wenig qualifizierten Migranten, was eine zunehmende Verarmung der marginalen Stadtgebiete zur Folge hatte. Die Randgebiete verloren immer mehr an Attraktivität und an Wohnqualität, waren sie doch als ein mittelfristiges Provisorium angelegt worden. Wer es sich leisten konnte, verließ die HLMs, und immer ärmere Familien rückten nach. Da der Staat es versäumte in die Sozialbauwohnungen zu investieren und sie so wieder attraktiver zu gestalten, leben hier heute nur noch Menschen, die keine andere Wahl haben: Arbeitslose und Geringverdiener, von denen sehr viele einen Migrationshintergrund haben.

In der Gegenwart wird an vielen Stellen bereits von Gettos gesprochen, nicht nur in der Forschungsliteratur16, sondern auch in den Ausdrücken der Bewohner selbst, wie in der später folgenden Analyse zu sehen sein wird.17 Inwieweit diese Bezeichnung berechtigt ist, ist eine noch offene Diskussion18, fest steht aber, dass es gewisse Parallelen zwischen den französischen Vorstadtgebieten und den amerikanischen Gettos der dortigen schwarzen Bevölkerung zu beobachten gibt die sich auch in der Musik niederschlagen, was einmal mehr die darlegen soll, dass die in der Analyse untersuchte Musik für die Immigranten relevant ist.

Die „Beurs“

Wie missglückt die Integration oder die Assimilation der Einwanderer in Frankreich ist, soll hier am Beispiel der Bewegung der Beurs deutlich gemacht werden. Der Begriff, eine Verlan-Kreation19 aus dem Wort „Arabes“, also Araber, bezeichnet eine ganze Generation von jungen Franzosen, die, obwohl sie die französische Staatsbürgerschaft besitzen, sich nicht als Teil der französischen Gesellschaft sehen. Es sind die Kinder der Einwanderer der ersten Generation, die auf der Suche nach ihrem Platz in der französischen Gesellschaft sind.

„Sie [die Generation der Beurs] erhebt Anspruch auf Anerkennung einer eigenen Identität, die sich aus ihrer doppelten Eigenschaft als französische Staatsbürger und somit Bestandteil der französischen Gesellschaft und ihrer nordafrikanischen Herkunft gibt. Sie erlebt ihre politische Bewusstseinswerdung im Kampf gegen sozial deklassierende Lebensumstände, rassistische Diskriminierung und virulente Ausländerfeindlichkeit.“ 20

Bei der Generation der Beurs handelt es sich in keiner Weise um eine Randerscheinung, Manfrass spricht an anderer Stelle von einer Gesamtzahl von über einer Million Menschen.21

Allein die Existenz einer solchen Bewegung ist sehr vielsagend für den Stand der Integrationsbemühungen in Frankreich. Es handelt sich hier um eine Gruppe von Menschen, die sich an der Gesellschaft beteiligen möchte, dazu aber keine Möglichkeit sieht. Gravierender noch ist die Tatsache, dass es sich hier um Migranten der zweiten Generation handelt, also um junge Menschen, die ihr gesamtes Leben in Frankreich verbracht haben und durch Institutionen wie die Schule bereits besser integriert sein sollten.

3.2. Die Perspektive der Migranten

Um zu begreifen, wie die Migranten in Frankreich ihre Situation betrachten und beurteilen, ist es notwendig zu wissen, aus welchen familiären und gesellschaftlichen Umfeld sie stammen und aus welcher Perspektive sie daher ihre Situation betrachten. Dies soll an dieser Stelle exemplarisch für Migranten aus Tunesien dargestellt werden. Noureddine Sraleb untersucht zu diesem Zweck volkstümliche Gedichte, die sich mit dem Thema der Migration befassen und legt anhand dieser die Wertvorstellungen und Erwartungen dar, mit denen die Tunesier in Frankreich einreisen.22 Die Tunesier werden in ihrer Heimat als Botschafter ihres Landes betrachtet. Es ist nicht ihre Aufgabe, Franzose zu werden oder sich in der französischen Gesellschaft zu integrieren, sondern nach wie vor sich als Tunesier zu fühlen und zu verhalten. Dazu gehört selbstverständlich die Beachtung der tunesischen Kultur und Tradition, beispielsweise auch, dass es einem Sohn nur erlaubt ist in Gegenwart des Großvaters mit dem eigenen Vater zu sprechen.23 Ein solch striktes innerfamiliäres Respektverhältnis ist in der aktuellen französischen Gesellschaft undenkbar.

Ebenfalls erwähnenswert ist, dass von den Tunesiern erwartet wird in ihr Heimatland zurückzukehren. Wer sich in Frankreich ein neues Leben aufbaut, fällt in der Heimat in Ungnade. Dies ist aus einer rein persönlichen und familiären Sicht nachvollziehbar, allerdings stellt es den Aufenthalt in Frankreich unter völlig andere Voraussetzungen und macht langfristige Integrationsbemühungen sinnlos. Sraleb fasst ihre Ergebnisse wie folgt zusammen:

„Aber die Auswanderung setzt voraus, dass der Auswanderer seine Identität nicht verliert, dass sein Verhalten den Normen der Gruppe entspricht und dass er dem treu bleibt, was seine Zugehörigkeit zur Gruppe rechtfertigt, nämlich der Familie, der Religion, der Sprache und der Rückkehr in sein Heimatland.“ 24

Diese kurze Ausführung soll verdeutlichen, dass die Bewertung ihrer Situation durch die Migranten selbst aus einer ganz speziellen Perspektive vorgenommen wird, die einem westlichen Beobachter nicht immer verständlich und nachvollziehbar ist.

3.3. Lebensrealität und Diskriminierung in Frankreich

Die Diskriminierung, der Frankreichs Migranten ausgesetzt sind, manifestiert sich auf zahlreiche Art und Weise in fast allen Bereichen des Lebens. Ähnlich wird es auch in den später untersuchten Hiphop Texten dargestellt: Wegen ihrer Identität und ihres Migrationshintergrundes bleiben nicht nur den Jugendlichen, sondern auch erwachsenen Migranten viele Chancen und Möglichkeiten verwehrt. Die Diskriminierung ist im gesellschaftlichen System Frankreichs verankert. Sie entstand bereits bei der

Einwanderung der ersten Algerier nach Frankreich, wie Manfrass in seiner Untersuchung zeigt.25

Sie äussert sich nicht nur in den Wohnverhältnissen, sondern in allen Bereichen des täglichen Lebens. Filme wie „ La haine26 oder „ Entre les murs27 oder auch Bücher wie „ Il faut sauver Said28 von Brigitte Smadia oder „ Poisson d’Or29 von J.M.G. Le Clézio zeichnen ein zwar fiktionales, aber realitätsnahes Bild eines Systems aus Schule, Polizei, Politik und Gesellschaft und vielen weiteren Faktoren, das die Diskriminierung der Migranten institutionalisiert.

Diese Tatsachen schlagen sich in zahlreichen Statistiken, Artikeln und Untersuchungen nieder, von denen einige an dieser Stelle kurz genannt werden sollen.

Betrachtet man beispielsweise den Länderbericht Frankreich 2010 von Amnesty International30, werden hier unter dem Kapitel „Polizei und Sicherheitskräfte“ drei Fälle von exzessiver Polizeigewalt gegen Zivilisten genannt, in allen Fällen sind Migranten involviert. Bei den drei Vorfällen verstarben die Migranten in Polizeigewalt und es wurde von offizieller Seite aus versucht, den Tod der Opfer als Unfall oder zumindest als von der Polizei unverschuldet darzustellen.

"Die Täter erhielten dazu die Rückendeckung durch die Polizei selbst, wie der Bericht festhält: Die Ermittlungen der Strafverfolgungs- und Justizbehörden waren in solchen Fällen oft von mangelnder Unabhängigkeit und Unparteilichkeit gekennzeichnet und zogen sich in die Länge." 31

Es ist unwahrscheinlich, dass es sich hierbei um Einzelfälle handelt. Durch die Protektion in den Kreisen der Exekutive wird eine unparteiische und neutrale Untersuchung der Vorfälle sehr erschwert bis unmöglich gemacht. Das gleiche Muster ist im Übrigen auch bei den Ereignissen zu erkennen, die die Auslöser für die Unruhen im Winter 2005 waren. Erst unter dem großen öffentlichen Druck und den innerbehördlichen Ermittlungen wurde bekannt, dass die beiden tödlich verunglückten Jugendlichen nicht auf der Flucht nach einem Einbruch waren, sondern sich lediglich auf dem Heimweg vom Fußballtraining befanden.32

Nicht nur nach Gesetzesübertretungen oder in kritischen Situationen, sondern auch in ganz alltäglichen Situationen sehen sich Migranten der Schikanierung und der Gewalt von Polizei und Justiz ausgesetzt.

„[ … ] permanente Identitätskontrollen aufgrund des Aussehens, Misshandlungen und Inhaftierungen, bei denen manchmal rassistische Bemerkungen fallen, polizeiliche Ü bergriffe, die nur sehr selten geahndet werden, und so weiter. Das Verhältnis dieser Jugendlichen zur Polizei ist der Kristallisationskern ihrer „Wut“ aufgrund der angesammelten Frustrationen, der zahlreichen Erfahrungen der Demütigung, die sie gelehrt haben, dass es beim Umgang mit Menschen imöffentlichen Raum zweierlei Ma ß gibt.“ 33

Die Institution der Polizei als bürgernahe und protektionistische Einrichtung, wie sie etwa in Deutschland als „Die Polizei - dein Freund und Helfer“ kategorisiert wird, ist in der Wahrnehmung der französischen Migranten nicht vorhanden. Für sie ist die Polizei eine Bedrohung, die willkürlich und unberechenbar ist. Diese empfundene Bedrohung und die damit verbundene Hilf- und Wehrlosigkeit verstärken den Konflikt zwischen dem französischen Staatsapparat und den Migranten und entziehen ihm jegliche positive Grundlage. Ob sich dieser Konflikt nur für die Migranten gilt oder aber auch auf die Gesamtheit der französischen Bevölkerung zu übertragen ist, ist diskussionswürdig.

Auch im französischen Schulsystem verdeutlicht sich die Problematik der Inegalität und der Diskriminierung der Migranten.

„Ungleichheiten und Segregation werden durch die starken Spannungen in Bezug auf Schule und Kinder verstärkt. Diese sind - zusammen mit der Raumaufteilung - die einzigen Themen, denen die unterschiedlichen Schichten und ethnischen Gruppen gemeinsam gegenübertreten müssen. Trotz der Schulbezirke werden die Einkommensunterschiede und die rassistische Diskriminierung durch die Funktionsweise der Schule, die Meidungslogiken der Familien und der Lehrenden zum Aspekt der Teilung des Raums.“ 34

Obwohl das System gemäß den französischen Grundsätzen egalistisch konzipiert ist, verstärkt es die Selektion zwischen Migranten und nativen Franzosen bereits zur Schulzeit. Das grundlegende Konzept des französischen Schulsystems besteht darin, dass jeder Schüler unter Berücksichtigung seines Wohnortes eine Schule zugewiesen bekommt, die er besuchen muss. Da, wie bereits festgestellt, der Großteil der Migranten in den räumlich abgegrenzten Bereichen der Banlieues leben, gibt es hier Schulen mit einer besonders hohen Dichte an Migranten. Durch Umstände wie das in der Regel niedrige Bildungsniveau der Elternhäuser, Sprach- und gesellschaftliche und kulturelle Anpassungsprobleme, die bei Migranten im besonderen Maße gegeben sind, besteht die Gefahr, dass die Qualität des Unterrichts verringert wird und dass die Akzeptanz der Schule eher negativ ist, was spätere Bewerbungen problematisch werden lassen kann. Verschärft wird diese Problematik noch dadurch, dass finanziell besser gestellte Eltern die Möglichkeit haben ihre Kinder auf eine private Schule zu schicken, und somit über eine freie Schulwahl verfügen. Auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer Stelle nach dem Schulabschluss sind Migranten tendenziell benachteiligt, wie folgende Studie zeigt:

„Eine von der Diskriminierungs-Beobachtungsstelle der Universität Paris-I durchgeführtes „Testing“ anhand von 1806 Bewerbungen auf Stellenangebote zeigt, dass bei insgesamt 261 positiven Antworten ein in Paris wohnender Bewerber mit französischem Vor- und Nachnamen 75-mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, während ein Bewerber mit maghrebinischem Namen, aber ansonsten gleichen Merkmalen, nur 14 Einladungen erhielt.“ 35

Dieser Rassismus, der zwar in den seltensten Fällen offen zur Schau getragen wird aber doch oft latent präsent ist, begründet sich zu einem guten Teil in der Niederlage, die die Franzosen im algerischen Unabhängigkeitskrieg erlitten haben. Der Sieg der Front de Lib é ration National (FNL) und der Vertrag von É vian 1962 wird von vielen Franzosen als eine Schmach gesehen. Die Algerier, auch die, die bereits vor Kriegsbeginn 1954 nach Frankreich gingen, werden so zu Feinden im eigenen Land. Viele Franzosen fühlen sich von ihnen bedrängt.36 Auch die voranschreitende Islamisierung wird von vielen Franzosen als Bedrohung angesehen, wie beispielsweise die aktuelle Debatte um ein Verbot der Burka zeigt.37

3.4. Transnationale Kulturen

Die Kulturanthropologinnen Joana Breidenbach und Ina Zukriegl beschreiben in ihrem Werk Tanz der Kulturen die Auflösung nationaler Identitäten und nationalem Selbstbewusstsein anhand von Beispielen von karibischen Staaten und der Migration ihrer Einwohner in die Vereinigten Staaten von Amerika. So gibt es karibische Inselstaaten, von denen ein Großteil der Bevölkerung nicht mehr im Staatsgebiet lebt, sondern auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensumständen ins Ausland emigriert ist. Auch durch die neuen Medien und die Vereinfachung der Kommunikation bleiben die Migranten in Kontakt mit ihrer Heimat und erhalten so einen Teil ihrer ethnischen Identität. Dass diese nicht nur auf persönlichen und familiären Bindungen beruht, zeigt sich daran, dass viele Migranten auch in die Infrastruktur ihres Landes investieren, indem sie beispielsweise Sportstätten, Krankenhäuser oder Schulen aufbauen.38 Sie sprechen von transnationalen Kulturen, die nicht mehr über geografische Gegebenheiten definiert werden können.

[...]


1 Vgl. Rainer Schnell: „Dimensionen ethnischer Identität“, in: Hartmut Esser, Jürgen Friedrichs: Generation und Identität - Theoretische und empirische Beiträge zur Migrationssoziologie, Opladen, 1990 S. 43

2 Vgl. Ders., ebd., S. 45

3 Bernd Estel: Nation und Nationale Identität, Wiesbaden 2002, S.30

4 Ders., ebd., S. 37

5 Susanne Hartwig / Hartmut Stenzel: Einführung in die französische Literatur- und Kulturwissenschaft, Stuttgart 2007, S. 258

6 Vgl. Alois Wielacher / Corinna Albrecht: „Kulturwissenschaftliche Xenologie“ In: Ansgar Nünning / Vera Nünning: Konzepte der Kulturwissenschaft, Stuttgart 2003, S. 251

7 Vgl. Noureddine Sraleb: „Ein- und Auswanderer: Die Frage nach der Identität.“ In: Rémy Leveau: Migration und Staat: inner- und intergesellschaftliche Prozesse am Beispiel von Algerien, Türkei, Deutschland und Frankreich, Münster 1991

8 Vgl. Claire Schiff / Maitena Armagnague: „Die paradoxen Ausgrenzungen der Jugendlichen mit Migrationshintergund in Frankreich - Betrachtung der algerischen, portugiesischen und türkischen Einwanderer.“ In: Marius Otterbach, Thomas Zitzmann: Jugendliche im Abseits - Zur Situation in französischen und deutschen marginalisierten Stadtquartieren, Wiesbaden 2009

9 Klaus Manfrass: Türken in der Bundesrepublik - Nordafrikaner in Frankreich: Ausländerproblematik im deutsch - französischen Vergleich, Bonn 1991, S.13

10 Das Evian Abkommen bezeichnet das Ergebnis der Verhandlungen zwischen dem französischem Staat und den algerischen Unabhängigkeitskämpfern, mit dem der Algerienkrieg beendet wurde.

11 Klaus Manfrass: Türken in der Bundesrepublik - Nordafrikaner in Frankreich: Ausländerproblematik im deutsch - französischen Vergleich, Bonn 1991, S.13

12 Klaus Manfrass: Türken in der Bundesrepublik - Nordafrikaner in Frankreich: Ausländerproblematik im deutsch - französischen Vergleich, Bonn 1991, S.13

13 Klaus Manfrass: Türken in der Bundesrepublik - Nordafrikaner in Frankreich: Ausländerproblematik im deutsch - französischen Vergleich, Bonn 1991, S.14

14 Emmanuelle Piriot: „Die Banlieues als politisches Experimentierfeld des französischen Staates“, In: Kollektiv Rage : Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei. Berlin / Hamburg, 2009, S. 61

15 Robert Castel: Negative Diskriminierung. Jugendrevolten in den Pariser Banlieus Hamburg 2009, S.21 ff

16 Vgl. Klaus Manfrass: Türken in der Bundesrepublik - Nordafrikaner in Frankreich: Ausländerproblematik im deutsch - französischen Vergleich, Bonn 1991, S.9.

17 Vgl. Sniper - Brûle : "La jeunesse du ghetto a de la rage qui coule dans les veines"

18 Vgl. dazu: Loïc Wacquant, Parias urbaines. Ghetto, Banlieues, É tat., Paris 2007

19 Beim Verlan handelt es sich um eine vorwiegend von jungen Franzosen gebrauchten Sprachvariation, bei der die Silben eines Wortes in eine andere Reihenfolge gebracht werden.

20 Klaus Manfrass: Türken in der Bundesrepublik - Nordafrikaner in Frankreich: Ausländerproblematik im deutsch - französischen Vergleich, Bonn 1991, S.17

21 Ders., ebd., S.17

22 Vgl. Noureddine Sraleb: „Ein- und Auswanderer: Die Frage nach der Identität.“ In: Rémy Leveau: Migration und Staat: inner- und intergesellschaftliche Prozesse am Beispiel von Algerien, Türkei, Deutschland und Frankreich, Münster 1991, S. 218

23 Ders., ebd., S.218

24 Ders., ebd., S.218

25 Klaus Manfrass: Türken in der Bundesrepublik - Nordafrikaner in Frankreich: Ausländerproblematik im deutsch - französischen Vergleich, Bonn 1991

26 La Haine (1995) Mathieu Kassovitz, 96 min, Frankreich 1995

27 Entre les murs (2008) Laurent Cantet, 128 min, Frankreich 2008

28 Brigitte Smadia: Il faut sauver Sa ï d, Paris, 2003

29 J.M.G. Le Clézio: Poisson d’or, Paris 1997

30 Vgl. Amnesty International: Amnesty Report 2010 Frankreich auf: http://www.amnesty.de/jahresbericht/2010/frankreich?destination=node%2F2917%3Fcountry%3D80%26 topic%3D%26node_type%3D%26from_month%3D0%26from_year%3D%26to_month%3D0%26to_yea r%3D%26result_limit%3D50%26form_id%3Dai_core_search_form%26submit_x%3D50%26submit_y% 3D10 (Letzter Zugriff: 01.08.2010)

31 Ders. ebd.

32 Vgl. Ingrid Artus: „Die Novemberrevolte in den französischen Banlieues - Blinde Wut oder soziale Bewegung?“ S. 26ff In: Kollektiv Rage: Banlieus. Die Zeit der Forderungen ist vorbei. Berlin / Hamburg 2009

33 Robert Castel: Negative Diskriminierung. Jugendrevolten in den Pariser Banlieus, Hamburg 2009, S.38

34 Didier Lapeyronnie: „Rassismus, städtische Räume und der Begriff des Ghettos in Frankreich.“ In: Marius Otterbach, Thomas Zitzmann: Jugendliche im Abseits - Zur Situation in französischen und deutschen marginalisierten Stadtquartieren, Wiesbaden 2009 S. 24

35 Robert Castel: Negative Diskriminierung. Jugendrevolten in den Pariser Banlieus, Hamburg 2009 S.42f

36 Klaus Manfrass: Türken in der Bundesrepublik - Nordafrikaner in Frankreich: Ausländerproblematik im deutsch - französischen Vergleich, Bonn 1991, S.12

37 Anonym: Französisches Parlament beschlie ß t Burka-Verbot auf: http://www.tagesschau.de/ausland/burkaverbot106.html . (Letzter Zugriff: 01.08.2010)

38 Joana Breidenbach, Ina Zukrigl, Tanz der Kulturen - Kulturelle Identität in einer globalisierten Welt, Berlin 1998, S. 146

Details

Seiten
65
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656018247
ISBN (Buch)
9783656018490
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179494
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Romanistik
Note
1.8
Schlagworte
Rap Hiphop Hip Hop Jugendkultur Banlieu Stereotype Autostereotype Frankreich Diam's Abd al Malik Sniper Migranten

Autor

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Titel: Das Selbstbild französischer Migranten im Spiegel ihrer Musik