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Das Konfix - vom Scheitern eines Terminus

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

1. Einleitung - das Problem

Betrachtet man einige Kapitel des Lehrbuchs Deutsche Sprachkunde von Wilhelm SCHMIDT aus dem Jahr 1960, fällt es auf, dass Wortbildungseinheiten wie Präfixe und Suffixe und deren morphologische Funktion erläutert werden. Komposita, deren Einheiten momentan unter den Konfixbegriff fallen, stehen weder im Wortregister, noch begegnet man ihnen in einzelnen Kapiteln oder Abschnitten. Vereinzelt vorkommende Wörter wie Philosoph, Philosophie, Pädagoge oder Hypothek werden nicht segmentiert, nicht kategorisiert, sondern schlicht dem Sonderwortschatz der Wissenschaft zugerechnet, dessen Ursprung im Griechischen und Lateinischen liegt (SCHMIDT 1960: 150f).

Die überschaubare Einteilung stammt aus einer Zeit, die DONALIES wie folgt beschreibt:

„Ach, wie war es doch vordem in alten Zeiten so bequem. Damals, als die Welt der Wortbildung noch in Ordnung war und wir Linguisten die zentralen Wortbildungseinheiten klar definieren konnten“ ( DONALIES 2009: 41).

Die alten und bequemen Zeiten sind vorbei. Wissenschaft, Technik und unser virtuelles Leben bereichern unseren Wortschatz mit fremden Gut.

Die Lehnwortbildung und die Kategorisierung nicht-nativer Einheiten als Konfix wurden Ende der 1980er Jahre Gegenstand einer regen Forschungsdiskussion, die kein Ende findet. Seitdem das Konfix als Terminus von Günther Dietrich SCHMIDT (SCHMIDT 1987b: 50) in Anlehnung an Kocokurek (1982: 108) zur Benennung vermehrt auftretender Phänomene in der Lehnwortbildung eingeführt wurde, ist es ein umstrittener Begriff, von dem zum Teil bereits Abschied genommen wurde. Für Einheiten, die in der deutschen Linguistik als

Konfixe bezeichnet werden, verwendet die französische Sprachwissenschaft combining form (EINS 2009: 67). EISENBERG führt die Kontroversen auf die vernachlässigte Wortbildung der Fremdwörter und Propagierung des Konfixbegriffs zurück (EISENBERG 2011: 311).1

Wird über die Konfixe diskutiert, beziehungsweise gestritten, dann berühren die Debatten morphologische Begriffe wie Gebundenheit, Basisfähigkeit, Kompositionsgliedfähigkeit und Verfahren wie Wort- und Stammanalyse. In der Tat sind die Kriterien, die eine Einheit als Konfix beschreiben zu uneinheitlich, wendet man sie auf andere Konfixe an. Darauf gehen wir in Abschnitt 3 näher ein.

Besonders problematisch ist die Nähe der Konfixe zu den Affixen, weil die Merkmale beider Kategorien oft schwer voneinander zu trennen sind (DONALIES: 41f, EINS: 72f). Auffällig ist, dass die an der Diskussion um das Konfix beteiligten Autoren in dieser Frage zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wie wir es an einzelnen Beispielen erkennen werden. Wir stellen folgende Hypothesen auf: Der Konfixbegriff ist keine Kategorie, weil seine Kategorienmitglieder in ihrem morphologischen Verhalten zu verschieden sind. Damit ist er als Kategorie gescheitert. Prototypische Konfixe existieren nicht. Die insbesondere von EISENBERG u.a. in Kapitel 3 vorgenommene Beschreibung und Unterteilung der Konfixe ist nicht fundiert, wie wir es an einzelnen Beispielen nachweisen.

Dennoch gibt es zahlreiche durch Entlehnung und Lehnwortbildung aufgenommene nicht- native Einheiten, deren Verortung in die herkömmlichen morphologischen Kategorien, wie in die der Affixe nicht möglich ist und deretwegen das Begriffsfeld der Wortbildung erweitert wurde (SCHMIDT 1987: 45f). Für ihre Kategorisierung und Beobachtung unterbreiten wir Vorschläge, welche die lebhaften Debatten um das Konfix und andere Aspekte der Fremdwortbildungsforschung - hoffen wir es - bereichern werden.

2. Forschungsstand

Gegen Ende der 1980er Jahre wurde die Fremdwortbildung Gegenstand einer umfassenden Untersuchung, über die der 1987 publizierte Forschungsbericht der Arbeitsgruppe Lehnwortbildung ausführlich berichtet. (HOPPE 1987). In dem Bericht nahmen sich die Autoren nicht-nativer Wortbildungseinheiten an, denen bis dahin keine geltende Kategorie einen Platz anbieten konnte. Für die nicht-nativen Einheiten führte Günter Dietrich SCHMIDT in seinem Aufsatz „Das Kombinem. Vorschläge und Erweiterung des Begriffsfeldes und der Terminologie für den Bereich der Lehnwortbildung“ den Terminus Konfix ein, der in der Wortbildung rasch Anklang und Verwendung fand.2 In Anlehnung an das französische Vorbild bezeichnet SCHMIDT den Konfixbegriff als Sonderfall eines Kombinems, das zwar nicht wortfähig ist, aber eine Basis bilden, kompositionsgliedfähig sein kann und positionsfest ist (SCHMIDT 1987b: 50).

Mit diesen Kategoriemerkmalen und somit mit dem Begriff ist man sich nicht einig. Die genannten Merkmale treffen nicht in dem Maße auf Konfixe zu, dass man sie als gültige Kategorienmerkmale bezeichnen könnte. Für EISENBERG sind Konfixe zum Beispiel positionsfest, während FLEISCHER /BARZ Konfixen die Positionen als Erst- und Zweitglied zuschreiben. (FLEISCHER /BARZ 1995: 67)

Machte Peter O. MÜLLER 2005 in einer Dokumentation auf massive Lücken in der Erforschung von Wortbildungen mit nicht-nativen Einheiten aufmerksam, entstand im Juni 2009 unter seiner Herausgeberschaft der Band „Studien zur Fremdwortbildung“, in dem das Konfix erneut ein Thema wurde. TRUNKWALTER, FLIESS, RONNEBERGER-SIBOLD und FEINE bescheinigen in ihren Untersuchungen über die Konfixe man, phob, drom dem Begriff eine hohe Produktivität im überwiegend wissenschaftlichen Sprachgebrauch und in der Werbung. Sie sehen Gebundenheit und Basisfähigkeit als die Hauptmerkmale der Kategorie an. DONALIES und EINS hingegen kommen in ihren Untersuchungen über das Konfix als Wortbildungseinheit zu dem Entschluss, dass dem Konfixbegriff kaum ein Merkmal zu eigen ist, dass ihn vor der problematischen Abgrenzung zu Affixen bewahrt und das Konfixe unter anderem ebenso gut als gebundene Grundmorpheme, sprich: Stämme bezeichnet werden können. Eine ähnliche Auffassung vertritt ELSEN (ELSEN 2005: 133), die ebenfalls Konfixe als gebundene Stämme beschreibt, die nur in Kombinationen mit anderen Morphemen im Bereich der Lehnwortbildungen vorkommen.

Ist für EINS der Konfixbegriff wegen seiner unscharfen Definitionsmerkmale obsolet, verhält sich DONALIES in der Frage vorsichtiger. Zwar plädiert sie, obwohl sie den Konfixbegriff verteidigte (DONALIES 2000), den Terminus „configere“ für nicht-native Wortbildungseinheiten zu überdenken, weist aber angesichts zahlreicher Untersuchungsergebnisse darauf hin, dass außer den Merkmalskriterien von Konfixen es auch die Kriterien von Affixen sind, die - je nach Untersuchungsansatz von Wortbildungseinheiten - auf tönernem Fundament stehen können. Für Wortbildungseinheiten, die weder Affixe noch Wörter sind, aber gebunden und basisfähig sind, muss ein Terminus gefunden werden, unabhängig davon, ob diese Einheiten vielleicht einmal frei vorkommen oder Stämme werden ( DONALIES 2009: 43).

Schließlich sei noch auf verwirrende Zuordnungen hingewiesen, wie es die Einheit neo erfährt (siehe Abschnitt 4.2.4) und in der Grammatik des Duden von 1995 werden Konfixe mit unikalen Einheiten verwechselt (ELSEN 2005: 134). Kurz und gut: „Es herrscht […] nicht gerade Einigkeit, was das Konfix angeht“ (ebd.).

3. Der Konfixbegriff

3.1 Merkmale

Der Konfixbegriff hat seinen Ursprung im Lateinischen. Ihm wohnt das Verb configere, zu deutsch: etwas aneinander heften, inne.

Bevor ich auf die erwähnten Einzelheiten der regen Diskussion um den Konfixbegriff eingehe, erläutere ich die Merkmale jener Morpheme, die derzeit unter dem Konfixbegriff subsummiert werden.

[...]


1 „Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde den Konfixen zugeschlagen. Der Typ avancierte zur ,zentralen Einheit der Wortbildung’ und wer ihm nicht huldigte, galt als ein wenig von gestern.“ (ebd.)

2 Siehe FLEISCHER /BARZ (1995), EISENBERG (2006;2011), MEIBAUER (2006) DONALIES (2000;2007) 2

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656018339
ISBN (Buch)
9783656019053
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179482
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Konfix Suffix Affix Lehnwortbildung Fremdwortbildung Präfix morphologische Kategorie

Autor

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Titel: Das Konfix - vom Scheitern eines Terminus