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Religionspsychologie - Eine Studie zur Auswirkung von Religion und Religiosität auf das menschliche Sein unter Berücksichtigung religionspsychologischer Kriterien

Bachelorarbeit 2009 39 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A: Erörterung der zentralen Zielsetzung in der vorliegenden Forschungsarbeit
I. Religiositäts- und Religionsbegriff
II. Themenausrichtung der Religionspsychologie
III. Religion und Gesundheit
1. Positive Aspekte in der Beziehung von Religion und psychischer Gesundheit
A, Religion als „psychisches Relaxantium“ und Hilfe zur Belastungsbewältigung
B, Positive Effekte bei Angstzuständen, Neurosen und Depression
C, Positive Effekte beim Prozess der physischen Krankheitsbewältigung
D, Unterstützende Funktion bei der Verarbeitung des Trauerprozesses und Tod
E, Selbstwertgefühl und Selbstkonzept in Zusammenhang mit der Gottesbeziehung
2. Negative Aspekte in der Beziehung von Religion und psychischer Gesundheit
A, (Angst-)Neurosen durch Gottesfurcht und angsterzeugende Inhalte von Religion
B, Negative Auswirkungen auf Selbstwertgefühl und Selbstkonzept durch Gottesbeziehung
C, Kognitive Rigidität und die Realitätsproblematik
D, Der religiöse Wahn und psychotische Besessenheit
IV. Religion und Persönlichkeit
1. Identität und Religion
2. Religiöse Identität und Gewalt
3. Identifikation und Religion
4. Persönlichkeit und Religion
5. Verhältnis von Religiosität und Persönlichkeit
6. Fundamentalismus und Fanatismus
A, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zw. Fundamentalismus und Fanatismus
B, Das Problem des Fundamentalismus
C, Das Problem des Fanatismus
V. Spirituelle Gemeinschaften: potentielle Chancen und Risikoaspekte
1. Beweggründe für den Beitritt zu einer spirituellen Gemeinschaft
2. Die potentiellen Chancen von spirituellen Gemeinschaften
A, Positive Effekte hinsichtlich Depression und Stress durch Zugehörigkeit zu einer Gruppe
B, Erfahrung von Sicherheit und Geborgensein in der religiösen Gruppe
C, Stärkung des Selbstwertgefühls
3. Die Risikoaspekte von spirituellen Gemeinschaften
A, Abhängigkeitsverhältnisse aufgrund der Zugehörigkeit zu spirituellen Gruppen
B, Entfremdung von der „realen“ Lebenswelt
C, Realitätsflucht und Verdrängung
4. Die „Destruktiven Kulte“
A, Manipulative Einwirkungen auf die menschliche Psyche
B, Bewusstseinskontrolle und Identitätsverlust

C: Schlussbetrachtung

A: Erörterung der zentralen Zielsetzung in der vorliegenden Forschungsarbeit

„Die Frage, welche Bedeutung Religion bzw. Religiosität für das psychische Befinden des Menschen hat, beschäftigt die theoretische und empirische Psychologie seit ihren Anfängen bis in die Gegenwart“ (Murken, 1998, S.205). Dieser Satz von Murken beschreibt den grundlegenden Themenbezug dieser Arbeit, nämlich die Frage nach der Bedeutung von Religion bzw. Religiosität für das psychische Befinden des Menschen. In dieser Arbeit werden anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse, basierend auf einer analytischen „Grundlagenforschung“, die zentralen Auswirkungen von Religion bzw. Religiosität auf die Erfahrungs- und Lebenswelt von Gläubigen sowie religiösen Anhängern aufgezeigt.

Ausgangspunkt bildet im ersten Kapitel eine Betrachtung der Effekte von Religion auf das menschliche Individuum. Dabei wird untersucht, wie sich Religion positiv als auch negativ auf die allgemeine psychische Gesundheit des Menschen auswirken kann. Anschließend wird in Kapitel zwei der Einfluss von Religion auf die Persönlichkeit bzw. die Persönlichkeitsentwicklung des Individuums analysiert. In diesem Kapitel werden wiederum die positiven und negativen Auswirkungen von religionsbasierenden Einflüssen verdeutlicht. Im dritten Kapitel wird die Fragestellung untersucht, inwiefern und in welcher Weise die Zugehörigkeit zu spirituellen Gruppen die menschliche Psyche beeinflusst.

Abschließend ist auf zwei grundlegende Spezifika dieser Arbeit hinzuweisen. Zum einen soll dem Verdacht vorgebeugt werden, dass im folgenden Text eine Art „Schwarz-weiß-Malerei“ des zugrunde liegenden Themengebiets stattfinden wird. Obwohl die beeinflussenden Faktoren auf die menschliche Psyche in diametraler Art und Weise in positiv und negativ unterschieden werden, stellt dies lediglich den wissenschaftlichen Versuch dar, zu ergründen, wie Religion bzw. Religiosität auf die menschliche Psyche wirkt. Dabei wird nicht beabsichtigt, diese in stigmatisierendem Sinn als gut oder schlecht normativ zu bewerten.

Zum Anderen soll an dieser Stelle eine kurze Begründung erfolgen, weshalb die so häufig zitierten Herren namens Freud und Jung in dieser Arbeit keine Beachtung finden werden, obgleich jenige welche zu diesem Thema zahlreiche Abhandlungen verfassten. Ein wesentlicher Grund besteht darin, dass die genannten Autoren sich mit der Tiefenpsychologie und schwerpunktmäßig mit dem Unbewussten beschäftigten. Vor allem der „Forschungsbereich“ im Gebiet des Unbewussten stellt an sich in gewisser Weise ein spekulatives Feld dar. In dieser Arbeit sollen jedoch lediglich wissenschaftlich einwandfrei (empirisch) belegbare Erkenntnisse zum Tragen kommen. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit vertieft auf aktuelle Autoren eingegangen, die sich nach neueren Erkenntnissen der religionspsychologischen Forschung richten.

I. Religiositäts- und Religionsbegriff

Da für den Themenbereich der Religionspsychologie die beiden Begriffe „Religion“ und „Religiosität“ eine zentrale Rolle spielen, soll an dieser Stelle kurz auf diese eingegangen werden. Grom (2007, S.16) schlägt vor, als „religiös“ jenes Erleben, Denken und Verhalten zu bezeichnen und zu erforschen, das in seiner kognitiven Komponente ausdrücklich etwas Übermenschliches annimmt, gleich ob dieses poly-, mono-, pantheistisch oder anders aufgefasst wird. Hingegen ist die Religiosität des Menschen nach Allport „his ultimate attempt to enlarge and to complete his own personality by finding the suppreme context in which he rightly belongs“ (Allport, 1949, S.161). Jüttner (1986, S.6) wiederum versteht unter Religiosität den „gelebten Glauben“ sowie die „gelebte Religion“. Und Utsch (1998, S.14) definiert Religiosität als „religiöses Erleben und Verhalten“, wobei der Religiositätsbegriff gleichzeitig die psychologischen Aspekte von Religion beschreibe. Auch berge der Begriff „Religiosität“ nach Utsch eine gewisse individuelle Note des Bezugs zwischen Subjekt und Religion in sich.

Etwas anders gestaltet sich die Abgrenzung des Religionsbegriffs. Holm (2007, S.16 f.) versucht eine Definition des Religionsbegriffs zu begründen, indem er annimmt, dass Religion eine soziale Größe ist, die in allen uns bekannten Gesellschaften auftritt. Er geht dabei davon aus, dass sie als ein Ganzes verstanden werden kann, in dem sich „... der Mensch zu etwas Transzendentem – etwas anderem, jemand anderem, verschiedenen Mächten, Göttern, Teufeln usw. in Beziehung setzt und das Engagement alleine oder mit anderen zusammen ausdrückt“. Fries wählt eine andere Beschreibung von Religion. Nach Fries (1963, S.430) ist Religion „… zu bestimmen als Bezug des Menschen auf den Wesens-, Existenz- und Seinsgrund seiner selbst. Dieser Bezug umfasst ein Erkennen und Anerkennen, ein totales, existentielles Sich-Einlassen und qualifiziert diesen Grund als unwelthaft heilig, numinös, ein Geheimnis.“ Religion hat nach Henseler (2000, S.21) „… jedenfalls etwas mit einer Beziehung zu tun. Es geht um die Beziehung zu etwas Letztem, Absolutem, Unbedingten, Transzendentem, das meist mit Gott oder dem Heiligen bezeichnet wird.“

Wie aus den soeben geschilderten Anmerkungen der Autoren ersichtlich wird, besteht keine pauschal geltende Definition für Religion bzw. Religiosität mit abschließender Allgemeingültigkeit. Die soeben genannten Zitate geben jedoch eine grundlegende Richtung vor, was unter den Begriffen verstanden werden kann. Worin sich allerdings die Definitionen von Religion dieser Autoren gleichen, ist die zentrale Bedeutung von Beziehung zu einer übergeordneten Macht oder zu metaphysischen Konzepten im Kontext der Religion. Dieser Aspekt wird in der folgenden Ausarbeitung ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen.

II. Themenausrichtung der Religionspsychologie

Wie bereits aus dem Titel der Arbeit ersichtlich, liegt das Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf dem wissenschaftlichen Fundus der Religionspsychologie. Aus diesem Grund wird zunächst ein Überblick über die zentralen Themenbereiche der Religionspsychologie mittels diverser Zitate gegeben. Der folgende Überblick macht deutlich, dass die Themen sehr vielschichtig sind und von einzelnen Vertretern der Religionspsychologie auch unterschiedlich verstanden werden.

Vergote (1992, S.9) stellt fest: „… da Religion mit dem Erscheinen des Menschen entstand, ist alles in der Religion psychologisch; aber die Gesamtheit der Religion ist nicht psychologisch, weil Religion als symbolisches System nicht mit ihrem psychologischen Aspekt übereinstimmt“. In dieser Aussage von Vergote tritt die Trennung zwischen einem psychologischen Verständnis von Religion, als ein vom Menschen geschaffenes und ihn gleichzeitig beeinflussendes Konstrukt, und einem faktischen (An-)Erkennen von Religion, als symbolisches System an sich, deutlich hervor.

Des Weiteren befasst sich die wissenschaftliche Forschungsarbeit der Religionspsychologie in erster Linie mit dem Erkennen von Störungen und Ressourcen, die in einem Zusammenhang mit Religion bzw. Religiosität stehen (vgl. Grom, 2007, S.11). Religionspsychologie zielt demnach auf die Erforschung von potentiell schädigenden als auch fördernden Effekten auf die psychische Gesundheit hinsichtlich des Zusammenhangs von Mensch und Religion ab. Neben der Betrachtung diverser Auswirkungen von Religion auf das psychische Wohlbefinden untersucht die Religionspsychologie darüber hinaus, welche religiösen Einflüsse die Persönlichkeitsentwicklung eines Individuums beeinträchtigen oder fördern. Nach Holm (1998, S.17) kann Religionspsychologie dementsprechend als das „… wissenschaftliche Studium davon verstanden werden, wie die Religion in der Psyche der Menschen, d.h. in ihren Gedanken, ihrem Verhalten und Erleben funktioniert“. Grom (2007, S.12) hat die Religionspsychologie als einen „Forschungsbereich oder eine Spezialdisziplin der Psychologie verstanden, die mit den Fragestellungen, Konstrukten und Methoden erfahrungswissenschaftlicher Psychologie faktisches religiöses Erleben, Erkennen und Verhalten – kurz: Religiosität – beschreibt und im Hinblick auf ihre psychosozialen und intrapsychischen Bedingungen erklärt und vorhersagt“. Ähnlich verweist Corveleyn (2007, S.95) darauf, dass die Religionspsychologie als klinische Religionspsychologie einen Zweig der Psychologie darstellt, der sich mit zwei Bereichen befasst: „Er untersucht einerseits die mögliche (positive und negative) Wechselwirkung zwischen Religiosität und geistiger Gesundheit, spezifisch im breiteren Feld der psychotherapeutischen Praxis. Andererseits ist er um eine theoretische klinische und psychopathologische Erforschung des religiösen Verhaltens bemüht“. Sundén (1982, S.17) hingegen betont, dass man die Religionspsychologie als einen Zweig oder einen Teil der Religionswissenschaft betrachten kann.

Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass das Themengebiet der Religionspsychologie zunächst einmal eng mit der Wissenschaft der „klinischen Psychologie“ verknüpft ist. Dafür spricht der Bezug der Religionspsychologie auf Methoden und wissenschaftliche Erkenntnisse, die aus den bisherigen Erfahrungen der psychologischen Forschung hervorgehen. Zum Anderen sollte nicht vernachlässigt werden, dass Religionspsychologie einen starken Bezug zur Religionswissenschaft erkennen lässt. Die Erforschung von psychologischen Vorgängen kann durch das fundierte Wissen aus der religionswissenschaftlichen Forschungsarbeit ergänzt und bereichert werden bzw. stellt die religionswissenschaftliche Forschung einen Ausgangspunkt für die psychologische Bearbeitung diverser Themenbereiche dar. Wie nun eine Einordnung vorzunehmen ist, sprich ob Religionspsychologie als ein Bereich der klassischen Psychologie oder als „eigenständiger“ Forschungszweig der Religionswissenschaft anzusehen ist, bleibt dabei dem Gusto des Betrachters überlassen. Als Faktum gilt jedoch, dass die Religionspsychologie aus den Erfahrungsbereichen beider Forschungsdisziplinen essentielle wissenschaftliche Erkenntnisse vereint und gerade aus der Perspektive dieser Hybridität heraus,als besonders interessantes Forschungsgebiet erscheint.

III. Religion und Gesundheit

“Innerhalb der Religionspsychologie ist die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Religiosität und seelischer Gesundheit eine der am meisten diskutierten“ (Murken, 1994, S.141). Dieses Zitat verweist auf die große Bedeutung des in dieser Arbeit behandelten Themenkomplexes für die Religionspsychologie, der sich im folgenden Kapitel mit dem Zusammenhang von Religiosität und psychischer Gesundheit des menschlichen Individuums auseinander setzt. Es sollen dabei in erster Linie die Auswirkungen betrachtet werden, welche Religion bzw. Spiritualität auf die psychische Gesundheit, oder aber auch auf Krankheitsbilder von Menschen haben kann (vgl. Lämmermann, 2006, S.250). Grundsätzlich ist festzuhalten, dass sich einerseits Belege für einen positiven Effekt von Religiosität auf die seelische Gesundheit finden; zum Anderen gibt es Indizien, dass Religiosität mit Erkrankungen zusammenhängen kann (vgl. Lämmermann, 2006, S.252). Im Folgenden werden die unterschiedlichen Ursachen dargestellt, auf denen die jeweiligen positiven oder negativen Auswirkungen von Religion auf die menschliche Psyche zurückzuführen sind.

Anzumerken ist hinsichtlich dieses Themenbereichs vorweg, dass „lediglich“ eine analytische Erarbeitung potentieller Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit durch Religion erfolgen soll. Letztendlich hängt es vom Individuum ab, wie es sich in Bezug zum Phänomen Religion setzt bzw. auf welche Kernbereiche der Fokus gelegt wird, oder welche Schwerpunkte wie dem Menschen vermittelt werden, und auf welche Art sich dadurch die Auswirkungen von religiösen Faktoren auf die menschliche Psyche manifestieren.

Murken (2009, S.130f.) beschreibt Argumente und Hypothesen, die einen grundlegenden Überblick geben sollen, worauf hinsichtlich des Zusammenhangs von Religiosität und psychischer Gesundheit zu fokussieren ist. Auf die zentralen Argumente und Hypothesen aus Murkens Darstellung wird in der folgenden Arbeit noch ausführlich eingegangen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Argumente für positive bzw. negative Zusammenhänge zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit (vgl. Murken,2009 , S.130)

Hypothesen zum Zusammenhang von Religiosität und Gesundheit (vgl. Murken, 2009 , S.131)

1. Positive Aspekte in der Beziehung von Religion und psychischer Gesundheit

Im folgenden Abschnitt der Arbeit erfolgt eine Zusammenfassung potentieller positiver Einflussfaktoren von Religion auf die psychische Gesundheit von Menschen. Dabei wird zunächst Religion als eine Art „psychisches Relaxantium“ in Augenschein genommen. In diesem Rahmen soll Religion als eine Hilfe zur Alltagsbewältigung untersucht werden. Im darauffolgenden Unterpunkt werden die positiven Effekte von Religion in Bezug zu Angstzuständen, Neurosen und Depressionen gesetzt. Punkt drei bildet eine Untersuchung der unterstützenden Funktion von Religion bei Krankheitsprozessen. Punkt vier bezieht sich auf das Verhältnis von Religion und der Bewältigung von Trauerprozessen. In einer abschließenden Betrachtung soll untersucht werden, welchen Einfluss Religion auf das Selbstwertgefühl und Selbstwertkonzept von Menschen auszuüben in der Lage ist.

A, Religion als „psychisches Relaxantium“ und Hilfe zur Belastungsbewältigung

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass Religionen entlastende psychische Faktoren bei einer seelischen Belastung bereitstellen können (vgl. Lämmermann, 2006, S.250). Das menschliche Individuum sieht sich in seinem täglichen Leben permanent mit Alltagskümmernissen, Problemsituationen und kritischen Lebensereignissen und daraus resultierenden psychischen Belastungen konfrontiert. Der Mensch ist somit gezwungen in seinem Leben mit Stress und Druck adäquat umzugehen, um keine psychischen Schäden davonzutragen. Davon ausgehend ist eine mögliche positive Wirkung von Religion erkennbar. Zum Einen kann Religion als eine Art „Insel der geistigen und seelischen Ruhe“ betrachtet werden. Durch das Zurückziehen aus der Alltagswelt in die Welt der Spiritualität kann sich der gläubige Mensch, beispielsweise durch sein Vertrauen auf ein waltendes göttliches Prinzip, in einen kognitiven Entspannungszustand versetzen. Besonders im Falle einer „Religion des Friedens und der Liebe“ (Lämmermann, 2006, S.267), erfährt der gläubige Mensch durch die vermittelten positiven Religionsinhalte eine entlastende Wirkung auf seine Psyche. Diese Annahmen werden von Schmitz (1992, S.144) unterstützt, dessen Darstellung zufolge religiöse Kognition seelische Bewältigungshilfen in schwierigen Situationen vermitteln kann. Religion würde demzufolge ein psychisches Entlastungspotential beispielsweise in Lebenskrisen oder beruflichen Beschwernissen zukommen. Analog zu Schmitz sieht auch Grom (2007, S.105) in religiösen Einflüssen tendenziell „Strategien der Belastungsbewältigung“.

B, Positive Effekte bei Angstzuständen, Neurosen und Depression

Murken (1998, S.216) versteht die psychische Gesundheit eines Menschen als „… das resultierende Ergebnis der Verarbeitung innerer und äußerer Anforderungen, die sich an die Person richten und deren individuellen Möglichkeiten damit umzugehen“. Religion kann hierbei einen positiven Effekt auf Menschen mit psychischen Krankheitsbildern, wie Angstattacken, Neurosen oder Depressionen haben.

Religiosität wurde bereits von Lüssi als „brauchbare Schutzmaßnahme gegen Neurotisierungstendenzen“ (Lüssi, 1979, S.270) beschrieben. Ähnlich spricht Pfister mit dem Vertrauen auf Gott der Religion ein „therapeutisches Prinzip der Liebe“ zu (Pfister, 1985, S.30). Demgemäß kann angenommen werden, dass unter Umständen ein Vertrauen auf Gott gegen das Gefühl von Angst und Hilflosigkeit helfen kann. Da immer mehr Menschen in unserer hochindustrialisierten Welt an Existenzängsten leiden, braucht der Mensch Wege und Mittel, um mit diesen Ängsten umzugehen. Die Religion nimmt in Bezug auf jene Zukunftsangst eine unterstützende Funktion beim Angstbewältigungsprozess ein (vgl. Grom, 2007, S.96) und hat somit eine positive Wirkung auf die menschliche Psyche.

Nach Wolpe (1958) wirkt, ähnlich wie in der systematischen Desensibilisierung, die Spannung und Entspannung antagonistisch, im Sinne einer „reziproken Hemmung“ auf die Angst auslösenden Reize und schwächt die gewohnten Reaktionen ab. Bei diesem Vorgang würden, beispielsweise durch im Gebet vorgestellte angsterregende Situationen oder durch in der Religion (bzw. religiösen Texten) thematisierte Probleme, die Ängste der Gläubigen durch das geistige Durchleben der belastenden Situationen und ihrer Quellen qualitativ reduziert und die Person in Bezug auf ihre Ängste desensibilisiert.

Darüber hinaus könnte man Religion einen „Impuls zur Überwindung von Depressionen“ zusprechen (Gryzmala-Moszczynska u.a., 1996, S.271). Durch die religiösen Inhalte, die den Individuen hoffnungs- und sinnstiftende Konzepte vermitteln, kann es in Folge eines dynamischen Potenzierungseffekts zu positiven Auswirkungen auf die Psyche der Person kommen und ausgehend davon ein Impuls zum Ausbruch aus depressiven Erkrankungen bewirkt werden. Unter einem „dynamischen Potenzierungseffekt“ ist der Prozess zu verstehen, bei dem das Individuum durch positive psychische Stimulation mittels Religion bzw. Religiosität seine seelische und geistige Gesundheit mit dem wiederholten Gebrauch des Stimulus Religion mehr und mehr zum Positiven fördert. Dabei erfolgt eine kognitive Umstrukturierung der Denkmuster, die durch eine gewisse Eigendynamik die depressive Verstimmung hin zu einer „positiven Lebensauffassung“ umformt und positiv auf die Gefühlswelt des Menschen wirkt.

C, Positive Effekte beim Prozess der physischen Krankheitsbewältigung

Ähnlich wie bei psychischen Erkrankungen kann Religion bzw. Religiosität auch hinsichtlich körperlicher Erkrankungen eine positive Wirkung auf die psychische Konstitution des Menschen haben. Ein positiver Effekt wäre entweder während einer Krankheit oder auch therapiebegleitend zu beobachten. Dieser positive Zusammenhang kann laut entsprechender Untersuchungen „sowohl bei chronischen Krankheiten, als auch bei Herztransplantationen, Tumorerkrankungen und der Immunschwäche“ (zitiert in Grom, 2007, S.93) festgestellt werden. Grom spricht in diesem Zusammenhang auch von der Notwendigkeit eines sogenannten emotionsregulierenden Copings (Grom, 2007, S.93), bei dem der Kranke mithilfe von religiösen Inhalten, psychohygienische Bewältigungsstrategien für seine emotional schwierige Situation entwickeln kann. Ebenso ist hierbei die Funktion von Religion als ein Mittel zur Reduktion von Angst bei körperlicher Krankheit zu nennen. Nach Hardy (1980, S.44) stellt dabei das „Gefühl der Sicherheit, des Schutzes und des Friedens“ eine der am häufigsten berichteten Emotionen dar.

Wodurch tritt dieser positive Effekt auf die menschliche Psyche zutage? Zuallererst unterstützt der Halt, den das Individuum in der Religion finden kann, das subjektive Wohlbefinden (vgl. Grom, 2007, S.93). Dieser kann zum Einen der Krankheitsverarbeitung dienlich sein, da der Mensch durch seine Vorstellung eines liebenden Gottes und durch positive Religionsinhalte einen Schutz gegen Pessimismus aufbaut und somit eine Motivation erhält, sich in seiner Situation nicht aufzugeben (vgl. Grom, 2007, S.95). Dieses hoffnungsspendende und vertrauensstiftende Moment von Religion begründet zum Anderen die Tatsache, dass Menschen, die während einer Krankheit oder deren Therapie in der Religion ihren Halt finden, sich auch mit schwierigen Lagen, in denen das Individuum zur Frustration neigt, zurecht finden (vgl. Brandtstädter&Renner, 1990).

Auch bei dem „Sich-Abfinden“ mit einer schwierigen Lage nach einer Krankheit oder einem Unfall (insbesondere mit irreversiblen Schäden), kann Religion als unterstützendes Moment im Genesungsprozess sowie bei der psychischen Verarbeitung und dem Akzeptieren einer neuen, schlechteren Lebenssituation helfen. Meier (1992. S.93) spricht in diesem Zusammenhang von einer „kompensatorischen Zielregulation“. Neben den soeben erwähnten positiven Effekten wie Hoffnung stiften und Motivationsschaffung, stellt die von Meier genannte Hypothese den Prozess dar, bei dem sich das Individuum der neuen Lebenssituation auch emotional und psychisch mittels einer Neubewertung (kognitive Umstrukturierung) von Lebensinhalten und -zielen wie innere Ausgeglichenheit, Gelassenheit, Weisheit oder Halt anpasst, die dann im Vergleich zum Zustand vor Krankheit oder Unfall sogar zunehmen.

D, Unterstützende Funktion bei der Verarbeitung des Trauerprozesses und Tod

Ein weiterer positiver Effekt von Religion ist bei Menschen festzustellen, die sich in einem Trauerprozess befinden. Zunächst ist dabei davon auszugehen, dass Sterben, Tod und Trauer Trost fordern (vgl. Lämmermann, 2006, S. 330). Der Tod eines Menschen stellt seine Angehörigen nicht selten vor eine emotionale Problemsituation, mit denen viele Menschen nur schwer umgehen können. Dabei kann Religion, z.B. durch die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod, positiv regulierend auf die psychische Verfassung der Betroffenen wirken, was sich in weniger Angst, Depressivität und Kontrollverlust sowie in mehr Lebenszufriedenheit (vgl. Grom, 2007, S.100) widerspiegeln würde. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass beispielsweise der hoffnungs- und trostspendende Gedanke an ein gutes Leben nach dem Tod, wie er in manchen Religionen vermittelt wird, für die Angehörigen ein unterstützendes Element in ihrem Trauerprozess sein kann.

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Details

Seiten
39
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656016847
ISBN (Buch)
9783656017189
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179352
Note
Schlagworte
religionspsychologie eine studie auswirkung religion religiosität sein berücksichtigung kriterien
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Titel: Religionspsychologie - Eine Studie zur Auswirkung von Religion und Religiosität auf das menschliche Sein unter Berücksichtigung religionspsychologischer Kriterien