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Die Entstehung des Films und seine Elemente in Flauberts "Education sentimentale"

Seminararbeit 2010 20 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Flaubert und Film - Wie passt das zusammen?

2. Kurzer Einblick in die Geschichte des Films
2.1 Die Entstehung des Films
2.2 und seine Anfänge

3. Gustave Flaubert - L’éducation sentimentale
3.1 Realismus nach Höfner
3.2 L’éducation sentimentale - Un livre sur rien
3.3 Filmische Elemente in der Éducation sentimentale

4. Flaubert als Vorbild und Vorläufer- Abschließende Gedanken

Literaturverzeichnis

1. Flaubert und Film - Wie passt das zusammen?

Als die Brüder Lumière 1895 in Paris das erste Mal ihren Kinematographen präsentierten, war Gustave Flaubert schon fünfzehn Jahre tot. Trotzdem wird er immer wieder mit der Erfindung des Films und seiner Technik in Verbindung gebracht. Wahrscheinlich liegt das an seiner Art und Weise, Romane zu schreiben. Angeblich vollzog sich die Niederschrift seiner Romane in drei Stadien: Zuerst warf Flaubert Worte und Satzfragmente aufs Papier, dann formte er zusammenhängende Sätze und schließlich las er sich den Text selbst laut vor. Meistens wurden mindestens zwei Drittel des anfänglich Geschriebenen wieder weggekürzt. (Stackelberg 1999: 199) Mit seiner absoluten Sehweise erneuerte er die zeitgenössische Literatur. Sein Realismus wurde jedoch auch zunehmend kritisiert. Einer seiner größten Kritiker war der katholische Schriftsteller Barbey d`Aurevilly, denn er vermisste in den Romanen Flauberts eine Geschichte. „Quant à l`action, elle n`existe pas.“ (Bürger 1996: 61) Damit tadelt er die Alltäglichkeit, den Realismus in Flauberts Romanen, denn Flaubert setzte nicht auf die Idealisierung der Dinge, sondern auf eine genaue, realistische Wiedergabe. Für ihn war Ästhetik nicht verbunden mit dem Prinzip der Überhöhung und der Idealisierung, sondern für ihn zählten die alltäglichen, auf den ersten Blick bedeutungslosen Dinge. Der für die Mitte des 19. Jahrhunderts kennzeichnende Epochenbegriff des Realismus vereinigt das Bemühen, die Wirklichkeit mit allen Interessen und zeitgenössischen Konflikten literarisch abzubilden. Diese Einstellung verbietet die Idealisierung von Figuren oder Verhaltensweisen. Gleich diesem Prinzip präsentiert Flaubert in seiner Education sentimentale einen passiven, bürgerlichen Helden mit einer Geschichte, die zwar von vielen Ereignissen geprägt ist, jedoch keinen wirklichen geradlinigen Handlungsstrang und keinen souveränen Helden besitzt. Doch gerade das macht den Roman so realistisch, denn er beschreibt den Bereich der gesellschaftlichen Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts. Sein Roman ist wahr, weil er die Gestalten in die Bedingungen und Situationen stellt, die damals „Wirklichkeit“ bedeuteten.

In dieser Arbeit werde ich zunächst auf die Entstehung des Films und seine Anfänge eingehen und danach untersuchen, inwiefern Flaubert mit seiner Erzähltechnik in seinem Roman L’Education sentimental als Vorläufer des Films verstanden werden kann.

2. Kurzer Einblick in die Geschichte des Films

2.1 Die Entstehung des Films

Es gibt vier wichtige technische Vorläufer, die Ende des 19. Jahrhunderts zu der Entstehung des Films beigetragen haben.

Bereits seit dem 18. Jahrhundert war die Projektionstechnik der Laterna magica bekannt. Mechanische Abfolgen von beleuchteten Bildern auf einer Leinwand wurden vor allem von Schaustellern auf Jahrmärkten angeboten. Die Verbesserung dieser Technik war eine der Voraussetzungen für die Entstehung des Films.

Weiterhin entdeckte man den stroboskopischen Effekt. Drehte man eine Scheibe an deren Rand in einer Reihe fortlaufende Bilder aufgemalt oder angebracht sind immer schneller, so erscheint die Abfolge von diesen Einzelbildern auf einmal als kontinuierliche Bewegung.

Auch die Erfindung und Verbreitung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts stellt eine Erweiterung der Technik dieser Zeit dar. Die Erfindung der Fotografie wird Nicéphore Niépce, Louis Jaques Mandé Daguerre und William Henry Fox Talbot zugeschrieben. Sie verbesserten die Technik und das Verfahren der Camera obscura. Am 19. August 1839 veröffentlichte die Pariser Akademie der Wissenschaft dieses Verfahren, deswegen gilt dieser Tag als Geburtstag der Fotografie. (von Rohr 1979: 83) Von nun an konnten Reihenbilder in Form von zahlreichen Momentaufnahmen, die die tatsächliche Wirklichkeit abbilden, dargestellt werden.

Viertens wurde das entsprechende Material erfunden, das Zelluloid. Ursprünglich wurde es als Ersatz für Elfenbein, zum Beispiel für die Herstellung von Billardkugeln, verwendet. Das Zelluloid war die materielle Basis für den biegsamen Endlosstreifen des Films. (Faulstich 2005:15f)

Die technischen Voraussetzungen für die Entstehung des Films waren also gegeben, jedoch wurden sie von unterschiedlichen Personen zu unterschiedlichen Synthesen zusammengebracht. Ottomar Anschütz beispielweise baute 1886/87 einen Schnellseher, mit dem er lebende Bilder zu kleinen Geschichten formte bei denen Kellner stolperten oder Herren mit Zylinder grüßten. Oder der Amerikaner Thomas Alpha Edison, der schon beidseitig perforierten Zelluloidfilm benutzte und eine neue Aufnahmekamera erfand, mit der er sogar kurze Filme herstellte. Dies tat er jedoch nicht für großes Publikum, sondern er bot diese lediglich an einer kleinen Maschine mit Guckloch für einzelne Besucher an.

Offensichtlich bestand keine internationale Zusammenarbeit bei den Vorläufern des Films, so dass zwar verschiedene Entdeckungen und Verbesserungen in verschiedenen Ländern gemacht wurden, diese jedoch nicht zusammengeführt wurden. Diese Tatsache beweist jedoch, dass die Entstehung des Films praktisch überfällig war. Denn laut Faulstich war die Entstehung des Films zum einen die Konsequenz der technischen Fortschritte und zum anderen die Antwort auf einen bestimmten gesellschaftlichen Bedarf. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand aufgrund der Industrialisierung, Landflucht und der steigenden Bevölkerungszahlen eine neue Mittelschicht, das Proletariat, das sich in den Großstädten und Industriegebieten ansiedelte, viele Menschen der Mittelschicht mit vielen Gemeinsamkeiten, vielen ähnlichen Sorgen, Wünschen und Hoffnungen. Die vorhandenen sozialen Konflikte bedingten geradezu ein Medium, das die aufkommenden Bedürfnisse nach Bildung, Unterhaltung und Ablenkung befriedigte. Außerdem war das 19. Jahrhundert geprägt von technischem Fortschritt: die Dampflokomotive, der Elektromotor oder die Glühlampe wurden beispielsweise entdeckt und mit dem technischen Fortschritt änderte sich auch das Weltbild der Menschen, es wurde abstrakter und mehr von der Wissenschaft beeinflusst. (Faulstich/ Korte 1994: 13f) Die ganze Medienkultur des 19. Jahrhunderts war also eine Gegenreaktion auf die Dominanz der Literatur und der Druckmedien des 18. Jahrhunderts. Faulstich benutzt an dieser Stelle den Begriff Funktionensynkretismus. „Unter Funktionensynkretismus versteht man die Kombination einzelner Funktionen, wie sie als solche schon bei älteren Medien beobachtet werden konnten, zu einer innovativen Gestalt, die ihrerseits dem neuen Bedarf zu entsprechen imstande ist.“ (Faulstich 2005: 19) Auf die Entstehung des Films bezogen heißt das, dass verschiedene Teilleistungen unterschiedlicher Vorläufermedien aufgegriffen und neu gebündelt wurden. Hier spielen drei verschiedene Medien die herausragenden Rollen: das Theater mit seinen szenischen Inszenierungen, die damals hochmoderne Fotografie, mit der man die sichtbare, authentische Wirklichkeit wiedergeben konnte und schließlich übernahm der Film die narrative Erzählstruktur mit der Enthebung von Raum und Zeit.

Ende des 19. Jahrhunderts existieren in England, Frankreich, Deutschland, USA und auch in Russland und Polen verschiedene Apparate, die lebende Bilder zeigen konnten. Bekannt wurde beispielsweise das Bioskop von den Brüdern Max und Emil Skladanowski, jedoch setzte sich ein französischer Konkurrent im Wettstreit durch, nämlich der Kinematograph der Brüder Lumière. Sie führten nach einem Vortrag über die fotographische Industrie am 22. März 1895 in Paris den ersten Film der Welt mit dem Titel „Arbeiter verlassen die Lumière- Werke“ vor. Dieser zeigt lediglich, wie sich das Fabriktor öffnet, die Arbeiter herausströmen und das Tor wieder geschlossen wird. Zu dieser Zeit beeindruckte die Lebendigkeit der Bilder. (Faulstich 2005: 20) Der Mythos besagt auch, dass die Zuschauer im Grand Café von der heranrollenden Lok so geängstigt und geschockt fühlten, dass sie in Panik aufsprangen und den Salon verlassen wollten. Da sie sich mit der Kameraperspektive identifizierten, befürchteten sie, vom Zug überfahren zu werden. Mittlerweile ist diese These zwar von der Forschung widerlegt worden, aber dieser Mythos zeigt dennoch die Brisanz und den Schock des neuen Mediums, dessen Realistik der Abbildung und Darstellung alles bisher Dagewesene übertrifft und ein Identifikations- und Verführungspotenzial bereithält. (Schanze 2007: 121f) Warum sich diese These dennoch so lange gehalten hat, ist mit dem Begriff des Mythos von Roland Barthes zu erklären. Bei einem Mythos schießen Reales und Imaginäres zusammen, so dass sie sich wechselseitig beeinflussen, durchdringen und sich überformen, dass eine Konstruktion entsteht, die gleichzeitig zu viel und zu wenig sagt. Indem sie übertreibt und schematisiert, trachtet die Konstruktion danach, Heterogenes zu entwenden und schneidet die Realität auf ihre Eindeutigkeit zu. (Barthes 1964: 104-117)

Allgemein zeigten die nur wenige Meter langen Filmstreifen Alltagssituationen, Naturaufnahmen oder Straßenszenen. Die Brüder Lumière sahen in ihrer Erfindung jedoch nicht mehr als eine Verbesserung der Fotographie und gaben dem Kinematographen nur im Bereich der wissenschaftlichen und pädagogischen Anwendung eine Chance. (Korte/ Faulstich 1994: 15) Von Antoine de Lumière ist sogar der Spruch überliefert: „le cinématographe- une inventions sans avenir“. (Elsaesser 2002: 49)

Zu dieser Zeit hatten die Filme also weniger Geschichten erzählenden Charakter, sondern es spielten eher verschiedene Kombinationen von Bild und Ton eine Rolle und die Verwendungsmöglichkeit wurde nicht in der Unterhaltung gesehen. (Elsaesser 2002: 23)

Eine entscheidendere Rolle spielte George Méliès. Er betrieb in Paris ein kleines Theater und stieg, nachdem er den Kinematographen der Brüder Lumière gesehen hatte, ins Filmgeschäft ein. Er schuf zauberhafte Filme, in denen Geister und Teufel die Hauptrollen spielten. Diese wurden von verkleideten Schauspielern dargestellt, die in Studios vor entsprechenden Kulissen auftraten. Er ersetzte also die dokumentarischen Filme der Brüder Lumière durch fiktive Filme mit narrativem Charakter. Er schuf von 1896 bis 1900 ca. 60 Filme und gilt daher als erster Regisseur der Filmgeschichte. (Faulstich 2005: 21) Er experimentierte mit Stopptrick, Mehrfachbelichtung, Überblendung, Maskenverfahren und Kolorierung. Seine Filme waren meist nur wenige Minuten lang, waren aber wegen ihrer Originalität Attraktionen in Europa und Amerika. 1902 produzierte er seinen erfolgreichsten Film, Le voyage dans la lune, der 15 Minuten dauerte. Trotz seiner vielen Innovationen waren seine Filme deutlich von der Tradition des Theater geprägt. So zeigte er einen abgefilmten Vorhang am Beginn, zwischen den einzelnen Akten und am Schluss des Films, die Schauspieler traten auf und ab und Kameraposition war starr. (Korte/Faulstich 1994: 18)

1897 verkauften die Brüder Lumière ihre Patente an den französischen Schausteller Charles Pathé, der das Unternehmen Pathé Frères gründete und damit als Begründer der französischen Filmindustrie gilt. Filme wurden nun zur Massenware, wurden marktorientiert und publikumsbezogen produziert, so dass Pathé Frères fast zwei Jahrzehnte lang den Filmmarkt in Frankreich, ganz Europa und zeitweise sogar in den USA dominierte. Ab 1904 bildeten sich größere Produktionsgesellschaften heraus und die Tendenz zum Langfilm machte größeren Kapitaleinsatz erforderlich.

Charakteristisch für das Ende des 19. Jahrhunderts war die Ausweitung der Filmdistribution vom anfangs stationären Angebot zum Jahrmarkt- oder Wanderkino. Filme wurden da gezeigt, wo die Menschen zusammenkamen, an Messen, Rummelplätzen oder an Festen. Mit den ambulanten Filmvorführungen erschloss sich auch ein neues Publikum, die Arbeiterklasse. Somit war der Film ein schichtenübergreifendes Medium geworden. (Faulstich 2005: 23f)

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Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656018452
ISBN (Buch)
9783656019251
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179313
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Romanistik
Note
Schlagworte
Flaubert Film Realismus

Autor

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