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Das Problem der Willensfreiheit nach Arthur Schopenhauer und dessen zeitgenössische Relevanz

Facharbeit (Schule) 2011 16 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Themenwahl

2. Das Problem der Willensfreiheit im Überblick

3. Schopenhauers Preisschrift „Über die Freiheit des menschlichen Willens"
3.1 Begriffsbestimmungen
3.1.1 Freiheit
3.1.2 Selbstbewusstsein
3.2 Der Wille vor dem Selbstbewusstsein
3.3 Der Wille vor dem Bewusstsein anderer Dinge
3.4. Vorgänger
3.5 Schluss und höhere Ansicht

4. Zeitgenössische Relevanz
4.1 Kritische Betrachtung der Preisschrift
4.2 Die geringe Präsenz deterministischer Standpunkte im bürgerlichen Bewusstsein
4.3 Mögliche Konsequenzen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Themenwahl

„Die Frage ist wirklich eine höchst bedenkliche. Sie greift mit forschender Hand in das allerinnerste Wesen des Menschen."[1] Mit diesem Zitat formuliert Schopenhauer treffend meine subjektive Empfindung bei meiner ersten Beschäftigung mit ebenjenem Problem, dem ich mich in dieser Arbeit widmen möchte: Die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens. Meine erste Beschäftigung mit deterministischen Theorien, die diese Frage verneinend beantworten, faszinierte und verunsicherte mich zugleich, da ich sie auf der einen Seite als logisch und nicht widerlegbar wahrnahm, ich aber auf der anderen Seite eine Art emotionale Ablehnung empfand, diese Antwort zu akzeptieren. Allein die Tatsache, dass sich beim Schreiben dieser Einleitung die Frage stellen ließe, ob ich in meiner Themenwahl frei gehandelt habe oder nicht, bestätigt meine Faszination für dieses Problem, welche mich dazu bewegt hat, diese Facharbeit zu nutzen, um mich näher mit ihm zu beschäftigen. Bei der Suche nach passender Literatur stieß ich auf die Preisschrift Arthur Schopenhauers mit dem Titel „Über die Freiheit des menschlichen Willens", in der ich viele meiner eigenen Gedanken beeindruckend klar und eindeutig formuliert und weitergeführt fand, was mich überzeugte, diese als Grundlage für meine Arbeit zu verwenden. Ein weiterer Aspekt, der mein Interesse weckte, ist die Frage, warum die Ablehnung der Willensfreiheit, die mir nach einiger Beschäftigung sehr logisch und einleuchtend erschien, in unserer Gesellschaft kaum eine Rolle spielt. Ich werde daher im Verlauf dieser Arbeit versuchen, Schopenhauers Lösungsansatz anhand der bereits erwähnten Preisschrift vorzustellen und seine Relevanz in Bezug auf unsere Gesellschaft zu bewerten.

2. Das Problem der Willensfreiheit im Überblick

Da ich mich im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf die Position Schopenhauers beschränken werde, möchte ich versuchen, einen kurzen Überblick über das Problem der Willensfreiheit im Allgemeinen und wichtige Grundbegriffe geben.

Bei der Beschäftigung mit der Frage nach der Willensfreiheit fällt auf, dass dieser Begriff in der Philosophie nicht eindeutig definiert ist und das Verständnis desgleichen bei verschiedenen Philosophen unterschiedlich ausfällt[2]. Einen Eindruck sollte jedoch trotzdem folgende Definition liefern: „Die Willensfreiheit ist das Vermögen eines Lebewesens, zu einer Proposition ebenso wohl Ja wie Nein zu sagen. Eine Proposition ist ein Gedanke, dass etwas der Fall sein soll [,..].“[3]

Ein eng mit dem Problem der Willensfreiheit verknüpfter Begriff ist der des Determinismus, welcher davon ausgeht, „dass der gesamte Weltlauf ein für alle Mal fixiert ist.“[4], also alle Ereignisse und Zustände auf Basis der allgemeingültigen Naturgesetze aus einem Anfangszustand zwingend hervorgehen[5]. Im Gegensatz dazu besagt der Indeterminismus, dass sich nicht alle Ereignisse oder Handlungen empirisch begründen lassen und somit nicht determiniert sind[6]. Aus diesen beiden Standpunkten ergibt sich das Vereinbarkeitsproblem, welches die Frage stellt, ob sich Determinismus und Willensfreiheit ausschließen, oder nicht[7]. Der Kompatibilismus vertritt hier die These der Vereinbarkeit von Determinismus und Willensfreiheit, ein bekannter Anhänger dieser Auffassung ist beispielsweise Thomas Hobbes, während der Inkompatibilismus besagt, dass ein determinierter Weltlauf und die Freiheit des Willens unvereinbar sind. Keil betont aber die Problematik der genauen Gegenüberstellungen dieser beiden Richtungen, da ihr Freiheitsbegriff sich unterscheidet. Während Inkompatibilisten für die Existenz der Willensfreiheit ein „So- oder-anders-Können unter gegeben Bedingungen“[8] voraussetzen, bezeichnen Kompatibilisten einen Willensentschluss schon als frei, wenn dieser in Abwesenheit von Zwängen oder Äußerlichen Hindernissen gefasst wurde[9].

3. Schonenhauers Preisschrift „Über die Freiheit des menschlichen Willens“

Die Preisschrift „Über die Freiheit des menschlichen Willens", auf die ich im Folgenden näher eingehen möchte, war Schopenhauers Antwort auf die 1837 von der Königlich Norwegischen Gesellschaft der Wissenschaften gestellten Preisfrage „Läßt sich die Freiheit des menschlichen Willens aus dem Selbstbewusstsein beweisen?". 1839 wurde Schopenhauers Beitrag von der Königlichen Societät mit dem ersten Preis ausgezeichnet[10]. In meiner Zusammenfassung seiner Arbeit werde ich die von Schopenhauer gegebene Gliederung beibehalten.

3.1 Begriffsbestimmungen

Schopenhauer betont die Wichtigkeit der genauen Begriffsbestimmung, welche insbesondere bei „einer so wichtigen, ernsten und schwierigen Frage, die im Wesentlichen mit einem Hauptproblem der gesamten Philosophie mittlerer und neuerer Zeit zusammenfällt"[11] von Nöten ist.

3.1.1 Freiheit

Schopenhauer definiert den Begriff der Freiheit als einen negativen, nämlich als „Abwesenheit alles Hindernden und Hemmenden'[12] und unterscheidet dabei drei verschiedene Unterarten:

- Physische Freiheit
- Intellektuelle Freiheit
- Moralische Freiheit

Die Physische Freiheit bestehe in der „Abwesenheit der materiellen Hindernisse aller Art"[13], was bedeutet, dass eine Handlung durch keine physischen Hindernisse gehemmt wird, sondern dem „dem Willen gemäß"[14] durchgeführt werden kann.

Die Intelektuelle Freiheit erwähnt Schopenhauer zu diesem Zeitpunkt nur der Vollständigkeit halber und verweist auf eine nähere Erläuterung, welche im Anhang der Preisschrift zu finden ist[15].

Bedeutung zur Beantwortung der Fragestellung habe lediglich die moralische Freiheit, da diese das „liberum arbitrium (die freie Willensentscheidung)[16] sei. Schopenhauer kritisiert die gebräuchliche Definition von Freiheit, welche „Frei bin ich, wenn ich thun kann, was ich will“15[17] laute; diese beziehe sich aber auf das Können, und nicht auf das Wollen. Schopenhauer verwirft diesen Freiheitsbegriff daher und führt den abstrakteren Begriff der „Abwesenheit aller Nothwendigkeit“[18] ein. Die sich aufdrängende Frage nach der Definition der Notwendigkeit beantwortet Schopenhauer folgendermaßen: „nothwendig ist, was aus einem gegebenen, zureichenden Grund erfolgt“[19]. Ein freier Wille müsste also „ohne Nothwendigkeit“[20], d.h. frei von äußeren Ursachen und somit allein in sich selbst begründet sein. Schopenhauer führt hierfür den Begriff des „liberum arbitrium indifferentiae (freie, nach keiner Seite hin beeinflußte Willensentscheidung)“[21] ein.

3.1.2 Selbstbewusstsein

Schopenhauer grenzt das Selbstbewusstsein vom „Bewusstsein anderer Dinge“[22] ab, wobei letzteres den größeren Teil des menschlichen Bewusstseins ausmache.

Gegenstand des Selbstbewusstseins sei „allezeit das eigene Wollen“[23] in seinen verschiedenen Facetten, die Schopenhauer als „alle Affekte und Leidenschaften“[24] zusammenfasst und damit alle Emotionen und Affekte des Menschen auf dessen Willen zurückführt. Die „Bewegungen des Willens“[25] jedoch befinden sich laut Schopenhauer an der Grenze des Selbstbewusstseins zum Bewusstsein anderer Dinge, da diese sich auf Objekte der Außenwelt richten.

3.2 Der Wille vor dem Selbstbewusstsein

Wie bereits angedeutet, sieht Schopenhauer den Willensakt als „Gegenstand des Selbstbewusstseyns"[26], welcher sich auf ein Objekt im Bewusstsein anderer Dinge, bzw. „ein Objekt des Erkenntnißvermögens"[27] richtet. Dieses Objekt bezeichnet er im gegebenen Zusammenhang als Motiv. Die Fragestellung laute nun, ob der Willensakt mit Notwendigkeit durch das Motiv hervorgerufen oder auch nach Eintritt des Motivs ins Bewusstsein frei bleibe. Die Aussage des Selbstbewusstseins bestehe aber lediglich in der Freiheit, dem Willen gemäß zu handeln („Ich kann thun, was ich will"[28] ), während die gestellte Frage sich auf die Freiheit des Wollens richte. Somit sei nach dem Kausalverhältnis zwischen den, im Bewusstsein anderer Dinge liegenden, Motiven und dem im Selbstbewusstsein begründeten Willensakt gefragt.

In der allgegenwärtigen Aussage des Selbstbewusstseins, „ich kann thun, was ich will", sieht Schopenhauer den Grund dafür, dass der „philosophisch rohe"[29] Mensch die Willensfreiheit als feststehende Wahrheit ansehe, da der Mensch tagtäglich erlebt, frei (im Sinne von dem Willen gemäß) handeln zu können. Dieses Freiheitserlebnis beziehe sich aber nur auf die Folgen des Willensaktes und nicht auf seinen Ursprung[30].

Die Frage nach der Willensfreiheit bestehe also in der Frage, ob der Wille notwendigerweise aus den Motiven, welche ihn beeinflussen, hervorgeht oder nicht. Da das Selbstbewusstsein aber lediglich eine Aussage über das Verhältnis von Handlung und Wille mache[31], kann das Selbsbewusstsein keine Instanz bei der Beantwortung der gestellten Frage sein und die Freiheit des Willens somit nicht aus dem Selbstbewusstsein bewiesen werden.

3.3 Der Wille vor dem Bewusstsein anderer Dinge

Schopenhauer betont, dass in diesem Abschnitt nicht mehr der Wille an sich, da dieser im Selbstbewusstsein begründet ist, sondern die „vom Willen bewegten Wesen"[32]. Dies habe den Vorteil, dass der Verstand als wirksames Werkzeug zur Untersuchung genutzt werden könne. Dieser finde sich in seiner allgemeinsten Form im Gesetz der Kausalität, welches die Basis seiner Argumentation liefert.

[...]


[1] Schopenhauer, 1977, S. 59

[2] vgl. Keil, 2009, S. 21 ff.

[3] Steinvorth, 1994 In: Kopriwa, Freiheit und Determination, 1999, S. 12

[4] Keil, 2009, S. 35

[5] vgl. ebd.

[6] vgl. Steinvorth, 1994

[7] vgl. Keil, 2009, S. 57

[8] ebd.

[9] vgl. ebd.

[10] vgl. Vollmer, In: Spierling, Schopenhauer im Denken der Gegenwart,1987, S. 166

[11] Schopenhauer, 1977, S. 43

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] Schopenhauer, 1977, S. 43

[15]

[16] Intellektuelle Freiheit sieht Schopenhauer dann gegeben, wenn Motive (siehe 3.2) vom

[17] Erkenntnisvermögen vollständig und unverfälscht erfasst werden, dieser Begriff wird in meiner Arbeit

[18] aber keine weitere Erwähnung finden (vgl. Schopenhauer, 1977, S. 139 ff.)

[19] a.a.O. S. 45

[20] a.a.O. S. 46

[21] a.a.O. S. 47

[22] ebd.

[23] a.a.O. S. 48 a.a.O. S. 49 ebd.

[24] a.a.O. S. 51 ebd.

[25] Schopenhauer, 1977, S. 52

[26] a.a.O. S. 53

[27] ebd.

[28] a.a.O. S. 55

[29] a.a.O. S. 58

[30] vgl. Schopenhauer, 1977, S. 57

[31] vgl. Schopenhauer, 1977, S. 62

[32] Schopenhauer, 1977, S.65

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656015352
ISBN (Buch)
9783656015062
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179207
Institution / Hochschule
Ricarda-Huch-Gymnasium, Krefeld
Note
1
Schlagworte
problem willensfreiheit arthur schopenhauer relevanz

Autor

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