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Denis Diderots "Le Neveu de Rameau" als Hypotext von Thomas Bernhards "Wittgensteins Neffe"

Studienarbeit 2009 14 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Le Neveu de Rameau

Vergleich zwischen Hypotext und Hypertext

Schlusswort

Bibliographie

Einleitung

In meiner Arbeit geht es um Denis Diderots Le Neveu de Rameau und Thomas Bernhards Wittgensteins Neffe. Es wird davon ausgegangen, dass der Text Thomas Bernhard als Vorlage gedient hat und eine produktive Rezeption stattgefunden hat.

Wenn ich von Hypotext spreche, so lehne ich mich an die Theorie Gerard Genettes an, der den Begriff Hypotextualität wie folgend definiert:

Darunter verstehe ich jede Beziehung zwischen einem Text B (den ich als Hypertext bezeichne) und einem Text A (den ich, wie zu erwarten, als Hypotext bezeichne), wobei Text B Text A auf eine Art und Weise überlagert, die nicht die des Kommentars ist. [...] Oder, um es anders zu sagen: Wir gehen vom allgemeinen Begriff eines Textes zweiten Grades [...], d.h. eines Textes aus, der von einem anderen, früheren Text abgeleitet ist.[1]

Zuerst wird eine kurze Inhaltsangabe des Prätextes wiedergegeben, die in kurzen Worten veranschaulichen soll, wie das Werk strukturell aufgebaut ist, welche Themen in Le Neveu de Rameau angesprochen werden und welche Figuren in diesem Dialog eine Rolle spielen.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich schließlich mit den Überschneidungen und Unterschieden von Hypo- und Hypertext und bildet das Zentrum dieser Arbeit.

Es handelt sich hauptsächlich um inhaltliche Entsprechungen mit dem bearbeiteten Hypotext und um kreative Missverständnisse, wie ich es anhand einiger Zitate aus beiden Werken, erläutern werde.

Le Neveu de Rameau

Le Neveu de Rameau ist ein philosophischer Dialog zwischen „Moi", der sich am Anfang des Buches als Philosoph zu erkennen gibt, und dem heruntergekommenen Neffen des großen Musikers Rameau - im Buch als „Lui" bezeichnet - der darunter leidet, nur der Neffe seines berühmten Onkels zu sein. Es gibt keine Handlung. Anstatt dessen werden nur gewisse Gesprächsthemen diskutiert. Es wird in hohem Maße philosophiert, außerdem werden einige Anekdoten aus dem Leben Rameaus wiedergegeben. Diese verschiedenen Episoden dienen der Veranschaulichung von Rameaus Amoral.[2]

Dieser Neffe sieht sich zwar als einzigartig, wird hier allerdings als Repräsentant für eine ganze Spezies von Originalen vorgeführt. Diderot zeichnet ihn als einen nicht unsympathischen Nutznießer von fremdem Glanz. Der Dialog zwischen ,Diderot -moi‘ und dem - an Jean­Francois Rameau angelehnten - Neffen ist von ungewöhnlicher Offenheit. Es werden Themen angesprochen, die beispielhaft für die Widersprüchlichkeit des Lebens sind.[3]

Es geht in diesem Dialog darum, das gegenseitige Verständnis zu erleichtern und Missverständnisse durch ein offenes Gespräch aufzuklären.

Der durch „Moi" bezeichnete Philosoph trifft im Café de la Régence, wo er es liebt Leute zu beobachten, auf Rameau und kommt mit ihm ins Gespräch. „Bei aller Unterschiedlichkeit scheinen sie großen Gefallen daran zu finden, die geistige und moralische Spannkraft ihres Gegenübers auszutesten."[4] Es werden die oft gegenteiligen moralischen Ansichten diskutiert und anhand von Beispielen, die dem Alltagsleben entnommen wurden, von beiden Seiten illustriert, um ihre Meinung zu verdeutlichen und ihr eine gewisse Standfestigkeit zu verleihen.

Vergleich zwischen Hypotext und Hypertext

Meine Erläuterungen möchte ich mit einem Schlüsselzitat aus Wittgensteins Neffe beginnen, das anschaulich macht, worum es in diesem Werk geht:

Ein Jahrhundert haben die Wittgenstein Waffen und Maschinen erzeugt, bis sie schließlich endlich den Ludwig und den Paul erzeugt haben, den berühmten epochenmachenden Philosophen und den, wenigstens in Wien nicht weniger berühmten, oder gerade dort noch berühmteren Verrückten, der im Grunde genommen genauso philosophisch war wie sein Onkel Ludwig, wie umgekehrt der philosophische Ludwig so verrückt wie sein Neffe Paul, der eine, Ludwig, hatte seine Philosophie zu einer Berühmtheit gemacht, der andere, Paul, seine Verrücktheit. Der eine, Ludwig, war vielleicht philosophischer, der andere, Paul, vielleicht verrückter, aber möglicherweise glauben wir bei dem einen, philosophischen Wittgenstein nur deshalb, daß er der Philosoph sei, weil er seine Philosophie zu Papier gebracht hat und nicht seine Verrücktheit und von dem andern, dem Paul, er sei ein Verrückter, weil der seine Philosophie unterdrückt und nicht veröffentlicht und nur seine Verrücktheit zur Schau gestellt hat.[5]

Thomas Bernhard beschreibt also hier seine enge Freundschaft zu Paul Wittgenstein, dem Neffen des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Obwohl er einige Stilisierungen aufweist, gilt der Band als autobiographisch und ist trotz der anekdotischen Lockerheit sehr bewusst komponiert.[6] Stilistisch sind hier die musikalisierte Sprache und die ironisch­ unterhaltsamen gebotenen Einzelszenen auffällig.[7] Wittgensteins Neffe folgt einem Modell, das bei Bernhard wiederholt vorkommt: Jemand stellt sich selbst dar, indem er sich an einen Verstorbenen erinnert und sich dabei (allerdings nur zum Teil) mit ihm identifiziert."[8] Er ist auch mit Montaignes Essay Von der Freundschaft vergleichbar, da beide als Nachruf konzipiert sind und quasi den verstorbene Freund wieder zum Leben erwecken.[9]

Paul litt unter einer bipolaren Störung, war also manisch depressiv und war daher immer wieder zu einem längeren Aufenthalt im Otto Wagner Spital auf der Baumgartner Höhe, auch „Steinhof" genannt, gezwungen. Thomas Bernhard selbst befand sich dafür wiederholt im angrenzenden Pulmologiezentrum, aufgrund seiner Lungenkrankheit. Dieser Ort am Wilhelminenberg wird schließlich zum literarischen Raum Thomas Bernhards, um die Parallelen zwischen ihm und Paul, zwischen den „Geisteskranken" und den „Lungenkranken" zu verdeutlichen. Andererseits grenzt er sich auch von Paul ab, indem er sagt, sein Freund hätte sich im Gegenteil zu ihm selbst von seiner Verrücktheit beherrschen lassen. „Aus genau demselben Grund erfolgt die letzte entscheidende Distanzierung des Erzählers von seinem Freund: Aus Angst vor der Konfrontation mit dem Tod sucht er den Sterbenskranken nicht mehr auf."[10]

[...]


[1] Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993. S. 14 f. Übersetzung durch Wolfram Bayer und Dieter Hornig.

[2] Vgl. Rutzendorfer, Marion: Les Neveux de Diderot. Enzensberger, Kundera und Bernhard. Wien: Univ. Dipl. 2005. S. 67

[3] Ebenda

[4] Ebenda, S. 69

[5] Bernhard , Thomas: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1982

[6] Vgl. Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. Leben, Werk und Wirkung. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2006. S. 101

[7] Vgl. Ebenda, S. 102

[8] Ebenda

[9] Vgl. Wagner, Walter: Was ich im Grunde nicht entbehren kann, will ich existieren. Zum Begriff der Freundschaft bei Thomas Bernhard. In: Thomas Bernhard Jahrbuch 2003. Hg. v. Huber, Martin; Schmidt- Dengler, Wendelin, u.a. Böhlau: Wien, Köln, Weimar 2003. S. 57-70. S. 62

[10] Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. S. 102

Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (Buch)
9783656014171
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179183
Institution / Hochschule
Universität Wien – Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Transtextualität Hypertextualität Thomas Bernhard Wittgensteins Neffe Denis Diderot Le Neveu de Rameau Rameaus Neffe

Autor

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