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Angststörungen - Ein Überblick über das Krankheitsbild

Betriebliche Unterstützungsmaßnahmen bei Wiedereingliederungsprozessen

Bachelorarbeit 2011 57 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 BegriffserklärungAngst
1.2 Definition von Gesundheit und psychischer Erkrankung
1.3 Klassifikation psychischerErkrankung

2. Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
2.1 Phobische Störungen
2.2 Agoraphobie
2.3 Soziale Phobien
2.4 Spezifische (isolierte) Phobien
2.5 Posttraumatische und akute Belastungsstörungen
2.6 Generalisierte Angststörung
2.7 Panikstörung

3. Epidemiologisches Profil von Angststörungen

4. Entstehung von Angststörungen
4.1 SoziokulturellerAnsatz
4.2 BehavioristischerAnsatz
4.3 Biologische / biochemische Ansatz
4.4 Kognitiv orientierter Ansatz
4.5 PsychodynamischerAnsatz

5. Symptomatik

6. Auswirkungen auf das Leben von Betroffenen
6.1 Private Alltagsaufgaben und Freizeitgestaltung
6.2 Berufsalltag

7. Bewältigungsstrategien und Therapieansätze
7.1 Verhaltenstherapie
7.2 Angsttagebuch
7.3 Konfrontation/ Exposition
7.4 Hypnotherapie
7.5 Entspannungstraining

8. Untern. Handlungsmöglichkeiten zur Unterstützung betroffener Mitarbeiter
8.1 Unterstützung bei Arbeitsunfähigkeit
8.2 Stufenweise Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag
8.2.1 Vorbereitung auf die Rückkehr in den Arbeitsalltag
8.2.2 Leitfaden für die stufenweise Wiedereingliederung
8.2.3 Kontinuierliche Überprüfung des Wiedereingliederungsprozesses
8.3 Psychischen Erkrankungen gegensteuern

9. Fazit

10. Literatur

11. Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Abstract

ln den vergangenen Jahren haben die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen immer mehr zugenommen. Doch die Entstehung und der Verlauf dieser Krankheiten sind meistens weniger bekannt. ln dieser Arbeit werden wichtige Grundlagen zu psychischen Erkrankungen, wie Entstehung und Symptomatik, mit dem Fokus auf Angststörungen erläutert. Des Weiteren wird sich mit der Fragestellung beschäftigt, welche Wiedereingliederungsmaßnahmen und Unterstützungen aus betrieblicher Sicht geleistet werden kann.

1. Einführung

ln den vergangenen Jahren haben Krankmeldungen aufgrund von psychischen Erkrankungen immer mehr zugenommen. Das zeigen auch statistische Erhebungen aus Fehlzeitenreporten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quölle Wissenschaftliches Institut der AOK (WldO) Fehlzeitert-Reporl 2010

Abb. 1: WldO Fehlzeitenreport 2010 - Arbeitsunfähigkeitsfälle

Die Zahl der auf diese Krankheitsbilder zurückgehenden Arbeitsunfähigkeitsfälle ist seit 1998 um 93% gestiegen. Gerade in den Jahren 2000 und 2001 verzeichnete man einen besonders hohen Anstieg der Krankmeldungen aufgrund von psychischen Erkrankungen (WldO Fehlzeitenreport 2010).

Laut dem Robert Koch-lnstitut (2011) geht inzwischen rund ein Drittel Frühberentungen auf eine psychische Erkrankung zurück, und auch die Prognosen der Weltgesundheitsorganisation stehen für einen weiteren Anstieg dieser Krankheitsbilder.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2010 - Erkrankungsgruppen

Deutlich wird bei den genannten Zahlen, dass vor allem der Anteil Erkrankungen psychischen Grundes gegenüber den physischen Erkrankungen gestiegen ist. Nach Daten der Gesundheitsberichtserstattung des Bundes, waren im Jahr 2010 etwa 20% aller eingegangenen Krankmeldungen auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Damit zeigt sich, dass psychische Krankheiten die zweithäufigste Ursache nach physischen Erkrankungen sind.

Für die Arbeitgeber als auch für den Arbeitnehmer bedeutet das teilweise kostenintensive und langandauernde Behandlungen. Auch das statistische Bundesamt verzeichnet jedes Jahr erneut steigende Kosten für die Behandlung von psychischen Erkrankungen.

Nun stellt sich die Frage, wer oder was die Verantwortung für die steigenden Krankheitszahlen trägt. Im Kontext des demografischen Wandels, wird nicht nur die individuelle Bedeutung der Arbeit immer größer, sondern auch die gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit. Immer mehr rückt das Thema des Fachkräftemangels, der steigenden Anforderungen und der erwünschten körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern in den Fokus öffentlicher Diskussionen (Vgl. Griefahn (1996), Schick et al. (2010). Doch den gesteckten Zielen stehen immer häufiger arbeitsbedingte Gesundheitsrisiken entgegen, die mehr und mehr dazu führen, dass Mitarbeiter arbeitsunfähig werden oder ihrer Tätigkeit gar nicht mehr nachgehen können.

In den folgenden Kapiteln dieser Arbeit, möchte ich mich daher dem Thema der psychischen Erkrankungen und die damit oft verbundene Arbeitsunfähigkeit beschäftigen. Da das Themengebiet derartiger Krankheitsbilder sehr facettenreich und komplex ist, möchte ich meinen Fokus auf die Angststörungen setzen.

Ich werde zunächst Begrifflichkeiten aufgreifen und die verschiedenen Störungsbilder vorstellen. Daraufhin folgt der Bereich, in dem ich mich mit der Entstehung von Angststörungen und der Symptomatik auseinandersetzen werde. Im Folgenden stelle ich dann Therapiemöglichkeiten vor und möchte mich schließlich damit beschäftigen, welche Maßnahmen ein Unternehmen durchführen kann, um eine Wiedereingliederung eines aufgrund von Angststörung ausgeschiedenen Mitarbeiters zu unterstützen.

Um den Lesefluss zu erleichtern wird in dieser Arbeit vorwiegend der männliche Terminus verwendet, wie z.B. Mitarbeiter, der sowohl männliche als auch weibliche Arbeitnehmer umfasst.

1.1 Begriffserklärung Angst

Der Begriff „Angst“ ist verwandt mit dem lateinischen Wort „angustus“ und steht für „eng“, „beengend“ bzw. „die freie Bewegung behindernd“ (Vgl. Dorsch, Psychologisches Wörterbuch, 1998, S.40).

Genauso wie die Verhaltens- und Erlebnisbereiche, Sexualität, Hunger und Aggressionen gehört auch die Angst zu den Grundbedingungen menschlicher Existenz. Angst ist nicht direkt beobachtbar. Die „Zuordnung des Wortes Angst zum Erlebnis der Angst ist immer individuell, d.h. nicht kontrollierbar, privat, daher das Gefühl nur jeweils der Person, die die Angst erlebt, zugänglich ist“ (Lazarus & Mainka, G., 1976, S. 19 ff).

Das Psychologie-Lexikon nach Humboldt, definiert den Begriff der Angst wie folgt:

„Angst ist ein mit Beklemmung, Bedrückung, Erregung, oft auch mit quälender Verzweiflung einhergehender Gefühlszustand. Angst ist existentiell, das heißt sie entsteht aktiv auf jede real erlebte oder auch bloß vorgestellte, häufig nicht einmal voll bewusste Lebensbeeinträchtigung oder -bedrohung“ (Humboldt­Psychologie-Lexikon, 1986, S.31).

Angst ist aber ebenso ein Alarm- und Warnsignal, welches bei der Bewältigung einer Bedrohung helfen soll. Somit ist die Angst ein durchaus notwendiger und langfristiger Anpassungs- und Lernprozess.

Es gibt jedoch eine Abgrenzung zwischen dem Begriff der Angst und dem der Furcht. Der Begriff der Furcht steht für das psychische Erleben einer realen Gefährdung oder Bedrohung, auch als Realangst zu bezeichnen. Es kann hierbei Vermeidungs- und Angriffsreaktionen im Hinblick auf die Situation geben.

Furcht ist also immer in Bezug auf eine spezifische Situation oder ein konkretes Ereignis zu sehen (Vgl. Zimbardo, Psychologie, 1995, S.615).

Angst ist ein normales und bekanntes Gefühl genau wie Freude, Trauer oder Wut, was jeder Mensch kennt. Meistens wird Angst in Situationen erlebt, die als bedrohlich, ungewiss oder auch unkontrollierbar eingestuft werden. Auch wenn dies ein nicht angenehmes Gefühl ist, ist sie ein natürliches und biologisches Gefühl, welches im menschlichen Organismus festgelegt ist und somit keinesfalls gefährlich für den Körper ist. Doch Angst kann krankhaft werden. Dies ist der Fall, wenn Ängste unangemessen und häufig auftreten, zu lange andauern und mit einem Gefühl verbunden sind, keine Kontrolle mehr über das Auftreten und Andauern zu haben.

Dies führt dann oftmals dazu, dass bestimmte Situationen, auch wenn sie keine reale Bedrohung darstellen, aufgrund von hohen Erwartungsängsten vermieden werden. Ängste mit einer derartigen Ausprägung sind in immer mit einem sehr starken Leidendruck und einer enormen Einschränkung der Lebensqualität verbunden (Vgl. Rufer, Alsleben & Weiss, (2011).

Von Angststörungen spricht man, wenn Personen unter einer ständigen Angst oder Furcht leiden und diese das Leben in sämtlichen Bereichen einschränkt.

1.2 Definition von Gesundheit und psychischer Erkrankung

Unter Gesundheit ist weit mehr zu verstehen als lediglich die Abwesenheit von Krankheit, sagte 2009 die World Health Organisation (WHO), als es hieß „Health is a state of complete, mental and social well-being and not merely the absense of disease or infirmity“ (www.gesundheitsmanagement.kenline.de)

Um Gesundheit zu erfassen, spielen sowohl physische als auch psychische und soziale Aspekte eine Rolle. Doch was genau ist unter den einzelnen Aspekten zu verstehen?

Am Institut für Suchtforschung an der Fachhochschule in Frankfurt am Main, hat man die Dimensionen von Gesundheit versucht darzustellen (Vogt, 2007): Physische Gesundheit beschreibt „normale“ körperliche Funktionen, sprich eine gegebene Leistungsfähigkeit ohne organische Problematiken.

Die psychische Dimension der Gesundheit beschreibt persönliches Wohlbefinden, persönliche Sinnfindung und eine Realisierung des persönlichen Potentials.

Die sozialen Aspekte die zur Gesundheit beitragen stellen Kontaktfähigkeit, Rollenübernahme und Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Prozessen dar.

Nun kann man sich die Frage stellen, ob man demnach überhaupt völlig gesund sein kann? Denn um sich somit als gesund bezeichnen zu können, müssten nun alle gerade genannten Dimensionen ohne Einschränkungen sein.

Mit einer ähnlichen Auslegung vom Begriff Gesundheit arbeitet auch Aaron Antonovksy (1993). Der israelisch amerikanische Medizinsoziologe definiert Gesundheit ebenso als weit mehr als die bloße Abwesenheit von Krankheit. Der Begründer der Salutogenese, geht davon aus, dass es keine zweiseitige Beziehung zwischen gesund und krank gibt. Vielmehr redet er von einer Balance zwischen diesen beiden Polen. Für die Bestimmung von Gesundheit als festen Begriff, sind nach Antonovsky mehrere Faktoren zu berücksichtigen:

- Krankheit und Gesundheit sind beobachterabhängige Konstrukte
- Die Beobachtung von Gesundheit erfolgt nur anhand von Symptomen die körperlich,
- psychisch oder sozial sein können
- Gesundheit ist demzufolge nicht empirisch erfassbar
- Man differenziert zwischen physischer und psychischer Gesundheit
- Das Auftreten von Krankheit wird durch Risikofaktoren, sprich Stressoren, und Schutzfaktoren beeinflusst
- Risiko- und Schutzfaktoren könne nochmals in physische, psychische, soziale und physikalisch-materielle Faktoren unterteilt werden
- Das Kontinuum von Gesundheit und Krankheit wird nach dem Vorhandensein von Symptomen beeinflusst

Antonovsky interessierte besonders das Phänomen, dass Menschen trotz der Konfrontation mit Gesundheitsrisiken gesund bleiben und nicht krank werden. Er entwickelte sein Gesundheitskonzept während eines Forschungsprojektes in den 70er-Jahren, als er bei Überlebenden Personen mehrerer Konzentrationslager feststellte, dass sie trotz der erlittenen Qualen und der erlebten Kriege einen angemessenen Gesundheitszustand aufwiesen.

Das folgende Zitat (Antonovsky, 1993, S.11) zeigt ebenso seinen Denkansatz auf:

„Ich gehe davon aus, [...] um eine [...] Metapher zu wählen, dass wir alle eine lange Skipiste herunterfahren, an deren Ende ein unumgänglicher und unendlicher Abgrund ist. Die pathogenetische Orientierung beschäftigt sich hauptsächlich mit denjenigen, die an einen Felsen gefahren sind, einen Baum, mit einem anderen Skifahrer zusammengestoßen sind oder in eine Gletscherspalte fielen. Weiterhin versucht sie uns davon zu überzeugen, dass es das Beste ist, überhaupt nicht Ski zu fahren. Die salutogenetische Orientierung beschäftigt sich damit, wie die Piste ungefährlicher gemacht werden kann und wie man Menschen zu sehr guten Skifahrern machen kann.“

Die Gesundheitspsychologie antwortet mit der Frage nach Gesundheit mit dem biomedizinischen und biopsychosozialen Modellen (Vgl. Knoll & Scholz, Einführung in die Gesundheitspsychologie. S.18 ff).

Das biomedizinische Modell implementiert die Vorstellung von Krankheit und Gesundheit als naturwissenschaftliche und objektivierbare Zustände biologischer Organismen. Ursachen für Krankheiten werden hierbei nur genetischen und externen Ursachen zugeschrieben, wie beispielsweise Bakterien oderViren.

Anders als bei der Definition der WHO ist Gesundheit hierbei die reine Abwesenheit von Krankheit. Daher gibt es auch keinerlei Verantwortlichkeiten für die eigene Gesundheit, denn Körper und Geist sind zwei getrennte Einheiten. Krankheiten können gewiss psychische Störungen oder Beeinträchtigungen auslösen, jedoch sagt man hier, dass dies nicht umgekehrt möglich ist.

Das biopsychosoziale Modell löste im 20. Jahrhundert das biomedizinische Modell ab mit der Einstellung, dass Krankheiten von einem gewissen Wechselspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren beeinflusst und verursacht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Das biopsychosoziale Modell (nach Engel 1980)

Ebenso unterscheidet dieses Modell nicht bloß zwischen krank und gesund, sondern auch zwischen dem subjektiven Befinden einer Person und sozialen und moralischen Werten und Normen.

Der biopsychosoziale Ansatz, welcher Gesundheit zusammenfassend als „positiver funktioneller Gesamtzustand im Sinne eines dynamischen biopsychologischen Gleichgewichtszustandes, der erhalten bzw. immer wieder hergestellt werden muss (WHO, 1986, zitiert nach Quaas 1994, S.148)“ definiert den Begriffsehrzutreffend.

Gerade für den aufgegriffenen Aspekt der psychischen Gesundheit trifft die Definition der WHO zu: „Ein Zustand des Wohlbefindens, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv und fruchtbar arbeiten kann und imstande ist, etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen.“ Im Verlauf meiner Arbeit möchte ich mich auf diese Definition von psychischer Gesundheit stützen.

1.3 Klassifikation psychischer Erkrankung

Um psychische Krankheitsbilder exakt einordnen zu können, bedarf es eines Klassifikationssystemes. Gerade in der Forschung ist die Zuordnung in ein solches System unverzichtbar, um Aussagen über die Ätiologie, Epidemiologie, Prävention und Therapie machen zu können. Ebenso dient eine Klassifikation dem menschlichen Bedürfnis nach Ordnung und Vereinfachung, sowie der Kommunikation zwischen Fachleuten (Vgl. Reinecker2005).

Die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-10) wurde von der Weltgesundheitsorganisation entwickelt und im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit ins Deutsche übertragen und veröffentlicht.

Die Abkürzung steht für die Bezeichnung „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ und die Ziffer 10 die zehnte Revision der Klassifikation.

Das ICD-10 ist kein multiaxiales Klassifikationssystem und beschreibt alle Diagnosen anhand deutlich definierter Kategorien bzw. eindeutiger Symptome. Bei diesen Kategorien müssen nicht alle Merkmale komplett erfüllt sein, denn es reicht bereits eine gewisse Anzahl von zutreffenden Symptomen, um eine Diagnose stellen zu können.

Die genaue Kodierung erfolgt durch für die jeweilige psychische Erkrankung typische Abkürzung F und einer zweistelligen Ziffer für die dazugehörige Kategorie der Störung. Die einzelnen Kategorien lassen sich wie folgt in 10 Unterpunkte aufteilen:

- Organische, einschließlich psychische Störungen
- Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
- Schizophrenie, wahnhafte und schizotype Störungen
- Affektive Störungen
- Neurotische-, Belastungs- und somatoforme Störungen
- Verhaltensauffälligkeiten mit damit verbundenen körperlichen Störungen und Faktoren
- Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
- Intelligenzminderung
- Entwicklungsstörung
- Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn der Kindheit und Jugend
- Nicht näher bezeichnete psychische Störungen

Das ICD-10 zählt genauso wie die DSM-IV, was für „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ steht und von der American Psychiatric Association stammt, zu den internationalen gesundheitsrelevanten Klassifikationen.

Das DSM-IV ist ein multiaxiales Klassifikationssystem mit insgesamt fünf Achsen:

Achse I: alle psychischen Störungen außer Persönlichkeitsstörung und geistige Behinderung

Achse II: Persönlichkeitsstörung und geistige Behinderung Achse III: Medizinische Krankheitsfaktoren Achse IV: Psychosoziale und umgebungsbedingte Probleme Achse V: Funktionsniveau Hierbei umfasst die erste Achse alle psychischen Störungen, wobei die zweite Achse sich auf lang andauernde und eher schwer zu behandelnde Störungen zentralisiert. Üblicherweise können Störungsbilder aus der ersten Achse auf Störungen der zweiten Achse aufbauen. Beispielsweise kann eine Person mit einer Borderline-Störung zunächst wegen einer Sozialphobie in Behandlung sein. Eine differenzierte Darstellung dieser beiden Krankheitsbilder wird durch die zwei Achsen ermöglicht.

Die dritte Achse umfasst körperliche Faktoren, wie zum Beispiel Herz­Rhythmus-Störungen, die gerade bei Angstpatienten, einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung von Angstsymptomen haben kann.

Die vierte und fünfte Achse des Klassifikationssystems greifen schließlich psychosoziale Probleme und demnach auch die potentiellen Einflussfaktoren auf das Krankheitsbild auf. Es wird so ein äußerst differenzierter und vielschichtiger Blick auf die betroffene und erkrankte Person ermöglicht.

Während früher die Klassifikationen besonders auf der Basis von Typologien aufbauten, werden heutzutage vor allem Dimensionen, sprich graduelle Ausprägungen, oder Kategorien verwendet. Die oben genannten Klassifikationssysteme stehen hier zurAuswahl.

Beide Systeme zeigen lediglich die Form der Erkrankung auf und dienen somit nur als Hilfsmittel in Bezug auf die Stellung einer Diagnose, da weder Angaben zur Entstehungsgeschichte oder des theoretischen Hintergrundes durch sie erschließbar sind. Auch jegliche Formen der Beeinträchtigung der einzelnen Lebensbereiche der betroffenen Personen fehlen. Demnach können die Klassifikationssysteme nur als Fundament genutzt werden und nicht zur angemessenen Interpretation einer Erkrankung oder einer Therapieplanung (Vgl. Schmidt-Traub, 2005, S.26).

Zur Veranschaulichung der Differenzen zwischen den beiden genannten Klassifizierungssystemen dient die folgende Abbildung als Beispiel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4: Differenzen zwischen den Klassifizierungssystemen

2. Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen

Laut DSM - IV (2009, S.979) werden psychische Störungen als ein klinisch bedeutsames Verhaltens- oder psychisches Syndrom aufgefasst, das bei einer Person auftreten kann und das mit einem momentanen Leiden wie beispielsweise einem schmerzhaften Symptom oder einer Beeinträchtigung physiologischer Funktionsbereiche einhergeht.

Unterschieden werden im Bereich der Störungen mittlerweile jedoch einzelne Klassen:

Phobische Störungen, Angst- sowie Zwangsstörungen und Belastungsstörungen, dissoziative Störungen und somatoforme Störungen.

Nach Sigmunds Freuds Neuroselehre steht im Mittelpunkt dieser Störungen die Angst, auch wenn die Störungsbilder zunächst völlig unterschiedlich sind. Es liegen Neurosen vor, sprich seelische Krankheiten, denen keine organischen Erkrankungen zu Grunde liegen (Hitschmann (1911). Allgemein betrachtet, gilt auch noch heute die Ansicht Sigmund Freuds, dass zwischen Normalität und Neurose fließende Übergänge bestehen. Er stellte sich die Frage, ob der Betroffene fähig ist, ohne zu große Konflikte und mit einer ausreichenden Befriedigung zu leben, zu arbeiten und soziale Beziehungen zu Mitmenschen zu führen und diese auch aufrechtzuerhalten.

Eine neurotische Störung oder Neurose meint eine seelische Erkrankung ohne erkennbare Ursachen körperlichen Ursprunges.

Eine Störung der Angst zugrunde liegt, geht immer mit einer sehr intensiven und körperlichen Symptomatik einher. Die Symptome sind dabei, auch wenn Sie sich für den Betroffenen noch so bedrohlich anfühlen, eine völlig normale Anpassungsreaktion des Körpers auf Umwelteinflüssen wie beispielsweise Gefahrensituationen.

Der menschliche Organismus schaltet bei der Wahrnehmung eines Umweltreizes, welche Gefahr signalisiert, innerhalb weniger Sekunden auf eine Reaktion ganz im Sinne von Angriff oder Flucht. Reagiert der Körper nun jedoch auch auf ungefährliche Umweltreize mit diesen Handlungen oder umgekehrt, nahezu gar nicht in wirklich gefährlichen Situationen, so lässt sich ein Krankheitsbild im Sinne einer Störung festhalten.

2.1 Phobische Störungen

Von einer Phobie wird gesprochen, wenn eine Person starke Angst zeigt, die exzessiv oder nicht begründet ist, und von einem bestimmten Objekt oder auch einer bestimmten Situation ausgelöst wird. Beispiele sind Phobien vor Spinnen, Menschenansammlungen, geschlossenen Räume oder Höhen.

Die Konfrontation mit diesen ängstigenden Reizen ruft eine unmittelbare Angstreaktion oder sogar Panikattacke hervor.

Oftmals erkennt die betroffene Person selber, dass die Angst unbegründet und übertrieben ist, jedoch meiden Sie die entsprechenden Situationen oder können sie nur unter starker Angst ertragen (Vgl. Butcher, Mieka & Hooley (2009). Klinische Psychologie, Kap. 6.3).

Auch in den Kriterien der ICD-10 wird die phobische Störung ausführlich beschrieben (2009): In der Gruppe der phobischen Störungen wird Angst vorwiegend durch eindeutig definierte, in allgemein ungefährliche Situationen und Objekte hervorgerufen oder durch Objekte außerhalb des Betroffenen hervorgerufen. Diese werden dann in der Regel gemieden oder unter starker Angst ertragen.

Phobische Angst ist subjektiv, physiologisch und im Verhalten von anderen Angstformen nicht direkt unterscheidbar, da sie von Unbehagen bis hin zu einer panischen Angst reichen kann. Befürchtungen des betroffenen Menschen können sich auf einzelne Symptome wie beispielsweise Herzklopfen oder ein Gefühl von Schwäche beziehen und treten meistens parallel mit sekundären Ängsten wie der Angst vor dem Sterben, einem Kontrollverlust oder einem Gefühl verrückt zu werden.

Die Angst kann den Betroffenen nicht genommen werden oder gemildert werden indem andere Menschen die Situation oder das Objekt als weder gefährlich noch bedrohlich erachten. Allein die reine Vorstellung, dass die phobische Angst aufkommen könnte, kann bereits Angst erzeugen.

Das ICD-10 gibt ebenso vor, dass die phobische Angst oftmals in Verbindung mit einer Depressionen auftritt. Phobische Ängste die bereits vorher bestehen verschlimmern sich dann während der depressiven Episode. Teilweise werden die depressiven Episoden von phobischen Ängsten begleitet.

Es wird hier geschildert, dass die meisten auftretenden phobischen Störungen, mit Ausnahme der sozialen Phobie, häufiger bei Frauen als bei Männern vorkommen.

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Details

Seiten
57
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656015390
ISBN (Buch)
9783656015109
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179165
Institution / Hochschule
Business and Information Technology School - Die Unternehmer Hochschule Iserlohn
Note
2,0
Schlagworte
angststörungen überblick krankheitsbild betriebliche unterstützungsmaßnahmen wiedereingliederungsprozessen

Autor

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Titel: Angststörungen - Ein Überblick über das Krankheitsbild