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Identität durch (TV)-Konsum? (Teil 2) - Die Bedeutung eines Massenmediums für die Identitätsbildung in einer reflexiven Moderne

Hausarbeit 2011 9 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Individuum in der gesellschaftlich-entwickelten Moderne

3. Modifikation der theoretischen Überlegungen Meads

4. Die Bedeutung von TV-Konsum für die Identitätsbildung

5. Fazit

Literarturverzeichnis

1. Einleitung

Nach Meads Kommunikationskonzept können materielle Konsumgüter einen sozial bestimm- ten symbolischen Bedeutungsschatz herausbilden und haben somit sinnstiftenden Charakter für die Identitätsbildung einer Person. An einem von mir aufgeführten Beispiel lässt sich zei- gen, dass das Auftreten eines besonderen Konsumgutes im Freundeskreis eines Jugendli- chen, den Anstoß für eine innere dialogische Aushandlung des Selbstverständnisses auslö- sen kann. Die Bedeutung eines materiellen Konsumgutes als Symbolquelle konnte soweit im Ausschnitt einer losen sozialen Interaktion dargestellt werden (Kohl 2011: 2f.). Sieht man das Individuum dabei im Kontext einer modernen, individualisierten und pluralisierten Gesell- schaft ergeben sich weitere Blickwinkel auf die Bedeutung von Konsum für die Identität. Hier ist das Individuum mit einer Reihe von Entscheidungsmöglichkeiten konfrontiert, deren Wahl immer auch unkalkulierbare Risiken beinhalten können und somit das Selbstbild in unsiche- rer Weise bestimmen (Abels 2007: 229 f.). Aufgrund vielzähliger differenzierter Lebenslagen in einer nach Beck definierten Gesellschaft, sieht sich das einzelne Schicksal im Prozess seiner individuellen Entfaltung und dabei auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, Wider- sprüchen und weitgehender Orientierungslosigkeit durch den Verlust sozialer Sicherheiten ausgesetzt. (Massen)-Konsum als soziale Operation ist dabei immanent. (Beck 1986, 206).

Die Untersuchung von Fernsehkonsum auf Grundlage der bereits gewonnen Erkenntnisse, aus Kohl (2011) „Identität durch Konsum?“ soll schließlich belegen, dass Konsum unter die- sen Umständen weitere sinnstiftende Aspekte der Identität anspricht. Weiter wird behauptet, dass Fernsehen darüber hinaus den Individualisierungsprozess einer Person unterstützt. Um die Zusammenhänge zu verdeutlichen, ist es zunächst notwendig, die Ideen von Mead zu modifizieren.

2. Das Individuum in der gesellschaftlich-entwickelten Moderne

Die bereits erwähnten Verhältnisse zwischen Individuum und Gesellschaft sollen zunächst dargelegt werden, um Aspekte zu verdeutlichen, die für das Forschungsproblem relevant sind.

Ein Individuum ist heute aufgefordert, Entscheidungen für seinen Lebensweg individuell zu treffen und aus einer Vielzahl von Möglichkeiten zu wählen, da die Gesellschaft ihm keine festen Lebensmuster und Bahnen bietet. So ist es gezwungen seine eigene Biographie in einem unübersichtlichen sozialen Raum aus komplexen Beziehungen und Lebensbereichen selbst-reflexiv zu entwerfen. Um dabei den Überblick zu bewahren, muss es Prioritäten set- zen. Es muss für sich Rollen und Handlungslinien definieren. Es scheint so als würde es damit aus sozialen Zwängen freigesetzt, zugleich wird es aber eingeengt in standardisierte und gegeneinander isolierte Lebenslagen (Abels 2007: 228).

Fernsehen als Phänomen einer solchen Zeit vereinzelt und standardisiert:

„Es löst die Menschen einerseits aus traditional geprägten und gebundenen Gesprächs- Erfahrungs- und Lebenszusammenhängen heraus. Zugleich befinden sich aber alle in einer ähnlichen Situation: sie konsumieren institutionell fabrizierte Fernsehprogramme, und zwar von Honolulu bis Moskau und Singapur. (…) Jeder sitzt selbst innerhalb der Familie vereinzelt vor der Flimmerkiste“ (Beck 1986: 213).

Der Modus einer solchen Vergesellschaftung bezeichnet Beck als Prozess der Individualisie- rung. Diesen kennzeichnet, wie bereits angedeutet, das Herauslösen des Individuums aus historisch vorgegebenen Sozialformen- und Bindungen, im Sinne traditioneller Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge. Weiter spricht er von der Entzauberung der Handlungs- weisen, dem Glauben und leitender Normen aufgrund einer entfesselten Rationalisierung, die den Sicherheitsverlust für das einzelne Individuum bedeutet. Schließlich wird der Begriff der Individualisierung semantisch zum Gegenteil verkehrt, da er somit eine neue Art der so- zialen Einbindung, anstelle einer traditionellen Vergesellschaftung bedeutet (Beck 1986: 206).

Kollektive Konsense von klassischen Institutionen wie Rollen, Familien oder Klassen, die einst Orientierung boten und zur Konstitution und Stabilisierung von Identität beitrugen, zerbröckeln und verlieren unter den Bedingungen einer reflexiven Moderne an Bedeutung. Mit dem Begriff der Reflexivität ist in diesem Zusammenhang gemeint, dass die rationalisierte Ordnung unserer okzidentalen Gesellschaft aufgrund ihrer eigenen Logik ebenfalls zum Gegenstand der Rationalisierung wird. Bestehende historische Elemente und Beziehungen können damit widersprüchlich, konflikthaft und im Endeffekt Auslegungssache jedes einzelnen Individuums werden. So muss jeder selber entscheiden, welchen Wert er sozialen Institutionen für seinen Lebensentwurf beimisst (Abels 2007: 241).

3. Modifikation der theoretischen Überlegungen Meads

Nach Mead bildet sich Identität in einem symbolisch vermittelten Kommunikationsprozess zwischen Individuum und dem verallgemeinerten Anderen, als die Gesellschaft. Dem Indivi- duum wird die Fähigkeit zugesprochen, seine Umwelt mit symbolischer Bedeutung zu verse- hen, dessen Gehalt dabei in sozialer Interaktion entsteht, modifiziert und interpretiert wird. Indem es sich selbst zum Objekt seiner Wahrnehmung macht, entsteht sein Selbstverständ- nis in einer inneren dialogischen Aushandlung zwischen I und ME (Mead 1934: 177; 299 f.). Habermas übernimmt Meads Konzept der dialogischen Identitätsbildung, kritisiert jedoch die theoretische Schwäche des sprachlichen Aspekts der Kommunikation in Bezug auf den selbst-reflexiven Dialog und unterscheidet verstärkt zwischen Sozial- und Selbstbezug, was in weiterem Umfang die Autonomie des Individuums berücksichtigt.

„Die Identität vergesellschafteter Individuen bildet sich zugleich im Medium der sprachlichen Verständigung mit anderen und im Medium der lebensgeschichtlich-intrasubjektiven Ver- ständigung mit sich selbst. Individualität bildet sich in Verhältnissen intersubjektiver Aner- kennung und intrasubjektiv vermittelten Selbstverständigung“ (Habermas 1988: 191). Sowohl in der kommunikativen Fremd- als auch in der Selbstverständigung verortet sich einmal der Drang nach Anerkennung des eigenen Selbst als einzigartiges Subjekt aufgrund der eige- nen realisierten Biographie. Diese Anerkennung sucht das Individuum sowohl intrasubjektiv als auch im Rahmen der Selbstdarstellung in sozialen Interaktionen. Des Weiteren sucht es die Zustimmung zu seinen Handlungen aufgrund der Orientierung an normativen Erwartun- gen und Konventionen, die es internalisiert und mit sich selbst vereinbaren muss (Habermas, 1988. 218 ff.). So erwirbt es moralische Autonomie durch die Verinnerlichung äußerer Nor- men und Erwartungen, die es akzeptiert und später distanziert in entsprechenden Situatio- nen reflektiert und dabei stets die Verantwortung für die eigene Biographie und den Lebens- entwurf übernimmt. Zwischen Selbst- und Fremdverständigung, der Bewahrung der subjekti- ven Einzigartigkeit unter Berücksichtigung normativer und sprachlicher Regeln ergibt sich dabei ein dialektischer Selbstverständigungsprozess (Charlton und Neumann 1990: 187ff.).

Habermas Kommunikations-Konzept berücksichtigt somit die verstärkte Innenorientierung, was hier sinnvoll erscheint, denn das Reflexionsvermögen ist eine wichtige Voraussetzung im Bestehen unter den Bedingungen der reflexiven Moderne. Es überdenkt stets seine Biographie und fragt sich: Wer bin ich, wer will ich sein und was bedeutet das für meine Darstellung - in einer widersprüchlichen Gesellschaft.

4. Die Bedeutung von TV-Konsum für die Identitätsbildung

Der Konsum symbolischer TV-Inhalte vollzieht sich kommunikativ (Charlton und Neumann 1990: 187ff). „Massenkommunikation ist jene Form von Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich, durch technische Verbreitungsmittel, indirekt und einseitig an ein disperses Publikum vermittel werden.“ (Maletzke 1963: 32). Fernsehen ermöglicht hier Massenkommunikation über ihre Darsteller in TV-Produktionen als fiktive Gesprächspartner.

Für die Identitätsbildung in der individualisierten Gesellschaft ist der Dialog mit einem fiktiven Gesprächspartner durch Massenmedien über ethische und moralische Fragen eine Hilfestel-lung, vielleicht sogar Voraussetzung, da moderne Identitäten, wie gesehen, nicht mehr unbedingt an festen Verflechtungen von Normen und Verhaltenserwartungen einer konkreten Gesellschaft orientiert sind.

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Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656017110
ISBN (Buch)
9783656370369
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179117
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
identität teil bedeutung massenmediums identitätsbildung moderne

Autor

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