Lade Inhalt...

Die Funktion der Träume im Rolandslied

Unter vergleichender Bezugnahme auf "Das Rolandslied des Pfaffen Konrad" und "Das altfranzösische Rolandslied"

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse und Vergleich der Träume
2.1 Traum 1: Genelûns Verrat
2.1.1 Kontext und Inhalt
2.1.2 Lanzensymbolik
2.1.3 Karl als christlicher Kaiser
2.1.4 Warnungs-, Vorhersage- und Vergeistlichungsfunktion
2.2 Traum 2: Schlacht bei Roncevaux
2.2.1 Karl als christlicher Kaiser
2.2.2 Tierallegorie
2.2.3 Vorhersage-, Vergeistlichungs- und Spannungsfunktion
2.3 Traum 3: Schlacht gegen Paligân
2.3.1 Kontext und Inhalt
2.3.2 Karl als christlicher Kaiser
2.3.3 Apokalyptische Bildersprache
2.3.4 Tierallegorie
2.3.5 Vorhersage-, Vergeistlichungs- und Spannungsfunktion
2.4 Traum 4: Prozess gegen Genelûn
2.4.1 Inhalt und Traumorte
2.4.2 Tierallegorie
2.4.3 Vorhersage-, Vergeistlichungs- und Spannungsfunktion

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

In dieser Arbeit werden die Träume des Herrschers Karl aus dem Rolandslied des Pfaffen Konrad sowie aus dem altfranz ö sischen Rolandslied untersucht. Die beiden Texte stehen zueinander in Beziehung, denn Konrad orientierte sich an der französischen Version.1 Das Rolandslied wird außerdem als Karlslied bezeichnet.2 Diese Aspekte werden im Verlauf der Arbeit an den Träumen ersichtlich.

Nach STEINMEYER existieren drei Traumkategorien im Mittelalter: der Traum, der von Gott gesandt und somit wahr ist, der trügerische vom Teufel verursachte Traum sowie der auf physiologischen Vorgängen basierende Traum. Dabei sind gottgesandte Träume auserwählten Persönlichkeiten, die ein intensives Verhältnis zu Gott haben, vorbehalten.3 Da der Herrscher Karl zweifelsfrei eine Persönlichkeit dieser Art ist, ist für diese Arbeit die erste Traum- kategorie relevant. Die Botschaft Gottes kann GEITH zufolge dem Träumenden verschlüsselt, aber auch klar und deutlich offenbar werden. Dabei sieht er die allegorische Verschlüsselung als typisch für die Träume im Mittelalter an.4 STEINMEYER betont, dass durch die Allegorien eine scheinbare Abweichung zwischen Trauminhalt und Traumsinn entsteht.5 Unter Allegorie versteht man „eine Form von Bildlichkeit, die sich in der Regel durch die Koexistenz zweier Bedeutungen oder Bedeutungsebenen auszeichnet“.6 Beim Symbol dagegen wird der „eigentliche Sinn des zeichenhaft stehenden Gegenstandes durch den symbolischen über- lagert“.7

So wie die Allegorien typisch für die Träume sind, finden sich auch typische Themen des Mittelalters im Rolandslied verankert. Nach SPIEWOK sind das Kreuzzugsthema und das Herrschaftsthema als zentrale Themen im Rolandslied auch kompositorisch erkennbar.8 Im Kern der Texte stehen die beiden Schlachten, die von Genelûns Verrat und Genelûns Prozess umrahmt sind. SPIEWOK spricht von einer „kompositorischen Viergliederung“, die von den vier Träumen als bewusste „Autorenstilisierung“ unterstützt wird.9 Nach diesem formalen Hinweis, der die Träume als wichtigen Bestandteil im Rolandslied wertet, soll nun auf die Vorgehensweise und Intention der Arbeit eingegangen werden.

Ziel der Arbeit ist es, die Funktionen der Träume in den beiden Rolandsliedern herauszuarbeiten, dabei soll in der Schlussbetrachtung der Arbeit die Frage nach der Funktion der Träume möglichst eindeutig beantwortet werden können. Zu diesem Zweck werden die Trauminhalte analysiert und anschließend miteinander verglichen.10

2. Analyse und Vergleich der Träume

2.1 Traum 1: Genelûns Verrat

2.1.1 Kontext und Inhalt

Dem ersten Traum von Karl geht die von Genelûn und König Marsilie geplante List gegen Karl voraus, die beabsichtigt Roland und Olivier zu töten, sobald sich Karl und sein Heer auf den Weg ins Frankenreich begeben und König Marsilies Heer auf die Nachhut von Karl trifft. Genelûn schlägt Roland als Anführer der Nachhut vor, damit seine List aufgeht. (vgl. 2007, V. 2415-2436 und 2929-2940)11

Inhaltlich stimmen beide Träume insofern überein, als Karl in den Pyrenäen in porta Cesaris (2007, 3031) auf Genelûn trifft, der Karl seine Lanze streitig macht. Auffällig ist, dass Karls Kontrahent Genelûn nicht in einer Tierallegorie versteckt ist, wie es in den anderen Träumen der Fall ist, sondern mit Namen benannt wird. Das Auftreten von Genelûn „in propria persona“ erleichtert nach STEINMEYER die Identifizierung von Trauminhalt mit dem Traumsinn.12 Im Rolandslied des Pfaffen Konrad wird Genelûns hinterlistiger Charakterzug durch das Heranschleichen an Karl offenbar.13 Im Vergleich mit dem altfranz ö sischen Rolandslied verdeutlicht hier der Autor die Informationen aus seiner Vorlage.14

2.1.2 Lanzensymbolik

Im Folgenden wird untersucht, welche Bedeutung das Entwenden und/oder Zerbrechen der eschene[n] Lanze (2008, 720 )15 für den weiteren Verlauf des Rolandlieds hat.16 Im altfranz ö - sischen Rolandslied entreißt Genelûn Karl die Lanze und zerbricht diese anschließend. (vgl. 2008, V. 721-722) STEINMEYER identifiziert die Lanze als „typische Stoß- und Angriffswaffe“ für den Ritter im Mittelalter.17 Das Zerbrechen der Lanze steht bei STEINMEYER symbolisch für zweierlei; für die Zerstörung von Karls Militärskraft sowie für Rolands Tod, denn Roland kann, bezieht man die Unterredung bei König Marsilie mit ein, als Hauptverantwortlicher für die erfolgreichen Eroberungszüge von Karl angesehen werden, nicht zuletzt aufgrund seines Kampfgeistes, sodass Roland die gleiche Funktion wie der Lanze zugesprochen werden kann.18 Der Traum zeigt, dass sich Genelûns Racheabsichten nicht gegen Karl richten, son- dern gegen Roland.19 Der letzte Vers im Traum: Da ß die Splitter zum Himmel fliegen./ (2008, 724) beendet Karls Traum und könnte die Aufnahme von Rolands Seele in den Himmel andeuten .20 GEITH spricht der Lanze die gleiche symbolische Bedeutung wie STEINMEYER zu, als Erklärung fügt er noch hinzu, dass Roland oftmals als rechter Arm von Karl bezeichnet wird und somit mit dem Bruch der Lanze auch Karls Macht gebrochen wird.21

Im Rolandslied des Pfaffen Konrad behalten Genelûn und Karl jeweils eine Hälfte der Lanze in der Hand. (vgl. 2007, V. 3038) Eine weitere Auffälligkeit ist Genelûns Angst, die ein dezenter Hinweis auf den Ausgang der Gesamthandlung sein könnte, denn der Sieg von Genelûn ist in dieser ersten Traumszene nicht eindeutig. (vgl. 2007, V. 3039) Vielmehr spricht GEITH Karl eine gewisse Überlegenheit zu, da Genelûn es aufgrund seiner Angst nicht gelingt, Karl die Lanze komplett zu entreißen.22

2.1.3 Karl als christlicher Kaiser

Einen wichtigen Punkt stellen die Gebetsumrahmungen der Träume dar, die nur in der deutschen Version zu finden sind. In der französischen Version führt in der Regel ein kurzer Satz zum Traum. Exemplarisch an einer Textstelle soll die Darstellung von Karl als frommer und christlicher Kaiser dargestellt werden, die sich durch das gesamte Rolandslied des Pfaffen Konrads zieht.23 Karl wendet sich nachts intensiv im Gebet zu Gott:

Der kaiser sîn gebet/ vil dicke hin ze gote tet./

vil inneclîchen er dar unter nante/ sînen neven Ruolanten/

unt alle, die cristen wâren,/ die enphal er zuo den gotes gnâden./

von den venien begonde er muoden./ dôwolt er gerne ruowen,/ der slâf in bezuchte./ aine wîle er entnuchte./

dôtroumte im vil gewis,/ (2007, 3020-3030)

Karl betet inständig und demütig für seinen Neffen Roland und vertraut auf selbstlose Weise alle Christen Gott an. Diese Frömmigkeit stellt Karl eindeutig als christlichen Herrscher dar. Die Gebete ermüden Karl, sodass er einschläft und zu träumen beginnt.

2.1.4 Warnungs-, Vorhersage- und Vergeistlichungsfunktion

In diesem ersten Traum ist die Funktion der Warnung am deutlichsten. Der Traum ist in beiden Texten Warnung vor der geplanten List von Genelûn, die schließlich auch in der Realität aufgeht. Die Warnungsfunktion ist in diesem Traum deshalb so offensichtlich, da der Traum eine konkrete Ortsangabe enthält.24 Aufgrund dieser Ortsangabe erkennt Karl den Traum in seinem vollen Ausmaß, als er mit Naimes über die Pyrenäen bei Size geht, da er sofort an seinen Traum erinnert wird und sein Klagen groß ist.25 Ebenso wie die Ortsangabe erleichtert auch die konkrete Namensangabe Genelûn Karl die Deutung seines Traumes.

Die Eindeutigkeit des Traumes führt zu der Frage, warum Karl keine Gegenmaßnahme ergreift. BURLAND zufolge versteht Karl die Botschaft in seinem Traum, denn als er hört, wie Roland in sein Horn bläst, verurteilt er Genelûn. Sie erklärt Karls Untätigkeit damit, dass der Traum nicht explizit den direkten Grund für die Bedrohung seines Reiches zeigt.26 Hier scheint also die Diskrepanz zwischen Trauminhalt und Traumsinn der Deutung im Wege zu stehen. Andererseits könnte Karl auch machtlos sein, da die Fürsten einstimmig Roland für die Nachhut bestimmen und er sich diesem Beschluss unterwerfen muss. Diese Annahme unterstützt OTT-MEIMBERG, da nach ihrer Ansicht das Mitspracherecht der Fürsten die kaiserliche Machtvollkommenheit einschränkt.27

Vorhersagefunktion besitzen die Träume ebenso, da Karls Macht, die die Lanze im Traum symbolisiert, durch Rolands Tod in der Realität geschwächt wird. In der französischen Version hat die Vorausdeutung des Traumes eine andere Tragweite als in der deutschen. Denn erstere stellt Karl als endgültigen Verlierer dar, da ihm die Lanze komplett entrissen und zerbrochen wird, zweitere stellt Karl langfristig als Sieger dar, da es Genelûn aufgrund seiner Angst nicht gelingt, Karl die komplette Lanze zu entreißen und zu zerbrechen.

[...]


1 Dazu Geith 1989, S. 228.

2 Dazu Bastert 2004, S. 131.

3 Dazu Steinmeyer 1963, S. 11-12.

4 Dazu Geith 1989, S. 227-228.

5 Dazu Steinmeyer 1963, S. 23.

6 Freytag 2007, S. 13.

7 Jeßing 2007, S. 744.

8 Dazu Spiewok 1996, S. 33.

9 Spiewok 1996, S. 33.

10 Aufgrund des Umfangs der Arbeit ist es nicht möglich, alle Trauminhalte gleich intensiv zu analysieren und zu vergleichen, deshalb werden besonders prägnante Textstellen schwerpunktmäßig betrachtet.

11 Das Rolandslied des Pfaffen Konrad 2007.

12 Steinmeyer 1963, S. 24.

13 Dazu Geith 1989, S. 232.

14 Dazu Geith 1989, S. 232.

15 Das altfranz ö sische Rolandslied 2008.

16 Im altfranz ö sischen Rolandslied ist von einer eschene[n] Lanze die Rede, im Rolandslied des Pfaffen Konrad von einem scaft, dabei wird scaft mal mit Lanze übersetzt oder beibehalten. Hier wird die Bezeichnung Lanze verwendet, da die Sekundärliteratur, sowohl Geith als auch Steinmeyer, von einer Lanze schreibt.

17 Steinmeyer 1963, S. 27.

18 Dazu Steinmeyer 1963, S. 27-28.

19 Dazu Steinmeyer 1963, S. 28.

20 Dazu Steinmeyer 1963, S. 29.

21 Dazu Geith 1989, S. 229.

22 Dazu Geith 1989, S. 232.

23 Geith zählt zu der ersten Traumreihe bereits den Vers 2989. Aufgrund des geringen Umfangs der Arbeit wird die Gebetszene (3020-3030) kurz vor dem Traum analysiert. Dazu Geith 1989, S. 228.

24 Dazu Steinmeyer 1963, S. 24.

25 Dazu Steinmeyer 1963, S. 26.

26 Dazu Burland 2007, S. 153.

27 Dazu Ott-Meimberg 1980, S. 1f..

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656013921
ISBN (Buch)
9783656014256
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179111
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Literaturwissenschaft - Abteilung für Germanistische Mediävistik
Note
1,0
Schlagworte
funktion träume rolandslied unter bezugnahme pfaffen konrad

Autor

Zurück

Titel: Die Funktion der Träume im Rolandslied