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Tabus, Tabuverletzungen und Grenzüberschreitungen in der Sendung „Mein neuer Freund“

Wie werden Tabus in der Sendung „Mein neuer Freund“ genutzt, gebrochen und verletzt?

Seminararbeit 2006 43 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Sendung ”Mein neuer Freund”
2.1. Entstehung der Sendung
2.2. Ablauf der Sendung

3. Das Tabu
3.1. Das Tabu
3.2. Der Umgang mit Tabus im Fernsehen

4. Menschliches Verhalten und zwischenmenschliche Interaktionen

5. Die Verwendung von Tabus und Grenzüberscheitungen in „Mein neuer Freund“
5.1. Transkribierte Szenen
5.1.1. Knut
5.1.2. Uwe
5.1.3. Alexander
5.1.4. Veith
5.1.5. Ecke
5.1.6. Collin
5.1.7. Jürgen
5.1.8. Martina
5.1.9. Marcel
5.2. Abschliessende Analyse und Auswertung der transkribierten Szenen

6. Zusammenfassung und Schlusswort

7. Literaturverzeichnis
7.1. Bücher
7.2. Internetquellen
7.3. DVD

8. Erklärung über das selbständige Verfassen

1. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit der Sendung „Mein neuer Freund“. Im Rahmen des Seminars „Empiriepraktikum“ von Dr. A. Schmidt und Prof. Dr. K. Neumann- Braun im Sommersemester 2006 an der Universität Basel habe ich mich bereits für ein Gruppenreferat mit dieser Sendung befasst. Da sie mir interessant und ergiebig erschien, beschloss ich, „Mein neuer Freund“ auch für meine Seminararbeit zu verwenden. In den Diskussionen während der Seminarsitzungen wurde immer wieder darüber gesprochen, wie weit Fernsehen gehen darf und wie Gefühlsausbrüche in den Docutainment- und Reality TV- Formaten provoziert werden, indem Grenzen überschritten werden. Dieser Aspekt reizte mich sehr, weshalb ich den Fokus meiner Seminararbeit auf die Tabuverletzungen und Grenzüberschreitungen gelegt habe. Als Erstes werde ich die Sendung „Mein neuer Freund“ kurz vorstellen und beschreiben. Danach erläutere ich den Begriff des Tabus und wie allgemein im Fernsehen bzw. in den Docutainment- und Reality TV- Formaten damit umgegangen wird. Darauf folgt ein Abschnitt, welcher sich mit menschlichem Verhalten und zwischenmenschlichen Interaktionen auseinandersetzt. Schliesslich behandle ich die transkribierten Szenen, welche ich aus den verschiedenen Folgen der Sendung ausgewählt habe. Diese werde ich dann in das Thema der Arbeit einbinden, analysieren und auswerten, wobei in der Zusammenfassung meine Schlussfolgerungen, Gedanken und Ergebnisse zu finden sein werden. Die hauptsächlich theoretischen Kapitel zum Begriff Tabu und zum menschlichen Verhalten sind die Voraussetzung für das Verständnis der transkribierten Szenen und deswegen in dieser Form notwendig, auch wenn sie auf den ersten Blick sehr umfangreich erscheinen mögen.

2. Die Sendung ”Mein neuer Freund”

2.1. Entstehung der Sendung

Das Originalformat "My New Best Friend" stammt vom britischen Fernsehsender Channel 4 und war ein großer Erfolg. Im April 2004 wurde diese Sendung in Luzern sogar mit der "Rose d'Or" in der Kategorie "Beste Gameshow" ausgezeichnet. In Deutschland startete die Sendung mit Christian Ulmen als „neuer Freund“. Sie wurde von der Firma Brainpool produziert und unter der Bezeichnung „Reality- Comedy“ auf dem Sender Pro7 ausgestrahlt. Jedoch brachte der am 1. Oktober 2005 ausgestrahlte

Pilotfilm- die Folge „Uwe“- nicht die gewünschten Marktanteile, so dass Pro7 die 60 Minuten dauernde Sendung umgehend absetzte. Durch eine Internet- Petition von www.meinneuerfreund.de wurden über 7000 Unterschriften gesammelt, was dazu führte, dass Pro7 die Sendung wieder ins Programm aufnahm. Jedoch wurde sie nicht in der gleichen Sendezeit wie der Pilot (Montag, 21.15h) gesendet, sondern donnerstags um 23.15h. Insgesamt wurden 8 der 9 produzierten Folgen ausgestrahlt. Durch den Pilotfilm hatten Christian Ulmen und die Regie die Möglichkeit, eine Folge nicht auszustrahlen, da nur 8 Folgen abgeliefert werden sollten. Sie entschieden sich für die Folge mit „Marcel“, weil sich der Kandidat in dieser Folge nicht wirklich auf das Spiel einlässt, sich nicht an die Spielregeln hält und somit zu wenige konfliktreiche Situationen entstanden sind. Die 1.Staffel wurde dann ab dem 1.November 2005 auf MTV wiederholt. Die DVD hat Gold-Status erreicht.

Die Sendung stellt eine Mischung zwischen den üblichen Formaten dar, wo entweder Personen in einer ihnen fremden Umgebung zusammengebracht werden (z.B. „Big Brother“) oder Personen in ihrem Alltag in ihrer herkömmlichen Umgebung begleitet werden (z. B. „Die Supernanny“). Bei „Mein neuer Freund“ werden die Kandidatinnen zwar in ihrem gewohnten Umfeld jedoch in einer aussergewöhnlichen Situation und mit einem fiktiven Charakter gefilmt. Gemeinsam mit ähnlichen Formaten greift die Sendung auf die Verwendung von „normalen Menschen“ zurück, womit der Anschein von Authenzität der Emotionen erweckt werden soll. Typischerweise werden die konträren Charaktere von den Zuschauern als Vergleichsmöglichkeiten im Sinne der Identifikation oder der Abgrenzung genutzt.

2.2. Ablauf der Sendung

Die Sendung wird als Sozialexperiment bezeichnet, was von den Kandidatinnen[1] aufgegriffen wird, indem sie ihre Teilnahme in der Sendung als Experiment, als Herausforderung ihrer Sozialkompetenz und ihrer Toleranz ansehen.

Christian Ulmen spielt einen Charakter, mit welchem die Kandidatin es ein Wochenende- was den Zeitraum Freitagnachmittag bis Sonntagmittag umfasst-aushalten muss. Die von Ulmen dargestellte Person muss von der Kandidatin als neuer

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Freund ausgegeben werden.[2] Dabei ist die Kandidatin dazu verpflichtet, immer mitzuspielen und zu machen, was Ulmens Charakter verlangt. Die Kandidatin weiss, dass die Figur von einem Schauspieler verkörpert wird. Der von Christian Ulmen dargestellten Charakter widerspricht von der Persönlichkeit und dem Aussehen her dem gewohnten Umgang der Kandidatin. Ulmen provoziert die Kandidatin in unterschiedlichen Situationen, beispielsweise einem Treffen mit der Familie. Alles wird immer mit der Kamera festgehalten. Gefilmt wird entweder mit Kameras, welche Tage vorher in den Räumen installiert wurden; Kameras, die sich in der Brille eines Passanten finden, welcher Ulmen und der Kandidatin folgt oder Kameras, die Ulmen selber aufstellt. Nur Ulmen und die Kandidatin wissen, dass sie gefilmt werden. Durch diese „Living Camera“ entsteht zusätzlich eine Dramatisierung und Intimisierung, was für diese Formate neben der Emotionalisierung typisch ist. Schliesst die Kandidatin das Spiel erfolgreich ab, gewinnt sie 10’000 Euro.

Der genaue Ablauf vollzieht sich folgendermassen: Ulmens Charakter trifft die Kandidatin am Freitag. Die Kandidatin befindet sich in Begleitung eines Freundes/ einer Freundin in der Öffentlichkeit und sie hat den Charakter noch nie zuvor gesehen. Auf ein bestimmtes Stichwort hin, weiss sie, dass das Spiel beginnt. Am Samstag findet ein Treffen mit Freunden der Kandidatin statt und am Sonntag eines mit der Familie. Dabei werden von Ulmen immer wieder für die Kandidatin peinliche Situationen provoziert, zusätzlich wird die Kandidatin penetrant genervt. Das Spiel ist gewonnen, wenn die Kandidatin am Sonntag bis zu der Verabschiedung Ulmens durchhält.

3. Das Tabu

3.1. Das Tabu

Der Ursprung des Ausdruckes „Tabu“ geht auf das Wort „tapu“ aus dem Tonga Polynesiens zurück. Man nimmt an, dass James Cook den Begriff 1777 von einer Südseereise „importierte“. Übersetzt wurde der Ausdruck sowohl mit „heilig“ und „unberührbar“ als auch mit „unrein“. Er umfasst also zugleich etwas, dass stark markiert ist und etwas, das man meiden sollte. Der heutige Begriff hat mit der ursprünglichen Bedeutung nur noch sehr wenig zu tun. Tabu wird als Sammelbegriff verwendet und

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umfasst hauptsächlich negative Aspekte von Dingen, die man nicht tun sollte und die als Negativkonventionen verstanden werden.[3] Nach Reimann „sind Tabusgesellschaftliche `Selbstverständlichkeiten` und erhalten so eine wichtige soziale Funktion der Verhaltensregulierung, der Etablierung von Grenzen, der Annerkennung von Autoritäten z.B. zur Sicherung von Eigentums-, Herrschaftsverhältnissen und bestimmter sozialer Ordnungen.“ (zit. nach Schröder) (Schröder, Tabubegriff)[4]. Tabus bestehen aus einem Komplex, welcher sowohl aus dem Tabu und der Tabuisierung selbst, als auch aus dem Festlegen der Grenzen und somit der Verletzung, Überschreitung und Brechung eben dieser besteht.[5] Hierbei ist zwischen individuellen, kollektiven, permanenten und temporären Tabuverletzungen und Überschreitungen zu differenzieren.[6] Es gibt verschiedene Tabus und verschiedene mögliche Einteilungen. So unterscheidet Ursula Wrobel beispielsweise zwischen Primärtabus und Sekundärtabus. Die Primärtabus unterteilt sie in Objekt- und Tattabus, wobei die Objekttabus tabuisierte Gegenstände, Institutionen und Personen umfassen und die Tattabus tabuisierte Handlungen. Die Sekundärtabus sind in Kommunikationstabus auf interpersonaler Ebene mit tabuisierten Themen, Worten und Abbildungen und in intrapersonelle Gedanken- und Emotionstabus eingeteilt, welche tabuisierte Vorstellungen und Gefühle umfassen.[7] Tabus sind nicht wie Gesetze in schriftlicher Form festgehalten. Um zu funktionieren, muss eine schweigende Absprache vorhanden sein, ohne dass die Tabus klar definier- oder erklärbar sind.[8] Als schweigende Absprache ist ein Konsens zu verstehen, welcher weder abgesprochen noch schriftlich festgehalten aber durch Konventionen verbreitet ist.[9] Wir erlernen die Tabus während der Sozialisation in der Kindheit, jedoch ohne bewusste Auseinandersetzung, sondern sie werden, wie schon erwähnt, automatisch verinnerlicht. Darin lässt sich nach Ursula Wrobel auch der Grund finden, wieso „Tabus kulturellen Veränderungen gegenüber oftsehr resistent“ sind (Rothe/ Schröder 2000, S. 201). Dinge, über die nicht diskutiert wird, lassen sich nur schwer verändern.

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Tabus gelten fast nie absolut, sondern sind aufhebbar und reagieren auf den Kontext, in welchem sie vorhanden sind. Somit sind sie kultur-, gruppen- und situationsabhängig und können sowohl für Grossraumkulturen, Subkulturen als auch nur für ein einzelnes Individuum gelten.[10] So ist der Papst für die römisch- katholische Kirche beispielsweise unfehlbar und es wird als Tabubruch empfunden, wenn ihm ein Fehler unterstellt wird. Der Rest der menschlichen Bevölkerung ist jedoch nicht frei von Fehlern. Dies ist auch ein gutes Beispiel dafür, das Tabus gruppenabhängig sind, denn für die reformierten Gläubigen ist der Papst nicht in demselben Masse relevant wie für die römisch-katholische Gemeinde und nicht unfehlbar.

In der Öffentlichkeit und der Privatheit sind unterschiedliche Tabus vorhanden. Nach Reimann (zit. nach Silvia Heidenigg) beziehen sich die Tabus in modernen Gesellschaften auf „bestimmte Personen, Örtlichkeiten und Nahrungsmittel, sowieBereiche wie Sexualität, Sucht, Armut, Ungleichheit, Korruption, Gewalt, Tod und bestimmte Erkrankungen“(Rothe/ Schröder 2000, S. 426).

Nach Schröder haben Tabubrüche eine Funktion für die von ihnen betroffene Gemeinschaft.[11] Welche Funktion die Tabubrüche in den Fernsehformaten bezüglich unserer heutigen Gesellschaft haben wird im Verlaufe der Arbeit erläutert. Zudem hat der Tabubruch meist einen emanzipatorischen Wert.[12] Denn der wiederholte Tabubruch führt dazu, dass der Überraschungseffekt nicht ausgelöst wird und somit die Konsequenzen ausbleiben, was schliesslich dazu führt, dass das Tabu nicht mehr existiert.[13] Jedoch kann eine Gegenplatzierung, so beispielsweise die ständigen Tabuverletzungen in den erwähnten Fernsehformaten, auch ordnungsstabilisierend wirken.[14] Wie das möglich ist, wird in den nachfolgenden Kapiteln gezeigt werden.

3.2. Der Umgang mit Tabus im Fernsehen

Nach Brigitte Kaute hat in der heutigen Zeit eine Umkehrung statt gefunden. Früher war das Sakrale ein Tabu, während heute das Tabu, das Verbotene selbst sakralisiert wird und so der ständige Tabubruch zum zentralen Inhalt der Medien wird.[15] Der Tabubruch wird erwartet. Findet er nicht statt, hat das Format nur selten Erfolg. Entscheidend ist jedoch nicht nur der Bruch an sich, sondern auch die Art und Weise wie er geschieht

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und inszeniert wird. Dem Zuschauer muss das Gefühl vermittelt werden, es sei in Ordnung, dass er sich diese Sendungen anschaut und ein Stück weit als Voyeur agiert. So ist auch Sabine Krajewski der Meinung, dass „der Tabubruch [...] in unsererGesellschaft zum Zeitgeist“ gehört (Rothe/ Schröder 2000, S. 193). Die Behauptung, dass wir in einer komplett enttabuisierten Gesellschaft leben, lässt sie jedoch nicht gelten, da es solch eine Gesellschaft nie geben wird.[16] Dennoch führt das Ziel, eine möglichst hohe Quote zu erreichen, dazu, dass immer neue angebliche Tabubrüche und Grenzüberschreitungen begangen werden. Dies geschieht sowohl durch neue Formate als auch durch neue Überschreitungen in alten Formaten. Ein weiterer wichtiger Faktor, welche mit den Grenzüberschreitungen zusammenhängt, ist die Berichterstattung in anderen Medien. Es reicht nicht, nur das Publikum anzusprechen. Um einen wirklich guten Marktanteil zu erreichen, muss in anderen Sendungen und Medien über das Format berichtet werden und möglichst als eine auf die eine oder andere Weise skandalöse Sendung betitelt werden. So war Big Brother beispielsweise ein neues Format, über welches auch zahlreiche Diskussionen stattfanden. Jedoch liess sich das Interesse nach der 1. Staffel nur aufrechterhalten, indem im Format Big Brother selbst neue Grenzen überschritten wurden. So wurde beispielsweise die Dauer des Aufenthaltes im Container bzw. im Dorf verlängert.

Nach Thomas W. Duschlbauer „verrät[der spiessige Bildungsbürger]heute seinMittelmass, indem er auf infantile Weise in der Öffentlichkeit und in den Medien versucht, mit der Nichtunterdrückung von Triebregungen zu provozieren“ (Duschlbauer 2004, S.15). Gerhard Schulze ist hingegen der Ansicht, dass es keine Tabus mehr zu brechen gibt und dass die Medien und diese Formate nur von der Inszenierung von angeblichen Tabubrüchen leben. „Das Langweilige macht sich interessant, indem esvortäuscht, es wäre von der Zensur bedroht“ (NLM- Tagung 1999, S. 27). In die gleiche Richtung geht der Gedanke, dass Medien die Realität nicht abbilden wie sie ist, sondern eine konstruierte Wirklichkeit aufbauen, welche dann wiederum einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung hat. Wir glauben also nur noch, dass es Tabus gibt, da dies uns von den Medien suggeriert wird, damit die angeblich tabubrechenden Formate interessant erscheinen. Irmela Schneider sieht die Tabulosigkeit der heutige Medienlandschaft als Ausdruck für die Suche nach Grenzen und Widerständen an, um eine neue Identität bilden zu können. Als einziges, unausgesprochenes Tabu deklariert

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sie das Scheitern.[17] Hiermit ist gemeint, dass in unserer heutigen Gesellschaft erwartet wird sowohl im Privaten als auch im Beruf erfolgreich zu sein. Es ist nicht gestattet kleinere oder grössere Fehler zu begehen bzw. diese einzugestehen.

4. Menschliche Verhalten und zwischenmenschliche Interaktionen

Wenn Menschen aufeinander treffen, in Kontakt miteinander treten, dann bedienen sie sich der gesellschaftlichen Konventionen und Normen, die sie in während ihrer Kindheit kennen gelernt und verinnerlicht haben. Sie verwenden soziale Gepflogenheiten und Praktiken, welche den sozialen Normen entsprechen und durch soziale Sanktionen-entweder negativ im Sinne der Bestrafung oder positiv im Sinne der Belohnung-gefestigt werden.[18] Die sozialen Regeln beteiligen drei Parteien: Die aufgrund der Regel erwartende Person; die Person, von der erwartet wird sich gemäss der Regel zu verhalten und die Gemeinschaft, welche die Legitimität der Erwartung und Verpflichtung aufrechterhält und bestätigt.[19] In den Konventionen enthalten sind jedoch nicht nur die Übereinstimmungen mit den anerkannten Regeln, sondern auch die Umgehungen, die heimlichen Abweichungen, die entschuldbare und unentschuldbare Übertretungen bis hin zu schamlosen Regelverletzungen.[20] Nach Goffman kann man formelle Regeln, als welche er die Gesetze definiert, und informelle Regeln d.h. gesellschaftliche Konventionen brechen.[21] Um wechselseitige Beziehungen zu ermöglichen, sind diese Regeln so angelegt, dass sie zur Aufrechterhaltung der Beziehung beitragen. Hierbei gibt es wie auch beim Tabu, welches untrennbar mit dem menschlichen Verhalten verknüpft ist, Unterschiede, welches Verhalten in welchen Situationen, an welchen Orten und in welchem Umfeld als angemessen oder unangemessen erscheint. So kann das Zeigen von Emotionen, was im privaten Raum durchaus passend ist, in der Öffentlichkeit fehl am Platze sein. Auch das Verhalten gegenüber Personen unterscheidet sich. So würde es unangemessen erscheinen, wenn man den Fahrkartenkontrolleur im Zug umarmen würde, bei guten Freunden ist dieses Verhalten jedoch angepasst. Ein funktionierendes, menschliches Miteinander basiert darauf, dass man dem Gegenüber vertrauen kann, dass es sich auch den Konventionen und Regeln entsprechend und somit erwartungsgemäss verhält. In der Sendung „Mein neuer

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Freund“ wird nun jedoch mit Regelverstössen gearbeitet, welche eine Beziehung bis hin zur Verunmöglichung erschweren. Die Herausforderung hierbei liegt darin, dass die Kandidatin mit eben diesen Grenzüberschreitungen umzugehen weiss oder sie zumindest erträgt. Hier zeigt sich auch, wie verletzlich soziale Ordnungen bezüglich Situationen sind, die Misstrauen evozieren.[22] Da in unterschiedlichen Systemen verschiedene Grundregeln gelten, sind auch die Regelverstösse unterschiedlich gravierend.[23] Das zeigt sich bei „Mein neuer Freund“ darin, dass die von Ulmen dargestellten Charaktere möglichst konträr zu den Kreisen sind, in denen sich die Kandidatin bewegt. [24] Auch die Höfflichkeit als zusätzliches Anpassungsverfahren fällt bei „Mein neuer Freund“ meistens weg, so dass die Kandidatinnen irritiert sind.[25]

Wenn Menschen aufeinander treffen, bestehen nach Goffman zwei spezifische Manövrierungstechniken. Das erste Moment ist das kritische Zeichen, welches dem Gegenüber erlaubt, die Intentionen des anderen zu verstehen. Der Feststellungspunkt ist das zweite Moment, wo beide Beteiligten begreifen, was das Gegenüber möchte.[26] Diese Mechanismen werden bei „Mein neuer Freund“ durchbrochen, da Ulmen versucht, die Kandidatinnen in Situationen zu bringen, in denen sie orientierungslos sind, also die Intentionen nicht erahnen können, was in Unsicherheit resultiert.

Ein weiterer Aspekt im Umgang mit Menschen sind die „Territorien des Selbst“(Goffman 1982, S. 54). Hier gibt es unterschiedliche Einteilungen. So gibt es beispielsweise denpersönlichen Raum, welcher das Individuum dauernd und überall umgibt. Wird dieser Raum verletzt, erscheint dies als Übergriff.[27] Des Weiteren gibt es dieBox. Darunter ist ein klar abgegrenzter Raum zu verstehen, auf den eine Person einen temporären Anspruch geltend machen kann, beispielsweise ein Stuhl im Theater.[28] DieBesitzterritorienumfassen gewisse Gegenstände, welche von einem Individuum mit dem Selbst identifiziert werden, die persönliche Habe also.[29] Werden diese beschädigt, kann das als Verletzung des Individuums angesehen werden. Auch zu den Territorien des Selbst sind Fakten und Informationen zu zählen, welche das

[1] Der hier verwendete Ausdruck „Kandidatin“ gilt auch für die zwei männlichen Kandidaten, welche teilgenommen haben.

[2] Ausnahmen hierbei sind die Folge mit Veith, der von dem Kandidaten André als bester Freund und Therapeut ausgegeben werden muss und die Folge mit Martina, wo Ulmen eine Frau spielt, welche Kandidat Christoph als seine neue Freundin vorzustellen hat.

[3] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 15.

[4] Da es sich hierbei um eine Internetquelle handelt, ist es nicht möglich, eine Seitenzahl zu nennen. Jedoch ist die Internetseite nach Begriffen in Kapitel gegliedert und mit „Tabubegriff“ ist das auf diese Weise betitelte Kapitel gemeint.

[5] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 17.

[6] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 18.

[7] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 200.

[8] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 70.

[9] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 192.

[10] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 17.

[11] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 17.

[12] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 13.

[13] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 194.

[14] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 12.

[15] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 93.

[16] Vgl. Rothe/ Schröder 2000, S. 194.

[17] Vgl. Herrmann/ Lüneborg 2001, S. 46.

[18] Vgl. Goffman 1982, S. 11, S. 138.

[19] Vgl. Goffman 1982, S. 443.

[20] Vgl. Goffman 1982, S. 11.

[21] Vgl. Goffman 1982, S. 30.

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Details

Seiten
43
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656012283
ISBN (Buch)
9783656012108
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178927
Institution / Hochschule
Universität Basel – Institut für Medienwissenschaften
Note
sehr gut
Schlagworte
Medienwissenschaften Mein neuer Freund Christian Ulmen Tabu Tabubruch Fernsehen Fernsehsendung

Autor

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Titel: Tabus, Tabuverletzungen und Grenzüberschreitungen in der Sendung „Mein neuer Freund“