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Das Bergbaumotiv in Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“ und Heinrich Heines „Die Harzreise“

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Darstellung des Bergbaus bei Novalis
2.2 Die Darstellung des Bergbaus bei Heine
2.3 Vergleich der Darstellungen

3. Schluss

1. Einleitung

Der berühmte Venezianer Marco Polo verfasst kurz vor 1300 einen Reisebericht über seine Chinaund Orientreise. In diesem stößt man mehrmals auf Beschreibungen des Bergbaus, wie diese:

„Ich erkläre euch, wie die Arbeiter dabei vorgehen: In der Erde legen sie Mineraladern frei. Das abgebaute Material bringen sie auf einen Metallrost über einem starken Ofenfeuer. Die flüssigen Mineralien und Rauchteilchen kleben am Eisenrost, das ist die Tutia, und die Schlacke heißt Spodium.“1

Dies ist sicher eine der ersten Darstellungen des Bergbaus in der Literatur, doch keineswegs die Einzige. Etwa 500 Jahre später ist das Bergbaumotiv in der deutschen Literatur zu einem beliebten Thema avanciert und wird von Autoren wie E.T.A Hoffmann, Johann Peter Hebel und Novalis benutzt.2 Letzterer war selbst im Bergbau als Salinenverwalter tätig. Doch beschreibt er in seinem Roman „Heinrich von Ofterdingen“ keinesfalls ein Bergwerk wie die, in denen er während seiner Tätigkeit in Sachsen selbst gearbeitet hat. Er redet nicht von der harten und gefährlichen Arbeit der Bergmänner und von den schlechten Arbeitsbedingungen, die zu Beginn des 19.Jahrhunderts herrschten. 25 Jahre nach Novalis wird dies jedoch von Heinrich Heine in seinem Reisebericht „Die Harzreise“ dargestellt. Heine beschreibt das Bergwerk „Carolina“ als einen furchtbaren Ort voller Gefahren, Lärm und Schmutz und liefert damit eine Gegendarstellung zu Novalis’.

Gegenstand meiner Hausarbeit soll es sein, die Darstellung des Bergbaus in Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“ mit der Heinrich Heines in „Die Harzreise“ zu vergleichen, um herauszufinden, welche Gründe die beiden Autoren hatten, den Bergbau so unterschiedlich darzustellen. Dazu sollen die beiden Textstellen zunächst beschrieben und interpretiert werden und schließlich sollen beide Darstellungen verglichen werden.

2. Hauptteil

2.1 Die Darstellung des Bergbaus bei Novalis

Im Roman „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis befindet sich der Protagonist auf einer Reise von Eisenach nach Augsburg zu seinem Großvater. Diese stellt zugleich auch seinen Bildungsweg zum Dichter dar. Dies kommt einer Reise ins Innere gleich, da Heinrich immer mehr von sich entdeckt und allmählich Zugang erhält zu dem, was schon immer in ihm ruhte, die Fähigkeit zu dichten. Auf seinem Weg lernt er verschiedene Personen kennen. Einer der wichtigsten ist der Bergmann, der im fünften Kapitel auftritt, als der Protagonist Heinrich von Ofterdingen, seine Mutter und einige Kaufleute in ein Wirtshaus gelangen, wo der Bergmann ihnen und einer Gesellschaft von Leuten von seinen Erfahrungen berichtet. Die Figur des Bergmanns wurde hier vermutlich von Novalis gewählt, da das Vordringen ins Innere eines Berges auf der Suche nach Gold und Mineralien vergleichbar mit Heinrichs Reise in sich selbst auf der Suche nach seiner Bestimmung ist. Der Bergmann stellt für Heinrich eine Initiationsfigur dar. Die Begegnung mit ihm ist eine wichtige Station in seiner Entwicklung. Außerdem scheint der Bergmann die Verkörperung der Natur zu sein. Dies wird später im Roman von der Figur Klingsohr bestätigt, der zu Heinrich sagt: „die Natur und Geschichte sind Euch unter der Gestalt eines Bergmanns und eines Einsiedlers begegnet.“3

Der Bergmann hebt sich von den anderen Menschen ab, denn er ist „in fremder Tracht“4 gekleidet und kommt aus „fremden Landen“5. Er erzählt vor allem von seinem Weg zum Beruf des Bergmanns, der mit heftiger Neugier begann, die schließlich durch das Erlernen des Bergmannberufs in Eula gestillt wurde. In Eula lernt er seinen Meister Werner kennen, der ihn bei sich aufnimmt und ihn in das Handwerk des Bergmannes einweist. Er beginnt in einem Bergwerk zu arbeiten, wo Gold abgebaut wird. Der Bergmann hat daran jedoch kein wirtschaftliches Interesse, denn so heißt es im Roman: „Arm wird der Bergmann geboren, und arm gehet er wieder dahin.“6 Den Sinn seiner Arbeit sieht er eher darin das Gold aus dem Berg zu befreien, “damit er[es] an königlichen Kronen und Gefäßen und an heiligen Reliquien zu Ehren gelangen, und in geachteten und wohlverwahrten Münzen, mit Bildnissen geziert, die Welt beherrschen und leiten möge.“7

Außerdem wird klar, dass der Bergmann sehr stolz auf seinen Beruf ist. Dieser ist für ihn eher eine Berufung. Er dient der Erkenntnis der Natur und nicht ökonomischen Interessen. Die Tätigkeit des Bergmanns wird als Kunst im Umgang mit den „uralten Felsensöhnen der Natur“8 bezeichnet.

Der Bergmann berichtet davon, wie er die Tochter seines Meisters geheiratet hat und am selben Tag in der Frühschicht eine reiche Ader angehauen hat. Hier wird der Bergbau auch mit Sexualität in Verbindung gebracht.

Der Bergbau wird von dem Bergmann auch als Schule für Moral und Lebensart beschrieben. So lehrt der Beruf dem Bergmann „unermüdliche Geduld und lässt nicht zu, dass sich seine Aufmerksamkeit in unnütze Gedanken zerstreue“9.

Weiterhin berichtet der Bergmann davon, wie er erst untertage „den heiligen Sinn dieses rätselhaften Bildnisses [des Kruzifixes] recht gefasst, und den edelsten Gang meines[seines] Herzens erschürft, der mir[dem Bergmann] eine ewige Ausbeute gewährt hat“10. Der Bergbau wird also auch mit Religion und Selbsterkenntnis in Zusammenhang gebracht, die erst durch die Gegenwart der erhabenen Natur möglich wird.

Schließlich folgen zwei Lieder des Bergmanns. Am nächsten Tag unternehmen Heinrich, der Bergmann und einige andere Leute einen Ausflug in nahe gelegene Höhlen, wo sie einen Einsiedler treffen.

Beim Lesen dieses Romanteils wird klar, dass Novalis keinesfalls den realen Bergbau beschrieben hat, wie er ihn selbst erlebt hat. Er hat den Beruf und die Arbeit des Bergmannes bewusst beschönigt dargestellt, ihn romantisiert. Doch welche Absicht verfolgte er dabei?

Der Bergmann vertritt den Antikapitalismus. Er erklärt, dass der Bergbau allen dient. Die ganze Gegend profitiert von ihm, nicht nur der Einzelne. Der Bergmann selbst bleibt sein Leben lang arm, der wirtschaftliche Wert seiner Funde interessiert ihn nicht. Er wird somit den Kauflauten, die den Kapitalismus verkörpern, entgegengestellt. Diese Bergbaukapitel von Novalis ist Vorbildtext für den romantische Antikapitalismus, welcher besagt, dass die Natur nicht Besitz eines Einzelnen sein kann. Novalis äußert hier also, durch die Figur des Bergmannes, Bedenken gegen das Prinzip des Privateigentums, welches die zentrale Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft darstellt, die sich seit dem 18.Jahrhundert in Europa durchsetzt.11

Der Protagonist Heinrich versteht die Einstellung des Bergmanns. Die anderen Anwesenden interessieren sich jedoch eher für den ökonomischen Nutzen und überlegen, wie sie das Wissen des Bergmannes zu ihrem Vorteil einsetzen können. So heißt es im Roman: “Die Kaufleute redeten, ob sie vielleicht durch den Bergmann ein vorteilhaftes Verkehr mit Böhmen anspinnen und Metalle daher zu guten Preisen erhalten möchten“12. Die Kaufleute verstehen offensichtlich die Sichtweise des Bergmanns nicht. Der Bergmann reagiert auf das Unverständnis der Gesellschaft, indem er sagt: „wie dumpf und ängstlich ist es doch hier in der engen Stube“13. Ihm ist also bewusst, dass der von ihm vertretene Antikapitalismus in der realen Welt kaum eine Chance hat. Dies wird auch in der letzten Strophe des ersten Bergmannsliedes deutlich. Dort heißt es: „Sie mögen sich erwürgen; Am Fuß um Gut und Geld; Er[der Bergmann] bleibt auf den Gebirgen; Der frohe Herr der Welt“14. Hier wird der Bergmann als eine Art Gegenfigur zum Rest der Welt dargestellt. Nur er versteht den tieferen Sinn seiner Arbeit, während alle anderen Menschen sich dem Kampf um Reichtum hingeben. Er zieht sich aus der Gesellschaft zurück um allein im Einklang mit der Natur zu leben. Dies wird später im Roman erneut durch die Figur des Einsiedlers thematisiert.

Novalis stellt also zu seinem Modell des romantischen Antikapitalismus die Vermutung auf, dass dieser in der Welt nicht zu verwirklichen ist, da die Menschen zu habgierig sind.

[...]


1 Honemann, Volker: Bergbau in der Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. In: Stadt und Bergbau. Hrsg. Von Karl Heinrich Kaufhold und Wilfried Reininghaus. Köln: Böhlau 2004. S. 239.

2 Ebd. S.260.

3 Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Schulz. 4. Auflage. München: C. H. Beck 1987.S.225.

4 Ebd. S.177.

5 Ebd.

6 Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Schulz. 4. Auflage. München: C. H. Beck 1987.S.183.

7 Ebd. S 181.

8 Ebd. S.180.

9 Ebd. S.184.

10 Ebd.

11 Skript Prof. von Peterdorff: Vorlesung Nach den Utopien. Literatur des 19.Jahrhunderts.

12 Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Schulz. 4. Auflage. München: C. H. Beck 1987. S. 189.

13 Ebd.

14 Ebd. S. 187.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656011682
ISBN (Buch)
9783656011866
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178889
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
bergbaumotiv ofterdingen“ heinrich harzreise“ Heine Novalis Bergmann Bergwerk Bergbau

Autor

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