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Traditioneller Zeremonienmeister oder überflüssiges Relikt - Die Rolle des japanischen Kaisers im aktuellen politischen System Japans

Masterarbeit 2011 80 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Gliederung der Arbeit
1.2 Theoretischer Unterbau

2 Kurzer Abriss über die Geschichte des japanischen Kaisers
2.1 Ursprung des japanischen Kaisers
2.2 Das Shōgunat
2.3 Die Meiji-Restauration
2.4 Die Rolle des Kaisers während des Zweiten Weltkriegs

3 Das heutige politische System Japans
3.1 Ursprünge der japanischen Verfassung
3.2 Staatsaufbau und politische Institutionen

4 Die Rolle des japanischen Kaisers im aktuellen politischen System
4.1 Verfassungsrechtliche Bedeutung und Kompetenzen des Kaisers
4.2 Informelle Bedeutung und Kompetenzen des Kaisers
4.3 Der Kaiser im heutigen Shintoismus

5 Der japanische Kaiser im Vergleich mit europäischen Monarchen
5.1 Die britische Königin
5.2 Die niederländische Königin
5.3 Der schwedische König
5.4 Exkurs: Der deutsche Bundespräsident
5.5 Der Vergleich zum japanischen Kaiser

6 Abschließende Bewertung

7 Quellen

1 Einleitung

苔の生すまで ( Kimi ga yo wa )

千代に ( Chiyo ni )

八千代に ( Yachiyo ni )

細石の ( Sazare ishi no )

巌となりて ( Iwao to narite )

苔の生すまで ( Koke no musu made )

Die Zahl derjenigen Leser dieser Masther-Thesis, die der japanischen Sprache mächtig sind, wird sich aller Voraussicht nach deutlich in Grenzen halten. Daher zwecks besserem Verständnis die entsprechende deutsche Übersetzung dieser japanischen Verse:

Gebieter, Eure Herrschaft soll dauern
tausend Generationen,

achttausend Generationen,
bis Stein
zum Felsen wird und
Moos die Seiten bewächst
(vgl. Liew 2010: 57) .

Diese Worte entstammen der ersten Strophe der Nationalhymne des Staates Japan. Obschon der Text bereits im 10. Jahrhundert n. Chr. erstmalige geschichtliche Erwähnung fand, so erhielten diese Verse seine faktische Bedeutung um das Jahr 1880 n. Chr. herum, als sie anlässlich eines Kaisergeburtstages, gemeinsam mit einer Melodie, erstmals als Hymne aufgeführt wurden. Doch auch ohne den Hinweis auf die Aufführung zu Ehren des Kaisers Mutsohito, dem bedeutenden Initiator der Meiji -Restauration, wäre für den geneigten Leser mühelos erkennbar, wer oder was genau in dieser Hymne besungen wird. Bei dem in dem Text angesprochenen Gebieter, dessen Herrschaft tausende von Jahre überdauern soll, handelt es sich also um jenen sagenumwobenen Kaiser von Japan, der in seiner Landessprache als 天皇 bzw. Tennō bezeichnet wird. Sagenumwoben deshalb, weil zwar im besten Falle der deutschen Öffentlichkeit (und mutmaßlich auch der europäischen bzw. westlichen) die Existenz eines japanischen Kaiserhauses bekannt sein könnte, jedoch nicht, worin dessen Ursprung liegt und, noch weitaus wichtiger, was die heutige politische Funktion der angeblich „ältesten Monarchie der Welt“ (Pohl 1998: 62) ist. Nur selten taucht der Kaiser Japans in der deutschen öffentlichen Wahrnehmung auf und wenn, dann zumeist nur in Artikeln der einschlägigen Klatschpresse, in denen über die langen Jahre ohne männlichen Nachkommen der Herrscherdynastie berichtet wird. Alternativ kann man den Kaiser auch als Figur der Geschichtenerzählung oder als Akteur in US-amerikanischen Filmen wie beispielsweise Last Samurai . mit Tom Cruise in der Hauptrolle. beobachten, welcher in der Zeit der bereits erwähnten Meiji -Restauration angesiedelt ist. In jüngster Zeit rückte der Tennō wieder deutlicher in die Öffentlichkeit, als er sich im Zuge der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe vom 11. März 2011 via viel beachteter televisionärer Ansprache an sein Leid geplagtes Volk wandte. Dabei stellte sich heraus, dass eine nicht zu unterschätzende Minderheit in der Bundesrepublik Deutschland von der Existenz einer kaiserlichen Institution in Japan überrascht wurde.

Wieso sich also mit einem Thema beschäftigen, welches doch scheinbar letztendlich so wenig öffentliches Interesse hervorruft? Wäre es nicht für das eigene und auch allgemeine Verständnis des politischen Weltgeschehens ergiebiger, sich mit tatsächlichen politischen Schwergewichten zu beschäftigen, wie beispielsweise den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, der Russländischen Föderation, der Französischen Republik oder alternativ mit den Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland oder des Vereinigten Königreichs? Oder, wenn es denn schon unbedingt ein monarchisches Staatsoberhaupt sein soll, wieso dann nicht mit der britischen Königin oder der Königin der Niederlande? Durchaus legitime Fragen, die es wert sind, einleitend beantwortet zu werden.

Sicherlich wäre eine Fokussierung auf Global Player , wie es die Präsidenten der USA und Russland darstellen, interessant, um so die jeweilige Innen- sowie Außenpolitik beider Staaten nachvollziehbarer zu machen. Zwei Staaten, deren Wirken und auch Beziehungen zueinander maßgeblichen Einfluss auf die politische Weltlage haben. Doch zum einen ist die Literaturlage bei diesen Themen sowohl in populärer als auch politikwissenschaftlicher Hinsicht ausgesprochen umfangreich, zum anderen geht von monarchischen Staatsoberhäuptern eine ungeheure Faszination aus, der man sich nur schwerlich entziehen kann. Als Bürger der Bundesrepublik Deutschland, der in seinem bisherigen Leben Zeuge zahlreicher demokratischer Staatsoberhauptwahlen durch die Bundesversammlung wurde, kann man nicht anders, als fasziniert das Modell konstitutioneller Monarchien zu betrachten, in denen Adelshäuser über mehrere Jahrzehnte hinweg kontinuierlich als Staatsoberhäupter herrschen und somit beträchtliche Identifikationsfiguren ihrer Nation darstellen. Viele der Untertanen erleben vielleicht nur einmal, höchstens zweimal in ihrem Leben einen Wechsel an der Spitze ihres Staates, wenn in einer pompös-prunkvollen Zeremonie der neue Monarch inthronisiert wird. Dass diese Faszination auch von zahlreichen anderen bundesdeutschen Bürgern geteilt wird, zeigen die stetig hohen Einschaltquoten, die die öffentlich-rechtlichen Sender mit der Übertragung adliger Zeremonien erzielten. Es sei beispielsweise nur an die britische Hochzeitszeremonie von Prinz William und Kate Middleton im Mai 2011 erinnert. Wenn dem jedoch so ist, wieso dann aber die Beschäftigung mit einem so exotischen Thema wie dem japanischen Kaiser, wo es doch eine Beschäftigung mit europäischen Regenten auch tun würde?

Es ist genau diese Exotik und Fremdheit, die den Reiz des Themas ausmacht. Während die Quellenlage auch bei den europäischen Monarchen durchaus eindrucksvoll ist, hat sich bei den Vorrecherchen zu dieser Abschlussarbeit gezeigt, dass in der deutschen Politikwissenschaft so gut wie kein aktuelles Werk existiert, welches sich in seiner Gänze rein mit dem japanischen Tennō und seiner heutigen politischen Rolle in seinem Heimatland beschäftigt. Ein durchaus bemerkenswerter Umstand, wenn man bedenkt, dass Japan, oder auch Nippon , wie es in der Landessprache genannt wird, lange Jahre lang nach den Vereinigten Staaten von Amerika die stärkste Volkswirtschaft der Welt gewesen ist (vgl. Kevenhörster et al. 2010: 13). Zudem gehört das japanische Kaiserhaus in der Tat, so viel sei schon jetzt verraten, zu den ältesten der Welt. Dennoch bleibt es in der deutschen Politikwissenschaft merkwürdig unterrepräsentiert. Zwar findet es durchaus Erwähnung in der Forschungsliteratur, doch zumeist wird er nur am Rande erwähnt, gewissermaßen als eine Fußnote bei der ganzheitlichen Beschäftigung mit dem politischen System Japans. Selbst diese Abhandlungen über das japanische Politsystem sind stellenweise schon über ein Jahrzehnt alt ( siehe beispielsweise Hartmann 1992). Dabei bietet der Kaiser durchaus Stoff für interessante Untersuchungen. Beispielhaft hierfür sei die jahrzehntelange Diskussion über die Frage genannt, ob es sich bei dem Tennō nun um das Oberhaupt des japanischen Staates (vgl. Derichs/Lukner 2008: 211 sowie Galanti 2008: 299ff) handelt oder ob dieser überhaupt als ein Monarch im europäischen Sine bezeichnet werden kann (vgl. Kevenhörster 1969: 37).

Ebenfalls ist dieses Forschungsthema unter dem Aspekt interessant, dass trotz des kürzlich erfolgten Abstiegs Japans als Wirtschaftsmacht der ferne Osten weiterhin den Markt der Zukunft darstellt. Zwar steht bei dieser Entwicklung vornehmlich die Volksrepublik China im Vordergrund, dennoch ist es geboten, die Kenntnis über die politischen Systeme aller fernostasiatischen Staaten zu vertiefen, um die Handlungsmotivationen der Akteure zu verstehen. Dabei hat in den vergangenen Jahren der japanische Kaiser durchaus seine auf verschiedenen Quellen beruhenden Kompetenzen genutzt, um beispielsweise durch Auslandsreisen zur Aussöhnung mit den ehemaligen Feinden des Zweiten Weltkriegs beizutragen (vgl. Pohl 2008: 64). Mehr dazu in den folgenden Kapiteln.

Schlussendlich geht auch der japanischen Gesellschaft an sich eine exotische Anziehungskraft aus. Auf der einen Seite haben wir es mit einer aus europäischer Wahrnehmung sehr fremdartigen Kultur und Mentalität zu tun, in der kollektive Werte immer noch wichtiger sind als individualistische und in welcher althergebrachte Traditionen, wie beispielsweise die Teezeremonie, immer noch eine gesellschaftlich anerkannte Bedeutung besitzen. Andererseits wirkt der japanische Staat sowie seine Wirtschaft trotz der fast 9000km, die Berlin und Tokio voneinander trennen, seltsam vertraut, sein Aufbau ähnelt denen zahlreicher anderer westlicher Demokratien. Japan scheint eine seltsame Synthese aus Tradition und Moderne, aus Geschichte und Gegenwert, aus Westen und Osten zu sein. Diese Synthese macht die Forschung an und über Japan so komplex und gleichzeitig auch lohnenswert. Alle diese scheinbar so widersprüchlichen Gegensätze scheinen ganz besonders in der Figur des Tennōs , der ältesten dauerhaften Institution der japanischen Gesellschaft, zu kulminieren.

Aus diesen genannten Gründen ist es die Absicht dieser Masther-Thesis, bei der Schließung dieser Lücke in der deutschen Politikwissenschaft zu helfen. Ziel ist die Erstellung eines aktuellen Werkes, bei dem einzig und allein der Tennō im Vordergrund der Untersuchung stehen soll Dabei ist durchaus die Problematik bekannt, dass der Autor dieser Abschlussarbeit nicht auf japanische Primärquellen zurückgreifen kann, da er selbst der japanischen Sprache nicht mächtig ist. Dieses Dilemma ist jedoch zu vernachlässigen. Neben den bereits erwähnten durchaus vorhandenen deutschen Forschungswerken zum Thema Japan existiert auch ein reichhaltiger Fundus an US-amerikanischer sowie europäischer Literatur zu dem Thema. Zusätzlich wurde übersetzte japanische Literatur, zumeist in englischer Sprache, genutzt.

An dieser Stelle gebührt den beiden Vertretung Japans in der Bundesrepublik Deutschland, der japanischen Botschaft in Berlin sowie dem japanischen Generalkonsulat in Hamburg, der große Dank des Autors. Beide Institutionen haben sich bei der Literaturrecherche als sehr aufgeschlossen, hilfreich sowie freundlich herausgestellt und kostenfrei Literatur, darunter Exemplare der japanischen Verfassung, auf dem Postweg verschickt.

Trotz dieser Hilfestelllungen stellte die Beschäftigung mit dieser so fremden Kultur in der Tat eine Herausforderung dar, betrat der Autor doch letztendlich mit diesem Thema Neuland. Der Erkenntnisgewinn war dadurch jedoch letztendlich umso größer.

Abschließend noch ein Hinweis zwecks besseren Verständnisses: auf die Verwendung japanischer Schriftzeichen wird im weiteren Verlauf dieser Forschungsarbeit weitestgehend verzichtet werden. Stattdessen werden japanische Begriffe und Namen in lateinischen Buchstaben wiedergegeben. Dadurch ist es möglich, dass einige Begriffe je nach Quelle anders geschrieben werden könnten. Dieser Umstand ist zu beachten, um eventuelle Verwirrungen zu vermeiden.

1.1 Gliederung der Arbeit

Die Forschung teilt die Geschichte Japans zumeist in drei Phasen ein: Feudalismus, Konstitutionalismus und Parlamentarismus. Obgleich sich diese Master-Thesis inhaltlich auf die Phase des Parlamentarismus seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs fokussieren wird, kommt man bei der Beschäftigung mit einer solch historisch gewachsenen Institution wie dem japanischen Kaiserhaus nicht umhin, sich auch mit den anderen Phasen der japanischen Kaiser- bzw. der Staatsgeschichte insgesamt zu befassen. Nur durch einen Rekurs auf die historische Genese des Kaisers kann verstanden werden, wieso die aktuelle Stellung des Tennō sich zu ihrer heute gültigen Form entwickelt hat. Daher wird auf die Einleitung, in welcher wir uns gerade befinden, im zweiten Kapitel eine Übersicht über die Geschichte des japanischen Kaisers folgen. Hier werden einige wichtige historische Wegmarken auf dem Weg zum heutigen Kaiserhaus dargestellt werden, so beispielsweise dessen Ursprung, die lang andauernde Phase des Shogunats, die darauf folgende Meiji-Restauration und abschließend die Rolle des 124. japanischen Tennōs Hirohito, dessen Regentschaft vor und während des Zweiten Weltkriegs maßgeblichen Einfluss auf die verfassungsmäßige Ausgestaltung der heutigen kaiserlichen Rolle hatte. Da es sich bei dieser Abschlussarbeit um keine geschichtswissenschaftliche Studie handeln soll, wird dieser Abriss der Geschichte in aller gebotenen Kürze stattfinden. Gleichzeitig muss jedoch ein gewisser Raum zugestanden werden, um die relevanten Ereignisse und Fakten einordnen zu können.

Nach dieser historischen Grundsteinlegung wird sich im dritten Kapitel mit dem aktuellen politischen System des Staates Japan befasst werden. In einem weiteren historischen Unterabschnitt wird zuerst der Ursprung der japanischen Verfassung skizziert werden, die einen beträchtlichen US-amerikanischen Einfluss aufweist. Die Kenntnis der japanischen Verfassungsgeschichte hat ihre Berechtigung, um darauf basierend die Gründe für die aktuelle Ausgestaltung des japanischen Staates und der damit verbundenen kaiserlichen Macht erkennen und verstehen zu können. In dem darauf folgenden zweiten Unterabschnitt des dritten Kapitels wird dann der aktuelle Staatsaufbau sowie die maßgeblichen politischen Institutionen schlaglichtartig dargestellt werden. An einer solchen Darstellung des politischen Gesamtkomplexes wird man für die nähere Beschäftigung mit der Forschungsfrage nicht vorbei kommen. Zum einen ist das Wissen um das japanische politische System vor allem bei vielen europäischen Lesern eher dürftig ausgeprägt, wodurch eine kleine Gesamtübersicht durchaus sinnvoll wird. Zum anderen kann die Einordnung der kaiserlichen Rolle nur dann gelingen, wenn man die anderen Akteure sowie ihre Aufgaben und Kompetenzen im politischen Prozess versteht, um diese dann in Relation setzen zu können

Das vierte Kapitel wird sich dann schwerpunktmäßig der Rolle des Tennōs im heutigen politischen System seiner Nation widmen. Seiner Bedeutung und seinen Kompetenzen wird sich dabei in mehreren Schritten genähert werden. In dem ersten Abschnitt wird untersucht werden, auf welche Art und Weise der Tennō in der japanischen Verfassung erwähnt wird, welche Kompetenzen ihm dort zugeschrieben werden und worin sich diese möglicherweise von denen früherer Kaiser unterscheiden. Schwerpunktmäßig wird es in diesem Abschnitt also um die formellen Kompetenzen bzw. Machtmittel des Tennō gehen, wie sie ihm durch den Gesetzgeber zugestanden wurden. Für eine adäquate Beantwortung der Forschungsfrage können diese jedoch nicht allein herangezogen werden. Zahlreiche politische Akteure weltweit besitzen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss, der nicht allein auf ihren verfassungsrechtlichen Kompetenzen beruht. Gerade bei Staatsoberhäuptern, man denke beispielsweise nur an den Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland (vgl. Schmidt Glaeser 2008: 108), aber auch bei anderen politischen Akteuren sind informelle Kompetenzen erkennbar, welche ihnen damit eine gewissen Relevanz zusichern. Gerade bei einer so historisch gewachsenen Figur wie dem Kaiser von Japan, so die Forschungshypothese des Autors dieses Master-Thesis, muss er doch auch für die Bevölkerung eine Bedeutung besitzen, die über seine qua Verfassung definierten Aufgaben hinausgeht. Daher sollen in einem zweiten Unterabschnitt die informellen Kompetenzen des Kaisers und seine Bedeutung für die japanische Zivilgesellschaft betrachtet werden. Möglicherweise ergänzen sich hier formelle und informelle Bedeutung, vielleicht überwiegt jedoch auch das eine gegenüber dem anderen. In einem dritten Einzelabschnitt wird abschließend noch der Zusammenhang zwischen dem Kaiser und dem Shintoismus dargestellt. Die immer noch existente Verquickung des Tennō mit der ehemaligen japanischen Staatsreligion sorgt für beständige Diskussionen innerhalb der japanischen Gesellschaft sowie auch bei den asiatischen Nachbarn und kann damit als ein weiteres Indiz für die Existenz einer symbolischen Bedeutung seiner Majestät herangezogen werden.

Zu Beginn der Einleitung wurde bereits darauf hingewiesen, dass es durchaus umstritten ist, ob es sich bei dem Kaiser um einen Monarchen handelt. Ferner kann die Frage diskutiert werden, ob es sich bei dem japanischen politischen System um eine konstitutionelle Monarchie oder doch eher um eine besondere Form des Parlamentarismus handelt. Um diese Fragen zu beantworten, wird das fünfte Kapitel dieser Master-Thesis einen komparativen Anteil enthalten. In jenem wird der Tennō mit bekannten europäischen Monarchen verglichen, um entsprechende Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Aufgrund der guten Quellenlage und ihrer auch in der Gesellschaft relativ großen populären Bekanntheit werden als Vergleichsbasen die Königshäuser des Vereinigten Königreichs, der Niederlande und Schwedens herangezogen. Hierbei wird es weniger um eine Komparatistik der historischen Genese gehen, sondern vielmehr um die aktuelle politische Bedeutung der jeweiligen Monarchien in ihren nationalen politischen Systemen. Durch diese Kompetenzvergleiche mit anderen monarchischen Staatsoberhäuptern sollte die Forschungsfrage besser beantwortbar werden, ob es sich bei dem Kaiser um ein überflüssiges Relikt oder um ein Oberhaupt mit wichtigen zeremoniellen Funktionen handelt, welches sich möglicherweise in bester Gesellschaft mit anderen nationalen Regenten befindet.

Eine abschließende Bewertung wird im sechsten und letzten Kapitel dieser Abschlussarbeit erfolgen. Hier werden die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit sowie der Weg dorthin noch einmal kurz zusammengefasst und dann der Versuch einer Beantwortung der Forschungsfrage unternommen werden. Zusätzlich sollen, sofern sich solche ergeben, mögliche Forschungsfragen aufgeworfen werden, mit denen man sich in der Zukunft über diese Abschlussarbeit hinaus beschäftigen kann, um die Forschung über die Institution des Tennōs weiter zu vertiefen.

1.2 Theoretischer Unterbau

Die Analyse der Frage, welche faktische Macht der japanische Tennō gegenwärtig im politischen System seiner Nation besitzt, soll zur besseren Veranschaulichung theoretisch unterfüttert werden. In dieser Master-Thesis wird aus diesem Grund auf die Vetospielertheorie zurückgegriffen werden. Diese ist, zumindest in der Theorie, am besten für den Bereich der komparativen Politikwissenschaft geeignet, da sie sich laut ihrem Begründer Tsebelis in erster Linie auf den Prozess der Gesetzgebung bezieht (vgl. Tsebelis 2002: 283). Das eventuelle Vorhandensein potentieller Macht zur Einflussnahme auf den Gesetzgebungsprozess oder gar die Verhinderung des Zustandekommens parlamentarischer Gesetzte, sei sie nun institutionell oder gesellschaftlich-informell begründet, stellt einen geeigneten Indikator dar, um die Forschungsfrage hinsichtlich der kaiserlichen Rolle zu beantworten.

Die Vetospielertheorie soll an dieser Stelle zum besseren Verständnisses knapp skizziert werden. Erfunden von dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler mit griechischen Wurzeln George Tsebelis, stieß diese Theorie schon bald nach ihrer Begründung auf erhebliche Resonanz in der politikwissenschaftlichen Forschungsgemeinschaft (vgl. Stoiber 2008: 40). Vor allen in der Policy -Forschung wurde sie begeistert aufgenommen (vgl. Jochem 2009: 113). Von einigen Wissenschaftlern wurde diese Theorie sogar schon mit der Beschreibung „bahnbrechend“ (Abromeit/Stoiber 2006: 63) bedacht. Erstmals im Jahre 1995 in einem Artikel des British Journal of Political Sciences vorgestellt (vgl. Tsebelis 1995), vertiefte Tsebelis seine Theorie noch einmal mit seinem 2002 erschienen Forschungswerk Veto Players (vgl. Tsebelis 2002). Inzwischen stößt die Vetospielertheorie jedoch auch in anderen Forschungsgebieten außerhalb der Politikwissenschaften auf erhebliche Resonanz und findet in anderen Bereichen der Sozialwissenschaften Anwendung (vgl. Rosenbaum 2009: 113).

Worum geht es konkret bei der Vetospielertheorie? Mittels der Vetospielertheorie versuchte Tsebelis die Chancen für einen politischen Wandel zu untersuchen. Gleichzeitig können damit im Umkehrschluss die Bedingungen für eine Policy-Stabilität innerhalb eines politischen Systems untersucht werden (vgl. Attar 2009: 6). Er richtete damit sein Hauptaugenmerk auf die Beweglichkeit und Unbeweglichkeit von Politik.

Wer sind die Vetospieler bzw. wer können solche sein? Vetospieler sind im Sinne von Tsebelis Akteure:

„[…] whose agreement is necessary for a change of the status quo” (Tsebelis 2002: 19).

Als in Betracht kommende Vetospieler werden in dieser Theorie institutionelle, beispielsweise Staatsoberhäupter oder Gerichte, sowie parteipolitische, beispielsweise Parteien oder Koalitionen, Akteure identifiziert (vgl. Tsebelis 2002: 2), welche im legislativen und politischen Prozess eine bedeutende Rolle spielen und daher nicht ignoriert werden können. Zur besseren Veranschaulichung verwendet Tsebelis den Begriff des Winset. Hiermit wird eine Art Konsensbereich beschrieben, also die Schnittmenge politischer Zielvorstellungen, mit dem alle an der Entscheidung beteiligten Akteure einverstanden sein müssen, um eine Übereinkunft zu ermöglichen (vgl. Abromeit/Stoiber 2006: 64). Alternativ könnte man hier auch den deutschen Begriff des Kompromisses nutzen. Die Größe des Winsets und damit das Potential für einen politischen Wandel wird maßgeblich durch drei Faktoren beeinflusst: die Zahl der an dem Prozess beteiligten Vetospieler, ihre Kongruenz sowie ihre interne Kohärenz (vgl. Bodenstein 2005: 54). Das Winset für den angestrebten Politikwechsel wird dabei umso kleiner, je größer die Anzahl der am Verfahren beteiligten Vetospieler ist (vgl. Tsebelis 2002: 25). Je geringer die Kongruenz, also die thematischen Übereinstimmung zwischen den Vetospielern bezüglich der in Frage kommenden Themen ist, desto kleiner wird im Umkehrschluss das Winset (vgl. ebd.: 30ff). Die Androhung eines potentiellen Vetos gegen eine politische Initiative wird umso glaubwürdiger und effektiver, je größer die interne Kohäsion bzw. der Zusammenhalt der kollektiven Vetospieler, ist. Im Umkehrschluss bedeutet dies gleichzeitig, dass bei einer starken internen Zersplitterung eines Vetospieles die Furcht vor seinem potentiellen Einspruch sinkt (vgl. Attar 2009: 7).

Ein einfaches Beispiel hierfür stellt die Vetomöglichkeit des US-amerikanischen Präsidenten dar. Mittels seines durch die Verfassung garantierten Rechts für ein präsidiales Veto kann dieser Gesetzesvorlagen noch vor der Ratifizierung zu Fall bringen, obschon diese durch beide Kammern des Kongresses ordnungsgemäß und erfolgreich verabschiedet wurden (vgl. Oldopp 2005: 63ff). Die Parlamentskammern müssen sich folglich schon im Vorfeld ihres Gesetzesbeschlusses um eine Vergrößerung des Winsets bemühen, um dem potentiellen Vetospieler in Form des Präsidenten Genüge zu tun und so seine Zustimmung zu erreichen. Ein äquivalentes Beispiel für das deutsche politische System wäre die Fähigkeit des Bundesrates, bereits durch den Bundestag beschlossene Gesetzesinitiativen durch eine Verweigerung seiner Zustimmung aufzuhalten und damit neue Verhandlungen zu erzwingen (von Beyme 2010: 369ff)

Was macht die Vetospielertheorie trotz ihrer relativen Novität so reizvoll für die Sozialwissenschaften im Allgemeinen und die Politikwissenschaften im Speziellen? Der Erfinder George Tsebelis selbst sieht vor allem zwei Ursachen hierfür: zum einen hält er seine Theorie für sehr einfach und leicht verständlich, zum anderen sei sie auf alle politischen Systeme demokratischer Prägung anwendbar. Dabei sei es gleichgültig, ob es sich dabei um parlamentarische, präsidentielle oder semi-präsidentielle Demokratien handle (vgl. Tsebelis: 2). Andere begrüßen zudem die Identifikation potentieller Blockadestellen durch diese Theorie, an denen dann der Einsatz verschiedener politischer Strategien beobachtet werden kann (vgl. Wenzelburger 2010: 84).

Sollte also der Tennō irgendeine Form von institutioneller Macht besitzen, so müsste er laut Tsebelis´ Theorie in der Lage sein, eine angestrebte Veränderung des Status Quo zu verhindern. Selbst wenn er keine institutionelle Kompetenzen besäße, so könnte er immer noch beispielsweise durch Einflussnahme auf politisch bedeutsame Akteure oder andere ähnliche informelle Machtmittel in der Lage sein, einen Einfluss auf politische Prozesse zu nehmen. Die Vetospielertheorie soll im Verlauf dieser Master-Thesis immer weiter herangezogen werden, um die politische Bedeutung des Kaisers zu ergründen. Ob sie schlussendlich auch das geeignete Instrument zur Untersuchung dieser Forschungsfrage gewesen ist, soll im abschließenden Kapitel festgestellt werden.

2 Kurzer Abriss über die Geschichte des japanischen Kaisers

Wie bereits in der Einleitung angesprochen, sollen in diesem Kapitel die notwendigen historischen Grundlagen gelegt werden, um die Institution des Tennōs nachvollziehbar zu machen. Eine komplette geschichtliche Genese des kaiserlichen Herscherhauses wird an dieser Stelle aus Kapazitätsgründen nicht möglich sein. Daher wird sich auf vier bedeutende Wegmarken konzentriert werden, die für die Ausgestaltung der kaiserlichen Rolle eine bedeutende Rolle gespielt haben. Trotz dieser Konzentration auf die wichtigsten historischen Eckpunkte wird es sich dennoch um einen geschichtlichen Parforceritt handeln. Aufgrund der historischen Nähe und der damit verbundenen erhöhten Relevanz für die Gegenwart sowie in Anbetracht der Forschungsfrage werden dabei die Abschnitte ab der Meji-Restauration Mitte des 19. Jahrhunderts deutlich umfangreicher ausfallen.

2.1 Ursprung des japanischen Kaisers

Zu Beginn soll ergründet werden, wo bzw. wann sich der Ursprung des Tennōs nachweisen lässt. Dadurch soll nicht nur die eingangs formulierte These bestätigt oder widerlegt werden, ob es sich hierbei um die älteste Herrscherdynastie der Menschheitsgeschichte handelt. Vielmehr ist es auch für das Verstehen der späteren kaiserlichen Rolle wichtig, den monarchischen Ursprung zu kennen, da immer wieder gerne auf diesen rekurriert wurde und immer noch wird.

Glaubt man der traditionellen Lesart, so lässt sich dessen Ursprung in der Welt des Mythischen bzw. Spirituellen wiederfinden. Der erste Tennō war laut japanischer Legende der sagenumwobene Jimmu, alternative Schreibweise Jinmu, der im Jahre 660 v. Chr. die Kaiserdynastie geschaffen und damit Japan etabliert haben soll (vgl. Morton/Olenik 2005: 11). Jahrtausende später wurde dieses Datum noch genauer spezifiziert. Auf Geheiß des 122. Tennōs wurde im Zuge der Meiji-Restauration der 11. Februar 660 v. Chr. als Gründungstag der Kaiserdynastie festgelegt. Dieses rückwirkend festgesetzte Datum stellt damit nicht nur den Beginn der traditionellen japanischen Zeitrechnung dar, sondern ist gegenwärtig immer noch ein bedeutender japanischer Nationalfeiertag mit dem Namen kenkoku kinen bi , was übersetzt soviel bedeutet wie Feiertag der Landesgründung bzw. Nationaler Gründungstag (vgl. Kyburz 2003: 369). An jenem Datum stieg also besagter Jimmu vom spirituellen Himmelsreich herab, erklomm den kaiserlichen Thron und verband damit die mystische Sphäre der Götter mit der irdischen Welt der Menschen. Seinen Herrschaftsanspruch über Japan leitete er von seinem Status als direkter Nachfahre der shintoistischen Sonnengöttin Amaterasu ab (vgl. Stuckenschmidt 2010: 48), von der er auch die bis heute existierenden japanischen Reichsinsignien Spiegel, Schwert und Juwel (vgl. Pohl 1998: 63) entgegen nahm (vgl. Kyburz 2003: 369). Damit wird auch die deutsche Übersetzung des Begriffs Tennō mit Himmlischer Herrscher nachvollziehbar, da der erste Tennō den Knotenpunkt zwischen Menschen und Göttern darstellte. Gleichsam wird aufgrund dieser Genealogie der noch heute existente Konnex zwischen dem Kaiser und der ehemaligen Staatsreligion des Shintoismus deutlich. Dieser Zusammenhang wird in Kapitel 4.3 noch einmal aufgegriffen werden. Die Legende über die Thronbesteigung Jimmus wurde Jahrhunderte lang nur mündlich überliefert, bis schließlich der 40. Tennō Temmu im Jahr 712 n. Chr. (vgl. Kimura 2003: 61) die Geschichte in dem Kojiki aufschreiben und damit endgültig für die Nachwelt festschreiben ließ. Im Jahr 720 n. Chr. wurde dieser Akt im Folgewerk namens Nihongi wiederholt, was diese beiden Schriftstücke zu den ältesten der japanischen Geschichte macht (vgl. Pohl 2002: 43). Auch heute noch verweist der aktuelle Kaiser Akihito traditionell auf seine direkte Abstammung von Jimmu und begründet damit seinen historischen Herrschaftsanspruch auf den Chrysanthementhron (vgl. Stuckenschmidt 2010: 48).

Diese Tatsache ist jedoch insofern erstaunlich, da die moderne Geschichtswissenschaft diesen Gründungsmythos inzwischen weitestgehend widerlegt hat und die ersten neun japanischen Kaiser in das Reich der Legenden verschoben hat. Auch die japanische Geschichtsforschung ist zu einem solchen Ergebnis gelangt (vgl. Akira 2008: 15). Tatsächlich geht man inzwischen davon aus, dass der erste Tennō , japanischer Reichsgründer und damit verbunden kaiserlicher Urahn der Blutlinie Kimmei aus dem Clan der Yamato gewesen ist, der im 6. Jahrhundert n. Chr. verortet und nach japanischer Tradition erst als 29. Tennō aufgeführt wird (vgl. Morton/Olenik 2005: 11). Zwar berief sich auch Kimmu in seiner Amtszeit auf den einst göttlichen ersten Kaiser. Das schriftliche Festhalten des Jimmu-Mythos auf seine Anordnung hin hätte dabei aber weniger historische, sondern vielmehr rein machtpolitische Gründe gehabt. Durch das Aufschreiben des Bezugs auf Jimmu und dessen Abstammung von der Sonnengöttin Aramatsu wollte Temmu, der genau wie Kimmei dem Yamato-Clan entstammte, mutmaßlich seinen Machtanspruch gegen die rivalisierenden japanischen Clans durchsetzen, die sich auf andere Gottheiten beriefen und mit denen sich Temmu in einem Widerstreit um den Alleinvertretungsanspruch für das japanische Reich befand (vgl. Pohl 2002: 43ff).

Zudem muss festgehalten werden, dass die politische Institution des Kaisers keine eigens urjapanische Erfindung ist. Wie ebenfalls aktuelle Forschungen belegen, war diese dem chinesischen Vorbild einer zentralistischen Autokratie entlehnt (vgl. Derichs/Lukner 2008: 200). Zudem soll sich der Begriff Tennō vom chinesischen Wort Tianhuang ableiten, was übersetzt Himmelsmajestät bedeutet (vgl. Clauss 2001: 488). Wenig überraschend, wenn man sich in Erinnerung ruft, welche überragende Bedeutung das chinesische Großreich für die kulturelle Entwicklung seiner ostasiatischen Nachbarn hatte. Zu vergleichen wäre dies mit dem kulturellen Einfluss des alten Rom, der bis in die europäische Gegenwart nachhallt. Neuere Forschungen von Historikern mutmaßen sogar, ob eventuell zusätzliche koreanische Einflüsse in der kaiserlichen Blutlinie nachweisbar sein und damit eine Verbindung zwischen Japanern und Koreaner möglich sein könnten (vgl. Morton/Olenik 2005: 11). Angesichts der heute immer noch sehr schwierigen politischen Beziehungen zwischen Japan und seinen Nachbarn ein bemerkenswerter Umstand.

Egal, ob man nun den ersten Kaiser im 7. Jahrhundert v. Chr. oder bereits im 6. Jahrhundert n. Chr. verortet, fest steht dennoch, dass wir es bei der Verwendung beider Zeitansätze gleichberechtigt bei dem Tennō mit einer Jahrtausende alten Abstammungslinie zu tun haben, die unter alle bekannten Nation ihres gleichen sucht (vgl. Akira 2008: 15). Damit stellt das Kaiserhaus in der Tat die älteste, ohne Unterbrechung existierende Monarchie der Erde dar.

2.2 Das Shōgunat

Die japanische Ära des Feudalismus und der Shōgune soll nicht zentrales Thema dieser Arbeit sein, auch wenn sich diese schon allein aufgrund ihres zeitlichen Umfangs durchaus hierfür eignen würde. Dennoch muss diese bemerkenswerte Phase kaiserlicher Machtlosigkeit angesprochen werden, da nur so das Aufkommen und die Ziele der Meiji-Restauration nachvollziehbar werden. Während zu Beginn der japanischen Reichsgeschichte der Kaiser die alles bestimmende politische Figur gewesen war, degenerierte seine politische Gestaltungsmacht ab dem 11. Jahrhundert n. Chr. zusehends. Die Phase des japanischen Feudalismus begann mit der Etablierung des als Bakufu bekannten Militärregierung durch Minamoto Yorimoto im Jahr 1192, der als erster dem Bakufu als so genannter Shōgun vorstand. In Folge dessen tauschte er schrittweise die bisherigen Gouverneure und Landverwalter gegen Gefolgsleute seines Vertrauens aus (vgl. Stahncke 1998: 52). Die Shōgune begründeten ihre Macht auf ihren Ländereien sowie den damit verbundenen Lehnsleuten und Soldaten (vgl. Kevenhörster 1993: 9). Immer stärker waren dadurch die Kaiser im Laufe der Zeit auf den Schutz gewisser Schichten des Militäradels angewiesen, die als Samurai bekannt waren und den militärisch schwachen Kaiser gegen rivalisierende Clans verteidigten. Hieraus folgte eine systematische Macht- und Kompetenzverschiebung weg vom Kaiser und hin zum Oberhaupt des Samuraiclans (vgl. Cunningham/Zwier 2009: 8ff). Diese Militärmachthaber bzw. Reichsfeldherren (vgl. Kevenhörster et al. 2003: 261) entwickelten sich damit zu den faktischen Machthabern des japanischen Reichs, während der Tennō in die Rolle eines Repräsentanten zurückgedrängt wurde. Daher wird heute in der Geschichtswissenschaft diese Regierungsform in Anlehnung an die Position des Shōguns von der Staatsform des Shōgunats gesprochen. Zwar ernannte der immer noch im Amt verweilende Tennō als Oberhaupt der japanischen Nation weiterhin offiziell die jeweiligen Shōgune zu den Beschützern seines Reiches, tatsächlich besaßen die Kaiser jedoch im Laufe der Zeit keinerlei Möglichkeiten des Einfluss auf die Besetzung des Amtes sowie dessen Ausgestaltung und politischer Agenda mehr. Das Bakufu unter der Führung des Sh ōguns war damit faktisch für die Politik Japans verantwortlich geworden und stellte die eigentliche Regierungsgewalt dar (vgl. Scherrer 2009: 27).

Trotz der militärischen Stärke des Bakufu waren Konflikte jedoch an der Tagesordnung. Da der Titel und die Position des Sh ōguns größtenteils erblich war, rangen die japanischen Familienclans Jahrhunderte lang miteinander, was zahlreiche innerjapanische Kriege und Feldzüge zur Folge hatte (vgl. Lachmann 2004: 132). Hier sind, natürlich mit gewissen Abstrichen verbunden, Parallelen zur Phase des europäischen Feudalismus zu erkennen.

Historisch am bedeutendsten für die weitere Entwicklung des modernen Japans und auch der Rolle des Kaisers dürfte das Shōgunat des Clans der Togukawa gewesen sein, welches ca. von 1603 bis 1867 andauerte (vgl. Bailey 1996: 8). Was jedoch machte diese Phase so bedeutend? Zum einen wurde in der Anfangsperiode des Togukawa-Shōgunats in der damals noch eher unbedeutenden Burgstadtstadt Edo das Verwaltungszentrum des Bakufu errichtet. Edo würde später unter dem Namen Tokio die Hauptstadt Gesamtjapans werden (vgl. Zöllner 2006: 58ff). Zum anderen wurde unter diesem Shōgunat die japanische Reichseinigung vollzogen und damit eine lange Phase des Friedens eingeläutet. Mit dieser Herrschaftsphase einher ging jedoch eine immense Abschottung Japans nach außen, in welcher Ausländer so gut wie keinen Zutritt nach Japan hatten und das Reich seinen Kontakt mit der Außenwelt auf ein absolutes Minimum beschränkte (vgl. Stahncke 1998: 55). Das japanische Inselreich trat in die Phase einer selbstgewählten Isolation ein. Mit dieser Isolation einher ging zudem eine Phase der politischen und vor allem technischen Stagnation.

Der Tennō nahm in dieser Phase endgültig nur noch rein zeremonielle Funktionen wahr, eine Einmischung in das politische Tagesgeschäft war ihm durch die regierenden Togukawa untersagt worden. Er residierte stattdessen mit seinem Hof im Kinchu , dem Verbotenen Palast und widmete sich dort der Wissenschaft sowie den schönen Künsten. Ohne Einverständnis des Bakufu durfte er diese Isolation, die eher einem Hausarrest gleichkam, nicht durchbrechen (vgl. Zöllner 2006: 45ff). Aus diesem Grund bekamen die meisten Japaner, nicht einmal die Bürger von Edo selbst, ihren Kaiser zu Lebzeiten nie zu Gesicht (vgl. Keene 2002: 5ff). Es kann durchaus davon gesprochen werden, dass in der Phase des japanischen Feudalismus die politische Bedeutung des Tennōs gegen Null tendierte. Wenn überhaupt, dann besaß er nur noch eine abstrakte moralisch-spirituelle Bedeutung für die Bevölkerung (vgl. Zöllner 2006: 47). Diese begründete sich aus dem auch zu jener Zeit nicht angefochtenen Umstand der kaiserlichen Rolle als Oberpriester der japanischen Religion des Shintoismus (vgl. Krebs 2009: 1). Dennoch dürfte das Leben des Tennōs während der Hochphase der Tokugawa-Herrschaft aufgrund seiner geringen Gestaltungsmöglichkeiten durchaus mit dem Attribut langweilig tituliert werden (vgl. Keene 2002: 4).

Das Ende der strikten Isolationspolitik des Shōgunats wurde erst Jahrhunderte später gewaltsam mit dem Eintreffen eines US-amerikanischen Kanonenbootgeschwaders unter den Kommando von Commodore Matthew Calbraith Perry im Jahr 1854 eingeleitet (vgl. Kevenhörster et al. 2003: 261). Ein immenser Einschnitt in der japanischen Geschichte, der ungeahnte Folgen hatte. Schrittweise endete mit dieser von außen erzwungenen Landesöffnung nicht nur das Bakufu der Togukawa, sondern auch die mehr als 600 Jahre andauernden Feudalherrschaft der Shōgune und die damit verbundene Bedeutungslosigkeit der Tennōs insgesamt.

2.3 Die Meiji-Restauration

Trotz seiner langjährigen und weitreichenden militärischen Erfahrung hätte sich der US-amerikanische Marineoffizier Commodore Perry wohl nie träumen lassen, welche politischen Folgen das Auftauchen seiner aus vier Schiffen bestehenden Flotte für das japanische Inselreich und seine Bevölkerung haben würde. Immerhin war es ursprünglich nur das Ziel seiner Expedition gewesen, die japanischen Häfen für US-amerikanische Schiffe zu öffnen (vgl. Scherrer 2009: 35) Es sollte zwar mitnichten geschlussfolgert werden, dass die Ankunft der „schwarzen Schiffe“ (Derichs/Lukner 2008: 197) allein für das Ende des japanischen Feudalismus verantwortlich gewesen seien; immerhin hatte Japan trotz seiner außenpolitischen Isolation in der Vergangenheit immer wieder, wenn auch nur in begrenztem Maße, Kontakt mit westlichen Mächten gehabt (vgl. ebd.: 36). Doch die erzwungene außenpolitische Öffnung Japans durch die Verträge ab 1854 (vgl. Lachmann 2004: 133) und insbesondere der als Affront verstandene Harris-Vertrag von 1858 stellten den sprichwörtlichen Tropfen dar, der das Fass zum Überlaufen brachte (vgl. Zöllner 2006: 157ff). Das Bakufu , schon seit längerem in der Kritik, verlor an Rückhalt in der Bevölkerung und bei den anderen japanischen Clans. Insbesondere die Samurai der unteren Ränge begehrten auf (vgl. Krebs 2009: 3ff). Sie fürchteten um die Interessen und Zukunft ganz Japans sowie natürlich ihrer eigenen Pfründe (vgl. Kuriki 2007: 25). Seine strikte öffentliche Ablehnung des Harris-Vertrags, gleichwohl ohne tatsächliche innenpolitische Bedeutung ohne die Kompetenz zum Aufhalten dieser, brachte den Jahrhunderte lang bedeutungslosen Tennō neue Sympathien des Volkes und die Unterstützung der rivalisierenden Clanfürsten ein (vgl. Scherrer 2009: 40). Nach und nach vergrößerte und verbesserte sich die Machtbasis des kaiserlichen Hofes, bis der 122. Tennō Mutsuhito ein knappes Jahr nach seiner Inthronisierung am 03.01.1868 verkündete, in Zukunft wieder die politische Macht in seiner Person vereinigen und damit wieder die politische Führungsrolle übernehmen zu wollen (vgl. Zöllner 2006: 178). Der noch offizielle amtierende, aber inzwischen als zu schwach geltende Shōgun war in einer parallel erfolgten Aktion durch kaisertreue rebellierende Fürsten abgesetzt worden (vgl. Scherrer 2009: 40). Im darauf folgenden Boshin-Krieg , dem japanischen Bürgerkrieg, der mehr als 10.000 Menschen das Leben kostete, bemühten sich die Togukawa ein letztes Mal um die Wiederherstellung ihrer alten Macht, scheiterten jedoch kläglich an den kaisertreuen Truppen von Choshu und Satsuma. Mit der Niederlage des Bakufu hatte ein neues japanisches Zeitalter begonnen (vgl. Zöllner 2006: 181ff).

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Details

Seiten
80
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656010166
ISBN (Buch)
9783656010142
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178876
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,0
Schlagworte
traditioneller zeremonienmeister relikt rolle kaisers system japans

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Titel: Traditioneller Zeremonienmeister oder überflüssiges Relikt - Die Rolle des japanischen Kaisers im aktuellen politischen System Japans