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Dialektik der Säkularisierung - Über Vernunft und Religion: Jürgen Habermas / Joseph Ratzinger

Das zeitgenössische Zusammenleben zwischen gläubigen und säkularisierten Staatsbürgern, im Blickfeld von Jürgen Habermas

Seminararbeit 2008 26 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Recht, Vernunft und Selbstbestimmung – Die Basis für einen freiheitlichen, interkulturellen und säkularisierten Staat

2. Das zeitgenössische Zusammenleben zwischen säkularisierten und gläubigen Staatsbürgern, im Blickfeld von Jürgen Habermas
2.1. Leben wir in einer säkularisierten Gesellschaft?
2.1.1. Jürgen Habermas- Eine kontrovers diskutierte Persönlichkeit
2.1.2. „Dialektik der Säkularisierung“
2.1.3. Die Geschichte des Säkularisierungsbewegung
2.1.4. säkular, säkularistisch oder postsäkular?
2.1.5. Von der säkularistischen zur postsäkularen Gesellschaft
2.2. Die Voraussetzungen der Entstehung eines demokratischen Rechtsstaates
2.2.1. Praktische Vernunft: Die Rechtsquelle des säkularen Verfassungsstaates
2.2.2. Das „einigende Band“ der staatsbürgerlichen Solidarität
2.2.3. Die Religion im Zeichen der Säkularisierung
2.2.4. Interkulturelle Zusammenarbeit erwünscht?

3. Interkulturelle Integration- Eine Utopie moderner Gesellschaften?

4. Literaturverzeichnis

1. Recht, Vernunft und Selbstbestimmung – Die Basis für einen freiheitlichen, interkulturellen und säkularisierten Staat

„Der freiheitlich säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots, zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben.“1

Diese Aussage stammt von dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde. Er thematisiert in diesen Sätzen, was es wahrhaftig bedeutet, als Mitglied in einer demokratischen Gemeinschaft zu bestehen und zu leben. Die heutige Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland beruht auf einem Staatssystem, welches seinem Bürger ein Höchstmaß an Freiheit und Selbstbestimmung zugesteht. Es liegt also in der Verantwortung der Bevölkerung diesen scheinbar leeren Raum eigenverantwortlich mit Normen, Werten und Gesetzmäßigkeiten zu füllen. Der Staat selbst verhält sich in diesem Gestaltungsprozess, gegenüber jeglichen Gruppierungen tolerant und vorurteilsfrei. Dies hat zur Folge, dass die liberale Staatsform auf die aktive Beteiligung der Bürger bei der Gestaltung des Regierungssystems, angewiesen ist. Lässt das Volk diese Chance der freiheitlichen Selbstbestimmung jedoch ungenutzt verstreichen, verfällt der Staat in eine Handlungsunfähig- und Machtlosigkeit, gegenüber den politischen Prozessen.

Die Fragestellung, die in diesem Zusammenhang aufgeworfen wird, ist nicht nur die Suche nach den Voraussetzungen der Entstehung des Rechtes und den daraus folgenden Machtinstrumenten, sondern auch die Problematik des zeitgenössischen Umgangs mit religiösen Fragestellungen in einer säkularisierten Gesellschaft. Auch der Prozess, welcher zu der Entstehung eines säkularisierten Staates mit seinen bestimmten Normen und Werten führt, steht in einer kritischen Betrachtung. Die folgende Arbeit beschäftigt sich, auf der Grundlage dieser Überlegungen, mit der Problematik des bestmöglichen Zusammenleben zwischen gläubigen und säkularisierten Bürgern im Hinblick auf die momentan existierende Alltagssituation in der Bundesrepublik Deutschland.

Der Hauptteil dieses Aufsatzes fokussiert sich auf das zeitgenössische Zusammenleben zwischen säkularisierten und gläubigen Staatsbürgern im Blickfeld von Jürgen Habermas.

Im Besonderen werden hier die Fragestellungen, inwiefern wir in einer säkularisierten Gesellschaft leben und welche Voraussetzungen für die Entstehung eines demokratischen Rechtsstaates nötig sind, bearbeitet.

Die Problematik, inwieweit unser heutiges Staatssystem, Elemente einer säkularisierten Gesellschaftsordnung in sich vereinigt, wird zunächst durch eine biographische Betrachtung der Persönlichkeit von Jürgen Habermas und durch eine kurze Abhandlung des Werkes „Dialektik der Säkularisierung“, welches die Grundlage dieser Arbeit darstellt, aufgegriffen.

Nachfolgend liegt die schwerpunktmäßige Betrachtung auf der Geschichte der Säkularisierungsbewegung und der Abgrenzung der Begrifflichkeiten: säkular, säkularistisch und postsäkular, um somit letztendlich das Voranschreiten einer säkularistischen zu einer postsäkularen Gesellschaftsform auf dieser Basis darzustellen zu können. Mit dieser Erörterung ist die Grundlage für die Beantwortung der Fragestellung nach dem Zusammenleben zwischen säkularisierten und gläubigen Staatsbürgern, im Blickfeld von Jürgen Habermas geschaffen.

Um jedoch eine zufriedenstellende Antwort auf diese Problematik zu erhalten, muss zuvor auf die praktische Vernunft, als Rechtsquelle von säkularen Verfassungsstaaten, dem „einigendem“ Band der staatsbürgerlichen Solidarität und der Religion im Zeichen der Säkularisierungsbewegung, detailliert eingegangen werden. Jene Erkenntnisse, im Hinblick auf die Entwicklung des Säkularisierungsgedanken in unseren heutigen, von Demokratie geprägten, Verfassungsstaaten erlauben eine kritische Erörterung und Beurteilung der Fragestellung, inwieweit interkulturelle Zusammenarbeit von den modernen Gesellschaftsordnungen erwünscht bzw. gefördert wird.

Um dieser Thematik gerecht zu werden ist sowohl eine vielschichtige, als auch breit gefächerte Primär- und Sekundärliteratur erforderlich. Im Besonderen findet hier das Werk von Jürgen Habermas: „Glauben und Wissen“, in welchem er das Verhältnis von Religion und Vernunft in einer postsäkularen Gesellschaft beschreibt und sein Gemeinschaftsprojekt mit Joseph Ratzinger: „Dialektik der Säkularisierung“, in welchem er zu den vorpolitischen Grundlagen eines demokratischen Rechtsstaates Stellung bezieht, Beachtung. Diese Primärliteraturangabe wird durch die Schrift von Ernst- Wolfgang Böckenförde: „Recht, Staat, Freiheit - Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte“, in welchem der Autor die Verfassungsgrundsätze moderner Staatssysteme darstellt, vervollkommnet.

Die methodische Grundlage für die Anfertigung dieser Arbeit ist die Textanalyse dieser Schriften. Insbesondere das Werk: „Dialektik der Säkularisierung“ liefert den Ausgangspunkt der nachstehenden Betrachtungen.

Die aufgeführte Sekundärliteratur dient lediglich dem Quellenachweis und stellt eine fächerübergreifende Ergänzung, im Hinblick auf die Bearbeitung der aufgeführten Thematik, dar.

2. Das Zusammenleben zwischen säkularisierten und gläubigen Staatsbürgern

Die Bundesrepublik Deutschland bietet seinen Bundesbürgern zahlreiche und vielfältige Möglichkeiten der Selbstverwirklichung. Die Achtung der im Grundgesetz konkretisierten Menschen- und Bürgerrechte stellt die Grundlage für diesen Prozess dar. Es wird hier jedoch die Fragestellung aufgeworfen, inwiefern besonders die Grundrechte der Handlungs- und Glaubensfreiheit in unserer heutigen modernen, aufgeklärten Gesellschaft ausgelegt und verwirklicht werden. An welchem Punkt befindet sich die Grenze des Individualismus und in welchen Momenten ist das Allgemeinwohl vor dem des Einzelwohl zu setzen?

Die Bundesrepublik Deutschland selbst ist ein Staat, welcher aus einer ethnisch vielfältigen Bevölkerung zusammengesetzt ist.2 Dieser kulturell unterschiedliche Bevölkerungs-hintergrund führt unweigerlich zu Ungleichheiten und Problemkonstellationen zwischen den ethnischen Gruppierungen innerhalb eines Staates. Diese Differenzen zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten können durch die schrittweise Integration und dem chancengleichen Zugang zu Bildungseinrichtungen und dem Arbeitsmarkt abgebaut werden. Insbesondere soziale Nachteile müssen hinsichtlich dieser Chancengleichheit ausgeglichen werden.

Auch mit der Problematik der mangelhaften politischen Beteiligung religiöser Gruppierungen und ihrem Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben müssen sich säkularisierte Gesellschaften auseinandersetzen. Durch Abwesenheit der ethnischen Minderheiten beim politischen Meinungs- und Willensbildungsprozess, ist der Staatsapparat nur unzureichend in der Lage auf die Bedürfnisse und Forderungen fremder Subkulturen einzugehen, um somit ein System der Gleichberechtigung aller Staatsbürger zu erzeugen. Besonders der Umgang und die Gestaltung des Zusammenlebens zwischen gläubigen und säkularisierten Bürgern stellt die heutigen modernen Gesellschaftsformen, wie auch die Bundesrepublik Deutschland, vor schweren Aufgabenstellungen.3

Diese Problematik wird im Folgenden aufgegriffen und es wird versucht diese im Hinblick auf die gegenwärtige Situation heutiger moderner Staatssysteme zu beantworten.

2.1. Leben wir in einer säkularisierten Gesellschaft?

Um dieser Fragestellung gerecht zu werden, muss zunächst eine Definition des Begriffes Säkularisierung und der Merkmale einer säkularisierten Gesellschaft vorgenommen werden, um somit einen Vergleich mit den derzeit geltenden Werte und Normen unserer heutigen modernen Verfassungsordnung durchführen zu können.

2.1.1. Jürgen Habermas- Eine kontrovers diskutierte Persönlichkeit

Die Aussagen und Werke von Jürgen Habermas stellen die Grundlage der folgenden Arbeit dar, demzufolge werden zu Beginn dieser Thematik sein Leben und seine akademische Karriere im Hinblick auf seine wissenschaftlichen Leistungen und Erfolge kurz dargestellt.

Der deutsche Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas wurde am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren. In der Zeit des Nationalsozialismus war Habermas Mitglied im Jungvolk und absolvierte 1943 eine Ausbildung zum Hilfsarzt, um einer späteren Verpflichtung in der Hitlerjugend zu entgehen. Es ist anzumerken, dass diese Erfahrungen im nationalsozialistischen Regime, in dem demokratische Grundlagen verabscheut worden sind, zunächst keinen Einfluss auf das Denken und Schaffen von Jürgen Habermas ausübten.4

Im Jahr 1949 legte er das Abitur in Gummersbach ab und studierte an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn in den Fächern Philosophie, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie.

1954 promovierte er in Bonn mit dem Thema „Das Absolute in der Geschichte: Eine Untersuchung zu Schellings Weltalterphilosophie“. Wenig später im Jahr 1961 habilitierte Habermas in Marburg mit der Schrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“. Auf der Grundlage dieser Arbeit erhielt er kurz darauf eine außerordentliche Professur für Philosophie an der Universität Heidelberg.

In den Jahren 1964 bis 1971 führte er die Professur für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt/Main. Im Jahr 1981 veröffentlichte er sein Hauptwerk "Theorie des kommunikativen Handelns".

In diesem Werk verbindet Habermas die philosophische Analyse mit den Forderungen der modernen Sozialwissenschaften. Kurze Zeit nach der Erscheinung dieser Schrift kehrte Habermas zurück an die Universität in Frankfurt/Main und arbeitete als Professor für Philosophie, mit dem Schwerpunkt Sozial- und Geschichtsphilosophie, bis zu seiner Emeritierung 1994. Bis zum heutigen Tage lebt Jürgen Habermas im bayerischen Starnberg. Sein Wirken und Schaffen brachten ihm zahlreiche nationale, wie den Geschwister- Scholl- Preis, als auch internationale Auszeichnungen, wie den Kyoto- Preis für sein Lebenswerk, ein.5

Trotz dieser großen Anzahl an Ehrungen und Anerkennungen, welche ihm die Bezeichnung „bedeutendster Gegenwartsphilosoph“ einbrachte, erfährt Jürgen Habermas stetige Kritik für sein Wirken und Schaffen sowohl von den konservativ-christlichen, als auch von wirtschaftsliberalen Flügeln. Besonders seine Theorie des deliberativen Demokratieverständnisses stößt in der liberalen Fachwelt auf kritische Beurteilungen.

Im Folgenden werden diese Meinungen und Anmerkungen näher betrachtet. In der deliberativen Demokratietheorie versinnbildlicht der freiheitliche Staatsbürger die Legitimationsquelle jeglichen staatlichen Handelns.6

[...]


1 Böckenförde, Ernst-Wolfgang: Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt am Main 1991, S.92-114.

2 Hradil, Stefan: Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, Wiesbaden 2004, S.79-83.

3 Ebd., S.149-163.

4 Strecker, David/ Schaal, Gary S.: Die politische Theorie der Deliberation: Jürgen Habermas, in: Brodocz, Ande/ Schaal, Gary S.(Hrsg.): Politischen Theorien der Gegenwart II, Opladen 2001, S.90.

5 www.dhm.de/lemo/html/biografien/HabermasJuergen/ (zuletzt abgerufen am 30.8.2008)

6 Strecker, David/ Schaal, Gary S.: Die politische Theorie der Deliberation: Jürgen Habermas, in: Brodocz, Ande/ Schaal, Gary S.(Hrsg.): Politischen Theorien der Gegenwart II, Opladen 2001, S.91.

7 Ebd., S.111.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656009641
ISBN (Buch)
9783656010302
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178844
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Politikwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Interkulturelle Integration Jürgen Habermas Säkularisierung

Autor

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